FFVIII: Aomes Trianirea Four Seasons - Frühling

Frühling

verfasst von MfLuder

Es war einer der ersten heißen Tage des Jahres. Die Sonne knallte auf eine kleine Baracke im Nirgendwo. Die Luft in der Hütte war geradezu unerträglich heiß und erdrückend.
Staub kam in seine Lungen. Er hustete heftig, während seine Zunge bereits mit seinem Gaumen zu verwachsen schien. Seine Hände waren an einen Strick gefesselt, der von der Decke hing und so kurz war, dass seine Füße kaum den Boden berührten. Das harte Seil grub sich schmerzhaft in seine Handgelenke ein. Sein eigener Schweiß rann ihm in die Augen. Das Salz brannte und er konnte nur undeutlich den dunklen Raum vor sich erkennen.
Von draußen traten ein paar Lichtstrahlen herein. Er hörte das Gezwitscher von Vögeln und das Surren der Zikaden.
Vor ihm stand ein kräftiger Mann. Er hatte eine Kette mit einem Eisenblock in der Hand und ließ diesen bedrohlich kreisen. Nach einer Weile schmetterte er den Block in den Bauch des Gefangenen.
Eine weitere Wunde entstand auf dem geschundenen Körper. Blut und Schweiß flossen auf der muskulösen jungen Haut herunter. Der Junge stöhnte auf.
"Das reicht, das reicht. Geh mal raus und trink was!", kam eine beiläufige Stimme aus dem Schatten.
Der kräftige Mann ließ die Kette fallen und nahm einen Schluck Wasser aus einem Eimer. Ein paar Tropfen Wasser pfefferte er dem gefangenen Jungen ins Gesicht und verließ dann die Hütte. Dieser schnappte gierig nach den wenigen Tropfen. Für einen befreienden Moment löste sich die Zunge vom Gaumen.
Aus den Schatten trat ein weiterer Mann. Er trug einen weißen Anzug, eine Sonnenbrille, einen Hut und ganz viel Schweiß auf der Stirn. Er war fett und außerdem der Boss eines Gangstersyndikats. Der Name dieses Mannes war Vincent Corona.
Corona zog die Sonnenbrille ab und nahm einen Schwamm aus dem mit Wasser gefüllten Eimer und näherte sich dem kraftlosen Junge.
Der versuchte nach ihm zu treten.
"Xelto, hör auf zu treten. Ich habe Wasser für dich!", sagte Corona lächelnd.
Der Junge, Xelto, schoss ihm einen hasserfüllten Blick zu und hörte dann auf zu treten. Der Mann lächelte und näherte sich ihm vorsichtig. Mit dem Schwamm fuhr er ihm über das Gesicht. Xelto öffnete seinen Mund.
"Ja, trink nur. Menschen müssen trinken, sonst verdursten sie", lachte der Mann.
Etwas Wasser floss durch die verkrusteten Lippen in den Mund, lösten ein paar Hautfetzen und verwandelten sie in eine breiartige Masse. Nach einer Weile nahm der Alte den Schwamm von seinem Mund und fuhr ihm über den blutigen Körper. Er drückte hier und da etwas fest auf die Wunden. Xelto stöhnte leicht auf. Dann grinste er und trat mit aller Kraft nach dem Mann. Der Mann wich zurück.
"Alter Schlawiner!", lachte der Mann.
Xelto lachte ebenfalls.
"Einen wunderbaren Humor hast du. Wenn du mich nur nicht so hintergangen hättest, du mieses kleines Arschloch", lächelte der Mann und wischte sich eine imaginäre Träne aus seinen funkelnden Augen.
Dann zog er in einem widerlichen Geräusch Rotze aus seiner Nase in seinen Mund und spuckte Xelto ins Gesicht. Widerliche, klebrige Masse rann sein Gesicht herunter.
"Ich bin ein Geschäftsmann, Xelto. Ich bin kein kleiner Gangster, ich bin Händler. Und Händler sind an gewisse Regeln gebunden. Wenn die gebrochen werden, muss der Händler klar sagen, dass dies nicht geht. Sonst verliert der Händler seine Glaubwürdigkeit. Deswegen möchte ich, dass du weißt, dass das hier nichts persönliches ist. Ich schätze und respektiere dich... und sogar viel mehr ", sagte Corona.
Corona ging langsam zu einem Regal rüber und hob etwas hoch. Es war ein Schwert, eine Gunblade. Daneben stellte er den Eimer Wasser.
"Es ist ein heißer Tag heute, oder? Man könnte meinen, es wäre schon Sommer. Diese charmante Hütte hier hab ich extra anfertigen lassen. Die Rohstoffe, die hier im Dach drin sind, absorbieren nur unheimlich viel Licht. Das heißt, wenn die Sonne erst mal den höchsten Punkt erreicht hat, wird es hier heißer sein als in einem Vulkan", sagte Corona gut gelaunt.
