Liebe, Hexen, Zeitkompression... Die Worte schwirrten in seinem Kopf herum. Doch sie ergaben keinen Sinn. Nichts ergab einen Sinn. Oder ergab gerade alles einen Sinn? Er fühlte nichts, er fühlte alles. Er reiste durch das Sternenlicht mit einer Geschwindigkeit, die in keinster Weise messbar war. Fantastische Welten offenbarten sich ihm. Sonnensysteme trafen aufeinander, Leben wurde zerstört, Leben wurde geboren. Er war eins mit dieser Umgebung. Die Zeit zog an ihm vorbei, die Evolution. Nichts spielte mehr eine Rolle. Alle Probleme, die einmal etwas gezählt hatten, waren nun absolut bedeutungslos. Er wusste, wohin er gehen würde. Er würde zum Ursprungsort reisen, dem Punkt, wo wir eines Tages alle ruhen würden.
Doch auf einmal veränderte sich was. Er konnte etwas fühlen. Ihm war kalt. Er konnte denken. Die Reise hatte aufgehört. Ein Lichtblitz. Er kniff die Augen zusammen... Moment mal! Er HATTE wieder Augen.
Es war absolut windstill. Er konnte Schreie und Flüstern hören. Geräusche eines Maschinengewehrs. Lauter und leiser. Unter seinen Schuhen konnte er Gras fühlen. War er tot?
"Nein, weit davon entfernt."
Er riss die Augen auf und wirbelte herum und blickte in das Gesicht eines alten Mannes, in dessen Augen er allerdings nicht Alter, sondern tiefste Unendlichkeit fand.
"Versuch bitte nicht zu sprechen. Da unsere Zeit sehr begrenzt ist, habe ich deiner Erscheinung in dieser Welt nicht die Fähigkeit der Stimme verliehen. Du wirst die Informationen bekommen, die für dich zu diesem Zeitpunkt deines Lebens vorgesehen sind.
Du wirst dich fragen, wer ich bin. Ich habe eine Gestalt auch auf eurem Planeten, allerdings hat meine dortige Existenz kaum mehr etwas mit meinem ursprünglichen Selbst zu tun. Wir teilen uns nichts, außer unserem Namen. Alphega heiße ich bei euch. Ich bin die Vergangenheit, die Zukunft, der Anfang und das Ende, das tiefste Unterbewusstsein und das höchste Wissen, ich bin überall und nirgends.
Vor langer Zeit traten Hyne, der Verräter, und ich, als sein Gegenstück, eine Reise an."
Das Flüstern der Stimmen wurde mal lauter, mal leiser, doch die ruhige und tiefe Stimme des Alten war deutlich zu hören.
"Viel ist seitdem passiert. Doch diese Wahrheiten sind noch zu unwichtig für dich. Höre nur diese wichtige Wahrheit. Hyne existiert, ist am Leben und befindet sich in der gleichen Welt, zur gleichen Zeit, am gleichen Ort wie ihr Menschen. Momentan wandelt er noch unerkannt unter euch, doch schon bald wird er sich seiner Schöpfung zeigen, bald werden sich eure Wege kreuzen.
Wir befinden uns hier in den tieferen Ebenen des Universums, wo manche Sachen noch eins sind, die woanders längst getrennte Wegen. Hier fließen Gedanken, Träume und Zeiten zusammen, die in der materiellen Welt getrennt und sogar verfeindet sind. Vor ein paar Tagen haben dich deine Träume für einen kurzen Moment an diesen Ort geführt und du hast etwas gesehen, das dich beunruhigt hat.
Normalerweise dürfen nur die Nachfahren Hynes an diesen Ort reisen. Rinoa führte es seit langem schon in diese Ebenen ihres Bewusstseins. Sie sah Visionen aus Zukunft, aus anderen Gegenwarten, aus Vergangenheiten.
Gegenwarten, die eigentlich hätten geschehen sollen, geschahen nie. Dies wollen manche Kräfte nicht wahr haben und die nicht geschehene Vergangenheit zur Gegenwart machen. Sie versuchen mit Gewalt aus der jetzigen Gegenwart eine andere zu machen. Das Resultat sahst du in Deling City.
Ich jedoch glaube, dass der Fluss der Zeit keinen Gesetzen unterworfen ist und auch nie unterworfen werden sollte."
Etwas veränderte sich. Da lag jemand. Eine Gestalt lag auf dem Boden. Der Name fiel ihm schlagartig ein. Die Gestalt hieß Squall. Aber... er selbst war doch Squall. Wie konnte Squall regungslos auf dem Boden liegen und gleichzeitig hier stehen und Alphega zuhören?
"Wir befinden uns in dem Traum, der Rinoa veranlasst hat aufzubrechen. Der Traum, der alles anfangen lassen oder alles beenden wird."
Er konnte Schritte hören. Jemand kam. Die Schreie wurden wieder lauter. Durch den Nebel kam eine Frau mit schwarzen Haaren und einem wunderschönen Gesicht. Ihr Name war Rinoa. Sie beugte sich über die tote Gestalt am Boden. Sie schüttelte ihn. Der Tote wachte nicht auf. Er konnte den Schmerz in ihren Augen sehen. Die Schreie wurden lauter. Blaue Flammen tauchten auf. Sie verzehrten mit einer Kälte alles Leben. Sie würden auch Rinoa verzehren, sie kämpfte dagegen an. Engelsflügel sprießen ihr aus dem Rücken. Die Flammen umkreisten sie, bildeteten Klauen, wollten sie vernichten, sie blockte mit den Händen, die Schreie wurden lauter...
Und dann war alles vorbei. Alles stand still. Rinoa stand still, die Flammen standen still. Die Zeit war eingefroren worden. Wie war dies möglich?
"Der Anfang vom Ende oder das Ende vom Anfang? Das liegt an euch. Du musst leben, Squall"
Er fuhr zu dem alten Mann herum. Er hatte ihn mit seinem Namen angesprochen. Er fühlte das Leben.
"Du wirst sie wiedersehen. Bald sogar. Aber noch nicht jetzt. Eure Reise hat begonnen. Ob euch die Wahrheit retten oder zerstören wird, das wird der weitere Verlauf der Dinge zeigen."
Etwas kam in ihm hoch. Er öffnete den Mund. Er hatte etwas mitzuteilen. Doch er konnte nicht, etwas schnürte ihm die Kehle zu. Aber es war wichtig, er musste...
Die Fesseln in seinem Hals lösten sich, Worte bildeteten sich...
"Wieso haben Sie mich hierhin gebracht?"
"Du bist zu mir gekommen, schon vergessen?", lächelte der Alte, der sich als Alphega vorgestellt hatte.
"Lebe Squall. Bekämpfe die Monster, die von außen und von innen versuchen, dich zu verzehren."
Der Himmel über ihnen öffnete sich. Squall konnte ein helles Licht sehen. Er musste dorthin kommen. Er sprang. Er wurde schneller. Das Licht kam immer näher. Es umschlang ihn.
Das Letzte, was er hörte, war die Stimme Alphegas...
"Lebe Squall."
Hartes Metall. Kalt. Geruch von Tod. Er konnte sich nicht bewegen. Er war festgemacht. Es waren schlechte Eindrücke. Es war die Wirklichkeit.
"Wundern Sie sich nicht, wenn Ihnen schlecht ist. Das Betäubungsmittel war so stark, sie waren beinahe tot."
