FFVIII: Aomes Trianirea Four Seasons - Wieder Winter
Wieder Winter
verfasst von MfLuder
"Freiheit - ist Wahrhaftigkeit. Wer, selbst unter dem Zwange, seine Wahrhaftigkeit sich wahrt, der wahrt sich im Grunde auch seine Freiheit."
-Richard Wagner
"Sagen Sie ihm, dass er für die Träume seiner Jugend soll Achtung tragen, wenn er Mann sein wird."
-Friedrich Schiller
"Nicht die Gesellschaft hat den schöpferischen Heros zu erretten, sondern er sie. Und so teilt jeder von uns das höchste Gottesgericht und trägt das Kreuz des Erlösers – nicht in den Augenblicken großer Stammessiege, sondern im Schweigen seiner einsamen Verzweiflung."
-Joseph Campbell, "Der Heros in tausend Gestalten"
"(...) Die brutale Härte, mit der das Leben, das Schicksal, gelegentlich zuschlägt und alles, woran man geglaubt hat, alles, was man geliebt hat, alles schlussendlich zerschmettert... Diese Härte nimmt gelegentlich einen geradezu inhumanen Rhythmus an, der mich gelegentlich an meiner Prämisse zweifeln lässt, Bösartigkeit sei eine Erfindung der Lebenden, nicht des Lebens. (...)
Doch inwiefern sind wir von den Geschehnissen des Lebens abhängig? Passen wir uns den Stimmungen an, greifen wir auf die gleichen Waffen des uns angreifenden Gegners zurück und erlauben ihm so den ersten Sieg, der darin besteht, dass er bereits die Bedingungen des Kampfes diktiert hat? Oder haben wir die Gelegenheit, auch in diesen tiefsten und schrecklichsten Momenten unseres Lebens irgendeine Weisheit, irgendeine Freiheit zu erringen, die uns schlussendlich unabhängig vom Schicksal macht und uns ganz nah zu uns selbst bringt, was vielleicht schlussendlich sogar der große Sinn der eben oben genannten Schmerzen ist?(...)
Ich bin überzeugt, dass diese Fragen, wie jede Frage, im Kern die eine Frage des Universums als Keim in sich trägt. Und vielleicht sind es diese Fragen, diese Fragen des Menschlichen und nicht die des Kosmischen, die am Ende unserer Geschichte eine Antwort verlangen..."
-Auszug aus einem Brief von Reo an die Gräfin von Nokturn, undatiert.
Er fühlte jede einzelne Verletzung. Steine wurden auf ihn geworfen, gerade klein genug, um nicht als ernsthafte Bedrohung wahrgenommen zu werden. Er versuchte sich zu wehren, doch er war bereits alt und schwach. Sein Rücken war gebeugt, sein langer Bart zerzaust. Er wusste, dass er stank, doch er war zu schwach, etwas dagegen zu tun.
"Bäh, du blöder alter Stinker. Lern doch mal, dich richtig zu waschen!", schrie einer der Jungen, die ihn mit Steinen bewarfen.
"Mein Köter riecht besser als du!", sagte ein zweite Junge.
Der alte Mann blickte in die Runde von Jungs, die ihn schreiend und lachend umkreist hatten.
"Schon mal was von Seife gehört. Das benutzen Menschen, um nicht zu stinken!", sagte ein rothaariger Junge.
"Kinder, ich bitte euch..."
"Bäh, hat der einen fiesen Mundgeruch!", sagte der rothaarige Junge und warf ihm einen Stein an die Stirn.
"Fremder, bei uns werden Kerle wie du sofort gehängt!", kicherte ein schwarzhaariger Junge und schlug mit einem Stock auf die nackten Beine des Mannes.
"Aua. Ihr tut mir weh. Kinder, ich bitte euch, lasst mich in Frieden", flehte der alte Mann.
"Der hängt wirklich bald am Galgen, man sieht ihn schon", sagte der rothaarige Junge.
"Man sieht ihn schon! Man sieht ihn schon! Man sieht ihn schon! Man sieht ihn schon!", sangen die Kinder in einem gehässigen Tonfall.
Der alte Mann sank auf die Knie und begann zu weinen.
"Schluß! Auseinander!"
Die Kinder rannten sofort auseinander. Jeder von ihnen war binnen Sekunden in einem der schönen, alten Häuser verschwunden. Der Dorfplatz war wieder leer.
Der alte Mann blickte auf und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Jemand war eingeschritten, jemand hatte ihm geholfen. Es handelte sich um einen gepflegten, älteren Herren. Er war klein, trug vornehme Kleidung, hatte durchdringende, blaue Augen und kurze, silberne Haare.
"Verzeihen Sie den grausamen Scherz. Die Jugend ist gelegentlich sehr übermütig in dieser Stadt", sagte der Herr und half dem Alten auf die Beine.
"Vielen Dank! Ich danke Ihnen vielmals", weinte der Alte und warf sich dem Herren um den Hals.
"Nana, ist ja gut. Ist gut", sagte er und schob ihn etwas weg.
"Ich wandere seit Tagen durch die karge Landschaft und hoffte auf eine Siedlung..."
"Nun kommen Sie doch erst mal mit", sagte der Herr.
Er führte den Alten auf eine große Villa zu.
Hinter einem Vorhang lugte der rothaarige Junge hervor. Er grinste.
Der Herr führte den Alten durch die Gänge seiner Villa.
"Ich habe... bin lange gewandert. Suchte nach Wasser, wäre fast verdurstet..."
"Glücklicherweise ist das nicht geschehen", warf der Herr ein.
"Und dann habe ich Häuser gesehen... ich bin sofort auf den Platz... und da kamen die Kinder und haben mich grundlos beworfen..."
"Wie ich schon sagte, in ihrem Idealismus ist die Jugend hier gelegentlich etwas übermütig...", sagte der Herr, öffnete eine Tür und bedeutete dem Alten hindurchzugehen.
Sie fanden sich in einem düsteren Kellergang wieder.
"Warum haben... sie das getan? Die Kinder... Ich habe ihnen doch nichts..."
"Ach, sie testen. Sie testen jeden. Wir sind doch früher alle mal etwas über die Stränge geschlagen", sagte der Herr.
"... Aber doch nicht so...", flüsterte der zerschundene alte Mann.
"Das sind gute Jungs, ich versichere es Ihnen. Sie sind nur... sehr ästhetisch aufgewachsen und alles, was ihren Ansprüchen nicht genügt... Sie werden noch das Wort 'Mitleid' schätzen lernen, glauben Sie mir", sagte der Herr.
Der Alte fühlte einen kleinen Stich, der nichts mit körperlichen Schmerzen zu tun hatte.
"Was meinen Sie mit 'ästhetisch'?", fragte er.
Sie standen vor einer großen, eisernen Pforte. Der Herr holte einen kleinen Schlüssel hervor und steckte ihn in ein Schloss. Die Pforte öffnete sich langsam.
"Ich mein, Sie werden schon selbst merken, dass Sie wahnsinnig hässlich sind und stinken, oder? Sie wissen, dass manche Tiere sauberer sind als sie?", fragte der Herr.
Die Tränen kamen zurück.
"Was?"
Die Stimme des Alten zitterte. Der ältere Herr schob ihn sanft mit seinem Spazierstock durch das Eisentor. Seine stahlblauen Augen waren eiskalt.
"Degenerierte Menschen wie sie haben nur eins offen im Leben. Lernen und sterben. Zumindest letzteres biete ich ihnen jetzt an!", sagte der Herr.
Die Eisenpforte schloss sich krachend zwischen ihnen. Der Alte konnte nichts sehen.
"Wo bin ich hier?", flüsterte er ängstlich.
Etwas war außer ihm im Raum. Etwas atmete schwer. Etwas weinte...
"Möchten Sie einen Stresstest absolvieren?", fragte eine Stimme rechts von ihm.
"Was?", zitterte der alte Mann.
"Hm, überflüssig, sie sind eindeutig gestresst. Ich verrate ihnen ein Geheimnis. Sie werden jetzt sterben. Sie wurden für die Vernichtung gerettet!", sagte die Stimme und lachte.
"Verschwindet, ihr Barbaren!", kam eine weitere Stimme links von ihm.
Die zweite Stimme klang affektiert.
"Tut mir leid, Süßer, dein Tod ist nicht mehr abzuwenden... Wir können nichts mehr dagegen tun. Wehre dich nicht... bitte...", sagte die zweite Stimme vertraulich.
Etwas schnüffelte in der Dunkelheit. Plötzlich fühlte er, dass sich die Luft änderte. Irgendwas ätzendes drang in seine Lungen ein, fraß ihn von innen auf. Seine Haut brannte, alles kreischte in ihm auf. Der ganze Raum preschte auf ihn ein... alles... alles wollte ihn vernichten. Die Welt wollte ihn tot.
Er brach zusammen, seine Sinne schwanden. Wieso er hier sterben musste, wusste er nicht, er konnte es nicht wissen. Sein Körper zersetzte sich bei lebendigen Leib. Sein Gedanken zerbrachen wie Geschirr, wurden zu Fragmenten, Einzelteilen. Erinnerungen, Leben, all das saugte die Dunkelheit um ihn herum gnadenlos auf.
Schmerz. Endloser Schmerz. Und als würde die Dunkelheit seine Gefühle kennen, schrie etwas aus den Schatten auf, brüllte seinen Schmerz, die Wut, das Unverständnis hinaus und klagte mit einem einzigen Schrei seine Mörder ihres Verbrechens an.
Das, was in der ewigen Nacht gewartet hatte, war erwacht...
"Na, du alter Tagebuchschreiber?"
Adryan drehte sich erschrocken um und blickte in Leons grinsendes Gesicht.
"Hab dich gar nicht kommen hören", murmelte Adryan.
Während Leon sich wieder an den Tisch setzte, verstaute Adryan sein kleines Buch wieder in seinen Rucksack. Dabei fiel sein Blick auf ein nagelneues, noch nie verwendetes Schwert. Er schloss die Tasche und trank den letzten Schluck aus seinem Glas. Für einen Moment blieb sein Blick bei seinem Freund stehen, der selbstvergessen auf den Tisch starrte. Seine blauen Augen standen in einem starken Kontrast zu seinen schwarzen Haaren.
"Wollt ihr langsam mal zahlen?", rief der Barkeeper von seinem Platz an der Theke ihnen zu.
"Wie kommen Sie darauf?", fragte Adryan.
"Weil ihr ausgetrunken habt", entgegnete der Barkeeper.
"Alter, und was ist mit dem Schneesturm. Willst du, dass wir weggeblasen werden?", fragte Leon laut nach.
"Bestellt nach und bleibt solange ihr wollt", sagte der Barkeeper schulterzuckend.
Leon schüttelte schnaubend den Kopf.
"Willst du noch was trinken?", fragte Adryan leise.
"Nö. Aber ich hab hier noch einen kleinen Rest, hab also noch nicht ausgetrunken."
Der Barkeeper verließ seinen Platz hinter der Theke, ging zu ihnen und türmte sich vor ihrem Tisch auf. Er hatte lange, schwarze Haare, dunkle Haut und einen Kinnbart.
"Zehn Gil, bitte!"
"Hier ist noch was drin, siehst du? Den kleinen Schluck? Ich hab also noch nicht ausgetrunken und deswegen kann ich dir leider gar nicht sagen, ob ich nicht doch noch was möchte", meinte Leon in einem Singsangton, den Adryan sehr gut kannte.
Leon drehte ihm demonstrativ den Rücken zu. Der Barkeeper griff ihm an die Schulter. Wie vom Blitz getroffen, sprang Leon sofort auf.
"Leon...", sagte Adryan schwach.
"Nein, so was regt mich auf!", zischte er.
Der Barkeeper lachte.
"Wie alt bist du, Kleiner?"
"Siebzehn."
"Und du kleiner Scheißer willst dich in meinem Laden mit mir anlegen?"
"Wenn es sein muss..."
"Emilio, benimm dich. Wo sind deine Manieren?", rief eine Stimme.
Aus der Küchentür kam ein im Rollstuhl sitzender Mann gefahren. Er hatte eine Glatze, sah aber noch nicht sehr alt aus. Der Barkeeper trat einen Schritt von Leon weg, drehte sich um und ging zur Theke zurück
"Ich hab den Glauben an Manieren verloren, als ich dreizehn war", sagte Emilio.
Er nahm ein paar schmutzige Gläser und trug sie in die Küche. Leon blickte ihm für einen Moment nach und setzte sich wieder. Sein Gesicht war etwas gerötet.
"Mein Name ist Terry, mir gehört der kleine Laden hier."
Terry hielt neben dem Tisch.
"Er ist noch nicht so lang dabei...", sagte Terry.
"...wird wohl auch nicht mehr lange dabei sein", brummte Leon.
"Na, wo wollt ihr hin, Jungs?", fragte Terry ausweichend.
"In die Einöde", entgegnete Adryan.
"Doch nicht zu Walther Drexler? Ein Haufen Leute waren auf der Suche nach ihm und sind ins Ödland gewandert. Wollten ihn in seiner Siedlung besuchen. Hab sie nie wiedergesehen", sagte Terry.
Leon warf einen Blick zu Adryan rüber.
"Haben Sie ihn mal kennengelernt?", fragte Adryan.
"Nein und ich habe auch kein Interesse daran."
"Er kann doch aber eigentlich nichts dafür, was in seinem Namen da draußen geschieht. Er ist doch eigentlich Musiker, ein Genie, kein Diktator..."
"Du magst ihn, oder?", fragte Terry.
Adryan blickte verlegen auf den Tisch.
"...Ich... mag seine Musik... seine Texte... was er schreibt...", murmelte Adryan und fuhr sich mit der Hand durch sein braun-blondes Haar.
"Auch den neueren Kram?"
"...nein, nur ich denke..."
"Wie du sagtest, er ist ein Künstler und sie sollten es eigentlich besser wissen. Mein Junge, ich habe einiges gesehen. Ich habe den Krieg gegen Hyne miterlebt, den Aufstieg und Fall der Sekte 'Aomes Trianirea', den Einmarsch in Timber durch General Caris...
Ich hatte mal ein Lokal in Winhill. Das war mal eine Kleinstadt, jetzt komplett verlassen, eine Ruine..."
"Ich hab schon von gehört", murmelte Adryan.
"Damals kam öfters ein Junge vorbei. Xelto, der war mal bei der Sekte. Und wenn man so jemanden kennenlernt, bekommt man ein gutes Gefühl für so was. Drexler mag ein großer Kämpfer gegen 'Aomes Trianirea' und Hyne gewesen sein, doch inzwischen ist er selbst genauso ein Fanatiker. Mein Emilio, der Barkeeper, hier ist in einer solchen Familie aufgewachsen, die ein wenig an das geglaubt haben, was Drexler jetzt von sich gibt. Und was hat es Emilio gebracht? Kaputte Weibergeschichten, die nicht funktioniert haben!"
Adryan starrte auf den Tisch.
"Ich hoffe, ich hab dich jetzt nicht platt gemacht", murmelte der alte Mann.
Adryan schüttelte schnell den Kopf.
"Jungs, war mir ein Vergnügen mit euch zu quatschen", sagte Terry und ließ sich von seinem Rollstuhl elegant in die Küche tragen.
Der Schneesturm hatte etwas nachgelassen. Leon trank den letzten Rest aus seinem Glas auf.
"Wollen wir zahlen?", fragte er Adryan.
"Du darfst dich von diesem Pennern nicht immer fertigmachen lassen? Ich mein, so ein Arsch wie dieser Emilio, der will doch nur Frust abbauen. Der darf uns gar nicht rausschmeißen. Von so einem darf man sich nicht die Regeln diktieren lassen", meinte Leon, während er zusammen mit Adryan durch den Schnee stapfte.
"Ich weiß", sagte Adryan.
"Weichei!", kicherte Leon und packte ihn kurz am Nacken.
Sie kamen an eine kleine Grenzhütte. Ein bärtiger, alter Herr lugte heraus.
"Herrschaften wollen durch? Ab hier hören sämtliche Landesgrenzen auf, das wisst ihr, oder?", brummte der Mann.
"Jep", sagte Adryan.
"Namen dann bitte."
"Leon Zemper. Kein Kommentar über den Namen, bitte. Hab sie alle gehört!"
"Adryan Leonheart."
Der Mann notierte die Namen.
"Wollen die Herrschaften ein Buch mitnehmen?", fragte er und deutete auf einen kleinen Bücherstapel.
Leon blickte fragend zu Adryan. Der las kurz den ersten Buchtitel durch (Brain Coaxley 'WARUM ICH IMMER GEWONNEN HABE!') und schüttelte dann den Kopf.
"Die Herrschaften können passieren."
Adryan und Leon traten an dem Grenzhäuschen vorbei.
Hinter ihnen lag die Zivilisation, vor ihnen das große, weiße Nichts.
Das Erste, was Adryan auffiel, war nicht etwa der kalte Wind oder die endlose Schneewüste oder die sich auftürmenden Berge, es war die vollkommene Stille, die sie umgab. Niemand sprach, wenn sie es nicht taten, es gab kein Lärm, wenn sie nicht gerade gingen. Nur der Wind pfiff gelegentlich etwas.
"Hey, wir sollten hier Pause machen", sagte Leon.
"Wieso?"
"In einer halben Stunde ist es dunkel und ich meine richtig dunkel. Dann siehst du hier gar nichts mehr", erklärte Leon.
Sie befanden sich im Schatten eines großen Berges. Leon begutachtete die Felswand für einen Moment.
"Ich werd mal schauen, was da oben ist.. Da oben, siehst du den Vorsprung. Da scheint es eine kleine Höhle zu geben. Da sind wir halbwegs sicher vor Tieren, Monster und dem Wind", sagte Leon.
"Eine Insel des Lebens im großen Nichts", murmelte Adryan.
Leon sah Adryan für einen Moment an und schüttelte grinsend den Kopf. Schließlich kletterte er mit einer Behendigkeit die Felswand hoch, wie es Adryan nie im Leben gekonnt hätte. Bereits nach wenigen Momenten hörte er von oben Leons Stimme.
"Hier oben ist perfekt! Komm hoch!"
"Ich versuchs", rief Adryan zurück.
Er versuchte, in der Felswand irgendein Halt zu finden. Er zog sich ein wenig vom Boden weg und fand mit seinem einen Bein etwas Halt. Als er mit dem zweiten Bein etwas weiter oben nach einem Vorsprung suchte, brach sein erster Halt weg. Adryan krallte sich panisch an der Felswand fest, doch seine Hände rutschten aus und er landete unsanft im Schnee.
"Wird wohl nichts. Warte, ich werf dir ein Seil runter", hörte er Leons Stimme rufen.
Adryan spürte, wie er trotz des eisigen Windes anfing zu schwitzen. Er war nie besonders gut in körperlichen Dingen gewesen. Früher, als sein Vater ihm die Geschichte erzählt hatte, wie er ganz alleine mit einem Chocobo einen Berg erklommen hatte, hatte sich Adryan immer ein tolles Abenteuer vorgestellt. Spätestens jetzt wusste er, wie anstrengend das damals für ihn gewesen sein musste.
"Vielleicht hätten wir doch an der Grenze dieses Buch kaufen sollen. Dann hätten wir genügend Brennmaterial", murmelte Adryan, riss eine weitere Seite seines Tagebuchs heraus und schmiss sie in das kleine Lagerfeuer.
Es war die einzige Lichtquelle in der schwarzen Nacht.
"Sorry, dass wir jetzt deine Story verbrennen müssen", murmelte Leon.
Das Feuer spiegelte sich in seinen blauen Augen.
"Hm, da verbrennt eine Liebesszene", kommentierte Adryan und warf einen weiteren Fetzen Papier ins Feuer, das glühend Funken schlug.
"Hab ich die jemals gelesen?"
"Die war eh scheiße. Ich kann keine Liebesszenen schreiben", murmelte Adryan.
Das Feuer knisterte.
"Warum nicht?", fragte Leon nach einer Weile.
"Vermutlich, weil ich noch nie..."
Er brach ab.
"...in einer Beziehung gelebt hast?", beendete Leon den Satz für ihn.
"Im Gegensatz zu dir", brummte Adryan.
"Ach, das mit der war keine Liebe... das war Kindergarten...", murmelte Leon.
Das Feuer drohte etwas herunter zu brennen. Adryan warf einen Tagebucheintrag ins Feuer.
"Der beste Autor von Liebesszenen ist eh Walther Drexler. Da werde ich immer ganz klein, wenn ich das lese und höre. Für seine Helden gibt es nichts anderes als die Liebe und sie..."
"Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was du an diesem Arsch so besonders findest", unterbrach Leon ruppig.
"Ich sag nicht, dass er ein netter Mensch ist..."
"Der Typ benutzt eine goldene Feder zum Schreiben. Er hat seinen Freund, diesen Hiller, beschissen und behauptet, dass sie sich nie wirklich gemocht haben. Und ich mein... ehrlich Adryan, er färbt sich die Haare... silber. Das sagt doch alles, oder? Und er hat deinen Brief nie beantwortet und das nehm ich ihm sowieso übel."
"Er hat viel zu tun."
"Na und? Du auch!"
Adryan nickte abwesend. Er riss eine weitere Seite aus seiner Geschichte heraus und warf sie ins Feuer.
"Danke, dass du mir so hilfst. Alleine... wär ich wohl schon längst draufgegangen", sagte Adryan schließlich.
"Hey, Ehrensache..."
"Nein, ich mein. Sei ehrlich, die 'Pflanze des Lebens', die Mama angeblich im Traum gesehen haben will. Das ist ganz schön vage..."
Leon blickte nachdenklich ins Feuer.
"Die fanden dich ja immer alle komisch. Aber warum nicht mit jemand komisches befreundet sein? Ist doch ein nettes Abenteuer", sagte Leon.
"Danke", lachte Adryan.
Leon nahm seine Hand und legte sie auf Adryans Schulter.
"Ich meine es ernst. Es bedeutet dir viel und das muss es dir auch. Und mir übrigens auch. Dein Vater war immer sehr nett zu mir und außerdem bist du mein Freund. Wenn wir das Ding, die 'Pflanze des Lebens' nicht finden sollten... dann wird dein Vater sterben."
Emilio wischte den letzten Dreck vom Tresen und wollte gerade die Hocker hochstellen, als die Eingangstür knarrte.
Im Eingang standen drei Männer.
"Wir haben geschlossen!", rief Emilio.
"In der Tat", sagte der Mann in der Tür.
Die Anderen beiden folgten ihm umgehend. Der Mann in der Mitte trug einen langen, schwarzen Ledermantel, schwarze Handschuhe und hatte abstehende blonde Haare. Sein Gesicht war eckig und brutal, seine Augen waren stahlblau. Er trug einen schwarzen Gürtel, an dem verschiedene Waffen befestigt waren.
"Hey, ihr Penner, habt ihr nicht gehört? Verpisst euch!"
"Ergreift es!", sagte der Mann ernst.
Die anderen Männer stürmten auf Emilio zu. Er verpasste einen von ihnen ein Schlag ins Gesicht, doch der andere trat ihn brutal in den Bauch. Emilio stöhnte auf und sackte zusammen. Die Männer griffen ihm unter die Schulter und hielten ihn fest.
"Lasst ihn in Ruhe!"
Terry kam aus der Küche gefahren.
"Terry, mein Freund. Wie geht es dir?", fragte der Mann ohne Sarkasmus.
"Die Freude ist ganz auf deiner Seite, Cerdant! Lasst Emilio los", zischte Terry.
"Terry... Ich will dir nicht weh tun, deswegen hör mir gut zu. Kann es sein, dass hier ein Junge vor kurzem durchgekommen ist, der auf der Suche nach der 'Pflanze des Lebens' war? Kann es sein, dass dieser Junge seinen Namen genannt hat? Adryan? Den Namen schon einmal gehört?"
"Davon weiß ich nichts! Lasst Emilio los!", rief Terry.
Emilio wehrte sich, doch die Männer gaben nicht nach. Terry lächelte.
"Ihr habt mich zum Krüppel geschlagen, weil ich Emilio angestellt habe und jetzt kommst du an und willst Informationen? Leck mich!"
Cerdant atmete tief Luft ein. Aus seinem Gürtel zog er eine Waffe heraus, drehte sich zu Emilio um und schoss ihm ins Knie. Emilio brüllte auf.
"Ihr perversen Arschlöcher!", brüllte Terry.
"Wie wichtig ist es dir?", fragte Cerdant ruhig.
Emilio atmete schwer.
"Ihr seid doch alle gleich... Ich bin mit diesem Scheiß aufgewachsen. Große Töne spucken, aber eigentlich seid ihr doch alle primitive, depressive Penner... ", keuchte er.
Cerdant betrachtete Emilios Gesicht. Dann drehte er seine Waffe, nahm den Kolben und schlug mit einer gewaltigen Brutalität auf Emilio Gesicht ein.
Emilio brüllte, als seine Nase nach drei Schlägen zertrümmert wurde. Cerdant schlug weiter wie eine Maschine, brach ihm die Wangenknochen und schlug ihm die Zähne aus. Emilio spuckte Blut aus.
"Emilio!", brüllte Terry.
Cerdant steckte seine Waffe weg. Aus dem zerschmetterten Gesicht starrten ihn Emilios dunkle Augen flehend an. Cerdant griff mit seinen polierten Lederhandschuhen seinen Kopf und drückte seine beiden Daumen in Emilios Augenhöhlen. Aus seinem zerschmetterten Kehlkopf drangen qualvolle Schreie, sein Körper bäumte sich auf, weiße und rote Flüssigkeit floss aus den Ruinen seiner Augen heraus.
"Lasst ihn fallen", sagte Cerdant mit einer leisen Stimme und ließ ihn los.
Die Männer gehorchten. Cerdant schoss dem zitternden Körper zweimal in die Brust. Er bewegte sich nicht mehr.
"....scheiße...", keuchte Terry.
"Bringt Terry nach draußen. Wir verbrennen hier alles und dann durchkämmen wir das Ödland selbst!"
Terry wurde von den Männern neben seinem Rollstuhl in den Schnee geworfen. Vor ihm ging die Holzbar in Flammen auf. Sie hatten die Leiche nicht mit rausgenommen. Sie verbannte mit der Bar und außer in Terrys Erinnerung würde es nichts geben, was auf dieser Welt von Emilio bleiben würde.
Ein paar starke Arme griffen ihm unter die Schulter und hoben ihn vom Boden auf.
"Diese... Idioten... kapieren auch gar nichts!", keuchte eine Stimme.
Die Arme setzten Terry zurück in seinen Rollstuhl. Cerdant klopfte Terry den Schnee von seinen Sachen.
"Lass mich los!", zischte Terry.
"Du mochtest es sehr, oder?", fragte Cerdant.
"Emilio war ein Mensch, es war kein Ding!", brüllte Terry.
Cerdant presste den Mund zusammen und blickte auf den Boden.
"Ich sehe, wir haben da immer noch eine Meinungsverschiedenheit. Ich weiß, es gibt für dich nicht mehr viele Gründe mich zu mögen."
Er blickte nachdenklich auf die einstürzende Holzbar.
"Verschwinde von hier, alter Mann", sagte Cerdant und ging ohne ein weiteres Wort.
Terry wartete, bis Cerdant über den Hügel verschwunden war und holte dann einen Kommunikator hervor.
"Ich bin`s. Kontaktiere sofort Hiller, er soll das Ödland durchforsten. Xelto, wir haben ein Problem."
