FFVIII: Aomes Trianirea - Kapitel 6

SL

verfasst von ShadowFlame

Die Tiere verkrochen sich im Gebüsch, als sie das ohrenbetäubende Geräusch einer landenden Flugmaschine hörten. Ein Chocobo war außer sich vor Aufregung, packte sein Junges am Kopf und verschwand im tiefen Wald. Die Luft war noch immer staubig, als sich eine Luke des Jets öffnete und zwei Personen rauskletterten. Squall sprang runter, dicht gefolgt von Cifer, der einen Salto in vier Metern Tiefe machte.
"Und ihr schafft das alleine?", fragte Irvine besorgt.
"Mach dir keine Sorgen. Niida ist bald da und dann fliegen wir zurück nach Dollet."
"Wenn du es sagst... Ich wünsch euch jedenfalls viel Glück. Ich werde euch wieder helfen, wenn ich meine Aufträge alle erfüllt habe", grinste Irvine und richtete seinen Hut gerade.
"Übernimm dich nicht. Eines mach dem anderen, okay?"
Auf dem Weg zum vereinbarten Treffpunkt hattet Irvine über Funk den Auftrag erhalten, die Region um Winhill und eine westliche Insel zu untersuchen, da die Monsterinvasion angeblich von dort gestartet worden war. Squall fand es schade, dass sich ihre Wege wieder so schnell trennen mussten. Anderseits war er froh, dass er Irvine überhaupt getroffen hatte, der Tag hätte sonst wohl einen ganz anderen Ausgang genommen. Squall und Cifer traten zurück, als das Flugzeug wieder startete und einen ohrenbetäubenden Lärm von sich gab. Irvine blickte runter und winkte zum Abschied noch einmal heftig zu seinen immer kleiner werdenden Freunden, bis sie sich letztendlich nicht mehr sehen konnten...
"Niida wird bald da sein. Was machen wir in der Zwischenzeit?", fragte Squall.
"So wie ich dich kenne willst du jetzt die nächsten Schritte planen, aber ich werde mich mal im Wald verkriechen. Hier ist es mir etwas zu hell."
Cifer drehte sich um und ging in den Wald.
Während Cifer auf einem Felsen saß und die Kratzer auf seiner Gunblade zählte, lehnte sich Squall an einem Baum und dachte darüber nach, was ihm Edea erzählt hatte. Die Totenstille des Waldes war wie geschaffen, um etwas in sich zu gehen.

Du bist auf einer Reise, die nur du bestreiten kannst... Aber wohin führt dein Weg? Warum darf ich nicht bei dir sein?
Dieses Nichts in meinem Kopf... Diese Leere in meinem Herzen... Sag mir, wo du bist... Sag mir, was du fühlst... Sag mir, warum du vor mir wegläufst...

Squall spürte das Brennen in seinen Augen. Er hatte gehofft, Edeas Worte könnten ihm Trost spenden, doch stattdessen fühlte er sich einsamer den je. Squall kam ein verrückter Gedanke... Ob er sie jemals wiedersehen würde?
Im Gebüsch hörte man etwas rascheln. Von einer Sekunde auf die andere tauchte ein Chocobo auf und verschwand sofort wieder. Squall konnte die wachsende Unruhe spüren. Er wusste sofort, dass dies von der Ragnarok kommen musste. Nur wenige Augenblicke später hörte er einen lärmenden Luftschiffmotor und sah, wie die Blätter vor seinen Augen vorbei flogen. Cifer und Squall beobachteten die sanfte Landung der Ragnarok und gingen auf sie zu.
"Die sieht nicht besser aus als vorher. Aber sie scheint zu fliegen...", sprach Cifer, als sie beim Luftschiff angekommen waren.
"Lasst uns zu Niida rein gehen. Wird Zeit für einen kleinen Informationsaustausch."
Squall öffnete den Eingang und marschierte den Gang entlang. Im Cockpit angekommen wartete jedoch eine Überraschung auf ihn und Cifer: Niida war nicht da.
"Was soll das? Spielt er hier Verstecken?", brummte Cifer.
"NIIDA!? Bist du hier irgendwo!?", rief Squall und warf einen Blick auf den Monitor.
"Was schaust du so? Stimmt was nicht?", wollte Cifer wissen.
"Da steht was... Flugziel Nummer 173... Modus Autopilot, Kollisionsumgehung... Countdown 180 Sekunden..." Squall grübelte.
"Autopilot?"
"Wenn ich das recht verstehe hat Niida das Ziel eingegeben, einen Countdown gesetzt, damit er aus der Ragnarok noch rechtzeitig aussteigen kann und das Schiff alleine hierher fliegen lassen..."
"Auf dem Typen ist kein Verlass... Und wo ist unser großer Ingenieur jetzt? Hat wohl die Kurve gekratzt, ohne eine Nachricht zu hinterlassen...", lästerte Cifer.
"Er könnte überall sein. Ich vermute, er will der Sache auf seiner Weise auf den Grund gehen."
Squall musste aus irgendeinem Grund an die mysteriösen Artefakte denken.
"Und vielleicht rechnet er damit, dass wir ihm folgen? Der kam mir schon von Anfang an etwas unzuverlässig vor. Ich schlage vor, wir vergessen ihn und konzentrieren uns auf Rinoa."
Squall gefiel diese Haltung von Cifer nicht. Immerhin war Niida ihr Begleiter, Meinungsverschiedenheit hin oder her. Aber er konnte nicht auch noch nach Niida suchen. Schweren Herzens nickte er langsam.
"Dann sind wir ja einer Meinung. Komm, wir sollten jetzt los fliegen, bevor in Dollet alle Läden schließen. Irgendwie ein seltsamer Vogel... Zuerst wollte er unbedingt dabei sein, und jetzt haut er ab, ohne irgendetwas Großartiges geleistet zu haben, seit wir zusammen sind...", sagte Cifer nachdenklicher als Squall es von ihm gewohnt war.
"Ihm gehts sicher gut. Wo soll er auch hin sein? Er ist im Galbadia Garden losgeflogen und hätte hier sein müssen. Und wenn sie ihn während des Fluges gekidnappt hätten, wäre die Ragnarok kaum hierhin geflogen", sagte Squall.
"...Was? Ich mach mir doch keine Sorgen um DEN!", brummte Cifer, bevor er sich auf einen der Pilotensitze warf.
In nur wenigen Stunden ist die Truppe um die Hälfte kleiner geworden, Squall war besorgt. Nicht nur die Tatsache, dass sie zu zweit weniger Chancen hatten, sondern auch Niidas Abwesenheit machte ihn stutzig. Und Rinoa? Zweimal ist er ihr schon begegnet und jedes Mal wollte sie ein Treffen vermeiden. Würde er diese Chance jemals wieder bekommen? Er befand sich anscheinend auf derselben Reise wie Rinoa, jedoch war sie ihm immer um einige Schritte voraus...

