FFVIII: Aomes Trianirea - Kapitel 8

Phase 2

verfasst von MfLuder

Passanten wurden beiseite gerempelt, Autos gestoppt, Türen aufgerissen. Squall und Cifer rannten durch die Gassen von Dollet auf dem Weg zur Absteige, wo sich Niida befinden sollte. Der Morgen war inzwischen angebrochen und die Straßen waren belebt und von einem rötlichen Licht durchflutet. Ein angenehmer kühler Morgenwind wehte und es versprach, einer der letzten warmen Tage des Jahres zu werden.
Rinoas Hotel kam in Sicht.
Schon von weitem sahen sie die Polizeiautos und die vielen Polizisten, die hektisch das Gebäude betraten und verließen. Squall und Cifer betraten ebenfalls entschlossen das Hotel.
Squalls Magen zog sich unangenehm zusammen. Er hatte eine dunkle Vorahnung, warum all diese Polizisten hier waren. In der Lobby erkannte er die Dame am Empfang, doch sie erkannte ihn nicht. Sie schien mit sich selbst zu reden und war blass. Mehrere Gäste saßen oder standen und tuschelten.
Stimmen und kalte Luft von der Klimanlage rauschten an seinem Ohr vorbei. Er war so müde, dass inzwischen alle Geräusche sich zu einem Klangbrei vermischten. Irgendwo meinte er, über das Gemurmel klassische Musik zu hören. Doch schon hatten er und Cifer die Lobby verlassen und waren auf den Weg nach oben.
"Wir nehmen den Lift. So begegnen wir weniger Leuten", schlug Cifer vor.
Ein paar Sekunden später standen sie beide in dem Hotellift. Der Lärm ebbte ab. Man konnte nur das gleichbleibende Summen und das gelegentliche Knarren des Liftes hören.
"Glaubst du diese Polizisten sind wegen Niida hier?", fragte Squall, obwohl er die Antwort bereits wusste.
"Vermutlich. Wir werden es gleich sehen", entgegnete Cifer düster.
Was würde nun kommen? Was hatte Niida getan? Hatte Zed Black recht oder würde sich alles aufklären?
Bevor er sich weiter Fragen stellen konnte, verringerte der Lift seine Geschwindigkeit. Das Brummen erstarb. Ein Klingeln.
Die Türen öffneten sich.

"Entschuldigen Sie, sie können hier nicht rein."
"Bitte?", antwortete Cifer.
"Das ist der Ort eines Verbrechens, hier darf nur qualifiziertes Personal rein."
"Was soll das heißen? Wir sind qualifiziertes Personal!"
"Sind Sie etwa die beiden Spezialisten, die wir angefordert haben?"
"Na wer denn wohl sonst?", antwortete Cifer mit gespielter Empörung und marschierte mit Squall an dem jungen Polizisten vorbei und betrat Rinoas Hotelzimmer.
Squall überkam sofort ein merkwürdiges Gefühl. Die Zeit schien stehen geblieben zu sein. Eine Kälte kroch seinen Rücken herauf, die Luft wurde klamm, die Geräusche verschwanden. Alles war stumm. Er konnte nicht orten, was er fühlte, bis ihm ein Gedanke durch den Kopf schoss. Es war das reine Böse, dass in diesem Raum eingefallen war und ihn infiziert hatte und auch wenn das Monster verschwunden war, so war doch sein Geruch geblieben und würde den Raum auf ewig kennzeichnen.
Nach einem kurzen Moment ebbte das erste Gefühl langsam ab, die Zeit beschleunigte, die Geräusche kehrten zurück... Squall atmete kurz des Geruch des Todes ein und sah sich in dem bekannten und doch so fremden Raum um.
Direkt neben der Eingangstür lag, angelehnt an der Wand, eine Leiche. Es war der Überbleibsel eines menschlichen Körpers. Das Gesicht war nicht mehr zu erkennen. Dort, wo einmal die Stirn gewesen war, konnte er ein großes Loch sehen. Der junge Polizist kam hinzu.
Er sprach zwar mit einer routinemäßigen Stimme, allerdings entging Squall nicht, wie weiß der Polizist war.
"Ziemliche Sauerei, nicht wahr? Wir sind ehrlich gesagt ziemlich ratlos. Das Opfer wurde identifiziert als...", er schaute auf seine Notizen, "Sherela White. Man hat sie wohl quer durch das Zimmer geschleudert. In ihrer Rückengegend hatte sie starke Blutungen, ein Zeichen, dass sie gegen diese Wand geworfen wurde. Wie der Bastard ihr Gesicht in diesen Zustand gebracht hat, wissen wir nicht. Auch nicht, wie er dieses verfluchte Loch in ihren Schädel bohren konnte."
Squall hatte schon viele Leichen gesehen. Vielleicht viel zu viele. Aber das war was anderes. Diese Frau war ermordet worden. Sie war nicht in einem Kampf gestorben. Man hatte sie regelrecht abgeschlachtet. Squall fiel auf, dass der Polizist inzwischen weitersprach.
"Ich weiß, es klingt verrückt, aber es sieht fast so aus, als hätte jemand sie in diesen Zustand geschlagen. Mit bloßen Händen. Diese Wunde in ihrem Gesicht... es weißt alle Anzeichen einer Schlagverletzung aus. Nur ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie so ein durchschnittlicher Hurensohn so etwas anstellen könnte."
"Kein Mensch zumindest", flüsterte Squall.
"Für ein Monsterüberfall gibt es auch keine Anzeichen. Es gibt keinerlei Spuren eines Einbruchs, sowie fehlen die typischen Kratzspuren, die diese Viecher normalerweise hinterlassen", meinte der Polizist, Squalls Kommentar falsch verstehend.
Cifer stand auf. Er sah Squall an. Er wusste, Cifer dachte das Gleiche wie er selbst.
"War noch eine andere Person hier anwesend?", fragte Cifer vorsichtig.
"Ja, die Putzfrau soll einen jungen Mann gesehen haben, der dieses Zimmer verlassen haben soll. Wir prüfen das gerade. Also mal unter uns. Ich würde mich wirklich sehr freuen, wenn die Herren uns unter die Arme greifen könnten. Dieses Mordmuster passt in kein Profil der bekannten Serienmörder. Weder der 'Chocobo-Feder Killer', noch der 'Son of Bahamuth' gehen auf diese Weise vor."
Squall schloss seine Augen, doch der Geruch und die Hektik holten ihn in die Realität zurück. Er konnte Cifer hören, so nah und doch so fern...
"Wir lassen Sie wissen, sobald wir etwas haben."