Diese Stimme. Sie gehörte einem Mann. Der Name dieses Mannes war Zed. Squall öffnete die Augen. Seine schlimmsten Befürchtungen hatten sich bestätigt. Er war in dem Raum, der ihn seit fünf Jahren in seinen Albträumen verfolgt hatte. In diesem Raum war vieles zerstört worden. In diesem Raum hatte ihm Cifer unerträgliche Schmerzen zugefügt. Er war in der Folterkammer des Wüstengefängnisses.
"Wie komme ich hierher?", fragte Squall, nachdem er seinen ersten Schock überwunden hatte.
"Och, ganz einfach. Ich habe Sie mit meinem Gewehr bewusstlos geschossen, dann haben wir Sie aus der Stadt geschmuggelt, mit dem schnellsten Transporter von Aomes Trianirea hierhin gebracht und Sie dann angekettet", antwortete Zed fast freundlich.
Dieser Sadist dachte sich Squall.
Alles tat ihm weh. Er hatte fürchterliche Kopfschmerzen. Sein Mund war trocken. Sein Herz klopfte rasend. Das Licht war so gedämpft, dass er Zed kaum sehen konnte. Dabei wusste Squall, dass Zed ganz nah bei ihm sein musste. Er konnte seinen schlechten Atem riechen und meinte, seine kalten, grauen Augen in der Dunkelheit schimmern zu sehen. Squall sah sich um, soweit ihm das die Ketten erlaubten. In der Ecke, wo sich der Auslöser für die elektrische Folter befand, saß ein Mann. Die giftgrüne Anzeigetafel beleuchtete auf unheimliche Weise sein Gesicht. Seine Augen... er hatte keine Augen!
"Dieser sympathische Herr dort drüben war einmal ein Killer für Deling gewesen und ist jetzt ein Killer von Aomes Trianirea. Während eines Auftrags wurden ihm leider die Augen ausgeschossen. Glücklicherweise besitzt er dafür einen sehr entwickelten Geruchssinn, der dieses Manko gut kompensiert. Und nichts riecht er lieber als frische Leichen. Er hat die ehrenvolle Aufgabe, Leute, die schuldig gesprochen wurden, zu exekutieren. Und er liebt seinen Job", erklärte Zed hilfreich.
"Schuldig gesprochen?"
"Den Ungläubigen, so wie Sie einer sind, wird die Chance gegeben, sich vor einem Tribunal zu rechtfertigen. Normalerweise ist das Ambiente etwas stilvoller, aber meine Herrin meinte, für Sie wäre es eventuell interessanter, wenn wir die Befragung in diesem Raum durchführen. Sie lässt sich entschuldigen, sie ist woanders beschäftigt. Aber keine Sorge, sobald die Situation es zulässt, kommt sie nach und wird unserer Party gerne beiwohnen. Bis dahin werden wir uns eine nette Zeit machen. Ich wurde angewiesen, das Tribunal schon einmal beginnen zu lassen, um etwas Zeit zu sparen. Ähm, aufgrund von Personalengpässen werde ich auch der Protokollant sein müssen, aber, um Sie zu beruhigen, ich übernehme diese Aufgabe sehr gerne."
"Leck mich!", meinte Squall in tiefster Verachtung.
"Sie klingen ja schon fast wie Ihr neuer Freund, der proletarische Cifer. Dabei ist die Verhandlung doch ganz einfach. Ich stelle Ihnen Fragen und Sie beantworten sie. Am Ende wird beurteilt, ob Sie es wert sind, weiterzuleben."
"Ich kann mich nur wiederholen: Leck mich!"
"Tja, es gibt natürlich mehrere Möglichkeiten, sie zu motivieren. Simple, aber extrem wirkungsvolle Möglichkeiten. Hab ich schon erwähnt, dass mein Kollege hier einem überaus interessanten Hobby frönt. Er liebt es, Leute ohne Narkose zu 'operieren' und hat Möglichkeiten entwickelt, sie so lange wie möglich am Leben zu erhalten. Ich halte zwar persönlich von diesen Methoden nicht sehr viel, aber um die Ziele zu erreichen, bin ich gerne bereit, auch darauf zurückzugreifen. Aber wie schon gesagt, ich bin kein Barbar. Ich mache Ihnen folgenden Vorschlag. Auf jede hundertprozentig ehrlich beantwortete Frage dürfen Sie mir im Gegenzug eine über die Ereignisse, die momentan vor sich gehen, stellen. Falls Sie überleben, dürften diese Informationen sehr wichtig für Sie sein. Einverstanden?"
Squall bedachte Zed mit einem Blick puren Hasses. Zed lächelte bei diesem Blick und meinte mit gespielter Begeisterung:
"Wunderbar! Ich wusste doch, wir verstehen uns. Aber bevor wir anfangen..."
Squall spürte einen leichten Einstich in seinem Oberarm. Etwas Kaltes wurde in sein warmes Blut injiziert. Er konnte sofort die Auswirkungen spüren. Schweißausbrüche. Schwindelgefühle. Brechreiz.
"Was war das?", fragte er schwach.
"Ein Mittel, was ihre mentale Widerspenstigkeit senkt. So reden Sie leichter und, vor allem, schneller. Im Grunde genommen müssen Sie die Antworten nur denken. Wollen wir anfangen?"
"...und deswegen sehe ich keine andere Möglichkeit, als dass wir gemeinsam ein Projekt gründen, es finanziell und politisch fördern und unterstützen, das eine genauere Aufklärung über die erhöhte Monsteraktivität liefern sollte. Dies würde eine erhöhte Beanspruchung von SEED einschließen, wie auch die Förderung des Weltraumprogramms des Landes Esthars. Die Ergebnisse dieser Arbeit würden natürlich den anderen auch zu gute kommen", schloss Laguna seinen Vortrag.
Er blickte in die Runde. Laguna hatte gelernt, relativ schnell aus den Gesichtern seine Partner ihre Meinungen lesen zu können. Und was er sah, brachte ihn nicht in bessere Stimmung. Eine, trotz ihres Alters, noch relativ jung aussehende Frau mit intelligenten Augen sprach als erste.
"Immer die nationalen Interessen im Auge, nicht wahr Laguna?"
"Wer hat die nicht, Hella? Aber in diesem Zusammenhang denke ich, dass gerade unsere Raumstation mit ihrer Weltraumüberwachung einen Großteil zur Aufklärung beitragen könnte."
Cecil Kitisa, Vorsitzender von Pollendina, schien von Lagunas Vorschlägen nicht begeistert.
"Zur Aufklärung von was? Findest du nicht, du konstruierst da was?!"
"Cecil, wenn du das Marschieren einer Monsterherde auf Dollet, die Zerstörung des historischen Mausoleums durch einen Aquila, ein Monster, das angeblich seit mehreren Jahrhunderten für tot galt, der Angriff eines Behemoths auf einen Zug, sowie die größte Unruhe auf dem Mond seit fünf Jahren für konstruierst hältst, dann weiß ich auch nicht weiter", sagte Laguna ruhig.
Aus den Augenwinkeln konnte er Bail Organa nicken sehen. Und da Thomasa alles tat, was Organa tat, hatte er Dollet auf seiner Seite. Kitisa schien einen neuen Versuch zu starten.
"Mir kommt fast der Eindruck, als würde dir Paragraph 42B furchtbar egal sein."
