Der Mensch hat viele Seiten, viele Gesichter. Welche seiner Seiten von den anderen zu erblicken sind, liegt im Menschen selbst, denn wenn er seine Kraft und seine Beherrschung gut zu nutzen weiß, so werden die anderen genau das sehen, was der Mensch ihnen zu zeigen beabsichtigt hat und all die für die anderen unnötigen und störenden kleinen Geheimnisse kann dieser kraftvolle und herrliche Mensch für sich hüten und pflegen. Mehr noch, diese Geheimnisse bilden sein Refugium, seine innere Stärke, mit der sich unser Leitbild mehr und mehr Kraft gibt, die widerliche Realität zu meistern und im Leben wie in der Arbeit Großes und Gutes zu leisten.
-Inschrift der Familientafel der Goodsworthfamilie, verfasst von Lukas Kosemierre Goodsworth kurz vor seinem Tod
Eine endlose Straße lag vor ihm und schlängelte sich einsam durch die endlose Wüste.
Der Motor seines kaputten Wagens dröhnte gleichmäßig, während ihm der heiße Fahrtwind ins Gesicht blies. Die grelle Sonne stand tief, blendete ihn frontal und trieb ihm den Schweiß in die Augen.
Niko Goodsworths Fuß ruhte gleichmäßig auf dem Gaspedal. Sein ganzes Gesicht war inzwischen von Narben übersät, ein Zeugnis von dem Ereignis, dass er vor zwei Monaten nur knapp überlebt hatte.
Er griff auf den Beifahrersitz, bis seine Hand eine aufgeheitzte Plastikflasche umschloss. Mit Mühe versuchte er mit einer schwitzigen Hand die Flasche zu öffnen, ohne die Augen von der Straße zu nehmen. Als es ihm nach einiger Zeit schließlich gelungen war, führte er gierig die Flasche an seinen Mund und ließ das letzte Schlückchen warmes Wasser den Hals herunterlaufen. Er legte die Flasche beiseite. Die heiße Wüstenluft hatte bereits seinen ganzen Mund wieder ausgetrocknet. Seine Augen begannen zu tränen, als die Sonne sich brutal durch seine zusammengekniffenen Augen drängte. Das gleißende Licht war so stark, dass die Straße kaum noch zu erkennen war.
Er hielt eine Hand hoch und versuchte, das Licht aus seinen Augen heraus zudecken. Der Himmel war dunkelblau, es würde bald abend sein. Als er kurz seine Augen von der Straße nahm, sah er etwas.
Rechts über seinem Auto flog, in immer gleicher Geschwindigkeit und immer gleichen Abstand, ein Tier. Das Wesen hatte vier Flügel mit roten Federn. Die Flügel des Wesen machten unwirklich langsame Bewegungen. Das Dröhnen des Autos schien zu verschwinden, die Straße wurde bedeutungslos. Hypnotisch starrte Niko auf das Wesen. Fast konnte er die Flügelschläge hören und mit jedem Schlag kam ihm eine weitere Welle Hitze entgegen.
Unwillkürlich blickte er kurz auf die Straße. Drei Meter vor ihm war eine enge Linkskurve.
Hastig schlug Niko links ein und hielt seinen Wagen nur mühsam auf der Straße.
"Scheiße!", fauchte Niko.
Die Sonne strahle ihn wieder gnadenlos an, dieses mal von rechts. Niko warf einen kurzen Blick nach oben, konnte das Tier jedoch wegen der sengenden Sonne nicht mehr erkennen.
"Konzentration, Niko!", zischte er sich selbst an.
Niko blickte auf die Straße und sah zu seiner Überraschung eine Siedlung, die man nun deutlich durch die flimmernde Luft erkennen konnte.
Er hatte also sein Ziel erreicht.
Er hatte die 'Sonnenstadt' gefunden.
Zuerst sah er gar nichts. Geblendet von der Helligkeit draußen, nahm er hier in der kleinen Baracke außerhalb der Stadt nur reinste Dunkelheit wahr. Die Luft war hier drinnen noch viel stickiger als draußen. In der Schwärze erkannte er zwei Fenster durch die das gleißende Sonnenlicht von draußen hereinströmte. Zwei Lichtpunkte in der Finsternis.
"Was wollen Sie hier?", fragte eine kühle Frauenstimme.
"Wer sind Sie?", herrschte Niko zurück.
"Unser Haus, unsere Bedingungen, unsere Fragen!", entgegnete die Frauenstimme.
Langsam gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit. Vor ihm konnte er die Besitzerin der harten Stimme ausmachen. Sie machte auf ihn den Eindruck einer sehr strengen Frau in ihren vierzigern. Ihre Haare waren humorlos zu einem Knoten zusammengebunden und klebten auf dem schweißgebadeten Gesicht.
"Mein Name ist Niko Goodsworth. Ihr habt mich angefragt, also verstehe ich nicht, wieso ich hier so einen Empfang bekomme!"
"Miranda Winder, Assistentin des Hauptkommissars. Ich hab die Anfrage rausgeschickt!", sagte die Frau, ohne merklich ihren Tonfall zu ändern.
Niko sah sich um. Direkt neben dem Eingang standen ein paar Ventilatoren.
"Wir versuchen schon seit Tagen, hier etwas Strom reinzubekommen, um wenigstens die Dinger da anstellen zu können. Seit dem Zusammenbruch des öffentlichen Systems sind sämtliche Städte nichts weiter als riesengroße Särge. So bleibt uns in dieser Hitze nur die nette Erinnerung, wie es denn sein könnte", lächelte Winder knapp und führte Niko in die Tiefen des Büros.
Vor ihm konnte er zwei Schreibtische ausmachen. Auf ihnen lagen Stapel von Papier mit handschriftlichen Notizen. Viele wurden notdürftig mit Klammern zusammengehalten.
Winder bedeute ihm zu sitzen und stellte kurz darauf ein dosenähnlichen Behälter auf den Tisch.
"Ist flüssig, schmeckt aber nicht besonders. Auch für das brauchen Sie viel Phantasie!", sagte Winder.
Niko nahm einen Schluck. Zuerst schmeckte es nach gewöhnlichen Wasser, doch plötzlich kam ein bitterer Beigeschmack dazu. Das ganze rann ihm klebrig die Kehle runter.
Er wollte das Gesicht verziehen, doch sein Gehirn wehrte den Reflex ab, so dass Winder nur einen gleichmäßigen Gesichtsausdruck sehen konnte.
"Sie sind härter, als ich dachte", murmelte Winder.
"Wollten Sie mich testen?", fragte Niko erhitzt.
"Vielleicht, ein bisschen."
"Ich habe keine Zeit für so was, Winder. Es ist sowieso ein Wunder, dass sich die SEEDs überhaupt für so eine kleine Sache interessieren", sagte Niko.
"Ein Wunder, dass die SEEDs einer ihrer besten Leute zu uns schicken. Sie haben nicht allzuviel Glück in letzter Zeit", sagte Winder und deutete auf sein vernarbtes Gesicht.
"Was wollen Sie damit sagen?", entgegnete Niko scharf.
"Das ich glaube, dass die SEEDs das hier unterschätzen. Vielleicht wurden Sie zu uns geschickt, damit Sie sich wieder an den Alltag eingewöhnen können. Ihr erster Auftrag nach ihrem Koma, etwas, was man nebenbei erledigen kann. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie falsch Sie mit dieser Haltung liegen", meinte Winder.
"Vielleicht könnten Sie mir deswegen einfach mal sagen, worum es überhaupt geht", schlug Niko vor.
Winder erwiderte nichts.
"Oder soll ich noch durch einen brennenden Reifen springen?", setzte Niko sarkastisch dazu.
"Sie sind ein lustiger Mann", entgegnete Winder in ihrer trockensten Stimme.
Die beiden sahen sich in die Augen. Dann schloss sich hinter ihnen eine Tür.
Niko drehte sich um. Ein älterer Herr mit wenigen grauen Haaren hatte den Raum betreten. Mit einem Handtuch wischte er sich Wasser vom Gesicht.
"Bruno Trescott, bin hier der Chef sozusagen. Hab mich nur kurz frisch gemacht", murmelte der Mann mit einer angenehm ruhigen Stimme.
Niko stand auf und schüttelte ihm die Hand.
"Behalten Sie ruhig ihren Humor, Herr Goodsworth. Sie werden feststellen, dass Humor hier draußen ihr bester Freund ist. Kommen Sie, ich bringe Sie in ihr Hotel", sagte Bruno.
"Ich würde es bevorzugen, erst mal in Erfahrung zu bringen, weswegen ich überhaupt hier bin. Ausruhen kann ich mich später noch!", entgegnete Niko.
"Alles gut, mein Freund, alles gut. Wir werden uns während der Fahrt unterhalten. Manche Dinge sieht man besser, während man darüber spricht. Und außerdem bin ich für jede Entschuldigung dankbar, aus dieser Hütte hier rauszukommen", entgegnete Bruno lächelnd.
Bruno hatte darauf bestanden, dass sie mit seinem Auto fuhren. Niko verstand sofort wieso, als ihm die kalte Luft aus der Klimaanlage ins Gesicht blies.
"Hab ich selbst eingebaut. Ist der Höhepunkt des Tages", versicherte Bruno seinem Mitfahrer.
Eine kleine, enge Straße führte durch die Holzhäuser der Sonnenstadt. Es kam Niko so vor, als würde der Weg immer enger werden und unwillkürlich fragte er sich, ob der Wagen irgendwann noch durch die engen Gassen passen würde. Bruno jedoch steuerte das Auto mit einer unheimlichen Sicherheit und schien mit den Gegebenheiten der Straße bestens vertraut zu sein.
"Die 'Sonnenstadt'. Eine von vielen schnell und improvisierten Städten, die man hochgezogen hatte, nachdem vor drei Monaten alles zusammengebrochen ist. Es ist eine hässliche Stadt, eine dekadente Stadt. Wir fahren gerade durch die Außenbezirke. Hier sind die Unterkünfte der Menschen. Vorne am Meer ist dann die große Partymeile. Dort haben sie sogar Strom", erklärte Bruno.
Die Häuser umschlossen immer dichter den Wagen. Die Sonne stand tief und färbte alles rötlich. Doch dort, wo die Häuser ihre Schatten warfen, herrschte komplette Dunkelheit. Durch die Schatten huschten gelegentlich ein paar Menschen.
"Dies hier ist eine Urlaubsstadt?", fragte Niko ungläubig.
"Ich sehe, wir teilen unseren Unmut", sagte Bruno.
"Das ist doch vollkommen unmöglich. Niemand kann in drei Monaten so eine Stadt erbauen, nicht in dieser Größenordnung Und woher sollen die bitte schön den Strom her bekommen? Die SEEDs kontrollieren momentan die Stromverteilung", fragte Niko.
"Nur den offiziellen, es gibt jedoch viel Stromhandel auf dem Schwarzmarkt. Die betreffenden Leute mussten nicht viel neu bauen. Es gibt im Ödland viele leerstehende Siedlungen, so verfallen, dass sie auf keiner Karte mehr verzeichnet sind. Die Baracken konnten schnell aufgebaut werden, der große Strand war schon da.
Die Situation ist beschissen. Nach dem Zusammenbruch des kompletten öffentlichen Systems kamen Leute an, die unbedingt das entstandene Machtvakuum füllen wollten. Sie gingen dabei natürlich in ihrem Kampf um die neue Macht nicht gerade zimperlich um. Die großen Diktatoren gingen, die kleinen kamen. Im Mensch ist vermutlich ein Machtwille angelegt", sagte Bruno.
"Nur in den Korrupten", entgegnete Niko.
Bruno schwieg für fünf Sekunden.
"Idealist?", fragte er.
"Realist. Wurde in den SEED Tests nachgewiesen, dass nur labile und schwache Persönlichkeiten den Willen haben, sich mehr Macht anzueignen, als ihnen von ihrer eigenen Kraft her zustehen würde", sagte Niko kühl.
Bruno schmunzelte, ließ die Aussage aber unkommentiert.
"Es gab hier ziemlich blutige Schlachten, aber schließlich hat einer gewonnen. Der erste Blätterhaufen", sagte Bruno.
Niko blätterte durch die notdürftig zusammengehefteten Haufen. Ein Name stand oben links.
"Vincent Corona... Kein Foto?", fragte Niko.
"Fehlende Technik. Wir wollen Corona dingfest machen, doch die Beweise und die Leute fehlen natürlich. Wir sind unterbesetzt und außerdem zerfleischen wir uns selbst. Da es hier draußen keine Gesetze gibt, wollen ein paar Kollegen Corona einfach umlegen", meinte Bruno.
"Ein gezieltes Ausschalten ist natürlich eine Option", meinte Niko.
Die Umgebung veränderte sich. Die Straße machte eine kleine Biegung. Die Häuser schlossen sie immer mehr ein, es wurde immer dunkler. Nur noch vereinzelt blitzte die rote Sonne durch.
"Es gibt zwar keine öffentliche Ordnung mehr, aber es ist so mein kleines Privatgesetz, dass ich nicht auf Coronas Niveau herabfalle. Wir haben diesen Mann erst besiegt, wenn wir ihn widerlegen, wenn wir seine Methoden widerlegen. Dann haben wir nicht nur ihn, sondern auch seine potentiellen Nachfolger in die Schranken gewiesen. Ansonsten ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich der nächste zum neuen Diktator aufschwingt. Deswegen hab ich sie hergeholt. Wir brauchen einen fähigen SEED, jemand der von außen die Lage beurteilt, jemand, der exakt arbeiten kann."
"Was genau ist denn meine Aufgabe?"
"In die Sache ist in letzter Zeit ungewöhnlich viel Bewegung gekommen. Wir haben Informationen, dass Corona irgendwas bekommen soll, irgendeine Lieferung, die ziemlich fatal das Mächtegleichgewicht stören könnte. Sie werden deswegen Kontakt mit einem Mann aufnehmen, der Corona kennt wie kein zweiter und den vollsten Überblick über sein Syndikat hat. Dieser Mann heißt Vincent Sheno. Er erwartet Sie heute abend in der Bar im Hotel, in dem Sie übernachten werden."
"Vincent...", murmelte Niko.