Beide brauchten Ruhe und einen Platz zum Nachdenken. Sie gingen wortlos die Straßen von Dollet entlang und beobachteten die Menschen, wie sie ihren ersten Beschäftigungen des Tages nachgingen, nichts ahnend, welche Grausamkeit sich in einem kleinen Hotelzimmer ein paar Straßen weiter zugetragen hatte. Irgendwie führte ihr Weg zu einem Ort, an dem Squall seit über fünf Jahren nicht mehr gewesen war. Der Strand von Dollet.
Sie stiegen die Treppe hinunter und lehnten sich gegen die Strandmauer und sahen der Sonne beim aufgehen zu. Squall lies seinen Blick über den Sand schweifen und musste lächeln, als er die Überreste eines Kampfroboter sah, auf dem nun Moos blühte. Er ließ seinen Blick übers Meer schweifen. Irgendwo hinter dem Horizont befand sich Balamb, seine Heimat. Das Wasser reflektierte die rötlichen Strahlen der Sonne. Rot wie Blut, rot wie Sherrys zertrümmerter Schädel. Scheiße!
Er schloss seine Augen und lauschte seiner Umgebung. Er hörte die Möwen kreischen und das Wasser plätschern, er hörte ein Auto hinter ihm vorbeifahren, ein paar Kinder unterhielten sich unbeschwert. Sie waren wohl auf ihrem Schulweg. Es waren die Geräusche, wie man sie auch in Balamb hatte hören können. Er dachte an sein Zuhause. An Rinoas und seinem Zuhause. An die Geborgenheit und den Frieden. Er war erst vor kurzem aus dieser Umgebung herausgerissen worden und sehnte sich nun schon wieder dahin zurück. Er konnte hören, wie Cifer aufstand und wie seine dumpfen Schritte sich langsam entfernten. Squall kümmerte sich nicht herum. Er blieb sitzen und lauschte dem Puls des Lebens. Und fand für eine kurze Zeit einen Moment Frieden.

Er war zurück auf der Wiese. Doch etwas war anders. Er hörte keine Schreie. Es war friedlich. Er war nicht tot, er war lebendig. Das war sein Traum. Traum? War es ein Traum? Oder war es eine Vision? Oder war es ein Gespräch. Er öffnete seine Augen. Es war der Ort. Der Ort, an dem sie sich treffen würden. Leichter Nebel umgab ihn. Jemand stand etwas von ihm weg im Nebel. Ein kleiner Windzug kam und der Nebel löste sich auf. Sie war es. Ihre Hand lag auf ihrem Bauch. Richtig, sie war ja schwanger. Und er war der Vater des Kindes. Er würde bald ein Kind haben. Würde er es führen können durch die Welt? Würde es dieselben Fehler machen, wie er?
"Wieso verfolgst du mich, Squall? Wieso hast du die Suche nicht abgebrochen?", fragte sie.
"Ich kann nicht anders."
Sie schwieg für eine kurze Zeit.
"Ich wollte Dir das alles ersparen. Ich wollte dich beschützen. Das ist etwas, das ich selbst herausfinden muss. Ich hatte diese Träume, nicht du. Es war meine Bestimmung." "Es mag sein, dass es deine Aufgabe ist, aber ich hätte dir helfen können."
Sie lächelte schief.
"Squall, du weißt doch genau so gut wie ich, dass wir am Ende alle alleine sind."
Squall schaute auf den Boden. Stimmte das? Sie fuhr fort.
"Ich bitte dich noch einmal. Bitte such nicht nach mir. Ich werde zurückkommen, wenn ich meine Antworten gefunden habe."
"Ich würde deinen Wunsch respektieren, wenn es deine Entscheidung wäre und wenn du alleine wärst. Ich würde vielleicht sogar vertrauen, sogar jetzt noch. Doch du bist nicht alleine. Du triffst für noch jemanden eine Entscheidung. Für jemanden, für den ich auch Verantwortung trage."
Er sah Rinoa fest in die Augen. Sie nickte langsam.
"Ich möchte Dir eine Frage stellen. Wo bist du?", fragte Squall.


Squall hörte Schritte. Er öffnete seine Augen. War er eingeschlafen? Ein Mann kam auf ihn zu. Er hatte lange Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, ein müdes Gesicht und war der Präsident von Esthar.
"Hey Laguna", rief Squall.
"Nicht so laut! Sonst will gleich wieder alle Welt Autogramme", meinte Laguna nervös und blickte über seine Schulter, als ob hinter dem demolierten Kampfroboter gleich tausende von kreischenden Laguna-Fans hervorstürmen würden.
Laguna setzte und lehnte sich neben Squall an die Wand.
"Es freut mich, dass Cifer Erfolg hatte", sagte Laguna, nachdem sie für ungefähr eine Minute schweigend nebeneinander gesessen hatten.
"Ja, das hatte er wirklich."
Laguna schwieg für einen kurzen Moment, holte dann Luft und meinte dann ungewöhnlich ernst.
"Squall, ich weiß auch nicht... aber irgendwie freut es mich, dass du wieder da bist. Ich war wirklich besorgt, weißt du."
Squall sah Laguna von der Seite an. Er sah müde aus.
"Ist alles in Ordnung, Laguna?"
"Ja, ich breche bloß demnächst nach Esthar auf und wollte nur noch mal tschüssi sagen. Man weiß ja nie, wann man sich wieder sieht."
Er holte tief Luft.
"Ich weiß nicht, die letzten Tage waren... keine Ahnung. Irgendwie ist für eine lange Zeit nichts passiert und dann auf einmal..."
Er brach ab.
"Laguna, was ist los?"
Laguna dachte nach. Als er schließlich fortfuhr, hatte Squall das Gefühl, dass Laguna nicht das ausgesprochen hatte, was er eigentlich ursprünglich hatte sagen wollen.
"Prokylta. Sie..."
"Oh, hab etwa den Namen Prokylta vernommen. Kriegen wir nun endlich die Chance der Alten den Hintern zu versohlen."
Cifer war von seinem Strandspaziergang zurück. Laguna und Squall standen auf. Während Squall sich den Sand abklopfte, waren Laguna und Cifer bereits dabei, den Strand zu verlassen. Squall warf noch einen letzten Blick auf den Strand, lies sich noch für einen Moment in die nostalgische Stimmung verfallen, nahm sich dann aber zusammen und folgte ihnen. Das war die Vergangenheit, vielleicht war es auch die Zukunft. Es war zumindest nicht die Gegenwart. Es war Zeit, zurückzukehren.

"Als ich vom Rathaus weggegangen bin, war Prokylta noch nicht ganz in Dollet. Wir werden sie aber, sobald sie hier ist, dank unseres Magiedetektors bald aufspüren können."
"So lang die Gute es nicht todschick findet, im Volunt-Mantel durch die Gegend zu stolzieren", brummte Cifer.
"Nun ja..."
Die Drei marschierten durch Dollet. Es war Mittag. Die Sonne nahm einen Hauch von weiß an. In Dollet passierte dies nur zur Mittagsstunde.
"Wir haben übrigens noch etwas herausgefunden. Das Autopsieergebnis von dieser Sherry ist da. Odyne wollte unbedingt sie noch einmal selbst untersuchen. Und da kam ein interessantes Ergebnis zum Vorschein: Sherry hatte das Potenzial, eine Hexe zu werden."
"Sherry war eine Hexe?", fragte Squall.
"Nein, sie hatte das Potential dazu", entgegnete Laguna.
"Quatsch, wenn Hyne wirklich in Niida ist, warum sollte er eine Hexenanwärterin umlegen? Das sind doch seine Nachfahren", grummelte Cifer.
"Nun ja..."
"Und woher kann man denn überhaupt herausfinden, ob jemand eine Hexe ist oder nicht, oder dieses verdammte Potential in sich hat?", fragte Cifer genervt.
"Adell hat seinerzeit nach einer Nachfolgerin für sich selbst gesucht, sprich einer möglichen Hexe, der sie ihre Kräfte vererben kann. In dem Zuge hat Esthar dementsprechende Instrumente entwickelt, die..."
Lagunas Kommunikator piepte.
"Laguna Loire, Präsident von Esthar und glücklicher Gewinner des beliebtesten Politiker der Welt-Ordens", meldete sich Laguna mit einem leichten Grinsen. Sein Gesicht wurde schnell ernst. Squall konnte nicht hören, welche Nachricht Laguna bekam.
"Was ist?", fragte Cifer.
Laguna blickte sie an.
"Niida hat das Rathaus betreten."