Xelto nickte und lächelte, als würde ihm Corona ein wunderschönes Märchen erzählen.
"Wir lassen dich hier hängen, mein Freund. Nach einem Tag hier drin wird es keine neue Tränenflüssigkeit für deine Augen geben. Das heißt, deine Lider und deine Pupillen reiben sich schmerzhaft. Deine Augen werden immer rötlicher werden und schließlich anfangen zu bluten. Ungefähr morgen mittag bist du blind", murmelte Corona.
Xelto fing auf einmal laut an zu lachen. Corona sah ihn kurz verwundert an und lachte dann ebenfalls, als hätten sie sich einen guten Witz erzählt.
"Irgendwann hast du nicht mehr genug Spucke und du wirst anfangen zu kotzen. Aber du hast kaum Flüssigkeit, also wird sich in deinem Magen ein säureartiger Brei sich ansammeln, der auf halben Weg in deiner Speiseröhre stecken bleibt. Du wirst bei lebendigen Leibe hier verätzen. Du wirst wissen, was 'Schmerz' bedeutet", lächelte Corona.
Xelto stöhnte auf, als könne er es kaum erwarten. Corona grinste ihn an und nahm dann die Eisenkette vom Boden auf.
Sie lächelten sich an. Dann nahm Corona den Eisenblock, ließ ihn kreisen und schließlich unvorbereitet auf Xeltos Gesicht landen.
Er sah nur schwarz und spürte das heiße Blut über sein Gesicht laufen. Xeltos Lunge entspannte sich und die restliche Luft presste sich in die Freiheit. Corona gluckste und nahm einen Schwamm und wischte damit Xeltos Gesicht langsam ab.
"Nimm den letzten Schluck Flüssigkeit mit."
Xelto schluckte das bisschen Wasser herunter.
Corona packte Xelto am Kopf und küsste ihm zum Abschied auf die Stirn. Xelto schnappte nach ihm und versuchte seine Halsschlagader zu erwischen, doch Corona sprang rechtzeitig zurück.
"Adios", sagte Corona, nahm seinen Hut von seinem Kopf und verließ die Baracke.
Man hörte von draußen das Klappen von Autotüren.
Xelto löste seine Zunge von seinem Gaumen und holte ein kleines Gerät unter seiner Zunge hervor. Er betastete mit seiner Zunge das kleine Gerät, das sich wie eine Tablette anfühlte. Dann zerkaute er die 'Tablette'.
Eine gigantische Explosion unterbrach die ruhige Atmosphäre. Der Sprengstoff im Auto war explodiert.
Jemand betrat kreischend die Baracke. Corona kam berennend und schreiend herein und kippte sich den Eimer Wasser über den Kopf und walzte sich auf dem Boden. Die Flammen versiegten. Schwer atmend sah er sich um.
Xelto sammelte seine letzte Kraft und schwang sich mit dem Strick wie eine lebendige Abrissbirne, in Richtung Corona. Er schlang seine Füße um seinen Kopf und würgte ihn langsam. Corona schnappte nach Luft. Xelto betastete mit einem seiner Füße die Hosentasche des fetten Mannes und fand ein Messer. Mit seinen Füßen legte er sich das Messer in den Mund und zog mit letzter Kraft sich auf Augenhöhe mit dem Strick.
Seine Handgelenke brüllten auf. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Corona taumelnd Xeltos Gunblade nahm. Mit dem Messer im Mund zerschnitt Xelto hektisch den Strick.
Gleich... noch ein paar Sekunden... Corona kam auf ihn zu gestolpert...
Der Strick riss. Xelto landete hart auf dem Boden und stöhnte für einen Moment erschöpft auf. Das Blut pochte in seinen Ohren. Er war frei.
Sein Schwert zischte über seinen Kopf hinweg. Xelto sprang auf und rannte hinter Corona, der vor Schmerz jegliche Orientierung verloren hatte. Xelto schlang von hinten seinen Arm um Corona und würgte ihn. Corona stöhnte auf. Xelto riss ihm das Schwert aus der Hand und warf ihn zu Boden.
Für einen Moment sah er auf den hilflosen Corona herunter. Dann rammte er dem dicken Mann hemmungslos sein Schwert in den Bauch. Corona schrie auf. Xelto gab ihm drei Sekunden, damit er sich an den Schmerz gewöhnen konnte. Dann stieß Xelto einen furchtbaren, schmerzerfüllten Schrei aus und schlitzte ihm den Bauch auf. Blut floss auf die Erde.
Corona war tot.

