FFVIII: Aomes Trianirea - Kapitel 9

Der Fall Niida Goodsworth

verfasst von MfLuder

Es gab da mal jemanden, der hieß Niida. Niida war der jüngste Sohn einer reichen Familie namens Goodsworth, die in einer großen herrschaftlichen Villa im kleinen Dorf Winhill gelebt hatte. Niida hatte einen Zwillingsbruder, Xelto, einen zwei Jahre älteren Bruder Niko und schließlich seine große Schwester Skylar. Er war der Sohn des großen Lord Seraphim Goodsworth und seiner Frau Beatrix Goodsworth. Die Goodsworths waren eine Familie, die wusste, wie man zu Geld kam. Unzählige Male wurde am Abend bei Tisch die Geschichte von Urgroßvater Lukas Goodsworth erzählt, der sich aus den ärmlichsten Verhältnissen Dollets dank Gespür für gute Geschäfte und mangelnden Moralvorstellung bis in den Dolletschen Adel hochgearbeitet hatte. Ebenso legendär ist die Geschichte, wie Lukas seinen Namen in Kosemierre geändert hatte, weil ihm Lukas zu banal war. Die extravagante Namensgebung gehörte seitdem zur Familientradition. Niko hatte Kosemierre als Zweitnamen, denn es wurde von ihm nicht weniger erwartet, als die Familienehre zu retten. Seraphim war zwar intelligent und nicht minder unmoralisch als sein Vorfahre, hatte aber bei weitem nicht dessen Geschäftssinn. So hatte Seraphim in erstaunlich kurzer Zeit viel Geld verloren und war gezwungen, das Presseimperium zu verkaufen, um den hohen Lebensstandard der Familie weiter aufrecht zu erhalten.
Trotz dieses peinlichen Umstands wuchs Niida mehr oder weniger fröhlich und unbeschwert heran. Er hatte eine gewisse Bodenständigkeit, die ihn in Winhill sehr beliebt machte und somit trotz seiner schwierigen Familie viele Freunde. Seraphim fand dies immer sehr taktlos, da die Kinder des Dorfes einen weitaus niedrigeren Lebensstandard hatten. Doch er ließ Niida letztlich gewähren, nicht zuletzt deswegen, weil seine Frau ihm sonst gewisse Dienste verwehrt hätte.
Niidas Zwillingsbruder Xelto war nicht minder beliebt, obwohl hinter manchem Vorhang getuschelt wurde, er hätte eine brutale Aura.
Doch ein Ereignis blieb Niida immer im Kopf. Als er sechs Jahre alt gewesen war, hatte er alleine etwas außerhalb der Stadt gespielt. Unten im letzten Haus hatte damals noch der alte Dawson gewohnt. Der Umstand, dass dieser ältere Herr gerne mal für mehrere Monate spurlos verschwand, nur um dann ebenso plötzlich wieder aufzutauchen, hatten natürlich in dem kleinen Dorf zur Folge, dass sich viele Gerüchte um ihn rankten. Man munkelte, er wäre einst Soldat gewesen und als er aus dem Krieg zurückgekommen war, wäre er niemals der Alte gewesen. Er wanderte gerne und wusste viel von anderen Länern. Für die Bewohner von Winhill etwas zuviel. Er betrieb einen kleinen Gemischtwarenladen und jeder Einkauf bei ihm war ein kleines Abenteuer.
Eines Tages sprach er Niida an oder besser gesagt: Er fluchte ihn an, da Niida versehentlich ein Stein durch sein Fenster geworfen hatte. Dawson war nicht erfreut und war schon mit Niida auf dem Weg zur Villa der Goodsworths, um sich bei Niidas Vater zu beschweren, als sich auf einmal sein Wesen änderte. Der mürrische, alte, böse Dawson war verschwunden. Stattdessen war dort ein netter, kinderfreundlicher Mann, der Niida in keinster Weise böse war. Die beiden kehrten um und Niida bekam sogar Süßigkeiten geschenkt. Doch nach einer kurzen Zeit im Laden wurde der alte Dawson wieder schrecklich aggressiv. Er jagte Niida davon, doch dieser erhaschte einen Blick auf eine seltsame Platte, die unter dem Tresen des Ladens lag.
Die Jahre vergingen. Niida wuchs heran. Als er zwölf war, holte ihn die mysteriöse Platte wieder ein. Er hatte das Ereignis nie ganz vergessen können und Dawson seitdem gemieden. Eines Abends saß er alleine auf der Treppe der Villa Goodsworth am Nordende der Stadt, als er etwas Ungewöhnliches sah. Dawson schlich sich in der Nacht davon. Er ging langsam, er hatte etwas dabei. Niida wusste sofort, dass es sich dabei nur um die ominöse Platte handeln konnte. Dawson verschwand lautlos in Richtung des kleinen aber reißenden Baches, der sich in der Nähe des Dorfes befand. Am nächsten Tag saß er mit seinem Bruder Xelto in der Bibliothek und genoss den Privatunterricht seiner Mutter, als ein Schrei von der Straße hereindrang. Ungeachtet, dass die beiden momentan 'Familienkunde' hatten, rannten Niida und Xelto nach draußen. Ein paar Leute standen um die Leiche von Dawson. Er war wohl von der Klippe in den reißenden, aber flachen Bach gefallen und hatte sich dabei den Schädel aufgeschlagen. Eine Steinplatte fand man nicht in seinen Sachen...
Am Nachmittag durften Niida und Xelto unter der Aufsicht ihres Bruders Niko spielen. Natürlich rannten die Jungs sofort zur Unglücksstelle (Niko, der die beiden beobachten sollte, interessierte sich eher für die schöne Uschi aus dem Nachbarshaus). Und dort war sie. Im Wasser lag die Platte. Die Jungs kletterten vorsichtig den kleinen, steilen Abhang hinunter. Die Platte war von Schlamm bedeckt. Niida sah sich die Platte genau an. Auf ihr befanden sich merkwürdige Schriftzeichen. Sie lief an einem Ende spitz zu, am anderen Ende sah es so aus, als wäre sie irgendwo abgebrochen worden. Auf einmal war es Niida, als höre er Stimmen. Stimmen, die ihm ins Ohr flüsterten. Und Niida spürte auf einmal ein Verlangen.
Er wusste nur noch, dass er diese Platte brauchte. Er stieß Xelto beiseite, doch auch dieser verlangte es nach der Platte. Beide fingen an zu streiten, zuerst mit Worten, dann mit Fäusten. In seiner endlosen Wut nahm Niida Xeltos Kopf und schlug mehrmals gegen einen Felsen. Xelto zuckte und dann war er ruhig. Niida fing an zu zittern. Er begriff, dass er seinen Bruder umgebracht hatte. Er schmiss ihn in den Bach. Der Körper seines Zwillings wurde von der Strömung mitgerissen. Auf einmal rief jemand nach ihm. Oben auf der Klippe stand Niko. Niida bedeckte den Stein schnell mit Schlamm und lief zu seinem Bruder.
Niko hatte aus der Ferne alles gesehen. Man diskutierte in der Villa, was man nun mit Niida anstellen solle. Man sah nur eine Lösung. Niida musste weg! Es gab nur eine Gegenstimme, die Niidas Schwester Skylar.
Seraphim setzte sich mit einem Geschäftspartner, einem gewissen Norg, zusammen, der an einem interessanten Projekt beteiligt war. Er war Geldgeber einer Söldnereinheit namens SEED. Schnell war man sich einig. Niida kam zu den SEEDs in den Balamb Garden.
Die Goodsworths zogen weg. Seraphim und seine Frau nahmen ein unglückliches Ende. Seraphim verspielte ihr letztes Geld und erschoss erst seine Frau, dann sich selbst. Ihre Kinder verstreuten sich in alle Richtungen...
Niida war im Balamb Garden glücklich. Er wuchs heran, lernte kämpfen und dank der G.F.s begann er, wie alle anderen Anwender dieser mächtigen Wesen, zu vergessen. Doch manche Sachen vergaß man nie. In seinem tiefsten Inneren blieb immer der Wunsch, den mysteriösen Stein zu suchen und zu besitzen.
Vor fünf Jahren nach der Zeitkompression veränderte sich etwas. Die SEEDs benutzten keine G.F.s mehr und verlorene Erinnerungen brachen langsam hervor. Der Stein begann zu rufen. Niida fühlte es. Das Verlangen wurde von Tag zu Tag immer stärker. Nach vielem Nachdenken und trotz einer eindringlichen Stimme, die ihn davor warnte, brach er eines Tages auf. Er kehrte nach Winhill zurück und rannte förmlich zu dem kleinen Bächlein. Und der Stein war da und wartete auf ihn. Endlich konnte er sein Verlangen beenden und befühlte den Stein und sprach dabei Worte in einer Sprache, die er nicht verstand. Der Stein öffnete sich, ein Licht kam heraus... und Hyne wurde aus seinem Gefängnis befreit. Und zeitgleich wurden die Lacrima des Alphegas, die Artefakte, die den Weg ins Paradies oder in die Hölle ebnen, entsiegelt.
Du möchtest nun sicher die ganze Wahrheit wissen, Squall. Doch dazu ist es jetzt noch zu früh. Diese Wahrheit könntest du nicht tragen. Ich bin Alphega und ich war lange Zeit Hynes Freund und Begleiter. Doch dieser Hyne, den ich kannte, der war anders. Deswegen werde ich auch fortfahren, dich aufzusuchen und dir Rat zu geben, denn vielleicht wird eines Tages durch dich die Wahrheit bekannt werden und du wirst in der Lage sein, die Zukunft zu bekämpfen. Ich werde dich jedoch nun für eine Zeit verlassen. Ich habe dir momentan alles gegeben, was ich kann. Doch bevor ich gehe, noch ein Rat.
Niida ist nun gegangen. Er ist tot und mit ihm geht ein trauriges Leben zu Ende. Doch merke dies eines. Die Quelle aus der Niida kam, ist noch lange nicht versiegt...


"Squall!"
Squall schreckte hoch. Er sah aus dem Fenster hinaus. Draußen war es dunkel.
"Alles klar?"
Squall schaute zur Tür. Er konnte Cifers Umrisse ausmachen.
"Ich hatte nur einen merkwürdigen Traum", antwortete Squall. Er hatte Kopfschmerzen.
Er hatte sich im Waisenhaus hingelegt und versucht, ein wenig Kraft zu sammeln.
"Komm raus, es geht los", sagte Cifer, bereits den Raum verlassend.