Laguna war mit einem Auto zum Strand gefahren. Mit Hochgeschwindigkeit fuhren sie in die Innenstadt. Vor dem Rathaus wartete ein Sicherheitsbeamter auf sie.
"Er kam... er kam einfach rein. Er hat Perkins durch die Luft geschleudert, als wäre er ein... ein Mogry-Kind. Ich habe auf ihn gefeuert, ihn auch getroffen, doch die Kugeln... die Kugeln haben ihn nichts aufgemacht. Wer weiß, was für Tränke der sich reingepfiffen hat."
"Professor Odyne?"
"Er ist noch drinnen."
"Scheiße."
Laguna, Cifer und Squall betraten das Rathaus. In der Eingangshalle war es totenstill. Jeder ihrer Schritte hallte von den Wänden zurück. Laguna holte aus seiner Jacke drei metallene Teile heraus und steckte sie aneinander. Ein Maschinengewehr.
"Gehört das zur standardmäßigen Präsidenten-Ausstattung?", konnte Squall Cifers ironisches Geflüster hören.
"Nein, aber zur standardmäßigen Laguna-Ausstattung."
"Seid ruhig!", zischte Squall.
Er konnte etwas hören. Es klang wie das Geräusch eines gequälten Tieres. Es war kaum auszumachen. Sie beschleunigten ihre Schritte. Das Gekeuche wurde lauter. Im Schatten der imposanten Treppe, die zu den Konferenzräumen führte, lag etwas. Ein Mensch. Blut war an der Wand. Es war der Wachmann. Laguna rannte zu ihm hin. Er flüsterte ihm ein paar Worte ins Ohr und bedeutete Cifer und Squall weiterzugehen.
Sie schritten durch die verlassenen Gänge des Rathauses. Jedesmal wenn sie um eine Ecke gingen, schlug Squalls Herz etwas stärker. Schließlich waren sie auf dem Gang vor Lagunas und Odynes Quartier. Die Tür war leicht offen. Squall schlich sich langsam an die Tür heran. Er spürte Cifers heißen Atem in seinem Nacken. Squall hörte etwas. Jemand atmete schwer hinter der Tür. Da war jemand. Squall und Cifer stießen die Tür auf. Das Atmen gehörte zu Odyne. Er lag auf den Boden. Die Geräte sind demoliert worden.

"Professor. Professor Odyne sind sie in Ordnung?", rief Squall.
Er lief zu Odyne. Er stand unter Schock.
"Professor, was ist passiert? War es Niida?"
Odyne antwortete nicht. Er warf einen Blick über seine Schulter und der Ausdruck puren Schreckens machte sich über sein Gesicht breit. Squall drehte sich um. Hinter Cifer stand in der Eingangstür Niida.
Sein Gesicht war ausdruckslos. Der Schweiß stand auf seiner Stirn. Squall fing an zu zittern. Ohne das er es irgendwie verhindern konnte, überkam Squall eine Todesangst.
"Cifer..."
Cifer wirbelte herum und ließ sein Schwert auf Niidas Kopf niedersausen. Niida griff ihn am Arm und wehrte damit Cifers Schlag ab. Squall konnte nicht glauben, was er sah. Cifers Schwert steckte ein paar Zentimeter in Niidas Kopf. Der Schlag hätte ihn eigentlich zweiteilen müssen, doch Niida hatte den Schlag mit seiner Hand abgefangen. Er sah Cifer ausdruckslos an. Niida drückte Cifers Arm mühelos nach oben. Das Schwert glitt sauber wieder aus Niidas Kopf hinaus. Blut tropfte leicht auf sein Gesicht und ließ ihn wie ein Monster aussehen. Das Monster packte Cifer am Arm. Dieser schrie vor Schmerz auf. Cifer Gunblade fiel klirrend zu Boden. Squall fiel auf, dass er Cifer noch nie hatte schreien hören. Niida packte ihm am Hals. Er hob ihn mühelos nach oben und schmetterte ihn gegen die Wand. Cifer fiel auf den Boden und blieb regungslos liegen.
Squall stand auf und richtete seine Gunblade auf Niida. Er war schwer verletzt, doch der Wahnsinn, der aus Niidas Augen schien, erlaubte es ihm nicht zu sterben. Niida schritt langsam auf Squall zu. Er humpelte. Sein Bein war angeschossen. Squalls Herz schlug schneller. Er konnte sich nicht bewegen. Niida stand jetzt einen halben Meter von ihm weg. Er konnte Niidas Atem riechen. Er roch nach Blut. Squall blickte in Niidas Augen. Sie hatten jedes Gefühl verloren.
"Niida. Wir sind doch Freunde..."
"Wo ist Rinoa?"
Es war zwar seine Stimme, doch sie hörte sich anders an. Sie hatte einen neuen Klang. Squall hatte auf einmal das Bedürfnis, alles, was er wusste, sein ganzes Leben diesem Mann zu erzählen.
"Ich weiß es nicht."
Niidas Hand schoss vor und klammerte sich an Squalls Hals fest. Squall versuchte einzuatmen, doch nicht ein bisschen Luft kam durch seine Luftröhren. Ihm wurde schwarz vor Augen. Jetzt würde er sterben.
"Wo ist Rinoa?"
Squalls Körper begann zu zittern. Eine eisige Kälte kam über seinen Körper. Er verlor die Kontrolle. Er sah sich selbst. Und auf einmal sprach eine Stimme. Die Stimme eines alten Mannes. Die Stimme Alphegas. Sie sagte Worte, die er nicht verstand. Squall fühlte einen Schlag von Hitze durch seinen Körper gehen. Er fiel...
Squall fühlte den schmerzhaften Aufprall auf dem harten Boden. Niida hatte ihn losgelassen. Squall schaute hoch. Niida sah ihn an. Er bebte, als ob er in einen inneren Kampf austragen würde. Dann drehte er sich um und ging durch eine kleine Tür hinaus. Squall hörte, wie sich seine Schritte langsam entfernten und schließlich konnte er nur noch ihr Echo hören.

"Er ist durch den Hintereingang raus und hat sich einen der Regierungswagen geschnappt. Wir haben ihn verloren", berichtete ein Wachmann Laguna.
Laguna nickte. Neben ihm kümmerten sich ein paar Ärzte um Cifer und Odyne, obwohl man sich des Eindrucks nicht verwehren konnte, dass beide Patienten sehr unterschiedlicher Auffassung von der Behandlung waren und einer eindeutig nach mehr Zuwendung verlangte, als der andere.