Rauch und der Geruch von verbranntem stachen in Xeltos Nase, als er die Baracke schwer atmend verließ. Die Sonne knallte unbarmherzig vom Himmel. Kaum ein Lüftchen wehte.
Xelto ging zu einer Regentonne, die neben dem Eingang stand und tauchte seinen Kopf in das kalte Wasser.
Er schloss die Augen und genoss die angenehme Kühle. Die Wunden in seinem Gesicht pochten nicht mehr, sondern pulsierten nur noch ab und zu. Nach einer Weile zog er seinen Kopf wieder heraus. Das kalte Wasser tropfte von seinen Haaren auf seinen schmerzenden Körper. Für einen Moment bekam er richtig eine Gänsehaut, als die kalten Wassertropfen auf seine aufgeheizte Haut fielen. Dann wusch er sich mit dem Schwamm langsam das Blut.
An der Tür hing sein schwarzes Oberteil. Er zog es an und durchsuchte seinen Mantel. Als seine Hand etwas ledernes umschloss, war er erleichtert.
Er zog ein kleines Buch heraus und streichelte es sanft.
Dann drehte er seinen Rücken zur Baracke und dem brennenden Autowrack und verließ diesen Ort ohne sich noch einmal umzudrehen.

Am Horizont konnte Xelto langsam das Dorf Winhill ausmachen. Musik schallte ihm entgegen. Richtig, heute war ja das traditionelle Frühlingsfest im Dorf, dachte er sich.
Winhill hatte sich seit Hynes Fall verändert. Viele Bürger waren gekommen und gegangen und kaum einer erinnerte sich an die alte Familie Goodsworth, die hier vor Jahren mal gelebt hatte.
Kurz vor dem Dorf fand Xelto einen alten Baum. Er hatte diesen Baum schon immer sehr gemocht. Er lehnte sich in den kühlen Schatten des Baumes und ließ sich dann auf den Boden fallen.
Über ihnen zirpten Zikaden und Vögel zwitscherten. Fröhliche Musik kündigten ein unbeschwertes Fest an.
Ein angenehmer kühler Wind kam auf und wehte Xelto um die Nase. Aus seiner Tasche fischte er einen Heiltrank. Er rieb sich etwas von der Flüssigkeit auf seine Wunden und spürte sofort, wie der Schmerz nachließ und die Wunden verheilten.
Siebzehn Jahre war er jetzt alt und hatte bis jetzt ein heftiges Leben hinter sich. Für einen Moment zuckten alte Erinnerungen durch seinen Kopf.
Seine Augen wurden feucht und er spürte, wie warme Tränen über seine Wangen liefen. Xelto schloss die Augen und hoffte, dass ihn niemand in diesem Zustand entdecken würde.
Nach einer Weile holte er das Buch hervor und schlug es auf. Auf der ersten Seite war ein Name eingetragen.
'Cifer Almasy'.
Xelto hatte das Tagebuch nach langer Suche endlich in einem Antiquariat aufspüren können. Anscheinend hatte Cifer das Buch damals kurz vor dem letzten Kampf mit Hyne im Waisenhaus liegen lassen und ein Flüchtling hatte es mitgehen lassen. Bis zu seinem Tod hatte sowieso niemand auch nur etwas von diesem Buch geahnt. Cifer hatte seine Existenz geheimgehalten und das Buch immer mit sich herumgetragen. Und doch hatte er es kurz vor der Schlacht mit Hyne zurückgelassen. Er musste gewusst haben, dass er vom Kampf gegen Hyne nicht lebendig zurückkehren würde...
Xelto blätterte abwesend im Buch herum, bis er auf einer seiner Lieblingseinträge kam. Es handelte von einer sehr heftigen Nacht. Sie waren damals zu Gast bei einer merkwürdigen Gräfin gewesen und hatten dort ein ziemlich wildes Abenteuer hinter sich gebracht.
Er las kurz die abschließende Passage, die am nächsten Tag aufgesetzt worden war...

"Manchmal frage ich mich, wieso gerade ich dieses Leben durchleiden muss? Warum habe ich dieses Leben gewählt? Warum reise ich mit Rinoa und Squall umher, obwohl es mich lebendig auffrisst und zerfleischt? Warum gibt es diesen Schmerz?
Ich versuche mir einzureden, dass Schmerz hellsichtig macht, dass man dadurch mitfühlen kann und frei wird, so wie ich es immer wieder in meinen Träumen erfahre. Ohne Schmerz kein Mitgefühl? Oder suche ich nach Vergebung? Oder belüge ich mich am Ende nur?
Wieviele Leute fühlen und sehen das, was ich sehe? Wer kann mich überhaupt verstehen? Squall ist zu sehr bei Rinoa und Rinoa zu sehr bei sich. Und Xelto...
Finde ich den Menschen, der mich versteht? Oder gibt es für Leute wie mich keinen Platz auf dieser Welt? Gibt es keine Vergebung mehr? Bin ich dazu verdammt, einsam durch das Leben zu ziehen?
Manchmal habe ich den Eindruck, das Schicksal nimmt mir systematisch alles weg, was mir jemals etwas bedeutet hat. Zuerst meine Eltern, dann Rinoa und nun meine Freunde.
Warum bin ich immer der Verlierer? Warum bin ich der Überlebende? Will mir jemand sagen, dass ich nicht auf diese Welt gehöre? Darf ich nicht auf dieser Welt leben?"

Xelto blickte hoch und atmete schwer ein. Der Schatten blockte angenehm die grelle Sonne ab.
"Ob es auf diese Fragen je eine Antwort geben wird? Was meinst du, Cifer?", flüsterte Xelto mit einer heiseren Stimme.

Das Gehen fiel ihm immer schwerer. Er brauchte Ruhe und Schlaf. Versunken betrat Xelto Winhill und wurde von dem Frühlingsfest empfangen. Laute Musik, tanzende Menschen...
Überall, wo er hinblickte, entdeckte er fröhliche Gesichter.
In den kleinen Gassen sah er junge Pärchen miteinander küssen und hinter einem Stapel Kisten passierte sogar etwas mehr. Ansonsten spielten die Kinder ausgelassen und die etwas älteren rannten meistens schon ziemlich torkelnd durch die Gegend.
Die Musik nervte Xelto, die gute Laune stach in sein Herz wie Hohn. Alles war bunt, alles war laut, alles war so endlos widerlich.
Er blickte in die Runde. Die Leute warfen ihm an und ab ein paar neugierige Blicke zu, ignorierten ihn aber ansonsten vollkommen.
Eine Blaskapelle spielte ein dröhnenden Dreck nach dem nächsten.
"Party!", riefen ein paar Jugendliche in Xeltos Alter.
"Ich geh mal Getränke holen. Für dich auch?!", fragte ein Mädchen um die sechzehn einen Jungen neben ihr.
"Hm, du bist doch mein Getränk!", lallte der leicht angetrunkene Junge zurück.
Beide knutschten mit einer so aufgesetzten Zärtlichkeit, als würden sie sich nie wiedersehen.
Das Mädchen brach kurz ab.
"Hey, alles in Ordnung?!", fragte sie besorgt, als sie Xeltos Wunden sah.
"Frag nicht so heuchlerisch besorgt. Da sind noch ein paar Kisten frei oder am besten ihr fickt gleich hier, damit alle es sehen können!", brüllte Xelto zurück.
Er starrte befriedigt in ihr geschocktes Gesicht und betrat dann eine Bar. Über dieser Bar befand sich eine kleine Pension, in der sich Xelto ein Zimmer gemietet hatte.
Er blickte kurz auf das Schild "Terrys" und betrat dann den Laden.