Nachdem Squall den Autopiloten auf Dollet eingestellt hat, ging er in den Passagierraum und setzte sich. Die Ragnarok ruckelte während dem Start aufgrund des Schadens ein wenig, doch nachdem sie an Höhe gewonnen hatte, spürte man nur noch das leichte Vibrieren des Antriebmotors.
"Denkst du immer noch an Niida? Ihm wurde bestimmt nichts angetan. Er hat ja schließlich auch ein wenig auf den Kasten, auch wenn er manchmal etwas lahmarschig ist", sagte Cifer, als er sah, dass Squall etwas bedrückte.
"Das ist es nicht...", antwortete Squall.
"Rinoa, oder?"
Squall schwieg. Cifer seufzte und legte sich auf die Sitzbank. Es herrschte eine merkwürdige Stimmung. Unter ihnen das Ödland, über ihnen der bewölkte Himmel... Die Einsamkeit, durch Niidas und Irvines Abwesenheit, die immer größer werdende Sehnsucht nach Rinoa und die nostalgische Stille, die von Cifer und Squall ausging...

Noch bevor die Sonne unterging, erreichte die Ragnarok die Hesperides Ebene. Squall war zwar nur den halben Nachmittag weg, jedoch kam ihm die Gegend vor, als wäre er vor einigen Jahren das letzte Mal hier gewesen. Er und Cifer stiegen aus und verließen das Luftschiff, das sie in der Nähe des Bahnhofes geparkt hatten.
"Die Dolleten sind wohl nachtaktive Menschen. Zuerst den ganzen Tag im Haus verstecken und jetzt die Straßen überfluten", meckerte Cifer.
"Wir können nur hoffen, dass in der Kneipe nicht allzu viel los ist. Der Besitzer kann uns bestimmt weiterhelfen. Wir sollten uns beeilen."