Squall saß auf einem Bürgersteig etwas abseits vom Rathaus. Er spielte selbstvergessen mit seinem Schwert. Vielleicht hatte Rinoa ja recht gehabt und er war wirklich nicht bereit, sie zu beschützen...
"Ist das eine echte Gunblade?"
Squall sah auf. Ein paar Meter weiter stand ein Junge. Er war wohl so um die acht bis neun Jahre alt. Hinter ihm standen weitere Kinder. Waren wohl seine Freunde. Squall nickte.
"Bist du ein Soldat?"
"Nein."
"Wieso brauchst du dann ein Schwert?"
"Ich war mal ein SEED."
Die Augen des Junges weiteten sich.
"Echt? Warum war?"
"Ich hab aufgehört."
"Wieso?"
"Ich hatte keine Lust mehr."
"Keine Lust mehr ein SEED zu sein? Versteh ich nicht."
Squall musste ernsthaft nachdenken. Er konnte noch nie gut mit Kindern umgehen. Er überlegte sich gerade, wie er dem Jungen das erklären sollte als...
"Krieg ich mal das Schwert?"
"Klar."
Squall leerte das Magazin und übergab es ihm. Der Junge hatte einige Schwierigkeiten, es zu halten.
"Das sah eben noch gar nicht so schwer aus", meinte der Junge. Er gab es Squall zurück.
"Ich glaub, ich will doch kein SEED mehr werden."
"Warum?"
"Die Schwerter sind mir zu schwer."
Squall musste lachen. Vielleicht war dieser Junge ja bereits jetzt klüger als er.
"Was willst du denn mit so einem schweren Schwert?"
"Ich will eine gute Freundin finden. Doch das nicht so einfach, da es überall Monster gibt. Und um diese Monster zu töten, braucht man ein Schwert."
"Und mit diesem Schwert kann man jedes Monster töten?"
Nicht jedes, dachte sich Squall. Er nickte.
"Deine Freundin... ist sie von zu Hause weggelaufen?"
"Könnte man so sagen."
"Und du suchst sie?"
"Ja."
"Und was ist, wenn sie nicht zurückkommen will?"
Squall schwieg. Der Satz hatte ihm einen Stich in die Magengrube versetzt. Sicher, Rinoa hatte in ihrem Tagebuch und ihm bei ihrem Telefonat versichert, dass sie wieder zurückkommen würde... aber was war, wenn es nicht so sein würde?
"Bist du Squall?"
Squall schaute das Kind an.
"Ja, wieso?"
"Ist das dein Brief?"
Der Junge hielt ihm einen Brief entgegen. Auf ihm stand Squalls Name.
"Woher kommt der?", wollte Squall wissen.
"Der fiel eben vom Himmel", meinte der Junge träumerisch.
Squall schaute nach oben. Hatte er sich das eingebildet oder hatte da eben noch ein Mann auf dem Dach gestanden?
Er verabschiedete sich von den Kindern und machte sich auf den Weg zum Rathaus.

"Nach allem, was wir sehen können, ist in diesem Brief nicht gefährliches enthalten. Keine Handgranate, kein Schlafpuder, keine 'Esthar Moonlight'. Sie können ihn öffnen", sagte einer der Polizisten, nachdem er den Brief mit einem Sensor untersucht hatte.
Laguna und Cifer sahen Squall an. Er öffnete den Brief. Er war in einer kunstvollen Handschrift geschrieben. Squall wollte sich gerade wundern, wer wohl solch eine Schrift hatte, musste jedoch nicht lange nach dem Verfasser suchen. Er schluckte einmal und las dann den Brief laut vor:

Lieber Squall,
ich hätte Sie gerne mal gesprochen. Ich habe Informationen, die Sie vor allem privat interessieren würden. Eventuell muss ich Sie im Gegenzug um einen kleinen Gefallen bitten. Seien Sie in einer Stunde in dem Innenhof der Kneipe, dessen Besitzer vor kurzem erschossen wurde. Kommen Sie alleine oder ich werde nicht erscheinen.

Prokylta


"Du wirst doch da wohl nicht etwa hingehen? Squall, das ist eine Falle", sagte Cifer drohend, als Squall sein Schwert einsteckte und sich allen Anschein nach für die Abreise vorbereitete.
"Squall, sie spricht hier von einem kleinen Gefallen, im Klartext, sie will einen Handel mit dir machen", meinte Laguna.
"Den soll sie kriegen. Rinoa ist da draußen zusammen mit einem durchgeknallten Typen mit Superkräften, der sie, so wie es momentan aussieht, umbringen oder sonst etwas Ungutes mit ihr machen will. Ich muss sie auf alle Fälle vor ihm finden!"
"Um sie dann heroisch zu beschützen?", fragte Cifer zweifelnd.
"Squall, ich kenne diese Prokylta nicht aber du hast mir ein genug von ihr erzählt. Wenn du dieser Frau auch nur irgendwas gibst, wirst du ihr für immer gehören! Squall, hör mir zu, es gibt immer einen anderen Weg", sagte Laguna eindringlich.
"Leider haben ich und Rinoa für diesen anderen Weg keine Zeit mehr. Ich werde da jetzt hingehen. Sie hat mich schon einmal am Leben gelassen. Vielleicht ist sie heut wieder so nett."