Das große Lagerfeuer war die einzige Lichtquelle in der vollkommenen Finsternis. Vor ihnen lagen, eingehüllt in Tüchern, sieben kleine Leichen und eine etwas größere. Squall sah sich um. Alle Anwesenden, sogar Cifer, hatten ihre Köpfe gebeugt. Nur Edea stand aufrecht. Squall konnte ihre zittrige Stimme hören und es klang so, als stände sie kurz davor, loszuweinen. Er bewunderte ihre immense Kraft und war froh, dass er diese Zeremonie nicht durchführen musste. Er wusste, Edea würde die Kinder nach den Traditionen der Hexen bestatten.
"Ihr wurdet aus diesem Leben gerissen. Ihr wurdet eurer Chance beraubt zu leben, zu lieben und zu verändern. Wir, die durch Zufall leben, bleiben trauernd zurück. Wir übergeben euch des heilenden Feuers. Möge es eure Seelen aus euren Körpern befreien. Eure Seelen sollen frei sein, frei von Schmerz, frei von dieser Welt, frei sollen sie ins Sternenlicht reisen, um dort für immer am Ort zu ruhen, wo alles entstanden ist und alles enden wird."
Das Feuer fing an, intensiver zu brennen. Es strahlte eine angenehme Wärme aus. Es war ein warmer und irgendwie gemütlicher Kontrast zu dem kalten Meereswind und trotz der Trauer der Situation fühlte Squall sich in der Nähe des Feuers wohl.
Edea senkte ihren Kopf. Dann schritt sie zur ersten kleinen Leiche. Zu Squalls Überraschung trat Rinoa hervor. Edea sprach in einer fremden alten Sprache:
"Feresion ala ranium eli."
"Renus", antwortete Rinoa.
Beide hielten den in Tüchern eingewickelten Körper über das Feuer. Squall sah zu seinem Erstaunen, dass beiden Frauen die Hitze nichts auszumachen schien. Als der kleine Körper verbrannt war, füllten sie die Asche in einen Krug. Sie verfuhren mit allen Leichen auf die gleiche Weise. Als sie zu Niidas Leiche kamen, zögerte Edea. Sie fing an zu zittern. Rinoa fasste sie beruhigend an der Schulter an. In einer Mischung aus Wut und Trauer sagte Edea zitternd:
"Fere...sion...ala...ra...niu...meli."
"Renus", setzte Rinoa ruhiger dazu.
Am Ende hoben Edea und Rinoa ihre Hand. Das Feuer verließ das Holz und kehrte in die Hände der Frauen zurück.
Dann nahm jeder der Versammelten eine Urne und schritten langsam zu den Ruinen des Leuchtturms, der bei Niidas Amoklauf zerstört worden war, hinauf. Squall trug Niidas Urne. Der Wind begann, ihm um die Ohren zu pfeifen. Er konnte undeutlich das Meer ausmachen. Die Wellen schlugen hoch. Es gab ein Donnern und ein Grollen, doch es fing nicht an zu regnen. Schließlich waren sie an der Spitze. Sie setzten die Urnen sanft auf den Boden. Edea und Rinoa gingen nach vorne bis an den Rand der Klippe. Edea drehte sich um und sprach:
"Wir übergeben die Asche dem Wasser. Feuer und Wasser. Die Gegensätze. Mögen die Toten noch einmal die Intensität des Lebens spüren, bevor sie endlich befreit wurden."
Edea nahm eine Urne nach der anderen und entließ die Asche ins Meer.
Der Wind blies immer stärker. Das Grollen wurde lauter. Die Wellen schlugen höher. Squall kam es so vor, als würden Stimmen in der Luft liegen. Sie sangen. Ein gewaltiger Chor sang mit Hilfe des Windes. Es war ein Trauerlied. Trauer über die vergangenen Ereignisse. Aber es war auch ein Lied der Freiheit. Die Wellen schlugen immer höher. Es donnerte immer lauter. Der Wind wehte stärker. Die Erde bebte. Die Naturgewalten bäumten sich auf. Das Tosen wurde lauter und lauter. Squall fürchtete ertränkt zu werden. Die Wellen stiegen zu einem gewaltigen Crescendo heran. Die Stimmen. Sie sprachen. Sie erzählten. Sie versuchten zu erzählen.
Die Dunkelheit der Nacht wurde durchbrochen durch ein helles Licht. Es war nicht Sonnenlicht. Squall stellte erstaunt fest, dass er durch das Licht nicht geblendet wurde. Er konnte in das Licht sehen. Dann war auf einmal das Tosen der Naturgewalten weg. Nichts. Es war ruhig. Kein Wind. Nichts. Als ob nichts passieren würde. Doch er hörte etwas. Er hörte das Rascheln von Rinoas Stoff. Und ihr Atmen. Er hörte es so laut, als ob er direkt neben ihr stünde. Er sah Rinoas Umrisse vor dem Licht. Etwas kam angeflogen. Rinoa versuchte es zu fangen, doch es entglitt ihr. Squall hörte das Rauschen, als das leichte Ding ihr durch die Finger schlüpfte. Es flog zu Squall. Squall konnte es fangen. Es war eine Feder. Sie war grau. Grau wie Rinoas Haarsträhne. Er schloss seine Hand um sie. Als er sie öffnete, stellte er fest, dass die Feder weg war. Stattdessen war dort eine Blüte. Aber sie war verwelkt. Squall blickte zu Rinoa. Er versuchte, ihr in die Augen zu sehen, doch das Licht schien so stark, dass er nur ihre Umrisse sah. Sie war ein einziger Schatten. Ihr wuchsen auf einmal Flügel. Engelsflügel. Squall kannte diese Silhouette. Doch sie gehörte nicht Rinoa... sie gehörte...
Das nächste woran sich Squall erinnern konnte, war, dass er fast über einen Stein gefallen war. Sie befanden sich auf dem Rückweg zum Waisenhaus.
"Hast du auch dieses Licht gesehen?", fragte Squall leise Cifer.
"Welches Licht?"
Hatte Squall alles nur geträumt? Er blieb stehen, Cifer ging weiter. Edea, die mit Rinoa am Schluss des Zuges gelaufen war, ging vorbei. Beide waren in ein Gespräch vertieft.
"Was war das eben?", fragte Squall Edea.
Edea sah Squall an. Rinoa nicht. Edea schien zu wissen, was Squall bewegte.
"Die Toten haben uns einen letzten Ratschlag gegeben, bevor sie gegangen sind. Jedem einzelnen von uns. Wenn man stirbt, erfährt man die Wahrheit. Und sie haben versucht, uns etwas zu geben, was uns helfen kann, unsere Wahrheit zu finden", sagte Edea.
"Wo kommt man hin, wenn man stirbt? Wo findet man die Wahrheit?", fragte Squall.
"Man findet sie in sich selbst. Zeit und Ort sind relativ, Squall. Für die Toten bedeutet Zeit nichts. Alles auf dieser Welt kann verändert werden. Nur eins nicht. Der Ursprung, die Basis aller Dinge, das, was wir die Wahrheit nennen. Was du gesehen hast, war ein Hinweis auf den Weg, den du beschreiten kannst, nicht den, den du beschreiten musst. Wir treffen jeden Tag Entscheidungen. Und jede dieser Entscheidung verändert das Leben von Millionen anderen. So ist das nun mal. Und manchmal kann uns geholfen werden. Wir sollten aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen."
Edea drehte sich um und ging mit Rinoa fort. Es donnerte. Etwas Nasses fiel auf Squalls Kopf. Regen. Es würde ein Gewitter geben. Squall rannte den anderen zum Waisenhaus nach.

Als Squall am nächsten Morgen das Waisenhaus verließ, blies ihm sofort ein kräftiger Wind entgegen. Es hatte aufgehört zu regnen und die Luft war frisch und ausgewaschen. Trotzdem hatten die Wolken noch die Farbe von einem hässlichen Grau.
Squall konnte Cifers Umrisse auf einem etwas weiter entfernten Damm ausmachen. Da Edea und Rinoa am Strand spazieren gingen und miteinander redeten und Cid das Beratungstreffen der SEEDs vorbereitete, das in wenigen Stunden stattfinden sollte, machte er sich auf dem Weg zum Damm.
Cifer hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Er stand aufrecht und sein zerschlissener Mantel wehte im Wind. Er sah aus wie eine uralte Statue, die wie ein Wächter auf dem Damm stand, um Unheil abzuwenden. Das Rauschen des Meeres wehte Squall entgegen. Als er neben Cifer stand und aufs Meer hinaus blickte, sah er bereits die Umrisse der drei Gardens.
"Drei fette und schwerfällige Bauten", kommentierte Cifer die Aussicht.
"Sie werden wohl in einer Stunde hier sein", antwortete Squall.
Beide schwiegen. Squall dachte an die Ereignisse der letzten Nacht. Es war eine merkwürdige Beerdigung gewesen. Aber sie hatte ihm irgendwie gefallen. Andererseits hatte er nicht viele gesehen, außer, wenn ein gefallener SEED im Garden öffentlich geehrt worden war. Doch diese waren immer unpersönlich gewesen. Und Cifer? Wie viele hatte er wohl gesehen? Auch nicht viel mehr. Ach ja, seine Eltern... Edea hatte erwähnt, dass sie ermordet wurden.
"Das mit deinen Eltern wusste ich nicht."
"Im Gegensatz zu anderen Leuten mache ich meine Trauer nicht öffentlich", antwortete Cifer barsch.
"Sorry..."
"Vergiss es!"
Cifer dachte nach und fuhr fort.
"Es waren eben zwei Idioten, die in Galbadia ihre Klappe nicht halten konnten als Deling alles übernahm. Edea und Cid waren zu der Zeit in Galbadia und haben politische Widerstände organisiert und kannten dadurch sehr gut meine Eltern. So kam's dann."
Die beiden starrten auf das Meer und beobachteten, wie die drei Gardens langsam, aber stetig näher kamen. Die Wellen wurden langsam etwas höher.
"Und was willst du jetzt machen?", fragte Squall.
"Ich weiß nicht. Erst einmal Rai-Jin und Fu-Jin Bescheid sagen. Dann? Keine Ahnung. Ich werde mich sicher nicht zu so einem Handlanger von diesen SEED-Affen machen lassen. Allerdings haben wir hier endlich wieder einen richtigen Feind und irgendwie waren ja die letzten Tage richtig lustig. Mal schauen."
"Wenn du nicht gerade dabei bist, dich totzulachen, kannst du mir ja eine Postkarte schicken", antwortete Squall grinsend.
Zu seiner Überraschung packte Cifer ihn freundschaftlich an der Schulter und drückte sie herzlich. Bevor Squall realisiert hatte, was Cifer getan hatte, war dieser bereits auf dem Rückweg zum Waisenhaus.
Doch dann hörte Squall ein Geräusch. Glocken. Ein Horn. Ein Pfeifen. Der Balamb Garden, der Galbadia Garden und der Trabia Garden haben gegrüßt. Und das Waisenhaus antwortete. Edea, in der Mitte der Ruinen des Leuchtturms stehend, schickte einen prächtigen Feuerschauer in die Luft. Und aus dem Waisenhaus kamen Cid und die Kinder gerannt, für einen Moment ihre Trauer vergessend. Squall schaute zum Strand. Und fand Rinoa, wie sie ihn ansah. Doch sie blickte sofort wieder weg. Squall dachte an Edeas Worte. Er würde bald eine große Entscheidung treffen müssen.

Zwölf Schiffe setzten an Land, vier aus jedem Garden. Heraus traten langsam die SEEDs. Jeder von ihnen trug eine schwarze Uniform als Zeichen der Trauer. Squall entdeckte viele seiner alten Freunde wieder. Neben Xell, Quistis und Irvine sah er erfreulicherweise auch Ellione, die aus einem Schiff des Balamb Gardens gestiegen kam. Nur Selphie konnte sie nirgends entdecken. Verwirrt blickte er zu den Schiffen des Trabia Gardens (ein länglich geformter Garden, der große Ähnlichkeit mit einem überdimensionalen Schiff aufwies) und versuchte Selphie oder ihre markante mädchenhafte Stimme ausfindig zu machen, doch er sah nur ein Heer von schwarzen Uniformträgern.
Ein paar Meter weiter neben ihm stand Cifer, schweigend und beobachtend. Irvine hatte ihm freundlich zu gewunken, aber Xell warf Cifer sich ununterbrochen finstere Blicke zu. Der Ausdruck hingegen auf Quistis' Gesicht war schwer zu lesen. Ein bisschen weiter weg stand Edea flankiert von Rinoa und Cid. Als die ersten SEEDs Edea erreichten und sie begrüßen wollten, fing Edea laut an zu sprechen.
"Ähm, ich würde ganz gerne etwas sagen, bevor wir zur Besprechung gehen. Vor kurzem ist ein SEED gefallen. In jeglicher Hinsicht. Er war ein guter Kämpfer..."
Squall meinte hinter sich ein kleines Schnauben zu vernehmen.
"... und er ist sicher... einmal ein guter Mensch gewesen. Doch Niidas Fall zeigt uns, dass wir nicht nur auf körperliche sondern auch auf geistige Stärke vertrauen müssen. Wir brauchen starke Menschen und nicht starke Kampfmaschinen. Wir sind Menschen und keine Maschinen. Die SEEDs sollten durch ihre menschlichen Qualitäten glänzen und nicht durch ihre beeindruckenden Fähigkeiten im Kampf. Ach ja und Herzlich Willkommen!"
Nachdem das kurze Gelächter abgeflaut war, begann sofort ein Gemurmel als man sich gegenseitig begrüßte. Edea war (schon wieder) in ein intensives Gespräch mit Rinoa vertieft und Cid war dabei Hände zu schütteln.
"Hi Squall."
Squall drehte sich um. Zuerst hatte er die Sprecherin gar nicht erkannt und als er es tat, konnte er nicht glauben, wie sehr sie sich im Gegensatz zu früher verändert hatte.
"Selphie?"
Sie war eindeutig Selphie, sah aber nicht mehr aus wie Selphie. Sie hatte wie die anderen SEEDs eine schwarze Uniform an, die bis zu den Füßen reichte. Ihre Haare waren länger und waren zu einem fast offiziell aussehenden Zopf gebunden worden.
"Wie geht's dir, Squall? Tut mir leid, was passiert ist. Mit Rinoa und den anderen Dingen. Irvine hat mich manchmal über den aktuellen Stand der Dinge informiert."
Squall fiel auf, dass Selphies Stimme ganz anders klang. Vielleicht lag es auch daran, dass sie anscheinend mit Gewalt versuchte, den mädchenhaften Klang zu verbannen.
"Wie hat dir Mutters Ansprache gefallen? Ich denke, die Entscheidung ist richtig und es bestätigt auch all das, woran ich schon immer geglaubt habe. Die SEEDs sollten nicht als blutrünstige Killer fungieren und schon gar nicht sollte man sie als paramilitärische Einheit abstempeln."
Würde diese Frau nicht wie Selphie aussehen und nicht Selphies Stimme benutzen... Squall hätte schwören können, dass er diese Person noch nie in seinem Leben zuvor getroffen hatte. Irgendetwas in ihren Augen sagte ihm, dass sie nicht glücklich war...
"Selphie, ist alles in Ordnung?", fragte Squall vorsichtig.
Jemand tippte ihn von hinten an. Es war Ellione.
"Hi. Oh, ich hoffe, ich störe nicht", sagte Ellione etwas verlegen.
"Nein, ganz und gar... Wo ist sie hin?", fragte Squall verwirrt. Selphie war verschwunden. Er entdeckte sie in der Menge ihrer eigenen SEEDs und schaute nicht zu Squall. Er drehte sich wieder zu Ellione.
"Wie ich sehe, hast du gefunden, wonach du gesucht hast", meinte Ellione leise.
"Mehr oder weniger", erwiderte Squall und schaute zu Rinoa rüber, die immer noch tief in ein Gespräch mit Edea verwickelt war.
"Gib ihr etwas Zeit."
"Ich denke, die hatte sie."
Squall sah Rinoa an und dachte über die Ereignisse der letzten Tage an und wie er sie überhaupt gefunden hatte. In diesem Zusammenhang fiel ihm seine letzte ungewöhnliche Begegnung mit Laguna wieder ein.
"Sag mal, ist dir was Ungewöhnliches an Laguna aufgefallen?"
"Nein, eigentlich nicht. Wieso fragst du?"
Squall überlegte, ob er es Ellione sagen sollte, schüttelte letztlich jedoch nur seinen Kopf.
"Weißt du schon, was du jetzt machen wirst?", fragte Ell.
"Nicht wirklich. Eigentlich... eigentlich habe ich vor, nach Hause zu fahren. Ich habe Rinoa gefunden. Und das war meine Absicht. Ich denke, dass sich viele Fragen nun klären werden. Und ich meine, was gibt es konkret zu untersuchen?"