Als sie die Tür öffneten, kam Squall und Cifer ein stickiger Geruch entgegen. Die warme Luft roch nach Zigaretten, Alkohol und erbrochenem Brötchen. An der Bar, an den Tischen, auf den Tischen und am Boden lagen, saßen und standen Gäste, die meisten von ihnen Galbadia Soldaten.
"Das ist doch nicht deren Ernst?! Und da will noch jemand behaupten, Dollet sei eine elegante Stadt."
Squall versuchte den leeren Blicken der Soldaten auszuweichen.
"Typisch Galbadia. Und so was nennt sich Kämpfer... Nur dank Leuten wie uns, kann die kriegerische Kunst ihr Niveau über Wasser halten", murmelte Cifer über die Soldaten.
"Du hast zu allem eine Meinung, oder?", murmelte Squall zurück.
Squall wollte die Kellnerin fragen, ob der Besitzer noch da war, als er plötzlich jemanden rufen hörte.
"Hey! Da bist du ja! Ich wusste, du würdest zurückkommen."
Günther Berring rannte die Treppe runter und ging mit einem zufriedenen Lächeln auf Squall zu.
"Du bist heute Nachmittag so schnell wieder verschwunden. Dabei wollte ich doch unbedingt mit dir über alte Zeiten reden..."
"Alte Zeiten? Wir sind uns doch erst ein paar Mal begegnet, Günther", gab Squall zurück. Der Besitzer lachte.
"Und die paar Male waren besondere Begegnungen. Du bist der beste Kartenspieler der mir je unter die Augen gekommen ist. Ich warte schon lange auf den Tag der Revanche und heute ist er gekommen."
Der Mann deutete mit den Augen zur Treppe. Er, Squall und Cifer gingen daraufhin ins obere und ruhigere Geschoss.
"Squall, sag ihm, warum wir wirklich hier sind! Zum Kartenspielen haben wir keine Zeit!", zischte Cifer Squalls ins Ohr.
Er hatte leider Recht, dachte sich Squall und klopfte den Besitzer auf die Schulter.
"Ich bin eigentlich nicht hier um Triple-Triad zu spielen, sondern weil ich Ihre Hilfe brauche... Günther."
"Meine Hilfe?! Wozu braucht ein mit allen Wassern gewaschener Typ wie du meine Hilfe?", lachte Günther und setzte sich an den Tisch.
"Es geht um den alten Mann, der heute hier war...", begann Squall.
"Ach, der! Dieser Knacker verliert noch schlechter als er spielt. Du hättest sehen müssen, wie er zum Schluss versucht hat über mich her zu fallen. Er schnappte sich das Juwel, um das wir gespielt hatten, ließ es aus versehen fallen und stolperte drüber."
Günther schlug auf den Tisch.
"Er benahm sich wie ein Behemoth in der Mensa, der Tisch kippte um und alle Karten wurden auf dem Boden verstreut. Und wie es das Schicksal so wollte, traf es auch diesen Klunker. Na ja, wenn sogar Holz härter ist, als dieser Stein, wird er eh wertlos gewesen sein. Aber hübsch war er...", erzählte Günther und zeigte Squall den Splitter, den er um den Hals trug.
Diesmal war sich Squall sicher. Es musste ein Teil des Artefakts sein.
"Der Mann, der auch so einen Stein hatte... Wo ist er hin?"
"Sag bloß, du kennst diesen Spinner?" Squall wurde wütend, nachdem Günther das gesagt hatte.
"Das war kein alter Spinner! Das war..."
"...eventuell jemanden, den wir kennen. Um genau zu sein, handelt es sich dabei um eine Freundin von uns", fuhr Cifer Squall scharf ins Wort.
"Soll ich dir das glauben? Du meinst, ich habe heute mit einer Frau um ein Kartenspiel gestritten?", schnaubte Günther ungläubig.
"Sie wollte doch nur den Stein..."
"Das hab ich auch festgestellt... Na gut, ich werde dir helfen. Aber vorerst musst du mit mir Karten spielen. Egal wer gewinnt, ich will nur eine Revanche", schlug Günther vor.
"Das ist nicht der richtige Zeitpunkt, um..."
"Und wenn du gewinnst, gebe ich dir meinen Splitter. Den kannst du dann deiner Freundin schenken", zwinkerte er Squall zu.
"Ich hab wohl keine Wahl... Abgemacht! Ein paar Minuten können wir verschmerzen..."
"Ich bräuchte Karten, meine habe ich alle verschenkt..."
Squall erinnerte sich an die Abschlussfeier vor ein paar Jahren im Garden, wo er 'Kartenkönig' geworden war. Er hatte dort seinen Rücktritt als Kartenspieler und SEED angekündigt und Xell seine komplette Kartensammlung vermacht.
"Wie blöd ich doch damals war... Hätte ich da nicht so viel getrunken, könnte ich jetzt mein eigenes Deck verwenden.", murmelte Squall, während er fünf Karten in die Hand gedrückt bekam.
"Na dann wollen wir mal sehen, ob du mit der Random-Hand Regel auch so gut zocken kannst. Oh, und das nehmen wir auch gleich dazu", grinste Günther und legte vier Kärtchen mit Elementen darauf abgebildet auf das Spielbrett. Scheinbar wollte er um jeden Preis gewinnen. Squall schaute auf seine Karten. Grendel, Kaktor, Bomber, Mesmerize und Beißkäfer. Cifer schüttelte den Kopf und sagte:
"Leg am besten irgendwas auf das Brett, Hauptsache wir haben es schnell hinter uns."
Squall schaute seinen Gegner etwas zweifelnd an. Günthers schmunzelnder Mund wurde immer breiter. Er nahm die Glücksmünze, warf sie in die Luft und fing sie auf. Blau. Squall durfte beginnen. Das Spiel war nicht besonders aufregend. Jeder eroberte die Karten des jeweils anderen. Es stand 6:4 für Günther. Dieser legte seine letzte Karte, die Drachen-Isolde, ins linke mittlere Feld, sodass nur noch das Feld links oben frei war.
"Du brauchst jetzt wirklich eine gute Karte, um meine Drachen-Isolde und meine Galchimäsera zu schlagen. Sieht schlecht für dich aus, mein Freund", lachte er.
Squall sah seine letzte Karte an und grinste. Um zu gewinnen musste Squall die mittlere Karte oben und die linke Karte in der Mitte schlagen, die beide an der freien Seite den Wert 6 besaßen.
"Element Feuer. Du brauchst eine starke Hitze-Element Karte, um jetzt noch zu gewinnen."
Günther lehnte sich zurück. Squall legte anschließend seine letzte Karte rauf und lehnte sich entspannt zurück. Günther fasste sich am Kopf und erstarrte.
"Da... Das gibt's doch nicht... Du hast geschummelt!"
"Und unsere Freundin ist eine schlechte Verliererin?", meinte Cifer mit hochgezogenen Augenbrauen.
"Schon gut. Ihr habt gewonnen..."
Alle warfen einen letzten Blick auf das Brett. Squall hatte sich die Bomber-Karte für den Schluss aufgehoben. Durch die Hitze-Element-Karte wurden die Punkte der Bomber-Karte um eins erhöht, sodass sie mit den Werten 7 und 8 auf der rechten und unteren Seite die beiden anderen Karten mit jeweils den Wert 6 überbieten konnte.
"Wir haben unseren Teil der Abmachung erfüllt. Jetzt sind Sie dran", meinte Squall.
"Einverstanden..."
Günther seufzte und übergab Squall den Splitter.
"Ähm, da du den ja kanntest... Als der Alte... äh... deine Freundin gestolpert ist, fiel ihr ein Schlüssel aus der Manteltasche. Anhand der Verzierung konnte ich sofort erkennen, dass es ein Schlüssel vom Stadthotel war. Scheinbar hat sie dort ein Zimmer gemietet..." Squall und Cifer standen auf.
"Ich weiß gar nicht, wie ich ihnen danken sollte... Sie haben uns sehr geholfen."
Squall schüttelte ihm die Hand.
"Wir müssen jetzt aufbrechen, die Zeit wartet nicht..."
"War doch keine Ursache. Diesmal bin ich davon überzeugt, dass du der bessere Spieler von uns beiden bist. Das Spiel hat mir viel bedeutet."
"Ja, mir auch. Auf Wiedersehen!", verabschiedete sich Squall und verließ mit Cifer die Kneipe. Mit schnellen Schritten näherten sie sich wieder dem Stadtzentrum.