Von außen sah Günthers Restaurant genauso aus wie immer. Nur das Polizeisiegel deutete auf das Verbrechen hin, das hier vor kurzem geschehen ist. Es war fast so, als wollte man genau den Eindruck erwecken, den Squall hatte. Es sollte aussehen, als ob nichts passiert wäre.
Squall sah sich vorsichtig um. Niemand befand sich auf der Strasse, niemand, der unbequeme Fragen stellen konnte. Er trennte vorsichtig das Siegel auf und betrat das Restaurant.
Abgesehen von einer kleinen Staubschicht sah hier alles genau so aus wie vor ein paar Tagen. Die Stille war unheimlich. Squall schritt langsam durch die Kneipe. Ein Auto fuhr vorbei. Das Geräusch drang gedämpft hinein. Er musste sich zusammenreißen!
Er durchquerte das Restaurant und trat schließlich auf den Hinterhof.
Der Hinterhof war groß und wunderschön. Er war in einem alten Centra Stil gehalten. Säulen stützten Überdachungen, unter die sich die Gäste im Falle von Regen hatten zurückziehen können. Ein schöner Brunnen stand in der Mitte des Hofes. Er war natürlich nicht in Betrieb. Squall stellte sich vor, wie er hier hätte sitzen können, ein Glas vor sich hinschlürfend, dem Geplätscher des Brunnens zuhörend, die Welt vergessend...
Es war wider Erwarten doch ein kalter Tag geworden. Der Himmel hatte sich bewölkt. Es wurde Herbst. Ein paar verdorrte Blätter flogen vorbei. Sie hatten eine wunderschöne rötliche Farbe. Squall sah ihnen nach. Sie flogen zu der anderen Seite des Hofes und blieben unter der Terrasse vor den Füßen einer Frau liegen. Sie stand im Schatten. Squall erinnerte sich an den Moment, am dem er das letzte Mal diesen stechenden Blick gesehen hatte. Sein Herz begann schneller zu schlagen. Ruhig, du musst ruhig bleiben, sagte sich Squall.
Sie trat langsam aus dem Schatten hervor und ging auf Squall zu. Er wunderte sich, wie klein sie doch eigentlich war. Er hatte sie als übermächtige Hexe in Erinnerung. Jetzt stand vor ihm eine normale Frau mit langen, schwarzen Haaren und einem schwarzen Kleid mit gewagtem Ausschnitt. Squall blickte unwillkürlich in den Schatten hinter Prokylta. Da stand jemand. Ein schwarz gekleideter Mann mit einem langen Umhang. Er hielt eine Art Helm oder Maske in seiner Hand. Squall konnte sein Gesicht nicht sehen. Der Mann stand zuweit im Dunkeln...
"Kümmere dich nicht um ihn. Hier geht es nur um uns beide", begrüßte ihn Prokylta. Sie sah ihn von oben bis unten an.
"So sehen wir uns also wieder. Schneller als gedacht, mein lieber Squall. Du siehst furchtbar aus."
"Sollte ich deswegen kommen?", fragte Squall.
"Warum so unhöflich? Ich wollte dir gerade ein Kompliment machen. Schließlich hast du es geschafft, die letzten Tage am Leben zu bleiben, obwohl ich doch einige Anstrengungen unternommen habe, dies zu verhindern. Du konntest sogar aus dem Kreise ein paar meiner ergebensten Diener flüchten. Sie wurden natürlich angemessen bestraft."
"Wie ihr guter Freund Zed?"
"Um den werde ich mich noch kümmern", meinte Prokylta mit ruhiger Stimme, allerdings war für einen kurzen Moment ein Anflug von Ärger über ihr Gesicht gehuscht.
"Ihre Einladung hat mich etwas überrascht."
"Ich bin eben immer für eine Überraschung gut."
"Warum wollen Sie mir auf einmal helfen?"
Prokylta lachte leise. Squall lief ein Schauer über den Rücken. Sie war gefährlich nahe.
"Ich sehe in deinen Augen, dass du viel mitgemacht hast in den letzten Tagen. Hyne wurde entfesselt. Und du hast es gesehen. Doch unsere Arbeit ist nicht getan. Der Schöpfer befindet sich momentan in einem, für ihn, unwürdigen Körper. Dieser Niida kämpft gegen ihn an und weigert sich den Spruch auszusprechen, den er aussprechen müsste, um ihn und sich am Leben zu erhalten. Ich kann mit Hyne nicht kommunizieren, solange er in diesem unwürdigen Haufen Fleisch festgehalten wird. Solange der Schöpfer nicht im Vollbesitz seiner alten Kräfte ist, brauchen wir einen etwas würdigeren Wirt."
"So jemanden wie Sie?", fragte Squall.
"Nein. Ich mag es, frei zu sein. Ich war zu lange unfrei. Auch nicht mein Freund da. Auch er genießt seine neue Freiheit."
Sie deutete auf den Mann im Schatten. .
"Du bist so nah, Squall. Es würde schnell gehen. Dann wär alles vorbei", flüsterte Prokylta auf einmal und lächelte.
Squall zwang sich, ihr fest in die Augen zu sehen. Sie würde ihn nicht umbringen. Nicht jetzt. Das hätte sie auch einfacher erreichen können. Prokylta schien ähnlich zu denken.
"Aber nicht heute. Ich bin heute als ihre Freundin hier."
"Was denn? Keine übersinnlichen Stimmen dieses Mal? Sie sind eine Mörderin! Wie könnte ich...."
"Das sind wir beide, Squally. Also lass deine moralische Ansprache stecken und uns zum Punkt kommen. Ich habe eine Information für dich, die dich interessieren könnte."
Prokylta hielt inne und sah ihn mit einem Lächeln an. Squall nickte.
"Rinoa. Sie wissen, wo sie ist, oder?"
Prokylta nickte.
"Wo ist sie?"
Prokylta lachte erneut.
"Rinoa ist da, wo ich sie haben will. Jetzt gilt es, jemanden anderen zu bewegen. Ich mache dir ein Angebot. Ich gebe dir alles, was du willst. Jede Information, die du haben willst. Ich gebe dir Rinoa."
"Und wo ist der Haken? Das werden Sie wohl kaum aus purer Freundschaft tun."
"Schon richtig. Bekannterweise geben wir ja, um zu nehmen."
Prokylta begann, um Squall herumzugehen. Doch dieses Mal würde er sich nicht verzaubern lassen. Er begann ebenfalls, sie zu umkreisen.
"Ich will nur ein kleines Opfer von dir. Der Grund, warum du Rinoa nicht finden kannst, ist, dass du nicht bereit für sie bist. Ich kann dich bereit machen. Komm mit mir und arbeite für mich. Ich kann deine Probleme aus dem Weg räumen. Und ich kann dich zu Rinoa führen und dir zeigen, warum sie dich wirklich verlassen hat und was sie im tiefsten Innersten wirklich spürt."
Squall sah sie an. Sie meinte dieses Angebot ernst.
"Nein, daraus wird nichts. Sorry, Prokylta."
Prokylta fing an zu grinsen. Es war ein hässliches Grinsen.
"Bist du sicher? Na dann viel Glück. Wie man so hört, läuft es zwischen dir und Rinoa gerade besonders gut. Sie versteckt sich nicht vor der Welt, sie versteckt sich vor dir, Squall."
Squall sah Prokylta an. Sie hatten aufgehört, sich zu umkreisen.
"Ich weiß nicht, wer Sie sind, Prokylta, oder was Sie eigentlich wollen. Ich weiß nur eins, und zwar..."
"Die Stimmen sprechen wieder. Sie sagen mir, dass ich Squall...", zischte sie ihm ins Wort.
Squall zog seine Gunblade und hielt ihr sie an den Hals. Der Mann im Schatten machte eine plötzliche Bewegung. Er zog seine Waffe. Der Typ hatte ebenfalls eine Gunblade!
"Verschonen Sie mich mit ihrem pseudo-mystischen Gequatsche. Mit ihrer Stimmenshow beeindrucken Sie vielleicht die Mitglieder ihrer wunderbaren Sekte aber nicht mich. Nicht mehr. Wenn Sie nichts mehr zu sagen haben, werde ich jetzt gehen", sagte Squall nervöser als er es wollte.
"Und ich sage dir, es wird eine Zeit kommen, da wirst du uns als Freunde sehen", meinte Prokylta.
"Niemals!", gab Squall zurück.
"Wir sehen uns", lächelte Prokylta.
Er nahm langsam das Schwert von ihrem Hals und ging rückwärts von ihr weg.
Prokylta winkte ihm noch einmal zu, drehte sich ebenfalls weg und war binnen weniger Sekunden in den Schatten verschwunden.