Hektik war im Postamt von Timber ein Fremdwort. Alles war automatisiert und die paar Angestellten mussten nur schauen, dass auch alles funktionierte. Die einzige Furcht, den die Mitarbeiter kannten, war die vor ihrem Vorgesetzten, den stellvertretenden Assistenten des Direktors, Seymour Skinner. Egal wie sehr man vortäuschte zu arbeiten, Skinners scharfe Augen sahen alles.
Einer der Arbeiter hatte sich genug gefürchtet und machte Anstalten zu gehen.
"Wo willste hin, Firion?", fragte Maria.
"Ob ich hier schlafe oder zu Hause ist doch egal. Komm doch mit, Maria. Ich hab da ein sehr weiches Bett", antwortete Firion mit einer Stimme, von der er hoffte, dass sie scharf klingen würde.
"Klingt verlockend, aber ich bleibe lieber hier und verdiene meine 50 Gil Tageslohn", antwortete Maria kühl aber grinsend.
"Geld regiert die Welt. Ich glaube, das ist das Tragische an unserer Beziehung", entgegnete Firion mit einer halb gespielten Tragik.
"Ich könnte ja zu dir nach Hause kommen. Ich hätte nix gegen ein warmes Bett einzuwenden", mischte sich Gus ein, der die Monitore 'überwachte', auf denen die Ergebnisse der Waffenscanner angezeigt wurden.
Firion warf ihm ein Handkuss zu und verschwand durch Tür 23.
"Soll ich uns einen Chocsaft holen?", fragte Maria Gus. Gus nickte als... Ein Piepen.
"Was ist das für ein Geräusch?", fragte Gus komplett durcheinander.
"Irgendwas stimmt nicht. Da! Ein Päckchen. Die Scanner können nicht erkennen, was es ist. Der Inhalt hat eine seltsame Form... Fast wie eine Platte", sagte Maria.
"Wenn wir es aufmachen, wissen wir mehr", meinte Gus und nahm das Päckchen vom Fließband und schaute auf die Beschriftung.
"Hmm. Ziemlich schwer. Kein Absender. Aber es soll nach Deling City. An die DEFTAA", sagte Gus nachdenklich.
"Diese Agentur, die sich mit Artefakten beschäftigt?", fragte Maria. Gus wollte das Päckchen gerade öffnen...
"Gibt es ein Problem?"
Skinner war dazugekommen. Sie schilderten ihm die Situation.
"Machen sie sich nicht lächerlich. Das war ein Instrumentenfehler", fauchte Skinner sie an.
"Aber..."
"Ihre Berichte werden diese Fakten wiedergeben. Verstanden?"
"Ja, aber..."
"Gut", polterte Skinner, setzte das Päckchen zurück auf das Fließband und verschwand.
Gus und Maria sahen nachdenklich zu, wie das Päckchen in der großen schwarzen Öffnung verschwand.
Zurück in seinem Büro schrieb der Direktor hastig eine Nachricht.

An die Schwarze Königin und den Schwarzen Prinzen,

Päckchen wurde abgeschickt und ist auf dem Weg. Keine besonderen Vorkomnisse. Alles verläuft nach Plan.

Mitglied-Nr.668
(Schwarzer Bauer)

PS: Lang lebe Hyne!


Cid und die Kinder hatten das Innere des Waisenhauses relativ gemütlich hergerichtet. Es waren Kerzen angezündet worden, die Licht in der Dunkelheit spendeten und es gab sogar Kuchen. Allerdings hatte momentan niemand so wirklich Appetit.
Die Anwesenden setzten sich in der Empfangshalle in einen Kreis. Auch die Kinder des Waisenhauses waren anwesend und hatten sich um Edea (wie üblich flankiert von Rinoa) gesetzt. Squall erkannte Nimbley wieder, doch dieser war ganz auf seine Füße konzentriert. Cid stand auf und begrüßte die Anwesenden mit ein paar gewählten diplomatischen Worten und erklärte den Rat für eröffnet. Man wolle jeden informationstechnisch auf den gleichen Stand bringen und dann das weitere Vorgehen besprechen. Als erster trug Irvine die Ergebnisse seiner Nachforschungen über die Monsterherde vor.
"Wie vielleicht einige von euch wissen, hat vor ein paar Tagen eine Monsterherde Dollet angegriffen. Wir haben den Ursprung mehr oder weniger herausgefunden. Diese Monster sind von einer Insel losgezogen, die weit westlich von Galbadia liegt, genau westlich von Winhill. Im Laufe der Zeit haben sich dann immer mehr Monster angeschlossen. Warum sie so koordiniert angegriffen haben, weiß ich nicht. Interessanterweise könnte es sich aber dabei auch um gar keinen Angriff gehandelt haben. Ein paar versprenkelte Monster, die wir nicht bekommen haben, sind friedlich weiter nach Osten übers Meer geschwommen. Wir mussten sie töten, weil sie drohten Balamb zu überrennen. War ganz schön haarig."
Bei dem Namen 'Balamb' zuckte Squall zusammen und er war nicht der einzige. Viele SEEDs vom Balamb Garden tauschten finstere Blicke aus.
Jemand mobilisierte Monster im Osten. Aber warum? Auf einmal blickte er auf. Jeder in dem Raum starrte ihn an. Hatte er etwas verpasst?
"Squall, würden Sie vielleicht weitermachen", fragte Cid in einem Tonfall, der Squall verriet, dass diese Frage schon einmal gestellt wurde.
Squall warf einen Blick auf Cifer, der angelehnt an der Wand stand und ihn ironisch angrinste, und trat vor die Menge. Squall war noch nie ein guter Redner gewesen und konnte auch früher in den theoretischen SEED-Seminaren schlecht Dinge formulieren.
Doch er stellte fest, dass es ganz passabel ging, als er erst einmal angefangen hatte. Er versuchte, die Ereignisse der letzten Tage trocken wie einen Paragraphen herunterzurattern aber immer wieder schossen ihm Gefühle und Bilder durch den Kopf. Er beschränkte sich auf die Fakten und ließ Dinge, die ihn privat angingen weitgehend raus. Er war froh, als er sich wieder hinsetzen konnte. Er wollte Rinoa ein Blick zuwerfen, doch sie flüsterte gerade Edea etwas ins Ohr.
"Prokylta hat Hynes Rückkehr in mehrere Phasen unterteilt. Und wir sind wohl grad in Phase 2", setzte er etwas lauter hinzu.
"Und was fehlt zu Phase 3?", fragte ein SEED, dessen Name Squall nicht kannte.
"Die Lacrima des Alphegas. Wir besitzen zwei. Einer, der aus dem Hexenmausoleum, befindet sich in Esthar bei Professor Odyne. Dann haben wir zumindest einen Teil von dem Dollet Stein. Er wurde zerbrochen aus ungeklärter Ursache."
Rinoa stand auf und trat in die Mitte. Squall sah sie zum ersten Mal wieder von nahen seit dem kurzen Moment auf dem Blumenfeld. Sie war schön aber müde in ihren schwarzen Sachen und mit ihrer grauen Haarsträhne.
"Er ist im Kampf zerbrochen. Der Stein war in Besitz eines Barbesitzers. Wir hatten eine kleine... Meinungsverschiedenheit und der Stein ist auf dem Boden zersprungen. Ich hatte einen kleinen Splitter retten können. Der Barkeeper hat einen seiner großen Splitter weggeschmissen und einen behalten."
Rinoa zog ihre Kette aus. An ihr baumelte ein kleiner Splitter.
"Du hast meinen Griever-Ring abgemacht wie ich sehe", fuhr es Squall heraus.
Rinoa drehte sich zu ihm um und sah ihn an. Ihr Blick war schwer zu lesen. Es war nun totenstill im Raum. Man konnte die Spannung zwischen den beiden förmlich spüren. Squall war erleichtert, als er Cifers aufgesetzt gelangweilte Stimme hörte.
"Hier ist zumindest Nummer 2."
Er zog aus seinem Mantel den wesentlich größeren zweiten Splitter und trat in die Mitte. Als die beiden Splitter sich näher kamen, fingen sie an zu leuchten.
"Und was ist mit Nummer 3?", wollte Cid wissen.
"Ich wollte den Müllcontainer durchforsten, doch so ein schwarz gekleideter Typ ist mir zuvorgekommen", antwortete Rinoa.
"Der gehört zu Prokylta", warf Squall ein.
"Also, der Stand ist so. Wir haben 2 1/3 Steine und Prokylta hat das restliche Drittel und den Galbadia Stein, den Squall ihr im Gegenzug für mein Leben gegeben hat", fuhr Cifer fort.
Squall dachte an die Nacht in der Oper und an sein erstes Treffen mit Prokylta und an das Telefonat mit Rinoa. Rinoa redete weiter.
"Weder Prokylta noch Hyne wussten, wo ich mich befand. Hyne war an Niida und deswegen an die menschlichen Grenzen gebunden. Niida kämpfte einen inneren Kampf gegen Hyne und war somit nicht von Prokylta zu kontrollieren. Beide wussten, dass Squall und Cifer wohl diejenigen wären, die mich am ehesten finden würden. Doch ich war nicht vorsichtig genug. Ich versuchte Squall zu sagen, er solle mir nicht mehr folgen, doch er ließ sich nicht von seiner Suche abbringen..."
"Weil du mir nix gesagt hast!", sagte Squall hitzig.
"Hey, nicht streiten", warf Irvine beschwichtigend ein.
"Was sollte Hyne denn von dir wollen?", fragte Quistis.
"Keine Ahnung", sagte Rinoa, doch Squall wusste sofort, dass sie log. Er kannte sie gut genug. Hier war also der Grund für ihr Verschwinden. Sie floh vor Hyne. Nur warum? Hatte sie auch eine Vision wie Ellione gehabt?
"Wie ist das eigentlich mit den Hexen. Wie wird man zu einer Hexe? Man muss doch die Kraft vererbt bekommen. Und du Rinoa...", fragte Squall.
"Ich habe meine bekommen, als meine Mutter starb. Sie war eine Hexe", antwortete Rinoa knapp. Nun stand Edea auf. Es wurde totenstill.
"Es heißt, die Hexenessenz stammt direkt von Hyne. Er gab es den Hexen mit dem Auftrag diese Kräfte einzusetzen. Diese Kräfte würden dann im Laufe der Zeit reifen. Die Hexen vererben ihre Kräfte immer weiter, so dass sie immer vollkommener werden. Wir bekommen somit auch Gefühle aus der Vergangenheit. Die Kräfte an sich sind neutral und unpersönlich, doch mit jeder Hexe und jedem Leben werden sie reifer und persönlicher. Es ist eine Symbiose zwischen uns. Sie verändern uns und wir verändern sie.
Ein paar Wissenschaftler hatten dann begonnen, diese Kräfte zu erforschen, was den Anfang der Magieforschung darstellte. Obwohl heute jeder komplizierte Zauber anwenden kann, sind die Hexenmagien immer noch die reinsten."
"Kann theoretisch jeder zu einer Hexe werden?", fragte Squall.
"Nein, obwohl jedem Menschen diese Kräfte vererbt werden können. Doch ein normaler Mensch würde diese Kraft erschlagen. Nur Frauen, die dieser Macht gewachsen sind, so genannte Adeptinnen, sind in der Lage mit dieser Macht umzugehen. Es gab einige Hexen, die bewusst ihre Macht an normale Menschen weitergegeben haben. Diese waren nicht in der Lage mit der Macht umzugehen. Sie verstümmelten sie grausam und machten sie letztendlich zu Monstern."
Edea setzte sich. Rinoa gab den anderen zehn Sekunden Zeit, dies zu verdauen, bevor sie fortfuhr.
"Ich habe Prokylta nur einmal getroffen. Sie hatte mich mit ihrer Sekte aufgespürt, doch ich konnte leicht verletzt entkommen. Sie ist stark, klug und hinterhältig. Und sie verfügt über gewaltige Kräfte. Da Hyne noch keinen neuen Körper hat, sollte sie unser Hauptfeind sein. Wir sollten versuchen, diese Kugeln vor ihr zu finden."
"Könnte ich vielleicht diese beiden Splitter mitnehmen? Professor Odyne könnte somit vielleicht mehr über sie herausfinden", meinte Ellione. Cifer gab Ellione seinen Splitter, doch Rinoa zögerte.
"Ich würde diesen momentan gerne behalten, wenn du nichts dagegen hättest", sagte Rinoa.
Ellione nickte.
"Obwohl ich keine vollendete Hexe bin, habe sogar ich Hynes Ankunft gespürt. In Esthar wurde ich ohnmächtig. Ich habe gespürt, wie das Universum an mir vorbeigezogen ist, eine Magie mich üerwältigt hatte...
Squalls Magen zog sich zusammen. Er kannte das Gefühl. So war ihm, als er von Zed angeschossen wurde und zum ersten Mal Alphega getroffen hatte.
"...und ich sah auf einmal Bilder. Ich sah das Waisenhaus... Ich habe den Tod dieser Kinder gesehen. Und ich habe dich gesehen, Squall. Verstehst du, warum ich es dir nicht sagen konnte? Ich habe Edea kontaktiert. Wir waren uns einig, dass wir dich ablenken mussten. Es... tut mir leid. Was ich gesehen habe, war etwas, was manche mächtige Hexen in Ansätzen beim meditieren sehen."
Squall dachte nach. Der Weltraum. Irgendwie zog es ihn an diesen Ort zurück. Bei seiner Reise zu Alphega. Dann die Signale aus dem Weltraum, die 'SL' buchstabiert hatten, kurz bevor er angeschossen wurde...