Durch die Kälte zog auf einmal ein warmer Hauch an Adryan vorbei. Er wusste nicht, woher er kam, er wusste nur, dass er ganz nah an seinem Gesicht war und ihn intensiver wärmte, als jedes Kleidungsstück, das er anhatte.
Als er die Augen öffnete bemerkte er, dass es langsam wieder hell wurde. Als sich Adryan umdrehen und weiter schlafen wollte, hörte er plötzlich ein Geräusch.
Jemand weinte.
Er sah sich um und entdeckte Leon, der am Rande des Plateaus saß und das endlose Ödland anstarrte.
Adryan Fuß rutschte etwas zu laut über den Boden.
Leon drehte sich um.
"Hey, du bist ja...", er wischte sich schnell über das Gesicht, "...wach. Hab dich gar nicht gehört."
"Alles ok?", fragte Adryan vorsichtig.
"Ja, ich... bin ok", sagte er schnell.
Adryan setzte sich neben ihn.
"Willst du drüber reden?"
"Später vielleicht. Wenn wir wieder zurück sind, ok?"
Adryan biss sich auf die Lippe.
"Ok, obwohl du weißt, dass ich ein sehr neugieriger Mensch bin", sagte er schließlich lächelnd.
Leon lachte kurz.
"Da hast du mir echt was eingebrockt...", murmelte er und wischte sich noch einmal übers Gesicht.
Adryan wusste nicht, was er darauf antworten sollte.
"Der Tag bricht bald an. Wir sollten..."
Er brach ab. Durch die Nacht hörten sie etwas anderes. Schritte. Stimmen. Ein plumpes Geräusch.
"Hab ich dich! Am Kopf erwischt!", lachte eine Männerstimme.
"Wir sollten uns konzentrieren!"
"Sag mal, habt ihr Jungs kein bisschen Humor? Ist ja fürchterlich...", sagte die lachende Männerstimme.
Die Schritte hielten an.
"Hm, da oben ist eine Höhle, da kann man sich sicher gut ausruhen. Wenn die Herrschaften sich die Wand hoch bequemen würden", sagte die lustige Stimme.
"Wenn es dort oben ungefährlich ist..."
"Ich werde nachsehen!"
Adryan und Leon tauschten einen Blick. Jemand kletterte hoch. Sie standen beide auf. Für einen absurden Moment dachte Adryan daran, sein Schwert auszupacken, aber er wusste ganz genau, dass er eher sich selbst als den Gegner verletzen würde.
Jemand kletterte auf das Plateau. Es war ein hochgewachsener Mann.
"Hallo...", sagte er mit starker Betonung auf die zweite Silbe.
Er holte etwas heraus und zündete eine Fackel an. Das Licht erhellte schwach sein Gesicht. Er hatte abstehende, blonde Haare, blaue Augen und trug einen langen, zugeknöpften Mantel.
"Hallo Jungs. Wie ich sehe, ist diese Höhle bereits belegt", lächelte er.
Niemand sprach.
"Darf ich mich kurz umsehen?", fragte er.
Ohne eine Antwort abzuwarten, machte er ein paar Schritte in die Höhle hinein.
"Hey, hier ist ein Durchgang!", murmelte der Mann.
"Hast du was gefunden?", rief eine der Stimmen nach oben.
"Maul halten! Ich meld mich schon!", brüllte der Mann zurück.
Seine Stimme hallte durch die Höhle.
"Humorloses Pack! Ich hab mir echt die beiden größten Pfeifen aller Zeiten ausgesucht. Früher war ich auch so ein melancholischer, dauerdepressiver Kerl, aber man sollte das Leben leicht nehmen und genießen", sagte der Mann zu den Jungs.
Er entdeckte die gelöschte Feuerstelle und entzündete sie mit seiner Fackel. Sofort brannte sie wieder. Der Mann setzte sich und machte eine einladende Handbewegung.
Adryan und Leon sahen sich kurz an.
"Wer sind Sie eigentlich?", fragte Leon laut.
Von seiner Trauer eben war nichts mehr zu spüren.
"Ein Liebhaber der Stille und der Natur", entgegnete der Mann.
Sie sahen ihn an.
"Setzt euch, ich beiße schon nicht", lächelte der Mann.
"Und was ist mit ihren Freunden?", fragte Leon.
"Das sind nicht meine Freunde, das sind Hampelmänner. Vater sendet immer Aufpasser mit! Er vertraut mir nicht."
Der letzte Satz klang etwas bitter. Adryan schätze den Mann ungefähr um die dreißig. Als er einen weiteren Blick mit Leon wechselte, wusste er, dass sie den gleichen Gedanken hatten.
Plötzlich wurde Adryan von einem Schneeball getroffen. Der Mann lachte.
"Hab ich dich! Ehrlich, Jungs, wenn ich euch hätte killen wollen... eben wäre der Moment gewesen! Also setzt euch... bitte."
Sie sahen ihn für ein Moment an und setzten sich schließlich zu ihm.
"Na also. Die Jugend von heute ist immer so misstrauisch."
"'Tschuldigung, aber da, wo ich herkomme, wird aus einem Gast nicht plötzlich der Hausherr", sagte Leon.
Der Mann lachte.
"Der Gast? Wir sind hier auf neutralem Grund. Wir sind alle Gäste in der Natur und abhängig von ihrer Gastfreundschaft."
"Und was machen Sie hier draußen?", fragte Adryan leise.
Der Mann sah ihn an. Er blinzelte nicht.
"Suchen", sagte er schließlich.
"Nach was?"
"Tja, nach was suchen wir, das ist die Frage, nicht wahr?"
Der Mann lachte erneut. Er lachte viel.
"Aber Spaß beiseite. Ich suche nach etwas, was hier in der Gegend zu finden sein soll. Man nennt es die 'Pflanze des Lebens'. Sie soll in der Lage sein, Krankheiten zu heilen und sogar manchmal den Tod in seine Schranken weisen können", sagte der Mann.
Adryans Magen zog sich zusammen.
"Nie von gehört", brummte Leon.
"Die 'Pflanze' ist nicht sehr bekannt, das stimmt."
"Und woher haben Sie von gehört?", fragte Leon.
"Ihr müsst mich doch nicht siezen, Jungs. Nein. Ich bin Cerdant", sagte der Mann und lächelte die beiden an.
"Und ihr?", fragte er.
"Leon."
Cerdant blickte Adryan an.
"Adryan."
"Adryan...", flüsterte Cerdant.
Er lächelte nicht mehr. Er wirkte auf einmal sehr gealtert. Seine Augen sahen Adryan für einen Moment sehr traurig an. Dann presste Cerdant die Lippen aufeinander.
Ohne eine Vorwarnung sprang er über das Feuer hinweg und landete direkt auf Adryan. Er wurde sofort mit einer unendlich grausamen Gewalt niedergedrückt. Zwei rauhe Hände umschlungen seinen Hals und drückten zu. Die Luft wurde ihm abgepresst, das Blut pochte in seinen Ohren, die blauen Augen des Mannes starrten ihn an, entschlossen, weiterzumachen, bis Adryan nicht mehr war... Etwas flog von hinten auf den Kopf seines Angreifers. Cerdant drehte sich weg, der Griff lockerte sich. Adryan schnappte sofort nach Luft.
Cerdant schrie auf einmal laut auf. Leon hielt die Fackel in der Hand und presste sie mitten in Cerdants Gesicht. Er ging von Adryan herunter, strauchelte und fiel rückwärts nach hinten. Leon kletterte auf ihn drauf und schlug mit der Fackel wild auf Cerdant ein. Dieser brüllte vor Schmerz und schlug wild um sich. Leon sprang schnell von ihm herunter und stellte sich wieder hin. Cerdant nahm eine Handvoll Schnee und presste es sich sofort auf das Gesicht.
"Du blöder Perverser!", brüllte Leon und trat dem schreienden Mann in den Bauch.
Er packte Adryan am Arm.
"Los in die Höhle rein!", flüsterte Leon.
Die beiden Jungen rannten los und quetschten sich durch einen kleinen Gang in der Mauer.
Adryan sah sich ängstlich um und entdeckte, dass ihr Verfolger bereits wieder auf den Beinen war.
Nach ein paar Metern wurde der Weg breiter. Sie kamen aus der Höhle heraus und fanden sich in einer engen Schlucht wieder. Steile Wände türmten sich rechts und links von ihnen auf.
"Was ist, wenn das ne Sackgasse ist?", keuchte Adryan.
"Dann müssen wir klettern!", rief Leon.
Die Weg wurde breiter, die Wände wichen zurück. Sie erreichten einen großen Vorsprung. Ein eisiger Wind wehte.
Vor ihnen klaffte eine große Schlucht.
"Scheiße!", fluchte Leon und sah sich hektisch nach einem anderen Weg um.
"Warte. Hörst du das?", zischte Adryan.
Durch die Stille drang ein neues Geräusch. Das Geräusch von Maschinen.
"Ey, das sind doch... Flugmaschinen. Polizeiflieger!", rief Leon.
Scheinwerfer drangen durch die dunkle Nacht. Mehrere gigantische Flugmaschinen der Polizei suchten systematisch das Ödland mit riesigen Scheinwerfern ab. Ihre Lichter bewegten sich durch die Nacht, wie vom Himmel gefallene Sterne.
"Hilfe!", brüllte Leon zu den Maschinen rüber und wedelte mit den Armen.
Adryan drehte sich um.
Cerdant stand direkt hinter ihnen, das Schwert zum Schlag erhoben. Doch seine Augen waren nicht auf die Jungen gerichtet, er starrte die Flugmaschinen an.
"Wie... machen die das? Wieso fliegen... sie?"
Seine Stimme zitterte. Er wirkte, als wäre er mitten in der Bewegung eingefroren. Plötzlich bemerkte er, dass Adryan ihn beobachtete. Cerdant kniff seine Augen zusammen. Adryan wollte ausweichen, wegrennen, weglaufen, kämpfen, doch er war wie gelähmt. Cerdants Schwert sauste nieder, traf nicht Adryan, traf was anderes. Ein Schrei. Jemand krümmte sich vor Schmerzen. Ein Lichtscheinwerfer der Flugmaschinen streifte den Vorsprung. Cerdant wich vor dem Lichtstrahl zurück, als fürchtete er, bei lebendigem Leib verbrannt zu werden. Der Lärm der Flugmaschinen wurde lauter. Cerdant blickte in den schwarzen Himmel, schloss die Augen, drehte sich um und verschwand in der Dunkelheit.
Adryan kniete vor den zusammen gekrümmten Körper, der für ihn den Schlag abgefangen hatte.
"Leon...", hauchte Adryan.
Etwas tropfte zu Boden. Blut.
"Scheiße...", flüsterte Leon.
Er machte vor Schmerzen ein paar Schritte zurück, sah nicht den Abgrund hinter ihm.
"LEON, PASS AUF!", brüllte Adryan.
Leon taumelte und fiel von der Klippe in den Abgrund. Adryan machte einen Sprung nach vorne, und erwischte gerade noch Leons Hand. Sofort zog das Gewicht seines Freundes an ihm, zog ihn ebenfalls in Richtung Abgrund. Adryan fand mit seinen Füßen eine kleine Unebenheit im Eis und rammte sie hinein. Sie brüllten auf vor Schmerz, als die Muskelfasern fast auseinandergerissen wurden.
"Ich zieh dich hoch!", rief er.
Leon war kaum in der Dunkelheit zu sehen. Er flüsterte etwas. Der Lärm der Flugmaschinen verstummte. Sie hatten die beiden nicht entdeckt.
"Du musst mir helfen, ich krieg dich sonst nicht hoch!", presste Adryan hervor.
Der Halt seiner Füße drohte sich langsam zu lösen.
"Du... du..."
"Was sagst du?", keuchte Adryan.
"Du... bist... zu schwach...", hauchte sein Freund ihm zu.
Adryan stockte der Atem. Er mobilisierte alle seine Kräfte. Alles brüllte in ihm auf, er konnte nicht, er musste...
Leon flüsterte wieder... Adryan konnte seine Worte nicht verstehen, zog und zog, doch Leon wurde mit jeder Sekunde schwerer und schwerer... Sein Gesicht war in der Nacht kaum zu erkennen... Doch... Er lächelte Adryan an...
Die Hand rutschte ab. Leon fiel, wurde verschluckt von der endlosen Dunkelheit. Einen ewigen Moment später hörte Adryan von ganz weit unten den dumpfen Aufprall. Dann war es totenstill. Er starrte entgeistert auf seine leere Hand, fühlte die Muskeln, die sich entspannten. Er war alleine.
Der Himmel gewann allmählich an Helligkeit. Die Dämmerung hatte begonnen.
Er lag flach auf dem Boden. Seine Augen starrten unentwegt in die Dunkelheit. Er zitterte, eine gewaltige Kälte hatte sich seines Körpers bemächtigt. Sein Bauch presste sich zusammen, alles war tot, alles war leer. Die Stille drückte so stark auf seine Ohren, dass er sich fühlte, als würde er jeden Moment zerplatzen.
Er hörte seinen eigenen Atem. Zuerst war er gerast, doch jetzt wurde er tief und ruhig. Er atmete so leise, dass er seinen eigenen Atem kaum noch hörte. Er wollte sich selbst nicht mehr hören, sich nicht mehr spüren, nichts mehr tun, nichts mehr wollen.
Nach einer Weile bewegten sich seine Gedanken. Situationen, Bilder seines Freundes aus der Zukunft, nie passiert und doch bis eben immer im Bereich des Möglichen gewesen. Leons Mutter... sie sah ihn an, schrie ihn an... Leute rannten auf ihn zu, wollten ihn vertreiben, beschimpften ihn, seine Eltern wandten sich von ihm ab.
Er war zu schwach!
"Ein Geschenk... ein Geschenk... in mitten des Todes... EIN GESCHENK!"
Dürre, widerliche Finger packten Adryan an der Taille und zogen ihn nach oben.. Ein Mann starrte ihn an. Er hatte ein ausgehöhltes Gesicht, gierende Augen und trug ein altes, zerfetztes Messer in der Hand.
"Ein Junge, ein wunderhübscher Junge. Hier draußen im Nichts!", flüsterte er.
Adryan hing leblos herab. Er wollte nur noch seinen Körper verlassen, nur noch weg, weg aus diesem Leben, empor zur großen Unendlichkeit... Doch gleichzeitig zog ihn etwas zurück, etwas zog ihn in seinen Körper zurück. Ein Gefühl, Ekel... Er fühlte Ekel. Der Ekel, so widerlich angefaßt zu werden. Dieser Ekel ging durch seinen ganzen Körper.
"Komm mit, Junge... Ich weiß nicht, warum du hier so alleine draußen rumliegst, aber das war ein großer Fehler!"
Seine dürren Finger fuhren über Adryans gesamten Körper, betasteten seine Brust und arbeiteten sich nach unten vor. Plötzlich, als wäre etwas in ihm explodiert, fing Adryan an, nach allen Seiten hin zu treten und zu schlagen. Er brüllte und kreischte, keine Worte, nur schrie er etwas heraus. Er wollte auf den Mann einschlagen, doch etwas spitzes drang ihm in den Hals ein.
"Benimm dich, du Gör, oder ich lass dich hier und jetzt ausbluten!", zischte der Mann.
Adryan wollte weiter treten, doch das Gefühl in seinem Hals ließ ihn alles runter schlucken. Er atmete schwer und schwitzte. Der Mann roch an Adryans Gesicht.
"Ich liebe den Geruch von Schweiß!", murmelte er.
Adryans Wut brannte in seinen Gliedern.
"Geh schon!"
Schließlich, ohne das er es überhaupt wollte, setzten seine Beine langsam einen Schritt vor den anderen.
Der Mann führte ihn in eine kleine, schäbige Höhle. Er drückte Adryan auf einen Felsblock.
"So, mein Kleiner. Du wirst hier und jetzt sterben", sagte der Mann und begutachtete ihn von oben bis unten.
"Aber vorher werde ich dich ficken. Und zwar richtig, immer wieder, so lange es geht, bis dir das Gehirn aus den Ohren läuft. Dann, wenn du glaubst, kaum noch zu leben, wird das Leben zurückkommen. Ich werde dir die Ohren abschneiden und dich quiecken lassen wie ein Schwein. Dann sind die Augen dran und dann... ficke ich dich noch einmal und dann, wenn uns beiden alles weh tut, schneide ich dir die Kehle durch!"
Adryan schluckte alles herunter. Er wollte nichts fühlen, er wollte gar nichts, er kämpfte es zurück... Doch schließlich bekam er Angst.
"Ich habe eh nichts mehr im Leben...", zischte er den Mann an
Der Mann sah ihm tief in die Augen.
"Doch... hast du! Ich rieche deine Angst. Du willst leben. Und du kannst mir glauben, das mich das richtig anmacht!"
Der Mann lachte auf. Seine Wangen waren gerötet. Er nahm langsam seine Kutte ab. Dann trat er von hinten an Adryan an, das Messer an seinem Hals, und betastete erneut Adryans Körper. Als die Hand seinen Hintern erreichte, schloss Adryan zitternd die Augen. Der Mann stank.
"Leon... in was für einer Welt hast du mich zurückgelassen?"
"Glaub mir, Kleiner, ich weiß, was es bedeutet, wenn man nichts mehr hat. Ich bin kein Monster, ich bin normal aufgewachsen, wie du..."
Die Stimme des Mannes klang hohl und trocken.
"Aufgewachsen, wie jedes Kind. Doch ich spürte, dass etwas anders war. Ich fühlte, dass... dass ich nicht normal bin, dachte... furchtbare Dinge. Und dann tat ich sie... zuerst an Tieren und dann... an Menschen, an Kindern, an Jungs wie dich! Und immer diese Angst, die Angst vor jedem Schritt im Treppenhaus, die Angst, dass sie kommen. Diese Angst begleitete mich mein ganzes Leben, dass sie kommen und mich zerreißen. Dass sie mich vertreiben, beschimpfen, jagen, foltern und töten. Und sie kamen. Und es wird nicht mehr lange dauern, da wird mich Brian Coaxley schnappen. Er wird mich hinrichten lassen. Ich hoffe, es tut nicht so weh... Und jetzt dich... Du bist mein letztes Geschenk des Lebens..."
Er fuhr sich einmal über das Gesicht.
"Und deswegen... weiß ich, dass du nichts verloren hast... ich erkenne Menschen, die alles verloren haben... Denn die, die es behaupten, hängen schließlich doch sehr am Leben..."
"Mein Freund... habe ich verloren", flüsterte Adryan, ohne es wirklich zu wollen.
"Wann?"
"Eben."
"Wie?"
"Er wurde... ermordet..."
"Hast du ihn geliebt?"
Adryan spuckte dem Mann ins Gesicht. Der Mann wischte sich langsam mit der Hand die Spucke ab und sah Adryan nachdenklich an.
"Ich habe diese Kinder... wirklich geliebt... Ich habe jeden geliebt, doch ich bin eine Anomalie der Natur. Ich zerstöre alles, was ich liebe... Kleiner... wenn du... vielleicht solltest du besser gehen. Schnell... Du solltest weg von mir. Weil sonst... wird dein Leben hier enden und zwar auf eine sehr qualvolle Art und Weise... Du würdest... deine ganze Schönheit verlieren, ich würde dich so bearbeiten, bis du mich anflehst, erlöst zu werden. Und vorher würdest du mir alles verraten..."
Die Hände des Mannes zitterten. Adryan sah in das Gesicht des Mannes, der auf seine Hände starrte. Adryan ging langsam an ihm vorbei und rannte zum Ausgang der Höhle. Plötzlich hörte hinter ihm einen wütenden Schrei, die Kreatur schrie ihm irgendwas nach, kam hinterher, doch Adryan rannte, wie er noch nie seinem Leben gerannt war. Irgendwo in der Luft dröhnten die Luftmaschinen. Er verließ die Höhle und sah den rötlichen Rand des Horizonts, der wie Blut und Feuer in der Nacht leuchtete.
Adryan erreichte schließlich ihr ehemaliges Lager und schnappte sich seinen Rucksack. Er konnte nicht denken, alles raste durch seinen Kopf, Gefühle stürzten von allen Seiten auf ihn ein. Er kletterte ungeschickt die Felswand herunter und raste durch den tiefen Schnee, seine Lungen brannten, alles brannte in ihm.
Irgendwo hinter ihm hallten Schüsse durch die Luft. Die Flugmaschinen dröhnten wieder, doch Adryan rannte ziellos weiter und weiter, wollte nicht zurück, konnte nicht zurück, weiter und weiter und weiter und weiter...
Irgendwann konnte er nicht mehr. In ihm war alles erstarrt, die Wut war wie flüssiges Metall hart geworden und verätzte nun langsam seinen Körper.
Die Sonne schob sich langsam über den Horizont. Es war ein klarer, heller Tag. Adryan blickte auf ein weites Schneefeld hinunter. Als er langsam seinen Kopf vom Boden hob, entdeckte er in einer kleinen gefrorenen Pfütze sein verzerrtes Spiegelbild.
Er atmete schwer, sah seine eigenen, braunen, schwachen Augen. Dann schlug er mit einer Aggression auf das Eis ein. Seine Finger taten weh, doch das kümmerte ihn nicht. Er spürte, wie sie aufplatzten, wie sie zerbarsten, wie sie zerbrachen. Das Eis blieb starr. Sein Gesicht verzerrte sich, er konnte nicht mehr.
Das lächelnde Gesicht in der Dunkelheit. Worte, die er nicht verstanden hatte...
"Du bist zu schwach...", echote die Stimme in seinem Kopf.
Es war seine Stimme.
Adryan zitterte. Dann brach er zusammen und übergab sich. Er übergab alles, was in seinem Inneren war, alles kam raus, der ganze Müll der letzten Stunden. Schließlich atmete er tief ein und wischte sich einmal über den Mund.
Seine Augen tränten. Das war schon immer so gewesen. Seit er ein kleines Kind war, tränten seine Augen, wenn er sich hatte übergeben müssen...
Er fing an zu weinen. Die Tränen brannten auf dem kalten Gesicht, bevor sie gefroren. Das Ätzende in seinem Inneren löste sich ein wenig, es wurde beweglich und brannte, brannte so heiß, dass er glaubte gleich zu verbrennen. Er hatte etwas getan, etwas hatte sich verändert. Etwas war zu Ende gegangen wegen ihm. Etwas, dass nicht zu Ende hätte gehen dürfen. Diese Schuld drückte ihm mit solch einer Wucht auf den Rücken, dass er sich förmlich krümmte.
Die Natur antwortete.
Er blickte hoch und sah eine aufgewirbelte Schneewolke. Die rötlichen Sonnenstrahlen brachen sich in dem aufgewirbelten Schnee und erzeugten so einen tief rötlichen Schleier, der einsam und erhaben über das Schneefeld schwebte. Der Boden erzitterte. Ein gewaltiges Schnauben, ein Donnern von Tausenden von Schritten näherte sich.
Aus der Wolke kam eine Herde von majestätischen, eleganten Tieren geritten. Sie trugen Kronen und bewegten sich schnell und stolz durch das Eis. Die große Herde marschierte in Adryans Richtung. Das war es also, jetzt würde er sterben.
Kurz bevor ihn das erste Tier erreichte, machte es einen gewaltigen Satz, sprang über ihn drüber und landete elegant hinter ihm und setzte seinen Weg unbeirrt fort. Die anderen Tausenden machten es dem ersten Tier gleich. Jedes von ihnen sprang über seinen Kopf hinweg ohne ihn auch nur einmal zu berühren oder die Geschwindigkeit zu verlangsamen. Die Herde hatte ihn vollkommen eingehüllt, die Tiere donnerten links, rechts und über ihm vorbei, ohne auch nur die geringste Notiz von ihm zu nehmen. Er spürte die Herzschläge, die Kraft, die Energie, aber auch die Ruhe dieser mächtigen Kreaturen. Schließlich wurden es langsam weniger.
Das letzte Tier sprang über seinen Kopf.
Das Beben der Erde ließ langsam nach, das Donnern der Hufen verhallte in der Ferne. Nach wenigen Momenten waren die Tiere verschwunden, als hätte sie es nie gegeben. Der rötliche Schneeschleier war geblieben und hatte Adryan so stark eingehüllt, dass er in keine Richtung weiter als einen Meter sehen konnte. Doch er entdeckte die rötliche Sonne und folgte ihr. Nach und nach wurde das Licht immer heller und nahm eine unnatürlich goldene Farbe an. Die Schleier verzogen sich, doch das goldene Licht wurde immer stärker. Es vertrieb den letzten Schleier und erlaubte Adryan, vollends in sein goldenes Auge zu blicken. Vor ihm erstreckte sich ein unnatürlich spitzer Berg. Das goldene Licht erstrahlte hell von seiner Spitze. Adryans Blick wanderte etwas weiter herunter. Im Schatten des Berges stand eine kleine, schäbige Hütte. Jemand hatte die Hütte verlassen und kam auf ihn zu gerannt... Seine Beine gaben nach, das Licht strahlte ihm klar ins Auge, dann war alles schwarz.
Er lag im Warmen. Jemand tupfte ihm das Gesicht ab. Dieser Jemand hatte eine sehr zarte und sanfte Art, der Lappen strich über sein Gesicht und die Hände, die seine Haut ab und zu berührten, waren unheimlich weich.
Er öffnete seine Augen und sah zuerst ein anderes, braunes Augenpaar, das konzentriert auf eine Stelle auf seinem Gesicht starrte. Dann sah er ein sehr weiches Gesicht. Es war eingerahmt durch lange, braune Haare, die das Mädchen notdürftig zu einem Zopf zusammengebunden hatte und war bedeckt von ein paar schmutzigen Flecken.
Sie bemerkte, dass er aufgewacht war. Sie sahen sich eine Sekunde lang an, dann zog sie ihre Hand zurück und stand auf. Sie trug eine abgenutzte, einfache Kleidung. Er war in etwas weiches, warmes eingehüllt. Er lag gut zugedeckt in einem Bett. Er war nackt.
Seine Sachen entdeckte er auf einer Kiste am anderen Ende des Raumes. Er schluckte und spürte, wie er rot wurde. Sie reinigte derweil den Lappen in einem kleinen Wasserbehälter.
"Wo bin ich hier?", fragte er schließlich.
"In meinem Haus."
Ihre Stimme klang etwas härter, als man es von dem weichen Gesicht erwarten würde. Ihr Haus bestand nur aus einen Raum. Sie machte keine Anstalten, ihm die Kleidung zu reichen.
"Wie geht es dir?", fragte sie.
"Beschissen", murmelte er.
"Kein Wunder, du warst halb erfroren, als ich dich gefunden habe. Was machst du hier draußen?", fragte sie.
"...Ich weiß es nicht...", murmelte er.
"Irgendwas musst du ja hier draußen wollen", sagte sie barsch.
"...Ursprünglich habe ich eigentlich nach der... 'Pflanze des Lebens' gesucht, aber..."
"Dann bist du hier genau richtig!
Adryan traute seinen Ohren nicht.
"Hier?"
"Den Berg hinauf, um genau zu sein. Du musst nur hinaufklettern und Walther Drexler höflich fragen, ob er sie dir freiwillig überlässt!"
"Walther... Walther Drexler... er... wohnt hier?", fragte Adryan atemlos.
Sie nickte und musterte ihn.
"Fan von ihm?"
Adryan nickte.
"Echt? Du siehst nicht unbedingt wie ein Fan von Walther Drexler aus."
"Wie sehen die denn aus?", fragte er lächelnd.
"Arrogant. Er ist umgeben von Arschkriechern", erwiderte sie düster.
Adryan nickte langsam und warf einen weiteren Blick zu seinen Sachen.