Die Wolken verdichteten sich. Dollet sah merkwürdig farblos aus ohne die rötliche Sonnenbestrahlung. Die Bewohner haben sich in ihre Wohnungen zurückgezogen. Keine Kinder waren mehr zu sehen. Nur ein junger Mann wanderte einsam und selbstvergessen durch die Straßen. Hier und da drehte er sich um und prüfte, ob jemand ihm folgte. Schließlich setzte er sich auf einen Bürgersteig.
Was sollte er tun? Alle Wege und Spuren haben sich als Sackgasse erwiesen. Er war wieder bei null angelangt. Der Wind blies langsam stärker. Squall blickte zu dem wolkenverhangenen Himmel auf. Da flog etwas. Es war eine Feder. Sie war vom Winde zerzaust. Sie war grau. Squalls Hand umschloss die Feder und schloss seine Augen. Er hörte den Wind heulen. Ein Unwetter zog herauf. Das Geräusch eines sich nahenden Autos. Ein Regierungswagen. Das Auto hielt an. Squall sah auf. Aus dem Wagen stieg Laguna Loire.
"Hey Squall!"
"Laguna, ich dachte, du wärst schon abgeflogen."
"Äh, ich bin gerade auf dem Weg zur Apokalyptica. Der zweite Beerdiger, so nennen wir die Schiffe, die, neben der Ragnarok, den Adell Sarg in den Himmel geschossen haben. Ursprünglich hießen die Dinger ja alle Ragnarok, aber ich fand das langweilig. Übrigens ist eure Ragnarok wieder bestens in Schuss. Ihr könnt sie ruhig vorerst behalten."
"Danke."
"Keine Ursache. Ähm... ich bin ehrlich gesagt nicht nur zum tschüss sagen hier. Tja, wie soll ich's ausdrücken... Ich weiß, wo Rinoa ist."
Squall traute seinen Ohren nicht. Er wollte eine der Tausenden Fragen stellen, die er im Kopf hatte, doch Laguna beantwortete bereits eine von ihnen.
"Ich hatte ein Gespräch mit... egal. Squall, sie ist im Waisenhaus."
Squall Gedanken überschlugen sich.
"Im Waisenhaus? Seit wann..."
"Seitdem du dort warst. Sie ist dir von Dollet aus gefolgt und befindet sich seitdem dort."
Squall konnte es nicht glauben. Das konnte nicht sein...
"Woher weißt du das alles?"
"Das kann ich dir nicht sagen. Betrachte es als Dankeschön für die letzten Jahre. Machs gut, Squall."
"Laguna, was..."
"SQUALL!"
Squall drehte sich um. Cifer kam auf ihn zugerannt.
"Da bist du. Wie lief`s mit Prokylta?", fragte Cifer.
Squall drehte sich zu Laguna um. Doch er war bereits wieder in das Auto eingestiegen. Ein kurzes Aufjaulen des Motors und schon fuhr es los. Es beschleunigte ungewöhnlich schnell, bog ab und war bereits nach wenigen Sekunden nicht mehr zu hören.

Laguna sah selbstvergessen aus dem Fenster und kümmerte sich nicht um die Frau, die ihm gegenüber in der Limousine saß. Sie schien etwas mehr Aufmerksamkeit zu erwarten, denn sie sprach ihn letztlich an.
"Du hast dich richtig entschieden, Laguna."
"Das tue ich nicht für dich, dass das klar ist. Das tue ich nur für ihn."
"Wie der Sohn, so der Vater. Na ja, nicht ganz", antwortete Prokylta mit zufriedener Stimme.
Sie sah Laguna noch lange an, selbst als dieser schon lange weggesehen hatte.

Schweigend stand Squall im Passagierraum der Ragnarok. Er beobachtete die Sonne, die langsam aber sicher den Abend einleitete und die fantastischen Wolkenformationen, die die Ragnarok ab und zu streifte. Hier über den Wolken war alles friedlich. Die Sonne wusste nichts von den Problemen der Welt. Sie schien ungerührt weiter und beendete mit stoischer Gelassenheit einen weiteren Tag. Aber unter der Wolkendecke brodelte es.
Ein akustisches Signal kündigte Squall an, dass sie bald da waren. Er verließ den Passagierraum und machte sich auf den Weg zur Brücke. Wie ein stiller Schatten folgte ihm Cifer. Squall setzte sich ans Steuer. Keine Selphie, kein Niida würde die Ragnarok landen. Sie waren alle weit weg. Squall nahm das Steuer selbst in die Hand.