"Rinoa Heartilly? Warten Sie kurz, ich sehe mal nach", murmelte die Frau an der Rezeption und begann in einem Buch zu blättern. Squall war in Eile, aber die klassische Musik im Hinterzimmer und das Geräusch des Blätterns, das durch die elegante Handbewegung der Frau entstand, beruhigten ihn ein wenig. Squall atmete einmal tief ein und aus.
"Huch, was ist das? Hier steht zwar keine Heartilly...aber...Rinoa, sagten sie?"
Squall nickte. Die Frau nahm ihre Brille ab.
"Ist Frau Heartilly zufällig heute Vormittag hier untergebracht worden?"
"Ja, gut möglich. Ist sie hier?", wollte Squall wissen und schaute die Frau neugierig an.
"Nun ja... Heute wurde eine gewisse Frau Aonir Leonhart eingetragen. Seltsamer Vorname, oder? Vor allem wenn man ihn von hinten nach vorne liest..."
"Rinoa Leonhart."
Squall war sprachlos. Rinoa gab wohl einen falschen Namen an, um nicht gefunden zu werden. Dieser Name war schlecht gewählt. Prokylta hätte bestimmt erkannt, dass es sich hier um Rinoa handelte, dachte sich Squall. Die Dame schrieb die Zimmernummer auf einem Zettel auf und gab ihn Squall.
Squall und Cifer gingen die lange Treppe nach oben. Sein Herz begann immer heftiger zu klopfen.
"Ich bin wirklich gespannt, was uns hinter dieser Tür erwarten wird", sprach Cifer mit beunruhigter Stimme und blickte auf das Türschild mit der Nummer 504.
Squall drehte langsam den Knauf um, öffnete die Tür und schloss seine Augen. Anschließend machte er einen Schritt nach vorne und öffnete die Augen wieder. Plötzlich wurde ihm ganz anders. Er schaute blitzartig nach links und rechts. Sein Atmen wurde lauter.
"Ri... Rinoa?... Rinoa!!!"
... Nichts... Squall setzte sich verzweifelt auf dem Boden.
"Das wäre wirklich zu schön gewesen...", murmelte Cifer.
Squall sah sich um. Hier lagen noch Sachen von ihr. Das bedeutete...
"Sie wird wieder kommen... Wir haben sie nicht verfehlt", sagte Squall und ging auf das Bett zu, auf dem Sachen und ein Buch von Rinoa lagen. Das Radio daneben war eingeschaltet. Squall berührte den Knopf zum Ausschalten, wollte ihn aber nicht drücken. Stattdessen hörte er das Lied, das im Radio gespielt wurde.
Squall seufzte einmal tief, während Cifer ein Buch in die Hand nahm, das auf dem Bett lag.
"Sie hörten so eben 'Eyes On Me' von Julia Heartilly, die verstorbene Ehefrau des kürzlich ebenfalls verstorbenen Senator Carway. Ja, es ist momentan eine schwere Zeit für uns alle. Doch ich denke, wir sollten nicht pessimistisch werden, sondern diese Zeit als Periode der Veränderung betrachten. Und Veränderungen bringen nun mal ihre Verluste mit sich. Mein Name ist Joey Tarantino und das war die Oldie-Stunde. Ich übergebe nun zu den Nachrichten mit Skylar Goodsworth..." Der Moderator übergab an die Nachrichtensprecherin. "Danke, Joey..."
"Hey, komm her, das musst du dir mal ansehen! Rinoas Tagebuch!", rief Cifer.
"Was?!"
Squall fehlten die Worte. Cifer streckte ihm ein kleines, dunkelblaues Buch entgegen. Er berührte das Symbol auf dem Umschlag und schlug es auf...
Er erkannte ihre ordentliche Schrift wieder. Er überflog kurz den Eintrag. Versteinert blickte er auf die letzten Zeilen...

Bald sehen wie uns wieder...
Bald...
Ich liebe dich.


"Was steht da drin?", wollte Cifer wissen.
Squall schloss fest seine Augen, um die Tränen zu verkneifen.
"Privates Zeug", murmelte Squall.
"Was für privates Zeug?", fragte Cifer.
"...Viel über mich. Und dass sie es alleine schaffen will und muss und das sie mich beschützen will...", erläuterte Squall den Tagebucheintrag in stark gekürzter Fassung.
"Schaffen? Hat sie nichts geschrieben, was sie schaffen will?"
Squall suchte die letzte beschriebene Seite.
"Das Buch war auf dieser Seite aufgeschlagen", meinte Cifer und zeigte auf die verwischte Tinte. Squall begann dort zu lesen, wo dieser Eintrag begann.

Erneut bin ich seinen Weg gekreuzt, bereits das zweite Mal heute. Vielleicht ist es Zufall, aber vielleicht auch die Liebe, die uns immer an denselben Ort führt. In mir wuchs erneut die Sehnsucht um einiges an, als ich ihn sah... Ich wünschte, die Dinge wären einfacher... Ich wünschte, der Weg zu unserem gemeinsamen Ziel hätte nicht so viele Hürden...

Squall blätterte um.

Aber... Ich muss versuchen stark zu sein... Denn heute in der Kneipe, als ich versuchte den 'Lacrima des Alphega' zu erbeuten, traf ich auf Squall und musste erfahren, dass er in großen Schwierigkeiten steckt. Er weiß noch nicht, dass...