"Wenn so ein Viech eines Tages vor deiner Villa auf und ab läuft, wird dir Paragraph 42B auch furchtbar egal sein, Cecil."
Kitisa wollte gerade antworten, als eine Stimme die rege Diskussion unterbrach.
"Diese Party ist vorerst vorbei! Zumindest müsst ihr ohne Laguna weiterfeiern."
Cifer Almasy stand in der Eingangstür.
"Squall ist verschwunden", erklärte Cifer.
"Ja, ich habe es eben erfahren."
"Wie denn das?"
"Ein paar Kumpel, die ich noch aus meiner Zeit aus Galbadia kenne, haben mir noch einen Gefallen geschuldet."
Laguna und Cifer schritten schnell einen Gang hinunter.
"Niida und ich haben die ganze Stadt abgegrast. Nichts", knurrte Cifer.
Laguna und Cifer gingen durch eine Tür in einen kleinen Raum. Niida und Odyne warteten bereits auf sie.
"Neue Ergebnisse, neue Ergebnisse!"
Odyne hüpfte auf und ab.
"Der Professor denkt, er wisse, wie man Squall aus der Stadt geschafft hat."
Odyne wollte gerade anfangen zu erklären, doch Niida schnitt ihm das Wort ab.
"Man hat ihn wohl im Hotelzimmer von Rinoa angeschossen. Die Person konnte auf einem Überwachungsvideo entdeckt werden und wurde inzwischen als Zed Black identifiziert. Es ist derselbe Zed, Cifer. Aomes Trianirea hat Squall gekidnappt."
"Oh Scheiße", murmelte Cifer.
"Wie auch immer, anscheinend hat man ihn bewusstlos in einen Reinigungswagen verfrachtet und ist mit ihm durch den Hintereingang raus. Zed kann nicht allein gearbeitet haben. Sie haben ihn innerhalb von zehn Minuten aus der Stadt geschafft, wo vermutlich ein Transporter gewartet hat. Das war so das wichtigste, nicht wahr, Professor?", meinte Niida mit Blick auf Odyne
"Schon, schon, aber...", grummelte Odyne.
"WUNDERBAR!", schnitt Laguna ihm das Wort ab.
"Is ja alles ganz nett, aber eins hab ich noch nicht mitbekommen. Wo ist Squall jetzt?"
"Das der große Odyne müsse noch herausfinden, oder?", erklärte Odyne strahlend.
"Na toll. Ganz toll.", kommentierte Cifer zynisch.
"Ja, oder?", strahlte Odyne zurück.
"UND WARUM FANGT IHR DANN NICHT AN?!!!!", brüllte Cifer und verließ den Raum.
Squall konnte kaum noch klar denken. Jedes Geräusch schien doppelt so laut zu sein, jeder Geruch dreimal so intensiv. Er roch den Schweiß an seinem ganzen Körper. Der Geruch seines eigenen Schweißes kotzte ihn an. Seine ganzen Sachen stanken danach. Er ekelte sich vor sich selbst.
Zed hatte sich inzwischen an einen Tisch hingesetzt und schien irgendwelche Papiere zu ordnen. Der Henker in der Ecke rutschte auf seinem Stuhl aufgeregt hin und her. Schließlich begann er in einem sachlichen Tonfall.
"Hiermit eröffne ich die Tribunalsverhandlung Nr.66. Der Angeklagte ist Squall Leonhart, 23 Jahre. Gegen ihn liegen ganze 435 Anklagepunkte vor. Aus Zeitgründen werde ich nur die drei wichtigsten verlesen:
1. Zu emotionales Handeln, kein Abstraktionsvermögen sich selbst gegenüber.
2. Mehrfache Hingabe des fleischlichen Genusses, die Anklage lautet: Mangelnde Bekämpfung des tierischen Triebes.
3. Behinderung der Aktivitäten von Aomes Trianirea und der ehrenwerten Königin und damit verbunden die Widersetzung gegen die Mächte der Welt."
Zed pausierte kurz.
"Ich denke, um die Atmosphäre etwas zu lockern, dürfen Sie die erste Frage stellen", sagte Zed freundlich.
Squall spürte, wie eine ungeheure Wut in ihm hochstieg. Er würde diesen Perversen nicht die Genugtuung verschaffen, dieses Spiel nach seinen Regeln durchzuziehen. Doch dann kam die dringende Frage, die Frage, die ihn die letzten Tage beschäftigt hatte. Und bevor er etwas machen konnte...
"Wo ist Rinoa?", hörte er sich sagen.
"Ah, die Frage der Fragen. Tut mir leid, die kann ich Ihnen nicht beantworten. Die einzige Frage, bei der meine Herrin eindeutig gesagt hat, dass Ihnen diese Wahrheit nicht zusteht. Jetzt bin ich dran. Dieses Verfahren wird etwas anders ablaufen als normalerweise. Ich werde Sie nicht über Ihre Person befragen, sondern bitten, uns ein wenig aus Ihrer Beziehung zu Rinoa zu erzählen, da sämtliche Anklagepunkte über vorne oder hinten damit zu tun haben. Deswegen gleich meine erste Bitte um Aufklärung. Erzählen Sie uns von dem 5.000 Gil Sofa. Denken Sie nur daran. Das reicht schon. Denken Sie nur daran. Denken Sie..."
"Hast du mal einen scheuen Blick auf das Preisschild riskiert? 5.000 Gil! Das ist doch verrückt!", sagte Squall halb im Scherz, halb im Ernst.
Rinoa kicherte.
"Ach, nun hab dich nicht so. Zugegeben, es ist wirklich etwas teuer..."
"Etwas?"
"...aber es sieht verdammt bequem aus. Hier steht, es ist mit Chocobo-Federn gefüllt."
Squall stand neben Rinoa in einem kleinen Shopping-Center in der Stadt Timber.
"Aber das ist doch so teuer", jammerte Squall.
"Hey, wir bekommen immer noch regelmäßig Geld von dem Balamb Garden. Und wenn Xell oder irgendjemand den Geldhahn abdreht, verklagen wir ihn auf seelische Schäden bei dir durch die viele Kämpferei", grinste Rinoa.
"BITTE?", entfuhr es Squall so laut, dass ein paar Kunden sich umdrehten.
"Ich meine es ernst..."
"BITTE?!"
"...ich meine mit dem Geld. Wir sind doch in der Hinsicht abgesichert. Warum sollten wir uns es nicht mal gut gehen lassen. Wir haben lange genug gelitten und gekämpft. Auch wenn dieses verfluchte Sofa überteuert ist. Meinst du nicht, wir können mal abschalten und uns ein bisschen Luxus leisten? Wir müssen uns ja nicht gleich einrichten wie mein Vater."
"Hey Rinoa, seit wann definierst du denn Glück mit der Einrichtung des Eigenheims."
"Tu ich nicht! Es geht hier nicht um das Sofa, es geht hier um etwas anderes. Ich finde nur... Ich finde, wir sollten uns nicht ständig darum kümmern, was draußen passiert. Wir haben schon soviel Verantwortung übernommen. Wieso können wir nicht mal was vollkommen Dummes tun?"
"Indem wir ein 5.000 Gil Sofa kaufen?"
Rinoa sah Squall an. Dann wurde ihre Stimme auf einmal weich und verführerisch.