Da die meisten Gäste sich draußen betranken, war es drinnen erstaunlich ruhig. Terry stand hinter dem Tresen und wischte sich gerade mit einem Tuch den Schweiß von seiner Glatze.
"Was für ein heißer Tag! Hey, Xelto, wie siehste denn aus?", fragte er.
"Bin blöd gefallen. Ein Wasser, bitte", sagte Xelto.
Er trank das Wasserglas fast mit einem Mal leer. Das Wasser vermischte sich mit dem klebrigen Hautfetzen in seinem Mund und bildete eine klebrige Masse. Terry musste schnell nachgießen. Endlich wurde langsam alles wieder flüssig. Er spürte, wie seine Augen sich wieder mit Tränenflüssigkeit füllte. Sofort begann er wieder vermehrt zu schwitzen. Abwesend blickte er zum Fernseher.
Ein Bericht lief dort gerade über eine Buchautorin...
"Skylar Goodsworth stellt heute in Leprigal ihr neues Buch vor. Bereits im Vorfeld wurde heiß über den Inhalt diskutiert. Unter anderem stellte sie in dem Buch die Theorie auf, dass es sich bei dem Abgeordneten Jim Frick, liebevoll der 'Zahnstocher' genannt, um niemand anderes als Professor Eza Ezkume, dem schon lange verstorbenen Gründer der Anti Adells, handelt. Frick war vor einem halben Jahr bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Begleitet wurde die hochschwangere Autorin von ihrem Bruder Niko und ihrem Mann Irvine."
Skylar erschien mit Irvine auf dem Bildschirm. Er hatte sich von seinen langen Haaren getrennt und trug nun einen wesentlich kürzeren Schnitt und einen Drei-Tage-Bart. In seinem Anzug sah er unheimlich schick aus und flirtete im Hintergrund gerade mit ein paar Journalistinnen. Skylar sprach derweil hitzig ins Mikrophon.
"Die Kritiker mögen meine Theorien nicht mögen, aber ich glaube, nein, ich weiß, dass sie es wert sind, darüber nachzudenken und ich werde sie eines Tages auch beweisen können und bis dahin..."
"Die schlägt aber auch aus allem Kapital. Sogar ihre Familiengeschichte macht sie zu Geld", grummelte Terry.
Xelto nippte abwesend an seinem Glas Wasser.
"Hey, dieser komische Bruder von der... der tot ist, hieß der nicht auch Xelto?", fragte Terry nach.
"Keine Ahnung, hab die Scheiße nie gelesen", murmelte Xelto.
Die Tür ging auf und ein Teenager kam herein.
"Hey Pheeps", grüßte Terry den Neuankömmling.
"Ey, Alter, ist das ein Wetter? Ein Choc-Saft, bitte. Träumchen, oder?", rief der Junge entspannt.
Xelto atmete tief ein. Er konnte diesen Typen nicht ausstehen.
"Ey, meine Süße und ich wollen heut abend... du weißt schon... Haste vielleicht einen... naja, so`n richtig schönen Sekt oder so? Die Bräute stehen doch auf so etwas...", flüsterte er und zwinkerte Terry zu.
Pheeps Blick fiel auf Xelto.
"Du auch hier? Feier doch mit, Xelto! Is schönes Wetter draußen", schlug Pheeps vor.
"Hab ich gemerkt", gab Xelto trocken zurück.
"Die Weiber haben im Sommer immer kaum was an, is richtig geil..."
"Du hast doch eine Freundin, oder?"
"Na und, muss sie ja nicht wissen..."
Xeltos Hand schnellte an Pheeps Hals, bevor er ein weiteres Wort rausbringen konnte.
"Hey, du Arschloch, wenn du noch ein weiteres, dummes Wort von dir gibst, schneid ich dir vor allen Leuten in Stücken, klaro? Du weißt überhaupt nicht, was du hast, du kleiner, primitiver..."
Xelto sah den ängstlichen und bemitleidenswerten Pheeps und ließ ihn dann plötzlich fallen.
"Verpiss dich", murmelte Xelto.
Pheeps nickte, rannte mit dem Saft raus und verschüttete die Hälfte dabei.
"Yo, was war`n das für ne Aktion?", fragte Terry.
"Kann den Trottel nicht ausstehen..."
Xelto verstummte. Auf dem Fernseher erschien ein Bild von Vincent Corona.
"Der berüchtigte Gangsterboss Vincent Corona ist soeben tot aufgefunden worden. Anscheinend wurde er auf brutalste Weise ermordet. Corona hatte während des weltweiten Stromausfalls an Einfluss gewonnen und im Jahr nach Hynes Verschwinden viele, inzwischen legendäre, Verbrechen begangen und Verbindungen bis in die höchsten Kreise gehabt.
Niko Goodsworth, hier auf der Buchpräsentation seiner Schwester, hat Corona während des großen Stromausfalls vor etwas über einem Jahr gejagt. Er bedauerte den Tod des Gangsterbosses."
Niko erschien im langweiligsten Anzug der Welt auf dem Bildschirm.
"Ich bedauere, dass wir keine Chance mehr haben, Corona dem Gesetz zu überstellen und..."
Xelto drehte sich weg.
"Ich hau mich kurz hin... Ähm, das Wasser..."
"Ich setz es auf die Rechnung", nickte Terry.

Im Hotelzimmer war es angenehm schattig und kühl. Xelto warf sich aufs Bett. Das Fenster stand einen Spalt weit offen. Diese verdammte Musik und das Gekreische der Leute drang von draußen herein.
Dafür wehte aber auch ein kleiner, angenehmer Wind um seine Nase...
Schnell versank Xelto in einen tiefen Schlaf...