"Sie sind der Schlüssel, Squall."

Zeds Worte schwirrten in seinem Kopf herum. Er wollte nicht 'der Schlüssel' sein. Er wollte einfach nach Hause und seine wohlverdiente Ruhe haben. Als er wieder hinhörte, redete Cid wieder, der vorschlug, eine Pause einzulegen. Der Vorschlag wurde begeistert angenommen.
Nimbley fasste die ganze Sitzung, wie Squall fand, am besten zusammen:
"Mann, das ist alles ganz schön kompliziert."

Die meisten Leute blieben drinnen, um sich ausführlich zu unterhalten und doch etwas von Cids selbstgebackenen Kuchen zu essen (seltsamerweise ebbte der Ansturm ganz schnell ab), doch Squall hielt es drinnen nicht länger mehr aus und flüchtete nach draußen. Er war nicht überrascht, als er Cifer sah.
"Gehst du?", fragte Squall.
"Ja und wenn du abhauen willst, solltest du das auch tun. Ich wette mit dir um 300 Gil, dass nach der Versammlung eine blödsinnige 'Abwarten und Gizar-Kraut essen'-Taktik entworfen wird. Du wirst gar nicht so schnell gucken, da haben dich diese Typen für ihren Privatkrieg eingespannt. Das ist doch eine Bande von Schwätzern! Wie sollen die denn gegen Prokylta bestehen? Wollen die vielleicht mit Steinchen werfen? Der Fliegenschiss hat mal wieder nix kapiert. Vermutlich muss der erst einmal nachfragen, bevor er Prokylta überhaupt angreift, damit er nicht die falsche Frau verprügelt."
"Soll ich dich mit der Ragnarok mitnehmen?", fragte Squall.
"Machst du Witze? Ich und fliegen, wenn es nicht sein musst? Ein richtiger Mann und Kämpfer wartet nicht, bis die Herausforderungen kommen, sondern sucht sie! Außerdem musst du noch mit Rinoa reden. Ihr habt euch wirklich wunderbar angegiftet. Ich wünsche euch noch viele fröhliche Jahre."
"Tja, dann ist das wohl der Abschied", sagte Squall.
"Werd jetzt bloß nicht sentimental auf deine alten Tage, Squall. Das steht dir nicht."
"Das sagt der Richtige! Nun gut lass es mich so ausdrücken. Du warst und bist ein Arschloch, aber wenigsten vergisst du das mal, wenn es hart auf hart kommt", sagte Squall.
Cifer sah ihn für eine Weile an und fing dann an zu grinsen. Squall grinste zurück. Dann gaben sie sich die Hand.
"Ich glaub, ich werde mir eines von DIESEN da nehmen", sagte Cifer sorglos und schritt auf die festgebundenen und unbewachten SEED Boote zu.
"Du weißt, dass diese Boote Xells Eigentum sind?", fragte Squall beiläufig.
Cifer schwang sich in eines der Boote.
"Der Fliegenschiss denkt auch an alles. Der Schlüssel steckt, der Tank ist voll und die Minibar gefüllt. Na dann los!"
Cifer spielte am Gaspedal rum und das Boot gab laute Geräusche von sich. Er gab Gas. Das Boot fuhr los, blieb jedoch an den Tauen hängen. Cifer gab mehr Gas... und die Taue rissen.
"HEY, BLEIB STEHEN, DU ARSCH!"
Etwas schoss an Squall vorbei. Xell war raus gelaufen und ballte drohend die Fäuste, konnte jedoch Cifer nicht mehr erreichen.
"Suchst du Mücken, Xell?", fragte Cifer lachend, gab Vollgas und war in binnen von Sekunden verschwunden.
"WAS DENKT DER TYP EIGENTLICH, WER ICH BIN?!!!", schrie Xell.
Jemand klopfte Xell beruhigend auf die Schulter. Jemand, der mit Xell zusammen rausgekommen war. Xell nickte Rinoa zu und ging wieder ins Haus. Sie hatte ihre schwarzen Sachen an und ihr Haar war nach hinten zusammengebunden. An ihrem Gürtel hing ihr Schwert.
"Was ist das eigentlich für ein Schwert?", fragte Squall. Rinoa blickte ihn an, als hätte sie erst eben bemerkt, dass er auch da war.
"Es heißt Murasame und ist eines von drei Teilen eines alten Schwertes", antwortete sie kurz.
Squall wusste, dass für Rinoa das Thema geschlossen war.
"Also gehen wir?", fragte Squall und grinste über ihr verwirrtes Gesicht.
"Wohin?"
"Nach Hause."
"Nach Hause? Du willst doch jetzt... hey warte, Squall! Squall, wirst du wohl stehen bleiben!? Hey!"
Rinoa fing an, Squall zu folgen, der keine Anstalten machte anzuhalten.
"Bleib stehen! Squall! Geh nicht diese Rampe hoch! Komm wieder aus diesem Schiff raus! VERDAMMT SQUALL!", rief Rinoa, als sie Squall in die Ragnarok folgte. Squall drückte den 'Rampe-Schliessen'-Knopf und ging ins Cockpit.
"Squall, wir werden doch jetzt wohl nicht wirklich fliegen. Das ist doch nur ein Witz, oder?"
Squall drückte auf ein paar Knöpfe. Der Motor der Ragnarok startete.
"Hinsetzen und anschnallen Schätzchen, wir starten. Nächstes Ziel: Balamb."
"Schätzchen??????"
Squall drehte sich um und sah Rinoa mit einem entwaffnen Grinsen an.
"Sie wollen doch wohl etwa nicht wieder aussteigen, oder?"
Rinoa Gesichtsausdruck zeigte ihm, dass sie genau das eigentlich vorhatte. Allerdings setzte sie sich nach ein paar Sekunden grummelnd in den Sitz des Copiloten.
"Ok, nächstes Ziel Balamb aber mit Zwischenhalt in Dollet!", knurrte Rinoa.
Die vielen Leute, die unter ihnen ihre Namen riefen, hörten Squall und Rinoa nicht mehr, da der Motor die Ragnarok sehr laut sein konnte, wenn sie an Geschwindigkeit aufnahm.

Hotelzimmer 504 sah immer noch genauso aus, wie Squall es zurückgelassen hatte. Als er das Zimmer betrat, wünschte er sich sofort, dass dieses Mal das letzte sein würde. Die Luft war noch abgestanden und getrocknetes Blut klebte noch an der Wand. Kreideumrisse zeigten an, wo Sherry noch vor kurzem gelegen hatte.
"Äh, Rinoa, das Tagebuch ist vermutlich weg."
"Ich hatte es versteckt. Ich bin euch von Galbadia zum Waisenhaus gefolgt und dann weiter nach Dollet. Ich wollte es noch schnell verstecken, bevor ich mich endgültig in Edeas Hände begebe."
"Warum?"
"Da sind ein paar wichtige Informationen drin und falls ich sterben sollte, hätten meine Mörder wenigstens das Buch nicht bekommen."
"Und was steht da drin?"
"Neben vielen privaten Sachen auch Aufzeichnungen über den Weg der Hexen. Eventuell könnten die uns im Kampf gegen Hyne nützlich sein."
"Rinoa, du solltest dich jetzt wirklich nicht irgendwelchem Stress aussetzen. Du solltest nichts tun, was deiner Schwangerschaft schaden könnte."
Rinoa hob die Matratze hoch. Unter ihr lag das Tagebuch. Rinoa steckte es ein, legte die Matratze wieder zurück und setzte sich auf Bett. Squall setzte sich auf einen Stuhl. Sie sah ihn ernst an. Als Squall sie ansah, vergaß er sofort den Raum, in dem er sich befand. Er vergaß alles.
"Squall, ich hatte es erst selbst seit ein paar Tagen gewusst. Nur hatten wir gerade unser Gespräch über das Familie gründen und ich war mir selbst nicht sicher, ob ich das Baby behalten wollte."
Squall schluckte. Daran hatte er noch gar nicht gedacht.
"Und? Willst du's behalten?"
"Ja, jetzt auf alle Fälle", antwortete Rinoa.
Beide saßen für eine Weile da ohne etwas zu sagen. Rinoa schaltete das Radio an. Eine sympathische weibliche Stimme kam aus dem Lautsprecher.
"Und hier ist wieder Oldie-Time. Mein Name ist Skylar Goodsworth und hier ist eine meiner absoluten Lieblingstitel: 'Eyes On Me', der einzige Hit von der leider viel zu früh verstorbenen Julia Heartilly..."
Die beiden hörten ein paar Takte der Musik.
"Wusstest du, dass das Lied von meiner Mutter ist?", fragte Rinoa. Squall nickte. Rinoa fuhr fort: "Sie hatte es für einen Soldaten geschrieben, der in den Krieg gezogen ist..."
"Ja, Laguna. Ich habe Julia gesehen, als uns Ellione vor fünf Jahren immer wieder in seine Zeit geschickt hat."
"Für Laguna? Meine Mutter kannte Laguna?", fragte Rinoa.
Squall musste lächeln. Warum fällt einem nur so etwas immer erst viel später auf?
Rinoa erzählte weiter.
"Sie hatte dieses Lied zum ersten Mal in einem Militärlager gesungen. Nicht weil sie sich politisch vereinnahmen ließ, sie war genauso gegen das Regime wie ich, nein, sie wollte den Soldaten mit ihrem Lied Mut machen. Und sie hatte wohl auch die Hoffnung, dass eine der Laguna sei und dass sie sich so wiedersehen. Getroffen hat sie zumindest da meinen Vater. Er war Major und er hat mir später erzählt, dass meine Mutter ihm oft erzählt hätte, er erinnere sie an den Soldaten, den sie einst liebte."
Squall hob die Augenbrauen.
"Laguna und Carway und ähnlich?"
"Es war an dem Abend vielleicht sehr dunkel", sagte Rinoa.
Beide mussten kurz lachen.
"Ich habe an diesen Raum so viele Erinnerungen", sagte Rinoa nach einer kurzen Pause nachdenklich.
"Ja ich auch", antwortete Squall.
Ihre Blicke trafen sich erneut. Squall konnte in ihrem Blick sehen, dass auch sie eine lange Reise durchgemacht hatte. Auch sie hatte viel gelitten. Schließlich stellte Squall Rinoa die eine Frage...
"Warum bist du einfach gegangen ohne mir etwas zu sagen?"
"Weil ich dich liebe."

Es war dunkel. Die letzten Streifen Tageslicht verschwanden hinter dem Horizont. Die Ragnarok stand still wie ein Denkmal ein paar hundert Meter vor Balamb. Squall schloss die Augen und ließ den Wind an sich vorbeiziehen. Er atmete tief ein und roch die Gerüche der Natur, die Gerüche der Heimat. Squall öffnete die Augen und blickte zu Rinoa rüber. Und da stand, wie er sie kennen gelernt hatte. Offen und ehrlich. Sie hatte einen sehnsüchtigen Blick in ihren Augen. Auch sie wollte nach Hause. Doch dann bemerkte sie Squalls Blick und ihr Gesicht veränderte sich und da war wieder die Rinoa der letzten Tage. Verschlossen und gezeichnet. Rinoa ging in Richtung Stadt. Squall gab ihr drei Schritte als Vorsprung und folgte ihr dann leise und unaufdringlich...