"Überleg mal, wie gemütlich das abends sein könnte. Bei Kerzenschein. Wir beide auf dem Sofa. Du an meiner..."
"Ok ok, ich hab dein Argument verstanden", antwortete Squall hastig, als er merkte, dass ein alter Herr auf einmal mit großem Interesse der Unterhaltung gelauscht hatte. Rinoa grinste den Herren an und hob eine ihrer Augenbrauen.
"Sie können ja mal vorbeikommen und sich mit uns aufs Sofa setzen."
Der alte Herr murmelte etwas und zog mit knallrotem Gesicht ab.
"Und da sind wirklich Chocobo-Federn drin?", meinte Squall etwas zweifelnd, als er sich auf dem Sofa niederließ Es war wirklich verdammt bequem. So weich...
"Ok, ich denke, das genügt."
Squall fühlte den unheimlichen Schmerz, als er Zeds Stimme hörte. Diese lebendige Erinnerung an Rinoa war so angenehm. Ein schöner Traum. Ein unschönes Erwachen.
Es war schon lange Nacht geworden in Dollet. Nach und nach wurden alle Lichter gelöscht und die Stadt lag nun totenstill in der Dunkelheit. Sie muss sich schließlich von einem anstrengenden Tag erholen.
Die führenden Mitglieder von Pollendina haben inzwischen zu Ende debattiert und haben sich inzwischen auf den Heimweg gemacht.
Die vollkommene Stille des Rathauses wurde nur von lauten hallenden Schritten unterbrochen. Cifer lief unruhig auf und ab. Diese verfluchte Hilflosigkeit brachte ihn um. Er hasste so etwas. Hilflosigkeit hasste er vielleicht noch mehr als Versagen. Und er war momentan in beidem gut. Er hatte eine dementsprechende Laune, als Niida aus dem Raum kam, in dem Laguna und Odyne immer noch angestrengt nach Hinweisen suchten.
"Gibt es was Neues?", fauchte Cifer.
Niida schüttelte den Kopf.
"Cifer, ich weiß, du bist wütend. Aber du darfst jetzt nicht dich selbst dafür fertig machen. Du hättest da nichts machen können."
"Squall wurde vor meiner Nase entführt. Und da sagst du mir, ich hab keinen Fehler gemacht?!"
"Sorgst du dich um ihn?"
"Blödsinn. Nur ohne ihn kann ich nicht Rinoa finden", gab Cifer etwas weniger aggressiv als beabsichtigt zurück.
"Natürlich, hatte ich vergessen", meinte Niida trocken.
Cifer wollte gerade etwas erwidern, als sie Schritte hörten. Jemand war in der Eingangshalle. Cifer zog seine Waffe und schritt leise auf die Halle zu. Er meinte, jemanden wimmern zu hören.
"H..i...lfe..."
"Da schreit jemand um Hilfe", flüsterte Niida in Cifers Ohr. Cifer konnte Niidas heißen Atem in seinem Nacken spüren. Cifer beschleunigte seine Schritte.
In der Eingangshalle stand eine Frau. Sie hatte mehrere Verletzungen am Oberarm. Sie schien geschlagen worden zu sein.
"Was ist passiert?", fragte Niida, während er zu der Frau rannte, die in seinen Armen zusammenbrach.
"So ein Typ. So ein furchtbarer Mann. Der kam von hinten und hat mir einen Dolch an den Hals gehalten. Er hatte so eine tiefe Stimme. Er wollte einen Splitter. Er hat mich ein paar Mal geschlagen. Er hatte einen großen schwarzen Umhang an. Vielleicht erwischen sie ihn noch. Es ist direkt vor der Tür passiert."
Cifer stürmte zur Eingangstür und ließ Niida mit der Frau zurück. Er hielt sie behutsam in seinen Armen. Die Frau hatte angefangen zu weinen. Er sah in ihr schönes Gesicht.
"Ich kenne sie. Sie waren doch Kellnerin in dem Laden, dessen Besitzer ermordet wurde. Sherry, oder?"
Cifer kam sofort die kühle Abendluft entgegen als er aus dem Rathaus trat. Er suchte die Umgebung ab. Die Strasse war vollkommen verlassen. Es hatte wohl kurz geregnet. Aus den Augenwinkeln sah Cifer plötzlich etwas Helles... etwas Heißes. Cifer hechtete zur Seite. Der Feuerball schlug neben ihm auf und explodierte mit einem Knall. Dort, wo er gestanden hatte, war ein kleiner Krater in die Strasse geschlagen worden. Im Umkreis davon verdampfte das Wasser zischend. Der Feuerball war von oben gekommen... Oben auf dem Dach stand der Angreifer. Er trug eine Maske und einen schwarzen Umhang, der im Wind bedrohlich wehte.
"Hey Arschloch, wie wärs mitm Kampf Mann gegen Mann hier unten?"
Als Antwort feuerte dieser einen weiteren Feuerball ab. Doch Cifer war dieses Mal vorbereitet.
"Wassga!", brüllte Cifer.
Die Wasserkugel traf die Feuerkugel in der Mitte. Die beiden Zauber neutralisierten sich unter einer gewaltigen Dampfentwicklung.
Cifer konnte den Mann nur undeutlich durch den Dampf sehen.
"Ich würde mich gerne noch weiter mit Ihnen beschäftigen, aber leider hab ich zu tun. Man sieht sich", sprach der Mann belustigt mit einer verzerrten Stimme.
Cifer konnte durch den Dampf sehen, wie der Mann ihm zuwinkte und konnte beinahe das Hohnlächeln durch seine Maske sehen, bevor er sich schließlich umdrehte und über die Dächer verschwand.
Cifer schritt zügig zurück in die Haupthalle des Rathauses, wo Niida leise mit der Kellnerin sprach.
"Er ist mir entwischt!", erklärte Cifer kurz.
"Sherry hat erzählt, dass der Mann einen Splitter von ihr wollte. Sie meinte wohl DEN Splitter", begann Niida.
"Und?"
"Ich frage mich nur, falls dieser Mann auch ein Hynit ist, warum versucht er dann an den Splitter zu kommen, wo doch Squall den eigentlich haben sollte?"
"Weil ich ihn jetzt habe", erklärte Cifer kurz.
"DU HAST IHN?", fragte Niida Cifer fassungslos.
"Squall hat ihm mir, kurz bevor wir uns getrennt haben, gegeben. Nur als reine Vorsichtsmaßnahme. Eine sehr weise Entscheidung, wie sich es herausstellte."
Niida schien kurz nachzudenken.
"Wollen wir hier den ganzen Tag auf dem Boden hocken oder uns und die arme Frau nicht in einen dieser bequemen Sessel setzen?", meinte Cifer nach ein paar Momenten beißend.
Er versuchte zu vergessen. Er schloss die Augen und versuchte sich vorzustellen, er wäre zu Hause. Doch es ging nicht. Dieser stickige Geruch war zu stark. Das Atmen des Henkers war zu laut. Und Zed sprach viel zu oft.
"Nun, ich würde sagen, Sie können mir wieder eine Frage stellen", meinte Zed.
Squall beschloss die Situation letztlich doch zu nutzen und wenigsten ein paar Antworten von diesem Scheißkerl zu bekommen.
"Erzählen Sie mir über Hyne. Woher weiß Prokylta von seiner angeblichen Rückkehr? Warum glauben Sie, dass das, was sie erzählt, wirklich stimmt?"