"Er hat den gleichen Vornahmen wie Corona. Sprechen Sie ihn nicht drauf an, er ist da sehr empfindlich", schmunzelte Bruno.
Die Musik wurde immer lauter, der Weg kaum zu erkennen.
Die Luft fühlte sich auf einmal anders an. Zusätzlich zu dem getrockneten Schweiß kam ein stechender Geruch in seine Nase und seine Haut zog sich zusammen, als würde ihm jemand Feuchtigkeit entziehen.
Dann brachen die Häuser weg und er wurde von der rötlichen Sonne geblendet. Er sah zu Bruno rüber, der sich elegant eine Sonnenbrille aufgezogen hatte.
Im rötlichen Licht war ein gigantischer Strand auszumachen. Seine Grenzen waren nicht zu sehen. Auf dem Strand waren die Umrisse von Tausenden von Menschen zu sehen, die zu einer hypnotisch, dröhnenden Musik tanzten. Das Meer war schwarz. Das Wasser reflektierte nicht das Licht, es wurde vollkommen aufgesogen. Mitten auf dem Meer konnte Niko die Umrisse eines Schiffswrackes erkennen.
"Die 'Phönix'. Sollte irgend jemand mit 'Sternenfeuer-Liquid', kurz SF, beliefern. Lief vor der Küste auf Grund, das ganze Meer ist verpestet. Die Seetiere sind tot und hier am Meer ist eine fürchterliche Luft. Das Zeug ist außerdem brennbar. Wenn irgendwann die Sonne etwas heißer ist als sonst und sich alles entzündet, ist diese Stadt sowieso binnen weniger Sekunden tot!"
"Und trotzdem wird hier getanzt?"
"Die Menschen halten sich schon für tot. Ihr Leben wurde vor drei Monaten zerstört, sie haben alles verloren, was sie jemals besaßen. Nun wollen sie wenigstens glücklich abtreten", murmelte Bruno.
Das Auto kam neben einem kleinen Häuschen am Strand zum Stehen. Aus einer Bar im Erdgeschoß drang Musik. Niko öffnete die Beifahrertür. Ein Schwall heißer und stinkender Luft kam ihm entgegen.
"Zimmer ist reserviert, Sheno erwartet Sie in einer Stunde", sagte Bruno.
Niko nickte und wollte das Auto verlassen.
"Niko..."
Niko drehte sich bei der Nennung seines Vornamens um. Bruno sah ihn ernst an.
"Nachts kommt die Angst. Nachts kommt die Dunkelheit. Ich weiß, wie sich dieser Scheiß anfühlt, die Panikattacken, die Schweißausbrüche, die Todesangst und die Furcht, was hier an diesem Ort aus einem werden kann. Doch Niko, Dunkelheit ist nur ein Mangel von Licht. Die Augen gewöhnen sich dran", sagte Bruno.
Seine Augen glitzerten merkwürdig im Dunkeln.
Unsicher, ob noch was kommen würde, wartete Niko ein paar Sekunden, nickte kurz und stieg dann aus.
Das Hotelzimmer entpuppte sich als kleiner, stickiger Raum mit geschlossenem Fenster. Nachdem Niko das Fenster geöffnet hatte, bemerkte er, dass ein wenig Bewegung in die stehende Luft kam, aber auch, dass der Gestank von draußen sofort in das Zimmer eindrang. Aus der Bar im Erdgeschoss kam Musik nach oben. Niko sah sich in dem Zimmer um und fragte sich unwillkürlich, wann hier das letzte Mal geputzt worden war.
Er sah direkt aufs Meer. Der düstere Umriss des Schiffswracks klaffte wie ein störendes Objekt in dem ansonsten perfekten Horizont.
Niko klatschte die Aufzeichnungen über Corona und seines Kontaktmannes auf den Tisch und inspizierte das Bad.
Erstaunlicherweise gab es fließendes, warmes Wasser. Nach einer erholsamen, warmen Dusche nahm er sich den Nachttisch des sehr schmutzig aussehenden Bettes und schob ihn neben das geöffnete Fenster und setzte sich auf einen morschen Stuhl. Auf dem Tisch stand eine fast vollständig heruntergebrannte Kerze. Er fand ein paar Streichhölzer in einer der Schubläden. Nach einigen Versuchen hatte er die Kerze zum Brennen gebracht und ein kleines Licht flackerte tapfer in der nun vollkommenen Dunkelheit.
Er ließ seinen Blick über das schmutzige Bett und das schwarze Meer schweifen und lauschte einem Moment der lauten Musik aus dem Untergeschoss. Der Wind wehte ihm angenehm um die Nase. In mitten dieser unzivilisierten Welt hatte er sich einen Ort geschaffen, der ihm gut tat, einen Ort, an dem er arbeiten konnte.
Er schnappte sich die Notizen und sah sie durch.
Die Kerze flackerte. Niko versuchte, auf seine Uhr zu schauen und sah, dass er noch gut eine Stunde Zeit hatte. Die Kerze brannte runter und warf flackernde und unheimliche Schatten auf die Wand.
Niko spürte, wie seine Augen schwer wurden. Vielleicht sollte er sich kurz hinlegen und sich erholen. Er wusste nicht, wie lange sein Treffen mit diesem Typen dauern würde.
Mit dem erlöschenden Licht drangen die Schatten immer weiter in den Raum ein.
Niko konnte kaum noch was erkennen. Er legte die Papiere beiseite.
Er tastete nach dem Bett und legte sich drauf. Er sank ungewöhnlich tief in das Bett ein. Es quietschte und irgendwas drückte in seinen Rücken. Niko hatte unwillkürlich eine Assoziation von etwas Lebendigem, dass in dem Bett wohnte.
Die Schatten an der Wand wurden immer grotesker. Das Licht flackerte. Schließlich erlosch die Kerze ganz und hinterließ nichts als eine reine Dunkelheit.
Von der Ferne drang die Musik in Nikos Ohr, doch sie schien langsam zu verschwinden, als würde jemand etwas zwischen sein Ohr und die Musik legen, ihn jemand aufnehmen in etwas tiefes, als würden die Schatten ihn in den Arm nehmen und ein großes, formloses Wesen ihn vor den Gefahren der Welt schützen.
Er sank immer tiefer in das Bett ein, bis es ihn gänzlich umschlossen hatte. Er spürte, wie er sein Körper langsam verließ und seine Reise in die endlose, lange Dunkelheit antrat...
Sein Kopf dröhnte, er verspannte sich, wand sich umher, drückte nieder, rang herunter. Seine Hände leuchteten fahl, er fühlte sich leicht und frei, doch unter ihm brodelten dunkle Schatten. Das Licht, dass aus seinen Händen kam, war grell und fürchterlich, die Dunkelheit einladend und geborgen.
Wie eine Wasserfontäne drückte sich das Dunkle gegen seine hellen Hände. Er versuchte, die Masse nach unten zurückzudrängen, doch sie floss geschmeidig durch seine leuchtenden Hände hindurch.
Das Dunkle, das Unterdrückte, bahnte sich seinen Weg nach oben, eine gigantische Revolution aus Nacht und Tiefe, aus Unterbewusstsein und Sehnsucht verschmolz mit seinem lichtgefüllten Körper. Er verlor Form und Farbe, alles vermengte sich, explodierte...
Heiße Sonne, ein fliegendes Tier mit vier Flügeln...
Er wusste den Namen des Tiers...
Ein 'Phönix'...
Er versuchte zu brüllen, anstelle eines Schreis spuckte er geifernde Schatten aus, die an der grellen Wand in merkwürdigen Mustern kleben blieben.
Dumpfe Musik kam von oben, jemand wollte ihn nach oben ziehen.
Er befreite sich, tauchte hinab in die dunklen Schatten, die immer neue, verworrene Muster hervorbrachten.
Wind kam an seine Nase. Er musste aufstehen. Er legte sich auf die Seite, blendete aus, wollte nicht wahrhaben, wollte nicht in die Dunkelheit schauen und doch brauchte er die Schwärze, dieses, was so anders und doch so gleich war, wie er selbst...
Eng, stickig, rauchig. Fünf Minuten später saß Niko in der vollkommen überfüllten Hotelbar. Die Musik dröhnte in atemberaubender Lautstärke. Die Dunkelheit schien immer noch wie ein unsichtbarer Mantel über seinem Körper zu liegen. Er war mit einem Schreck erwacht und sofort herunter geeilt, nachdem er sich überhastet die alten Sachen angezogen hatte. Ihm war immer noch leicht schwindelig.
Niko betrachtete für eine Weile die anwesenden Menschen. Manche von ihnen umkreisten seinen Tisch und warfen ihm ab und an merkwürdige Blicke zu. Ihr Lachen war wie ein hohler Knall im absoluten Nichts.
Zwei groteske Typen standen an der Bar. Sie erinnerten Niko am ehesten an Butler aus einer alten Burg, waren aber geschminkt wie Frauen und trugen unter der Taille Ledersachen.
Niko wischte sich den Schweiß ab, der langsam seine Sachen und seinen Körper zusammenklebte.
Warmes Wasser kam auf die durchtrainierte Haut eines Mannes. Dampf stieg auf. Erholsames, wunderbares Wasser. Der Dreck wurde von der verschwitzten Haut abgewaschen, nur ein übergroßes Tattoo blieb auf der Brust des Mannes.
Niko fuhr über seine etwas zu langen Haare. Dann bemerkte er durch Zufall, dass noch etwas anderes als Schweiß auf seinem Gesicht war... Eiterten seine Wunden wieder? Sahen ihn deswegen die Menschen so merkwürdig an?
Sich nervös umblickend nahm Niko eine Serviette und wischte sich möglichst unauffällig über das Gesicht.
Mit eleganten Bewegungen trocknete der Mann seinen durchtrainierten Körper ab. Seine Haare, kurz geschoren, waren sofort trocken. Er betrachtete sich selbst für eine Weile. Dann nahm er das Handtuch, trocknete sich noch einmal die Hände ab und begann dann seinen kleinen Unterlippenbart mit einem kleinen Kamm zu bearbeiten.
Niko wischte sich hastig mit der vollkommen verschmutzten Serviette die Hände ab. Plötzlich wurde alles dunkelrot. Zwei leicht bekleidete Mädchen kamen herein und starteten eine kleine Tanzshow. Niko starrte in sein leeres Glas. Lass die Mädchen nicht zu ihm schauen, lass sie nicht zu ihm schauen.
Jemand trat an den Tisch. Eine der Mädels streichelte ihm sanft über die Hände. Ihre Handflächen waren kühl, die Fingernägel rot lackiert. In Niko verkrampfte sich alles, sie drangen etwas vor, dass ihnen nicht gehörte. Er schüttelte heftig den Kopf. Das Mädchen legte ihm einen Finger auf die Lippen.
Der Druck war nicht mehr zu kontrollieren. Er explodierte, die Energie ging aus seinem Bauch an seinem Hirn vorbei in seine Arme, die reflexartig alles von sich wegstießen. Das Mädchen stolperte und fiel hin.
In der Bar gab es auf einmal laute Schreie, Buh-rufe. Dinge wurden nach Niko geworfen. Das Mädchen ging nach vorne. Etwas knallte, seine Backe war rot, die Wunden fingen wieder an zu bluten.
Die Bar applaudierte der Stripperin zur Ohrfeige. Niko starrte wieder in sein leeres Glas, schwitzte, kochte innerlich, war wie gelähmt und hätte alles für etwas zu trinken gegeben.
Der Mann ließ einen Drink seinen Hals herunter laufen. Er sah sich um, steckte sich eine Zigarette an, schnallte sich seinen Gürtel mit einer Pistole um und verließ dann das Hotelzimmer.
Entspannt schlenderte er den Flur entlang, passierte Niko Goodsworth Hotelzimmer, ging über die Treppe zwei Stockwerke tiefer und gab einen kleinen Zettel mit einen paar zutraulichen Worten einer Bedienung mit.
Der Zettel reiste auf dem Tablett durch die ganze stickige Bar und erreichte schließlich Nikos Tisch.
Dieser sah kurz drüber, stand auf und verließ hastig die Bar.
In der Dunkelheit des Hinterhofes stand ein schwarzes Auto. Das spärliche Licht, dass von der Bar ausging, wurde von der schwarzen Karosserie des Wagens sofort verschlugen.
Die Beifahrertür öffnete sich. An der Fahrerseite saß ein Mann, der gerade dabei war die letzten Bissen eines Brötchens zu essen. Er hatte kurz geschnittene Haare, eine Sonnenbrille und einen Kinnbart. Er winkte gelassen mit einer Hand Niko zu sich rein, während er sich mit der Serviette die Hände abwischte und mit seinen Augen auf einen Punkt in der Dunkelheit fixiert war.
Die Serviette flog raus, Niko stieg ein.
"Niko Goodsworth", sagte Niko und blickte zum Fahrer.
"Vincent Sheno in seiner ganzen Langweiligkeit", entgegnete der Mann in einer müden Stimme, während er weiterhin in die Dunkelheit starrte.
An seinen Händen waren mehrere Ringe und um den Hals trug er eine silberne Halskette. Eine Lederjacke komplettierte sein merkwürdiges Auftreten. Er zündete sich eine Zigarette an.
"Ich habe gehört, dass hier erhöhte Explosionsgefahr besteht", meinte Niko vorsichtig.
"Und wo bleibt dann der Spaß? Du hast übrigens Sabber auf deinem Gesicht", sagte Vincent und blickte Niko zum ersten Mal an.
Niko befühlte seine Narben. Er spürte, wie ihm was warmes aus dem Mund lief. Die Narben hatten sich wieder geöffnet.
"Scheiße!", murmelte Niko.
"Ich find den Anblick auch nicht schön, aber der Mensch ist eben auch nur ein Stückchen Fleisch", sagte Sheno lächelnd und reichte Niko ein Taschentuch.
Er wischte sich hastig die klebrige Flüssigkeit von seinem Gesicht ab.
"Wann fangen wir an?", fragte Niko um abzulenken.
"Wir sind mittendrin", sagte Sheno.
Niko blickte auf den Punkt in der Dunkelheit, den Sheno fixiert hatte und bemerkte, dass sich jemand dort im Schatten bewegte.