"Willst du dich nicht anziehen?", fragte sie nach einer Weile.
Er blickte erneut zu seinen Sachen, die sich nicht von alleine auf ihn zu bewegten.
"Ich hab dich bereits nackt gesehen", informierte sie ihn.
Sie sah ihn lächelnd an und biss mit ganzer Seele in einen roten Apfel. Er erwiderte ihren Blick, atmete tief ein und warf sich aus dem Bett. Er hatte erwartet, dass sie sich weg drehte, doch sie hörte nicht auf, ihn eingehend von oben bis unten zu mustern.
Er spürte, wie ihm das Blut in den Kopf stieg. Er wusste, dass er nicht besonders kräftig war, aber im Moment fühlte er sich, als würde ihn der nächste Windstoß zu Boden werfen.
Schnell schlüpfte er in seine Hosen, bevor er sich das Hemd anzog.
Dabei fiel sein Blick auf den Rucksack, aus dem das Schwert heraus lugte. Die bedrohlichen Schatten der letzten Stunde griffen nach seiner Seele und zogen sie augenblicklich in die Dunkelheit hinab. Er fühlte beinahe, wie sich ein dunkler Fleck in ihm ausbreitete, zu einem Geschwür heranwuchs und sich immer weiter ausbreitete. Bald würde das Geschwür als sichtbares Mal auf seiner Haut erscheinen und dann würde jeder wissen, was er getan hatte. Und dann würde sie ihn rauswerfen, zu Tode jagen, erstechen, vernichten, auslachen...
Die Haustür schlug zu. Sie hatte das Haus verlassen.
Er trat ans Fenster und sah, wie sie einem Mann entgegen ging. Vor dem Haus stand eines der imposanten, majestätischen Tiere aus der Eiswüste. Der Mann lockte es mit etwas Futter. Das Tier näherte sich ihm zutraulich. Er streichelte es über die stolze Mähne. Das Mädchen hielt respektvollen Abstand zu dem Tier. Der Mann drehte sich um und ging auf sie zu. Es war Cerdant.
Adryan duckte sich schnell. Ihre Schritte näherten sich. Das Fenster war ein Spalt weit geöffnet. Cerdant und das Mädchen waren anscheinend direkt vor dem Haus.
"...prächtig mit Tieren umgehen. Wie war deine Erkundungsmission?", fragte sie.
Sie mochte ihn.
"Die beiden Idioten haben genervt. Ansonsten nicht so gut...", murmelte Cerdant.
Er mochte sie.
Er trat an ein dampfendes Wasserbecken, unter dem ein kleines Feuer knisterte und wusch sich das Gesicht. Aus seinem Gürtel nahm er eine kleine Klinge und begann sich zu rasieren.
"Ich habe zum ersten Mal Flugmaschinen gesehen", sagte Cerdant nach einer kurzen Pause.
"Sie sind laut, oder?"
"Die Welt da draußen muss fürchterlich sein. Wie hast du es nur solange dort ausgehalten?", fragte er und reinigte die Klinge im Wasser, bevor er erneut ansetzte.
"Ich bin da aufgewachsen, das ist was anderes."
Cerdant starrte auf den weißen Schnee.
"Cerdant, das sind Maschinen, sonst nichts. Wie ein Schneegleiter oder dein Revolver..."
Cerdant nickte langsam und streichelte ihr dankbar die Wange.
"Ich kann kaum glauben, dass ich auch aus dieser furchtbaren Welt stamme. Ich danke nur dem Schicksal, dass ich sämtliche Erinnerungen daran verloren habe. Die Menschen sind wirklich widerlich, wenn sie so was erbauen können", seufzte Cerdant.
"Du hast Tiere immer besser behandelt, als Menschen."
"Menschen machen mich krank. Ich mag nur Kinder. Die sind aufrichtig, wie die Natur. Die Natur mag bestialisch sein, aber sie ist aufrichtig. Wie ich", sagte er.
Er wusch sich sein Gesicht erneut und blickte das Mädchen an.
"Doch du bist mir von allen die Liebste. Du weißt, was ich bin, du hast Angst vor mir..."
"Ich hab keine An..."
"Doch hast du. Ich kann Angst riechen. Und doch bist du so gut zu mir..."
Er gab hier einen Kuss auf die Stirn.
"Kommst du noch mit rein?", fragte sie.
"Nein, ich muss sofort weiter. Ich wollte nur sehen, ob es dir..."
Ihre Stimmen entfernten sich.
Adryan zitterte. Die Stimme dieses Mannes ging ihm durch Mark und Bein. Adryan schloss seine Augen. Leon sah ihn aus der Dunkelheit an, flüsterte ihm etwas zu, doch Adryan. verstand ihn nicht. Er war zu schwach, sein Freund fiel und fiel...
Die Tür ging auf, sie kam wieder herein.
"Was ist los mit dir?", fragte sie und blickte auf seine zitternde Hand.
"Ich... kenne... ihn..."
Er sah ihr in die Augen.
"Er hat meinen Freund ermordet."
Sie schloss langsam die Tür.
"Wie kannst du dich mit so einem..."
"Cerdant und ich kennen uns schon sehr lange, seit ich hier angekommen bin. Er hat sich immer um mich gekümmert."
"Er ist ein Mörder!"
"Du bist Adryan, oder?", fragte sie plötzlich.
"Woher kennst du..."
"Es gab Gerüchte, dass Drexler fürchtet, dass jemand kommen würde, um ihm die 'Pflanze' zu entreißen. Und er nannte immer wieder deinen Namen..."
"Walther Drexler... hat von mir gesprochen?"
"Adryan! Wenn du zu Drexler willst und mit ihm über die 'Pflanze' sprechen möchtest, solltest du ihn unbedingt alleine abfangen. Und wenn du einfach oben anklopfst, wirst du niemals alleine mit ihm zusammen sein können. Und da meine Vorräte alle sind, muss ich eh nach oben. Ich kann dich mitnehmen!"
Adryan brummte der Kopf. Viele Punkte in seinem Leben fielen auf einmal zu einem zusammen. Er merkte, dass sie ihn ansah und auf eine Antwort wartete.
"Ja, lass uns zu ihm gehen...zu Drexler. Danke... äh, ich kenne nicht einmal deinen Namen..."
"Lilian. Lili für dich."
Lili hatte ihn in einem Anhänger einer kleinen Kutsche unter einer Decke verstaut. Zuerst hatte sie ihn gewärmt, doch urplötzlich war es unheimlich heiß geworden.
"Ok, du kannst raus kommen!", hörte er dumpf Lilis Stimme.
Die Decke wurde weggezogen. Sofort knallte ihm die Sonne mitten ins Gesicht. Die Luft war warm, Vögel zwitscherten... Wenn er es nicht besser wüsste, würde er denken, es ist Hochsommer. Als er wieder halbwegs sehen konnte, sah er, dass sie sich in einer kleinen Gasse befanden. Den beschaulichen Häusern nach zu urteilen, befanden sie sich in einem kleinen Dorf. Von irgendwoher hörte das Geschrei von Kindern. Fragend blickte er Lili an, die den Chocobo an einen Pfahl anband.
"Die Macht der Pflanze. Beeindruckend, oder?", fragte sie trocken.
"Das... das hat alles Drexler erschaffen? Mit der Pflanze?", flüsterte Adryan.
"Sag mal... was hat es eigentlich mit dem Schwert auf sich, dass du in deinem Rucksack hast?", fragte sie, während sie aus der Kutsche eine Holzkiste griff und sie sich unter den Arm klemmte.
"Das ist eigentlich nur... Quatsch..."
Sie sah ihn erwartungsvoll an. Er lächelte etwas verlegen.
"Ich hab... relativ früh so... naja, Märchen und... Abenteuerstorys geliebt... mit Helden und so... Naja, und deswegen dachte ich... vielleicht könnte ich..."
Die Worte starben in seinem Mund.
"Cool", kommentierte sie staubtrocken.
Sie hatte ihn durch die Gassen geführt, bis sie schließlich vor dem Seiteneingang einer großen Villa gestanden hatten. Sie ließ ihn herein und er fand sich in einem kühlen, kleinen Raum wieder. Ohne zu zögern ging sie durch eine weitere Tür. Anscheinend wusste sie ganz genau, wo sie hinwollte.
Er folgte ihr unsicher durch die engen Gänge, bis sie schließlich eine kleine Kammer betraten. In ein paar Fässern waren Lebensmittel und Früchte eingelagert. Sie schmiss ihre Kiste auf den Boden, wählte ein paar Sachen aus und schmiss sie hinein.
"Lili?"
Adryans Herz machte einen Sprung. Ein Mann hatte die Kammer durch eine weitere Tür betreten. Er hatte ein tief eingesunkenes Gesicht, grau-blondes Haar und einen ordentlich geschnittenen Schnauzer.
"Hallo Paps!", sagte sie, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen.
"Du hast dich nicht angemeldet", meinte er vorwurfsvoll.
"Ich wollte dich nicht sehen!", entgegnete sie kühl.
Der Blick des Mannes fiel auf Adryan.
"Wer ist das?", fragte er.
"Frag ihn!"
"Ich frage dich!"
Lili zuckte mit den Schultern und packte etwas Butter ein. Sie warf Adryan einen Blick zu. Sie würde nicht für ihn reden.
"Name des jungen Mannes?", fragte ihr Vater streng.
"Adryan", antwortete Adryan automatisch.
Lili seufzte unmerklich und schüttelte den Kopf.
"Leonhart?", fragte der Mann.
Adryans Herzschlag setzte für einen Moment aus. Er hatte es vermasselt. Wie immer.
"Mitkommen!"
Adryan wechselte einen unglücklichen Blick mit Lili. Sie sah ihn beinahe mitleidig an. Dann schloss sich die Tür zwischen den beiden.
Lilis Vater bedeutete Adryan stehen zu bleiben und verschwand durch eine große Flügeltür. Irgendwo im Haus wurde Musik gespielt. Er kannte sie, natürlich kannte er sie, er kannte jede Note davon. Er lauschte den zarten Klängen der Streicher. Die Töne waren so leicht, so zerbrechlich, so sehnsüchtig. Die Melodie fiel wie ein Blatt von einem Baum herunter, verwelkte und schließlich wieder von einem unsichtbaren Wind empor getragen. Drexler hatte das Stück in Erinnerung für einen Freund geschrieben, der sich mit einem Strick erhängt hatte, als sie beide noch Kinder gewesen waren. Die Musik verstummte. Adryan hörte Stimmen, die aus dem Raum hinter der großen Tür hervorkamen.
"Ach, Max, komm, wir wissen beide, dass du feiges Arschloch bist!"
"Ich würde alles für Sie geben, das wissen Sie doch!"
"Dann zeige es mir auch! Ich mein, in Muttis Kleidern hier abends ein paar Späße zu machen, ist die eine Sache... aber da muss auch mal... du weißt schon... mehr Biss dahinter sein!"
"Ja, Meister!"
Die Flügeltüren gingen auf.
"Walther?", rief Lilis Vater.
Der Blick eines älteren Herren mit kurzen, silbernen Haaren fiel auf die Tür. Seine starken, klugen, blauen Augen starrten direkt in Adryans Herz. Das Gesicht war ihm durch die vielen Bilder sehr vertraut, doch seine Körpersprache und seine Stimme war ganz anders, als er sie sich vorgestellt hatte. Anstelle von langsamen und imposanten Bewegungen und der kraftvollen Stimme, wie sie die Portraits suggerierten, sprach er sehr schnell und gestikulierte stark. Walther Drexler ging auf Adryan zu. Er war ungewöhnlich klein.
"Wen haben wir denn hier?", fragte Walther.
"Adryan Leonhart", meldete Lilis Vater.
Im Raum war es still geworden. Lilis Vater setzte sich auf einen freien Platz. Walther musterte seinen Gegenüber von oben bis unten.
"Adryan...", stellte sich Adryan vor und streckte seine Hand aus.
Drexler beobachtete die Hand für einen Moment. Ein sarkastisches Lächeln umspielte seinen Mund. Dann ergriff er sie. Seine Hand war warm und trocken, seine Händedruck fest.
"Walther Drexler. Ich bin hier das lokale Arschloch", sagte er laut.
Die Anderen lachten.
"Nein, nein, nein, man muss das auch mal so sagen, man muss es zugeben, was man ist, nicht wahr?"
Er blickte Adryan wieder direkt in die Augen.
"Ähm... ja!"
"Endlich mal jemand, der das Wort 'Wahrhaftigkeit' zu schätzen weiß", rief Drexler und führte ihn in den Raum.
Er setzte sich auf den freien Sessel. Max, der neben ihm Platz genommen hatte, reichte ihm eine Zigarette. Drexler nahm sie entgegen und ließ sie sich von Max anzünden, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.
"Ähm, sie rauchen?"
Drexler zog eine Augenbraue hoch. Adryan wurde rot.
"Nur... weil in einer ihrer Schriften steht, dass sie... nunja, Rauchen würde den Menschen schwächen, ihn degenerieren und für starke psychische Schwäche stehen und..."
Die Worte gingen ihm aus.
"Ja, das steht da wohl drin... Hab ich zumindest gehört...", sagte Drexler und lächelte dünn.
Ein paar der Männer lachten.
"Also, mein Junge. Was verschafft uns die Ehre für diesen hohen Besuch?"
Adryans Herz raste.
"...Die 'Pflanze des Lebens'..."
Er fühlte sich unendlich blöd.
"Die Pflanze des Lebens... Und du bist wegen dieses einen Dings hergekommen?"
"...Ja", entgegnete Adryan unsicher.
Drexler fuhr sich selbstvergessen übers Gesicht.
"Wie war die Reise?", fragte er plötzlich.
Adryan schluckte.
"Gut..."
"Glaub ich dir nicht. Wort und Ton wichen zu stark voneinander ab. Als profunder Kenner meines Werkes weißt du natürlich, dass der Ton für mich wichtiger ist als das Wort. Wir Menschen schaffen uns einerseits zu viele Worte für die eine Sache, andererseits zu wenig Worte für eine andere und manche Sachen bleiben ganz ohne wörtliche Entsprechung. Um dieses Manko zu beseitigen, benötigen wir den Ton. Der Ton deiner Aussage klang nicht nach 'Gut'. Also noch einmal die gleiche Frage. Wie war die Reise?"
Adryan starrte auf Drexlers makellos geputzte Schuhe.
"Beschissen..."
"Ein Mann, ein Wort. Warum? Wetter schlecht?", fragte Drexler schnell.
"Nein."
"Sondern?"
Adryan blickte zu Boden.
"Mein Freund... ist gestorben", sagte er langsam.
"Wie?"
Adryan blickte ihn an.
"Wie ist er gestorben? Ist er beim Kacken von nem Baum gefallen?", fragte Drexler erneut und nahm einen Zug von der Zigarette.
"Er... wurde ermordet..."
"Wie wurde er ermordet?"
"Was?", fragte Adryan.
"Wie? Erschossen, erstochen, erdolcht, Kopf ab, Hand ab, Schwanz ab? Wie? Es gibt viele Arten, jemand umzulegen!"
"...Mit einem Schwert..."
"Durch die Brust?"
Adryan nickte.
Walther Drexler nahm einen Zug und nickte langsam.
"Ganz schön blutige Angelegenheit, so was", murmelte er.
Adryans Beine zitterten. Er atmete schwer.
"Und, ihr Freund? Was ist mit dem gleich noch mal passiert?!"
Adryans Stimme zitterte.
"Er hat sich aufgehängt. Er hatte leider nicht das Glück, dass ihm das Genick direkt gebrochen ist. Er ist mehrere Minuten lang qualvoll erstickt", sagte Drexler scharf.
Die durchdringenden, blauen Augen durchbohrten Adryan förmlich. Hinter ihm hörte er, wie sich die Tür des Salons leise öffnete. Schritte näherten sich.
"Ihr kennt euch bereits, oder?", fragte Walther ohne zu lächeln und deutete auf den Mann, der den Raum betreten hatte.
"Ja, Vater. Du warst mal wieder schneller als ich", entgegnete Cerdant und legte seine Hand auf die Schulter Walther Drexlers, seines Vaters.
Er hatte keine Ahnung, wie genau er das Bewusstsein verloren hatte. Als er wieder zu sich kam, fand er sich in einem kreisrunden, modrigen Raum wieder, der ihn sehr an einen Kerker erinnerte. Der Raum selbst wurde durch kleine Lampen spärlich beleuchtet, die in den Boden eingebaut worden waren. Die Luft roch abgestanden.
"Luft..."
Die Lampen verloschen. Dunkelheit, vollkommene Dunkelheit. Ein frischer Luftzug wehte an seinem Gesicht vorbei. Irgendwo ertönte ein düsteres Rumpeln. In mitten des Nichts teilte ein helles Licht die große Schwärze. Unwillkürlich streckte er die Hand danach aus und atmete tief die frische Luft ein. Der Boden der Zelle setzte sich in Bewegung, stieg nach oben, trug ihnen näher an den Himmel heran. Er konnte die Umrisse von Menschen erkennen.
Das Licht stellte sich als ein elektrisches Licht heraus. Es kam von einem Scheinwerfer.
Adryan stand langsam auf. Zwei Meter über ihm befand sich ein Geländer, dahinter konnte er, in Form eines Halbkreises, bequeme Sitze erkennen, die ihn am ehesten an Zuschauerränge im Theater erinnerten. Adryan stellte fest, dass er von jedem Platz aus gesehen werden konnte. Er befand sich auf einer Art Bühne!
In den einzelnen Rängen saßen mehrere vornehm gekleidete Personen und beobachteten ihn gespannt. Direkt über ihm in der ersten Reihe stand Walther Drexler. Max reichte ihm ein Glas Wasser.
"Danke, mein Junge", murmelte Drexler und trank das Glas in einem Schluck leer.
Max lächelte glücklich. Drexler wandte sich an Adryan.
"Adryan, dies ist der schönste Ort der Welt... Das Theater!", sagte Drexler zärtlich.
Er betrachtete Adryan für einen Moment.
"Die Bühne gehört dir!", rief er und setzte sich auf einen Stuhl.
Die Zuschauer starrten ihn erwartungsvoll an. Drexler hatte die Arme verschränkt. Adryans Herz klopfte. Er blickte von einem Gesicht zum nächsten, doch alle blickten emotionslos auf ihn herab. Adryan blickte zu Boden und schloss die Augen.
Plötzlich klatschten Hände ineinander. Drexler war aufgestanden und applaudierte. Die Anderen fielen in den Applaus ein.
"Da steht er, unser großer Star!", rief er.
Der Applaus und das Gelächter hämmerten wie Hammerschläge auf Adryans Seele ein.
"Du bist doch ein großer Schreiberling, ein Held, wie du geschrieben hast... ein... Künstler. Ja, da musst du nicht so rumstehen. Du hast es mir doch geschrieben."
Adryans Magen zog sich augenblicklich zusammen, als Drexler ein beschriebenes Stück Papier hochhob. Adryan erkannte die Schrift. Es war seine.
Drexler begann vorzulesen.
"'Lieber Herr Drexler', das nenn ich eine nette Anrede. Davon könntet ihr euch alle ein Stückchen abschneiden!", rief Drexler in die Runde.
Adryan starrte an die Wand. Er erinnerte sich plötzlich wieder an jeden einzelnen Satz. Er wusste, wie der Brief weitergeht, er wusste, was passieren würde. Er bekam Angst.
'Ich wollte ihnen nur schreiben...' blablabla... Viel Gerede. Wo ist es denn jetzt? Ahja, hier unten, hört euch das an. 'Bei uns zu Hause redet man meist sehr schlecht über sie und auch ich kann manchmal mit vielem nichts anfangen. Ich meine, mit dem, was sie manchmal schreiben, da richten andere großen Schaden an, sie töten sogar. Und ich weiß nicht, aber sie schreiben und komponieren so schöne Sachen, warum schreiben so etwas?'"
"Respektloser Kerl!", schrie einer der Männer.
"Was soll denn so etwas?", erregte sich Max.
Drexler legte den Zettel hin.
"Also erst einmal, wenn man einen Brief schreibt, dann schreibt man ihn auf ordentliches Papier. Und man setzt nicht, wie du, seinen Namen fünfmal auf das Papier. Ich kann lesen, du musst mir also nicht tausendmal sagen, wer du bist! Wolltest wohl deine Verbindung zu deinem Vater hervorheben. Wenn du ein Brief von mir liest, siehst du meinen Namen genau einmal und zwar in der Unterschrift. Das, was du machst, ist arrogant! So, der Rest... worum geht es eigentlich in diesem Triefen?! Ich mein, was soll ich mit so etwas? Was soll ich mit so was? Kannst du mir das erklären? Du erzählst nichts, keine Geschichte, erzählst nicht, was passiert in deinem Leben, ob du eine Freundin hast... nichts! Gar nichts! Statt dessen nur Arschleckerei, blinde Vorwürfe, ein ganzer Haufen sinnloser Sätze, wie... 'Ich habe einen Traum, einen Traum, den Sie mir gelehrt haben und zwar ein Held zu werden'! Und dann schickst du mir noch ein Foto von dir mit. Was soll das? Was soll so eine Scheiße?"
"Das ist doch total sinnlos", sagte Max.
"Erklär es mir! Ich bin ein einfacher Mensch, vielleicht verstehe ich es einfach nicht! Jetzt sieh mich nicht so an, erkläre es mir!!!!", rief Drexler.
Es war totenstill. Adryan sah sich um. Alle starrten ihn an. Gab es niemanden... irgendeiner von diesen Erwachsenen musste doch...
"Jetzt ärger ihn doch nicht so...", sagte eine Frauenstimme.
Eine Frau mit braunen, zusammengebundenen Haaren tätschelte Drexlers Hand.
"Ich ärgere ihn nicht, Ethel. Der soll mir das erklären!"
"Was denn erklären?!", hörte Adryan sich selbst rufen.
"Weißt du, was Helden sind? Das sind große, starke Menschen! Die nicht davor scheuen, alles für eine Sache aufzugeben! Die sich nicht davor scheuen, widerwärtige Dinge zu tun für das Wohl vieler! Und du? Glaubst du nur, weil dein Vater einmal eine große Nummer war, du könntest dich hier aufspielen?!", brüllte Drexler.
"Ich wollte mich nicht aufspielen..."
"Nein, natürlich nicht! Nein, wieso solltest du auch?! Und hier die Passage, ich würde großen Schaden anrichten, Menschen würden sterben! Was soll ich mit dieser Scheiße! Hältst du mich für bescheuert! Denkst du, ich kann nicht bis drei denken. Glaubst du etwa, du siehst etwas, was ich nicht sehe?!", schrie er.
"Das würde ich nie..."
"Du hast es bereits getan!!! Das soll so sein! Diese Typen sollen so handeln!!! Die sollen ihre falsche Scham ablegen!", brüllte Drexler und sprang von seinem Stuhl.
Adryan blieb taub. Da hatte er es. Das, wovor er sich gefürchtet hatte.
Drexler kreischte weiter.
"Doch das versteht ihr nicht! Du und diese anderen. Ihr könnt nur verurteilen, ihr versteht nicht, wieso ich das mache!!"
"Sie... wollen... das alles, was da draußen passiert?", flüsterte Adryan.
"Ich bin ein Genie, für mich gelten andere Regeln! Jedes meiner Werke durchzuckt mehr Genialität, als alle stümperhaften Machwerke unserer Zeit! Fahle Gymnasiasten werden meine Werke durchkauen, Musikstudenten ihre Architektur bewundern, Wissenschaftler ihre Lebenszeit damit vergeuden, Botschaften zu interpretieren. Nur über Zebarga wurde mehr geschrieben als über mich! Ich habe gegen alle revolutioniert! Alle! Leute, wie du, ihr wart immer meine Feinde, immer!!! Ihr moralischen Widerlinge habt immer den verlogenen Teil der Gesellschaft repräsentiert! Und heulen musst du jetzt auch nicht! Dieser Brief, der kommt nicht von mir, der kommt von dir! Und ich höre hier keine Erklärungen! Was hast du dir dabei gedacht?!", kreischte Drexler.
Adryan presste den Mund zusammen. Er hatte nicht weinen wollen, doch die Tränen waren stärker gewesen. Alles brannte in ihm. Er fühlte sich so schuldig. Er war so dumm gewesen.
"SAG ES MIR!", keuchte Drexler.
"Ich... war... 13... Ich war nur ein... Kind... der sie... gemocht hat..."
Walther Drexler starrte einen Moment auf den weinenden Jungen unter ihm. Dann atmete er tief ein und setzte sich. Er fing an zu keuchen und hielt seine Hand kurz an sein Herz.
"Revolutionen über Revolutionen. Und die Menschen bleiben doch die Gleichen..."
"Wissen wir doch!"
"Lass dich von diesem nicht unterkriegen, Walther!"
"Wir glauben an dich!"
"Total sinnlos, solche Briefe", empörte sich Max, nahm das Stückchen Papier, las drüber und schüttelte mehrmals den Kopf über so eine Dummheit.
"'Pflanze des Lebens'. Die wolltest du von mir, oder?", fragte Walther Drexler.
"Für meinen Vater... er stirbt sonst..."
"Das Vorhaben ehrt dich, Adryan. Aber glaubst du, ich gebe das einfach so aus der Hand? Glaubst du etwa, ich gebe dir die Pflanze um deinen Vater zu retten, diesen Verräter?! Soll er doch verrecken, mir doch egal! Und über deinen Freund brauchen wir gar nicht erst zu reden. Und wage es nicht noch einmal, den Begriff 'Held' mit dir in Verbindung zu bringen. Ich mein, das ist ja nun das beste!"
Er musste lachen. Nach einer Weile fing er sich.
"Gut, ich denke, dann sollten wir zu wichtigeren Dingen übergehen. Ich habe hier schon genug Zeit verschwendet", sagte er abschließend.
Die Zuschauer erhoben sich.
"Und was machst du heute abend?", fragte Drexler Max.
"Ich weiß nicht, ich dachte, ich lese etwas..."
"Lies doch Adryans schönen Brief hier!", empfahl Drexler sarkastisch.
"Ne, ich dachte eher an etwas, was länger ist als zwei Minuten..."
"Zwei Minuten können einen wie eine Ewigkeit vorkommen. Das muss man dir lassen, Adryan, der Brief hatte wenigstens die Gnade, dass nach zwei Minuten Schluß war und die Folter ein Ende hatte!", rief Drexler nach unten.
Adryan wollte etwas sagen, er wollte irgendwas sagen, doch er war wie gelähmt.
Er war zu schwach...
Die Decke, der Himmel, schloss sich, der Boden fuhr nach unten, das Licht verschwand, die Dunkelheit hüllte Adryan wieder vollkommen ein.
"Das war echt hart!", hörte er die Frau, diese Ethel, sagen.
"Tja, das Leben ist hart!", rief Drexler aus, bevor sich die Decke mit einem Krachen schloss.
Adryan saß alleine in der Dunkelheit und hatte das Gesicht in seiner Hand vergraben. Seine Eingeweide brannten. Seine Seele, alles, war durchwühlt und vernichtet worden. Er hatte sie jemandem gezeigt und dieser jemand hatte sich wie auf einem Spielplatz ausgetobt.
"Warum... hasst ihr mich alle so?"
Er konnte nicht einmal weinen. Dazu war alles zu verhärtet. Seine Augen trockneten so stark aus, dass schließlich zuviel Tränenflüssigkeit auf einmal hin geschossen wurde und das Auge überlief. Eine Träne fiel. Ganz langsam fiel sie hinab. Sie blieb fast in der Luft stehen. Fasziniert legte er sich flach auf den Boden, um den fallenden Tropfen besser sehen zu können. Schließlich berührte er den Boden.