"Das waren aber viele Fragen", sagte Zed kühl.
Er räusperte sich und trank einen Schluck Wasser.
"Sie kennen sicher die Geschichte von Hyne. Das Kindermärchen, mein ich."
"Inzwischen schon öfters von gehört", knirschte Squall.
"Nun, diese Geschichte ist eine stark verzerrte Version von einer aus zwei Teilen bestehenden Überlieferung. Aus dem ersten Teil ging das Kindermärchen hervor und basiert auf 'Baskarunes Memoiren', denen man vielleicht nicht allzuviel Glauben schenken sollte, bedenkt man, dass Baskarune nach Zebargas Weggang zu einer rücksichtslosen Tyrannin geworden ist. Den zweiten, wichtigeren Teil, der sich um Hynes wahres Wesen, seine Herkunft und seine Ziele dreht, hat man versucht durch viele Kriege und Morde aus dem Gedächtnis der Menschen zu verbannen. Doch wie immer gab es weise Leute, die ihr Wissen über Hyne niedergeschrieben haben. Diese Schriften, diese Prophezeiung, waren lange verborgen. Sie dürfen nicht vergessen, sie entstanden weit vor der Centra Ära und somit entgingen sie auch Baskarunes Zensur."
"Und wie können solche Schriften so lange nicht gefunden werden?", fragte Squall.
"In dem man sie an einen Ort schafft, wo sie auch über mehrere Tausenden von Jahren unbeschadet überdauern können."
"Da bin ich ja wieder ein ganzes Stück schlauer geworden.", gab Squall sarkastisch zurück. Zed ignorierte Squalls Bemerkung und fuhr fort.
"Aber auch diese Schriften sind nur ein Teil dessen, was es an Aufzeichnungen gibt. Die ganze Wahrheit findet man laut der Überlieferung in einem Tempel, dem 'Tempel des Alphega'. Dieser ist leider momentan nicht lokalisierbar. Allerdings gibt es durchaus Hinweise auf einen möglichen Aufenthaltsort und auf eine Weise, wie man sich Zugang zu dem Tempel verschaffen kann. Die 'Lacrima des Alphega'. Sie haben ein paar von ihnen bereits gesehen."
"Die Artefakte, die Steine... Und was steht nun in dieser Überlieferung, in dieser Prophezeiung, zu der ihr anscheinend Zugang habt?", fragte Squall.
"Der Prozess der Rückkehr des Hyne. Es gibt eine sehr detaillierte Beschreibung davon. Die Herrin hat diese in einen Kontext gesetzt und mit Hilfe der wissenschaftlichen Erkenntnisse der Gegenwart einen Plan aufgestellt."
"Wie hübsch!"
"Nicht wahr? Phase 1 bezeichnet die Verkündung der Nachricht durch ein großes Ereignis. Die Gläubigen werden sich durch ein Bekenntnis der Welt offenbaren. Dieses Ereignis geschah vor wenigen Tagen in Deling City. Phase 2 bezeichnet die Wiederkehr oder besser die Offenbarung des Hynes. Dies wird sehr bald passieren. Phase 3 bezeichnet die Wiedererlangung der Macht durch Hyne, Phase 4 Hynes endgültigen Sieg und damit verbunden die Wiedererlangung seines eigenen Körper. Die fünfte und finale Phase schließlich ist die finale Verurteilung."
"Und Sie wollen da natürlich gut wegkommen. Sie sagten, Hyne würde sich zeigen. Bedeutet das, er befindet sich bereits hier?", fragte Squall. Irgendwie kam ihm das bekannt vor. Hatte er so was nicht letztens geträumt?
"Natürlich. Hyne ist bereits auf diese Welt, wenn er auch einen fremden Körper bewohnt."
"Ich nehme mal an, Sie können mir nicht zufällig sagen, welcher Körper das ist?", fragte Squall. Diese Befragung weckte seine sarkastische Seite.
"Nicht direkt. Nur soviel. Er hat eine Menschengestalt angenommen. Sein Wirt besitzt ein Mal, ein Stigmata, das auf seine Präsenz hinweist. In seinem Nacken hat die betreffende Person eine kreisrunde Narbe. Mehr erfahren Sie nach Beantwortung der nächsten Frage. Sie haben das Sofa fünf Tage vor dem Verschwinden von Rinoa gekauft. Erzählen Sie mir nun einen prägnanten Dialog aus den letzten drei Tagen, bevor sie verschwand."
Squall biss die Zähne zusammen. Er musste seinen Kopf klar kriegen. Wenn er an nichts denken würde, könnte er auch nichts ausplaudern.
Dieses Mittel schien seinen Kampf zu spüren. Ihm war, als ob seine Luftröhre zugeschnürt war. Seine Zunge klebte ihm am Gaumen. Sein Kopf schien gleich zu platzen. Er durfte an nichts denken, an nichts....
Die harte Wand, an die er fest gekettet war. Diese unbequeme, schreckliche Umgebung. Dieses weiche Sofa. Rinoa...
Der Tag war ereignislos gewesen. Wie die meisten Tage in letzter Zeit.
"Woran denkst du?", hörte er Rinoas Stimme von links.
Er drehte sich zu ihr um. Dieses Sofa hatte wirklich was. Sie war so nah. Er konnte ihre Körperwärme spüren. Ihre schwarzen Augen hatten im Kerzenlicht einen schönen Glanz.
"Über unser Leben, über die Welt, über den Sinn von allem, darüber, warum ich in der Trainingshalle immer vor diesem Riesen-Dino weggelaufen bin."
Rinoa lächelte müde.
"Es ist doch alles perfekt", meinte sie leise.
"Eben das ist der Punkt. Es ist alles perfekt. Was zum Teufel machen wir hier?"
Rinoa lachte leise.
"Vermisst du dein altes Leben?"
"Nicht wirklich. Nein, das ist es nicht. Ich weiß nicht. Vielleicht habe ich ja bloß Angst, mich so früh zur Ruhe zu setzen."
"Wir setzen uns ja auch nicht zur Ruhe, wir legen nur eine kleine Pause ein."
Squall dachte nach. Er fühlte sich so sicher. Es war so friedlich. Das Meer rauschte. Draußen konnte er Kinder spielen hören. Kinder...
"Tatsächlich habe ich auch noch über was anderes nachgedacht. Wir haben uns ein perfektes Leben gebaut. Ein Leben, wovon andere nur träumen. Ich frage mich, ob wir... ob wir nicht langsam drüber nachdenken sollten, eine Familie zu gründen."
"Du meinst mit Kindern und so? Dann musst du dich aber garantiert zur Ruhe setzen", meinte Rinoa grinsend.
"Vielleicht ist es ja das. Vielleicht beginnt ja in meinem Leben ein neuer Abschnitt. In unserem Leben. Vielleicht will ich gar nicht hinaus in die Welt. Vielleicht ist es nur ein Gefühl, etwas Neues zu schaffen. Ich meine, Verantwortung zu übernehmen. Wirkliche Verantwortung. Nicht über die Welt. Sondern über uns."
"Kann es ein, Squall, dass du dieses Leben sogar noch mehr liebst als ich? Eine Familie gründen? Ich weiß nicht. Und wieso gerade mit mir? Woher weißt du, dass wir uns in fünf Jahren nicht in den Haaren liegen und nie wieder ein Wort miteinander sprechen?"