"In dem Lagerhaus wird sich vermutlich gleich einer von Coronas Männern mit jemanden treffen, von dem ich glaube, dass die betreffende Person ein Maulwurf ist. Einer von unseren Leuten, ein dreckiger Verräter. Corona hat neuerdings ein außergewöhnliches gutes Händchen dafür, potentielle Beweise verschwinden zu lassen, wenn du verstehst, was ich meine. Wenn wir uns noch kurz gedulden, werden wir vielleicht sogar Zeuge einer dubiosen Aktion in mitten der Nacht", meinte Sheno trocken.
"Es gibt hier einen Informationsaustausch? Hinter meinem Quartier?", fragte Niko, steckte das Taschentuch weg und beobachtete konzentriert den sich bewegenden Schatten.
"Eindeutig einen Hinweis, dass wir es mit einem größeren Plot zu tun haben. Vielleicht ist es auch nur eine Falle. Schauen wir mal, was passiert", sagte Sheno.
Der Schatten trat ins Licht. Es war ein blonder Junge.
"Oh, der kleine Tommy. Netter Junge, immer etwas unterkühlt. Hat stets Welpenschutz genossen. In seinem Umkreis geschahen immer sehr merkwürdige Dinge, Leute wurden verletzt, nie konnte ihm was nachgewiesen werden. Ein richtiger kleiner Sportlerjunge, unser Tommy", knurrte Sheno.
Tommy kam weiter ins Licht. Es handelte sich um einen braungebrannten, blonden Teenager. Er sah sich um und zog dann eine kleine Waffe.
"Oh man, wie ich falsche Menschen hasse! Ich hasse Ungerechtigkeit!", zischte Sheno.
Niko blickte seitwärts auf Vincent. Tommy blickte etwas unsicher umher.
"Oh, niemand da? Nanu, was bewegt sich im Schatten? Oh, nur ne Maus. Auch unser lieber Tommy muss wohl mit Unpünktlichkeit kämpfen. Oh, was kommt da aus dem Schatten, wohl sicher nicht seine unterdrückten Schuldgefühle", lächelte Sheno, während er Tommys unsichere Bewegungen kommentierte.
Jemand trat aus den Schatten. Es war eine Frau. Es war...
"Ist das nicht Miranda Winder?", fragte Niko.
"Nach ihren verschwitzten Haaren schon", sagte Sheno, doch seine Stimme war eiskalt.
Winder trat auf Tommy zu. Sie sahen sich kurz an und küssten sich dann.
"Hey, das ist ein echter Mandelmischer! Hätte drauf kommen können, dass Winder ausgetrocknet genug ist!", sagte Sheno.
"Bitte?", fragte Niko, dem Shenos Kommentare langsam zu weit gingen.
"Was meinst du, warum Leute korrupt werden? Weil sie die falschen Leute mögen. Winder ist ne frustrierte alte Frau und Tommy ein knackiger, junger Sportlertyp. Ich glaube, dass da ist für Winder der Höhepunkt des Tages. Dafür kann man auch mal seine Kollegen vepfeifen!"
Niko sah Sheno angeekelt an.
"Was denn? Wir reden hier über normale Dinge. Hier schau mal, was er jetzt macht. Tommy, du fällst echt unter deine Standards", murmelte Sheno, als Tommy Winder an den Hintern packte.
Niko schluckte.
"Zugriff oder wollen wir noch sehen, wie sie vögeln?", fragte Sheno, zog und entsicherte seine Pistole.
"Polizei! Sie sind verhaftet!", rief Vincent gelangweilt und riss Tommy mit Gewalt von Winder weg.
Tommy wollte seine Waffe ziehen, doch Vincent schoss zweimal ohne zu zögern und traf Tommy im Oberarm. Er heulte auf und ließ seine Waffe fallen.
Niko rannte derweil auf die paralysierte Winder zu und hielt ihr sein Zweischneider an die Kehle. Ihre Augen waren starr vor Schreck, ihre Wangen jedoch noch leicht gerötet.
"Na, Tommy, alles klar? Was machst du bei Corona? War er beeindruckt, wie du seinerzeit Getränke aus dem Supermarkt gestohlen hast? Oder wie du mit deinem super Fahrrad über Spielplätze gerast bist und dort den Kindern Angst eingejagt hast?", fragte Sheno kühl, während er auf den heulenden Tommy herunter blickte.
Vincent blickte von Winder zu Tommy und lächelte.
"Was sind das für Informationen, für die du mit Miranda ins Bett steigst? Ich mein, es muss schon echt wertvoll sein. Spürt man ihre Falten schon? Muss ja schon ganz schön trocken sein oder ist..."
"Vincent", sagte Niko warnend.
Der Junge atmete immer noch schwer, sprach aber nicht.
"Tommy, worum geht’s hier? Welche Informationen solltest du heute bekommen? Oder wolltet ihr erst was anderes austauschen, bevor es an die trockenen Informationen ging?", fragte Sheno.
Niko sah kurz zu Winder, die ihn anblickte, als wäre er ein Geist.
Ein ohrenbetäubender Schuss. Tommy wand sich schreiend auf dem Boden. Sheno hatte ihm ins Knie geschossen.
"Tommy, du weißt, wie das läuft. Es geht hier um Menschen, die mehr wert sind als du und du kennst mich und du weißt, was ich mit Leuten mache, von denen ich Informationen will. Worum ging es hier?", fragte Sheno ruhig.
"Sheno, das reicht! Wir foltern keine Menschen. Aggressive Verhörmethoden ja, keine Folter!", schrie Niko.
"Helfen Sie mir, das hier ist ein Irrer, er..."
Tommys Worte wurden abgewürgt, als Sheno ihn am Hals packte. Er senkte seine Stimme zu einem Flüstern herab.
"Es ist wirklich schmerzhaft, eine Kugel ins Knie zu bekommen. Aber viel schmerzhafter ist es, sie ohne Betäubung nur mit einem Messer wieder heraus zu operieren. Du bist ein kleiner Karrierist. Du hast keinen Respekt und keine Achtung vor anderen Menschen, die hart arbeiten, um sich und ihr Leben zu retten. Nein, Tommy, für dich gelten andere Regeln. Das habe ich begriffen und deswegen gelten für dieses Verhör auch andere Regeln!"
Tommy sah Vincent hilflos an.
"Ich kann nicht, er bringt mich um... Er wird mich zerstückelt ins Meer schmeißen... Ich will nicht sterben!", flehte Tommy.
"Ich kann dich beschützen, doch dazu musst du deinen durchtrainierten Arsch hoch kriegen und jetzt dein Maul aufmachen!", sagte Sheno.
Tommy erwiderte nichts.
Sheno stand auf und ließ ihn auf dem Boden liegen. Dann machte er einen Schritt zurück und kratzte sich mit seiner Waffe kurz am Kopf, als würde er angestrengt nachdenken.
Mit einem kleinen Schrei stürzte sich Tommy auf seine Waffe. Ohne zu zögern schoss Sheno dem Jungen zweimal in den Kopf.
Winder brüllte auf, riss sich von Niko los und rannte zu der Leiche des Jungen. Sie brach neben ihm zusammen.
"Mein Kleiner... oh, mein Süßer...", flüsterte sie.
Vincent warf Niko einen Blick zu.
"Ich habe ihn geliebt..."
"Du hast ihn nicht geliebt. Du hast das Gefühl geliebt, dass du verspürt hast, wenn du in seiner Nähe warst", sagte Sheno ruhig.
Winder nahm weinend Tommys Leiche in den Arm und schaukelte ihn sanft wie ein kleines Kind, dass in den Schlaf gewiegt wird. Niko wollte etwas sagen, doch Sheno hob unmerklich seinen linken Arm.
"Miranda, ich gehöre zu den Menschen, die Leute ins Jenseits befördern können ohne irgendwas zu fühlen. Ich kann das tun, was notwendig ist ohne zu fühlen. Ich habe zuviel erlebt, um noch etwas fühlen zu können. Du weißt, was ich mit dir anstellen kann, wenn ich es will!"
Winder erwiderte nichts.
"Tommy war nie dein toter Sohn und er war nie dein junger Mann... Er war nur ein Arschloch, der alles für ein wenig Macht getan hat. Ich weiß, wie das ist, wenn man am Boden ist. Ich habe zwei Kinder und meine Frau selbst beerdigt. Man wird anfällig für so was."
Er machte fünf Sekunden Pause
"Worum ging es hier?", fragte er.
Sie legte ihn sanft auf den Boden. Dann küsste sie ihn langsam auf den Mund und schloss mit ihren Händen seine Augen. Schließlich erhob sie sich und drehte sich um. Sie sah Vincent direkt in die Augen.
"Ich stand bis gestern in Kontakt mit einem gewissen Zed Black..."
Nikos Magen zog sich zusammen.
"...Er hat ein Deal mit Corona gemacht und... zwar will er ihm etwas geben. Eine Apparatur, eine Kiste, die er vor kurzem... irgendwie bekommen hat... er musste irgendwas damit machen... Nun braucht er sie nicht mehr", murmelte sie.
"Worum handelt es sich bei der Kiste?", fragte Niko.
"Etwas, dass er von einer Königin oder einer Gräfin bekommen hat. Er nannte das Teil das 'Traumprisma', irgend so ein mystischer Scheiß, der anscheinend in der Lage ist, die Grenzen zwischen Traum und Realität verschmelzen zu lassen..."
"Das ist der größte Dreck, den ich jemals gehört habe", sagte Sheno laut.
"Nicht so abwegig, wie man glauben möchte. Ich hatte auch Bedenken gegen den okkulten Zweig, aber ich habe schmerzlich am eigenen Leib erfahren müssen, dass es solche Dinge wirklich gibt", warf ihm Niko ein.
Sheno sah ihn kurz an.
"Wo will sich denn Corona mit diesem Black treffen?"
Sie hatten in den Dünen des Meeres gehalten. Direkt unter ihnen verlief eine Straße wie eine Trennlinie zwischen Strand und Land. Auf dem Sand war ein gigantisches Glasgebäude gebaut worden. Nur ein kleiner Anbau war aus Holz.
"Das 'Treibhaus', der Ort der sterbenden Träume", murmelte Vincent und wandte sich an Miranda, die nervös außerhalb des Autos stand.
"Ok, wenn die Mädels kommen, gehst du rein. Du besorgst uns Informationen über das Treffen von Corona und diesem Black. Wir hören alles mit, also keine Tricks!"
"...Ich habe Angst...", murmelte Winder.
"Nun, das solltest du auch. Wenn Corona dich erwischt, knallt er dich ab, wenn du ohne Informationen zurückkommst, tue ich es. Also, wenn ich du wäre, würde ich meinen knochigen Arsch da runter bewegen", sagte Vincent.
"Und was ist, wenn ich die Information bekomme, die du brauchst?"
"Reden wir drüber, wenn es aktuell wird."
Miranda sah sich unsicher um und bewegte sich langsam in Richtung des Glashauses.
Dröhnende Musik kam aus dem Gebäude. Die Wände waren beschlagen, in drinnen schien eine große Lichtshow abzulaufen. Niko konnte ein paar Silhouetten tanzen sehen.
"Die Mädels kommen?", fragte er.
"Das ist kein gewöhnlicher Club. Die machen um 8 auf, nur für Kerle, für junge, nette und sportliche Jungs, wie unser Tommy. Dann wird getanzt bis 11. Bis dahin heizen sich alle auf, die tun da was in den Sauerstoff. Um 11, also in fünf Minuten, kommen die Weiber dazu und dann geht’s richtig los. Auf viel Privatsphäre wird nicht mehr geachtet, um 1 Uhr nachts lassen die den Schaum los", knurrte Vincent.
"Widerlich", sagte Niko nach einer Weile.
"Du sagst es, du bist wie ich früher. Komm, das wird dir gefallen", sagte er, kurbelte das Fenster hoch und schaltete einen Apparat an.
Musik ertönte. Niko hatte nicht erwartet, dass Sheno eine solche sanfte und schöne Musik hören würde. Es war ein Stück aus einer Oper, spärlich instrumentiert und wunderschön von einer Frau gesungen.
"Eckst du eigentlich oft bei euch an?", fragte Sheno.
Niko war überrascht von dieser plötzlichen Frage. Er überlegte kurz.
"Die verstehen mich nicht. Die denken, sie seien so toll, weil sie so viel Abstand zu den Dingen haben. Die denken, nur weil mir was wichtig ist, sei ich ein Trottel, über den sich alle lustig machen können. Wenn man jedoch mit seinen Wegen Erfolg hat, lächeln sie einem zu und finden einen plötzlich ganz großartig. Für drei Wochen ungefähr", sagte Niko zu seiner eigenen Überraschung.
Er sprach selten so intensiv über sich selbst.
"Die haben keine Distanz. Sie töten bloß alles ab. Hätten sie Distanz, würden sie das größere Bild sehen. Wie die Typen da unten. Betäuben alles, setzen sich nicht mal dem Leben aus. Ich mag zwar kein Heiliger sein, aber das Verbrechen von den Typen ist, dass sie es nicht mal probieren.
Die Menschheit verfällt. Ich hatte mal viele Freunde, doch dann wurde meine Familie von so einer kranken Terroristengruppe in Timber entführt."
"Eine Widerstandsgruppe?", fragte Niko.
"Mir egal, für mich waren es Terroristen. Wollten gegen Deling protestieren und haben meine Kinder entführt. Die Polizei war mit denen unter einer Decke. Sie hatten einen von denen gefangen, waren aber zu dem netter als zu mir. Ich nahm ihn mir vor und bekam ein paar Antworten!"
"Du hast gefoltert?", fragte Niko.
"Ja und ich bin stolz drauf. Meine Frau und meine beiden Söhne waren schon tot, als wir ankamen. Nur meine Tochter hat überlebt. Wär ich nicht so vorgegangen, hätte ich heut niemanden mehr."
"...Was war das für eine Gruppe?"
"Die 'Adlergruppe'."
"...Du weißt schon, dass die 'Adlergruppe' von Deling lanciert wurde, um Hass zu schüren", sagte Niko vorsichtig.
Vincent lachte hohl.