Die Träne explodierte in tausend kleine Einzelteile. Sie begannen zu glühen, zu leuchten. Licht brach sich in ihnen, ein gigantischer Farbschauer ergoss sich heraus, eine Explosion der Elemente, ein Schauer aus Momenten und Vergänglichkeit. Ein Kosmos aus Licht entstand, breite sich aus, hob Adryan vom Boden auf, gab ihm Schwingen und trug ihn davon und weg. Er folgte dem Faden aus Licht, der ihn weit weg von dieser toten Welt in die ferne Unendlichkeit des Seelenfeuers führte, dort, wo Anfang und Ende zusammen lagen.
Aus seinem Unterbewusstsein erwuchs ein Gefühl und reifte schließlich zum Gedanken heran. Doch der Gedanke wurde nicht gedacht und starb wie jeder andere Gedanke, sondern wuchs weiter, wuchs aus seinem Kopf heraus und blieb schlussendlich vor seinem Auge stehen. Adryan starrte seinen eigenen Gedanken an, hörte ihn flüstern. Er und sein Gedanke sahen sich ins Auge, dann gab der Gedanke ein gleißendes Licht ab, dass tief in Adryans Seele eindrang. Sein ganzer Körper fühlte den Gedanken, wurde durchdrungen von ihm und formte schließlich einen Satz.
"Die Ewigkeit in Momenten..."
Adryan stoppte. Der Boden war hell erleuchtet.
"Auch in der kleinsten Regung steckt ein Kosmos, steckt die Wahrheit..."
Adryan drehte sich auf den Rücken. Er blickte für einen Bruchteil einer Sekunde in das Gesicht eines alten Mannes.
Ein Aufblitzen. Er sah in schneller Reihenfolge vier Gesichter. Einen blonder Mann, etwas älter, als er selbst, einen schwarzhaarigen Jungen, so alt wie er selbst, einen Mann, den er nicht kannte, seinen Großvater...
Ein Aufblitzen. Vier Leute, zwei Zwillingspaare, standen rechts und links von ihm. Das linke Zwillingspaar erinnerte ihn stark an Butler, sahen aber irgendwie grotesk aus, das rechte wirkte unauffällig, geradezu bieder.
"Ein Stresstest ist hier wohl überfällig...", sagte einer der rechten Leute.
"Ihr seid sowieso Weicheier. Ihr kamt nur zur Mitte und zum Ende. Punkt genug, dass ihr verlieren werdet", entgegnete einer der Butler.
"Psst, Lohan, er hat die Augen aufgemacht", entgegnete der andere Butler.
Alle vier blickte auf Adryan herab.
"Das ist er also? Ein süßer Junge, ganz der Vater...", kicherte der andere Butler.
"Der soll die Bürde eines Weltschicksals übernehmen und Alphega wiedervereinigen?", fragten die rechten ungläubig.
Seine Gedanken schwangen in der Luft, brachten sie zum zittern. Er sah undeutlich die Gefängniszelle, doch dann drängte sich ein anderes Gefühl hindurch. Wie ein Signal schoss sein Schmerz in die Tiefen der Dunkelheit. Und irgendwas antwortete, jemand gab ihm Schmerz zurück, etwas aus der Dunkelheit spürte ihn, litt genauso wie er selbst. Etwas wartete auf ihn. Etwas einsames, etwas, das eine lange Zeit ignoriert worden war...
Walther Drexler setzte sich schwer amtend ans Klavier. Leere Notenlinien lagen auf dem Flügel, daneben ein paar Texte und Dialoge, die er verfasst hatte. Er sah kurz über den Dialog drüber, fand, dass sich die Figuren zu oft wiederholten und strich eine halbe Seite.
"Gleich weniger zu tun für heute..."
Er versuchte sich verkrampft an seine ursprüngliche Stimmung für die Szene zu erinnern. Er hatte sich vorgenommen, dieses mal alles etwas subtiler darzustellen, nicht so groß, nicht so dramatisch, eher mit einem Thema die ganze Szene zu erzählen...
"Ich denke schon wieder zuviel!", zischte er.
Er probierte ein paar Mal eine Melodie aus. Die ersten Versuche gefielen ihm gar nicht, dann fand er eine Melodie, zu der die erste Zeile schön gesungen werden konnte. Er spürte seine Aufregung, er wusste, das war es! Plötzlich, mit dieser Keimzelle ausgerüstet, sah er die zahlreichen, wundervollen Wege, wie er weitermachen konnte. Er probierte aufgeregt weiter, kam fünf Zeilen später zu dem Schluss, dass die Musik für die erste Zeile scheiße war und änderte sie entsprechend, wonach er die anderen vier korrigieren musste. Langsam schalteten sich seine Gedanken aus, er kam in Stimmung, die Szene erwachte vor seinen Augen zu einem wunderbaren Leben.
Er öffnete eine kleine, goldene Dose, in der sich ein feiner, grüner Staub befand. Drexler nahm ein kleines Messer, nahm damit etwas von dem Staub und schnupfte es durch die Nase. Sofort rann Blut aus seiner Nase, doch das kümmerte ihn nicht. Er wischte es nicht einmal ab.
Die Stille wurde lauter, bedrohlicher, schöner. Er spürte eine Vibration im Raum, Dunkelheit. Ängste, Schmerzen, Schuld, verdrängte Erinnerungen drangen zu ihm herauf. Die Schatten wurden in der Luft zu Formen, zu Klängen, zu einem Lachen. Das Lachen einer tosenden Menge. Sein grauenvoller Fleck war entdeckt worden, sie kamen, um ihn zu holen. Sie würden ihn aufhängen, ausweiden, sein Innerstes unter allen verteilen, ihn verspotten, ihn vernichten und als das Nichts bloßstellen, was er war.
"Ihr kriegt mich nicht! Und wenn ich gegen die ganze Welt Krieg führen werde...", schrie Drexler.
Er hämmerte auf die Klaviertasten ein, nahm eine goldene Feder in die Hand und notierte auf dem Papier die Noten. Er bannte all seine Ängste, seine Einsamkeit, beschwor Klänge, wurde ein Magier über Leben und Tod, gab allem eine Form, zog all das Böse, das Gute, seine Sehnsucht heraus, kleidete sie in Farben, Melodien und Handlungen. Die Schatten wurden durch das Licht seines Schaffens zurückgedrängt, zurück gejagt in die endlosen Abgründen seiner Seele.
Ihn ergriff ein unendliches Gefühl der Befreiung. Alles fiel von ihm ab, alles leuchtete in ihm, er hatte es geschafft. Er betrachtete sein Werk, wo er König, Gott war. Er hatte sich aufs Papier gebracht und sich damit vollkommen befreit!
"Ich gehe hier nicht weg! Ihr widerlichen Kreaturen, ich bleibe hier, ihr kriegt mich nicht!", jauchzte er laut auf und weinte hemmungslos.
Mit einem Seufzen war die letzte Note geschrieben.
Die Szene war fertig – die Geschichte noch nicht.
Er sank erschöpft zurück und schloss die Augen. Für eine Sekunde hatte er Frieden, dann rief aus seinem Schreibtisch etwas nach ihm. Der Feind regenerierte sich bereits. Er wischte sich die Tränen ab und holte aus der Schublade zerknülltes Blatt Papier heraus. Auf ihm war eine Zeichnung, die er selbst angefertigt hatte. Er konnte sich nicht einmal daran erinnern, wie sie genau zustande gekommen war, da er sie berauscht angefertigt hatte.
"Der ganze Vater ist ihm drin! Ich kann nicht immer warten und warten. Man muss diese Kerle unterm Strich mit Stumpf und Stiel ausrotten!", zischte er.
Seine Stimme hallte noch lange in seinem Ohr nach. Der Schweiß tropfte ihm vom Gesicht herunter. Die Wirkung ließ langsam nach. Er griff nach einem altmodischen Kommunikationsgerät.
"Wir richten ihn heut abend hin!", sagte er und spielte abwesend mit der Zeichnung, auf der er seinen Feind vermutete.
Lili hatte ihre Kutsche fertig beladen. Sie stand auf dem Platz und betrachtete lange die Villa. Davor hatten ein paar Kinder einen Kreis gebildet. In der Mitte waren zwei Jungs, die einen Ringkampf ausfochten. Schließlich stieß einer den anderen aus dem Ring. Die anderen applaudierten und klopften dem Gewinner anerkennend auf die Schulter. Der Verlierer gratulierte fair.
Plötzlich stürmte Cerdant auf allen Vieren hinter ein paar Fässern hervor und machte Jagd auf die Kinder. Sie stoben lachend auseinander und ließen sich von ihm fangen. Cerdant kraulte ihnen die Köpfe, sprach ein paar Worte mit den Ringkämpfern und gab ihnen anscheinend Tipps. Die anderen Kinder scharrten sich um sie. Die Gruppe setzte sich in Bewegung und kam in Lilis Richtung, so dass sie ein paar der Sätze aufschnappen konnte.
"...wegen eurer Frage, ob Augen rot oder weiß bluten. Ich habe letztes mal nachgeschaut", hörte sie Cerdant sagen.
"Und, wer hatte Recht?", fragte ein rothaariger Junge.
"Ihr hattet beide recht. Es kommt beides raus, weiß und rot", sagte Cerdant.
"Boah, krass!", sagte ein blonder Junge.
"So, Abendessen, Kinder. Eure Eltern sollen sich schließlich keine Sorgen machen", sagte Cerdant.
Die Kinder verabschiedeten sich artig und gingen zurück in die Häuser. Lili und Cerdants Blicke trafen sich für einen Moment. Schnell stieg sie auf ihren Chcobo und machte sich auf, das Dorf zu verlassen.
Im Keller herrschte drückende Stille. Adryan hatte Hunger, doch es kümmerte ihn nicht. Die Luft hatte zwar aufgehört zu vibrieren und seine Gedanken waren wieder klar, doch selbst das interessierte ihn nicht wirklich. An der Wand hatte er ein paar eingeritzte Strichmännchen entdeckt. Sie sahen sehr nach den Zeichnungen eines Kindes aus.
Ein lautes Geräusch ließ ihn zusammenzucken. Ein Teil der Mauer schob sich beiseite und gab eine helle Öffnung frei. Jemand betrat den Raum.
"Du schaust dir meine alten Zeichnungen an? Früher als Kind, kurz nach meiner Adoption, habe ich viel Zeit in diesem Raum verbringen müssen. Ich habe wirklich... sehr viele Erinnerungen an diesen Raum."
Cerdant. Er machte eine kurze Pause.
"Du sollst hingerichtet werden!"
Der Satz schlug in jede Zelle von Adryans Körper ein.
"Ich... soll sterben? Getötet werden?", hauchte Adryan.
"Beschluß von Walther Drexler."
"Aber... warum?", fragte Adryan.
"Du willst etwas von ihm haben, was er zum Überleben braucht. Damit steht dein Interesse gegen sein Interesse und damit bist du sein Feind. Und da du sein Feind bist, setzt er alles in Bewegung, seinen Feind zu vernichten!", sagte Cerdant.
Adryan atmete schwer. Seine Magen zog sich zusammen, sein Mund trocknete aus.
"Wann?"
"Jetzt. Ich bin hier, um dich abzuholen!"
Die Sonne stand tief, der Abend würde in wenigen Minuten anbrechen. Das ganze Dorf hatte die Häuser verlassen, in denen bereits Licht brannte. Aus der Villa trug eine Menschenmenge einen Jungen.
Hände hatten Adryan fest umschlossen, unterbanden jede Kraft in ihm, die nach Freiheit schrie. Seine Beine schleiften über den Boden. Seine Schuhe waren zerrissen, seine Füße schlugen immer wieder auf den Asphaltboden auf und bluteten stark. Das Herz hämmerte ihn in der Brust, alles an ihm wollte weg von hier, raus, fort, aber er konnte nicht, er konnte nicht das tun, was tief in ihm drinnen sein Urinstinkt waren, denn die anderen waren stärker.
"Hierher! Wir wollen heute früh ins Bett!", brüllte eine Stimme.
Adryan hörte das Kreischen und Lachen von Kindern. Sie riefen ihm mehrere Dinge zu und freuten sich. Sie freuten sich, dass er litt! Kieselsteine flogen ihn an den Kopf, trafen ihm am ganzen Körper und schlugen noch mehr Wunden. Er konnte rechts und links Umrisse von Häusern erkennen. Sie hatten anscheinend den Platz verlassen und waren nun auf einer großen, breiten Straße.
Sie kamen zum stehen. Die Leute gingen zur Seite, so dass Adryan in den rötlichen Abendhimmel sehen konnte. Davor entdeckte er die bedrohlichen Umrisse eines Laternenpfahls. Ein provisorischer Strick, ein Galgen, war daran befestigt. Jemand packte unsanft seine Hände, drehte sie ihm schmerzhaft auf den Rücken und band sie fest zusammen.
"Worauf wartet ihr noch? Hoch mit ihm! Hängt ihn! Ich hab nicht den ganzen Tag Zeit", hörte Adryan Walther Drexlers Stimme brüllen.
Mehrere Männer kletterten den Pfahl herauf. Hände griffen in Adryans Haare, an seinen Hals, an seiner Schulter und reichten ihn wie Ware nach oben durch. Durch das Tosen in seinem Ohr und das Geschrei der Menge hörte er eine laute, kreischende Stimme. Walther Drexler brüllte sich nach und nach in Ekstase. Seine blasse Haut war gerötet.
"Los, hängt diesen Kerl, ich will ihn nicht länger hier sehen. Hängt ihn, hängt ihn, hängt ihn! Weidet ihn aus, ich will seine Innereien hier unten sehen. Und das ja nicht sein Genick gebrochen wird, er soll ersticken!"
Je höher er nach oben gehoben wurde, um so kleiner wurden die Menschen. Direkt unter ihm stand sein Mörder und brüllte. Adryan sah ihm in die Augen, Drexler und sein Blick trafen sich. Die Zeit blieb stehen. Drexlers blaue Augen verengten sich für einen Moment, er atmete tief ein, sprach nicht weiter. Dann blickte er weg, die Zeit lief weiter, und brüllte lauter als je zuvor.
"Höher, höher mit diesem Kerl! Na los, er soll würgen, er soll sterben! Hängt ihn, hängt ihn, hängt ihn, HÄNGT IHN!"
Er sprang auf und ab und gestikulierte bei jedem Wort wild in der Luft herum.
"Sein Blut soll hier hin tropfen!", brüllte er und warf sich wie ein Tier auf alle Viere.
Da stand er, der kleine cholerische Mann und gab Anweisungen. Und die Menge, die Massen, viele größer und stärker als er, gehorchten ihm. Eigentlich war das alles furchtbar komisch.
Manche dieser Leute starrten ihn an, andere standen abseits und unterhielten sich, planten, was sie als nächstes tun würden. Als nächstes... Sie planten für eine Zeit, wo Adryan nicht einmal mehr auf dieser Welt sein würde...
Unwillkürlich fing er an zu weinen. Er konnte es nicht unterdrücken, er konnte nichts dagegen machen. Er starb, er wurde ermordet. Ermordet von allen Menschen dieser Welt, von dem Menschen, den er geliebt hatte.
"Ja, da musst du auch nicht weinen! Da musst du hier keine Szene machen! Du hast dich selbst an diesen Punkt gebracht, das war kein Anderer!!", kreischte Drexler.
Er spürte, wie das harte Seil um seinen Hals gelegt wurde. Jemand zog. Es schlang sich um seinen Hals. Gleich, würden sie loslassen, dann würde es passieren.
Sein Körper donnerte förmlich, das Herz sprang ihm aus der Brust, alles zitterte, er sah kaum noch etwas. Doch tief in seinem Inneren, da wusste er, dass er es nicht anders verdient hatte. Er hatte seinen Freund in den Tod getrieben.
Und so konnte er hingerichtet werden, seine Schuld bezahlen und wenigstens mit einem reinen Gewissen sterben. Hingerichtet und ermordet von anderen Menschen und er wusste noch nicht einmal den Grund dafür. Sein Körper spannte sich an, seine Emotionen rasten, zerrissen diesen Gedanken in der Luft. Die Hände ließen ihn los, er fiel nach unten.
Mit einem harten Ruck kam er zum stehen, die Schling schloss sich augenblicklich um seinen Hals, brach ihm fast das Genick und presste ihm die Luft ab. Schweiß kam ihm in die Augen, sein Kopf brüllte. Er spürte, wie etwas heißes, warmes, nasses in seine Hosen lief.
Durch das Pochen der Ohren hörte er ein angeekelten Aufschrei der Kinder. Jeder Herzschlag donnerte einen schmerzhaften Schlag durch seinen Körper. Er spürte jeden Moment in einer solch hohen Intensität mit einem solch hohen Schmerz. Es würde bald vorbei sein, dieses ganze Leiden, das ganze Gewicht der Gefühle würde von ihm abfallen und er würde frei in die große, weite, formlose Unendlichkeit reisen. Der Herzschlag pochte bis in seine Ohren hinein und übertönte die kreischenden Schreie dieser Kinder, die Geräusche der Umwelt. Er wurde schwächer, sein Körper zitterte unkontrolliert. Tränen und Schweiß ließen die Umgebung zu einem rötlichen Schleier, Farbpunkte, Kleckse, Muster ohne Sinn...
Wenigstens war das Wetter schön, dachte sich Adryan.
Hey, wenigstens war er einmal sarkastisch gewesen, das wollte er schon immer mal können.
"Das war es dann wohl für euren Helden", sagte eine biedere Stimme.
Sie klang so nah, als würde jemand ihm direkt in sein rechtes Ohr flüstern.
"Nicht doch, mein geliebter Feind. Dieser Junge ist viel zu sexy, um jetzt schon zu sterben!", antwortete eine Stimme in sein linkes Ohr.
"Hey, Adryan..."
Leon...
"Was willst du hier? Du hast hier nichts verloren! Verpiss dich in deine Welt!"
Würd ich ja gern, aber da haben ein paar Leute was dagegen. Du hattest Recht. Du hattest Recht gehabt, aus all den richtigen Gründen. Du hattest immer Recht...
Ein kleiner Windstoß. Etwas flog über seinen Kopf vorbei, er stürzte in die Tiefe...
Er knallte hart auf den Boden. Seine Haut schlug auf, heiße Flüssigkeit quoll hervor und vermischte sich mit seinem Schweiß. Als sein Blut mit der Oberfläche in Verbindung kam, wirkte es sofort angenehm kühlend. Alles war kalt geworden. Alles schlug auf. Jemand lockerte die Schlinge. Luft drang in ihn ein, der Schmerz kam zurück, Panikschreie, schließlich Stille. Eine heiße Welle donnerte über ihn hinweg.
Eine Stimme. Drexler. Der Feind. Sein Feind. Die Vernichtung. Sie war verwirrt, noch verwirrter als sonst, zerrissen unentschlossen, sie hatte Angst. Eine ruhige, tiefe, rauhe Stimme antwortete. Diese Stimme war fest und goss eine endlose Wärme in Adryans Seele. Die Schöpfung, die Erfahrung, die Ruhe drängte die Vernichtung zurück, verwies das Böse in seine Schranken.
Adryan öffnete seine Augen und blickte auf den Asphalt. Jemand drehte ihn um. Durch das Chaos der Farben nahm er ein Gesicht eines alten, schwarzen Mannes mit langem weißen Haar wahr. Seine Stimme machte Sinn, Atem und Rhythmus bildete ein Wort, einen Satz.
"Alles okay, Junge? Bist du noch bei uns? Du hast dir in die Hosen gemacht, wunder dich also nicht über den komischen Geruch..."
Eine alte, warme, trockene Hand legte sich auf Adryans Stirn. Etwas Wasser floss in seinen Mund.
"Komm, ich stütz dich!", sagte der alte Mann.
Er griff ihm fest unter die Arme und hob ihn vom Boden auf.
Die Flecken, die Muster, die Ursuppe aus Farben, Licht und Schatten, ordneten sich neu. Sie bildeten Formen, ein Gesicht, das Gesicht eines Menschen. Blaue, harte Augen. Silbernes Haar, ein alter Mann. Walther Drexlers Gesicht war voller Angst. Der Feind hatte Angst. Er war schwach. Adryan riss sich los und stürzte auf seinen Feind, brüllte ihm wortlos seine ganze Wut, seinen ganzen Schmerz entgegen. Er wollte dieses Gesicht vernichten, diesen Mann, den er so geliebt hatte, der ihn grundlos hatte auslöschen, ihm das Recht zum Leben hatte wegnehmen wollen. Er hatte ihm das Recht zum Leben wegnehmen wollen, meinte, er hätte das Recht dazu, ihn von dieser Welt zu nehmen... Ihn nur noch vernichten, zerreißen, zerfetzen, zerschmettern, ungeschehen machen, auslöschen, jede Unze seines Schmerzes trinken...
Zwei feste Arme umschlangen ihn fest.
"Genug! Dazu wirst du noch Gelegenheit haben. Komm jetzt, Junge!", brüllte der alte Mann.
Alles fiel von Adryan ab und verlosch. Er sackte zusammen und fühlte sich toter als je zuvor. Die Gesichtszüge Drexlers verhärteten sich wieder, seine Augen wurden kühler, sein Lächeln selbstsicherer.
"Du rettest mir das Leben? Am Ende gibt’s gar noch Versöhnung zwischen uns!"
Seine Stimme schnitt Adryan durchs Fleisch.
"Ich versöhne mich mit allem, nur nicht mit dem Herrscher dieser Perversion hier!", entgegnete die ruhige Stimme, die sich schützend vor den vernichtenden Feind warf.
In der Hand des Mannes entdeckte Adryan eine Schusswaffe, die auf seine Feinde gerichtet war.
Sein Lebensretter zog Adryan nach und nach von der Menge weg. Sie sahen ihnen stumm nach und verschmolzen langsam mit dem rötlichen Sonnenlicht. Adryan drehte sich um und sah ein helles Licht am Ende der Straße. Seine Beine fingen langsam wieder an zu funktionierten. Das gleißende Licht, die Grenze des Dorfes, kam nach und nach immer näher. Adryan setzte mühsam einen Schritt vor den anderen, immer näher an das Licht heran.
Er war am Leben.
Der Lichtring hüllte sie komplett ein. Zwei Schritte weiter, verschwand er wie eine Halluzination. Der eiskalte Wind peitschte ihnen ins Gesicht. Vor ihnen erstreckte sich die düstere und trostlose Eiswüste.
"Schnell, Junge, sie werden uns sicher verfolgen!", sagte der alte Mann.
Adryans nackte Füße berührten den Schnee. Die Kälte umschloss sie sofort. Binnen Sekunden waren sie komplett taub.
"Keine Angst. Wir haben noch einen Ass im Ärmel. Darf ich vorstellen. Mein Baby, das Schneeschiff 'Equinox'!"
Am Fuß des Hügels stand, mitten im Schnee, eine lange Maschine mit zwei großen, nach oben gezogenen Flügeln, an denen vier große Turbinen befestigt waren.
"Übrigens, Ferdinand Hiller, mein Name!"
Hiller setzte Adryan auf einen bequemen Ledersessel im geheizten Cockpit. Er drückte schnell ein paar Knöpfe und schob einen kleinen Knüppel langsam nach vorne. Das Gefährt heulte auf und setzte sich in Bewegung. Der Schnee knirschte unter dem Boden der 'Equinox'. Hiller drückte ein paar weitere Knöpfe. Vorne wurde eine scharfe Spitze ausgefahren.
Adryan wurde hart in den Sitz gedrückt, als Hiller beschleunigte. Das Schiff machte einen Satz und landete mitten in einem zugefrorenen See. Die Spitze zerteilte vor ihnen das Eis, so dass sie mühelos auf dem Wasser gleiten konnten.
Hiller warf einen Blick auf einen der vielen Bildschirme.
"Verfolger", hörte ihn Adryan durch die Maschinengeräusche knurren.
Hiller kurbelte an einem altmodischen Rad, neue Geräusche ertönten aus den Eingeweiden der Maschine. Hatte er den Galgen überhaupt verlassen?
Auf dem Monitor gab es eine schnelle Bewegung. Unwillkürlich warf Adryan einen Blick darauf. Es zeigte einen ihrer Verfolger. Das Bild wurde vergrößert.
Der Galgen verschwand augenblicklich aus seinen Gedanken.
"Cerdant."
Seine Stimme klang heiser und leblos.
Cerdant gleitete elegant auf einem kleinen Speeder über das spiegelglatte Eis. Er machte ein paar Sprünge und war flugs neben dem Cockpit.
Cerdant trug eine ziemlich lächerlich aussehende, altmodische Fliegerbrille. Er zog sein Schwert und hieb auf die 'Equinox' ein. Die Motoren heulten auf, Hiller umschloss verbissen den Steuerknüppel. Sie hörten ein beunruhigendes Kratzen.
Hiller versuchte Cerdant zu rammen. Dieser bremste ab, fiel zurück und war außer Sichtweite. Er tauchte auf einem der Bildschirme wieder auf und versuchte nun, sich dem Schiffseingang von hinten zu nähern. Er kam schnell näher und holte mit dem Schwert aus. Sein Gleiter machte einen gewaltigen Satz nach oben, er sprang aus dem Bild.
Das Schiff wurde durchgeschüttelt und kippte gefährlich nach links. Gefährlich viel Wasser spritze an die Scheiben. Die Bildschirme fielen aus. Hiller rang mit dem Steuerknüppel und korrigierte mühsam die Schieflage.
"Bastard, er hat mir eine Turbine abgeschlagen. Ok, Zeit für die Special Features", rief Hiller, legte einen Schalter um und drückte den Knüppel bis vorne zum Anschlag.
Aus den Tiefen des Motors kam ein mächtiges Brummen, die Turbinen stießen blaue Feuerstöße aus. Über einen zweiten Monitor sahen sie, wie Cerdant von seinem Gleiter herunter geblasen wurde und unsanft über das Eis schlitterte.
"Das war`s vorerst für Cerdant!", schmunzelte Hiller.
Er reduzierte die Geschwindigkeit des Schiffes und legte einen großen, alten Hebel um. Ein tiefes, beruhigendes Brummen sprang direkt unter ihnen an. Hiller ließ den Steuerknüppel los. Das Schiff schien sich selbst zu steuern.
Hiller blickte Adryan an. Er hatte warme, freundliche Augen.
"Waren ein paar scheiß Tage für dich, oder?", lächelte er.
Adryan blickte auf seine Handflächen.
"Kann man wohl sagen."
"Ähm... ich wird dir mal neue Hosen besorgen. Du kannst dich hinten duschen."
Er aktivierte ein Funkgerät.
Ein Mann meldete sich.
"Xelto? Wir sind auf dem Weg zu dir!"
"Ist ja herrlich! Und er ist einfach so heraus spaziert. Aus meinem Gebiet!", lachte Drexler freudlos.
Er trank einen großen Schluck aus einer übel riechenden Flasche und ging aufgeregt in einem seiner zahlreichen Salons auf und ab. Max wollte etwas sagen, doch hinter Drexlers Rücken bedeutete ihm Ethel durch ein Handzeichen die Klappe zu halten.
"Das ist keine Katastrophe...", begann sie.
"Natürlich ist das eine! Der brauch bloß zu irgendeinem Gericht zu gehen und zu klagen. Die finden einen Grund und dann tauchen sie hier auf und..."
"Cerdant durchkämmt das Ödland und wird ihn finden..."