Das Grollen war dumpf aber deutlich zu hören. Die Luft war stickig. Es war bewölkt. Es war windig. Ein Unwetter zog auf.
Squall und Cifer schritten zügig auf das Waisenhaus zu. Sie hörten Kindergeschrei. Ein paar der Kinder schienen am Strand zu spielen. Squall ging an die Tür. Sein Herz klopfte. Dies war der Moment der Wahrheit. War sie wirklich hier? Oder war es nur ein weiteres Täuschungsmanöver? Squall klopfte dreimal etwas lauter, als es vielleicht nötig gewesen wäre.
"Da ist jemand, da ist jemand!", hörte Squall eine Mädchenstimme rufen.
Geflüster. Jemand kam an die Tür.
"Ich bin's", rief Squall durch die Tür.
Die Tür öffnete sich. Cid sah sie ernst an.
"Können wir reinkommen?", fragte Cifer barsch und trat ein. Cid wich etwas widerwillig zurück.
"Squall, Cifer, das ist aber eine Überraschung. Ähm... tja, natürlich könnt ihr reinkommen..."
"Wo ist Rinoa?", fragte Squall nicht weniger barsch.
"Rinoa? Rinoa ist nicht hier. Ich weiß nicht, wovon du redest. Ich äh..."
"CID, ICH HAB GENUG VON DIESEM MIST! ICH BIN HIER, UND ICH WILL EINE FRAGE BEANTWORTET HABEN: WO IST SIE?"
Cid, überwältigt von Squalls kleinem Wutausbruch, wollte gerade antworten, als...
"Squall."
Squall drehte sich um. Edea stand in der anderen Tür. Neben ihr kauerten sich zwei kleine Kinder. Squall erkannte Nimbley wieder. Das andere Kind war ein kleines Mädchen.
"Ist sie hier?", fragte Squall etwas ruhiger.
"Ja."
Squall ver- und entspannte sich gleichzeitig.
"Und warum weiß ich davon nichts?"
"Dafür gibt es Gründe."
"Ach ja, wirklich? Wie kommt ihr dazu, über mein Leben immer noch entscheiden zu wollen? Wieso könnt ihr nicht einfach die Wahrheit sagen? Wieso musstet ihr alles vor mir verheimlichen?", fragte Squall bitter.
Er warf ein Blick zu den Kindern und fuhr dann wütender fort.
"Was erzählt ihr denn den Kindern? Das sie in einer tollen Welt groß werden? Das sie eines Tages die Welt retten? Das jeder Mensch nett zu ihnen sein wird?"
Der Junge schaute Squall an. Er sah flüchtig zurück.
"Du kannst ein Kind nicht überladen mit Informationen! Verdammt noch mal, Squall. Schau doch, wie du geworden bist, als du Ell nicht finden konntest! Du hast dich verschlossen und niemanden mehr an dich rangelassen. Hast dich für nichts interessiert. Nicht für deine Mitmenschen, nicht für dich selbst, nicht für das, was du getan hast. Und ohne Rinoa wärst du heute der einsamste Mensch der Welt!"
"Und ihr habt sie mir genommen!"
"Das ist doch quatsch. Dieses Waisenhaus haben wir gebaut, um den Kindern in Zeiten des Terrors eine halbwegs sichere Unterkunft zu bieten. Ich wollte euch alle beschützen. Ihr brauchtet Schutz. Ihr habt bereits soviel in eurem Leben mitmachen müssen. Cifers Eltern wurden vor seinen Augen getötet, nur weil sie irgendeinem politischen Scheiß nicht zugestimmt haben. Ich habe sogar Artemisia aufgenommen, um euch zu beschützen. Ich habe mein Leben euch gewidmet! Und ich habe dafür geblutet, wie du weißt. Ich bin zu einem Monster geworden, weil ich euch Kinder beschützen wollte. Und ich werde es immer wieder tun. Weil es einen Ort auf dieser Welt geben muss, wo man sich vollkommen sicher fühlen kann! Wo es diesen ganzen Dreck dieser Welt nicht gibt! Ihr hattet zuviel Realität. Ihr musstet wieder träumen lernen."
Es klang so, als ob Edea das schon lange hatte loswerden wollen. Sie holte einmal tief Luft und redete dann ruhiger weiter.
"Rinoa kam zu mir, weil auch sie Schutz wollte. Und weil sie mit mir reden musste. Und beides habe ich ihr garantiert."
Squall schaute sie lange an. Er hatte über Cifers Vergangenheit nichts gewusst. Cifer war nun ausgerechnet derjenige, der den nächsten Satz sagte.
"Ich finde, er hat einen Punkt. Er hat das Recht, die Wahrheit zu erfahren."
"Ich bin kein Kind mehr!", fuhr Squall fort.
Edea blieb stumm.
"Ich bin erwachsen. Ich will mit ihr reden. Ich wissen, warum sie das getan hat. Ich will es einfach wissen. Und wenn alles nur ein Traum war... dann sollte ich jetzt besser aufwachen."
Edea schwieg. Sie schien mit sich selbst zu kämpfen, was sie nun sagen sollte. Das Rauschen des Meeres war zu hören. Squall sah zum Fenster. Dort lag etwas... eine Feder. Ein Windstoß ließ sie davon fliegen. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, folgte Squall der Feder. Er trat ins Freie. Die Feder flog zum angrenzenden Blumenfeld. Eine Frau stand alleine im verblühten Feld. Sie stand mit dem Rücken zu ihm, doch er wusste sofort, wer es war.