Balamb sah genauso aus, wie Squall es verlassen hatte. Es scheint, dass diese Kleinstadt absolut nichts von den Problemen der Umwelt mitbekommen hatte. Bei den Dinchts brannte zwar noch Licht, aber Squall und Rinoa klopften nicht. Beide waren zu erschöpft und zu müde.
Squall holte aus den Tiefen seiner Tasche einen Gegenstand hervor. Der Schlüssel zu ihrem zu Hause. Er machte die Tür auf. Ein vertrauter Geruch kam ihm entgegen. Es war der Geruch des Nachhausekommens. Hinter ihm schloss Rinoa die Tür und machte Licht an. Alles sah wie immer aus und Squall fühlte sich plötzlich als wären er und Rinoa gerade von einem abendlichen Spaziergang zurückgekehrt und die grauenhaften Ereignisse der letzten Tage wären nicht passiert. Was kümmerte ihn Hyne und Prokylta? Die waren so weit weg. Er war zu Hause.

Rinoa hatte sich auf den Balkon gesetzt und betrachtete das Meer. Als Squall dazukam und sie sitzen sah, dachte er unwillkürlich an ihr letztes Gespräch, bevor sie verschwunden war.
"Geht es dir gut?", fragte er sie.
"Ja, ich muss mich bloß... erst wieder einleben", antwortete sie.
"Äh, ich hab hier was für dich?"
"Was, ein merkwürdiges, eventuell außerirdisches Artefakt?", fragte Rinoa zurück.
"Sogar zwei und ich hab Ringe daraus machen lassen", antwortete Squall grinsend und öffnete eine kleine Box.
"Ich hatte die vor unserem letzten Abend gekauft."
"Und was ist, wenn ich nein gesagt hätte?", fragte Rinoa lächelnd.
"Dann hätte ich die vermutlich ins Meer versenkt."
"Da ist ja Griever drauf. Das weicht aber vom Standard ab, Herr Leonhart."
"Na ja, ich würde sagen, unser ganzes Leben weicht vom Standart ab, Frau Leonhart."
Rinoa sah sich den Ring an und steckte ihn ein. Bald darauf gingen beide zu Bett. Als Squall das weiche Bett fühlte und langsam einschlief, fühlte er sich so wohl, wie lange nicht mehr...

Ich will schlafen. Ich will vergessen... Er ist uns gefolgt. Von Anfang an, ist er uns gefolgt. Wo habe ich ihn zum ersten Mal gesehen? Bei Prokylta? Nein. Davor, davor. Er stand auf dem Dach, er hat mir den Brief gegeben. Nein... Er... stand vor dem Wald, als wir vom Waisenhaus aufgebrochen sind. Er hat uns beobachtet. Er ist uns gefolgt. Bis nach Dollet. Er hat Günther angegriffen. Er hat Sherry angegriffen. Und er hat Hynes Essenz aufgefangen. Er stand wieder vor dem Wald, als Hyne die Kinder umgebracht hat. Und er... er hat die Steinplatte. Die Steinplatte, wo Hyne eingesperrt war. Wo ist denn das? Das ist in einer Höhle. Ist das nicht? Fu-Jin? Ist sie tot? Wo steht er jetzt? Ist das eine unterirdische Halle? Ist das Winhill? Ja, das ist die Villa von den Goodsworths. Nein, da steht er nicht, da wird er stehen. Wo ist er denn jetzt? Ich sehe ihn. Er ist, er ist... er ist in Balamb... in unserem Haus. Er steht an meinem Bett. Er hat ein Schwert. Er will mich umbringen! AUFWACHEN!

Squall schmiss sich zur Seite. Er hörte, wie neben ihm ein Schwert in das Kissen stach, wo er gerade noch gelegen hatte. Squall rollte sich aus dem Bett und kam unsanft auf dem harten Boden auf. Er öffnete die Augen. Er sah die Umrisse des schwarzen Mannes mit seinem unheimlichen Helm! Und das fahle Leuchten seiner Gunblade. Er atmete schwer. Er hob sein Schwert... Er würde Squall umbringen. Er musste was tun... Seine Beine... Treten! Squall trat dem Mann zwischen die Beine. Der Mann heulte auf und verschwand aus Squalls Sichtfeld. Da... da waren andere Männer. Squall erkannte im Mondschein ihre Roben.
"RINOA, AUFWACHEN, DIE SEKTE IST HIER!"
Squall setzte sich hin. Ein Mann beugte sich über Rinoa. Aus dem Gewühle von Bettwäsche kam ihm eine Faust entgegen.
"Was hast du gesagt, Squall?"
Rinoas Kopf erschien.
"Tötet ihn!", brüllte der mysteriöse Mann.
Der Mann, den Rinoa niedergeschlagen hatte, war wieder aufgestanden. Squall sah sich um. Im Zimmer befanden sich zwei weitere Männer. Die Drei sammelten sich an der Tür. In ihrer Hand befanden sich Messer.
Squall sah Rinoa an. Rinoa sah Squall an. Beide nickten. Dann schnappten sich jeder von ihnen verschiedene Haushaltsgeräte und gingen auf die Männer los. Squall, furchtlos bewaffnet mit einem Lockenwickler (ein Geschenk von Xell) und einem Wanderstock, prügelte auf die rechten zwei Typen ein. Rinoa schnappte sich einen Stuhl und rannte zum Schrank. Sie machte ihn auf und tauchte in die Fluten von gebügelter Unterwäsche und erschien mit ihrem Murasame und Squalls Gunblade und warf Squall sein Schwert zu. Die drei Männer sahen die Schwerter und flohen sofort.
"Hinterher!", brüllte Rinoa.
Squall folgte ihnen, hinter ihm Rinoa. Es roch nach Verbranntem. Als er die Tür zum Eingangsraum machte, schlug ihm eine gewaltige Hitze entgegen. Feuer! Die Typen hatten Feuer im Empfangzimmer gelegt. Squall sah durch die Flammen undeutlich die Eingangstür. Sie würden da niemals herauskommen.
"Zum Balkon", rief Squall.
Die Beiden rannten zurück in ihr Schlafzimmer und zum Balkon. Squall trat auf den Balkon und für einen Sekunde blieb er stehen, um zu realisieren, wer unter ihrem Balkon stand. Fünf Personen. Personen von Aomes Trianirea. Mit Gewehren. Die auf ihn gerichtet sind. Schnellfeuergewehre.
Squall warf sich zurück. Über ihn pfiffen die Kugeln vorbei.
"Scheiße, hier kommen wir nicht raus."
"Das Fenster! In der Vorratskammer. Das zu Frau Dincht führt. Das ist nur ein kleiner Sprung", rief Rinoa.
Beide krabbelten in die Vorratskammer. Vor Squall türmte sich Dosenessen auf.
"Hier ist ein Fenster?", fragte Squall ungläubig.
"Ja ja, hinter den Dosen", bestätigte Rinoa, bereits Dosen wegschaufelnd.
"Moment mal, wir haben Dosenessen gegessen?", fragte Squall geschockt.
"Du hast den Unterschied doch gar nicht gemerkt", entgegnete Rinoa und warf achtlos eine Fischkonserve hinter sich, die Squall traf. Tatsächlich, da war ein Fenster.
Rinoa öffnete das Fenster.
"Frau Dincht!", brüllte sie. Die Hitze lag Squall im Rücken. Das Feuer breitete sich rasch aus.
Das Fenster der Dinchts blieb dunkel. Rinoa warf einen eingelegten Fisch an das Fenster. Ein Bruchteil einer Sekunde, nachdem der Fisch an das Fenster geklatscht war, wurde jenes geöffnet und eine müde Frau erschien.
"Was is'n los?", murmelte Frau Dincht.
"Wir müssen da jetzt rein!", brüllte Rinoa und sprang von ihrem kleinen Fenster in das Fenster der Dinchts. Squall sprang auch, doch jemand hielt ihn am Fuß fest. Er konnte gerade noch den Fenstersims des Dincht-Hauses packen. Er drehte sich um. Ein Sektenmitglied hielt ihn am Fuß fest.
"Squall, halt durch", rief Rinoa und zog an Squalls Händen. Squall fühlte sich wunderbar. Jeder wollte ihn.
"Hier Kindchen, nimm das", hörte Squall Frau Dincht reden. Rinoa schmiss etwas. Hinter ihm hörte Squall ein 'BONG' und ein 'AUA'. Die Hand ließ ihn los. Er kletterte in das Dincht-Fenster.
"Meine Bratpfanne. So hat dieses nutzlose Geschenk von meinem Ex-Schwager wenigsten noch Verwendung.", brummte Frau Dincht und fuhr fort, "Ach hallo Rinoa! Geht es gut? Ich hab dir doch gesagt, sie wird wieder auftauchen, Squall."
"Nach draußen, wir müssen die Typen kriegen!", rief Squall und hastete bereits nach draußen.
Rinoa und Frau Dincht, bewaffnet mit einem Nudelholz, folgten ihm.
Squall riss die Eingangstür auf. Niemand war auf der Strasse. Die Leute der Sekte waren alle verschwunden.
Squall blickte auf sein altes Zuhause. Erst war vor kurzem hatte er noch gedacht, dass sie nun endlich Ruhe haben würden...
Es verbrannte schnell. Er blickte zu Rinoa. Ihre Augen waren feucht und eine Träne kam über ihr Gesicht, aber ihr Gesichtsausdruck war verschlossen.
"Oh, euch geht's wohl genauso beschissen wie mir?"
Squall drehte sich um. Am anderen Ende der Straße stand zerfetzt und verletzt Cifer Almasy.
Cifer stellte sich zu Din, Squall und Rinoa und die vier sahen schweigend zu, wie das Haus verbrannte.
"Da verbrennt wohl ein ziemlich teures Sofa", kommentierte Cifer.
Squall sah zum Meer. Nun war er heimatlos. Und als er begann, seine neue Situation zu begreifen und zu akzeptieren, schien es ihm, als würde eine große Last von ihm fallen. Er richtete sich auf und steckte sein Schwert ein. Irgendwo hinter dem Meer lag Winhill, wo Niidas Fall begonnen hatte. Vielleicht sollten sie dort anfangen zu suchen. Nach der Wahrheit. Vielleicht würde er dann die Ruhe finden, um mit Rinoa leben zu können.
"Nun kommt schon, wir trinken erst einmal ein Kaffee", sagte Din leise.
"Danke, aber wir haben zu tun", sagte Squall.
Er sah Rinoa und Cifer an. Beide starrten ihn verwundert an.
"Wollen wir nicht vielleicht erst planen...", sagte Rinoa vorsichtig.
"Och, also so ein Kaffee...", begann Cifer.
"Wir gehen nach Winhill. In der Ragnarok müssten noch ein paar Nahrungskonserven übrig sein. Morgen früh werden wir da sein. Dort beginnt unsere älteste Spur. Und vielleicht werden wir dort schlauer. Und außerdem könnten wir diesen mysteriösen Typen dort finden. Ich werde mich erst nach einer angemessenen Entschädigung zufrieden geben."
"Und wieso Winhill?", fragte Rinoa.
"Wir sollten aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen", sagte Squall lächelnd, Edeas Worte wiederholend.
"Nun gut. Also auf nach Winhill", rief Rinoa.
"Das Arschloch würde sich gerne anschließen. Er hat ebenfalls mit dem schwarzen Perversen eine Rechnung offen", sagte Cifer grimmig.
Sie verabschiedeten sich von Mutter Din und bereits nach zwanzig Minuten war die Ragnarok wieder in der Luft und ließ Balamb schnell hinter sich.

Squall hatte den Autopiloten so eingestellt, dass sie genau am nächsten Morgen in Winhill ankommen würden.
Es war schönes Wetter. Es war zwar eiskalt, doch die Luft war dafür klar und die Sonne schien. Ein Besuch in Winhill war immer merkwürdig für Squall. Er kannte die Stadt fast nur durch fremde Augen. Er hatte sie durch Lagunas Blick kennen gelernt und nun in seinen Träumen wieder gesehen. Es kam ihm fast vor, als würde er durch seinen eigenen, lebendig gewordenen Traum laufen.
Es hatte etwas gedauert, bis sie den Verwalter der Villa gefunden hatten. Eine rundliche nette Frau, die wohl etwas zu wenig Action in ihrem Leben hatte.
"Ach, wissen Sie, diese Villa ist wirklich unheimlich. Der kleine Fetsan hat letztens dort gespielt und sich den Arm gebrochen. Ich hab natürlich Frau Hemingway gesagt, sie solle..." So ging das eine Weile weiter, bis der Frau anscheinend einfiel, dass sie noch gar nicht die Absicht der Besucher kannte. Squall sagte ihr, sie seien von der Delinger Polizei und würden einen alten Fall aufrollen. "Ach so. Um welchen Fall geht es denn genau?", fragte die Frau aufgeregt.
"Tut mir leid, darüber kann ich nicht reden."
"Dürfte ich dann ihre Namen erfahren?"
"Sicher, das hier", Squall zeigte auf Rinoa, "ist meine Assistentin Ursula Plamberg und das hier", er zeigte auf Cifer, "ist unser Protokollant Xell Dintch."
Squall konnte die hasserfüllten Blicke seiner Begleiter fast im Rücken fühlen.
"Und wer sind Sie?", fragte die Verwalterin.
"Strife. Cloud Strife", sagte Squall. Er versuchte sich zu erinnern, woher er diesen Namen kannte, kam aber nicht sehr weit, da die Frau wieder angefangen hatte zu reden.