"Sag dem Trottel, er soll sich anstrengen!", rief Drexler.
"Walther, könntest du bitte ein Glas verwenden, wenn du schon soviel trinkst..."
"NEIN!!!"
Er fegte mit der Hand eine Reihe kostbarer Gläser vom Tisch. Drexler zertrat wütend jedes einzelne Glas, bis nur noch ein Scherbenhaufen übrig geblieben war. Ethel schloss angewidert die Augen.
"Ich bin hier doch nicht auf einer höheren Töchterschule! Wenn ich will, saufe ich das Zeug eben aus einem künstlichen See!"
"Na fein. Dann löse doch dein Problem alleine...", sagte sie und verließ den Raum.
"Hau doch ab! Blöde FOTZE!"
Drexler schmiss ihr die halbvolle Flasche hinterher, die gegen die Tür krachte und zerbrach. Der übelriechende Inhalt floss an der Tür herunter und sickerte in den teuren Teppichboden ein. Drexler schwankte etwas und fand schließlich Halt an seinem Schreibtisch.
"Drehen jetzt alle durch oder wie? Kannst du mir mal erklären, was jetzt mit der los ist?", fragte er keuchend.
Max zog es vor, darauf nicht zu antworten.
"Dieser dämliche Junge... dieser Bastard!", brüllte Drexler.
"Ich mein, das mit dem geht ja gar nicht. Erst der Brief und jetzt auch noch fliehen, was erlaubt der sich, dieser dumme..."
Drexler schoss herum und verpasste Max eine schallende Ohrfeige.
"Halt dein Maul! Du bist ein Nichts gegen Adryan!", zischte Drexler.
Max sah ihn verwirrt an. Schließlich begann er zu stottern.
"Soll ich... soll ich vielleicht etwas spielen? Ich weiß, mein Klavierspiel ist..."
"Dein Klavierspiel ist scheiße! Lieber tönendes Schweigen, als schweigendes Tönen! Hau einfach ab, erweise mir die Gnade und lass mich allein!"
Max huschte verängstigt aus dem Raum. Walther Drexler war alleine.
Er ließ sich auf einen Stuhl nieder und atmete tief ein. Das Zeug war ihm direkt in die Birne geknallt. Er vergrub das Gesicht in seine Hände und seufzte. Dann, ohne es wirklich zu wollen, fing er an zu weinen. Er schluchzte leise vor sich hin, während er mit einem Taschentuch sich die Tränen wegwischte.
Draußen von der Straße klapperte etwas laut. Drexler stürzte zum Fenster. War die Polizei bereits da, um ihn zu befragen, zu verhaften, aufzuhängen, zu zerreißen...
Nein, es war nur eine Kutsche. Drexler ließ den Vorhang los und bemerkte, dass seine Hand zitterte. Er ließ sich wieder auf den Stuhl nieder. Er wollte tief einatmen, doch etwas schnürte ihm die Brust zu. Er schnappte nach Luft, keuchte, hustete... Sein Herz schrie auf, presste hart gegen seine Knochen, drohte zu zerspringen. Doch so schnell, wie es gekommen war, so schnell war es auch wieder vorbei.
Walther zitterte am ganzen Körper und legte seinen Kopf gegen die weiche Stuhllehne.
"Ich will nicht sterben..."
Der erste Tropfen warmes Wasser berührte seine eiskalte Haut und löste sofort eine wohlige Gänsehaut aus. Das Wasser floss durch seine Haare an seinem Körper hinunter, befreite ihn vom Dreck, vom Blut, von den Tränen der letzten Tage.
Die Seife brannte unangenehm auf seiner Haut, danach floss noch mehr Schmutz ab Überall spürte er seine Wunden, die einen leisen, stechenden Schmerz abgaben. Schließlich war er sauber, doch er stellte das Wasser nicht ab.
Er ließ das Wasser einfach über ihn drüber laufen und machte gar nichts. Dampf stieg auf und hüllte ihn angenehm ein. Doch tief drinnen bildete sich auf einmal eine Eiseskälte. Er fing an zu zittern. Er seine Zähne klapperten. Er setze sich auf den Boden der Dusche und ließ das heiße Wasser an sich herunter laufen, doch die Kälte wollte einfach nicht verschwinden. Er ließ den Kopf sinken und machte einfach gar nichts. Gedanken schossen ihm durch den Kopf, einer wirrer als der nächste. Formlose Impulse, ohne Sinn...
Mit einem Schrei schlug er mit seiner Faust gegen die Wand. Seine Hand brüllte auf, doch er schlug zwei weitere Male dagegen. Beim letzten Mal wurde der Schmerz zu stark. Er begutachtete seine Hand. An den Knöcheln war Haut weg geplatzt.
Eine Wunde mehr oder weniger...
Langsam musste er sich bewegen, er war ja schließlich ein guter Junge. Er stellte das Wasser aus, trocknete sich ab und trat aus der Dusche. Der Dampf zog schnell über ein Lüftungssystem ab.
Er betrachtete im Spiegel seinen zerschundenen Körper. An seinem Hals sah er deutlich die Spuren des Galgens.
Er fing wieder an zu zittern. Fast wollte er noch einmal in die Dusche, doch dann nahm er seine Sachen und kleidete sich wieder an.
Draußen war es tiefste Nacht. Die 'Equinox' fuhr ohne Scheinwerfer, um unsichtbar zu bleiben. Durch das Fenster sah man gar nichts. Auch im Cockpit war die Beleuchtung auf das Notwendigste herunter gedreht.
Adryan aß eine heiße Suppe. Hiller starrte selbstvergessen aus dem Fenster.
"Er war nicht immer so", sagte Hiller plötzlich nach einer halben Ewigkeit.
Adryan aß weiter und erwiderte nichts.
"Er war... eigentlich immer alleine. Er war der einzige Mensch, den ich kannte, der in einem Saal von hundert Menschen praktisch einsam war. Er hat Angst, große Angst vor anderen Menschen. Er hatte eigentlich immer panische Angst vor allem, als Kind besonders..."
"Das hatte ich auch!", warf Adryan tonlos ein.
Hiller nickte.
"Du hast Recht, natürlich hast du Recht. Er war... liebenswürdig, unheimlich überschwenglich, fast wie ein großes Kind. Er konnte an einem Tag der spendabelste Mensch der Welt sein, alles verschenken, sein Herz, sein Körper, alles und am nächsten Tag war er ruhig, kühl, abweisend. Doch er trug schon immer eine Wut in sich, war unerbitterlich gegen angebliche Feinde... Man konnte es sich sehr schnell mit ihm verscherzen. Er glaubte sich von allem verfolgt und war sehr eifersüchtig auf die Werke von aktuellen Konkurrenten."
Hiller machte eine kurze Pause und blickte zu Adryan, der mit seinem Löffel in der Suppe herum fischte.
"Als der Krieg gegen Hyne ausbrach, sah er anscheinend den Moment für eine große Veränderung gekommen. Er steigerte sich richtig rein, wollte sich an die Spitze des Widerstandes setzen. Doch dann kam ihm dein Vater zuvor. Der Krieg war beendet und alles ging weiter, als wäre nichts geschehen. Der Punkt, den Walther sich als Wendepunkt seines Lebens erkoren hatte, hatte sich etwas anders entwickelt, als er erwartet hatte. Er wurde danach sehr verbittert, aus seinen Schrullen wurde ein richtiger Haß. Er wurde empfindlich auf jede kleine Kritik, brach reihenweise Kontakte mit Freunden ab und umgab sich mit neuen Leuten. Leuten, die immer ja sagten, ihm den Arsch küssten und dafür subtil Einfluß auf ihn nahmen. Drexler ist nicht nur ein großer Manipulator, er ist auch sehr beeinflußbar. Und so fassten die Ideen seiner neuen Freunde sehr schnell Fuß. Zumindest... hoffe ich das für ihn, das es so war!"
Adryan ließ seinen Suppenlöffel fallen.
"Er hasst mich also wegen meinem Vater?", fragte er und starrte in die Suppe.
"Er hasst viele Leute, die ihm nichts getan haben, hasst sie seit ihrer Geburt für Dinge, für die sie nichts können!"
Adryan schloss die Augen. Das Blut pochte in seinen Ohren.
"Dieses zynische Arschloch!!!", brüllte er auf einmal und donnerte die Schüssel so hart auf eine Ablage, dass der Inhalt über den Boden verstreut wurde.
Adryan atmete schwer. Hiller sah ihn von der Seite an.
"Entschuldigung", murmelte Adryan.
Hiller reichte ihm kommentarlos ein Tuch. Adryan begann, den Dreck wegzuwischen.
"Ja, er ist sehr stolz auf sein Zynismus. 'Alles ist scheiße, alles ist sinnlos' ist aber, genau genommen, nur eine Weiterentwicklung von 'Ich bin scheiße, ich bin sinnlos'. Und da er eigentlich im Herzen ein Idealist ist, musste er sich ein kompliziertes Lügengebäude erstellen. Eine Lüge ist der erste Schritt zum Größenwahn, da man in diesem Moment zum ersten Mal Herr über die Realität werden möchte. Und je mehr Macht man hat, um so realer, um so wahrer, wirkt diese falsche Realität, um so mehr erhebt man sich in die Rolle eines Schöpfers, eines Gottes. Und Walther Drexler hat sehr viel gelogen."
Adryan nahm den Becher und aß die Reste seiner Suppe.
"Als er die 'Pflanze des Lebens', das letzte Fragment Hynes, gefunden hatte, konnte er sich mühelos in den Rang eines Gottes erheben. Dafür musste er jedoch etwas zurücklassen. Es gibt Gerüchte, dass es im Keller seiner Villa einen Raum gibt, wo sich all das gesammelt hat, was er für seine Macht aufgeben musste... Schmerzen, Gewissen, Mitleid, kurz, die Wahrheit. Und nach deinem Brief, deinem Foto, was du mitgeschickt hast, die Naivität da drin, das stieß ihn ab, das musste ihn abstoßen, denn es erinnerte ihn zu sehr an das, was er weg gesperrt hatte und was im Keller vor sich hin verrottet. Und er weiß, wenn er sich zu sehr danach sehnt, wird alles wie eine große Illusion zusammenfallen, seine ganze Macht, sein ganzes Reich. Und doch tauchtest du wohl immer wieder in seinen Träumen auf. Aus dir wurde das Gesicht seiner Angst, seines Feindes, den er vernichten will... Aber das sind nur Versuche, ihn zu verstehen, nicht ihn zu entschuldigen. Nichts kann das entschuldigen..."
Hiller brach ab. Seine Stimme klang bitter. Adryan starrte in die endlose Dunkelheit hinaus und dachte nach.
"Wie haben Sie mich eigentlich gefunden?", fragte er.
"Terry und Lilian haben mich auf den Laufenden gehalten, in welcher Situation du gerade bist. Terry und ich stehen seit langem in Kontakt, doch Lilian ist nie auf mein Angebot zurückgekommen. Anscheinend bis zu dem Moment, wo sie von deiner Hinrichtung erfahren hat...", ergänzte er auf Adryans verwirrten Blick.
"Lili... Wer ist Terry?"
"Ein Barkeeper, du hast ihn kennengelernt. Er hatte diese Holzhütte nahe der Grenze. Er ist untergetaucht. Er behauptet zwar, dass Drexler und Cerdant ihn zu Tode jagen wollen, aber ich vermute eher, dass er mehr Angst vor dem Finanzamt und seinen zahlreichen Ex Frauen hat", schmunzelte Hiller gemütlich.
Die 'Equinox' kam neben einer spärlich beleuchteten Villa mitten in der Eiswüste zum Stehen. Hiller fuhr die Rampe aus und öffnete die Eingangsschleuse. Die eisige Kälte der Nacht schlug Adryan brutal ins Gesicht. Hillers Blick war ernst.
"Ich schätze, du hast die Wahl zwischen 'Das Ödland verlassen und nach Hilfe rufen, was sehr viel Zeit kostet' oder 'Walther Drexler den Arsch versohlen'... Und bei ersterer Variante ist es noch nicht einmal sicher, ob du die 'Pflanze' überhaupt bekommst...", sagte Hiller.
Adryan warf einen Blick auf das dunkle Haus.
"Xelto ist ein sehr erfahrener Kämpfer, kann dir sicher viel beibringen, nur... er hatte ein sehr hartes Leben... und... er kann etwas..."
"...böse sein?", beendete Adryan den Satz.
"Nein, so würde ich es nicht wirklich sagen..."
Er bemerkte Adryans Blick.
"Ja", sagte Hiller tonlos.
"Man sieht's an der Villa", bemerkte Adryan trocken.
Er schulterte sein Rucksack und stieg die Rampe hinunter. Er setzte einen Schritt auf den weichen Schnee und bemerkte, dass Hiller ihm nicht gefolgt war.
"Kommen Sie nicht mit?", fragte er.
"Tut mir leid, Kleiner, aber ich muss zurück. Wir müssen der Welt erzählen, wer sich hinter ihrem großen Idol wirklich verbirgt, sonst könnten diese abnormen Ideen schnell Fuß fassen... Viel Glück, Junge", sagten Hillers Umrisse vom Eingang.
Für einen Moment betrachtete Adryan den alten Mann, dann ging er noch mal zurück und umarmte ihn fest. Hiller klopfte ihm fest auf die Schulter, dann lies er ihn los. Adryan drehte sich um und spürte, wie Hiller ihm einen unmerklichen Schubs gab. Adryan lief los und verließ das Schiff.
Die Rampe fuhr wieder ein, die Turbinen wurden angelassen und die 'Equinox' war binnen Momenten in der tiefen Schwärze verschwunden, als hätte es sie nie gegeben.
Adryan atmete einmal tief ein und ging dann langsam auf die alte Villa zu.
Es war totenstill. Der Schnee war weich unter seinen Füßen. Adryan blickte sich mehrmals um. Irgendwie hatte er das Gefühl, jemand beobachtete ihn aus der Dunkelheit. Er beschleunigte seine Schritte und erreichte schließlich die Haustür. Kein Licht brannte, das Haus wirkte wie ausgestorben.
Vielleicht schlief der Hausherr schon?
Adryan klopfte an die große Haustür.
"Hallo?"
Keine Antwort.
Die Tür gab leicht nach. Sie war nicht abgeschlossen.
Er stand in der Eingangshalle eines großen, herrschaftlichen Hauses. Es erschien vollkommen ausgestorben, nicht ein Möbelstück war zu sehen. Eine Treppe führte nach oben. Am oberen Ende der Treppe stand eine kleine Tür ein Spalt offen. Dahinter konnte er ein flackerndes, warmes Licht ausmachen.
Adryan machte ein paar Schritte in den Saal hinein.
Die Tür flog oben auf und etwas kam herausgestürzt. Ein gewaltiges Bellen hallte durch die Halle, als ein großer, schwarzer Hund auf Adryan zustürzte und sofort an ihm hochsprang. Seine Zähne waren gefletscht, die Ohren nach hinten gestellt.
Keuchend wich Adryan an die Wand zurück. Er hatte panische Angst vor Hunden. Der Köter sprang ihm nach und schnappte nach seiner Hand. Kalter Angstschweiß brach an allen Stellen seines Körpers wieder durch.
In der Eingangshalle ging das Licht an und blendete ihn
"Wer bist du?", hörte er eine tiefe Männerstimme durch das Bellen des Hundes hindurch fragen.
"Könnten... Könnten Sie... bitte ihren Hund zurückpfeifen?", rief Adryan fast hysterisch.
"Gib mir einen Grund."
"Ich bin Adryan... Leonhart. Ich wurde hierher geschickt von einem Ferdinand Hiller..."
"Wo ist der alte Mann?", fragte die Stimme ruhig.
"Weg... er musste weg... bitte... ich hab Angst vor Hunden..."
"Wo ist Hiller hin?", fragte der Mann weiter.
Adryan wollte antworten, doch die Luft blieb ihm weg.
"ShadowFlame, komm her!", rief der Mann.
Das Bellen verstummte, der Hund flitzte zu seinem Herr und setzte sich gehorsam Eine dröhnende Stille setzte ein. Adryan atmete tief ein. Seine Augen gewöhnten sich an das Licht. Er blickte zur Treppe und entdeckte einen großen Mann. Er trug edle, dunkle Gewänder, hatte schwarzes, langes Haar und einen dichten Bart. An einem Gürtel hing ein großes Schwert.
"Sind... sind sie Xelto?", fragte Adryan.
"Graf Xelto Goodsworth, bitte", entgegnete der Mann.
Er lächelte dünn.
"Magst keine Hunde, hm? Shadow ist ein treuer Hund", sagte Xelto.
"Mag sein... nur ich hab einiges verrücktes erlebt in den letzten Tagen. Ich bin ziemlich fertig", sagte Adryan etwas wütend.
"Die Welt ist verrückt, kleiner Sohn von Squall und Rinoa. Verrückt ist, dass Quistis Trepe wiedergefunden wurde, noch verrückter jedoch, dass sie schlussendlich meinen Bruder Niko ehelichte. Wer hätte gedacht, dass es sich bei all dem Streit zwischen den beiden um eine perverse Abart von Anziehung gehandelt hatte? Oder weißt du, was noch verrückter ist? Dass heute morgen Dollet ein Geisteskranker an Herzschwäche gestorben ist, von dem nie jemand sein Namen gewusst hatte. Jemand hatte ihn vor sechzehn Jahren vor eine Klinik gestellt. Die außergewöhnliche Geschichte dieses Menschen wird verloren gehen, er ist auf ewig ausgelöscht. Das letzte Fragment Zed Blacks...!", murmelte der Graf.
Adryan hatte keine Ahnung, wovon der Typ redete. Das Gesicht des Grafen wirkte viel älter, als er aussah. Es war gezeichnet von allem, was in seinem Leben nicht funktioniert hat und nach der Anzahl der Falten, war das eine Menge.
"Gehen wir nach oben!"
ShadowFlame hatte sich gemütlich an einem kleinen Kamin zusammengerollt. Xelto nahm eine Schüssel aus Holz, die er sich wohl selbst angefertigt hatte, und aß einen weißen Brei daraus. Wie auch unten, war das Zimmer nicht eingerichtet. Es gab nicht einen Stuhl.
"Wie geht’s deiner Mutter?", fragte Xelto schließlich.
"Schlecht", entgegnete Adryan knapp.
"Warum?"
"Weil mein Vater stirbt. Sie weint viel."
"Und deswegen bist du aufgebrochen?"
"Ich habe das nicht mehr ertragen können."
Xelto lachte.
"Es ist doch immer das Gleiche! Wir müssen Squall retten, sonst stirbt die Welt..."
Adryan blickte seinen Gegenüber abschätzig an.
"Sie kennen meine Eltern?", fragte er.
"Es wundert mich nicht, dass sie niemals von mir erzählt haben", lachte Graf Goodsworth und musterte Adryan von oben bis unten.
"Still und bockig. Das sagte man deinem Vater auch nach."
"Mir geht’s eben nicht so gut. Ich hab alles verloren!"
Xelto lachte laut auf und schlug dabei in die Hände.
"Arschloch, glaub mir, du weißt nicht, wie es ist, wenn man nichts mehr zu verlieren hat! Also, ich mag zwar keine Kontakte zu einer übersinnlichen Heiligkeit wie dein Vater pflegen oder mich in philosophischen Endlosdiskussionen ergehen, aber ich bin ein Meister des Überlebens, das kannst du mir glauben."
"Ich kann mich nicht erinnern, etwas gegenteiliges gesagt zu haben", murmelte Adryan.
"Bitte?"
Xelto ging ein paar Schritte auf Adryan zu.
"Könntest du das wiederholen?", fragte Xelto laut.
Adryan blickte zu Boden.
"Zweimal wurde ich getötet und blieb am Leben. Durch meinen Weg blieb ich am Leben. Ich weiß, das mag vielleicht deiner Philosophie der Liebe und des Mitgefühls widersprechen, doch dieser Weg hat sich als erstaunlich instabil erwiesen! Weg war sie, die kleine Leona, futsch. Nie ward sie mehr gesehen! Du wirst also hoffentlich verstehen, dass hier meine Regeln herrschen oder..."
"Sag mal, was habt ihr eigentlich alle für ein Problem mit mir? Du, dieser Cerdant, Drexler, alle! Sehe ich irgendwie scheiße aus oder was?!", brüllte Adryan plötzlich los.
Goodsworth sah ihn. Er lachte kurz auf, sprang auf ihn zu und schlug ihm hart ins Gesicht.
"Soll ich dir mal etwas sagen? Wenn du nicht stark genug bist für diese Welt, bringt sie dich um. So ist das nun mal! Seit dem Moment deiner Entstehung versucht der Tod dich zu vernichten. Und eines Tages wird er gewinnen! Du kannst nur versuchen, so lange wie möglich dagegen anzukämpfen!"
Er packte Adryan am Genick und schleifte ihn aus dem Raum.
"Soll ich dir was sagen, Kleiner? Ich habe mit siebzehn einen Jungen, Dario, gefoltert und umgebracht. Ich bin ein Killer und hier ist niemand, der dich vor mir beschützen wird!"
Er öffnete die Eingangstür. Dann riss er Adryan die Kleider vom Leib, bis er splitternackt vor ihm stand und warf ihn in die Eiseskälte hinaus. Sofort wurde seine Haut taub, die Kälte fraß sich wie ein eisiges Feuer in seinen Körper hinein.
"Siehst du, sogar die Natur will dich umbringen. Sie kennt keine Gnade, sie wird solange weitermachen, bis du tot bist! Glaubst du, es kommt irgend jemand und rettet dich? Glaubst du das? Die Natur hält dich für viel zu unwichtig, als das sie wegen einem kleinem Scheißer wie dir irgendwas in ihrem Verhalten ändert. Entweder du spielst nach ihren Regeln oder du wirst aussortiert!"
Dann zog er Adryan wieder hinein und warf ihn auf den harten Flur. Die Sachen landeten unsanft auf seinem Körper.
"Man sagt, dass es früher zu Zebargas Zeiten, die Ära der sogenannten 'Helden', üblich war, dass die Männer die Jungen in der Armee regelmäßig vergewaltigt haben. Das hatte zwei Folgen. Einmal wussten die Jungen so ganz genau, wer dort das Sagen hatte, andererseits mochten sie es nach einer Weile so sehr, dass ihre Motivation im Kampf gesteigert wurde!"
Adryan atmete schwer. Goodsworth lächelte.
"Du kannst froh sein, dass mich allein bei dem Gedanken daran ein solcher Ekel packt, dass wir wohl auf diese Maßnahme verzichten können. Ich bin ein Überlebender. Ich weiß, wie man überlebt und ich kann dir helfen, das auch zu lernen. Ich bin sicherlich nicht der geselligste Mensch, aber das bist du anscheinend auch nicht. Du bist kein Arschloch, was einfach so mitläuft und rumquatscht. Und du hast gute Eltern."
Er griff dem verletzten Jungen unter die Arme und richtete ihn wieder auf.
"Zieh dich an, Adryan. Ich sehe in deinen Augen, dass du ein paar beschissene Tage hinter dir hast. Den Flur entlang gibt es ein kleines Lager. Ruhe dich aus. Morgen, wenn die Sonne am höchsten steht, fangen wir an. Mal sehen, was du auf dem Kasten hast."
Das Stroh drückte Adryan schmerzhaft in den Rücken. Er zitterte unter einem Stoffetzen, der als Decke fungierte. Er starrte an die Decke, die kaum in der Dunkelheit zu sehen war und lauschte dem heulenden Wind. Sobald er die Augen schloß, rauschten Bilder mit Lichtgeschwindigkeit durch seinen Kopf.
Bilder seiner weinenden Mutter, seines kranken Vaters, Drexler, Leon, Lili... Xelto.
Gegen diese Brutalität fühlten sich seine früheren Probleme wie ein Nichts an. Er fragte sich, wieso er überhaupt unter diesen kleinen Dingen so gelitten hatte, die im Lichte seiner aktuellen Situation geradezu lächerlich wirkten. Es war doch nur Kleinkram gewesen, Blödsinn, hätte eh nie zu was geführt...
"Warum bin ich nur so alleine?"
Die Tür schlug zu. Es war tatsächlich passiert. Sie hatten ihn allein gelassen. Einsam wanderte Walther Drexler durch seine große Villa. Mechanisch schritt er durch die großen Gänge und hörte nur seine eigenen Schritte widerhallen.
Durch die Fenster kam kein einziger Laut. Er hatte es immer geliebt, von draußen Geräusche des Lebens wahrzunehmen. Sein Weg führte ihn in den großen Konzertsaal, den er extra hatte einbauen lassen. Alle Posten im Orchester waren verlassen, verlassen wie die ganze Siedlung.
Drexler schritt an das Dirigentenpult. Eine Partitur lag aufgeschlagen auf dem Pult. Er fuhr mit der Hand darüber. Es war nichts von ihm, es war das Werk eines Komponisten, der bereits seit Jahren tot war. Drexler fuhr mit seiner Hand über den Dirigentenstock und nahm ihn schließlich.
"Was für eine wunderbare Genialität und Einfachheit hier drin steckt", flüsterte er.
Er blickte auf die leeren Stühle.
"Meine Herrschaften, lassen sie es uns noch einmal machen. Sie wissen, es ist einfaches Stück eines unbedeutenden Komponisten", lachte er.
Stille, doch in seinem Ohr antwortete das Echo des lachendes Orchesters. Ein Scherz löste immer die Spannung.
"Und nicht so starr wie sonst. Meine Herren, wir haben es hier mit absterbenden Licht zu tun! Schneller Anfang in den ersten drei Takten, dann einfühlsam in den Streichern. Und Herr Wutzow, der Mann mit der Oboe..."
Er deutete auf einen leeren Stuhl.
"Seien sie zärtlich. Nicht alles in diesem Stück ist hoch dramatisch. Färbung, das Kleine korrespondiert mit dem Großen, ohne das Kleine kein Großes!"
Und er schwang den Taktstock, gestikulierte, dirigierte die Partitur. Kleine, feine, intensive Bewegung und der ganze Schmerz dieses großartigen Trauermarsches in den Augen. Er deutete auf die leeren Sitze, gab Einsätze, drosselte, legte zu im Tempo.
Und dann geschah es. In der Stille entstand Musik, größer und schöner als jedes Orchester es nachbilden könnte. Wunderbar, erhaben, traurig, schwebte sie durch den Raum, ließ Drexlers Seele erzittern und ergoss sich in schönsten Klängen, wie sie niemals jemand hören würde, denn jedes reale Orchester kapituliert von so etwas.
Dann, vollkommen kraftlos, brach Drexler zusammen und fiel nach vorne auf das Pult. Die Musik floss für eine Sekunde, dann zerfiel sie zu Stille. Für einen Moment dachte Drexler, er wäre tot, doch sein Herz schlug immer noch. So stand er langsam wieder auf, schlug das Notenheft zu, legte den Taktstock beiseite und verließ den Saal.
Die Tür schlug krachend zu.
Es war ein klarer, heller, kalter Tag. Xelto Goodsworths Villa stand auf einer kleinen Insel mitten in einem großen, zugefrorenen See. Ein paar Meter neben der großen Villa stand eine schäbige, kleine Holzhütte. ShadowFlame lief fröhlich bellend durch den Schnee.
Adryan stand Xelto gegenüber und hatte sein Schwert in der Hand. Adryan fühlte irgendwie, dass er sein Schwert absolut scheiße hielt, aber Xelto hatte nichts dazu gesagt, sondern sich kommentarlos neben einem kleinen Steinhaufen aufgestellt.