Von draußen drang Musik und das Gelächter der Menschen hinein. Draußen war es hell und fröhlich. Draußen feierten die Leute den Anfang des Frühlings. Nicht jedoch in der Villa Goodsworth. Hier war die Luft klamm und die Vorhänge zugezogen.
Xelto stand schüchtern vor einem großen Schreibtisch. Etwas abseits befand sich Niko und blickte zufrieden auf einen stattlichen Mann, der fest in einem großen Sessel saß.
"Niko hier erzählte mir, dass du dich heute wieder unerlaubt ins Dorf geschlichen hast! Du sollst doch nicht mit den Kindern spielen. Wir sind eine adelige und auserwählte Familie! Tradition und Werte hängen an unserem Namen. Nichts haben wir mit diesen Leuten gemein. Sie gehören nicht zu uns. Wir sind leidende Größen, wir sind harte Kämpfer und haben uns selbst geadelt!", fauchte Xeltos Vater, Seraphim Goodsworth.
"Aber Vater, ich wollte doch nur..."
Seraphims Hand schnellte vor und fuhr Xelto über die Backe. Xelto wurde kurz schwarz vor Augen. Er kämpfte seinen Tränen zurück, denn er wusste, wenn er jetzt weinen würde, würde alles noch viel schlimmer werden! Ein Goodsworth hatte nicht zu weinen.
"Wenn ich spreche, bist du stumm. Junger Mann, eine Lektion ist angebracht. Ich möchte, dass du einen Aufsatz über deine Familie und über das Wesen des geschäftstüchtigen und tugendhaften Mannes schreibst!", fauchte Seraphim.
Xelto blickte kurz zu seiner Mutter rüber. Sie war tief in Strickarbeiten versteckt und schien von der Konversation nichts mitzubekommen.
Seraphim wandte sich an Niko.
"Sohn... Nitaphim, danke dir für deine Nachricht. Du wirst mich einmal sehr stolz machen... Du wirst die Familienehre retten... Du wirst einmal ein großartiger Mann werden!", sprach Seraphim.
"Ich danke dir, Vater", entgegnete Niko lächelnd.
"Der hat sich heute Nacht mit einem Mädchen ausm Dorf getroffen, mit Uschi!", platzte es aus Xelto hervor.
Niko schoss Xelto einen wütenden Blick zu. Seraphim blickte lange zu Xelto und sagte schließlich.
"Es ist gut, dass wir in einer offenen Atmosphäre leben, aber der Kunst der Verführung des Weibes zu widerstehen, liegt nicht in unserer Macht. Deswegen sei es Nitaphim verziehen, dass er dem edelsten seiner Triebe nachgekommen ist. Denn das Prinzip der Liebe ist doch das, was wir hoch und heilig schätzen sollten. Ihr seid entlassen!"
Xelto warf noch einen letzten Blick auf seine Mutter, die immer noch in ihre Strickarbeit vertieft war, und verließ dann das Zimmer.

"Was sollte das da drinnen?! Wenn du mich noch einmal verpetzt, dann brech ich dir den Arm!", fauchte Niko und packte Xelto am Genick.
"Angst, ich gefährde deine Chancen bei Papi?", fragte Xelto beißend.
"Noch einmal und es setzt was..."
Niko stürmte raus in die Sonne.
Hinter Xelto bewegte sich etwas.
"Niida?"
"Dieses miese, kleine Stück Dreck", meinte Niida nachdenklich und blickte Niko hinterher.
Aus dem Arbeitszimmer seines Vaters kamen auf einmal wütende Schreie.
"Sie streiten sich wieder", meinte Xelto.
"Und du musst hierbleiben?", fragte Niida.
"Aufsatz schreiben. Gehst du..."
"Ja... schon...", meinte Niida unsicher.
"Na dann... viel Spaß mit allen", entgegnete Xelto kurz.
"Xelto...", rief Niida schwach, doch Xelto war bereits die Treppe raufgeeilt.

Der Fenster war nur ein Spalt offen. Es war dunkel geworden und von draußen konnte man den Geruch eines großen Lagerfeuers riechen. Jedes Jahr war Frühlingsfest ein ganz besonderer Abend für Xelto gewesen. Nur dieses Jahr, seinem elften, musste er in seinem Zimmer sitzen.
Die Tür flog auf. Niida kam herein.
"Du glaubst nicht, was passiert ist. Also, Niko sprach mit Uschi und wurde richtig sentimental. 'Hey, du bist so schön und toll und ich bin so geil, dass ich dich am liebsten gleich hier...'. Naja, nicht ganz, aber du weißt die Richtung. Und kurz bevor er sie knutschen wollte, haben wir von oben Choc Saft runtergekippt. Ganze Situation futsch!", gluckste Niida.
"Das ist schön, dass ihr soviel Spaß hattet", murmelte Xelto monoton.
Niida sah ihn kurz an und zog dann eine kleine Karte heraus.
"Ahja, ich dachte... naja, weil du heute nicht dabei sein konntest, hab ich das hier für dich..."
Er gab Xelto die Karte.
'Vermissen dich ganz doll. Deine...'
Zwanzig Namen von Xeltos Freunden standen drunter. Xelto blickte sprachlos zu Niida hoch. Er wollte irgendwas sagen, doch sein Blick sagte Niida alles, was er wissen musste.