Die alte Eingangstür knarrte, als die Frau sie hineinließ. Squall war überrascht, dass noch so viele alte Sachen der Goodsworth herumstanden. Er entdeckte sogar Familienfotos, die natürlich, wie alles in dieser Villa, total verstaubt waren.
"Der aktuelle Besitzer ist der Herr Donovan. Er wohnt jedoch nur im zweiten Stock. Hier unten hat er alles gelassen, wie es war. Donovan ist ein sehr schüchterner Mensch, doch ging er wenigstens einmal pro Tag mit seiner Frau spazieren. Nur seit zwei Wochen hat er nicht mehr die Villa verlassen", erzählte die Frau im Plauderton.
"Könnten wir mit diesem Donovan sprechen?", fragte Rinoa die Frau.
"Sicher. Folgen Sie mir. Äh, kommen Sie?", fragte die Verwalterin Squall. Er nickte und riss sich von einem alten Familienfoto der Goodsworth los. Niida war auf dem Bild ungefähr acht Jahre alt gewesen. Squall versuchte das Bild von dem kleinen, lachenden Jungen mit dem Bild von Niida am Waisenhaus in Einklang zu bringen.
Als sie Donovans Wohnung betraten, merkte Squall sofort, dass hier etwas nicht stimmte. Dinge waren zerbrochen worden, Tische umgeschmissen. Überall waren Anzeichen für einen Kampf. Die Verwalterin machte sich über was ganz anderes große Sorgen.
"Was ist hier passiert? Die Versicherung wird das nicht zahlen!"
"Sind sie gegen gewalttätige Handlungen verrückter Fanatiker versichert?", fragte Cifer ironisch.
"Kommen Sie. Wir werden das untersuchen und rufen Sie, wenn wir Sie brauchen", meinte Rinoa zu der Verwalterin beschwichtigend, die darauf enttäuscht abzog.
Die Drei begannen, die Wohnung zu untersuchen. Es war ein modriger Geruch in der Luft. Squall stolperte dreimal fast über irgendwelche Dinge. Ein neuer Geruch stach ihm in die Nase. Geruch der Verwesung. Es kam aus einer angelehnten Tür. Das Badezimmer. Squall ging langsam auf die Tür zu. Der Geruch wurde immer stärker und unerträglicher. Vor seinem inneren Auge stieg das Bild von Sherry auf. Er trat die Tür auf und sah den Grund sofort. Eine halb verweste Leiche lag in der Wanne.
"Donovan", murmelte Squall.
Er versuchte, den Gestank zu ignorieren und schritt langsam auf die Leiche zu. Wie es aussah, war der Mann an einem Schnitt im Bauch gestorben. Squall kannte diese Art von Wunde. Der Mann wurde mit einer Gunblade getötet.
"Squall!", kam Rinoas Stimme aus einem anderen Zimmer.
Squall verließ den Raum, suchte nach Rinoa und fand sie im Schlafzimmer. Sie stand vor einem riesigen Bett. In dem Bett lag eine tote Frau. Auch sie hatte diesen Schnitt in der Brust.
"Das war wohl Eliza Donovan. Das muss seine Frau gewesen sein", meinte Rinoa.
"Ihr Mann liegt im Badezimmer. Und er hat die gleiche Wunde. Das war eine Gunblade. Unser neuer Freund, der schwarze Perverse, trägt eine Gunblade."
"Vermutlich wird er bald wiederkommen", hörte Squall Cifer hinter ihm sagen. Er hatte auch den Raum betreten.
"Unten im Erdgeschoss sind relativ frische Spuren in all dem Staub. Vermutlich von mehreren Leuten. Wir sollten hier drin warten. Vielleicht kommen sie dann wieder und wir können diese Ärsche fangen und ein paar befriedigende Antworten bekommen", sagte Cifer.
Leider hatte niemand einen Gegenvorschlag.

Es waren die dunkelsten Stunden, an die sich Squall erinnern konnte. Die ganze Wohnung roch inzwischen nach Verwesung und die Luft wurde klamm und feucht. Es gab wenig Konversation zwischen den dreien.
Squall war unruhig. Er hatte das dringende Bedürfnis mit Rinoa zu reden. Doch er konnte nicht, da Cifer die ganze Zeit anwesend war.
Außerdem wurde Squall das Gefühl nicht los, dass die beiden hinter seinem Rücken Gespräche über ihn führten.
Nach einer Weile verabschiedete er sich von den beiden und ging ins Erdgeschoss. Wenn er schon einmal hier war, wollte er sich wenigstens ein wenig mit Niida beschäftigen und schauen, inwiefern Alphegas Geschichte der Wahrheit entsprach.
Es war surreal. Er sah all die Räume, die er in seinem Traum gesehen hatte. Überall lagen noch seine Sachen herum. Niida war wohl bereits früher besessen von alten Dingen gewesen. Überall standen Bücher über Zauberei, Hexen und der alten Centra Ära. Niida hatte anscheinend gerne alte Musik gehört. Squall fand fast nur alte Volksmusik aus Galbadia.
Er sah Fotos von Niida als Baby, als Kleinkind und schließlich als 12-jährigen. Und er sah seinen Bruder Xelto. Er hatte schwarze, etwas längere Haare und ein ernstes Gesicht. Doch mit ihrem zwölften Lebensjahr verschwanden die beiden von den Fotos. Xelto war tot und Niida war ab dann in den Garden gekommen. Squall konnte sich gar nicht wirklich an ihn erinnern. Er war damals auch im Garden gewesen, aber er hatte Niida nie wirklich wahrgenommen. War er in seiner Klasse gegangen? Niida war unauffällig und ruhig gewesen. So ruhig...
Rinoa fand Squall verloren zwischen all den Sachen. Sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn wortlos zurück nach oben.

Es war Nacht. Jetzt war alles so dunkel, dass sie kaum noch etwas sehen konnten. Die Situation war nun bis aufs Äußerste angespannt. Bei jedem kleinen Rascheln spannten sich Squalls Muskeln aufs höchste an. Die Zeit verging so langsam... Er wurde leicht müde. Diese Luft machte ihn müde. Dann...
Unten waren Stimmen... Jemand redete. Geflüster. Schritte. Unten im Erdgeschoss waren Menschen. Squall gab Rinoa und Cifer ein Zeichen. Leise schritten sie die Treppe in den ersten Stock hinunter. Squall sah durch das Geländer hindurch nach unten. Dort standen zwei Personen. Beide hatten bernsteinfarbene Roben an. Sie waren von Aomes Trianirea! Er hörte auf einmal eine Stimme, die von einer Person zu kommen schien, die direkt unter Squall stehen musste.
"Wir gehen nun runter. Trefft euch mit den anderen, ich werde alles vorbereiten", sagte die Stimme. Sie war kalt und dunkel.
Squall sah Cifer an. Dieser nickte kräftig. Es war der mysteriöse Mann.
Sie hörten weitere Schritte. Die Sektenmitglieder gingen aus Squalls Blickfeld heraus. Sie hörten ein Rumpeln. Etwas wurde beiseite geschoben. Die Schritte begannen zu hallen und entfernten sich. Dann war alles ruhig. Nach einer Weile beschlossen die Drei, dass die Luft rein sei und stiegen leise hinab. Ein Bücherregal war zur Seite geschoben worden und dahinter befand sich etwas, das wie ein Geheimgang aussah. Squall sah seine beiden Mitstreiter an. Sie nickten sich an. Dann schritten sie leise in den Geheimgang und verschwanden fast sofort in der Dunkelheit.