"Rinoa, wenn es eins gibt, worüber ich mir sicher bin, dann über das."
"Trotzdem, ich weiß nicht so recht", meinte Rinoa zögerlich.
"War ja auch nur so ein Gedanke."
Rinoa saß eine Weile da. Sie schien über etwas intensiv nachzudenken. Squall bedrängte sie nicht. Er wusste, wenn es etwas gab, dann würde sie es ihm sagen.
"Squall, es ist nicht, dass ich glaube, dass du der Falsche bist. Es ist nur so... Ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt jemals Kinder haben möchte."
"Faszinierend."
Zed blickte von seinen Notizen zu Squall hoch und lächelte in sich hinein. Squall nahm alle seine Kraft zusammen und sprach mit der angeekeltesten Stimme, die er aufbringen konnte.
"Sie schulden mir eine Antwort, Zed!"
"Ah ja, Hyne. Über seinen aktuellen Körper. Es wäre langweilig, Ihnen diese Informationen direkt zu sagen. Ich werde deswegen den Personenkreis eingrenzen. Auf zwei Leute. Auf die zwei Leute, die seit ein paar Tagen mit Ihnen unterwegs sind."
Langsam wurde es Cifer zuviel. Niida redete immer noch intensiv mit dieser Sherry. Herrgott, die beiden sahen aus wie ein Liebespaar. Zum Kotzen.
Cifer schritt wieder den Gang des verlassenden Rathauses hinunter zu dem Raum, wo Laguna und Odyne sich befanden. Als er ihn betrat, standen die beiden vor einer riesengroßen elektronischen Karte der Welt.
"Irgendwas Neues?"
Laguna schüttelte den Kopf.
"Und was ist das dann?"
"Das sind die aktuellen Daten der Esthar-Raumstation. Wir bekommen sie live aus dem Weltall. Wir sehen momentan die Magie Konzentration auf dieser Welt. Die Idee ist, dass Squall für einen normalen Menschen ungewöhnlich stark mit Zaubern umgehen kann. Dumm ist nur, wenn er sich in einem Gebäude aufhält, dass mit einem... wie heißt das Ding, Odyne?"
"Magie-absorbierendes-und-eindämmendes-basierend-auf-volunt-schutzsystem."
"Äh ja. Das meinte ich."
"Also falls der gute Squall sich in einem Gebäude befindet, dass mit Hilfe von Volunt erbaut wurde, ist das hier nutzlos, da Volunt, wie wir alle wissen, Magie absorbiert oder zumindest nicht nach draußen durchlässt."
"Wir sollten etwas optimistischer sein", entgegnete Laguna.
Cifer wollte gerade auf einen besonders großen, roten Punkt hinweisen, als Odyne auf einmal laut aufschrie.
"Herr Präsident, Herr Präsident. Das Signal. Das Signal aus dem Weltall! Es sei wieder da, oder? Dieses Mal sei es etwas anderes, oder? Wir seien am Übersetzen, oder?"
Alle drei starrten gebannt auf Odynes kleinen Monitor. Langsam kamen Buchstaben und Zahlen auf den Bildschirm.
"REDUL 5891 FM 1030?", las Cifer etwas ratlos vor. Er schaute Laguna an und wusste, dass dieser genauso wenig verstand, wie er selbst.
"Es seien Koordinaten, es seien Koordinaten", rief ein aufgeregter Odyne. Cifer und Laguna starrten den kleinwüchsigen Professor an.
"WOVON?", bellte Cifer.
Odyne tippte die Koordinaten ein.
"Das Wüstengefängnis in Galbadia sei damit beschrieben, oder?"
"Das Wüstengefängnis wurde doch stillgelegt nach der Demokratisierung", warf Laguna ein.
"Das perfekte Versteck für eine Sekte", meinte Cifer düster. "Was ist denn dieser rote Punkt?" Cifer deutete auf einen Punkt, der sich langsam aber stetig auf das Gefängnis zu bewegte.
"Vergrößern!", rief Laguna ungewöhnlich scharf.
Die Karte zoomte auf den Punkt zu. Ins Bild kam ein seltsames Gefährt, das anscheinend von vier Chocobos gezogen wurde.
"Es sei eine Kutsche, oder?", rief Odyne.
"Wer immer da drin sitzt, besitzt eine hohe Magiekonzentration", meinte Laguna.
"Prokylta...", flüsterte Cifer.
"Bevor wir die Vorverhandlung mit einer letzten Episode abschließen, möchte ich Ihnen die Gelegenheit geben, eine letzte Frage zu stellen."
Squall war müde. Ihm war kalt. Ihm wurde schummerig. Ihm wurde schwindelig. Er fühlte sich, als ob er sich jeden Moment übergeben müsste. Er durfte jetzt nicht aufgeben. Vielleicht machte Zed irgendwann einen Fehler. Er musste ihn beschäftigen. Aber andererseits würde er Prokylta niemals widerstehen können. Nicht in seiner aktuellen Verfassung. Es war so verdammt kompliziert. Bevor er irgendwas unternehmen konnte, hatte sich seine nächste Frage auch schon aus seinem Unterbewusstsein in die Öffentlichkeit gedrängt.
"Was hat es mit diesen Signalen aus dem Weltall auf sich? Diese SL Dinger?"
"Eine interessante Frage. Ich kann sie Ihnen nicht wirklich beantworten, weil ich es nicht weiß. Wir waren von ihrem Auftreten fast genauso überrascht wie Sie. Sie müssen wissen, das Universum ist riesig. Es gibt mehr Welten als die, die wir mit den Händen zu fassen kriegen. Auch der Schöpfer war nur ein Mitglied einer Spezies. Wir interpretieren diese Signale als eine Art Botschaft, die man dem Schöpfer schickt."
Zed lächelte glücklich. Schließlich fuhr er fort.
"Finden Sie es nicht auch aufregend zu wissen, dass man ein ganzes Universum hinter sich hat? Wer auch immer diese Signale sendet, steht sicher nicht auf Ihrer Seite."
"Was immer es auch ist, es scheint uns zu helfen!"
"Das wissen wir nicht, Cifer. Es könnte Zufall sein."
"Ja, aber ich denke, wir sollten mal wenigsten einmal nachschauen."
"Ja aber..."
"Laguna. Wir bekommen quasi einen Ort geliefert, auf den sich gerade einer der gefährlichsten und stärksten Menschen, neben mir natürlich, zu bewegt. Und nehmen wir mal an, Squall ist dort und Prokylta erreicht ihn vor uns... Sie ist eine Verrückte. Das letzte Mal hat sie ihn am Leben gelassen, weil ihr angeblich irgendwelche Stimmen das befohlen haben."
"Und irgendwelche Stimmen geben uns jetzt Koordinaten. Sehr verdächtig", warf Laguna ein.
Die Tür ging auf. Niida kam herein, gefolgt von Sherry.
"Gibt es was Neues?"
"Niida, wir haben einen Hinweis. Bleib bei dem Mädchen. Dieser schwarze Heini könnte schließlich zurückkommen. Mir gefällt es zwar nicht, einen Typen wie dich bei ihr zu lassen, aber nun gut. Bleibt im Hotelzimmer, nur für den Fall, dass Rinoa dort aufkreuzt. Ich fahre zu dem Wüstengefängnis."