Squall ging langsam über das Feld. Herbstliche Blätter flogen ihm ins Gesicht. Er hörte das Meer rauschen. Als er drei Meter von der Frau entfernt war und sie sich immer noch nicht umgedreht hatte, rief er ihren Namen. Sie drehte sich um. Sie sahen ihn an. Er sah sie an. Er wusste sofort, dass sie sich verändert hatte, dass das Bild, das er von ihr sich in seinem Kopf die letzten Tage immer wieder vor Augen geführt hatte, überholt war. Sie trug nun ein lange schwarze Reiserobe. An ihrem Gürtel hing ein Schwert. Es war jedoch keine Gunblade.
Ihre Haare... Squall fiel auf, dass ihre blonde Strähne zu einer grauen geworden war. Aber am meisten hatten sich ihre Augen verändert. Sie wirkten gealtert. Ihr Gesicht sah immer noch jung aus aber ihr Blick verriet, dass sie eine schwere Zeit hinter sich hatte.
Sie sah Squall an. Er erwiderte ihren Blick. Er sah ihr wunderschönes, aber müdes Gesicht an, ihre schönen Augen, ihre im Wind wehenden Haare...
Wie lange sie sich ansahen, wusste er nicht. Doch dann veränderte sich etwas. Ein neues Geräusch kam hinzu. Das Geräusch eines Autos. Das Geräusch eines Regierungswagens aus Dollet...
Squall fuhr herum. Vor dem Waisenhaus kam eine Dolletsche Limousine zum Stillstand. Die Tür ging auf und heraus kam ein Mann.
"Er ist es!"
Squall drehte sich um. Rinoa hatte dies gesprochen. Sie hatte diesen Moment erwartet.
"Wir müssen ins Haus", rief Squall.
"Das wird nicht viel nutzen", antwortete Rinoa.
"LAUF SCHON!", schrie Squall.
Er hob seine Gunblade. Niida kam auf die beiden zu und beschleunigte seine Schritte. Squall kam Niida ein Stück entgegen. Er humpelte. Das Blut aus seinem halbgeteilten Kopf war inzwischen getrocknet. Er sah grauenvoll aus. Squall hörte, wie Rinoa hinter ihm ins Haus lief.
"Du wirst sie nicht bekommen...Hyne", rief Squall dem Monster entgegen.
"Brauchst du Hilfe?", kam eine Stimme hinter ihm.
Cifer kam aus der Hütte, sein zerschlissener Umhang wie die Robe eines Königs wehend.
"Immer doch", grinste Squall schief.
Niida kam auf Squall und Cifer zu. Beide hoben ihre Gunblades. Squall drückte ab. Das Projektil traf Niida in der Brust. Er wurde kurz zurückgeworfen, ging dann jedoch, anscheinend unbeeindruckt, wieder vorwärts. Neben ihm tat Cifer das Gleiche. Squall drückte so schnell er konnte durch. Squall fühlte, wie der Rückstoß durch seinen ganzen Körper fuhr. Er begann zu schwitzen. Niida kam näher. Diese ausdruckslosen Augen. Squall kam ein Gedanke. Niida benutzte seine Augen nicht mehr!
Klick...klick...klick. Das Magazin war leer. Squall schwitzte. Niida blutete nun stark. Er hatte mehrere Wunden im Bein, in der Brust und Cifer hatte ein paar Schüsse auf seinen Kopf abgefeuert.
"Ins Haus!", schrie Cifer.
Niida kam näher.
"Rein!", brüllte Squall und zog Cifer ins Haus und rammte die Tür hinter ihm im letzten Moment zu.
Beide hoben ihre Schwerter. Niida würde jeden Moment reinstürmen. Jeder im Raum atmete schnell. Rinoa hatte ihre Hände erhoben, bereit, Niida mit Zaubern einzudecken. Ein paar Funken schlugen zwischen ihren Händen. Doch Niida kam nicht. Er stand vor der Tür. Unter dem Türschlitz sah man den Schatten seiner Füße. Niida begann an der Tür zu rütteln. Warum machte er sie nicht auf? Sie hörten Schritte, die sich entfernten. Die Schatten waren weg.
"Er ist immer noch da draußen! Wir müssen alles verriegeln! Er könnte einen anderen Eingang suchen", zischte Edea.
So leise wie möglich schlossen sie die anderen Türen ab. Und dann war es wieder still. Man konnte jeden im Raum atmen hören. Die beiden Kinder schluchzten leise. Squall hörte das Meer rauschen... und Kinderstimmen. Und dann fielen ihm Worte ein, die er in einer anderen Zeit mal gehört hatte...
"Hyne wollte die Menschheit auslöschen. Deswegen tötete er ihre Kinder."
Squall hörte schnelle Schritte: Edea war ans Fenster gerast.
"HEY, KOMMT SOFORT REIN!", brüllte Edea panisch.
Die Kinder maulten und machten sich langsam auf den Weg. Zu langsam. Squall sah ebenfalls raus. Auf einmal wurde es ihm eiskalt. Niida war auf dem Weg zum Strand. Die Kinder haben ihn gesehen, sie blieben stehen.
Rinoa riss die Tür auf und rannte zum Strand. Squall und Cifer hinter her.
"HYNE!", brüllte Rinoa ihm hinterher.
Niida stand nun bei den Kindern. Er drehte sich um. Er lächelte. Doch es war kein freundliches Lachen. Es war das Lachen eines Wahnsinnigen.
"FEUJA!", donnerte Rinoa. Aus ihrer Hand entlud sich der gewaltigste Feuersturm, den Squall je gesehen hatte. Die Hitze schlug Squall ins Gesicht.
Der Feuerstrahl traf, perfekt gezielt, Niida. Er hob seine Hände. Er wehrte einen Großteil ab, doch nicht alles. Niida hatte nun Brandwunden. Dann fing er an zu sprechen. Er sprach in einer Sprache, die Squall nie gehört hatte, die ihm unmenschlich erschien, doch er verstand vollkommen. Diese Stimme verkündete die Wahrheit, nichts als die Wahrheit.
"Eine Krone des Lichts schwebt über eurem Haupt. Rinoa, meine einzige und schönste Tochter, lichterfüllte Göttin, endlich sehen wir uns nach diesen Äonen wieder."
"Kann mich nicht erinnern, dich jemals gesehen zu haben, Hyne!", brüllte Rinoa.
"Vor einer langen Zeit sollte diese Menschheit zur höchsten Vollkommenheit gelangen, das große Licht ergreifen, dass ich ihnen gegeben habe. Doch sie haben versagt, sie haben mein Geschenk ausgeschlagen und verdorrten und wurden zu lebenden Toten. Ich gebe ihnen den verdienten Zustand wieder..."
Die Luft wurde immer stickiger. Squall kam es so vor, als könne er nicht mehr atmen. Niida zitterte. Dann passierte etwas. Aus seiner Brust kamen Lichtstrahlen. Sein Körper begann auf einmal zu leuchten. Das Licht blendete Squall so gewaltig, dass er dachte, er werde blind. Er kniff die Augen zusammen. Im Licht stand jemand. Ein Umriss. Ein Kreischen, ein unmenschliches Kreischen. Es durchdrang ihn. Seine inneren Organe schienen alle zu beben. Das Kreischen wurde immer lauter. Bald würde es ihn zerschmettern. Sein Herz würde reißen, das Blut in seinen Körper laufen. Er konnte es schon fast spüren, wie sein Herz langsam anschwoll. Es tat immer mehr weh, es wurde immer gespannter, es wurde...
Squall hörte nichts mehr. Aus dem Licht kamen blaue Flammen. Auf einmal kam der Ton wieder, aber verändert. Es war wie das Plätschern einer Welle, nur unendlich langsamer. Langsam holte das Geräusch Luft, es stieg allmählich zu einem lauten Crescendo an, es wurde lauter und lauter, gleich würde die Welle brechen und... dann knallte es auf einmal. Es war die lauteste Explosion, die Squall jemals gehört hatte. Die blauen Flammen hüllten alles ein. Er hörte Schreie. Entsetzen. Die Kinder... sie starben. Sie wurden aus dem Leben gerissen. Ein letzter großer Aufschrei... und dann Stille. Squall stand kurz davor, sich zu übergeben. Doch etwas neues passierte. Die Flammen bewegten sich nun auf das Waisenhaus und Cifer und Squall zu.
Er konnte die Intensität des kalten Feuers spüren. Dieses Feuer strahlte keine Wärme aus, es existierte nur, um zu zerstören. Auf einmal sprang jemand vor die beiden. Es war Rinoa! Das Feuer konzentrierte sich sofort auf sie. Die Flammen krochen an Rinoa hoch. Sie würden sie verzehren. Doch sie schaffen es nicht. Rinoa streckte beide Arme zur Seite aus. Sie blockte die Flammen ab! Auch ihr Körper begann leicht zu leuchten. Er leuchtete rot, warmes schönes rot. Federn flogen. Aus ihrem Rücken wuchsen weiße, warm leuchtende Engelsflügel. Die Flammen schienen vor diesem Licht zurückzuschrecken. Sie bewegten sich langsam zurück zu Niida, der in der Mitte des Infernos stand. Squall konnte Rinoas immense Anstrengung spüren, während sie mühsam die Flammen Zentimeter für Zentimeter zurückdrängte, bis sie schließlich wieder bei Niida waren. Er hörte auf der Stelle auf zu leuchten. Das Licht verließ seinen Körper und verschmolz mit den Flammen. Aus Niidas Rücken floss nun eine Art Mischung aus Dampf und Wasser. Es absorbierte das Licht und die Flammen. Hyne verließ Niidas Körper. Niida selbst fiel sofort auf den Boden. Das Gebilde aus Licht, Flammen und Wasser schoss lautlos über Squall und das Waisenhaus hinweg und flog in Richtung des nahe gelegenen Wäldchens.
Squall meinte etwas zu erkennen. Vor dem Wald stand ein Mann. Es war der mysteriöse Mann, der auch bei seinem Treffen mit Prokylta dabei gewesen war. Er hielt seine Hand in den Himmel. In der Hand befand sich etwas. Eine Art Platte. Das Gebilde floss in die Platte. Der Mann drehte sich daraufhin um und verschwand im Wald. Es war vorbei.

Es war grauenvoll. Verbrannte kleine Leichen. Und in der Mitte Niida. Er zuckte. Rinoa atmete schwer. Die Engelsflügel waren wieder verschwunden. Squall rannte zu Niida. Niida lag flach auf dem Rücken. Sein Körper war eine einzig große Wunde. Niida röchelte. Dann fing er an zu sprechen:
"Squall... ich... ich habe versucht... doch er war stärker... er verfolgte mich... seit ich klein war... der Nachbar... er hat mir immer Süßigkeiten geschenkt... Mutter war nie erfreut drüber... Sie ist wunderschön... sie flüstert zu mir... sie... sie leuchtet so warm... sie ist da."
Und dann starb er. Squall sah zu ihm in einer Mischung aus Trauer, Entsetzen und Ekel herab.
Er fühlte etwas Nasses. Ein Tropfen. Noch ein Tropfen. Es fing an zu regnen. Es blitzte, es donnerte. Squall blickte hoch. Seine und Rinoas Blicke trafen sich. Er wusste, sie hatten sich viel zu erzählen. Sie blickten sich lange durch Rauch und Regen an. Und beide wussten, dass von nun an nichts mehr so sein würde wie früher...