"Glaubst du an diesen Propagandascheiß? Manipulierte Gruppen, na klar. Sie bekamen später ihren Arschtritt, als wir einmarschierten. Und jetzt hat es Caris wieder getan, soll er mal. Alles dekadente Drecksäcke da unten. Ich habe immer gesagt, dass Deling und Pollendina genau die edlen, reinen Väter waren, die wir immer gebraucht haben und wenn ich an sie denke, muss ich manchmal immer noch weinen.
Meine Freunde, meine sogenannten, behandelten mich genauso wie dich. Ihre Familien waren ja praktischerweise nicht entführt worden. Sie verurteilten mich für das, was sie meine Verbrechen nannten. Niemand auf dieser Welt ist dein Freund. Falsche Menschen sind sie. Wir sollten aufhören zu überzeugen. Es ist die Zeit für Härte, es ist die Zeit für etwas humanistischen Terrorismus."
Niko schwieg. Die Musik spielte ruhig weiter.
"Die Bräute kommen", sagte Sheno.
Ein Bus fuhr vor. Niko griff nach seinem Fernglas. Zu der sanften und träumerischen Musik im Auto stiegen zahlreiche Frauen aus und betraten das 'Treibhaus'. In dem Gewitter aus Licht begegneten sich auf einmal viele Silhouetten...
"Miranda, Status?", bellte Vincent ins Funkgerät.
Rauschen, dann eine verzerrte Stimme.
"Am...Eingang...."
"Rein mit dir, ist doch genau deine Zielgruppe da drinnen", knurrte Vincent.
Er stellte das Funkgerät wieder auf das Armaturenbrett.
"Scheiß Technik, Freundin?"
"Ja. Selphie."
"Gute Beziehung?"
"Wir haben wie jedes Paar Probleme, aber wir halten durch", sagte Niko lächelnd.
"Meine kleine Leona wohnt in einer Hütte irgendwo am Strand. Sie bekommt mein ganzes Geld. Sie redet aber kaum noch mit mir. Mag meine Einstellungen nicht mehr. Naja, aus Mädchen werden irgendwann Frauen und dann mögen sie ihre Väter nicht mehr", sagte Vincent.
Plötzlich kam eine männliche Stimme aus dem Funkgerät.
"...bist du denn?.... Was haben wir... hier?....Rüber..."
Sie konnten einen kurzen Aufschrei von Miranda hören.
"Scheiße", murmelte Vincent.
Er gab kurz etwas Gas. Das Auto fuhr auf eine etwas nächst höhere Düne. Unten an der Straße standen zwei Typen mit Waffen und verhörten Miranda. Sie traten ihr in den Bauch.
"...Für wen bist du... hier?... Hat dich... jemand geschickt.... Antworte oder wir werden unfreundlich", kam eine Männerstimme aus dem Funkgerät.
"....es ist.... nein... nicht...es war... Vincent...Sheno... er ist auf... dem Hügel..."
"DU BLÖDE SCHLAMPE!", schrie Vincent.
Er kurbelte das Fenster runter. Die sanfte Musik mischte sich mit der hämmernden Musik des 'Treibhauses'. Bevor Niko reagieren konnte, hatte Vincent seine Waffe gezogen. Er zielte kurz und feuerte dann schließlich einen Schuss ab.
Unten wurde Miranda Winder tödlich im Kopf getroffen und sackte zusammen.
"Was..."
"Festhalten!", knurrte Vincent.
Er gab Gas. Das Auto stürzte wie ein Raubvögel die Düne herunter. Im Auto wurde Niko kräftig durchgeschüttelt. Vincent fuhr gnadenlos auf die beiden Kerle zu. Mit zwei Schüssen traf er einen von Coronas Männern im Kopf. Ein Klicken. Seine Waffe war leer.
Der zweite griff nach seinem Funkgerät, doch bevor er etwas sagen konnte, wurde er von einem kleinen Messer direkt ins Herz getroffen.
Vincent brachte den Wagen zum Stehen und blickte zu Niko.
"Guter Mann, guter Wurf", sagte Vincent.
Die sanfte Musik spielte immer noch. Vincent stellte sie ab.
"Wir teilen uns auf. Du gehst zu der Holzbaracke. Hier muss irgendwo ein kleines Fenster sein, dass nach drinnen führt. Ich schau, ob ich von der anderen Seite reinkomme. Wir bleiben hiermit in Verbindung", sagte Vincent, während er seine Pistole nachlud und Niko ein Funkgerät in die Hand drückte.
Vincent Sheno schlich sich lautlos durch die wenigen Schatten, die das 'Treibhaus' bot. Die Scheiben waren vollkommen beschlagen, die Musik dröhnte und die Umrisse der Menschen waren inzwischen zu einer großen Masse in einem gigantischen Lichtspiel geworden.
Er hörte Stimmen und zog seine Waffe.
Im Schatten standen zwei weitere von Coronas Männern und unterhielten sich.
"Ich sage dir, richtig Spucken ist eine wirkliche Kunst. Es ist nicht nur einfaches Rumrotzen, es ist eine wirkliche Art des Ausdrucks. Du darfst zum Beispiel nicht deinen Kopf bewegen, nicht wie ein blödes Tier, du musst es locker unter der Zunge rausschießen", sagte einer.
"Jaja, das ist alles voll cool, aber kommst du auch so weit?", fragte der andere.
Er haute sich selbst auf dem Bauch und spuckte ein paar Meter weit.
"Was war das denn?"
"Das ist Weitspucken!"
"Es geht hier nicht um die Weite! Es geht hier um Stil. Es geht nicht darum, wie weit du mit dem Scheiß kommst, ob du deine Füße, das Meer, das blöde Schiff oder Hyne persönlich triffst, es geht um eine Geisteshaltung. Du willst vermitteln, du bist ruhig, du bist cool, dich kann nichts schocken. Und um dies zu vermitteln, musst du einfach cool sein. Und wenn du cool bist, dann äußert sich das in verschiedenen Dingen, z.B. in der Art, locker in die Gegend zu spucken. Es äußert sich nicht in der Kunst des Weitspuckens!"
"Und was äußert sich dann in der Kunst des Weitspuckens?"
"Das du ein Idiot bist!"
Vincent war komplett von den Schatten eingehüllt. Ein rötlicher Lichtschein strahlte fahl in seine Augen. Er nahm langsam seine Sonnenbrille ab. Die Augen, ein dreckiges Blau, gelebt.
Ein merkwürdiger Glanz tauchte in ihnen auf, als er langsam anfing, schneller zu atmen.
"Genießt du die Unterhaltung?", zischte eine Stimme ihm ins Ohr.
Eine Hand griff an seinen Holster und entwaffnete ihn. Dann wurde er nach vorne ins Licht gedrängt.
"Schaut mal, wen ich hier habe. Einen netten Polizisten", sagte der Mann hinter Vincent.
Die anderen lachten.
"Nein, geil! Herr Wachmeister, sie hier soweit draußen?! In unserer kleinen Hölle. Was sagt denn ihr hochverehrtes Weib dazu?"
"Die ist tot", sagte Vincent.
"Oh, das tut uns leid", lächelte der andere Typ.
Vincent lächelte ebenfalls.
"Jungs, ich warne euch, in aller Freundschaft. Lasst mich frei und verschont mich mit eurem Humor. Glaubt mir, ihr wollt diesen Weg nicht mit mir zusammen zu Ende gehen."
Die Männer lachten.
"Oh, aber du bist doch ein Polizist, oder? Und ein Polizist ist doch einer von den Guten, oder?"
"Die Guten und die Bösen haben heute schon Feierabend", meinte Vincent freundlich.
Dann schnellte er herum. Ohne zu zögern biss er seinem Hintermann in den Hals. Der Mann schrie auf, wehrte sich. Vincent drehte sich um und stellte den Mann zwischen ihn und die anderen beiden. Seine Zunge betastete den Hals. Blut, der Mann blutete, er hatte die Halsschlagader getroffen!
Klebrige, warme Flüssigkeit spritzte ihm in den Hals, lief ihm die Kehle runter, lief am Körper des Mannes herunter. Der Mann zuckte, kämpfte, Vincent schlang seine Arme um den Brustkorb. Das Herz des anderen schlug wie wild, drohte zu zerspringen, stotterte, erschlaffte, zusammen mit dem restlichen Körper. Er war tot.
Vincent spuckte das Restblut aus, sah seine Gegenüber in die Augen, die ihn anstarrten, als sähen sie ein Monster. Dann nahmen sie ihre Waffen und feuerten gnadenlos in den Sand. Vincent krabbelte wie ein Tier auf allen vier Beinen und sprang aus seinen Beinen einem der Typen an den Körper und stieß ihn um. Seine Hand griff an den Gürtel von Coronas Mann. Er fand ein Messer. Ohne zu zögern stach er auf den Brustkorb ein. Der Mann zuckte noch, Vincent rollte sich runter zum anderen, letzten Typen.
Er trat nach ihm, doch der Mann sprang über seine Beine hinweg. Vincent verpasste ihm einen Schlag in die Magengrube. Sie kämpften um seine Waffe. Schließlich stach ihm Vincent mit dem Messer in die Hand, warf sich hinter ihm und legte seine beiden Hände um den Hals des Typen.
"Ich tue... doch... nur meinen Job", krächzte dieser.
"Wie ich", knurrte Vincent.
Mit einem kurzen Stöhnen sammelte er seine Kräfte, drehte den Hals über seine natürliche Grenze hinaus. Mit einem lauten Krachen brach das Tor zwischen Leben und Tod, der Körper erschlaffte.
Schwer atmend stand Vincent auf. Für einen kurzen Moment war ihm schwindelig, dann würgte er und schließlich übergab er sich auf der Leiche des Typen.
Er blickte auf seine rechte Hand und merkte, wie sie zitterte. Mit seiner linken, ruhigen beruhigte er sie.
Dann griff er nach seiner Waffe. Der Mann mit den Messerstichen zuckte noch. Vincent sah ihn an und schoss ihm dann einmal in den Kopf.
Schließlich griff er nach dem Funkgerät.
"Niko? Drei Wachen auf meiner Seite, ausgeschaltet ohne größere Probleme."
"Verstanden. Bei mir bisher keine Vorkommnisse", antwortete Niko.
Er schlich vorsichtig durch die Dunkelheit und näherte sich immer weiter der Holzbaracke und dem Meer. Der Holzanbau dämpfte merkwürdigerweise sehr intensiv die Musik. Das Rauschen des Meeres war fast wieder zu erahnen.
Auf einmal ging links von ihm ein Licht an. Niko schnellte herum, zog seine Waffe...
Sein erster Gedanke war, dass er halluzinierte. Das Licht kam von einer alten Lampe, die an einem Stand hing. Eine der Stände, wie sie früher immer auf den Wochenendmärkten in seiner Heimatstadt zu sehen waren. Die Lampe strahlte ein weißes, fahles Licht aus.
Zwei Männer in weißen Hemden und schwarzen Hosen standen an dem Stand. Der Stand war voll mit Büchern und Postern.
"Hallo, haben Sie Lust auf einen freien Stresstest?", fragte einer der Männer.
"Was?", fragte Niko.
"Einen freien Stresstest. Hier, wir können ihnen Strategien zum Stressabbau beibringen, setzen Sie sich!", sagte der Mann in einer etwas emotionslosen Stimme.
Das Licht strahlte ihn von hinten an, sein Gesicht war nicht zu erkennen. Der zweite Mann stand direkt neben der alten Laterne. Er hatte leere Augen und erschien wie ein Geist.
Ohne genau zu wissen, was er tat, ließ Niko die Waffe sinken.
"Wer seid ihr?", fragte Niko.
"Nur ein paar einfache Leute, die den Menschen helfen wollen", entgegnete der erste Mann.
Der Zweite betrachtete Niko stumm.
Niko schielte auf ein Poster, dass an dem Stand befestigt war.
DAS LICHT IN UNS
"'Das Licht in uns'. Ich kenne diesen Satz", murmelte Niko.
"Er ist Glauben und Glauben ist reinstes Wissen, denn Glauben speist sich aus Liebe", sagte der erste Mann.
"Seid... ihr seid von 'Aomes Trianirea', der Sekte, oder?", fragte Niko.
Der Mann schwieg.
"Hat daher Corona dieses immense Geldsummen. Ist er einer derjenigen, die die Welt nach eurem Sieg übernehmen soll?", fragte Niko aggressiv.
"Wir sind 'Nachtgestalten', die nach dem endlosen Licht streben, dass nur in uns selbst gefunden werden kann", murmelte der Mann.
Bevor Niko etwas entgegnen konnte, ertönte ein grelles Geräusch. Ein alter Kommunikator lag auf dem Tisch und meldete sich. Der zweite Mann nahm ein großes Sprechrohr in die Hand und redete in das Ding.
"Ja... Oh, Herr Kesselroth. Eine Nachricht von Eza Ezkume. Ja... Schön, dass es ihn gut geht, wie geht es dem kleinen Emilio? 'Wurzel des Lebens' haben wir beide lokalisiert..."
"Was?", zischte Niko.
"Dies sind Geschichten aus anderen Zeiten, aus anderen Welten, andere Stränge in diesem Universum, jenseits von deinem. Mach dir keine Gedanken, Niko."
Der erste Mann war näher gekommen. In den endlosen Schatten glimmten zwei Augen.
"Was wollt ihr von mir? Wo bin ich hier?", fragte Niko.
"Wir? Wir wollten nur einen Stresstest anbieten. Du hast abgelehnt. Die Sache hat sich erledigt", sagte der erste Mann.
Er machte eine Handbewegung. Das Licht erlosch, Niko stand in endloser Dunkelheit.
Langsam tastete er mit seiner Hand nach vorne. Sie griffen ins Leere. Er versuchte über die Wellen nach dem Atmen von Menschen, nach dem Geräusch von Schritten zu hören, doch alles war ruhig.
Standen die Männer noch in der Dunkelheit und beobachteten ihn?
Niko merkte auf einmal, wie er zitterte. Bekam er Angst? Hatte er Angst, wirkliche, reale Angst? Er hörte, wie sein eigener Atem schneller wurde.
Musik.