"Dann brauchst du Hilfe", meinte Laguna und öffnete eine kleine Tür. Herein kamen eine Kompanie Esthar Soldaten mit zwei Generälen an der Spitze. Laguna deutete auf die Zwei.
"Das sind Mr. Biggs und Mr. Wedge. Ihre Truppe kann dir helfen. Sie besitzen ein paar der schnellsten Transporter in ganz Esthar. Mit ihnen dürftest du es vielleicht schaffen, vor Prokylta da zu sein."
Cifer schritt bereits aus dem Raum.
"OK, der Tanz beginnt, Leute. Ich hoffe, ihr seid etwas effektiver als diese Galbadia-Schlappschwänze."
"Wir kommen ursprünglich auch aus Galbadia, nicht wahr, Wedge?", antwortete Biggs leicht pikiert.
"Äh ja, Chef."
"Das fängt ja gut an", murmelte Cifer.
"Ihr solltet abhauen Cifer, sonst äh... du weißt, Prokylta."
Cifer nickte.
"Viel Glück, Cifer", rief Laguna ihm hinterher.
Cifer zuckte leicht zusammen. Jemand hatte dies schon einmal gesagt. Jemand, der ihn nicht besonders gemocht hatte. Was hatte er damals bloß erwidert? Er wusste es nicht mehr.
"Danke, Laguna..."
Die Sonne ging langsam in Balamb unter. Es war der Abend vor Rinoas Verschwinden.
"Na ja und dann hat doch der Fischer tatsächlich diesen armen Jungen angebrüllt, nur weil ihm angeblich sein Jahrhundertfisch durch die Lappen gegangen ist. Dabei war es sicher nur so eine stinkige Reofelle", schloss Squall seinen Bericht von seinem Abendspaziergang. Rinoa lächelte schwach.
"Ja, das war sicher lustig."
"Stimmt irgendwas nicht?"
"Nein, mir geht es gut. Ich hab nur schlecht geschlafen."
Squall dachte nach. Seit Tagen hatte er lange überlegt und auf einen richtigen Moment gewartet. Doch jetzt war der Zeitpunkt gekommen.
"Weißt du, ich hab lange nachgedacht. Über uns. Und ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass ich es versuchen möchte."
"Squall...", meinte Rinoa leise.
"Nein, es ist nicht das, was du denkst. Ich wollte dich nur fragen, ob du... ob du... meine Frau werden möchtest."
Rinoa schaute ihn an. Diese Frage hatte sie überrumpelt. Total. Squall konnte wohl mehr als zwanzig Emotionen gleichzeitig über ihr Gesicht huschen sehen. Nach den wohl längsten fünf Sekunden seines Lebens, fing sie an zu lächeln.
"Wow, das kam wirklich als Überraschung."
"Und?"
Er fürchtete, sein Herz blieb stehen. Sie holte tief Luft.
"Natürlich möchte ich."
Squall hatte sich wohl noch nie so glücklich gefühlt wie zu diesem Zeitpunkt.
"Darauf stoßen wir an!", rief er und verschwand in die Küche. Vielleicht lag es am Halbdunkeln oder daran, dass Rinoa sich in die dunkelste Ecke gesetzt hatte. Zumindest hatte er nicht gesehen, dass sie zwar gelächelt hatte, ihre Augen jedoch tot geblieben waren.
Sie hatten an diesem Abend noch eine Weile geredet und waren relativ bald ins Bett gegangen. Squall hatte dann später Rinoa noch einmal auf den Balkon gesehen und war dann glücklich eingeschlafen. Rinoa hatte sich jedoch nicht wieder zu ihm gelegt, sondern war lautlos in der Dunkelheit verschwunden...
War er noch am Leben? Er fühlte sich tot. Eine Stimme holte ihn in die Realität zurück. Die verhasste, schwache, dumme Stimme von Zed.
"Danke, Squall. Ich denke, das reicht vorerst."
Squall blickte auf. Zed stand vor ihm. Er sah Squall ernst an.
"Sie haben mir einen großen Dienst erwiesen. Mein Auftrag ist abgeschlossen. Ich werde jetzt gehen", meinte Zed.
Er richtete eine Pistole auf Squall. Wollte er ihn jetzt töten? Der Henker schien die letzten Worte gerade erst zu realisieren. Er schien aufstehen zu wollen... Zed fuhr herum und schoss dem Henker zweimal in den Kopf. Dieser gab einen langsamen, qualvollen Schrei von sich und sackte zusammen.
"Was zum..."
Squall konnte nicht glauben, was er eben gesehen hatte.
"Wie ich schon sagte, mein Auftrag ist abgeschlossen. Sie scheinen nicht ganz zu verstehen. Zu Delings Zeiten war ich ein Mitglied des Geheimdienstes von Galbadia und habe in der Zeit Kontakte in die ganze Welt geknüpft, die ich bis heute gut pflege. Leute würden für Ihre Aussagen töten. Ich muss Sie deswegen jetzt leider verlassen, mein lieber Squall, bevor Prokylta, diese unverbesserliche Optimistin, eintrifft."
Squall verstand die Welt nicht mehr. Er sah in Zed nicht mehr einen armen Irren, sondern einen kaltblütigen Killer.
"Wer ist Ihr Auftraggeber? Wer will das wissen, was ich Ihnen erzählt habe?"
"Tut mir Leid, das kann ich Ihnen nicht verraten. Ich schulde Ihnen einen Gefallen. Ich werde Ihnen eine Heilsubstanz verabreichen. Damit werden Sie sich zwar nicht befreien können, aber Sie können Prokylta etwas gestärkter gegenübertreten."
Zed betätigte einige Knöpfe. Squall konnte wiederum das Gefühl des injizierens spüren, doch dieses Mal war es ein warmes Gefühl. Er spürte, wie seine Kräfte zurückkehrten. Und mit ihnen kam sein Zorn zurück.
"WEN AUF DIESER WELT GEHEN DIE PRIVATEN GESPRÄCHE VON RINOA UND MIR ETWAS AN?", brüllte er.
"Sie verstehen immer noch nicht, oder? Sie sind der Schlüssel, Squall. Sie sind der Schlüssel zu unserer Zukunft. Mit Ihnen steht und fällt alles."
Und mit diesen Worten drehte sich Zed um und verließ mit seinen Notizen den Raum. Seine letzten Worte hallten allerdings noch lange in Squalls Kopf nach.
Cifer wurde ungeduldig. Er wusste, der Transporter flog auf maximaler Geschwindigkeit, doch Prokylta war verdammt nah an dem Gefängnis dran gewesen. Wenigstens waren sie schon über der Wüste. Bald würden sie da sein. Bald....
Das Hotelzimmer hatte sich abgekühlt. Das Fenster stand offen und die Heizung war ausgestellt. Niida und Sherry haben sich auf das Bett gesetzt. Er sah sie lange an. Sie schien in Gedanken versunken zu sein.
"Geht es dir wieder besser?", fragte Niida.
"Es geht so. Es war ein harter Tag."
"Wem sagst du das?", meinte Niida lächelnd. Sie schwiegen eine Weile. Schließlich sagte sie mit einer wärmeren Stimme:
"Du scheinst mir nicht der Typ zu sein, der mit solchen zwei Gestalten wie deinen Freunden durchs Land zieht. Wie bist du eigentlich mit diesen Typen zusammengekommen?"