"Weißt du, was das ist?"
Xelto schreckte hoch. Er fühlte etwas spitzes an seinem Hals. In der Dunkelheit vor ihm stand jemand.
"Meine Gunblade an meinem Hals?", fragte er.
"Bingo!", gab eine Frauenstimme zurück.
Xelto blickte zu der Gestalt hoch.
"Leona?", fragte er.
"Ja. Überrascht, dass ich dich gefunden habe?", fragte sie spitz.
"Ein bisschen schon. Wie hast du mich gefunden?", fragte er.
Die spitze Klinge bohrte sich etwas tiefer in seinen Hals. Sämtliche Muskeln spannten sich unwillkürlich an.
"Ich bin eben die Beste", gab sie zurück.
Leona beugte sich etwas vor. Das Flackern eines großen Lagerfeuers kam durch das Fenster hinein und leuchtete auf Leonas Gesicht. Harte Gesichtszüge umrahmten zwei große, leuchtende Augen. Sie trug eine Lederjacke. Von draußen kam das Lärmen der Leute herein.
"Xelto... ich weiß nicht, was ich von dir halten soll. Ich bin einer einfache Tochter eines einfachen Fischers und führe ein einfaches Leben. Eines Tages ziehe ich dich bewusstlos und kraftlos aus dem Meer. Ich pflege dich gesund. Du erzählst mir nichts von dir. Ehe du mir überhaupt deinen Namen verraten hast, musste ich alle Künste dieser Welt aufwenden. Du verschwindest plötzlich spurlos und tauchst genauso plötzlich wieder auf. Und eines Tages kommen ein paar Trottel an und legen diesen Arsch von Vater um und zerstören ihn so, dass ich ihn nicht mal beerdigen kann", sagte sie mit einer kleinen Pause zwischen jedem Satz.
"Was ist dein Punkt?", fragte Xelto.
Der Druck der Klinge nahm wieder zu.
"Reize mich nicht! Hast du Vincent Corona umgebracht?", fragte Leona kühl.
"...Ja. Dein Vater dürfte gerächt sein", sagte Xelto.
"Darum geht es nicht!", flüsterte Leona.
"Stimmt. Und weißt du, was auch nicht geht?", fragte er.
Leona blinzelte. Mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit trat er sie auf einmal gekonnt weg. Mit einer Hand schnellte er gleichzeitig an die Klinge und riss sie ihr aus der Hand. Mit der anderen stützte sich er vom Bett ab und sprang auf. Leona war unsanft auf dem Boden gelandet.
"Das mich jemand mit meiner eigenen Waffe bedroht", meinte Xelto locker, steckte sein Schwert weg und half ihr auf die Beine.
"Musst noch ein bisschen üben, bis du damit umgehen kannst", grinste er.
Sie warf ihm einen wütenden Blick zu und ging dann zum Fenster. Vor dem schimmernden rötlichen Licht des Lagerfeuers konnte man ihre Umrisse gestochen scharf sehen.
"Wie bist du überhaupt an Terry vorbeigekommen?", fragte Xelto.
"Ich hab gesagt, ich bin deine Freundin", entgegnete sie.
"Und das hat er dir geglaubt?", lachte Xelto beißend.
Leona erwiderte nichts. Xelto ging kopfschüttelnd zurück zum Bett und setzte sich auf die Kante.
"Fang mal besser schon dein Ego ein, Xelto. Ihr müsst vielleicht gleich los", sagte Leona nach einer Weile.
"Wieso?"
"Ich glaub, da sind Polizisten... Hey, das ist dieser Niko Goodsworth aus den Nachrichten!", rief Leona.
"Was?"
"Ja, da unten ist er."
Xelto ging zum Fenster. Er erkannte ihn sofort. Niko Goodsworth stand in einem dunklen Anzug, Haare mit endlos viel Gel und dem humorlosesten Gesichtsausdruck unter der Sonne vor dem Hotel.
Xelto fluchte leise.
"Steckst du in Schwierigkeiten?", fragte sie amüsiert.

Xelto schlich langsam die Treppe herunter. Die Bar lag vor ihm. Plötzlich hörte er eine vertraute Stimme.
"...und wir müssen alle Zimmer durchsuchen", hörte man Nikos arrogante Stimme.
"Wieso?", fragte Terry.
"Interne Ermittlungen im Bezug auf Coronas Tod. Tun Sie einfach, was wir sagen oder Sie werden die Konsequenzen tragen müssen", knurrte Niko.
"Sie könnten in ihrem Tonfall aber auch etwas netter sein..."
Xelto schlich sich vor die Toiletten. Die Bar befand sich gleich um die Ecke.
Durch ein Aquarium konnte er Nikos Hände sehen, die unruhig auf dem Tresen klopften. Terry kam mit einem genervten Gesichtsausdruck um die Ecke. Er wollte gerade den Mund öffnen, als...
"Terry, dieser Kerl sucht mich. Hast du hier ein Hinterausgang?", flüsterte Xelto.
"Was?"
"Keine Zeit für Erklärungen... bitte..."
Terry sah Xelto prüfend an und nickte schließlich.
"Da hinten, ich schließ euch auf..."
"Ähm... wegen dem Zimmer..."
"Ich setz es auf die Rechnung", murmelte Terry.
"HEY! Was wird da geredet?", fluchte Niko.
"Nur ein Kunde..."
Nikos Schatten kam näher. Leona blickte kurz von Xelto zu Niko. Sie bedeutete Xelto zu verschwinden und stellte sich dann Niko in den Weg. Xelto blickte zu Terry und beide gingen schnell zur Hintertür.
"Ups, hehe, hey, ich hab etwas im Schuh, kannste mal helfen?", fragte sie lächelnd.
Sie hörte, wie Xelto hinter ihr durch die Tür verschwunden war.
"Zur Seite, Sie behindern Ermittlungen!"
"Was sind Sie denn für ein Rüpel?"
"Lady, ich hab keine Zeit..."
Leona seufzte und trat Niko mit einem eleganten Tritt in den Bauch.
"Verdächtige hier drinnen. Schnell!", schnappte Niko.
Er krümmte sich für Schmerz. Drei weitere Männer mit Anzügen und exakt gleichen Haarschnitten kamen herein und kreisten Leona ein.
Sie sah sich um und sprang dann hinter die Theke. Sie griff nach einem Nudelholz. Ihre zweite Hand ging unter die Apparatur für den Choc Saft. Sie tastete unter den Zapfhähnen und fand schließlich den Schlauch, der den Apparat mit Getränken versorgte. Mit einem Ruck riss sie ihn ab.
Sie drehte an einem Ventil. Sofort spritzte Flüssigkeit mit hohem Druck heraus. Sie lenkte den starken Strahl auf die Männer. Zwei von ihnen wurden umgehauen, der dritte wich aus und kletterte über die Theke. Leona schmetterte das Nudelholz auf seinen Kopf und hüpfte elegant über die Theke zurück.
Niko rannte auf sie zu. Sie blockte zwei Schläge von ihm ab und versuchte ihm die Beine wegzutreten. Niko sprang über ihren Tritt hinweg und setzte sie mit einem Handkantenschlag außer Gefecht. Sie fiel zu Boden.
"Das Spiel ist aus, Lady!"
Leona ließ zur Antwort ihren Fuß hochschnellen und traf Niko genau zwischen die Beine.
Niko heulte vor Schmerz auf.
Leona sprang geschickt wieder auf die Beine und flüchtete durch die Tür, durch die Xelto wenige Minuten zuvor verschwunden war.