Dröhnende Musik. Niko drehte sich um. Hinter ihm war das blitzende, feiernde 'Treibhaus', ein Spiel aus Licht in mitten der Dunkelheit. Niko atmete scharf ein. Er sah, dass direkt hinter ihm sich das Fenster befand, von dem Sheno gesprochen hatte.
Für einen Moment zögerte er, dann ging er auf das Fenster zu. Er sammelte sich kurz und betrat dann seine persönliche Hölle.
Seine persönliche Hölle entpuppte sich als heruntergekommene Damentoilette. Niko landete direkt auf einem Klodeckel, der mit Dingen beschmiert war, von denen er besser nicht wissen wollte, worum es sich dabei handelte.
Niko stieg von der Toilette herunter und verließ die Kabine. Die Toilette war in ein merkwürdiges, grünes Licht getaucht.
Eine Frau stand mit gesenktem Kopf über einem Waschbecken. Einer dieser Weiber aus dem Bus, dachte sich Niko.
Sie weinte.
Sie blickte hoch in den Spiegel und wirbelte vor Schreck herum. Sie starrte Niko ungläubig an und vergaß darüber hinaus fast, dass sie eigentlich gerade weinte. Das bisschen Schminke war ihr im Gesicht verlaufen. Schließlich sagte sie nach einer Weile.
"Ich hab dich gar nicht reingehen sehen."
Niko wusste nicht genau, was er darauf antworten sollte.
"Bist du ein perverser oder nur geil?", fragte sie dann.
"Nichts von beiden", entgegnete Niko barsch.
Die Frau lehnte sich entspannt an das Waschbecken. Sie war so alt wie er.
"Ok, jetzt bin ich verwirrt. Warum sollte sich ein Kerl in diesem Club in der Damentoilette verstecken, wenn nicht, um Gespräche von den Mädels zu überhören?"
Niko wollte ihr sagen, dass sie die Klappe halten soll, doch zu seiner Überraschung sagte er:
"Tut mir leid, das kann ich nicht wirklich sagen."
"Ok."
Unangenehmes Schweigen. Die Musik donnerte dumpf den Flur herunter.
"Was hat Sie denn so betrübt?", fragte Niko schließlich.
"Ok, du gehörst anscheinend zu den Kerlen, die gleichaltrige Mädchen siezen. Jetzt wird’s interessant", lächelte das Mädchen.
Das grüne Licht machte sie interessanterweise nicht wirklich hässlich.
"Ok, mysteriöser Kerl, wie ist denn dein Name?"
"Niko."
"Niko und?"
Niko schwieg.
"Kannst mir nichts verraten, hm? Und was bist du Niko?"
"Vergeben." Er wurde rot.
"...und ehrlich. Wirklich Niko, wir brauchen mehr Männer wie dich", sagte das Mädchen.
Niko wusste nicht, was er sagen sollte, gestikulierte zum Ausgang hin und wollte das Badezimmer verlassen.
"Bist du vielleicht ne Art Geheimagent?", fragte sie gespannt.
"...wieso Geheimagent?"
"Du bist zu nett für nen Bullen. Und, bist du?"
"Sowas... in der Art."
"Hey", sie flüsterte, "du willst doch nicht etwa... Vincent Corona platt machen?", fragte sie.
"Wieso?"
"Hm, zufälligerweise kenne ich einen Raum, der zufälligerweise ein Guckloch enthält, das zufälligerweise in Coronas Allerheiligstes führt", sagte sie.
Niko sah sie an. Die Tür ging auf, mehrere Mädchen mit Jungs im Arm kamen kichernd rein. Sie beachteten die beiden nur nebensächlich. Anscheinend wurden die Toiletten von allen dreien Geschlechtern regelmäßig frequentiert.
Das Mädchen lächelte und verließ den Raum. Niko dachte kurz nach und rannte ihr dann hinterher.
"Hey!", rief er.
Sie drehte sich um.
"Hey?", fragte sie mit hochgezogenen Augenbrauen.
"An deinen Vermutungen könnte was dran sein... Könnten Sie... Könntest du mir helfen?", fragte er.
Sie dachte kurz nach....
"Klaro, folge mir!", sagte sie.
"Wie heißt du eigentlich?"
"'Hey'."
Hey führte Niko durch die engen Gänge des 'Treibhauses'. Anscheinend gab es neben der großen Glaskuppel auch viele kleinere Gänge, die versteckt im Dunkeln lagen. Ihr braunes Haar absorbierte ein guten Teil des wild blitzenden Lichtes, glänzte im Dunkeln, die Konstante in diesem Wahnsinn aus dröhnender Musik, Stöhnen und verschwitzten Körpern.
Sie kamen zu einer Tür.
"Hier wären wir", sagte sie und öffnete den Raum.
Dahinter befand sich ein enger, runder Raum.
"Was ist das?", fragte er.
"Hier finden die Privatshows statt", sagte sie.
"Woher kennst du dich mit den Stripräumen hier aus?"
Sie musste kurz lachen.
"Du bist wirklich unschuldig wie ein Baby", lachte sie und ging dann zu einer Wand, die mit Glitzerzeug verhangen war. Sie schob ein paar der glitzernden Dinger beiseite, worauf ein kleines Guckloch zum Vorschein kam. Sie winkte ihn heran.
"Ok, Herr Agent. Aber ganz, ganz leise müssen wir jetzt sein", flüsterte sie und legte einen Finger auf ihre Lippen.
Niko schluckte und sah dann durch das Guckloch.
Mit dem Rücken zu ihm saß ein fetter Mann auf einem Sessel. Merkwürdigerweise klebte ein Pflaster auf seinem glänzenden Nacken. Vor dem Tisch stand mit verschränkten Armen Zed Black. Mit seinen langen Haaren und seinem Bart war er gar nicht so einfach zu erkennen.
"Und dieses pissige Ding ist es? Meine Nutten tragen da besseren Schmuck", grummelte der fette Mann, der irgendwas in einer kleinen Box beobachtete, die vor seinem fetten Bauch auf einem fettem Schreibtisch lag.
"Die Funktion ist das Wichtige, Corona", sagte Zed in einem etwas genervten Tonfall.
"Und bei ihnen hat es funktioniert?", fragte Corona.
"Mehr als zufriedenstellend."
Corona fummelte mit seiner dicken Hand in der Box herum und holte etwas heraus.
"Ihnen scheint wenig an so was zu liegen. Warum sind Sie so an dem 'Traumprisma' interessiert?", fragte Zed.
"Wenn ich es nicht habe, hat es jemand anderes. Gut, ich nehm das Scheißding", knurrte Corona.
Jemand betrat den Raum. Einer von Coronas Männern.
"Wir haben Besuch", sagte der Kerl.
"Wen?"
"Vincent Sheno. Wir haben ihn gerade aufgegriffen. Und noch jemanden. Ein SEED", sagte der Kerl.
"Wo ist der zweite Arschficker?"
"Oh, direkt hinter ihnen, sieht grade durchs Guckloch zu!"
Bevor Niko irgend etwas tun konnte, spürte er etwas Spitzes in seinem Nacken. Alles bäumte sich auf, dann war alles ruhig.
Heitere Musik aus einem Radio. Sie fuhren.
Niko öffnete mit einem Schlag seine Augen und atmete scharf ein. Neben ihm heulte jemand. Hey saß neben ihm. Er saß auf einer edlen Sitzgarnitur. Er war in einer Limousine. Ihm gegenüber saß jemand im Schatten. Licht schien von außen herein und beleuchteten das Gesicht von Vincent Corona. Er trug eine übergroße, gelbe Brille. Er gluckste bei Nikos Anblick. Rechts von ihm saß ein kräftiger Typ mit einer kräftigen Waffen. Links von Corona saß ein ungewöhnlich hübscher Junge, braungebrannt mit langen schwarzen Haaren und ebenso schwarzen Augen, die Niko teilnahmslos anstarrten. Sie erinnerten Niko an die Fenster eines verlassenen Hauses.
Corona streichelte den Jungen abwesend, während er mit der anderen Hand eine viel zu kleine Waffe für seinen dicken Körper auf Niko richtete.
"Wie süß, ein kleiner SEED bei mir in der 'Sonnenstadt'. Als würde ich meinen Betrieb nicht genau überwachen lassen", gluckste Corona.
"Lassen Sie die Frau frei!", krächzte Niko.
"Was hast du gesagt? Lauter, ich bin schwerhörig, was hat er gesagt?", fragte Corona.
"Du sollst die Frau freilassen", sagte der Junge in einer tonlosen Stimme.
Corona lachte laut auf.
"Ach, ihr seid mir vielleicht ein paar Helden. Bürokraten mit Waffen und Zaubern. Bist du ein Held, Niko? Bist du ein guter, netter Mensch?", fragte Vincent.
"Ein guter ja, ein netter nicht!", entgegnete Niko beißend.
Vincent Corona lächelte über seine Antwort. Dann beugte er sich plötzlich vor, bis zwischen ihren Gesichtern ganz wenig Luft war. Sein Augen waren wie ein eingefrorener Fluss, formlos, zynisch, krank. Er streichelte mit seiner Waffe Nikos Gesicht.
"Bist du ein mutiger Mensch?"
Die Waffe wanderte zu seinem Hirn.
"Bist du intelligent?"
Die Waffe ging zu seinem Herzen.
"Bist du ein gefühlvoller Mensch?"
Corona hielt die Waffe zwischen Nikos Beine. Anstatt eines Satzes lachte er hier nur und schüttelte den Kopf.
Schließlich nahm er seine Waffe wieder weg und ließ sich von seinem Leibwächter etwas geben, was Niko als seine Brieftasche wiedererkannte. Er kramte in ihr herum, bis er auf ein Foto stieß. Nikos Foto mit Selphie.
"Wer ist denn diese verklemmte Kuh, habt ihr so was schon mal gesehen? Jungs, heut abend gibt’s noch mal was. Wo wohnt sie? Trägt die nachts noch eine Zahnspange?", fragte Corona.
"Leck mich!", keuchte Niko.
Corona blickte ihn eine Weile an und lachte dann.
"Anhalten, Gorki, Waffe bereithalten. Code 75", sagte er.
Vorne wurde eine Pistole durch geladen.
Niko schielte zu dem Kind, das immer noch teilnahmslos ihn ansah.
Er spürte, wie alles an ihm auf einmal in Schweiß ausbrach. Hey weinte leise neben ihm.
Der Wagen stand.
Die Seitentür ging elegant auf.
Corona und Niko sahen sich an.
"Das Mädchen", sagte Corona schließlich.
"NEIN!", brüllte Niko.
Die Männer griffen nach Hey. Sie schrie in Panik auf, in Todesangst, trat um sich wehrte sich.
"Lasst mich los, ihr blöden Penner! Ihr Arschlöcher, ihr Wichser, loslassen! Hilfe, HILFE! Niko, du Agent, worauf wartest du? Leg die Arschlöcher um!"
Sie wurde raus gezerrt. Niko sah, wie sie in der absoluten Dunkelheit verschwand. Ihre Schreie hallten durch die Nacht. Die lockere, heitere Musik aus dem Radio spielte ungerührt weiter.
Niko blickte zu Corona, der lächelte.
"Bitte nicht", flüsterte Niko.
"Nein, bitte, ich will nicht sterben, nein...! NIKO! NIKO!"
"Halts Maul, du blöde Schlampe. Boah, das stinkt. Sie hat sich in die Hosen gepisst!", brüllte ein Typ.
Corona nahm die Brille ab.
"Geh mal weg, ich will das sehen", sagte er zu seinem Leibwächter und rückte ans Fenster.
Er blickte gespannt in die Dunkelheit. Anscheinend konnte er was in der Dunkelheit erkennen. Auf einmal stieß er einen lauten Seufzer aus und rief dann.
"Ok, los!"
Ein Schuss. Ein fallender Körper. Ruhe. Musik.
Das Kind sah Niko unbewegt an.
Niko stöhnte, er fühlte etwas warmes an seiner Wange. Er weinte.
Corona beugte sich vor und hustete. Sein kranker Atem kam in Nikos Nase.
Der Leibwächter setzte sich auf Heys alten Platz. Auf dem Boden trocknete einer ihrer Tränen.
Coronas Gesicht kam so nah heran, dass er nur noch seine Augen sah, seine dunklen, braunen Augen.
"Du hast sie enttäuscht, mein Freund. Fühlst du dich klein zwischen uns? Wertlos zwischen all den Menschen? Hilflos in einer Menge, du rufst, doch keiner hört dich, sie reden zu laut, du redest zu leise, Sehnsucht nach Stille. Fühlst du dich hilflos? Fühlst du dich impotent?"
Etwas haariges berührte seinen Mund, etwas abgeschmacktes drang ein und rührte in seiner Spucke herum. Niko zitterte. Das Gesicht erschien wieder. Corona hatte ihn geküsst...
"Dann willkommen in meinem Leben!", flüsterte er so leise, dass nur Niko es hören konnte.
Neben ihm eine Bewegung. Eine Spritze in seinem Hals. Etwas wurde ihm injiziert. Aus Formen wurden Muster, aus Muster undefinierbarer, blöder, erotischer, hyperealer, in gewissen Maßen, attraktiver, aber auch irgendwie abstoßender, leckender, viel zu süßer, intelligenter...
Zerbrechen, zerbersten, Scherbenhaufen vergingen, er war alleine.
Die Gefühle lösten sich ab, er war in Frieden. Identitäten verschwanden, er versank. Es waren nur Gefühle, nur Ansichten, wählbar, austauschbar. Hier im Urgrund war er wirklich zu Hause, die Sehnsucht nach dem Boden, nach dem Nichts, nach Ruhe.
Er war nun nackt, frei von allem. Er blickte in eine Höhle. Das Dunkle blickte zurück. Das Unbekannte. Und doch wusste er eines. Hier unten war das Dunkle, das Andere nur ein verzerrtes Spiegelbild von einem selbst. Verzerrte Ebenbilder. Eine Stimme sprach:
"Verzerrte Ebenbilder, Äste eines ganzen. Die Wahrheit über die Menschheit. Hier fließen Traum und Realität zusammen, hier warten wir im lichtdurchtränkten Raum auf die heilenden Engel, auf das siegende Licht, das alles erobern wird. Das 'Vorbei', es wird zum 'Jetzt', das 'Bald' zum 'Hier'", sagte eine Stimme.