"Mein Trainingsprogramm ist einfach! Überlebe!", rief Xelto.
Er nahm ein Stein und schmiss ihn mit einer Wucht Adryan entgegen. Bevor er reagieren konnte, traf ihn der Stein schmerzhaft am Oberarm. Weitere Steine flogen mit hohem Tempo hinterher.
"Los, steh nicht so blöd rum, wehr dich!", rief er.
Adryan hob ungeschickt sein Schwert nach oben. Die Steine flogen elegant vorbei und trafen ihn überall am Körper. Er spürte, wie in Sekundenschnelle eine Wunde nach der nächsten entstand und warmes Blut seine Kleidung an seinen Körper festkleben ließ.
Ein Stein flog auf seinen Kopf zu. Der Stein traf das Schwert, das so heftig vibrierte, dass es ihm beinahe aus der Hand fiel.
"Nicht abwehren, wehren! Schlage drauf!"
Ein weiterer Stein traf das Schwert, das ihm darauf an den Kopf knallte. Er taumelte und fiel hin.
Xelto rannte auf ihn zu.
"Irgendwie kann ich das noch nicht..."
Xelto zog sein Schwert und ließ es auf Adryan niedersausen. Reflexartig hielt er seine Klinge schützend vor sich. Eine gewaltige Kraft traf auf das Schwert, sein Handgelenk knickte schmerzhaft ein. Sein Schwert flog in hohem Bogen davon.
"Ich werde nicht aufhören. Die werden nicht aufhören. Sie machen weiter, bis du tot bist! Sie hören nicht auf!", brüllte Xelto.
Adryan warf sich zur Seite, atmete schwer. Er schleifte sich über den Boden, wollte weg von ihm. Hände packten ihn.
"Ich bin das Arschloch, du der nette Mensch. Ich bin der Böse, du der Gute. Warum also, Adryan, kann ich über dich herrschen?!", zischte Xelto.
Er drückte Adryans Gesicht in den Schnee.
"Wie ist dein Freund gestorben?!", brüllte Xelto.
"Er... er... wurde ermordet..."
"Weil er zu schwach war?", donnerte Xelto.
"Nein", schrie Adryan.
"Weil du zu schwach warst?", zischte Xelto.
"Nein..."
"Ich glaube dir nicht, ich glaube, dass du lügst!"
Xelto machte eine kleine Handbewegung und auf einmal war in seiner Hand ein Feuerball. Adryan riss die Augen. Er hatte von Magie gehört, aber es nie für möglich gehalten, dass er sie jemals sehen würde. Xelto brannte ein Loch in den Eisssee und schmiss Adryan hinein. Das Eiswasser fraß sich durch seine Sachen, durch seine Haut und nahm vollkommen Besitz von ihm. Xelto machte eine zweite Handbewegung, der See fror wieder zu und schloss Adryan um die Brust vollkommen ein. Er konnte sich nicht mehr bewegen, die Natur drückte hart von jeder Seite gegen seine Rippen. Xelto holte mit seinem Schwert und ließ es durch die Luft sausen.
"Bitte nicht!", schrie Adryan panisch.
Er merkte, dass er weinte. Xeltos Schwert betastete seinen Hals. Die Klinge war scharf, so scharf, dass Adryan Angst hatte, dass sie bei einem Zucken sofort seine Adern auftrennen würde. Doch das Schwert hielt ruhig. Ob dies sein Vater auch gekonnt hatte?
"Du Schwächling! Ist dein Freund wegen dir gestorben, weil du zu schwach warst?!", brüllte Xelto.
"...Ja", hauchte Adryan, ohne es zu wollen.
Das Eis gab nach, er wurde hochgehoben.
"Kein Wunder, dass Drexler dich so auffrisst. Du bist ein offenes Buch für jeden, angreifbar auf allen Ebenen! Ein Schwächling..."
Er warf ihn zurück in den Schnee wie ein wertloses Stück Dreck. In Adryan brannte es. Alles in ihm war zerschmettert, doch etwas war noch übrig geblieben. Etwas, das sich rasch in ihm ausbreitete. Der Hass, der Hass auf den Mann, der ihn töten wollte. Alle Fesseln in ihm wurden zerschlagen. Er hechtete nach dem Schwert und ließ es mit aller Macht auf Xelto niedersausen. Er zog sein Schwert und wehrte blitzschnell den Schlag ab.
Adryan brüllte und hieb mehrmals auf ihn ein, doch Xelto parierte lockert mit einer Hand. Seine Gewänder flogen elegant durch die Luft. Nach drei Schlägen zerschlug er Adryans Schwert gelangweilt in viele, kleine Stücke. Adryan blickte entgeistert auf den Haft.
"Wo hattest du das denn her? Aus einem Spielzeugladen?"
Adryan stürzte sich verzweifelt mit nichts auf seinen Gegner, doch Xelto trat Adryan gelangweilt in den Bauch, so dass er keuchend vor ihm zusammensackte. Xelto machte eine kurze Handbewegung. Eine gewaltige Sturmböse wirbelte Adryan auf und schleuderte ihn drei Meter von Xelto weg.
"Überlebe!", rief Xelto und stürzte sich mit gezückter Klinge auf Adryan zu.
"Du hast keine Waffe mehr", stellte Xelto fest.
"Und was soll ich jetzt machen?", krächzte Adryan, der vor lauter Blut in seinem Mund kaum sprechen konnte.
"Schmiede dir eine!", zischte Xelto.
"Wehr dich!"
Er stach nach Adryan, verletzte ihn an der Schulter. Adryan schmiss mehrere Steine nach Xelto, der dieser locker in der Luft zerschnitt.
"Der Tod nimmt keine Rücksicht auf die Schwachen!", rief Xelto.
Er trat ihm in den Bauch, nahm ihn hoch und donnerte ihn gegen eine Holzwand.
"Ein Kämpfer, der Waffen und Techniken benutzt wie jeder andere, ist ein hirnloser Idiot, eine Marionette, kurz ein Soldat. Doch ein Kämpfer, ein Mensch, der in der Lage ist, seine eigene Waffe zu schmieden, mit seiner eigenen selbst geschmiedeten Waffe durchs Leben zu gehen, der ist der freie Mensch!", rief Xelto und warf Adryan ein altes Buch mit der Aufschrift 'Die Kunst des Schmiedehandwerks' vor die Füße.
"Brutalität, Erniedrigung, Gewalt, Schmerzen", sagte Xelto, während er Adryan mit einer Metallkette würgte.
"Liebe es!"
Er schlug ihm fest in den Bauch. Adryan sackte zusammen, keuchte, spuckte Blut.
"Ich will keine Träne mehr sehen. Je mehr Schmerz du empfindest, um so mehr Lust, um so mehr Energie musst du entwickeln. Schmerz ist Ansichtssache. Mache ihn zu deinem Freund, zu deiner Energiequelle!"
Adryan versuchte wütend nach Xelto zu treten, der ihm geschickt auswich.
"Jaa, genau, das ist es!"
"Als Krieger bist du ein Mörder, du trainierst, um zu töten. Der Mensch tötet, das ist seine Natur. Auch du wirst schon einmal eine Fliege erschlagen haben. Genauso musst du deinen Gegner sehen, er ist eine Fliege, die es zu erschlagen gilt. Ein Lebewesen, dass man beseitigen kann. Das du beseitigen kannst. Du tust das, was du immer tust, nur du durchbrichst eine kleine Barriere, du tötest ein Menschen, anstatt einer Fliege. Beides sind Lebewesen. Mehr nicht, diese Barriere ist klein und unbedeutend. Lerne zu töten und du bist ein Krieger!"
Adryan schmolz die Splitter ein, eine große Rauchwolke stieg in den strahlenden Himmel empor. Er wollte gerade einen Hammer nehmen, als er sich schmerzhaft an dem Feuer verbrannte.
Xelto lachte.
"Wunderbar, du tust dir selbst so viel weh, da muss ich gar nichts mehr machen!"
Sie kämpften auf dem großen Eissee, Adryan mit seinem neuen Schwert.
"Immer wachsam sein, immer aufpassen. Konzentriere deine Kraft auf jeden Schlag! Du hast Energie, jetzt lerne die Technik", sagte Xelto.
Adryan nickte und parierte zwei Schläge.
Adryan rannte und rannte um das Haus herum. Seine Lungen brannte, seine Augen tränten, seine Füße stachen, alles schmerzte ihm, tat weh, wurde brutal. Er wollte langsamer werden, da sprang ShadowFlame an seinem Arm hoch und biss hinein. Er konnte noch nicht aufhören, er musste rennen.
Adryan hielt ein kleines Schwert hoch. Er begutachtete es und schlug zum Test auf einen Amboss ein. Es zersplitterte in tausende Stücke.
Xeltos Lachen rang in seinen Ohren, als er die Stücke einsammelte und von vorne begann.
Sie kämpften auf dem zugefrorenen See. Es war bereits Nacht geworden, doch er spürte seinen Gegner. Sein neues Schwert fühlte sich gut an, die Funken schlugen.
"Dem Tod Leons verdankst du dein Leben! Er hätte überleben sollen, er war der Stärkere, doch du hast überlebt, der Schwache, der Nutzlose! Vergiss das nie! Mach dich nützl..."
Adryan stürmte nach vorne und attackierte ihn heftig. Xelto parierte gekonnt, sie drehten sich voneinander weg und standen sich schließlich wieder gegenüber.
"Sehr gut! Lass uns schlussmachen!", sagte Xelto.
Doch Adryan stürmte erneut auf ihn zu und drängte ihn zurück. Xelto wich geschickt aus und trat Adryan zu Boden.
"Kontrollier dich! Ein Krieger muss sich steuern können! Genug für heute!", brüllte Xelto.
Er half Adryan hoch. Seine Augen funkelten in der Dunkelheit.
"Ich habe übrigens vor, dich in einer Nacht in einen Kampf zu verwickeln. Also, lerne, wann du schlafen kannst und wann nicht. Ein guter Krieger ist auch in der Nacht immer wachsam..."
Übermüdet und mit zitternden Händen versuchte Adryan die Stücke einzuschmelzen. Seine Hand kam kurz mit dem Feuer in Berührung und schrie auf. Adryan tauchte seine Hand tief in den Schnee, der sofort anfing zu schmelzen.
"Die Grundlage eines jeden Kampfes ist letztlich die Gewalt. Und Gewalt ist die Explosion aufgestauter Energien. Egal, wie hoch und heilig und edel Motive auch sein mögen, Kern jedes Kampfes bleibt Gewalt und das Ziel, den anderen zu töten. Und damit steht auch fest, was ein Held ist. Ein Held ist jemand, der andere tötet", sagte Xelto und reichte Adryan nach ihrem ersten Trainingstag etwas Suppe.
Der Hammer donnerte auf den Stahl. Adryan stand unter freien Himmel und schlug auf die gehärteten Feuerstrom ein, den er mit Wasser gebändigt hatte. Er schlug und donnerte und brachte seine Klinge in eine Form.
Er schlief fest. Bilder aus längst vergangenen Zeiten flossen schattenhaft durch seinen Kopf. Die Nacht hatte ihn eingehüllt, das Stroh war wie ein butterweiches Bett. Er fühlte nichts mehr.
Schritte, jemand war im Zimmer!
Adryan öffnete die Augen, zog seine Klinge, die fahl in der Nacht schimmerte. Eine gewaltige Kraft schmetterte nieder und donnerte gegen seine Klinge. Seine Muskeln spannten sich an, doch die Kraft von außen war nicht stark genug ihn zu vernichten.
In der Dunkelheit lächelte Xelto.
Adryan lächelte nicht zurück.
Die Kraft der Natur floss durch seine Adern, sein Körper entwickelte eine Hitze, die Kälte konnte ihm nichts mehr, sie gab ihm nur noch mehr Energie.
Der Hammer donnerte auf das Schwert. Die ausgehöhlt zwergenhaften Gesichter seiner Peiniger tauchten in der Dunkelheit auf.
Walther Drexler...
Der Hammer schlug krachend auf das Metall.
Cerdant...
Der Hammer krachte.
Xelto...
Er schlug erneut mit seiner Kraft und seiner ganzen Wut.
Tränen liefen sein Gesicht herunter, das Gesicht selbst war verschlossen. Gedanken schossen durch seinen Kopf, diese ganzen Sachen, die ihn sensibel gemacht haben, so schwach, so nutzlos...
Hiller, er zerschmetterte es mit seinem Hammer.
Leon.
Er holte kurz auf, schloss seine Augen, stieß einen schmerzhaften Schrei aus und ließ den Hammer auf das Metall niedersausen. Das Gesicht zerschmetterte. Seine Mutter. Sein Inneres brüllte, doch er schrie jauchzend nach draußen seine Freude, während er wieder auf das Amboss schlug. Sein Vater... Mit einem kreischenden Lachen hämmerte er ein letztes Mal auf das Schwert ein!
Als die Sonne unterging und alles in ein blutendes Rot tauchte, war sein Schwert fertig. Er hob es hoch, die Strahlen reflektierten auf dem Metall. Zum ersten Mal seit langer Zeit konnte er sein eigenes Gesicht sehen. Sein Blick war hart, sein Gesicht unrasiert. Überall klebte getrocknetes Blut.
Dies war sein Werk, seine Waffe und niemand würde ihm das je wieder nehmen können.
Mit einem jubilierenden Schrei streckte er die Waffe gen Himmel. In diesem Stahl war sein ganzer Schmerz, seine ganze Wut gefroren. Er blickte auf den Amboss, hob aus und zerschnitt ihn mit einem, mächtigen Hieb. Der Amboss fiel krachend auseinander.
Adryan machte einen Luftsprung und kreischte seine Freude über den Sieg über sich selbst heraus. Alles war jetzt weg, er hatte sich vernichtet. Er war Mensch.
Xelto trat hinzu und nickte anerkennend und zufrieden. Adryan lächelte zurück, den Kopf voller großer Gedanken.
"Du hast dich gemacht, Adryan. Du hast dich durchgebissen. Die Mühe hat sich gelohnt", sagte Xelto erfreut.
Es regte sich nichts in ihm.
"Komm, lass uns was trinken", sagte Xelto.
"Ich trinke nicht!"
"Man muss Siege feiern!", rief Xelto und hielt ihm eine Flasche mit durchsichtigem Zeugs entgegen.
Adryan sah Xelto in die Augen, griff die Flasche und kippte sich das Zeug hinein. Sein Hals brannte, verzehrte, würgte, doch er donnerte es rein.
"Scheiß auf alles", keuchte Adryan.
Xelto lachte laut auf und klopfte ihm auf die Schulter.
Alles wurde so langgezogen, er konnte kaum stehen, der Ton hallte, er wollte sofort würgen, doch er behielt es in sich. Xeltos Lachen schnitt ihm tief ins Fleisch. Das Lachen, das Blut, pulsierte in der Luft, bildete Gesichter, tote Sachen, unerklärliche Ängste, Aggressionen....
Der Bastard lachte und erkannte nicht, was er angerichtet hatte.
Adryan betastete sein Gesicht, er spürte es kaum noch, er spürte kaum etwas. Sein Blick fiel auf seine scharfe Klinge.
Adryan nahm das Schwert und blickte tief hinein. Er sah undeutlich ein fahles Gesicht zurück starren. Xelto grinste und zog seine eigene Klinge. Er schien es für einen Spaß zu halten. Adryan griff an, Xelto parierte lachend. Er lachte...
Adryans Schwert krachte gegen Xeltos.
Xelto blickte ihn verwirrt an, attackierte ebenfalls aggressiver. Er traf Adryan am Arm. Schmerz. Blut. Aggression. Adryan hieb auf Xelto ein, der schrie etwas, was Adryan nur als hallenden Lärm wahrnahm. Er hörte nur ganz klar ein hohes, piependes Geräusch, einen Rausch, der in seinen Ohren pochte.
Der Andere verlor seine Klinge. Adryan schlug noch einmal zu. Das Geräusch brach ab. Stille Xelto starrte ihn entsetzt an. Ihm brachen die Beine weg.
"Der war für Dario", sagte Adryan.
Der Hall war weg, er hörte seine Stimme ganz klar und laut. Xelto starrte ihn hasserfüllt an, raffte sich langsam auf...
"Und der ist für mich!", presste Adryan hervor und schlug ein zweites Mal zu.
Xeltos Wut verschwand aus seinen Augen. Er packte Adryan an der Schulter und streichelte ihm mit letzter Kraft übers Gesicht. Xelto lächelte.
Sein Blick wurde leer, er fiel leblos zu Boden. Adryan starrte auf die Leiche. Die Leiche, den Toten, den Leblosen, leblos wegen ihm. Der Tote hatte sein Leben verloren wegen ihm! Nur wegen ihm. Wegen ihm, wegen ihm, wegen ihm, wegen ihm... Er alleine war verantwortlich dafür! Hier hat etwas geendet, er hatte etwas beendet!
ShadowFlame kam dazu und schnüffelte an dem Toten herum und begann zu jaulen. Adryan keuchte. Das Blut brannte in seinen Adern, schoss durch seinen Körper. Die Hitze schwitzte er heraus, der Schweiß ließ ihn sofort frieren. Er zitterte.
Der Hund jaulte erneut. Adryan sah ihn einen Moment an und stach mehrmals auf den Köter ein, bis er sich nicht mehr bewegte.
Adryan blickte sich zitternd um. Der Kamin loderte, als wäre nichts passiert. Alles war tot.
Er warf einen letzten Blick auf Xelto Goodsworth und verließ dann Raum und Haus.
Es war dunkel. Starr und ohne etwas machen zu können setzte er einen Schritt vor den nächsten und ward bald von der Dunkelheit verschlungen.
Irgendwann war die Sonne wieder aufgegangen. Er ging und ging, blickte mal auf den Boden, mal nach vorne und ging immer weiter. Sein Blick war starr, die Schmerzen in seinen Füßen kümmerten ihn nicht. Er ging einfach. Wohin, wusste er nicht.
Er sollte gehen, bis er einfach umfiel, bis die Kälte ihm Verstand und Seele nahm. Er würde langsam vom Schnee zugedeckt werden, nach und nach auflösen und Teil der kalten Natur werden, die ihn verschlingen wollte.
Es war keine Wolke am Himmel zu sehen, die Sonne strahlte kühl und gleichgültig. Etwas Nebel hatte sich gebildet und umschloss Adryan allmählich. Eine dicke Wolke hüllte ihn für ein paar Sekunden ein und löste sich in Luft auf.
Als er wieder hochblickte, entdeckte er etwas. Mitten im Eissee befand sich eine weitere, kleine Insel. Vier Bäume wuchsen auf ihr. Der Himmel war hier bedeckt, es fiel Schnee.
Adryan verließ den See und betrat die Insel. Der Schnee fiel ihm sanft auf den Kopf, kein Windzug war zu spüren. Die Bäume waren alt und beeindruckend.
Nachdem Adryan ein paar Schritte gegangen war, erreichte er den Mittelpunkt der Insel. Innerhalb der vier Bäume war eine kleine Lichtung. Jemand stand mit dem Rücken zu ihm.
Cerdant.
Er hatte sein Schwert gezogen. Eine Schneeflocke fiel direkt auf die Klinge und zerteilte sich ohne ein einziges Geräusch und fiel zu Boden.
"Der Klang der Stille, der Klang des Todes. Ist er nicht erhaben und rein und wunderschön? Diese Einfachheit, diese Schönheit, diese wunderschöne Reinheit, dieses kühle Gesicht der Zerstörung. Was könnte schöner als das sein?", fragte er leise.
Er drehte sich um.
"Die Bestie Mensch ist erwacht, Adryan. Du hast gekämpft, geschaffen und getötet. Du kennst jetzt den Sinn. Die Erhabenheit und die Schönheit der nackten Brutalität. Das ist die Arbeit meines Vaters, die Quintessenz dessen, was wir machen. Du hast kein Gefühl mehr, du hast kein Mitleid mehr, du bist ein Mörder, eine Bestie... so wie ich."
Adryan zog sein Schwert.
"Wenn ich den Leuten einmal erzähle, dass dieser Adryan, der jetzt vor mir steht, einmal sein Freund verloren hat, weil er zu schwach war, ihn zu halten... Sie werden mir nicht glauben", schmunzelte Cerdant.
"Du wirst keine Zeit mehr haben, jemand davon zu erzählen", antwortete Adryan.
Der Schnee fiel. Absolute Stille. Plötzlich hörten sie ein Heulen. Das Heulen des Windes. Außerhalb der vier Bäume hatte ein Sturm angefangen. Doch innerhalb der Insel war es fast windstill. Der Schnee fiel weiterhin friedlich zur Erde.
Schritte, ein Windzug, als Adryan auf Cerdant zu stürmte. Ein scharfes Zischen, als die Klingen durch die Luft wirbelten. Ein hartes Klirren, als die Schwerter aufeinander trafen und wieder auseinandergingen. Die Flocken wurden durcheinandergewirbelt und zerschnitten. Schnee wirbelte vom Boden auf, als die Kämpfer hin und her rannten und versuchten sich zu vernichten.
Beide standen wieder still. Beide atmeten kaum. Beide beobachteten den anderen. Einer sah etwas erschöpfter als der andere aus. Dann rannten sie wieder aufeinander zu. Einer sprang über den anderen, versuchte ihn, von hinten zu erwischen, doch der andere parierte elegant und sie setzten ihr Ballett fort. Energien trafen hart aufeinander, die Schwerter ächzten, sprühten Funken. Der Jüngere atmete schwerer, der Ältere versuchte, seinen Vorteil zu nutzen, doch der Schwächere hielt den brutalen Angriffen stand.
Adryan parierte die Massen von Kraft und Energie, die von Cerdant ausgingen. In seinen Augen war eine eine Lust an diesem Kampf, eine Lust an Zerstörung. Er verstand, warum sein Gegenüber so fühlte. Das Blut pochte in seinen Adern, der Schweiß stand auf seiner Stirn, alles tat weh, doch es war wunderschön. Er wollte diesen Kampf fortsetzen, den körperlichen Schmerz spüren, vergessen, was war, was kommen wird, nur den Moment abschätzen, genießen, mit ihm arbeiten.
Cerdant setzte zum Sprung an und ließ sich auf Adryan fallen. Dieser sprang zur Seite. Für eine Sekunde war Cerdant ungeschützt, doch der Moment, diesen Menschen zu vernichten, war noch nicht gekommen. Er ließ ihm eine Sekunde und die Schwerter verkeilten sich erneut. Adryan lächelte. Je mehr seine Muskeln brüllten, um so intensiver wurde seine Lust und sein Spaß.
Adryan presste Luft hervor und merkte, wie es ihn anspornte, noch mehr Kraft zu aktivieren. Cerdant knurrte, dann hieb er stärker als je zuvor auf Adryan ein. Sein Handgelenk schmerzte, sein Schwert drohte ihm aus der Hand zu brechen. Für einen Moment war er ungedeckt, das Schwert Cerdants führte einen Schnitt durch, Adryan warf sich zu Boden, das Schwert zischte über seinen Kopf hinweg.
Er hatte keine Sekunde gewartet. Adryan spürte, wie ihm der Schweiß den ganzen Körper hinunter lief. Cerdant stand über ihn und donnerte seinen Fuß in Adryans Bauch. Er stöhnte vor Schmerz auf. Cerdants Schwert stach hinunter, Adryan holte aus und schlug Cerdants Schwert aus der Bahn. Die Klinge schlingerte und donnerte ein Zentimeter neben Adryans Kopf in den Boden. Adryan atmete schwer. Etwas hatte sich verändert. Er fühlte etwas, was er lange nicht mehr gefühlt hatte.
Er fühlte Angst.
Er legte all seine Kraft in seine Faust und donnerte mit ihr zwischen Cerdants Beine. Sein Feind heulte auf und krümmte sich vor Schmerzen. Adryan kam zurück auf seine Beine. Er atmete schwer, griff sein Schwert richtig, massierte für einen Moment sein Handgelenk und fixierte den Mann, der zusammen gekrümmt am Boden lag. Cerdant blickte nach oben. Er fühlte etwas, was er noch nicht in diesem Kampf gefühlt hatte.
Er fühlte Hass.
Adryan wollte auf ihn zulaufen und den letzten Schlag ausführen, da veränderte sich erneut etwas. Die Windstille auf der Insel war durchbrochen worden. Der heftige Sturm vertrieb die Stille, die Flocken wirbelten in alle Richtungen, die erhabenen Bäume ächzten im Wind. Der Sturm drang auf die beiden Kämpfer ein, die sich dagegen stemmen wollten, doch die Natur war stärker, hob beide vom Boden auf und trug sie weg vom Kampfplatz raus auf den Eissee.
Der Wind ließ nach und beide fielen auf das Eis. Adryan und Cerdant wollten losstürmen, doch das Eis war so rutschig geworden, dass sie kaum von der Stelle kamen. Schließlich schlitterten sie aufeinander zu. Ihre Schwerter verkeilten sich, sie blieben stehen. Cerdant steckte seine ganze Wut in einen Schlag, Adryan parierte. Er bekam mehr Angst, doch gleichzeitig stieg seine Wut, sein grenzenloser Hass auf diesen Mann, mit dem alles Schreckliche in seinem Leben begonnen hatte.
Cerdant holte zu einem weiteren gewaltigen Schlag aus, ließ das Schwert niedersausen. Die Kraft war zu stark, Adryans Schwert flog in einem hohen Bogen davon. Cerdant wollte zustechen, den letzten Schlag landen, doch Adryan schlug mit seiner Faust blitzschnell in Cerdants Gesicht. Dieser brüllte auf, steckte das Schwert weg und schlug ebenfalls mit den nackten Händen auf das Gesicht seines Gegners ein. Die Wucht des Schlages ließ Adryan taumeln. Er spürte, er roch sein Blut. Er fletschte seine Zähne wie ein Hund, der Geschmack von Eisen ließ ihn hungrig werden wie ein Tier. Er krallte sich in Cerdants Gesicht fest, schlug mit seinen Kopf gegen den anderen. Alles dröhnte, die Schmerzen waren kaum zu ertragen, doch Cerdant stöhnte auf, das gab ihm Kraft. Cerdant hechtete zu seinem Schwert. Adryan schlitterte über das Eis, zu seinem Schwert, hob es auf und berührte zart damit das Eis. Feiner Staub wurde aufgewirbelt, als das Schwert Adryan bremste. Beide Menschen sahen sich an.
Gerade, als sie sich erneut aufeinander stürzen wollten, ergriff eine weitere Windböe sie. Sie wurden wie Spielbälle durch die Luft geschleudert, als würde die Natur mit ihnen spielen. In ihrer Wut strampelten sie dagegen an, wollten zum anderen. Der Wind brachte sie näher zueinander, hielt sie jedoch genau auf richtiger Distanz, so dass keiner einen Schlag landen konnte. Beide brüllten vor Wut und wollten das, was man ihnen vorenthielt. Mit aller Gewalt kämpften sie dagegen an. Schließlich und endlich musste sich sogar die Natur kurzfristig vor einer solchen Wut beugen.
Sie lagen beide wieder auf dem Eis. Adryan war etwas schneller und sprang auf Cerdant drauf. Dieser versuchte zu parieren, doch Adryan donnerte mit seinen allerletzten Kräften auf Cerdants Schwert. Es zerbrach.