"Ist eine lange Geschichte. Außerdem, was meinst du, ich passe nicht zu ihnen?", fragte Niida.
"Na ja, du bist... netter. Viel netter. Du bist einer der nettesten Männer, die mir in letzter Zeit untergekommen sind."
Niida fühlte, wie sein Herz anfing zu klopfen. Er konnte doch nicht... nicht jetzt, nicht hier. Sherry saß auf einmal direkt neben ihm. Er konnte in ihre Augen schauen. Sie waren so traurig und so schön. Er beugte sich vor und küsste sie...
Es war sinnlos. Squall wusste, er würde sich niemals selbst befreien können. Die Leiche des Henkers begann langsam zu stinken. Die dicke Luft, dieser Geruch. Es wurde langsam unerträglich. Es herrschte totale Stille, abgesehen von dem stetigen Summen der Maschinen. Irgendwo krachte etwas. Er hörte Schritte. Sie kamen näher. Prokylta? Jemand stand vor der Tür. Die Tür öffnete sich. Helles, gleißendes Licht schien hinein. Squall kniff die Augen zusammen. Jemand stand im Türrahmen. Ein Mann...
"Hab' ich mir doch gedacht, dass ich dich hier finde, Squall. Prokylta hatte schon immer einen Sinn für Humor"
Der Mann trat in den Raum.
"Cifer?"
Squall kam auf einmal die Erinnerung, stärker als je zuvor. Cifer vor ihm stehend mit einem Hohnlächeln. Seine Stimme, die erbarmungslos und böse durch den Raum hallte. Erneut sprach Cifer. Und zum ersten Mal seit ihrem Wiedersehen verstand Squall wirklich. Cifers Stimme klang um einiges anders.
"Ist schon irgendwie Ironie des Schicksals, dass gerade ich dich hier raushole, was?", meinte Cifer grinsend.
Er betätigte ein paar Schalter. Squalls Ketten lösten sich. Squall konnte spüren, wie er zu Boden fiel. Langsam richtete er sich auf. Ihm war immer noch leicht schummerig, doch die Heilsubstanz hatte ihre Wirkung getan. Als er Cifer ansah, hielt dieser ihm eine Gunblade hingegen.
"Die hab ich draußen gefunden. Wohl deine. Nimm sie und dann raus hier. Prokylta kann jeden Moment kommen."
Und mit diesen Worten drehte sich Cifer um und verließ den Raum. Squall folgte ihm etwas zögerlich.
"Cifer, warte."
Cifer blieb vor dem Raum stehen.
"Lass uns gemeinsam diesen Raum vernichten!"
Cifer sah ihn lange an. Dann nickte er langsam.
"Du Feuga, ich Blitzga? Auf drei..."
Cifer nickte erneut. Beide drehten sich zum Raum um.
"3...2...1..."
BUMM. Der Folterraum ging in reinigenden Flammen auf. Sicher würde dies in keinster Weise alles begraben, was dort jemals passiert ist. Aber es war ein Anfang.
Squall sah Cifer von der Seite aus an. Er war in Gedanken versunken. Woran dachte er wohl? Er war sein Begleiter geworden. Begleiter.... Dann fiel ihm etwas ein. Was Zed gesagt hatte. Squalls Muskeln zogen sich auf einmal zusammen.
"Cifer, dreh mir den Rücken zu und zieh dein Hemd aus!", sprach Squall ruhig, seine Gunblade auf Cifer richtend.
"Was..."
"Mach schon. Ich muss deinen Nacken sehen."
Cifer schaute ihn ratlos, fast empört an, doch Squall musste ihn so entschlossen anstarren, dass er schließlich nickte.
"Na schön..."
Cifer drehte sich um. Er zog seinen zerschlissen Mantel langsam auf. Ohne ihn sah er merkwürdig klein aus.
"Hat dieser Striptease auch einen Sinn, abgesehen davon dass ich meine Umwelt beglücke?"
"Mach schon...", sagte Squall durch zusammengebissene Zähne.
Cifer zog sein Hemd langsam aus. Gleich würde man seinen Nacken sehen... Squalls Hand spannte sich fester um sein Schwert... Cifer zog das Hemd aus... und Squall sah... nichts. Keine Narbe, nichts. Squall atmete aus.
"Kannst du mir mal sagen, was das hier soll?", fragte Cifer verärgert.
"Tut mir leid. Ich habe bloß den Worten eines Irren Glauben geschenkt. Das ist alles."
Ein Esthar Soldat kam angerannt.
"Eine neue Nachricht von Präsident Loire und Professor Odyne. Anscheinend ist die Hexe abgedreht. Wenn die Berechnungen korrekt sein sollten, bewegt sie sich auf Dollet zu."
"Was zur Hölle will die in Dollet? Will sie dort jemanden treffen?"
Squall kam ein dunkler Gedanke. Sein Bauch zog sich zusammen.
"Cifer, wo ist Niida?"
Sherry wachte auf. Sie musste kurz eingenickt sein. Sie fühlte sich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder glücklich. Sie drehte sich in diesem wunderbar weichem Bett um und streckte ihre Hand nach Niida aus, nur um festzustellen, dass er nicht mehr da war.
"Niida?", rief sie.
Er stand am Fenster mit dem Rücken zu ihr. Er schien zu schwitzen und murmelte etwas vor sich hin. In seinem Genick befand sich eine seltsame Narbe...
"Niida, ist alles okay?"
Sie stand auf und ging langsam zu ihm. Sie versuchte ein paar seiner Worte aufzuschnappen.
"...ich kann nicht... es geht nicht... bitte nein... sie... nicht sie...."
Sherry stand nun einen Meter weg von Niida.
"Niida?"
Das Gemurmel hörte auf. Er drehte sich um. Sie sah in seine Augen. In ihnen sah sie das Schrecklichste, was sie jemals gesehen hatte. Sie hatte noch nie größere Angst in ihrem Leben gehabt. Diese Augen, sie waren so schrecklich, sie konnte nichts tun. Wie paralysiert sah sie, wie er seine Hand hob... WAMM! Ein furchtbares Knacken.
Sie fühlte, wie sie durch die Wucht des Schlages durch das Zimmer geschleudert wurde. Was war das für eine schreckliche Kraft? Sie wusste sofort, dass der Schlag ihr ganzes Gesicht zu Brei geschlagen hatte. Mit Hilfe des einen noch funktionierenden Auges sah sie, wie dieses Monster auf sie zukam. Das war nicht der Mann, mit dem sie die letzten Stunden verbracht hatte. Dieses Monster sah nur aus wie er. Das Monster beugte sich zu ihr herunter.
Sherry sah den Zeigefinger. Er drückte ihn auf ihre Stirn. Erst sanft, dann immer fester. Schreien konnte sie nicht mehr. Was für eine scheiß Welt, dachte sie, bevor sie hören konnte, wie der Finger mit einer unmenschlichen Kraft und einem grauenvollen Knacken in ihren Kopf eindrang...
...und dann war es vorbei. Sie fühlte sich leicht und schwerelos. Sie reiste durch die Evolution, schneller als jede Geschwindigkeit. Dann war es vorbei. Neben ihr stand ein Herr. Er sah alt und weise aus, hatte aber ein trauriges Gesicht. Er sagte nur einen Satz, doch sie verstand vollkommen seine Bedeutung.
"Und so beginnt es also..."
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