"Hier ist es zu Ende. Rinoa muss das vor nicht all zu langer Zeit geschrieben haben. Die Schrift sieht noch sehr frisch aus."
"Sie muss hier sein!", sprach Cifer mit einem felsenfesten Blick im Gesicht.
Squall sah erneut auf die Seite.
"'Lacrima des Alphegas'. Was zur Hölle ist das?"
"Ich denke, wir können das auf die Liste der Fragen setzen, die wir ihr stellen, wenn wir sie wiedersehen", antwortete Cifer.
"Sobald wir sie wiedersehen. Ich hatte das Gefühl, wir sind so nah dran. Ich kann fast..."
PENG!!!
Squall zuckte kurz zusammen und zog, genau wie Cifer, blitzschnell seine Gunblade. Die Kugel verfehlte um Haaresbreite Squalls Kopf und traf das Bild neben der Tür.
"Verdammtes Arschloch!", schrie Cifer und rannte auf das Fenster zu. In einem Zimmer des gegenüberliegenden Gebäudes konnte man erkennen, wie jemand sein Gewehr aus dem Fenster streckte.
"Cifer! Runter!"
Squall schmiss sich auf den Boden und kroch in eine durch Mauern geschützte Ecke. Cifer hingegen verwendete die Klinge als Schild und blockte einen weiteren Schuss ab. Als er jedoch die tiefe Einschussstelle auf seiner Gunblade sah, duckte er sich ebenfalls. Eine Minute verging und Cifer stellte sich neben das Fenster, um einen Magieangriff vorzubereiten. Squall riskierte vorsichtig einen Blick und konnte erkennen, dass ihr Gegenüber verschwunden war.
"Wir müssen hier raus. Jetzt oder nie!", rief Squall und eilte aus dem Apartment.
"Mal sehen, was dieser Hosenscheißer im Nahkampf drauf hat!", lachte Cifer und rannte Squall nach.
Außerhalb des Hotels waren keine auffälligen Personen zu sehen. Squall ging in das andere Gebäude, ebenfalls ein Hotel.
"Weißt du noch welches Zimmer es war?", fragte Squall, während er zur Treppe rauf ging.
"Ich vertrau da ganz meinem Instinkt..."
Cifer blieb stehen.
"Es ist dieses Zimmer da!"
"Hast du es jetzt geraten oder bist du dir sicher, dass es das ist?"
"Die Türklinke wurde aufgeschossen...", antwortete Cifer und stieß leicht gegen die Tür, die sich von selbst öffnete.
Squall stellte sich auf einen harten Kampf ein. Beide traten ein paar Schritte nach vorne. Der Gewehrschütze war verschwunden, stattdessen trafen sie jemand anderen.
"Niida!? Wie bist du...?"
Niida zappelte und murmelte. Cifer wusste nichts mehr zu sagen, als er den am Bett gefesselten, Augen und Mund zugebundenen Niida sah.
"Uff... Squall... Cifer... Wo bin ich?", sprach Niida verdutzt.
"In einem Hotel... Aber die bessere, wohl wichtigere Frage ist, warum du hier gefangen bist."
"Ich weiß nicht... Jemand schlug mich aus dem Hinterhalt K.O. und als ich aufwachte war ich hier..."
"Trenn das Seil durch und dann raus hier. Unser Feind läuft noch irgendwo da draußen rum...", meinte Cifer. Squall schnitt das Seil mit einem gezielten Schlag auseinander.
"Hast du eine Ahnung, wer es hätte sein können?", wollte Squall von Niida wissen.
"Ich hab ihn nicht zu Gesicht bekommen und er gab auch keinen Ton von sich..."
Squall blickte aus dem Fenster und sah in Rinoas Apartment. Er stellte fest, dass der Schütze die perfekte Position hatte, da dieses Zimmer ein Stockwerk höher war, als das andere. Kaum blickte er etwas genauer hin, konnte er gegenüber eine Gestalt erkennen!
"Aber... Da! In Rinoas Zimmer! Da ist jemand! Das muss Rinoa sein!", rief er angespannt.
"Oder der Schütze, dann hätten wir ein Problem!", meinte Cifer und verließ mit Squall und Niida so schnell es nur ging das Hotel.
Die Drei rannten zurück in das andere Hotel und stürmten die Treppen hinauf. Oben angekommen fiel Squall sofort auf, dass die Tür nicht mehr offen war, obwohl er vergessen hatte sie zu schließen. Es war nun das dritte Mal in dieser Stunde, wo Squall etwas aufgeregt durch eine Tür schreiten musste.
Das Radio war noch an, aber das Bett leer.
"Wer immer es war, er hat das Tagebuch mitgenommen", knurrte Cifer.
Squall lehnte sich aus dem Fenster. War das wirklich Rinoa gewesen?
"Hey, hört mal!", rief Niida und drehte das Radio lauter.
"Weitere Meldungen: Bei einem Überfall in einer berühmten Dolletschen Kneipe wurde dessen Besitzer tödlich verletzt. Täter und Motive sind derzeit noch unbekannt. Das 47jährige Opfer erlag vor wenigen Minuten einer tödlichen Schusswunde im Leberbereich..."
Squall wurde blass im Gesicht und holte mit zittriger den Splitter aus seiner Tasche.
"Sollte dieses Ding etwa an allen Schuld sein...?"
"Wovon redest du?", wollte Niida wissen.
"Es könnte sein, dass der Tote jemand ist, den wir kennen. Wir haben vorhin diesen Splitter bekommen", antwortete Squall und zeigte Niida das Fragment des Steines und fuhr fort, während er auf die Strassen von Dollet blickte:
"Der Mörder war vermutlich hinter dem Splitter her und erschoss den Mann, weil der ihn nicht mehr hatte. Aber vielleicht hat Günther vor seinem Tod ihm noch gesagt, wer nun diesen Splitter hat. Damit wären wir die Gejagten..."
Squall fühlte ein eigenartiges Kribbeln in seinem Bauch. Irgendwie ging ihm dieses Ereignis nicht mehr aus dem Kopf. Waren es Gewissensbisse? Während seinen Missionen verloren schon viele Menschen wegen Squall das Leben, doch das hatte ihn wenig berührt. Diesmal war es jedoch etwas anderes. Günther war kein Kämpfer und somit auch nicht bereit, sein Leben in Gefahr zu bringen...
"Wir haben keine Zeit uns Vorwürfe zu machen! Finden wir diesen verfluchten Dreckskerl und verpassen ihm eine Lektion", schlug Cifer vor.
Squall wollte sich gerade wieder vom Fenster wegdrehen, als er plötzlich eine Person in Kutte auf der Straße gehen sah. Rinoa! In diesem Moment erwachte erneut in Squall die Hoffnung, dass seine Suche nun ein Ende hat. Squall rannte ohne ein Wort zu sagen nach unten und dort die Straße entlang. Während er den Weg entlang lief, kamen ihm vertraute Gefühle der Geborgenheit wieder hoch.
"Rinoa!", rief Squall. "Rinoa, ich..." Squall fasste der Person in Kutte auf die Schulter, welche sich daraufhin zu Squall wandte. Er sah ihr Gesicht... Doch es war nicht das von Rinoa... Ein alter Mann schaute Squall etwas verwirrt an.
"Sorry... Ich habe Sie mit jemand anderen verwechselt...", entschuldigte sich Squall.
"Macht nichts, junger Mann", lachte der Alte.
Squalls Gefühle machten ihn schwer zu schaffen. Er spürte, wie die Verzweiflung in ihm wuchs. Nur einen klaren Kopf bewahren, versuchte er sich einzureden, doch seine Gedanken wurden allmählich von seinen Schmerzen überdeckt.
"Warte auf uns, Squall!", rief Niida, der mit Cifer angerannt kam.
Squall ging den beiden entgegen.
"Im Radio haben die gesagt, dass Laguna soeben in Dollet eingetroffen sei. Er befindet sich derzeit im Rathaus."
"Laguna? Warum ist er jetzt schon hier?"
"Weiß nicht, aber im Radio hat man dich auch namentlich aufgefordert, dich im Rathaus zu melden. Vielleicht haben Sie neue Infos über Prokylta..."
Squall schaute den Mann im Umhang nach.
"Gehen wir...", murmelte Squall.
Auf dem Weg zum Rathaus wandte sich Cifer zu Squall, der hinter Niida ging und flüsterte:
"Ich spüre es... Der mit dem Gewehr ist hinter uns und Rinoa her. Beide verstecken sich hier irgendwo..."
"Rinoa versteckt sich nicht... Sie beobachtet uns... Uns und diesen bewaffneten Kerl...", entgegnete Squall
"Was willst du damit sagen?"
Squall schwieg.