Auf Cerdants Gesicht machte sich die nackte Angst breit, Angst, wie sie Adryan gespürt hatte, doch das kümmerte ihn nicht. Niemand hatte sich um seine Angst gekümmert. Er rammte Cerdant das Schwert mit all seiner Kraft in die Brust. Das Schwert drang in das Eis ein. Adryan schlug mit allem, was er hatte, auf Cerdants Gesicht ein. Immer mehr Blut quoll hervor, immer mehr wollte Adryan sehen, schlug und schlug. Er atmete tief ein. Cerdant brüllte wie ein Kind. Adryan wollte das nicht hören, nicht sehen, er zog sein Schwert heraus und donnerte mit dem Griff auf das Gesicht ein, schnitt sich selbst in die Hände, blutete wie ein Tier. Wangenknochen zerbrachen, die Nase wurde eingedrückt, das ganze Gesicht zerstört. Schließlich blickten nur die blauen Augen aus den Ruinen hervor. Diese starrenden, kalten, blauen, feuchten Augen.
Adryan brüllte jetzt auch. Als wären Cerdants Schmerzen auf ihn übergegangen, schrie er alles raus, was Cerdant nicht mehr heraus schreien konnte. Er wusste, was jetzt unweigerlich kommen würde. Er wollte nicht, doch er musste es tun. Er konnte nicht aufhören, er musste es zu Ende bringen, musste diese Augen zerstören. Er nahm seine beiden Finger und drückte sie mit einem verzerrten Gesicht in die beiden Augenhöhlen. Alles schmerzte in ihm, die Augen leisteten Widerstand, doch schließlich zerbrachen sie und zerflossen. Warme, rote Flüssigkeit kam Adryan entgegen und lief ihm über die Hand.
Cerdant bewegte sich nicht mehr.
Adryan sprang von ihm runter, brüllte und heulte. Die Schmerzen waren so stark, dass er sich wünschte, sofort von dieser Erde genommen zu werden. Im Eis sah er sein eigenes Spiegelbild. Adryan schrie vor Wut, nahm das Schwert und ließ es auf sein Spiegelbild nieder krachen, immer wieder, immer stärker, zerstören, vernichten, auslöschen...
Etwas gab nach. Das Schwert zersplitterte in viele tausende Stücke. Adryan sank kraftlos zu Boden. Er umschloss mit seiner Hand einen der vielen Splitter. Er führte ihn langsam zum Hals und schloss die Augen. Einfach hier ausbluten, vergehen, niemanden mehr weh tun...
Bevor er etwas machen konnte, kam der Wind zurück, stärker als je zuvor. Der Splitter wehte ihm aus der Hand, er wurde empor getragen, weit, weit weg vom Boden. Nebel hüllte ihn und die Landschaft ein, alles verschwamm zu einer großen, weißen Masse. Wie ein Staubkorn wurde er hin und her geworfen und verlor sich schließlich vollkommen in der ewigen Natur.
Ein warmer Wind strich sanft über sein Gesicht. Er hörte Vögelzwitschern. Langsam öffnete er seine Augen. Der Himmel war strahlend blau. Es wurde allmählich Frühling. Der Schnee war matschig geworden. Von den Bäumen tropfte Wasser herunter. Er sah sich um und bemerkte, dass dort, wo er aufgekommen war, sogar wieder ein Stückchen Erde zu sehen war. In der Mitte des kleinen Fleckes, befand sich eine zerknickte Pflanze.
Adryan betrachtete starr die zerstörte Pflanze. Er begann zu weinen, fürchterlich zu weinen. Die Vögel zwitscherten weiter, der Wind blies ihm sanft ins Gesicht. Er wollte nicht aufhören, bis der ganze Dreck raus war, das ganze Geschwür sich aufgelöst hatte.
Die Vögel flogen weg. Einer blieb kurz zurück und zwitscherte ein letztes Mal. Dann war auch er stumm. Es war für einen Augenblick ruhig. Bis eine Stimme verwundert Adryans Namen rief.
Er drehte sich um. Lili stand zwischen den Schneepfützen und blickte ihn an, als sähe sie einen Geist vor sich.
"Das ist jetzt schon das zweite Mal, dass ich dich pflegen muss. Was hast du dieses mal angestellt?", sagte sie lächelnd.
Ihre warmen Augen blitzten kurz zu ihm, bevor sie sich wieder auf seine verletzten Hände konzentrierte.
Adryan warf ihr einen kurzen Blick zu und sah dann auf den Boden.
"Egal was, du bist echt nicht leicht tot zu kriegen."
Adryan sagte nichts. Diese Worte, diese warmen Worte waren nicht für ihn bestimmt. Er wurde mit jemanden verwechselt.
"Lili... ich habe zwei Menschen getötet", sagte er langsam.
Ihre Hände hörten auf zu arbeiten.
"Notwehr?"
Adryan starrte auf ihre Hände.
"Bei einem zumindest nicht", flüsterte er.
"Adryan, sieh mir in die Augen."
Er sah ein paar endlosen Momenten zu ihr hoch.
"Warum hast du das getan?"
"Ich... weiß... es nicht."
"Natürlich weißt du es. Niemand begeht ein Mord ohne einen Grund!"
"...Weil sie mir weh getan haben", sagte er schließlich.
Sie biss ihre Lippen zusammen.
"Einer von ihnen war Cerdant", hauchte er.
Sie verpasste ihm eine Ohrfeige. Er spürte sie kaum.
"Ich lass dir ein Bad ein. Du stinkst fürchterlich!"
Lili hatte darauf bestanden, seine Sachen zu waschen und ihn in der Zeit ins Bett gesteckt. Schnell war er eingeschlafen, hinab getaucht durch düstere Träume zu einem Ort der Stille, des Nichts, des Friedens.
Das Geräusch von Arbeit weckte ihn auf. Als er die Augen öffnete, entdeckte er jedoch, dass Lili direkt neben seinem Bett saß.
"Ich habe ernsthaft überlegt, ob ich dich im Schlaf ermorden soll", sagte sie grimmig.
"Was hat dich davon abgehalten?"
Lili senkte ihren Kopf.
"Ich habe Cerdant schließlich auch nicht im Schlaf ermordet. Da wäre es wohl etwas verlogen, jetzt moralische Töne anzuschlagen", murmelte sie.
Durch das Fenster sah er direkt den hellen, strahlenden Himmel. Etwas weiches, warmes berührte seine Hand. Lili hatte ihre Hand auf seinen Handrücken gelegt. Es war die erste sanfte Berührung seit einer Ewigkeit.
Er betrachtete ihr Gesicht und sah, dass sie ihre Augen geschlossen hatte. Eine Träne lief ihr die Wange herunter. Er richtete sich auf. Sie sah ihm direkt in die Augen.
"Warum... von allen Menschen du?", fragte sie leise.
"Ich... weiß... ich weiß es nicht..."
"Lüg nicht!"
Adryan starrte sie an.
"Weil sie mich zu einem Monster gemacht haben."
"Und du hast brav mitgespielt und hast es denen überlassen, die Regeln zu diktieren?"
"Ich..."
Er brach ab. Sie nahm berührte ganz langsam sein Gesicht. Sein erster Impuls war es, die Hand wegzustoßen, doch er zuckte nur kurz zurück. Lili nährte sich erneut und berührte ihn an der Stirn.
"Du hast ein schönes, offenes Gesicht. Und wunderbare Augen."
Ihre Stimme klang leicht verbittert. Sie streichelte ihm langsam über das Gesicht. Er fühlte sich, als wäre er komplett gelähmt.
"Ich tue dir nicht weh... Du hast noch niemals geliebt, körperlich, meine ich, oder? Muss dir nicht peinlich sein. Die Jungs aus dem Dorf kamen, wenn sie alt genug waren, oft zu mir. Ich war da fast das einzige Mädchen, die nicht ihre Großmutter hätte sein können..."
"Aha...", murmelte Adryan.
Er drehte sich abrupt weg. Sein Blick fiel auf ein kleines Bild. Es zeigte einen stolzen Mann mit einem kleinen Mädchen.
"Das ist dein Vater, oder?", fragte Adryan.
"Ja... das war, als er noch ein guter Mensch war... oder bevor ich erkannt habe, dass er ein riesiges Arschloch ist!", antwortete Lili.
Sie wischte sich die Tränen weg. Sie rückte etwas näher heran. Adryans Herz schlug schneller, er wurde nervös, fing an zu schwitzen. Sie legte beide Arme um ihn. Wieder fühlte er einen dunklen Impuls, eine düstere Macht in sich, die ihm zurief, sie auf den Boden zu werfen und ihr weh zu tun.
Ihre Lippen berührten sich. Er merkte, wie vertrocknet seine waren, wie weich ihre. Sie küsste ihn einmal. Sein Mund blieb geschlossen. Dann küsste er zurück. Er spürte für einen Moment ein Ekelgefühl, dann jedoch wurde aus dem Ekel etwas, was er mochte, wovon er mehr haben wollte. Langsam, zögerlich, eher ungeschickt, legte er einen Arm um ihre Schulter. Er zog ihren Kopf etwas nach hinten und richtete sich weiter aus. Da seine einzigen Sachen gerade trockneten, war er sowieso nackt. Mit einer Hand fuhr sie ihm über die Brust, den Bauch und zog schließlich die Bettdecke weg. Sie kippte nach hinten, er landete auf ihr. Ihre Hand tastete seinen Rücken ab, dann drückte sie ihn ein wenig von ihr weg, brach den Kuss ab und betastete seine Brust. Sie spürte seinen donnernden Herzschlag.
"Sei nicht so nervös", flüsterte sie.
Der dunkle, düstere Impuls kam wieder.
"Bin ich nicht!", hauchte er zurück und küsste sie erneut, jetzt viel heftiger.
Sie packte ihn hinten an den Haaren und zog ihn von sich weg. Er atmete heftig ein und aus.
"Doch bist du...", sagte sie und streichelte ihm erneut über das Gesicht.
Sein Atem verlangsamte sich. In ihm beruhigte sich das Dunkle etwas. Sie nahm seine Hand und lenkte sie zärtlich über ihr Gesicht. Er betastete ihre feuchte Wange, ihre Nase, ihren Mund. Dann zog sie ihn erneut zu sich heran. Sie küssten sich erneut, langsamer, inniger. Ein wunderbarer, süßer, zärtlicher Schmerz ging durch seinen ganzen Körper, alle dunklen Erinnerungen wurden vertrieben, er fühlte sich wunderbar, glücklich, denn er wusste, was kommen würde. Die Ewigkeit wurde zum Moment, alles, was zählte, passierte hier und jetzt!
Sie löste langsam den Knoten ihrer einfachen Kleidung. Schließlich war er offen. Sie bewegte sich etwas von ihm weg. Er zog an der Kleidung, die ihr wie eine überflüssige Schale über die Haut rutschte. Sie lag nun vollkommen nackt vor ihr. Ihre Haut schimmerte leicht in dem wenigen Sonnenlicht, dass von draußen hereinschien.
Langsam spreizte sie ihre Beine. Sein Herz klopfte, der wunderbare Schmerz quoll zu einer großen Lust heran, doch dann passierte erneut etwas. Etwas hemmte ihn, etwas hielt ihn zurück, etwas stieß ihn von ihr weg, von ihr ab. Irgendwas, wie ein Faden, der ihn mit aller Gewalt von ihr wegzerren wollte.
Sie streichelte erneut seine Hand und zog ihn sanft zu sich heran. Der Faden zog noch einmal mit aller Macht. Ihre Körper berührten sich komplett, ihre sie küsste ihn erneut, ganz langsam, ganz zärtlich.
"Mir tust du nicht weh... das weiß ich."
Sie streichelte ihm über Haar, ihre Beine umschlossen ihn komplett. Ihr heißer Atem strich über sein Gesicht. Der Faden riss endgültig, sie vereinten sich. Er war in einem anderen Körper drin... der Gedanke war so ungeheuerlich, dass er sofort ausgelöscht wurde, als die erste Welle durch seinen ganzen Körper peitschte und aus seinem Mund entwich.
Alles war weg, jeder Gedanke vernichtet, er tat nur noch. So passiert es also, war sein letzter Gedanke, dann war er ganz Gefühl. Alles löste sich auf, alles, was einmal eine Rolle gespielt hat, war fort und weg.
Mit jedem Gefühl, mit jedem Schmerz, wollte er weiter und weiter, noch mehr, noch heftiger, noch intensiver. Sie antwortete im gleichen Rhythmus wie er, stieß alles, was sie fühlte, nach außen ab, alle Hüllen fielen, sie zeigten einander, was sie empfanden. Alles türmte sich auf, um wieder zusammenzufallen, um sich dann erneut wieder aufzutürmen. Alles in ihm brüllte und stöhnte im Gleichtakt, alles ging in eine Richtung, lief auf einen Moment hinaus. Er wurde schneller, doch wollte er den Moment, der unweigerlich kommen musste, hinauszögern, hielt ein, küsste sie erneut, härter, formloser, leidenschaftlicher. Ihre Augen, er ließ ihre Augen nicht aus dem Blick. Doch dann brach doch alles in ihm auf. Er wurde schneller und schneller, vergaß alles, vergaß sogar, dass er existierte, spürte und fühlte nur noch, kehrte zurück zu dem Anfang jenes Lebens.
Der Moment war da. Alles pulsierte und explodierte in ihm, alles ging weg, kam wieder, ging erneut weg. Er fühlte nur noch, die alte Welt löste sich auf, er spürte nur noch Explosionen in ihm, hörte sie durch ihre Stimme, fühlte sie durch seinen Schweiß, spürte sie ganz deutlich durch seinen Körper.
Und dann starb er. Die Zeit blieb stehen.
Absolute Finsternis, Verderben, Nichts. Ein kleiner Lichtpunkt. Eine Explosion, ein gewaltiger Urknall.
Er war wieder am Leben, feierte es mit allem, was er hatte. Er steckte alles in die letzten Bewegungen, ließ alles los, wurde langsamer, ruhiger und dann war es zu Ende. Die Emotionen waren aufgebraucht. Aus der Tiefe kamen die Gedanken, wie ein Sonnenaufgang in seinem Kopf, wieder und realisierten, was passiert war. Vergangenheit, Zukunft, Gegenwart, der Moment dehnte sich aus, die Zeit existierte wieder, das Leben ging weiter.
Ihre Augen leuchteten ein wenig. Ihm fiel zum ersten Mal auf, wie unglaublich schön sie war. Zart berührte er ihre Haut, seine Hand glitt über ihren Finger, den sie kurz küsste. Ihr Schweiß glänzte wunderschön und zärtlich im Sonnenlicht.
Er wusste, dass sie in seinen Augen gerade seine ganze Seele sehen konnte. Alles, was er in diesem Moment war, trug er in ihnen. Er küsste sie erneut und merkte dabei, dass sie ihn etwas schief anguckte.
"Ähm... das wars schon?"
"Hä?"
All die überwundenen Mauern bauten sich in größter Rasanz wieder auf. Er wollte runter, weg von ihr, alleine sein, hinterfragen...
Sie drückte ihn zurück auf das Bett und legte sich auf ihn drauf.
"Nenene, so schnell lass ich dich nicht weg!"
Das Leben hatte nicht aufgehört, es ging weiter. Sein Sehnen hatte nicht aufgehört, er sehnte weiter. Das Ungeheuerlichste war geschehen und das Leben ging weiter, als wäre nichts passiert. Das allein war schon komisch genug. Noch viel komischer fand er, dass sich alles doppelt so kalt anfühlte, als er in seinen getrockneten Sachen wieder vor die Hütte trat. Lili arbeitete bereits draußen. Sie hatte einen Chocobo an einer Leine. Die beiden kamen ihm entgegen.
"Der kann dir helfen, wenn du zu Drexler reitest. Denn dahin wirst du ja sicher wollen..."
"Ich hab keine Wahl... ich brauche die 'Pflanze'", seufzte Adryan.
Er blickte dem Tier in die unergründlich schwarzen Augen. Er blickte über den weiten Eissee. Irgendwo dahinter war der Weg nach Hause, zu seinen Eltern... zu Leons Eltern.
Leon...
"Was ist..."
"Ich hab bloß... an meinen Freund gedacht und wie ich das... seinen Eltern beichte...", murmelte er.
Sie sah ihn lange an. Er vermied ihren Blick und streichelte langsam den Chocobo. Schließlich drehte er sich um und küsste sie schnell auf den Mund. Ein schwaches Echo...
"Wie willst du eigentlich gegen Drexler bestehen? So ganz ohne Waffe?", fragte sie.
Ihre Stimme war härter geworden.
"Ich werd es wohl auf meine Art machen müssen", sagte Adryan und lächelte schwach.
Sie erwiderte schwach sein Lächeln. Beide schwiegen sich kurz an. Dann, fast zeitgleich, nahmen sie sich in die Arme.
"Danke...", flüsterte er ihr ins Ohr.
Sie lösten sich. Er bestieg, zuerst etwas ungeschickt, sein neues Reittier.
"Ähm, ich bring ihn dir nachher zurück..."
Lili nickte kurz.
Der Chocobo ritt von alleine los und schien genau zu wissen, welches Ziel Adryan hatte. Als er sich auf dem Berghang noch einmal umdrehte, war Lili bereits wieder in ihrer Hütte verschwunden.
Er war durch das Licht geritten und vor der Drexlers Villa zum Stehen gekommen. Es schien immer noch die Sonne, die Vögel zwitscherten und die Farbe der Häuser leuchtete so intensiv, als wären sie gerade frisch gestrichen worden. Nur der Rest des Strickes, der immer noch am Laternenpfahl hing störte das Bild etwas. Und die Tatsache, dass das Dorf vollkommen verlassen war.
Adryan betrat Drexlers Villa durch die Vordertür. Alle Türen waren geschlossen, nur eine war geöffnet. Er stieg die große Treppe hinauf, ging durch die Tür und fand sich auf einem leeren Gang wieder. Wieder war eine Tür offen, während die anderen verschlossen waren. Er folgte den offenen Türen und fand sich schließlich im Arbeitszimmer von Walther Drexler wieder.
Drexler war offensichtlich betrunken. Er hatte sich in einen großen, roten Königsmantel gehüllt. In einer Hand hielt er eine Flasche mit stinkendem Inhalt, in der anderen eine Pistole. Er drückte ab.
Ein Klicken.
"Warum ist die nicht geladen? So eine Scheiße!", brüllte er und warf die Pistole aus dem Fenster.
Plötzlich donnerte draußen ein Schuß durch die Luft.
"Hm, war wohl doch geladen..."
Drexler trank einen Schluck.
"Bist du hier, um mich umzubringen? So wie du meinen Sohn umgebracht hast? Ist die Art des Todes so wichtig? Ich weiß, als Autor will ich natürlich jeder Figur einen angemessenen Tod geben, aber ist der Tod wirklich das endgültige Gericht über einen Menschen? Gut, der Tod steht normalerweise am Ende eines Lebens. Aber ist er wirklich mehr, die Summation des Ganzen?"
"Ich möchte niemanden mehr umbringen! Alles, was ich möchte, alles, was ich immer wollte, ist die 'Pflanze des Lebens'."
Drexler lächelte schwach und schloss die Augen.
"Die Pflanze..."
Er legte langsam und unsicher den Königsmantel ab und beugte sich über ein paar frisch beschriebene Blätter.
"Hier, mein bester Fan. Hier steht es. Meine neue Schrift."
Er räusperte sich und las vor.
"'Die weiße Rasse zeichnete sich deswegen vor allem in Monogamie aus. In keiner anderen Rasse erscheint uns die Betrachtung so eigentümlich, so klar, wie bei ihr, wo die Monogamie sich wie von selbst fügte. Sicherlich, wir müssen festhalten, dass ein bleiches Herz nicht von noch so vielen hohen Orden verdeckt werden kann, doch muss uns dies als große Weiterentwicklung zu den Tieren deuten. Deswegen kann man, und der geistreiche Mensch wird mir zustimmen, mit Fug und Recht sagen, dass die weiße Rasse...'"
Er brach ab und zerriss die Papiere.
"Das ist doch alles scheiße, vollkommener Müll, alles, was man schreibt, ist widerwärtiger Dreck, Müll, Scheiße!", brüllte Drexler und warf die Überreste in die Luft.
Der Wind blies von draußen herein und spielte mit den Papierfetzen, die fröhlich durch die Luft gewirbelt wurden. Drexler betrachtete das Spiel im Sonnenlicht für einen Moment und holte unter einer Mappe einen alten Fetzen einer Zeitung hervor. Er las vor.
"'Eine schreckliche Tragödie ereignete sich gestern abend, als ein junges Liebespaar tot aufgefunden wurde. Die erst sechzehn und siebzehn Jahre alten Jugendlichen hatten offenbar Selbstmord begangen. In ihrem Abschiedsbrief klagten sie ihre Eltern als hart und lieblos an.'"
Drexler seufzte.
"Dies sind die wahren Geschichten. Die einzige wirkliche Tragödie in unserer Welt. Der Liebestod. Glaubst du an die Liebe, Adryan?"
"Ja", entgegnete Adryan sofort.
Drexler lächelte. Es war ein warmherziges Lächeln.
"Natürlich glaubst du. Jeder junge Mensch sollte daran glauben. Ich habe auch dran geglaubt, auch wenn ich mein ganzes Leben unter Liebe nur gelitten habe. Und ich fragte mich, warum, ich fragte mich mein ganzes Leben lang nach dem Grund. Dann auf einmal fiel es mir wie Schuppen aus dem Haar. Wir können keinen anderen Menschen lieben, Adryan. Das, was wir für Liebe halten, dass, was die Gesellschaft für Liebe hält, ist doch nur die Liebe zu dem Gefühl, was wir spüren, wenn wir dem anderen Menschen nahe sind. Wir lieben das Gefühl, geliebt zu werden, wir mögen den Menschen, der dies in uns auslöst, wir lieben ihn jedoch nicht im ganzen Sinne des Wortes. Die Menschen haben Angst vor dem Tod, sie haben Angst vor dem Leben, also holen sie ihr ganzes Licht aus diesem Gefühl, tragen ihre sogenannte 'Liebe' vor sich her mit Gänseblümchen und dem ganzen Scheiß und betäuben den Rest, wenn die Wahrheit zu schmerzhaft werden könnte", sagte Drexler und nahm einen weiteren Schluck.
"Doch das ganz große Ding, die ganz große, wahre Liebe, die Aufopferung, die Seelensprache, der Atem der Seele, diese erhabene Naivität, alles, was über billiges Händchenhalten hinaus geht, die fehlt ihnen vollkommen. So sprechen sie von Liebe, wenn sie eigentlich Egoismus meinen. Das wirkliche Fehlen von Liebe frisst ihnen subtil die Seele auf, sie gehen zugrunde und merken es nicht mal. Wir zerfleischen uns bei lebendigem Leibe wegen einer Illusion."
"Natürlich kann man einen Menschen lieben. Das weiß ich!", rief Adryan.
"Aber wer weiß denn wirklich, was es bedeutet, jemand anderen zu lieben oder auch nur zu mögen? Wir mögen das Gefühl, geliebt zu werden. Doch wirklich für jemand anderes untergehen zu wollen, den Egoismus zu brechen..."
Drexler brach ab und schüttelte den Kopf.
"Worin besteht der Sinn dieser qualvollen Existenz? Worin, ich kann ihn nicht finden..."
Er nahm eine Zigarette heraus und hustete fürchterlich nach dem ersten Zug.
"Heute muss ich mich in Acht nehmen", keuchte er.
"Wo sind überhaupt alle?", fragte Adryan.
Drexler lachte freudlos.
"Weg! Als sich herumgesprochen hat, dass wir eventuell alle verhaftet werden, sind sie alle auf und davon, das gute Mäxchen ganz vorne weg!"
"Das tut mir leid."
"Lügner", grinste Drexler.
Er hustete erneut.
"Warum willst du die 'Pflanze', Adryan?", fragte er.
"Das wissen Sie doch, um meinen Vater zu retten..."
"Wirklich? Oder willst du dich nur gut fühlen?", fragte Drexler.
Adryan schwieg.
"Erkennst du nicht deine ausweglose Situation? Unsere ausweglose Situation. Es gibt keine Vergebung, es gibt keinen Sinn, es gibt keine Liebe. Nur Egoismus, nur Befriedigung der Dinge. Glück, Liebe, Schmerz, Unglück... all das ist von äußeren Umständen abhängig. Wir sind Schachfiguren, Adryan, du und ich, alle, Elemente in einem großen Meer. Laufen die Dinge gut, werden wir geliebt, sind wir froh, laufen die Dinge nicht gut, werden wir nicht geliebt, sind wir traurig. Wir sind absolut abhängig davon. Es gibt somit keine Freiheit. Es gibt keine Liebe..."
"Natürlich gibt es die! Ich habe geliebt, ich habe Sie geliebt! Ich habe das, was sie getan haben, diese kleinen Blicke, diese kleinen Gefühle, diese Ängste, diese Sehnsüchte, das habe ich geliebt! Ich habe ihre Ideen geliebt, ich habe es geliebt, dass es noch jemanden gibt, der so einsam ist wie ich! Und der Mensch, von dem ich glaubte, er versteht mich am besten, der wollte mich umbringen, nur weil ich nicht in sein Konzept passte, nur weil dieser mein Vater hasste!", sagte Adryan schwach.
"Du hast das Gefühl geliebt, nicht allein zu sein. Nicht mich! Du hast es doch selbst gesagt. Du hast die verwandten Seiten geliebt, deine sogenannte Liebe zu mir, ist nichts als anderes als Narzismus!"
"Wenn Sie der Liebe nicht trauen, wieso trauen Sie dann ihrem Haß?", fragte Adryan nach einem Moment.
"Weil er Zerstörung bedeutet. Und eine illusorische Welt kann man zerstören, man darf sie zerstören, ja, ich gehe sogar soweit zu behaupten, dass man sie zerstören muss! Das ist meine Aufgabe, meine Verantwortung als Künstler und dafür habe ich eben den Rahmen verlangt!"
"Das möchte ich alles nicht!"
"Wieso, weil du mit dem Mädchen gefickt hast? Sexualität ist etwas dunkles, etwas brutales, mein Junge. Da tun sich Menschen Gewalt an und mögen es auch noch! Sieh, wie es die Menschheit ruiniert, sieh, wie es mich ruiniert hat! Weißt du, warum die Leute so ein Problem mit Sex haben? Wegen dem großen Unterschied zwischen unseren Gefühlen dabei und dem optischen Eindruck eines dritten. Einen größeren Unterschied gibt es nicht. Wir fühlen den Höhepunkt einer sogenannten Liebe, in Wirklichkeit ist es nichts als rohe Gewalt, ein unnatürlicher Zustand, ausgelöst durch einen extra eingebauten Trieb in uns. Es ist alles nur Illusion! Glaubst du wirklich, so etwas kann dich erlösen?"
"Nein... ich weiß es nicht. Aber vielleicht... vielleicht macht irgendwann alles einen Sinn und vielleicht... kann ich mir irgendwann vergeben."
Drexler lachte.
"Das sind blöde Sprüche, moralisches Gequatsche, so ein Dreck kann ich nicht ab! Wenn du mich wirklich überzeugen willst, dann will ich es sehen. Ich will sehen, dass du es lebst! Zeige mir durch deine Taten, dass ich falsch liege! Lebe es besser und überzeuge mich!"
Aus einer Schublade holte er einen Schlüssel hervor und schmiss ihn Adryan vor die Füße.
"Im Keller gibt es eine große Tür. Dahinter, in der großen Schwärze, befindet sich die 'Pflanze'! Und Adryan... Ich werde dich beobachten, ich werde genau schauen, wie du dich schlägst!"
Adryan bückte sich und hob den Schlüssel auf. Drexler zog sich den Königsmantel wieder an, summte leise eine Melodie und beobachtete aus dem Fenster einen Punkt, den nur er sehen konnte.