Es war, als wären sie in eine andere Welt hinab gestiegen. Es war eine merkwürdige Mischung aus Technik und Altbau. Manche Räume wurden durch Kerzen, andere durch hochmoderne Lampen erhellt. Sie trafen auf verrottete Kellertüren und hochmoderne Sicherheitsschleusen.
Die Katakomben waren absolut verlassen. Squall erwartete jeden Moment, dass irgendwelche Sektenmitglieder kommen würden, um sie anzugreifen, doch alles blieb still. Sie gingen durch eine hochmoderne Sicherheitstür und betraten einen weiteren Raum. In diesem befanden sich circa zehn Computer. Sie schienen selbst zu arbeiten und vor sich hin zu rechnen.
Squall schaute auf die Bildschirme. Sie sahen Landkarten von Esthar, Abbildungen vom Mond, Listen von Namen und Übersetzungsprogramme von alten Centra Runen.
"Diese Typen müssen hier eine Art Basis haben", murmelte Cifer.
"Hat irgendjemand eine Ahnung, was die hier machen?", fragte Squall.
Rinoa schüttelte den Kopf und sagte: "Wir sollten weiter. Wir werden das hier eh nicht auf die Schnelle aufklären können."
Sie betraten den nächsten Raum. Dies schien die Hauptkammer zu sein. Im Gegensatz zu den anderen, sehr engen Räumen, war dieser Hauptsaal groß und weit. Squall konnte die Decke des Raumes in der Nacht kaum erkennen. Oben an der Decke befanden sich kleine Fenster, durch die das Mondlicht hinein schien. Zusätzlich beleuchtet wurde der Raum durch kleine elektronische Kerzen. Squall sah, dass an den Wänden Sektenmitglieder standen, doch sie waren so regungslos, dass es sich auch um Statuen hätte handeln können. Ein Krachen. Die Tür hinter ihnen war zugefallen. Squall Sinne spannten sich aufs höchste an und er legte eine Hand auf seine Gunblade.
Am anderen Ende des Raumes befand sich ein großer Torbogen, durch den man in eine weitere Kammer zu kommen schien, die genauso hoch, allerdings nicht so lang war. In dieser Kammer befand sich ein riesengroßer Computer mit mehreren Bildschirmen. Vor diesem stand der mysteriöse Mann. Er hatte ihnen den Rücken zugekehrt. In seiner Hand hielt er etwas, das wie ein Helm aussah.
Langsam schritten die Drei auf den Mann zu. Als sie in der Mitte des Raumes angekommen waren, bewegte er sich. Er setzte sich den Helm auf und drehte sich um. Dieser Helm fiel vor allem anderen sofort ins Auge. Er strahlte Brutalität und Aggression aus. Er hatte zwei Hörner und das Gesicht war maskiert. Drei Schlitze hatte der Helm: Zwei für die Augen, einen für den Mund.
Der Mann hatte eine bernsteinfarbene Rüstung an und trug einen schwarzen Umhang.
"Seid gegrüßt. So treffen wir uns endlich."
Die Maske schien seine kalte, dunkle Stimme noch zu verstärken.
"Man nennt mich den Schwarzen Prinzen und ich diene der großen Schwarzen Königin."
"Sie meinen Prokylta?", fragte Squall.
"Ihr mögt sie vielleicht so nennen, weil ihr ihre Größe nicht begreift, ihre Schönheit nicht seht und ihr Wissen nicht erfasst."
"Was ist das hier?", fragte Squall.
"Das, lieber Squall, ist eine Basis der Erleuchteten, der Aomes Trianirea. Und hinter mir befindet sich ein Computer, der seit Jahren Wissen speichert und Daten aus ertet. Doch seine Arbeit ist fast vollendet. Und nun werden wir die Informationen haben, die wir benötigen, um Phase 3 durchzuführen."
"Blablabla. Das ist alles nur Gequatsche von Fanatikern. Wenn ihr so erleuchtet seid, dann erkläre mir, wieso das Umbringen von Menschen was Edles sein soll", brüllte Cifer.
"Du vereinfachst die Dinge zu sehr. Du siehst den großen Zusammenhang nicht", antwortete der Schwarze Prinz.
Cifer stieß einen Schrei aus, zog sein Schwert und stürmte auf den Prinzen zu. Es passierte in Sekundenschnelle. Der Prinz hob seine Hand und etwas Leuchtendes schoss heraus und traf Cifer in der Brust. Er wurde zurückgeschleudert und blieb neben Squall liegen. Er atmete schwer, war jedoch nicht verletzt.
"Ihr seid machtlos gegen mich. Ich habe meine Kampftechniken von der großen Hexe persönlich gelernt."
Der Prinz hob wieder seine Hand, doch zielte er dieses mal auf Squall. Ein gelbliches Licht kam aus seiner Hand. Es zischte leise, kam auf ihn zu, es hypnotisierte ihn... Nein, er wird dich nicht bekommen, sagte sich Squall. Er löste seinen Blick und sprang zur Seite. Das Licht zischte an seinem rechten Ohr vorbei und verpuffte harmlos. Squall zog seine Waffe und stürmte auf den Prinzen zu. Dieser zog rechtzeitig seine Gunblade und blockte Squalls ersten Schlag ab. Die beiden Schwerter waren ineinander verkeilt.
"Rinoa, renn zum Computer!", rief Squall. Er hörte, wie Rinoa losrannte.
Squall schlug ein paar Mal auf den Prinzen ein, doch dieser parierte mit Leichtigkeit. Aus den Augenwinkeln sah Squall, wie Rinoa dem Computer immer näher kam... Gleich war sie da...
Der Prinz sprang auf einmal mit einem riesigen Satz von Squall weg und landete direkt vor Rinoa. Er feuerte einen mächtigen Zauber auf Rinoa, doch sie blockte mit einem ebenso mächtigen Gegenzauber ab. Squall sah die beiden Umrisse, wie sie sich wortlos anstarrten. Sie schienen ein wortloses Duell auszufechten. Dann sprang auf einmal Rinoa vom Prinzen weg und begann, mächtige Elementarzauber auf ihn abzufeuern. Er wich ihren Attacken aus und feuerte gegen. Gegensätzliche Elemente trafen aufeinander und es gab eine bombastische Explosion nach der anderen. Squall schossen Kälte und Wärme ständig abwechselnd ins Gesicht. Rinoa und der Prinz wirbelten durch die Luft. Es sah fast wie ein Tanz aus. Dann, wie es angefangen hatte, hörte es auf. Rinoa landete weich neben Squall. Sie atmete vielleicht etwas schneller als sonst, aber sonst wirkte sie vollkommen ruhig. Ebenso der Prinz.
"Die große Rinoa. Meine Herrin hatte Recht. Ihr seid diejenige", sagte der Prinz und Squall konnte sein Lächeln fast durch seine brutale Maske sehen.
"Diejenige was?", fragte Rinoa wütend.
Statt einer Antwort schnippte der Prinz mit einem Finger. Die Sektenmitglieder an der Wand wurden lebendig. Jeder von ihnen zog ein Schnellfeuergewehr. Squall hob seine Waffe. Cifer ebenfalls. Nur Rinoa stand ruhig dar. Die Sektenmitglieder kamen auf sie zu. Squall wusste, dass sie gegen eine solche Masse von Maschinengewehren keine Chance hatten. Auf einmal hörte er ein scharfes Zischen. Er drehte sich zu Rinoa um. Sie hatte ein Seil, das an ihrem Gürtel befestigt war, an die Decke geschossen. Das Seil zog sich zusammen und Rinoa wurde in die Luft gehoben und schwebte majestätisch über ihnen. Sie flog federleicht durch den Raum. Die Sektenmitglieder starrten sie wortlos an. Dann hörten sie ein weiteres Zischen. Etwas kam angeflogen und traf ein Mitglied direkt in den Bauch. Dieser sackte sofort zusammen. Ein kleines Messer hatte ihn in der Brust durchbohrt. Es zischte mehrmals. Squall schaute nach oben. Dort flog Rinoa mit dem Seil durch den Raum. Sie flog nach unten, doch das Seil war elastisch, nutzte die Kraft ihres Schwunges und hob sie wieder nach oben. Es zischte wieder. Sie flog im Mondschein durch die Luft wie ein Engel des Todes. Jedes ihrer Geschosse traf ein Mitglied. Ein paar Sekunden später waren alle Mitglieder tot.
BUMM. Ein lautes Geschoss unterbrach das wunderbar schreckliche Ballett. Der Prinz hatte das Seil mit einem Gewehr durchschossen. Doch anstatt ungelenk auf den Boden aufzuschlagen, federte Rinoa problemlos ihren langen Fall ab und landete abermals weich neben Squall.
"Diejenige was?", wiederholte Rinoa.
"Die Antwort befindet sich in diesem Computer. Doch um ihn zu erreichen, müsst ihr an mir vorbei", antwortete der Prinz, zog eine hochmoderne Fernbedienung aus seiner Tasche, drückte auf einen Knopf und am Eingang der Computerkammer senkte sich ein riesiges, durchsichtiges Schutzschild herab.
"Volunt. Mehr als ein Metall. Es ist undurchdringbar. Und es ist voller Wissen. Ihr braucht die Fernbedienung, um das Schild zu heben."
"Worauf warten wir dann?", fragte Cifer und hob seine Gunblade.
Ein Rumpeln. Die Wände öffneten sich und gaben mehrere Löcher frei. Herein kamen zwanzig Motorräder, die sofort anfingen, die drei zu umkreisen. Squall erkannte, dass die Fahrer Mitglieder der Sekte sein mussten. Sie hatten bernsteinfarbene Rüstungen und trugen hochmoderne Kampfhelme mit elektronischen Visieren.
Die Motorräder blieben stehen. Squall sah, dass sie einen Kreis gebildet hatten. Jedes der Motorräder war auf sie in der Mitte gerichtet. Die Soldaten besaßen große Speere. Die wollen uns aufspießen, schoss es Squall durch den Kopf. Ein besonders großes Motorrad wurde dem Prinzen gebracht. Er sattelte es und hob sein Schwert.
Das Brummen von 21 Motorrädern hallte durch den Raum. Squall und Cifer hoben ihre Gunblades. Rinoa lockerte ihre Schwertscheide und hielt sie horizontal vor ihren Körper. Dann zog sie langsam das Schwert heraus. Es war dünn und schimmerte fahl im Mondlicht. Die Klinge war wunderschön und versprach einen kalten Tod. Squall kam es merkwürdigerweise bekannt vor. Wo hatte er es bloß schon einmal gesehen? Prokylta... sie hatte auch ein Schwert. Die beiden Schwerter sahen sich ähnlich... führte sie den zweiten Teil des Schwertes? Rinoa wirbelte ihre Klinge durch die Luft und man konnte ein scharfes Zischen hören, als die Klinge die Luft durchschnitt. Die Fahrer begannen, Gas zu geben, fuhren jedoch nicht los. Sie mussten auf den Angriffsbefehl des Prinzen warten, dachte sich Squall. Aus den Augenwinkeln sah er den Prinzen. Squall konzentrierte sich auf die Fahrer, die vor ihm standen. Das Signal zum Angriff war noch nicht gekommen. Dann hörte er ein Zischen und aus den Augenwinkeln sah er, dass der Prinz sein Schwert gesenkt hatte. Die Fahrer schalteten das Licht ein und fuhren los.
Squall war geblendet und kniff die Augen zusammen. Er versuchte in dem Licht etwas auszumachen, dass ihm verriet, dass das Motorrad kam... Es wurde lauter. Es kam näher. Da... eine Lanze! Squall sprang zur Seite und das Motorrad fuhr geradewegs an ihm vorbei.
Es war die Hölle. 20 Motorräder mussten in einem Raum manövrieren. Es dauerte nicht lange, da waren die ersten an die Wand gekracht und wurden in einem flammenden Inferno zerstört.
Squall versuchte mit Zaubern die Motorräder zu entmannen, doch diese waren zu schnell. Auf einmal hörte Squall Maschinengewehrfeuer. Der Prinz verfolgte Cifer und schoss mit einem Gewehr auf ihn. Cifer hatte Mühe auszuweichen. Squall musste etwas tun.
"Rinoa, gib mir Deckung!", rief Squall.
Rinoa nickte ihm durch Qualm und Feuer zu. Ihr Schwert wirbelte durch die Luft und zerschnitt viele Motorräder und ihre Zauber, die viel schneller und gezielter waren als seine eigenen, erledigten viele Fahrer.
Nun schoss einer auf Squall zu. Das Motorrad kam näher. Der Fahrer hatte eine Lanze auf ihn gerichtet. Squall hatte seine Gunblade in seiner rechten Hand. Das Fahrzeug kam näher und näher. Der Lärm wurde lauter. Die Lanze drohte ihn, aufzuspießen...
Da wechselte Squall sein Schwert in die linke Hand, ergriff die Lanze mit seiner frei gewordenen Hand und hob sie und den Fahrer in die Luft. Der Fahrer wurde durch die Luft geschleudert und landete unsanft auf dem Fußboden und blieb regungslos liegen. Squall rannte dem Motorrad hinterher, das inzwischen bereits auf dem Boden lag. Er sprang auf und gab Gas. Da war der Prinz! Squall schmiss die Lanze auf den Prinzen und verfehlte. Dieser ließ sofort von Cifer ab und schmiss das Gewehr weg. Der Prinz hob sein Schwert und schnellte auf Squall zu. Dieser gab ebenfalls Gas und hob sein Schwert. Sie kamen sich näher und näher. Der Prinz holte aus. Squall verlagerte sein Gewicht nach rechts und schlitterte mit dem Motorrad über dem Boden und tauchte unter dem Schlag des Prinzen hindurch. Der Windzug seiner Gunblade pfiff über seinem Ohr hinweg. Squall nahm sein Schwert und ließ es durch das andere Motorrad schneiden und teilte es sauber in der Mitte durch. Der Prinz legte eine unsanfte Bruchlandung hin. Etwas kullerte aus einer Tasche. Die Fernbedienung!
"Rinoa, die Fernbedienung!", schrie Squall.
Der Prinz und Rinoa rannten auf die Fernbedienung zu. Rinoa hechtete nach vorn und bekam sie zu fassen. Der Prinz hob sein Schwert und wollte es gerade auf sie niedersausen lassen, als ihm jemand von hinten die Beine weg hob. Der Prinz hob seinen Kopf und sah Cifer Almasy, drohend seine Gunblade auf ihn richtend, vor ihm stehen. Zu Squalls Überraschung rannte der Prinz weg. Cifer folgte ihm. Beide verschwanden durch eine kleine Tür. Squall wandte sich ab. Es gab andere Probleme. Mehrere Sektensoldaten waren abgestiegen und auf Rinoa zu gerannt. Rinoa focht mit ihnen und erledigte viele. Alle bis auf einen. Er schlich sich von hinten an sie an, sein Schwert erhoben. Squall gab Gas auf seinem Motorrad, hob seine Gunblade und trennte den Kopf des Soldaten sauber ab, als dieser gerade Rinoa erschlagen wollte. Squall stieg ab und half Rinoa hoch.
Die Beiden sahen sich kurz an. Alle Gegner waren vernichtet oder geflohen und Cifer war dem Prinzen gefolgt.
"Du bist gut geworden", sagte Squall zu Rinoa.
"Du warst auch nicht schlecht", flüsterte sie grinsend zurück.
Sie schwiegen sich kurz an.
"Zum Computer?", fragte Rinoa.
"Zum Computer", nickte Squall.
Rinoa drückte auf den Knopf der Fernbedienung. Das Voluntschild hob sich geräuschlos und gab die Computerkammer wieder frei. Sie warf die nutzlos gewordene Fernbedienung weg und schritt zusammen mit Squall zügig auf den Computer zu. Sie wollten gerade anfangen zu schauen, was das Teil so zu bieten hatte, als sie einen Knall hörten. Die große Eingangshalle war aufgegangen und Tausende von Sektensoldaten waren hinein gestürmt und richteten ihre Waffe auf Rinoa und Squall.
"Die Fernbedienung... Wo ist die Fernbedienung?", fragte Squall Rinoa. Langsam hob sie ihren Finger und zeigte auf das andere Ende des Raumes, wo die Fernbedienung unbeachtet lag. Die Fernbedienung lag außer Reichweite in der Halle und er und Rinoa waren in der Computerkammer gefangen.