Niko sah sich um. Er war in einer großen, kühlen Lagerhalle. Feiner Staub lag auf dem Boden. Vor ihm stand Vincent Sheno. Gigantisches Licht drang durch die Fenster. War er im Himmel?
"Wo ist der Unterschied zwischen Traum und Realität? Es ist alles frei und unendlich. Wer wagt es schon, die Enge an das Unterbewusstsein anzupassen? Nun gibt es mit dem 'Traumprisma' endlich das Bindeglied. Die Engel, von denen wir immer geträumt haben, werden Wirklichkeit. Das ist unser Vermächtnis, Niko. Die Welt in Flammen", sagte Sheno.
"Wer bist du?"
"Ich lebe das, was du träumst."
Vincent lächelte und entkleidete dann langsam seinen Oberkörper. Auf ihm war ein großes Tattoo zu sehen. Es zeigte einen...
"...Phönix...", flüsterte Niko.
"Elemente, Objekte, geboren aus Träumen. Es sind nur Elemente, doch wir geben ihnen Bedeutung. Wir machen das Irreale real... Verbindungen, Irrationalität, die wahre Weltenlogik steht dahinter. Die Verbindungen zu ziehen, die da sind, aber nicht durch den Verstand zu greifen sind... das ist die Aufgabe des Menschen. Er sieht nicht, was zählt... Bis es Nacht wird..."
Die Lagerhalle wurde dunkel. Die gigantischen Lichter erloschen.
"Wie ist es... jemanden zu foltern? Man... man hat doch eine Hemmschwelle", fragte Niko unschuldig mit einer hellen Kinderstimme.
Vincent lächelte und streichelte ihm sanft über den Kopf.
"Es sind doch nur Emotionen, Niko. Sie fallen ab von dir, du löst dich von ihnen, betrachtest sie als losgelöste Elemente von dir, die dir nur zufällig anheften und von den man sich befreien kann. Schmerz ist Ansichtssache."
Plötzlich zitterte er jedoch. Er packte Niko an den Schultern und fing an mit einer fürchterlichen Stimme weinend zu brüllen.
"Ich bin ein verbrannter Engel, habe alles verloren. Es ist alles abstrakt, abtrennbar, wertlos... Ich bin ein verbrannter Engel, ich bin verbrannt, ohne alles... ? Lass mich brennen, verbrenn mich, einmal alles spüren und dann gar nichts mehr, überwältigen, töten, gehen, Schmerz empfinden. Wir teilen ein in Gut und Böse, weil wir nie akzeptieren konnten, dass unsere liebenden Eltern uns auch bestrafen konnten. Doch es gibt kein Gut und kein Böse, es ist alles zu unserem Wohle. Nur der Dumme teilt ein zwischen Wonne und Schmerz und versucht, nach Wonne ohne den Schmerz zu streben. Dabei ist es eins. liebe mich und töte mich deswegen. Töte mich, gib so dir das Leben... wie es Urgesetz ist, dass aus dem Tod zweier Menschen ein neues Kind entsteht."
Niko sah zu Boden. Auf einmal fing Sheno an zu brüllen. Niko sah hoch. Der tätowierte Phönix wurde lebendig. Er gab einen lauten Schrei aus. Sheno schrie ebenfalls, er entzündete sich wie eine Fackel, rannte lichterloh umher. Das Feuer schlug wild um sich, bildete Flügel aus, ein brennender Engel stand vor ihm, konsumierte, der Sommer trumpfte auf...
Sommer-warm-Leben-schön
Winter-kalt-Tod-doof.
Sommer-heiß-Tod-Schön?
Bedeutungen, Assoziationen, Freude, ausgelöst durch Elemente, durch Begebenheiten, unfrei machen, bestimmt durch Zufall, durch Nichts, durch Schicksal, durch die Eltern, durch nichts... nichts... nichts...
nichts-nichts-nichts-nichts...
Es tat alles so verdammt weh. Er lag in etwas Feuchtem. Es fraß ihn auf. Er drehte sich, er wendete sich, doch überall kam dieses feuchte Übel an seine Haut und verbrannte seine Haut. Niko schlug die Augen auf. Der Himmel war rosa.
Er lag am Strand, er lag im Meer, die Wellen spülten über ihn rüber.
Er versuchte sich zu bewegen, doch die Kräfte verließen ihn, er brach zusammen.
Neben ihm sah er einen kleinen Felsen, er kam ihm vor wie ein riesengroßer Berg.
Er biss die Zähne zusammen und griff nach dem Felsen. Seine Muskeln schrien auf, er ignorierte den Schmerz. Es waren doch nur Schmerzen.
Stöhnend und ächzend zog er sich langsam an den Felsen hoch. Schließlich war auch sein kleiner Zeh aus dem Wasser.
Die Wellen spülten um den Felsen herum, leckten nach ihm, bereit, die Qualen wieder aufleben zu lassen, sobald ihn die Kraft verlassen sollte.
Niko blickte hoch, direkt der Sonne ins Gesicht, die ihre Strahlen durch die Häuser in seine Augen schickte.
Er hielt eine Hand hoch, um sich vor den Strahlen zu schützen. Sie war gerötet.
"Na, du blödes Miststück. Sieht so aus, als hättest du mich wieder", knurrte Niko die Sonne an, bevor ihn alle Kräfte verließen und er wieder ohnmächtig wurde.
Kaltes Wasser spritzte Niko ins Gesicht. Kalt, angenehm.
Er erwachte mit einem Schlag und sah, dass er auf einem Bartresen lag.
"Ohoo, er ist erwacht. Gregory!", schrie eine Person.
Es war einer der grotesken Butlerbarkeeper in der Hotelbar von Niko. Einer von ihnen spritzte Niko mit kalten Wasser aus einem Schlauch ab.
"Was soll das?", brüllte Niko.
Er rollte sich von der Theke und landete unsanft auf dem harten Boden. Er sah an sich herunter und merkte, dass er vollkommen nackt war. Mehrere Stellen waren gerötet und verbrannt.
Etwas landete auf seinem Gesicht. Ein Handtuch. Er nahm es herunter und sah Bruno Trescott amüsiert über ihm stehen.
"Bin froh, dass wir Sie wiederhaben!", lächelte er.
"...wir haben Sie am morgen bewusstlos am Strand gefunden. Wir dachten zuerst, Sie wären tot, doch sie waren nur ziemlich betäubt. Corona muss ihnen einen deftigen Cocktail gespritzt haben", murmelte Bruno.
Sie saßen an einen der Tische. Die Barkeeper hatten sich wie stille Wachen hinter Bruno plaziert. Die Bar war vollkommen leer.
"Wo ist Vincent Sheno?", fragte Niko schließlich.
"In Coronas Gewalt. Ich schätze, es wird nicht mehr lange dauern, da wird mir Corona offen den Krieg erklären. Ich bin jetzt quasi alleine."
"Sie haben immer noch mich, mein Vertrag läuft erst aus, wenn Corona gefasst ist. Vor allem, da er jetzt so ein Ding besitzt... das 'Traumprisma'."
"Das 'Prisma'", rief einer der Butler entsetzt.
"Sie kennen das?", fragte Niko unwirsch.
"Schätzchen, wir haben es erschaffen!", sagten beide zusammen.
Es herrschte kurze Stille.
"Bitte?", fragte Bruno.
"Das 'Traumprisma' ist eine Apparatur der Schwarzgötter. Als Abgesandte des Schöpfers hatten sie Zugang zu einem Kristall, der das Innerste auf die Welt ergießen sollte. Gräfin Elvira von Nokturn wollte letztes Jahr im Winter das Schattentor öffnen, was jedoch verhindert wurde. Allerdings besaß sie von dem Kristall ein kleines Fragment. Wir schufen ihr daraus das 'Traumprisma'", sagte einer der Butler.
"Wie das?", fragte Niko.
Sein Interesse stieg langsam.
"Wir sind, um es klar zu sagen, nicht menschlich. Wir sind größer als vieles von euch es sehen, inklusive Gräfin Elvira von Nokturn", sagte Lohan.
"Und was seid ihr?", fragte Niko.
"Unwichtig, junger Mann. Was wir sind, ist nicht wichtig. Unser Erscheinungsform ist eine Maske des Unendlichen, nichts weiter. Bedauerlicherweise seht ihr kaum dahinter. Für uns sind Zeit und Ort nur kleine Faktoren. Wir verfolgen schon eine Weile in dieser Geschichte ein paar Personen. Egal, welche Zeit, welcher Ort, die Menschen sind im Geiste Brüder. Sie tragen nach außen hin andere Masken, ihre Seelen ähneln sich mehr, als sie denken. Sie sind auf der Suche nach Erlösung, immer im Zirkel des Lebens, der Jahreszeiten, unterwegs. Sie geben Schmerz und Hoffnung an andere ab, sind enger verbunden, als sie es eigentlich realisieren und sind im Krieg wegen Nichtigkeiten des Bewusstseins.
Das 'Traumprisma' vereint zwei Welten, die ihr Menschen als unvereinbar einstuft. Traum und Realität. Ein Hilfsmittel, dass den tiefsten Wunsch, das tiefste Streben zu Tage führen lässt. Starke Menschen verwirklichen ihre Träume von selbst, das 'Prisma' ist ein verwerfliches Objekt", sagte Gregory.
"Dann muss es zerstört werden und Corona ebenfalls", sagte Niko entschlossen.
"Besprechen wir die Strategie. Wir werden viel Motivation dafür brauchen", murmelte Bruno.
"Motivation ist gut, Planung besser. Haben wir etwas zu schreiben hier?", fragte Niko.
Bruno reichte ihm schweigend ein paar alte Bierdeckel und einen Filzstift. Ihre Blicke trafen sich.
Niko stand schweigend an einem Fenster und sah nach draußen. Er hatte seine Waffen überprüft, alles war vorbereitet. Sie würden die Sache ausfechten.
Für einen Moment dachte er an letzte Nacht, an all die merkwürdigen Begegnungen, an das 'Treibhaus', an die komischen Typen am Strand, an das Mädchen, dessen Namen er nie erfahren würde. Dann jedoch kam Coronas Gesicht vor seinem inneren Auge wieder hervor und er verspürte eine kalte Wut, die er sonst nur bei den Namen Caris fühlte. Er musste diesen Mann zur Strecke bringen. Er musste es einfach.
Die Tür öffnete sich, zwei Menschen kamen herein. Die erste war eine schöne, schwarze Frau Anfang 40 in einem engen, schwarzen Anzug und mit zwei dicken Handfeuerwaffen, die zweite stellte sich als ein nervöser, junger Mann heraus.
Bruno kam ihnen entgegen.
"Ihr seid die Einzigen?", fragte er.
Die Frau nickte und sah dann Niko an.
"SEED, ich bin Foxy Pam, wenn du hier mit irgendwelcher Scheiße ankommst, trete ich dir so hart in den Arsch, dass du dem Mond persönlich einen Kuss geben kannst!", sagte sie und lächelte.
"Ähm... hallo...bin...Larry", flüsterte der zweite Mann, der sofort rot wurde.
"Meine letzten beiden Kollegen. Wie du siehst, bedienen wir hier keine Klischees", murmelte Bruno.
"Ok, also wir vier gegen..."
"...ungefähr ein Haufen von Coronas Yuppie-Ärschen plus endlos viele Leute, die weg schauen", ergänzte Foxy Pam Nikos Satz.
"Die... ganze... Welt... also", stotterte Larry und lächelte nervös.
Bruno räusperte sich.
"Ok, das Reden ist vorbei, jetzt wird’s dreckig. Es kommt ein blutiger Kampf auf uns zu. Wir haben keine Technik, wir haben keine Armee, wir sind nur vier Leute mit ein paar Waffen, die längst aus dem Verkehr gezogen hätten werden sollen. Das wird blutig, hart und dreckig. Das wird die letzte Schlacht um die 'Sonnenstadt'! Also würde ich vorschlagen..."
Ein lauter Knall, eine erste Kugel, gefolgt von tausend anderen flogen durch die Scheiben. Kugeln schlugen mit einer gigantischen Wucht in die Holzmöbel ein und zerfetzten alles.
Niko warf sich reflexartig auf den Boden.
"In die Küche!", brüllte Bruno, der am Arm getroffen wurde.
"Larry!"
Niko sah sich um. Der Junge lag auf dem Boden. Seine Halsschlagader war getroffen und das Blut spritze aus ihm heraus wie aus einem unter Druck stehenden Schlauch.
Foxy Pam schlang ihre Arme um Larrys Körper und zog ihn kriechend in Richtung Küche. Niko griff nach Larrys Beinen. So schleppten sie den Jungen kriechend durch die Bar, während über ihnen die Kugeln hin und her flogen und neben ihnen einschlugen.
Schwitzend erreichten sie die Bar und warfen sich mit letzter Kraft durch die Tür. Wütend warf Niko die Tür hinter sich zu. Sie hörten, wie im Nebenraum immer noch dumpf die Kugeln einschlugen.
Bruno hatte sich über Larry gebeugt. Seine Augen waren leer, er war tot. Foxy Pam schloss ihm sanft die Augen und streichelte ihm einmal über den Kopf.
"War ne kurze Schlacht, hm?", knurrte Bruno zynisch.
Er zog sich seine Jacke aus und zerschnitt sie mit einem Messer. Dann band er sich die Fetzen als provisorischen Verband um seinen Arm.
"Reicht es nicht, wenn die Kerle da draußen sind, da brauchen wir sie nicht in unseren Köpfen", sagte Foxy Pam.
Die Schüsse hatten aufgehört. Ein paar Schritte und Gemurmel war nebenan zu hören.
Niko atmete einmal tief durch.
"Ich sterbe nicht hier drin", murmelte er.
"Und wie kommst du auf diese fixe Idee?", fragte Foxy Pam.
Ihre Hand ruhte immer noch auf Larry.
Schritte waren in der Bar zu hören. Der Tod war direkt nebenan.
Niko dachte an das tote Mädchen ohne Namen.
"Keine Ahnung... Wir stehen mit dem Rücken an der Wand, oder? Wir haben nichts mehr zu verlieren. Da draußen stehen ein paar Typen, die uns töten wollen. Und noch viel weiter draußen sind viele Urlauber, die unseren Tod einen Scheißdreck interessiert.