Adryan brauchte eine Weile, bis er in der Eingangshalle die richtige Tür gefunden hatte, auf die der Schlüssel passte. Es war eine Tür aus einem anderen Holz.
Er ging hindurch und fand sich auf einer riesigen Wendeltreppe wieder, die spiralförmig nach unten führten. Er machte einen Schritt nach dem anderen, immer weiter in die Dunkelheit hinein.
"Adryan?", rief Drexler.
Er sah sich um. Der Junge war nicht mehr da.
"Wieder alleine..."
Er machte seine Zigarette aus. Plötzlich kamen die Krämpfe wieder, heftiger als je zuvor. Er fasste sich an die Brust. Er wollte atmen, doch sein Hals war vollkommen zugeschnürt. Die Luft kam nicht mehr durch. Er blickte sich mühsam auf seinem Schreibtisch um. Ein einziges Blatt Papier lag noch da.
Er schrieb mit zitternde Hand zwei Worte.
'Liebe – Tragik'
Adryan stand vor einer großen Eisenpforte. In der Dunkelheit leuchtete ein Schild.
'Himmelspforte'.
Adryan steckte den Schlüssel in ein kleines Schloss. Er passte genau.
Die Feder war ihm aus der Hand gefallen, alles schmerzte in ihm, presste zusammen. Drexler schlug in die Luft, als würde er mit einem unsichtbaren Feind ringen. Mehrere Gläser fielen herunter und zerbrachen auf dem Boden.
"Meine Gläser...", keuchte er und wollte sich bücken, um die Scherben aufzuheben.
Da kam der letzte Krampf. Er erfasste seinen ganzen Körper, rang ihn zu Boden und ließ ihn nicht mehr aufstehen. Sein Blick ging an die Decke. Eine häßliche, weiße Decke. Mit allerletzter Kraft schloss Drexler seine Augen. Sein Körper zuckte noch ein paar Mal, dann erschlaffte er vollkommen. Er war tot.
Draußen zwitscherten die Vögel. Licht schien durch die Vorhänge und fiel auf das bleiche, gezeichnete Gesicht. Die Augen geschlossen, der feine Mund ein Spalt weit geöffnet, als verlangte es ihn nach Luft...
"Kann ich mit so einer Schuld überhaupt noch glücklich werden? Darf ich überhaupt glücklich werden? Und was nützt einem noch das Leben, wenn man weiß, dass einem das absolute Glück auf ewig verwehrt bleiben wird?"
Die Eisentür schlug krachend hinter ihm zu. Er stand alleine in der vollkommensten Dunkelheit, konnte nicht die Hand vor Augen sehen. Nicht ein Fünkchen Licht, nicht ein bisschen Helligkeit war ihm geblieben, alles war dunkel. Er schloss die Augen und öffnete sie wieder, doch er sah einfach keinen Unterschied, keinen einzigen. Fast war es ihm, als hätte er aufgehört zu existieren. So stand er alleine in der Dunkelheit, vollkommen zurückgeworfen auf sich selbst.
Doch etwas war im Dunkeln. Jemand beobachtete ihn. Er fühlte es. Er spürte es. Etwas ätzendes drang in seine Lungen ein. Alles brannte, verbrannte von innen, er schrie auf, es drang in ihn ein, wollte ihn tot, die Dunkelheit wollte das bisschen Leben in ihrer Mitte verschlingen und sich einverleiben. Etwas brüllte in der Dunkelheit, eine menschliche Stimme, lauter und trauriger als alles, was er je gehört hatte, es schrie seine eigenen Schmerzen aus. Dieses Ding hatte ebenfalls Qualen, furchtbare Qualen, endlose Schmerzen, er fühlte es in jeder Sehne seines Körpers. Wer war dieses Ding, dass ihn grundlos vernichten wollte?
Er blickte hoch. In mitten der Dunkelheit war ein kleiner Schimmer. Ein Schimmer eines Augenpaares. Ihre Blicke trafen sich. Es litt auch, so wie er. Sie litten beide. Das Ding hörte auf zu schreien, Adryan hörte auf, ihre Schmerzen flachten langsam ab, es wurde weniger, bis es schließlich verschwand.
Warum hatte er überlebt?
"Weil dich dieser Raum ersehnt hat! Seit dein Bild, klar und rein, vor ihm aufgestiegen ist, ersehnte er dich, aus dem Kleinen wurde das Große, aus dem Individuellen das Absolute. Der Raum ersehnte dich so sehr, dass jeder andere Mensch, der diesen Raum betrat, sofort den Tod fand."
Eine Stimme hatte geantwortet. Geantwortet auf eine Frage, die er nicht gestellt hatte. Adryan blickte in das Augenpaar. Auf einmal wurde seine Haut, sein Körper merkwürdig leicht, sein Innenleben schien wie leichter Dampf hinaus zufließen, seine Seele schoss in die Dunkelheit, verteilte sich, löste sich auf. Doch etwas fing sie auf. Die Dunkelheit fing seine Seele auf, warf sie zurück, bildete aus ihr einen großen Raum.
"Es hat lange gedauert, doch es ist soweit. Der Zyklus wurde vollendet. Ein Schicksal, eine Entwicklung, getragen durch vier Jahreszeiten, durch vier Menschenleben, durch vier Zeitebenen, gebündelt in diesem einen hier, der nun die Erlösung, die Rettung in sich trägt. Das Ende des Schmerzes. Der Retter... und er sieht auch noch so verdammt süß aus..."
Eine schrille Stimme lachte auf. Eine zweite Stimme, kaum weniger schrill als die erste, ertönte.
"Liebe, die Kraft, das beste in sich zu wecken, alles unnötige abzuwerfen, sich selbst zu finden."
"Liebe, die Illusion, dass der andere einem vollkommen gehört, dass er ein Teil von einem wird, klebriger Kleister zum Verstecken der Abgründe zwischen den Menschen, Einheit vor spiegelnd, wo eigentlich Dualität herrscht", sagte eine zweite trockene.
"Einheit ist das richtige Wort. Die vier Fragmente des Alphegas, zerrissen seit siebzehn Jahren seit der Vernichtung Hynes, das Überbleibsel der Gottheit in diesem Raum, zerrissen und verstreut in verschiedene Zeitdimensionen. Alphega, die Seele des Universums. Hyne, der Schöpfer der Materie, der Liebe. Alle drei sollten längst den Planeten verlassen haben, doch ein Fragment von ihnen ist geblieben. Eines ruht in diesem Raum, das andere teilte sich in vier auf und reiste mit durch die Zeitebenen, das Schicksal des einen Geistes mitbestimmend und jetzt endlich zusammen mit dem Einen zurückgekehrt, um sich wieder zu vereinen."
Vier Gestalten tauchten aus dem Nichts auf. Zwei sahen aus wie Butler, zwei wie biedere Geschäftsmänner.
"Wer seid ihr?", fragte Adryan.
"Fragmente, mein Süßer", sagte der eine Butler.
"Fragmente von Alphega. Vor siebzehn Jahren vernichteten deine Eltern den gefallenen Schöpfer Hyne. Er wurde erlöst und verließ den Planeten, zusammen mit Alphega, doch etwas von ihnen blieb hier in der Menschenwelt zurück. Eine Zeitspalte war im falschen oder richtigen Moment geöffnet worden. Ein Teil von ihnen wurde abgetrennt, sei es aus Zufall oder Absicht geschehen. Alphega verlor seinen Platz im Urgrund und transzendierte in zwei Zhabanen, die sich in Zwillingspaare aufteilte. Positiv und Negativ, Leben und Tod. Das Fragment Hynes dreiteilte sich. Einer schaffenden Kraft, einer zerstörenden Kraft und einem Medium dazwischen. Die schaffende Kraft wurde zur 'Pflanze des Lebens', die zerstörende zum 'Traumprisma'. Walther Drexler vereinte das 'Traumprisma', nachdem der negative Zhaban den positiven Zhaban, der das 'Prisma' errungen hatte, zu ihm gebracht hat, mit der 'Pflanze' und verbannte seinen Schmerz in diesen Raum. Jeder Mensch trägt das Wissen des Ganzen in sich, so wie jede einzelne Zelle das Wissen des ganzen Körpers in sich trägt. So wurde dieser Raum zum 'Raum des Weltschmerzes'. Hier ist das Leid des Menschen, aller Menschen, gebannt!"
Adryan verstand nichts.
"Zhabanen?", fragte er schwach.
"Eralia", sagten die Butler.
"Morus", sagten die Geschäftsleute.
"Die Hüter des kosmischen Lebensbaumes, mit Hyne die drei Zhabanen, die direkt aus Alphega hervorgegangen sind!", riefen sie vereint.
"Was... bedeutet das?", fragte Adryan.
Die vier lächelten.
"Eralia sei der Zhaban der Schöpfung, die Grundlage allen Lebens und des schönen Sinnes. Sie sei die Grundlage allen Weiblichens, allen zärtlichens... was man an unserer Aufmachung deutlich sieht", scherzten die Butler.
"Morus sei die Grundlage der Zerstörung, der Pessimist, der Harte, der sich gegen den Fluss stellt und den Urzustand, die Urzelle vor dem Urknall wiederhaben möchte. Er mag das Nichts, er baut das Harte, den Widerstand gegen den Lauf der Dinge, ist Kern aller Gewalt", riefen die Geschäftsleute.
Sie schwebten zurück. Ein Lichtstrahl kam von oben herab und beleuchtete die Kreatur der Dunkelheit.
Vor Adryan war der übergroßer Mensch. Er füllte den ganzen Raum aus, war von anmutigster Gestalt. Er war gefesselt, hatte kein Geschlecht, nur lange farblose Haare. Seine Arme bildeten eine Art Kreuz, seine Augen trugen all den Schmerz der Welt. Er war durchbohrt von zahlreichen Pfeilen, das leuchtend rote Blut lief ihm dem schönen, sterilen Körper hinunter. Er hatte keine Füße, sein Körper verschmolz mit der Dunkelheit. Doch an der Stelle zwischen Materie und Nichts, im Schoß des übergroßen, leidenden Menschen, strahlte ein helles Licht auf. Die 'Pflanze des Lebens'.
"Der leidende Mensch. Er fühlt all den Schmerz in dieser Welt, jede Zurückweisung, jedes Verdrängen, jede stille Klage durchzuckt ihn und wird zu seinem Ureigensten."
Adryan blickte in seine Augen. Der Schmerz des übergroßen Menschen traf mitten in sein Herz. Er fühlte alles, spürte alles, die Schmerzen der Welt, seine Schmerzen, das Leid der Schönheit, der Liebe, die Einheit aller Dinge, all das spürte er in diesem Moment.
Die vier sprachen jetzt in einem monotonen Chor.
"Doch das Erlösungswerk wurde in die Wege geleitet. Zeit, Raum und Menschen außer Acht gelassen, durch die Zeiten, durch Menschenleben eine Entwicklung mit Verbindungen so fein und doch da, dass sie in der materiellen Welt kaum zu sehen waren, nur die metaphysische Welt sah dies, nur wir sahen dies. Und hier, in der fünften Sphäre, steht er nun. Der erlösende Mensch. Adryan hat die Elemente des Lebens durchschritten, erlebte sowohl das wonnige als auch das fürchterliche, und kann nun diesen leidenden Menschen erlösen, mit ihm verschmelzen! Erlöse ihn!"
Adryan blickt zu ihnen auf.
"Was?", fragte er verwirrt.
"Erlöse ihn! Das ist deine Aufgabe als Messias, befohlen von uns Gottheiten!"
"Genug!"
Eine neue Stimme hatte gesprochen. Eine alte Stimme.
"Was sind Götter? Menschliche, übermenschliche Ebenbilder, geboren aus Sehnsucht. Viele Götter hatte der Mensch und dann begriff er. Seine Götter verwandelten sich aus menschlichen Ebenbilder in eine unbestimmten Sehnsucht, aus Göttern wurde ein Gott, eine Sehnsucht nach Liebe, nach Erkenntnis, nach sich selbst. Die Suche nach Gott! Die Suche nach sich selbst! Nach dem Schöpfer. Nach dem Urgrund. Nach dem höchsten und dem niedrigsten. Nach mir!"
Die Butler verschmolzen zu einem Lichtball, die Geschäftsmänner verschmolzen zu einem Lichtball. Beide Bälle drangen in den angeketteten Menschen ein.
Die Pfeile bewegten sich langsam aus der Wunde heraus, als würde jemand ganz sanft sie herauslösen. Sofort wurden sie von der Schwärze geschluckt. Die Ketten des übergroßen Menschen fielen zusammen, die große Kulisse schmolz nach und nach und verschmolz zu einem hellen Licht. Das Licht wurde kleiner und kleiner, bis es genau die Größe von Adryan angenommen hatte. Es bildete die Form eines alten Mannes. Er kniete über der 'Pflanze des Lebens'. Dann stand er auf und schritt auf Adryan zu. Es lächelte.
"Das alles ist doch nur ein Gleichnis", lächelte er.
Adryan starrte ihn an.
"Ich bin Alphega und hier scheint meine Reise zu enden. Doch zuvor lass uns über das wichtigste Thema reden. Über dich."
"Über mich", fragte Adryan überrascht.
"Ja, über dich. Nur über dich."
"Wo warst du? Und warum rauchst du schon wieder? Ich dachte, du wolltest aufhören", brüllte Adryan.
"Ich rauche, wann ich Lust habe!", rief Leon.
"Nicht in meinem Zimmer!", sagte Adryan und riss seinem Freund die Zigarette aus dem Mund.
Leon sah ihn an.
"Komm mal runter. Hat mit meiner Süßen eben etwas länger gedauert. Ich war wirklich nicht der Schnellste heute!", grinste er.
Adryan blickte auf den Boden.
"Wir waren verabredet", flüsterte er.
"Ich bin ja auch gekommen."
Leon lachte über seinen Wortwitz.
"Sechs Stunden zu spät!"
"Sorry, soll ich dich anrufen, während wir miteinander rummachen. Hey, ich komm etwas später, bin noch nicht gekommen!", grinste Leon.
Adryan starrte auf die Wand.
"Hau ab!", sagte er ruhig.
"Hä?"
"Verpiss dich, das... das ist scheiße so!", rief Adryan und schob Leon raus.
"Alter, was geht denn mit dir..."
Adryan knallte die Tür zu. Er hörte, wie Leons Schritte sich langsam entfernten. Schließlich hörte er nur noch das Rauschen des Meeres. Adryan war alleine. Mechanisch setzte er sich an seinen Schreibtisch. Ein Buch war aufgeschlagen. Er las...
'Es gibt vielerlei Sorten von Liebe. Die Liebe zwischen Freunden, die Liebe zwischen Mann und Frau, die Liebe zwischen Eltern und Kinder... Jede Liebe ist ein Juwel, das teurer ist als jedes Geld auf der Welt. Mich dünkt, man sollte es angemessen behandeln...'
"Warum sind wir beide die Einzigen, die so denken?", sagte Adryan leise zu dem stummen Bild Walther Drexlers.
"Adryan, ich hab keine Zeit für deine Träumereien, für deine Schärmereien. Das ist hier das Leben, dein Vater stirbt! Wird endlich erwachsen, wir müssen jetzt zusammenstehen! Sonst weiß ich nicht, was... was..."
Der Morgen war noch nicht angebrochen.
"Wo willst du hin?"
"Was machst du denn hier?", fragte Adryan barsch zurück.
"Ich habe dich gesehen", meinte Leon.
Beide schwiegen.
"Wie geht’s dir? Ich hab gehört, ihr seid auseinander", fragte Adryan nach einer Weile.
Leon zuckte mit den Schultern.
"Ja... ja... Wo willst du hin?"
Adryan schwieg kurz.
"Nach Norden. Etwas suchen, was meinem Vater helfen könnte..."
"Mitten in den Ferien?"
"Wann denn sonst?"
Leon überlegte.
"Ich komm mit!"
"Als Kind hatte ich oft unheimliche Angst. Vielleicht sogar jetzt noch. Manchmal dachte ich, es könnte jeder Zeit etwas ganz böses passieren. Monster greifen an, eine Flutwelle kommt, was weiß ich, irgendwas... Leon hatte nie Angst, er hat sie nie gezeigt..."
Sie saßen auf einem Boden, den sie nicht sehen konnten.
"Ich mein, kann ich überhaupt zurück? Kann ich überhaupt noch Leben? Es ist soviel passiert, ich habe Dinge getan... Vielleicht habe ich deswegen die Schmerzen akzeptiert, weil ich dachte, ich verdiene es..."
"Möchtest du zurück?"
"Vielleicht hatten die anderen Recht, vielleicht hatte Drexler Recht, als er mich umbringen wollte, vielleicht..."
"Glaubst du, du verdienst den Tod?"
"Ich hab ihn nicht retten können, ich war zu schwach..."
"Es gibt Dinge, die haben dazu geführt, dass es so kam und die wiederum haben zu anderen Dingen geführt, wo es nicht dazu hätte kommen müssen..."
Adryan hielt seine Hand. Er blickte zu ihm hoch. Adryan würde es nicht schaffen, er spürte es, es ging zu Ende... Und auf einmal war alles so klar, er sah es deutlich vor seinen Augen. Er wusste, was passieren würde, was passieren musste...
"Ich habe nie verstanden, was er mir zugeflüstert hat."
"Das wirst du vermutlich auch nie hören können. Auch wenn ich glaube, dass du es tief drinnen sowieso weißt."
"Ich denke, es war was Nettes."
"Oh, es war sicher die Wahrheit. Menschen, die sterben, lügen selten. Er gab sein Leben für dich. Nicht als große Idee, nicht als heldenhafte Selbstaufopferung, sondern unbewusst, reflexartig... Als unmittelbare Reaktion, in einem Moment, wo er keine Zeit hatte zu denken. Als innerste Regung, als wahrhaftigste Regung..."
"Ich habe... ihn enttäuscht. Ich habe mich enttäuscht... Er hätte leben sollen, nicht ich..."
Er wollte Adryan etwas zurufen, doch seine Stimme war bereits zu schwach...
"Sei gut zu dir selbst..."
"Möchtest du leben?"
Er dachte lange nach.
"Ich glaube, ich möchte es verstehen. Ich möchte die Dinge fühlen, spüren, begreifen. Ich glaube nicht, dass ich hier eine große und weise Antwort geben kann oder mit einem Programm zurückkehren kann, wie man sich verhalten muss und soll. Ich möchte es einfach nur verstehen. Ich möchte... mich verstehen."
Alphega erhob sich.
"Wenn du aufwachst, trägst du die 'Pflanze des Lebens' in dir..."
Adryan sah sich um. Die 'Pflanze' war verschwunden.
"In... mir?"
"Die 'Pflanze' ist nur ein Symbol, Adryan, genauso wie ich. Die ganze Geschichte war nur ein Gleichnis. Irgend jemand sagte mal, alles Vergängliche sei nur ein Gleichnis. Ich glaube, jedes Gleichnis ist vergänglich. Nichts ist absolut, keine Vorstellung, keine Idee unverrückbar. Und so findet auch jedes Gleichnis sein Ende und zwar in dem Moment, wo es begriffen wurde, wo es als Teil von einem selbst erkannt wurde. Dann hat es seinen Sinn erfüllt. Es löst sich auf."
Alphega verschwand.
Ein heller Lichtstrahl zuckte zum Himmel, dann stürzte die Villa Drexler ein. Der Schirm um das Dorf verschwand. Sofort brach das warme Wetter zusammen und ein eisiger Wind blies durch das Dorf. Aus den Häusern brachen die Fenster heraus, ganze Dächer wurden abgedeckt. Bald war das ganze Dorf eine in tiefem Schnee eingehüllte Ruine.
Adryan warf einen letzten Blick drauf und ritt dann den Abhang runter.
Auf seinem Rückweg machte er Halt in Lilis Hütte. Als er durch die Tür trat, fand er die Hütte vollkommen leer geräumt vor. Er durchsuchte mehrmals die ganze Hütte nach irgendeinen Hinweis auf ihre plötzliche Flucht, doch fand er keinen Abschiedsbrief, keine Notiz, nichts. Alle ihre Sachen waren weg, sie war weg.
Er kam schnell voran. Es wurde langsam wärmer, der Frühling brach bald an und ein großer Teil des Schnees würde dann wegschmelzen. Bereits jetzt wurde der Schnee matschig und von den Klippen tropfte das Eis herunter.
Er erreichte die Villa von Xelto. Er betrat das ausgestorbene Haus und fand Xeltos Leiche neben der des Hundes unverändert im Raum vor. Sie hatten bereits begonnen zu verwesen. Adryan trug sie unter großen Mühen nach draußen und verbrachte den Nachmittag damit ein Grab zu schaufeln. Gegen Abend beerdigte er beide und plazierte an der Stelle drei Steine. Ein letztes Mal blickte er auf das dunkle Haus, das wie ein Fremdkörper in mitten der ganzen Schneelandschaft wirkte. Bald wird es sich die Schneelandschaft zurückerobert haben und nichts wird mehr auf das hinweisen, was hier einmal vorgefallen war.
Schließlich erreichte er das Plateau. Er suchte einen ganzen Tag lang nach Leons Leiche, doch er fand nichts von ihm wieder, kein Kleidungsstück, nichts. Er vermutete, dass Tiere die Überreste bereits gefressen haben könnten. Bei dem Gedanken alleine wurde ihm bereits übel.
Auch hier legte er auf das Plateau drei kleine Steine. Lange kniete er davor. Er wollte soviel sagen, doch die passenden Worte wollten nicht kommen.
"Ich vermisse dich...", flüsterte er schließlich.
Am nächsten Morgen erreichte er die letzte Grenze. Er stieg von seinem treuen Chocobo ab, der ihm einen letzten Schubs mit seinem Kopf gab, bevor er sich umdrehte und zurück ins Ödland ritt. Binnen Sekunden war er wieder mit der gewaltigen Natur verschmolzen. Adryan wandte sich zum Grenzhaus.
Vor dem kleinen Häuschen tummelte sich eine Menschenmenge. Ein paar Journalisten standen aufgeregt zusammen und tuschelten.
"Und was ist, wenn wir dem Dongo-Mann begegnen?"
"Es gibt den Dongo-Mann nicht!"
"In unserer Zeitung stand aber ein Artikel über den Dongo-Mann!"
"Sie haben den Artikel über den Dongo-Mann geschrieben?!"
"Weil ich den Dongo-Mann gesehen habe!"
"Wer hat den Dongo-Mann gesehen?"
"Niemand!"
"Brian Coaxley kann Drexler nicht verhaften! Er hat keinen Haftbefehl"
"Brian Coaxley braucht keinen Haftbefehl!", sagte eine Stimme vollkommenster Ruhe.
Ein etwas weiter weg stehender Herr nahm eine Zigarette heraus und entzündete ein Streichholz. Rücksichtsvoll verstummte der heftige Wind für fünf Sekunden, damit Brian Coaxleys seine Zigarette anzünden konnte. Zügig, aber nicht hastig, trat er seine Reise ins Ödland an, den Haufen aufgeregter Reporter im Schlepptau.
"Die Zivilisation hat mich wieder", murmelte Adryan.
Nach einem sehr langen Fußmarsch erreichte er schließlich den Bahnhof. Sein Zug würde in einer Stunde abfahren. Er würde mehrmals umsteigen müssen und erst, wenn er Glück hatte, mitten in der Nacht zu Hause ankommen. Lange hatte er über die Worte des alten Mannes nachgedacht. Er wusste immer noch nicht so genau, was dieser gemeint hat, dass Adryan nun die 'Pflanze' in sich trägt, genauso wenig, wie er verstanden hatte, dass sich der merkwürdige Raum auf einmal als eine Besenkammer herausgestellt hat. Aber vielleicht machte auch das eines Tages einen Sinn.
Auf dem Vorplatz befand sich ein imposantes Denkmal von Walther Drexler. Er saß auf einem Thron, umgeben von stolzen Kriegern und imposanten Tieren, die ehrfurchtsvoll zu ihm aufblickten.
Adryan betrachtete nachdenklich das regungslose, marmorne Gesicht Drexlers. Ein paar Meter neben ihr befand sich ein Zeitungsstand. Groß auf allen Titelbildern sah er das Bild von Hiller direkt neben dem von Drexler. Dazwischen eine große Schlagzeile: 'Hiller beschuldigt Drexler und sagt radikalen Organisationen den Kampf an!'
Adryan setzte sich auf die Stufen des Bahnhofs und beobachtete die Menschen, die vorbeigingen, ihre verschlossenen Gesichter, manche alleine, manche zusammen mit anderen, Familien, Liebespaare, Freunde...
In mitten der Menschenmenge entdeckte er ein anderes Augenpaar. Jemand beobachtete ihn. Sie beobachtete ihn.
Lili.
Er wollte aufstehen, zu ihr rennen, sie umarmen, doch eine Großfamilie schob sich zwischen die beiden. Als der letzte Cousin dritten Grades vorbeigegangen war, war sie verschwunden. Er suchte den ganzen Platz nach ihr ab, konnte sie jedoch nirgendwo entdecken.
Er lehnte sich wieder zurück und beobachtete, wie verschiedene Menschen nach einer Durchsage vom Bahnhof den Platz eilig verließen, um zu ihrem Zug zu kommen. Kurze Zeit später war der Platz leerer denn je.
"Wieder alleine..."
"Meine Gefühle, die Ereignisse, all das aufs Papier zu bringen, fällt mir natürlich sehr schwer. Ich hoffe, ich habe nicht allzu dick aufgetragen.
Ich glaube ganz fest, dass die Wahrheit auf unserer Seite ist. Vielleicht blickt man irgendwann zurück und sagt: 'Ahja, deswegen ist das alles passiert, jetzt ergibt alles einen Sinn, jetzt lösen sich alle Knoten und die ganze Wahrheit liegt einfach vor mir und sie ist wunderschön!'
In meinem Fall sehe ich ihn zwar noch nicht, aber ich verspreche, dass ich danach suchen werde. Wenn nötig, mein ganzes Leben lang."
Adryan legte den Stift nieder und schloss sein Tagebuch. Eigentlich war 'Tagebuch' nicht mehr die richtige Bezeichnung. Es war mehr eine Geschichte. Es war seine Geschichte. Er hatte zwar noch keinen Titel, aber er würde sicher noch einen guten finden.
Ende
"Einen dämlicheren Titel hätte man sich wirklich nicht ausdenken können", murmelte Lili, während sie in der Schmuddel-Ecke einer Buchhandlung durch die Seiten blätterte.
Sie betrachtete das Cover, auf dem Adryan stupide in die Kamera grinste.
"Wie teuer ist denn das?", fragte sie den gelangweilten Angestellten.
"300 Gil..."
"WAS?"
"Auf speziellen Wunsch des Autors!"
"Vergiss es, Leonhart!", zischte sie das Buchcover an
"Wo ist dieser hirnverbrannte Idiot?", herrschte sie den Angestellten an, nachdem sie das Buch auf den Stapel zurückgeworfen hatte, wo es direkt neben einem Buch eines gewissen Terry Boggart landete ('WIE MAN EINE ERFOLGREICHE EHE FÜHRT!').
"Hm, ich glaub, er gibt um die Ecke später eine Autogrammstunde. Wär schön, wenn sie kommen könnten, denn dann käme wenigstens einer..."
"Und wie ich kommen werde! Diese Knalltüte kann was erleben..."
ENDE (Jetzt wirklich!)
(c) 2003 - 2010 :: "Aomes Trianirea" ist geistiges
Eigentum der AT-Autoren.