Leona betrat schwer atmend den Hof. Kein Auto, kein Xelto. Alles wie leer gefegt. Nikos Schritte näherten sich. Sie sah sich hektisch nach Möglichkeiten zum Verstecken um. Ihr Blick fiel auf ein paar Kisten. Hinter ihnen kam Geräusche hervor, als würde sich ein Liebespaar dort vergnügen. Jedoch nicht in der klassischen Konstellation.
Ein heller Lichtstrahl lenkte sie ab. Xelto fuhr in einem kleinen Auto vor.
"Dacht schon, du wärst wieder weg!", meinte sie bissig.
"Ich doch nicht", grinste Xelto, als sich Leona auf den Beifahrersitz schwang.
Plötzlich trat jemand weiteres durch die Hintertür.
Niko sah sich hektisch um. Sein Blick fiel auf den Wagen.
Xelto sah Niko an.
Niko sah Xelto an.
Beide Blicke trafen sich für eine ewige Sekunde.
Xelto trat das Gaspedal durch. Der Motor heulte auf und binnen weniger Sekunden waren sie in der Nacht verschwunden.

"Ihr habt euch von einer Frau zusammenschlagen lassen! Was für Luschen seid ihr eigentlich?!", brüllte Niko.
"Ja, Chef..."
"Wissen Sie..."
"Sie aber auch, Chef..."
"Ich habe der Feindin noch Paroli geboten! Und jetzt ab. Ich will dieses Auto haben! Kontrolliert alles, ich habe den dringenden Verdacht, dass wir es hier mit Coronas Mörder zu tun haben!", fluchte Niko.
Seine drei Kollegen nickten nervös und eilten dann schleunigst aus Nikos Wutradius.

Wenige Minuten später betrat Niko erneut den dunklen Hof. Hinter ein paar Kisten hörte man ein Fluchen und sich schnell entfernende Schritte. Niko atmete die tiefe Abendluft ein und holte dann aus seiner Tasche einen Kommunikator hervor.
"Ja?"
"Hey, Skylar, ich bins", sagte er nach einem Moment
"Habt ihr den Mörder von Corona?", fragte sie sofort.
Niko zögerte.
"Nein... aber vielleicht... jemand anderes..."
"Niko, was ist los?", sagte Skylar nach drei Sekunden.
Niko atmete tief ein. Er blicke lange auf den dunklen Hof, wo er vor ein paar Minuten noch dieses Gesicht gesehen hatte.
"Es war dunkel... aber... ich glaub, dass es Xelto war", sagte Niko nach einer kurzen Pause.
Nur das gleichmäßige Rauschen war zu hören.
"Niko... Xelto ist tot. Er ist von einer Klippe in ein tosendes Meer gestürzt."
"Ich weiß, was ich gesehen habe", sagte Niko bestimmt.
"Du wusstest aber schon einmal, was du gesehen hast. Denk daran, was du damals deswegen verloren hast..."
"Ich habe damals Zed Black gesehen! Er war am Ort des tödlichen Autounfalls von Jim Frick, unserem Zahnstochermann. Ich weiß, du hast gesehen, wie Kitisa ihm einen Kopfschuss verpasst hat, aber er war da!"
"Ich glaube dir, ich war nicht diejenige, die dich wegen dieser Theorie verlassen hat!"
"Musst du den Finger immer wieder auf die Wunde legen? Müssen wir jedes Mal über Selphie reden?", fragte Niko genervt.
Skylar seufzte.
"Halt mich bitte auf dem Laufenden, ja? Wenn er es wirklich war, dann geht uns das beide was an", sagte Skylar.
"Ich weiß..."

"Was ich mache, hat keine Zukunft. Die Frau, die ich liebe, ist weg und gebunden und damit die einzige Hoffnung auf Erlösung. Wieso helfe ich ihnen? Warum zerstöre ich nicht die, die glücklich sind, und baue mir meinen Platz in diese Welt?
Vielleicht wegen ihr. Ich unterstütze sie und ihren Freund bei ihrem Vorhaben, ihre Welt zu beschützen und für sich einen Platz zu finden. Ich weiß, dass diese Reise endgültig ist, denn wenn erst mal diese Welt steht, die wir aufbauen wollen ist meine Zeit abgelaufen. In einer hellen und glücklichen Welt gibt es keinen Platz mehr für mich.
Ich kämpfe für meinen eigenen Untergang. Mit jedem großen Sieg, den wir erringen, füge ich mir selbst eine Niederlage zu. Und während die anderen ihren errungenen Platz feiern, merke ich, wie sich mein Platz sich immer mehr auflöst.
Das Einzige, was mich noch hält, ist Xelto.
Xelto, bist du nicht der bessere von uns beiden? Du kämpfst für deine Sache und heuchelst nicht was vor, was du nicht bist. Bist du ehrlicher?"