Wir haben alles verloren, wir haben nichts zu verlieren. Wir sind die letzten drei Menschen in dieser Stadt, die was reißen wollen. Das ist unser Job. Und wenn ich abtrete, dann bei der Arbeit. Das bin ich. Und deswegen habe ich keine Angst. Und deswegen geh ich hier drin nicht drauf. Deswegen bin ich frei. Nicht für immer, aber für diesen kleinen Moment bin ich frei", sagte Niko.
Die Schritte kamen näher.
Sie sahen sich an. Bruno lud zwei Handfeuerwaffen durch. Seine Augen waren alt, aber entschlossen. Schließlich ließ Pam Larrys toten Körper los. Alle drei standen auf, sahen sich an, warteten auf ein unsichtbares Signal. Sie richteten ihre Waffen auf die Tür, durch die jeden Moment ihre Feinde eindringen konnten.
Die Schritte stoppten.
Der Zeitpunkt war gekommen.
Niko öffnete die Tür.
Bruno und Foxy feuerten.
Sie stürzten in den Raum. Die Kugeln schlugen in Körper ein, der Tod griff um sich, nahm sich seine Opfer. Die drei mähten wie ein gewaltiges Schiff durch Wellen. Nur noch raus, nur noch weg, nur noch überleben.
Foxy Pams Gewehr war alle, sie benutzte das Messer, streckte drei Leute nieder, ein vierter packte sie von hinten, hielt sie fest, sie spuckte ihm ins Gesicht, bis ein fünfter kam und sie mit seiner Maschinenpistole durchsiebte. Sowohl der vierte als auch der fünfte folgten ihr Bruchteile von Sekunden später, als Brunos Waffen ihren Dienst taten.
"Raus!", schrie Bruno und rannte zur Tür.
Niko hinterher.
Er spürte den Atem, die Kugeln der Männer hinter ihm. Er stieß die Tür auf...
Die Sonne schien ihm ins Gesicht, alles war lichtdurchtränkt. Alles zog vorbei, ein heißer Wind wollte ihn stoppen, doch Niko rannte nur noch, rannte um sein Leben und seine Freiheit. Die Beine brannten, das Herz raste, der Mund war ausgetrocknet.
Er sah nichts mehr, er hörte nichts mehr, er fühlte nichts mehr. Dunkle Schatten in der Sonne bildeten die Umrisse von Häusern, manchmal meinte er, Geflüster zu hören.
Niko rannte durch die Sonnenstadt, alleine und verlassen. Er war in einer großen Straße, die keinen Boden hatte, es war eine Straße aus Sand. Niemand sonst war da, doch links und rechts von ihm, in den Gassen rannten parallel zu ihm seine Verfolger, wohl verborgen von den Schatten, bereit, wie Aasfresser auf ihn niederzustürzen, sobald er Schwäche zeigen würde.
Er rannte, mobilisierte alle Kräfte. Bilder preschten durch seinen Kopf, zeigten ihm seine Vergangenheit, seine Gegenwart, die letzte Nacht, den Schmerz der Zurückweisung. Er würde nicht aufhören, er hatte Ausdauer, er kannte keine Schwäche.
Doch die Sonne war erbarmungslos. Er spürte, wie seine Beine nachgaben, wie alles nachgab, der Boden zusammenstürzte. Es durfte nicht sein, es konnte nicht sein.
Er gab auf. Er stieß einen lauten Schrei aus Wut und Schmerz aus und fiel mitten auf der Sandstraße in den Staub.
Aus der Dunkelheit kamen acht Schatten, Männer mit langen Gewehren, langen Mänteln und ins Gesicht gezogene Hüte. Niko lag auf seinen Knien und beobachtete, wie diese acht Boten des Todes sich ihm kreisförmig näherten.
Er blickte hoch in die Sonne, sah nur Licht. Sie hatte den höchsten Punkt des Tages erreicht.
Mittag, die Stunde war da.
Die Umrisse der Männer schoben sich vor das Licht. Sie hatten einen Kreis um ihn gebildet, aus dem es kein Entkommen mehr gab. Das Blut bebte durch seine Adern, er schüttelte sich, die ganze Welt erbebte in seinem Inneren. Er blickte in die Sonne, sah aus den Augenwinkeln, wie die Kerle in einer gleichförmigen Bewegung ihre Gewehre wie Schwerter langsam sinken ließen, sie auf Niko richteten. An acht Stellen auf seinem Kopf spürte er den Lauf von acht Gewehren. Schweiß rann in seine Augen, Tränen kamen aus ihnen. Er flüsterte unkenntliche Worte, atmete schneller, die Luft bildete Laute aus Angst.
Er hatte Angst. Er war nicht frei. Er war Mensch.
Jetzt war es zu Ende.
Alle Männer entsicherten einander ihre Gewehre. Acht mal Klicken.
Die Anderen hatten gewonnen.
So einfach war das. Die Anderen hatten immer Recht gehabt, sein ganzes Leben lang. Er hatte falsch gelegen, er hatte immer die falsche Entscheidung getroffen, Entscheidungen, die ihn zu diesem Punkt geführt haben, zu dem Punkt, an dem er unwürdig sterben würde.
"Sie hätten den Stresstest wirklich machen sollen", sagte ein ungerührte Stimme.
Durch einen Spalt zwischen den Körpern der Männer sah er den einen Mann vom Stand. Sein Gesicht war verdeckt, doch er lächelte.
"Ist dies das Ende? Ich denke nicht, dieser Junge ist viel zu süß, um zu sterben", kicherte eine zweite Stimme.
Sie gehörte einem der Butler.
"Ihr seid hier?", fragte der Mann. Seine Stimme zitterte.
"Dummkopf, du warst immer so schlau, wie du aussiehst. Wie sonst hätte das, was das Unvereinbare eint, 'Traumprisma', auf diesem Planeten existieren können", entgegnete der Butler.
Der Staub, der von der Luft über Nikos Kopf hinweg geblasen wurde, formte ein Gesicht. Das Gesicht eines der Butler.
"Niko, Menschenseelen sind unergründlich. Eine kleine Spitze bildet ihr Gesicht, ihr Äußeres, doch dahinter verbirgt sich ein Labyrinth, ein weitverzweigtes Höhlensystem aus Erinnerungen, Wünschen und Ängsten. Dieses Labyrinth bildet den Zugang zu allem, das, was hinter den Gesichtern ist, bestimmt die wahre Logik eures Tun. Verbinde die Elemente, die äußerlich willkürlich und zufällig zusammenspielen, insgesamt doch unzertrennlich und eins sind. Schaffst du dies, so wirst du überleben. Nimmst du diese Herausforderung an?"
"...Ja... Die Suche... wo sind die Vincents?", flüsterte Niko.
"Der Weg wird sich zeigen. Niko, wir beobachten dich... wie wir alle beobachten..."
"Nun hör auf mit den großen Worten, Gregory. Du verwirrst ihn nur. Ist es nicht heiß heute?"
"In der Tat, Lohan. An solchen Tagen sollte man viel trinken. Sonst könnte man glatt... einen Herzinfarkt erleiden..."
Der Druck auf seinem Kopf verschwand. Acht Waffen fielen auf den Boden, acht Männer griffen sich mit stummen Schreien plötzlich an ihr eigenes Herz, acht Körper fielen kurze Zeit später leblos zu Boden. Der Sand deckte ihre Körper zu.
Niko erhob sich langsam mit zitternden Beinen. Niemand schien sonst in der Straße zu sein. Bruno war nirgends wo mehr zu sehen.
Etwas kam von weit her. Meeresrauschen.
Am anderen Ende der Straße war das Meer. Dahinter war die 'Phönix'. Und davor, am Ufer war ein Boot festgemacht.
Die Vincents waren auf der 'Phönix'.
Der Motor erstarb mit einem letzten Seufzen. Vor ihm lag still und ruhig das Wrack der 'Phönix'. Am Schiffsrumpf war ein großer Phönix mit vier Flügeln abgebildet. Darunter war in geschwungenen Buchstaben in inzwischen verblassendem Rot der Name des Schiffes geschrieben worden.
Mit einem Sprung hüpfte er von dem kleinen Motorboot an Bord. Niko sah sich um und holte sein Messer und eine Pistole aus dem Hosengürtel. Das Schiff schien verlassen. Als er ein paar Schritte machte, knarrte der Boden. Etwas erregte seine Aufmerksamkeit.
Eine Blutspur war auf dem Boden. Die Spur führte durch ein zerschlagenes Fenster auf die ehemalige Brücke und dann immer tiefer in das Schiff herab. Die Eingeweide des Schiffes waren schwül und stickig. Die Luft hatte einen beißenden Gestank. Der Gang und die Spur führten nach links.
Am Ende des Weges waren zwei Männer. Einer lag auf dem Boden, stand über ihm mit einer Waffe. Niko begann zu rennen.
"Vincent!", rief er.
Sowohl Corona als auch Sheno blickten überrascht zu ihm.
"Niko, du lebst. Ich war gerade dabei, dieses Stück Scheiße umzubringen", sagte der Vincent mit der Waffe.
Niko blickte auf Corona herab. Der kleine, dicke Mann hatte viel an Würde verloren. Er zitterte. Am anderen Ende lagen drei Leichen, wohl Mitarbeiter von Corona. Sie waren bestialisch zugerichtet. Man hatte ihn die Kehle durchgebissen.
"Du hast nichts mehr, was ich brauchen könnte, oder Corona?", flüsterte Sheno.
Das Klicken der Waffe holte Niko in die Gegenwart zurück. Shenos Gesichtszüge hatten sich verhärtet. Er war bereit zu töten.
"Sheno, du kannst Corona jetzt nicht ausschalten! Er ist zu wertvoll!", sagte Niko ruhig.
"Niko, halt dein Maul, hier spielen jetzt die großen Jungs..."
"Dieser Mann wird vermutlich von der Sekte unterstützt. Wir brauchen ihn lebendig."
"VERSAU MIR DAS NICHT!", brüllte Sheno.
"Vincent, Waffe runter, sofort!", meinte Niko auf einmal scharf und richtete seine Pistole auf ihn.
Sheno zögerte einen Moment und fing dann an zu lächeln. Es war ein böses Lächeln.
"Wenn du mir das ruinierst, dann bringe ich dich um", flüsterte er.
"Ich erledige nur meinen Auftrag!", rief Niko.
"Ich auch", entgegnete Vincent und zielte auf Coronas Kopf.
Niko zögerte nur einen Moment, bevor er nach vorne schnelle und Vincent auf den Boden warf. Sheno sah Niko entsetzt an. Urplötzlich schnellte seine Hand an Nikos Hals. Niko sah Shenos mörderische Augen, als ihm die Luft abgedrückt wurde. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Corona sich mühsam aufrappelte. Niko schlug Vincent ein paar Mal ins Gesicht. Corona stolperte durch den langen Schiffsgang nach draußen.
Sheno stieß einen Schrei aus, warf Niko beiseite und feuerte ein paar Mal in den Gang herunter, doch Coronas Schritte waren bereits nicht mehr als ein Echo.
Niko stand langsam auf. Sheno stand mit dem Rücken zu ihm. Er lachte kurz ungläubig auf.
Dann nahm er seine Waffe und schoss.
Niko fühlte eine endlose Gewalt in seine Beine eindringen. Sie gaben nach. Niko stöhnte auf, betrachtete fassungslos die beiden Schusswunden und das Blut, dass herauslief. Sein Blut.
Sheno hatte ihn verletzt, er hatte ihn entwürdigt, er stahl ihm sein Blut, sein Leben. Mit welchem Recht wendete dieser Arsch soviel Gewalt an. Er sah mit einem endlosen Hass zu diesem Monster hoch. Er hielt ein Amulett hoch und flüsterte Worte, die Niko wie durch einen langen Tunnel erreichten.
"Das 'Traumprisma'. Tor zum Unbewussten. Brücke zwischen Traum und Realität."
"WAS SOLL DAS?!", brüllte Niko.
"DU WEIßT NICHT; WORUM ES HIER GEHT! Es geht nicht um die Statistik, es geht hier ums Überleben, ums pure Überleben! Du hast niemanden verloren, der dir nahesteht. Du kennst nicht den Schmerz, diese Hilflosigkeit, wenn man merkt, wie schwach der menschliche Körper eigentlich ist! Nein, du weißt es nicht, wie es ist, wenn sich die ganze Welt von einem abwendet!
Ich habe wirklich viel Scheiße durchgemacht. Und ich habe erkannt, dass letztlich alles nur Aktion und Reaktion ist. Es ist bedeutungslos, Niko! Es ist alles bedeutungslos, es wird alles untergehen, hemmungslos dem Abgrund entgegenrasen. Die Welt ist Verfall und es gibt wenige, die wirklich was in dieser unförmigen und hässlichen Welt voller Idioten auf die Beine stellen, die wirklich noch Ästhetik haben", rief Sheno.
"HALTS MAUL! ICH HABE SOVIEL GESEHEN IN DEN LETZTEN STUNDEN, ICH KANN DIR NICHTMAL SAGEN, WARUM ICH ÜBERHAUPT NOCH LEBE!", schrie Niko.
"Dann wirst du ja sicher auch wissen, wovon ich rede. Warum hast du mich dann aufgehalten? WARUM? Ich verstehe das nicht", fragte Sheno.
Niko schwieg. Sheno lächelte ihn schließlich mitleidig an.
"Du denkst, ich bin ein Monster. Doch ich bin nichts gegen das, was du in deinem Inneren trägst, nichts, was du dein Leben lang zurückdrängen willst, nichts, was sich in diesem endlosen Druck aufgebaut hat."
Sheno beugte sich vor. Er streichelte Niko über die Wange, während er ihm die Pistole an den Hals hielt. Mit der anderen drückte er Niko das Amulett vor die Augen. Der Kristall war endlos dunkel. Er sah ein endlos dunkles, wogendes Meer.
Das Meer glitzerte, brechend, verbrennend, neuformend, zerstörend, wiedergebärend...