"Squall Leonhart?"
"Ja..."
"Präsident Loire erwartet Sie bereits. Treten Sie ein."
Laguna wusste scheinbar von Squalls Anwesenheit in Dollet. Ein Angestellter führte ihn und seine Freunde durch das Rathaus, bis sie vor den Hörsaal standen. Ein anderer Angestellter öffnete die große Tür. Für Squall bot sich nun ein seltsames Bild. Der gesamte Rat Pollendina hatte sich anscheinend hier eingefunden. Neben Laguna und Odyne waren der Bürgermeister und Präsident von Dollet, Organa, anwesend, sowie der einflussreiche Graf Thomasa (der anscheinend überall präsent war, wo was los war) und der wohl der wichtigste Mann der gegenwärtigen Politik, Cecil Kitisa.
"Präsident Loire, sie sind hier", sagte Kitisa unnötigerweise.
Er erinnerte Squall ein wenig an jemanden, der sich wichtig machen wollte, was überhaupt nicht zu dem passen wollte, was er bisher über ihn gehört hatte.
Cecil Kitisa war der Repräsentant des Rates Pollendina und wurde deshalb von manchen Leuten als der mächtigste Mann der Welt eingestuft. Er selbst bezeichnete sich lediglich als Vorsitzender des Rates, der eben gewisse protokollarische Pflichten erfüllen musste, da seiner Meinung nach nur sein Vorgänger Ewain Pollendina, der Gründer des Rates, der mit seinen diplomatischen Geschick Frieden zwischen allen Ländern brachte, ein heldenhafter Politiker gewesen war. Pollendina war der letzte Vizepräsident von Galbadia, der sich nach den Tod Delings zurückgezogen hatte. Er hatte leider nie die Courage besessen, Präsident Deling positiv zu beeinflussen, deshalb wollte er zur Wiedergutmachung den Weltfrieden bringen. Vor vier Jahren hattet er sich mit den wichtigsten Politkern zusammen getan und den Rat Pollendina gegründet, kurz bevor er sein Amt an Kitisa weitergegeben und zurückgetreten war. Er und Kitisa wurden aufgrund ihrer Bescheidenheit und ihren guten Willen auf der ganzen Welt zu sehr populären Persönlichkeiten. Nur passte diese Bescheidenheit überhaupt nicht zu dem etwas kleinwüchsigen Mann, der vor ihm stand.
"Treten Sie ein... Wir wussten, dass sie kommen würden", meinte Kitisa ungeduldig.
Squall war nicht überrascht, dass sie davon wussten, ebenso wenig fühlte er sich geehrt, den höchsten Tieren der Regierung gegenüberzustehen. Laguna war gerade in einem intensiven Gespräch mit Odyne verwickelt.
"Loire. Ihre Freunde sind hier. Könnten Sie uns bitte die Ehre erweisen, uns endlich zu sagen, warum die hier sein müssen?", versuchte ihn Kitisa zu unterbrechen, doch Laguna schien davon vorerst keine Notiz zu nehmen.
"Präsident Loire! Könnten Sie bitte das Gespräch mit Odyne beenden?", befahl der Ratsvorsitzende ungeduldig.
"Ihr möget die Wissenschaft nicht dulden, oder? Ihr möget Odyne zum Schweigen bringen, oder?"
"Schon gut, Odyne. Wir reden gleich weiter", beruhigte ihn Laguna und wandte sich an den Rat.
"Könnt ihr uns bitte alleine lassen? Wir haben etwas zu besprechen."
"Ihr wollt, dass wir nicht an der Sitzung teilnehmen? Wozu haben wir uns dann hier versammelt?", wollte der verärgerte Kitisa wissen.
"Nein, die Sitzung kommt später. Keine Sorge, Cecil, Sie werden natürlich nichts von Bedeutung verpassen. Ich möchte mich mit Squall nur unter vier Augen unterhalten. Äh, und mit seinen Freunden natürlich auch..."
"Wie Ihr wünscht. Thomasa! Organa! Wir warten vor der Tür!"
"Die anderen bitte auch", bat Laguna und grinste den Protokollführer an, welcher daraufhin mit einem verärgerten Blick den Saal verließ. Die Ratsmitglieder warfen Laguna und Squall einen misstrauischen Blick nach und schlossen die Tür.
"Hallo Freunde! Was geht ab?"
"Warum sind wir hier?", wollte Cifer wissen.
"Das seien eine der vielen Fragen der Menschheit, oder? Manch einer meine, wir sind hier..."
"Cifer wollte wissen, was wir für euch tun können", unterbrach Squall Odynes philosophischen Vortrag.
"Ja, stimmt. Wie geht`s euch? Wie waren die letzten Tage?", fragte Laguna.
"Tut mir Leid, aber wir haben es eilig..."
"Zeit sei ein wichtiger Faktor im Kampf gegen Hexen, oder? Aber wenn..."
"Stopft ihn das Maul!", fauchte Cifer.
"Hey, warum so erhitzt? Wir sind doch nur hier, um euch zu helfen."
"Sorry, Laguna, aber wir sind in momentan nicht in Plauderlaune. Wir sind eigentlich...", fing Squall an.