Cifer folgte dem Prinzen durch die Tür und kam in eine Art Höhle. Die Höhle war klein, fensterlos und hatte keine Luftschächte. Es war heiß und stickig, denn die ganze, kleine Höhle wurde von über hundert Kerzen beleuchtet. In der Mitte war ein Gang frei gelassen worden. Am anderen Ende der Höhle wartete der Prinz.
"Du willst dich rächen, weil ich deine Freunde umgebracht habe", sagte der Prinz.
"Das ist einer der Gründe", antwortete Cifer.
"Das ist der einzige Grund! Wir sind Krieger. Rache und die Lust am Kämpfen hält uns am Leben. Die Rache an der Welt, die uns zerstören wollte, ist unsere Lebensaufgabe."
"Das klingt ja wie eine alte Anmache von mir", antwortete Cifer nicht ganz so beißend wie er wollte.
"Sag, was du willst. Ich kenne dich. Ich sehe es an deinen Augen. Deine einzige Liebe ist der Kampf", sagte der Prinz.
Der Prinz zerschnitt mit seinem Schwert die Luft. Die Kerzen flackerten. Cifer machte es ihm nach. Eine Kerze ging aus.
"Dies ist der Raum der Krieger. Keine Luft zum Atmen, keine Flüssigkeit zum Trinken. Nur der Kampfeswillen gibt uns Kraft", sagte der Prinz.
Dann stürzten sie aufeinander zu. Mit einer erstaunlichen Schnelligkeit prallten ihre Schwerter aufeinander. Sie attackierten und parierten. Die Kerzen wogen sich im Wind des Kampfes. Cifer schwitzte und atmete schwer und auch sein Gegner fing an, schneller zu atmen. Doch beide kämpften weiter. Cifer drängte zurück und wurde zurückgedrängt. Ihre Mäntel flatterten hinter den Kämpfern hinterher und es sah fast so aus, als würde dort ein mächtiges Wesen mit sich selbst ringen.
Die beiden Schwerter verkeilten sich. Cifer sah dem Prinzen in die Maske. Funken sprühten und beleuchteten die schwarzen Löcher der Maske. Cifer sah seinem Gegner direkt in die für eine ganz kurze Zeit sichtbar gewordenen Augen. Sie waren schwarz und leblos und voller Hass. Dann stieß sich Cifer vom Prinzen weg und schwang sein Schwert um auszuholen und der Prinz tat es ihm wie ein Spiegelbild nach... und dann wehte der kräftige Wind der Mäntel und Schwerter alle Kerzen auf einmal aus und es war dunkel.
Cifer sah nichts mehr. Er roch den Geruch von gerade ausgeblasenen Kerzen. Er hörte seinen eigenen Atem. Er hielt ihn an und lauschte. Es war ruhig. Er versuchte, einen zweiten Atem zu finden. Ein Geräusch, das ihm die Position seines Gegners verriet. Nichts, es war ruhig. Dann... rechts von ihm! Cifer wirbelte herum und schlug zu... Seine Schwertklinge und die seines Gegners schlitterten aneinander entlang und Funken sprühten. Sie erleuchteten kurz den Raum. Da stand sein Gegner! Cifer teilte Schwertschläge aus. Er drängte seinen Gegner zurück. Der Prinz war in Bedrängnis. Da wagte es Cifer! Er hechtete nach vorn und überrumpelte seinen Gegner. Beide flogen durch die Luft und direkt durch eine Tür. Cifer und sein Gegner überschlugen sich wie Jungs beim prügeln. Der Prinz lag über ihm. Cifer schlug ihm ins Gesicht und warf ihn ab. Er war wieder in der Haupthalle. Da fiel Cifers Blick auf etwas. Die Fernbedienung! Er hechtete auf sie zu, doch jemand kam ihm in die Quere. Der Prinz! Er griff nach ihr... Er hatte sie! Cifer nahm seine Gunblade und hielt sie dem Prinzen an den Hals. Der Prinz wiederum hielt sein Schwert an Cifers Hals.
"Die Fernbedienung. Sofort!", flüsterte Cifer.
"Ich glaube, du bist nicht in der Position zu handeln", antwortete der Prinz.
Cifer blickte an dem Prinzen vorbei. Er war wohl durch eine andere Tür wieder hereingekommen. Am anderen Ende befand sich der Computerraum mit Squall und Rinoa. Und zwischen Cifer und den beiden war ein Heer von Sektensoldaten. Alle hatten ihre Waffen auf Cifer gerichtet.
"Wir gehen jetzt durch diese Menge zu dem Computerraum. Sonst mach ich dich einen Kopf kürzer", knurrte Cifer.
"Das wäre dein Ende, denn meine Soldaten würden dich sofort töten. Ich könnte ihnen auch befehlen, deine Freunde zu töten. Ich mache dir ein Angebot. Du kannst gehen. Lasse uns hier unsere Arbeit tun und sei ein freier Mann. Die Sekte wird dich in Ruhe lassen und du kannst deinen Kampf zum Ende führen."
Es war totenstill im Raum.
Cifer lächelte.
"Das klingt ja nach einer guten Idee."
Der Prinz nickte. Cifer fuhr fort.
"Aber daraus wird nichts. Ich will mich an dir rächen, nicht an der Welt. Ich liebe den Kampf, aber ich liebe auch meine Freunde. Und komm ja nicht auf die Idee, sie oder mich abzuschießen. Dann würde ich dir ohne zu zögern die Kehle durchschneiden. Und mit deiner Rache isses dann aus. Also gehen wir?"
Cifer erhöhte den Druck mit seinem Schwert auf den Prinzen. Er spürte die Gunblade des Prinzen an seinem Hals. Er erhöhte ebenfalls den Druck. Cifer machte ein paar Schritte in Richtung Computerraum. Die Menge begann sich zu teilen. Aus den Augenwinkeln sah Cifer, wie diese Menschen ihn ausdruckslos ansahen. Jeder hatte seine Waffe auf ihn gerichtet. Er hörte ihr gleichmäßiges Atmen, wie Raubtiere, die ihre Beute beobachten. Cifer wusste, sie würden sofort schießen, wenn der Prinz es befehlen sollte und das wäre das Ende. Doch der Befehl kam nicht und Cifer kam unversehrt durch die Menge hindurch. Er öffnete seine Hand.
"Gib mir die Fernbedienung für das Schutzschild", flüsterte Cifer gespannt.
Da begann der Prinz zu lachen. Erst leise, dann immer lauter. Sein Helm verstärkte das Lachen. Die Soldaten begannen zu lachen. Ihr Lachen hallte von den Wänden wieder und kam nun von allen Seiten.
"Was ist denn hier so komisch?", brüllte Cifer, um den Lärm zu übertönen.
Der Prinz gab ein Zeichen und auf einmal war wieder alles ruhig.
"Du willst sie? Hol sie dir?", rief der Prinz und schmiss die Bedienung in Richtung Rinoa. Cifer fluchte und trat dem Prinz in den Bauch und rannte. Der Prinz taumelte. Cifer warf sich in Richtung Computerraum.
"Tötet die Männer! Lasst die Frau am Leben", kam die Stimme des Prinzen von hinten. Cifer krabbelte vorwärts. Rinoa drückte den Knopf. Das Siegel wurde heruntergelassen. Cifer rollte sich gerade noch unter dem Siegel hindurch, bevor es sich ganz schloss. Tausend Gewehrkugeln prallten auf das Voluntschild. Es war ein ohrenbetäubender Lärm, doch nichts kam hindurch. Und dann... war es ruhig.
Cifer stand auf. Squall sah den Prinzen an das durchsichtige Siegel kommen. Überraschenderweise konnte er ihn gut verstehen, als wäre nix zwischen ihnen.
"Ihr habt jetzt zwar die Wahrheit, aber ihr seid auch tot", sagte der Prinz.
Er holte aus seinem Mantel eine zweite Fernbedienung. Er drückte auf einen Knopf. Die Bedienung in Rinoa zersprang in tausend Stücke. Der Prinz drückte einen zweiten Knopf. Etwas piepte. Eine Uhr über dem Computer zeigte "3 Minuten" an.
"Eine Bombe?", fragte Rinoa.
"Möge euch die Wahrheit lebendig begraben", sagte der Prinz mit einem derart bösartigen Sarkasmus, dass Squall ein Schauer über den Rücken lief.
"Sie lügen. Sie brauchen diese Informationen!", schrie er.
"Wenn Sie das sagen", erwiderte der Prinz und begann, den Raum zu verlassen. Die Soldaten bildeten eine Gasse für ihn und folgten ihm dann.
"Wo ist Hyne?", rief Rinoa ihm hinterher.
"In seinem neuen Körper", antwortete der Prinz und verließ den Raum mit den Soldaten. Und die Drei waren alleine.
"Und was machen wir nun?", fragte Squall.
"Wir müssten dieses Fenster erreichen können", meinte Cifer und deutete auf die Fenster unter der Decke.
"Rinoa hast du noch dieses Seil? Rinoa?"
Squall sah sich um. Rinoa war an dem Computer.
"Hier steht die Antwort. Hier muss es sein", murmelte sie.
"Ich will ja nicht nerven, aber wir sollten hier verschwinden", meinte Cifer.
Der Bildschirm wurde hell.
"Wonach suchen wir denn?", fragte Squall aufgeregt.
"Ich weiß es nicht... Hier ist eine Liste von Namen von Frauen... Hier Eliza Donovan. Die Hausbesitzerin! Die Tote!"
Sie scrollte die Namensliste runter. Jeder Name hatte eine Art Zahlencode.
"Da! Hier steht ein Name... Ellione Kramer... Jetzt hab ich's. Das sind die Namen von Hexenadeptinnen!"
"Rinoa, wir sollten..."
"Steht da auch mein Name? Steh da was über mich? Über mein Baby?"
Sie rief ein neues Menü auf.
"Rinoa, wir haben keine Zeit", drängelte Squall. Die Uhr zeigte '1 Minute 30'!
"Hier ist eine Landkarte... Das ist nicht unsere Welt... Das ist die Karte... Das ist unsere Karte... Aber es gibt kein Meer. Hier... Hier war ein anderer Kontinent."
"RINOA!", brüllte Squall und nahm sie beim Arm. Sie schauten ihm in die Augen. Ihr Blick erinnerte Squall an den eines gehetzten Tieres.
"Was nützt uns die Wahrheit, wenn wir tot sind?", fragte Squall.
"Ich muss es wissen", flüsterte Rinoa.
"Ja. Aber auf eine andere Weise. Wir werden einen anderen Weg finden."
Rinoa sah ihn an. Sie hatte begriffen.
"Lasst uns hier verschwinden", rief Cifer.
Rinoa hatte noch genug Extraseil, um das Fenster zu erreichen.
Schnell kletterten sie hoch. Das Fenster kam immer näher und näher. Squall versuchte nicht nach unten zu schauen und hoffte, dass das Seil hielt. Schließlich kam ihm der Geruch von Gras entgegen. Sie waren in Winhill. Er kletterte durch das Fenster nach draußen und begann mit den anderen so schnell wie er konnte von der Villa wegzurennen.
RUMMS. Ein Knall. Die Fenster flogen raus. Erst passierte nichts. Dann ein Rumoren. Ein Stein bewegte sich, dann der nächste. Die Villa fiel zusammen wie ein Kartenhaus und begrub alle Spuren der Vergangenheit.
"Wir haben anscheinend Talent, Gebäude in die Luft zu jagen", meinte Squall. Rinoa blickted stumm auf die brennenden Überreste.
Im Dorf gingen Lichter an. Gemurmel. Aggressives Gemurmel.
"Ich denke, wir sollten das Feld räumen. Ich habe jetzt keinen Bock auf ein paar aufgeregte Dorfbewohner", sagte Cifer.
Die drei schritten auf ein altes verlassenes Haus zu, in dem auch schon Laguna vor einer langen Zeit gewohnt hatte...

Der Morgen dämmerte in Esthar City. Alles war ruhig. Die Leute schliefen noch. So bemerkte keiner den Speeder, der durch die Stadt flog. Auf einer Landeplattform kam dieser zu einem Halt. Aus dem Transporter stieg der Schwarze Prinz und wurde erwartet von der Schwarzen Königin.
"Willkommen in unserem neuen Zuhause, mein Sohn", begrüßte Prokylta den Prinzen.
"Es verlief alles nach Plan, Herrin."
"Und die Daten?"
Der Prinz zog aus seinem Mantel eine kleine Scheibe heraus.
"Die Ergebnisse des Computers. Ich habe sie gesichert, bevor sie kamen. Es ist das einzige Exemplar der Ergebnisse."
Prokylta lächelte.
"Ausgezeichnet. Gut gemacht. Doch jetzt komm. Wir haben nachher ein Frühstück mit den Präsidenten und wir wollen uns doch wohl noch etwas schick machen."
Und so gingen beide in den Schatten des Präsidentenpalastes und niemand hatte das Treffen bemerkt.

Squall saß auf dem Bett und sah nach draußen. Bald würde die Sonne aufgehen und ein neuer Tag würde anbrechen und wer weiß, was dieser bringen würde.
Squall schaute zur Eingangstür. Vor Jahren war hier die kleine Ell durchgerannt und hatte Laguna von einem Gast erzählt, der angekommen war. Doch das war Vergangenheit. Nun stand dort Rinoa. Squall stand auf. "Wir werden gleich morgen früh aufbrechen", sagte Rinoa.
"Und wohin?", fragte Squall.
"Keine Ahnung."
Beide schwiegen. Dann sagte Squall:
"Rinoa... vorhin... an dem Computer... da warst du bereit, dein Leben zu opfern. Dein Leben und das Leben deines Kindes für eine Antwort. Warum? Warum quälst du dich so sehr für eine Antwort? Warum bist du losgezogen? Welche Frage kannst du nicht beantworten?"
"Vielleicht weiß ich das nicht einmal selbst. Auch wenn ich es dir nicht sagen kann... Ich bitte dich, vertraue mir."
Squall stand auf und ging zu Rinoa. Sie waren dicht beieinander.
"Damals, als ich ein kleines Kind war, da vertraute ich kaum jemanden. Und den wenigen Menschen, denen ich vertraut hatte, enttäuschten das Vertrauen. Doch in den letzten Jahren konnte ich mit deiner Hilfe endlich anfangen, darüber hinwegzukommen. Doch nun... Ich weiß nicht, ob ich so etwas noch einmal aushalten könnte. Du hast Recht. Es ist im Grunde genommen alles eine Frage des Vertrauens. Doch wie kann ich dir nach allem, was vorgefallen ist in den letzten Tagen, noch vertrauen?"
Rinoa sah ihn an. Er konnte den Schmerz in ihren Augen sehen. Sie öffnete seine Hand und legte etwas hinein. Den Ring.
"Vielleicht solltest du den für eine Weile behalten", sagte Rinoa.
In ihrem Gesicht konnte Squall ihren inneren Kampf sehen und für einen kurzen Augenblick verstand er den immensen Druck, der auf ihr lag. Doch dann verschloss sie ihr Gesicht, drehte sich langsam um und ging.
Squall setzte sich wieder aufs Bett. Die Sonne ging auf. Doch hinter dem Horizont wartete der Sturm. Und obwohl er momentan noch nicht zu sehen war, wusste Squall, dass er bald kommen würde.