Er saß alleine in einer Masse von Menschen. Niemand sah ihn an. Er stellte fest, dass er durchsichtig war, sie gingen durch ihn hindurch, beachteten ihn nicht, alles tot, alles weg, alles fort.
Abgeworfen hatte er alles Bewusstsein, abgeworfen alles Behindernde. Nur er war da. Totlebendig, ohne Aussicht, ohne alles.
Verloren hatte er alles.
Verdorrt und dunkel war alles um ihm herum. Er wollte nur noch sterben, verschwinden, sich auslöschen...
"Deine Sehnsüchte sind nie erfüllt worden und nie würdest du mehr die Chance haben, deine Sehnsüchte dir zu erfüllen, das denkst du. Du fühlst dich wertlos und schwach. Das ist es, oder, warum du die Menschen hasst. All das kleine, was tagtäglich zwischen ihnen ist, all die kleinen Sehnsüchte und Träume machen dir Angst. Du kannst sie dir nicht mehr erfüllen...
Das Urwesen des Menschen ist Sehnsucht. Und an diesem Ort, in dieser Zeit, wo es keine Sehnsüchte mehr gibt, blickst du ins verzerrte Antlitz deines Bewusstseins. Du verachtest dich selbst, so wie du die 'Sonnenstadt' verachtest, die all das, nur anders ist!"
Er wollte Freiheit...
Er wollte brennen...
Er wollte leben...
Doch er konnte nicht. Das Tote in ihm zog ihn herunter. Er hatte Angst, widerliche Angst vor dem Licht. Er wollte, doch er konnte nicht. Alles weg, alles fort.
Das Mädchen ohne Namen. Er hatte es nicht beschützen können. Vier Leute gegen eine Übermacht gegen den Tod. Er hatte es versucht. Er versuchte... er versuchte...
"Mädchen ohne Namen, das ist für dich..."
Aus seinem Herzen kam ein heller Strahl angeschossen. Ihm wuchsen große und wunderschöne Flügel. Ihre Stimme flüsterte in sein Ohr...
"Lass den Vogel fliegen..."
Die Leute wussten sofort, dass sich was verändert hatte. Die Luft veränderte sich. Es war, als würde der Wind ihnen in Stößen ins Gesicht kommen. Wie das Ausatmen eines Tieres...
Obwohl keine Wolke am Himmel war, schien auf einmal alles etwas dunkler zu werden, als hätte jemand die Intensität der Sonne zurückgedreht. Ein Druck war auf einmal bei den Menschen auf dem Ohr. Ein unsichtbares Beben schien zu nahen.
Von dem Schiffswrack ging ein warmes Leuchten aus.
Dann, ohne, dass es eine hörbare Explosion gegeben hätte, verglühte es auf einmal und zerfiel binnen Sekunden zu Staub. Für einen Moment war es ruhig.
Eine Flamme kam aus dem Inneren der Asche. Etwas erhob sich aus dem lebendigen Grab. Flammen, warme leuchtende Flammen, kamen heraus. Sie bildeten die Form von Flügeln. Sie bildeten ein Tier.
Auf einmal stießen die Flammen eine Welle von Wärme aus. Ein langsamer, wunderschöner Schrei ertönte dazu. Aus den Flammen wurde ein gigantisches Tier mit vier wunderschönen Flügeln geboren.
Ein Phönix.
Der Phönix drohte abzustürzen, doch er schlug mit den Flügeln und hielt sich so in der Luft.
Mit jedem Schlag kamen weitere Wellen von Wärme und Hitze. Dann passierte es.
Ein Funken fiel auf das Meer und binnen von Sekunden hatte sich die vergiftete Oberfläche des Wassers entzündet. Mit rasender Geschwindigkeit breitete sich der Feuerteppich aus.
Die Menschen hörten keinen Laut, die Flammen auf dem Meer verzauberten sie mit ihren kunstfertigsten Mustern. Der Phönix gab einen weiteren Schrei von sich. Elegant segelte er auf der Hitze zum Ufer und erreichte schließlich das Land.
Mit jedem Flügelschlag entzündete sich ein weiteres Flammenmeer. Alles unter ihm wurde vernichtet die Häuser brannten ab, die Straßen wurden zerstört, die ganze 'Sonnenstadt' wurde binnen Sekunden vom Angesicht der Erde gefegt.
Das Feuer sendete keinen Rauch zum Himmel. Es verpestete nicht die Luft. Es hatte die Wirkung von heilendem Regen, es reinigte die Luft von den Gerüchen und von dem Blut.
Der Phönix stieß einen letzten Schrei aus und schlug ein letztes Mal mit den Flügeln. Alle Flammen wurden erstickt. Dann schwang er sich auf und schien mit der Sonne zu verschmelzen. Das Licht hüllte ihn ein, blendete alle und dann war er verschwunden, als hätte es ihn nie gegeben.
"Willkommen in der 'Sonnenstadt'".
Das Schild hielt sich noch wackere fünf Sekunden, bevor es umfiel.
Ein Amulett war zu Boden gefallen.
Gregory und Lohan beugten sich über das Amulett, nahmen es und waren ebenfalls innerhalb eines Aufblitzen von Licht verschwunden.
Dunkle Wolken erschienen am Himmel. Ein Regentropfen fiel herab, dem schnell weitere folgten. Kurze Zeit später prasselte ein gigantischer Regenschauer herunter, der die Luft reinwusch und abkühlte.
In den Ruinen standen immer noch bewegungslos die Menschen. Sie blickten unsicher um sich und realisierten, dass die Stadt verschwunden war wie eine Illusion.
"Es ist wirklich ein Wunder, dass niemand bei der ganzen Sache verletzt wurde", meinte Bruno nachdenklich.
"Danke", entgegnete Niko säuerlich und deutete auf seine beiden verbundenen Schußwunden.
Sie waren ein paar Kilometer weiter die Küste runter an einem Krankenhaus am Meer. Das Wasser hatte seine natürliche Farbe wiedergewonnen.
"Das 'Traumprisma' ist zusammen mit den Butlern verschwunden. Wir haben es zumindest nicht mit euch beiden am Strand gefunden. Ich schätze, wir können ausschließen, dass es bei Corona ist", sagte Bruno.
"Sobald ich wieder gesund bin, werde ich Corona finden", murmelte Niko.
Sie schwiegen für einen Moment. Das Meer rauschte gleichmäßig. Schließlich ergriff Bruno das Wort.
"Ich war verwundert über den Phönix. Ich hatte zuerst gedacht, das wars, aber anscheinend schien er nicht daran interessiert zu sein, die Menschen zu töten, sondern das, was sie aus sich gemacht hatten. Das gibt einen interessanten Rückschluss auf ihr Innerstes, Niko. Sheno hat sich vertan, er dachte, sie rufen die Apokalypse herbei", meinte Bruno.
"Aha... was mich mehr interessieren würde, ist, warum er das 'Traumprisma' nicht bei sich angewandt hat. Wär doch viel effektiver gewesen", grummelte Niko.
"Ich glaube, er hatte einfach Angst vor dem, was er sehen könnte", murmelte Bruno und starrte gedankenverloren aufs Meer.
Niko überlegte einen Moment, nahm sich seine Krücken und stand auf.
"Ich bin gleich wieder da", sagte Niko und ging nach drinnen.
Niko betrachtete durch ein kleines Fenster eine Weile Vincent Sheno, der alleine in einem Rollstuhl in seinem Krankenzimmer saß, bevor er die Tür aufmachte und ins Zimmer humpelte.
Vincent drehte sich in seinem Rollstuhl zu ihm um.
Das Zimmer war komplett ausgeräumt
"Kommt jetzt der große moralische Abschlußdialog?", fragte er sarkastisch.
Niko warf sich auf einen zweiten Stuhl. Wütend sah er ihm ins Gesicht.
"Du hast mich angeschossen!", keuchte er.
Vincent steckte sich eine Zigarette in den Mund und zündete sie an.
"Ich war sauer auf dich und bin es immer noch. Man sollte jemanden wie mir niemals in die Quere, wenn er etwas erreichen will. Ich habe vielleicht etwas überreagiert..."
"Überreagiert? Du wolltest mit diesem 'Traumprisma' vielleicht die ganze Welt vernichten und du wolltest dir nicht mal selbst die Hände schmutzig machen!", schrie Niko.
"Ich habe nie einen Hehl aus dem gemacht, was ich bin. Du hast mich für diese Reinheit bewundert. Und ehrlich gesagt hätte ich von dir eine gewisse Ehrlichkeit erwartet. Wenn du mich schon umbringst, hättest du mir wenigstens persönlich die Kugel in den Kopf jagen können, als diese moralische Scharade abzuziehen. Dann tue es wenigstens jetzt!", knurrte Vincent.
"Wovon redest du?"
"Ich bin ein toter Mann. Corona wird Jagd auf mich machen. Er wird nicht aufhören, bis er mich gefunden hat!", sagte Vincent.
"Corona ist entmachtet. Und außerdem werde ich ihn verfolgen. Und du doch wohl auch."
"Ja und wenn ich ihn erwische, dann wird es übel für ihn ausgehen. Und wenn ich dich dabei sehe, um so besser, zwei Fliegen mit einer Klappe. Ich würde also vorschlagen, du nutzt die Situation hier und ziehst mich aus dem Verkehr. Denn ich mache Jagd auf euch und wenn ich euch finde, dann werdet ihr nicht einfach sterben, ihr werdet..."
"Hör doch auf damit!"
"Glaubst du, ich mache Witze..."
"Ich hab gehört, deine Tochter holt dich gleich ab, ihr wollt zusammen in euer Haus fahren..."
"...und den Rest unseres Lebens glücklich verbringen, LENK NICHT AB! Niko, willst du mich jetzt hier töten? Los, nimm irgendein scheiß Skalpell und schlitz mich auf!"
Niko betrachtete Vincent für eine Weile und machte dann Anstalten aufzustehen.
"Ich sollte vielleicht gehen..."
"BLEIB DA SITZEN!", schrie Vincent.
Seine Hand schnellte in die Schublade und kam mit einer Pistole wieder raus. Entsichert wurde sie auf Niko gerichtet. Vincents Augen verrieten ihm, dass sein Gegenüber es ernst meinte.
"Da du nicht mich umbringen willst, werde ich dich gleich hier umlegen, je früher, desto besser", fauchte Sheno.
"Vincent... du weißt ganz genau, dass du niemanden hier umbringen kannst...", sagte Niko vorsichtig.
"Pff, warum nicht? Ich bin eh im Arsch, ich kann mir auch hier die Kugel verpassen. Kriegt meine Tochter einen kleinen Schock. Und ich nehme noch meinen Feind mit", sagte Sheno.
Er lächelte.
"Vincent..."
"Du wolltest doch mit mir ein gutes Gespräch führen. Dann führen wir ein Gespräch. Wie Männer. Also, im Angesicht des Todes sagen die meisten Menschen die Wahrheit. Ich könnte dich natürlich foltern, doch das würde zu laut werden. Ich hoffe also, dass du mir die Wahrheit sagst. Also Niko, Karten auf den Tisch. Du hast mich bewundert, oder? Als ich Tommy abgeknallt habe oder Corona umlegen wolltest. Du bewunderst mich für meine Direktheit. Deine Erwiderung waren doch nur gute Erziehung. Ich habe es in deinen Augen gesehen, du wolltest, dass ich das mache, wovon du nur geträumt hast. Hm?"
Er zog die Augenbrauen hoch.
"...Vielleicht... ja, für einen kurzen Moment. Doch nur für diesen Moment. Danach war ich froh, dass ich eine gute Erziehung habe", sagte Niko schließlich.
"Und was denkst du jetzt von mir?", fragte Vincent, die Waffe weiterhin auf Niko gerichtet.
Niko schluckte.
"Ich glaube... ich habe gerade ein Deja vu. Du erinnerst mich sehr stark an jemanden. Du erinnerst mich an Corona, den du so sehr zu hassen vorgibst."
Vincent lachte freudlos.
"Da ist aber einer mutig. Für den Spruch sollte ich dich aus dem Verkehr ziehen, du..."
"DANN MACH ES! Was glaubst, wen du vor dir hast? Glaubst du, ich kehre ins Paradies zurück. In 24 Stunden werde ich von Idioten umgeben, die Verkörperung der Inkompetenz. Und von einer Frau, die mich nicht versteht, die ich liebe, aber die sich von mir abwendet, die mir durch die Finger rinnt. Ich bin komplett alleine, im Gegensatz zu dir. Ich habe nichts, niemanden, der mir nahe steht. Zwei meiner Geschwister sind tot, die andere würde mich am Liebsten in ihrem Zeitungsartikel als Monster überführen! Du hast eine Tochter, jemanden, den du lieben kannst. Ich habe das nicht! Und trotzdem habe ich diese letzten Stunden überlebt und zwar mit Würde und mit Professionalität. Ich bin immer noch Niko. Ich bin derjenige, der ich vorher war. Ich bin nicht auf dein Niveau gesunken.
Das ist das, was ich von dir denke. Und wenn du jetzt abdrückst, dann wird mein letzter Gedanke sein, dass ich recht hatte. Und das ist für mich ein guter Weg, um abzutreten!"
Niko atmete schwer. Vincent sah ihn unbewegt an. Dann lächelte er wieder und schüttelte den Kopf. Durch das Fenster kamen zwei Stimmen herein.
"Ihr Vater ist oben, Mrs. Sheno."
"Wen hat der blöde Sack dieses mal erschossen. Wieviel Menschenrechte hat er dieses mal gebrochen, um seine Obsession zu erfüllen!", entgegnete die zweite.
"Leona...", flüsterte Vincent.
Niko erhob sich.
"Ich gehe jetzt. Pass auf dich auf", brummte er.
Er humpelte aus dem Krankenzimmer, ohne sich noch einmal umzudrehen. Die Tür schloss sich hinter ihm. Vincent hatte nicht geschossen.
Für einen Moment atmete Niko tief ein, dann brachen seine Krücken weg und er fiel hart und keuchend auf den Krankenhausflur. Er sah sich um.
Niemand war zu sehen. Er war alleine.
Ein paar Tränen liefen seine Wangen herunter. Niko kämpfte sie zurück, biss die Zähne zusammen und stand, sich auf seine Krücken stützend, langsam wieder auf.
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