"Na gut, kommen wir gleich zum Thema...", redete Laguna dazwischen und schlug eine Mappe auf.
"Also Odyne kann das wohl am besten erklären, hier", sprach er und reichte Odyne die Aufzeichnungen.
Squall und seine beiden Gefährten setzten sich Laguna und Odyne gegenüber.
"Ihr wollt nun hören, was Odyne zu sagen hat, oder? Ihr wollt diese unglaubliche Entdeckung mit mir teilen, mit mir, der der diese Entdeckung gemacht hat, oder?"
Squall schwieg.
"Die Unruhen auf dem Mond und der Erde seien ständig in Anstieg, oder? Der große Odyne behaupte, dass auf dem Mond die Antwort geschrieben sei, dort wo alle Monster geboren werden, oder?"
"Und deshalb haben wir diese Raumstation mit den Cyborgs rauf geschossen, um das zu analysieren...", setzte Laguna fort.
"Exakt, oder? Geschützt von Energieschildern wurde ein Signalempfänger auf dem Mond errichtet, nur so sei es möglich die Resonanz dort zu messen, oder? Viele nutzlose Signale seien dadurch abgefangen wurden, doch gestern sei es anders gewesen, oder?"
"Es passierte zu der Zeit, als die Oper in sich zusammenbrach..."
"Der geniale Professor Odyne habe sofort erkannt, dass dieses Signal ein besonderes sei, oder? So habe ich es abgefangen und analysiert, oder?"
"Passt gut auf! Jetzt kommt's!"
"Moduliere man die Schwingung mit Amplituden und kombiniere man diese mit der Schwingung der großen Steinsäule, erhalte man eine neue Schwingung, oder? Dechiffriere man sie nun mit Volunt-Schwingungsweiten, so erhalte man einen für uns hörbaren Ton, oder? Die grandiosen Fähigkeiten des großen Odyne seien bemerkenswert, oder?"
Squall war verwirrt.
"Und was war das Ergebnis dieser... dieser Signalumwandlung?", wollte er wissen.
Odyne rührte sich nicht vor Stolz, während Laguna ein Abspielgerät aus einem Koffer holte.
"Drück auf den grünen Knopf", sagte er und reichte Squall das Gerät.
Squall drückte auf den Knopf. Für fünf Sekunden konnte man nur Rauschen und Summen hören, doch dann konnte man deutlich eine Stimme erkennen.
"... ... ... ... S... ... ... ... ... L..."
Die Stimme klang verzerrt, aber menschlich.
"SL?"
Niida starrte auf das Gerät und schaute anschließend Laguna etwas fragend an.
"Odyne meinte, es handelt sich hier um einen Teil eines Centra-Satzes. Womöglich ein Vers aus einem Hexengebet, oder so...", erklärte Laguna.
"Schade, und ich dachte es heißt Squall Leonhart", lachte Cifer.
Squall erwiderte mit einem skeptischen Blick.
"Ihr möget glauben, Odyne sei ratlos, oder? Aber so sei es nicht, oder? Hinter diesen Buchstaben stecke viel mehr als ein lächerlicher Zauberspruch oder Gebet, oder?"
"Und ihr denkt, das Signal kommt von Prokylta?"
"Dieses Signal komme weder vom Mond, noch von Prokylta, oder? Dieses Signal komme von weiter her, als wir denken können, oder? Dieses Signal komme aus einer anderen Dimension zu uns, jenseits der letzten Grenze unserer Galaxie, oder?"
Squall grübelte. Woher kam dieses Signal und was hatte es zu bedeuten. Plötzlich musste er an Rinoa denken. Während er hier drin saß und mit den anderen rätselte, befand sich Rinoa womöglich in großer Gefahr. "Laguna, ich finde es sehr interessant, aber warum zeigst du uns das?", wollte Squall wissen.
"Das frage ich mich auch schon die ganze Zeit", murmelte Cifer.
"Nun ich... Ähm... Weiß nicht... Ich dachte, ihr könnt damit etwas anfangen..."
Cifer lachte.
"Danke, dass ihr uns das mitteilt, aber weiterhelfen wird uns das wohl nicht... Ich hoffe, dir und Odyne wird es gelingen, das Geheimnis zu entschlüsseln", sagte Squall schnell.
"Dich bedrückt etwas, oder Squall? Es ist Rinoa, nicht wahr? Ich habe euch hier eingeladen, weil ich euch etwas über die Geschehnisse vom 'ESTHAR-31 VTN' Projekt erzählen wollte. Das ist das alte Spielchen. Wir liefern die Informationen und ihr versucht mit denen etwas anzufangen...", meinte Laguna.
"Leider sind es nicht die Informationen, die wir suchen... Wonach ich suche..."
Squall brach ab. Wonach suchte er eigentlich noch? Nach Rinoa? Rinoa ist hier. Sie ist hier und hält Abstand von ihm... Aber warum? Weil es so anscheinend für beide sicherer ist... Ist das alles? Nein... Sie will beweisen, dass sie es alleine schaffen kann...

Nein, ich suche nach gar nichts... Ich bin eine herumirrende Seele... Völlig einsam und verlassen... verzweifelt... und ziellos...
Ich suche nach dir, Rinoa... Doch du willst nicht, dass wir uns begegnen... Und dennoch suche ich weiter... Aber wonach? Nach einer Zeit, in der wir beide wieder vereint an einem Ort sind...
Zeit... Ort... vereint... Zeit und Ort, vereint... Zeitkomprimierung... Was ist los mit mir? Wieso werde ich das Gefühl nicht los, dass die Zeit gegen mich ist... Die Zeit... Zeit...


"... ZEIT!", schrie Squall und sprang auf. Alle anderen waren erschrocken.
"Was sagst du?", fragte Laguna und sah ihn erstaunt an.
"Ähm... ich... ich... ich bin etwas erschöpft. Ich werde in Rinoas Zimmer gehen und dort auf sie warten."
"Ich gehe mit, falls wieder was passiert", schlug Niida vor.
Cifer stand ebenfalls auf.
"Nein, ihr bleibt hier und hört zu, was euch Laguna zu sagen hat. Vielleicht könnten die Informationen noch mal von Nutzen sein..."
"Für mich nicht. Niida bleibt hier. Und während du dich ausruhst, werde ich mich mal in Dollet umsehen. Perfekte Einteilung, nicht wahr?", meinte Cifer.
"Ich bin noch drei Tage hier. Wir sehen uns dann, okay? Bis später!", verabschiedete sich Laguna. Squall und Cifer verließen den Saal und wurden draußen von den Ratsmitgliedern etwas misstrauisch angeguckt. Nur Cecil Kitisa stand etwas abseits und redete schnell in seinen Kommunikator.
"Na, seid ihr fertig mit eurer Dollet-Verschwörungsdiskussion?", fragte der Bürgermeister und grinste sarkastisch. Squall konnte an seiner Stimme hören, dass er ein wenig sauer war.
"Du bist in Rinoas Zimmer, oder? Ich mach Lärm, sobald es was Neues gibt."
Squall nickte. Cifer ging die Straße in Richtung Sendeturm weiter, während Squall vor dem Hotel stand und die Verzierung auf der Türschnalle betrachtete.
"Würden Sie mich bitte rein lassen?", fragte eine traurige Frauenstimme.
Squall drehte sich um. Er hatte sie schon mal gesehen. Ja, es war Sherry, die Kellnerin aus Günthers Bar. Ihre Augen waren rot umrandet und glitzerten wie das Meer, das bei Vollmond den Mondschein reflektierte. Also war es wahr. Günther wurde erschossen.
"Oh... Tut mir Leid...", antwortete Squall und öffnete ihr die Tür.
Die Frau trat ein.
"Ich kenne Sie... Sie wissen, was passiert ist, oder?" Squall schwieg.
"Ich habe hier nichts mehr verloren... Kämpfe... Kriege... Waffen... Blut... Ich kam hier her, weil ich dachte, hier wäre ich sicher. Ich dachte, hier herrscht Frieden, und nun musste ich zusehen, wie mein eigener, gutherziger Chef am Fußboden verblutete."
Squall wusste nicht so recht, was er sagen sollte.
"... Ich danke Ihnen jedenfalls, dass Sie heute gekommen sind, um mit meinen Boss ein letztes Mal Karten zu spielen. Fast schon Ironie, aber es sieht so aus, als ob dadurch sein Leben erfüllt wurde", sagte Sherry und lächelte sanft.
Squall konnte das Lächeln nicht erwidern. Zwei trauernde Menschen standen sich gegenüber und versuchten vergeblich, sich gegenseitig aufzuheitern. Die Kellnerin fühlte scheinbar, dass der Schmerz nicht zu lindern war, biss sich auf die Lippe und ging weiter. Während Squall die Treppen nach oben ging, dachte er über die letzten Stunden nach. Der Alptraum begann gestern Abend und erstreckte sich schon über einen ganzen Tag. Er fühlte sich schrecklich. Verluste durch Tod, Verluste durch Trennung...

In Rinoas Zimmer angekommen, saß er sich auf das Bett.
"... Die Polizei ist damit beschäftigt, die Unruhen zu bekämpfen, die seit heute in Dollet herrschen. Neuste Meldungen berichten von einem Diebstahl im Historischen Museum von Dollet. Der Besitzer erklärte, dass eine Karte aus der Zeit der Centra entwendet wurde und..."
"Lasst mich endlich in Ruhe!", knurrte Squall und schlug auf das Radio, dass daraufhin endlich zum Schweigen gebracht wurde.
"Eure Sorgen möchte ich haben... Diebstahl..."
Plötzlich hörte er im Badezimmer ein eigenartiges Geräusch. Squall dachte sofort an Rinoa und öffnete erneut eine Tür, hinter der die Hoffnung blühen könnte. Nichts. Es war nur der tropfende Wasserhahn.

"... Jedenfalls konnte die Raumstation nur mit Mühe gerettet werden. Auf dem Mond ist derzeit wirklich die Hölle los, wenn man das so sagen darf."
Plötzlich wurde Laguna, der gerade Niida von der Aufklärungsmission im Weltraum erzählte, von einer eingehenden Nachricht über ihr Kommunikationsgerät unterbrochen.
"Jemand möge uns was mitteilen, oder?"
Odyne aktivierte den Empfänger.
"Professor Odyne! Wir schalten Kanal 32 auf Signalaufzeichnung um, das müssen Sie sich unbedingt anhören!"
Daraufhin hörte man ein kurzes aber scheußliches Rauschen.
"... ... ... S... L... ... ... ... ... S... L... ... S L... S... ... ... ... L... ..."
"Das sei Musik in meinen Ohren, unglaublich, oder?"
Niida war ebenso erstaunt wie Laguna und Odyne. Für mehrere Sekunden hörte man ständig diese beiden Buchstaben.
"Was bedeutet das?", wollte Niida wissen und sah erneut den ebenso ratlosen Laguna an.

Nachdem Squall den Wasserhahn abgestellt hatte, vernahm er ein heftiges Klopfen an der Tür. Das musste Cifer sein. Hatte er was gefunden?
Squall öffnete die Tür.
Das Erste, was er sah, war ein Gesicht, das er schon einmal vor kurzem gesehen hatte. Das Zweite war das Gewehr, welches die Person in der Hand hatte.
"Du bist so ruhig; das kenne ich gar nicht von dir. Hast du schon aufgegeben, oder ist es dein erschöpfter Geist? Ich schätze mal, dieses Mal werd' ich nicht verfehlen.", meinte der Mann mit einer freundlichen Stimme.
"Zed, nicht wahr? Hören Sie..."
Noch bevor Squall ein weiteres Wort sagen konnte, richtete Zed das Gewehr auf Squalls Oberkörper und drückte ab...