"Wer hat das geschrieben?", fragte Leona.
"Jemand, den ich mal gekannt habe", entgegnete er ausweichend.
Am Horizont ging langsam die Sonne auf. Sie hatten die Plätze getauscht, nachdem sie die ganze Nacht durchgefahren waren. Sie mussten soweit wie möglich kommen, bevor Niko überhaupt die Chance hatte Straßensperren zu errichten.
Bisher hatten sie kaum ein Wort gesprochen.
"Xelto, wer war der Mann in der Bar?", fragte Leona.
"Weiß ich doch nicht!", fluchte er zurück.
"Das war Niko Goodsworth, der Typ aus dem Buch von dieser Skylar!"
"Mag sein."
"Er hatte deine Augen!", sagte Leona hart.
Xelto atmete tief ein.
"Das ist dummer Zufall. Nun halt endlich dein verdammtes Maul!", brüllte Xelto.
Mit einem Mal bremste Leona scharf ab. Xelto spürte, wie die Gurte in seinen Brustkorb drückten.
Das Auto kam zum Stillstand.
"Was ist denn jetzt los?"
"Sag mir nicht, wann ich meinen Mund zu halten habe! Ich habe meinen Vater und meine Heimat verloren, bin dir kleinem Pisser wochenlang nachgereist und habe eben einen Polizisten für dich verprügelt. Und wenn ich all das für dich tue, erwarte ich eine kleine Gegenleistung!", zischte Leona mit einer tödlichen Ruhe.
"Zu hohe Erwartungshaltungen sind nie gut", murmelte Xelto.
Leona packte Xelto am Hals.
"Man sollte immer Erwartungen an das Leben stellen, wenn man nicht lebendig begraben werden will! Sag mir, was ist! Vor wem und vor allem, warum wir flüchten", sagte Leona.
Sie ließ Xelto los.
"Du weißt es doch sowieso schon", entgegnete Xelto.
"Ich will es hören und zwar aus deinem Mund! Schluss mit diesem unausgesprochenen Scheißdreck! Sprich es aus!", sagte Leona und atmete schwer.
"Dann musst du aber weiterfahren", murmelte Xelto.
Leona nickte und gab wieder Gas. Xelto sah zum rötlichen Licht der aufgehenden Sonne.
"Mein Name ist Xelto... Goodsworth", sagte er langsam.
"Ich weiß", antwortete sie.
"Schön, ich dachte, du wolltest es von mir hören", murmelte Xelto.
"Du galtest als tot!"
"Nicht das erste Mal, das kann ich dir sagen. Ich hatte gehofft, dass mich der Sturz von einer Klippe wenigstens ins Jenseits befördert, wenn einen schon der besessene Bruder nicht um die Ecke bringen kann. Naja, vielleicht beim dritten Mal dann", lachte Xelto freudlos.
"Warum hast du Corona umgebracht?", fragte Leona.
"Weil er deinen Vater erpresst hat. Und weil er Verbindungen zu einem Mann hatte, der ebenfalls als tot galt. Die Öffentlichkeit kannte ihn unter dem Namen Jim Frick. Sein richtiger Name jedoch ist Eza Ezkume. Er war einst Wissenschaftler in Esthar und Teil des Widerstands gegen Adell. Dann jedoch bekam er die Quittung für seinen Aufstand. Die Gruppe 'Per Manum', die hinter Adell stand, löschte seine Gruppe beinah vollständig aus. Er verschwand und tauchte erst Jahre später wieder auf. Er hatte einen kompletten Gesinnungswandel hinter sich. Hyne allein weiß, wieso. Nun setzte er alles daran, 'Per Manum', die ihn zerstört hatte, wieder aufzubauen. Man nannte ihn nun den 'Zahnstochermann', weil er stets einen Zahnstocher im Mund trug. Unterstützt wurde er bei diesem Vorhaben von einem Zed Black", sagte Xelto.
"Der ja tot ist. Stand in Skylars Buch", meinte Leona trocken.
"Sie hat nur gesehen, wie ein Teil von ihm gestorben ist", sagte Xelto.
Auf Leonas fragenden Blick fuhr er fort.
"Black hatte vor Jahren die Schwarzgöttin Elvira von Nokturn kontaktiert und von ihr eine archaische Apparatur erhalten. Mit dieser teilte er sich in fünf gleiche Teile auf. Als ich mit der Suche anfing, waren es bereits nur noch vier. Einen hatte Kitisa erschossen. Ich jagte die verbliebenen vier, zerstörte einen nach dem anderen, zerstörte den ganzen Mann nach und nach. Der eine Teil führte mich zum nächsten Teil und jetzt ist nur noch einer übrig. Und dieser wird mich zu Ezkume führen."
"Und dann..."
"...werde ich das Problem lösen."
"Du meinst, ihn umbringen, oder?", fragte Leona.
Xelto blickte zur gleißenden Sonne, die langsam hinter einem Berg verschwand.
"Ich habe viel Scheiße gebaut. Der Mensch, der mich verstanden und geliebt hat, ist fort. Ich habe sein Buch durch Glück oder durchs Schicksal gefunden. Ich fühle mich diesem Menschen sehr verbunden. Vielleicht war der Einzige, der überhaupt was verstanden hat.
Ich habe ihn enttäuscht. Ich will seinen und meinen Kampf zu Ende führen, auch wenn das meinen Untergang bedeutet."
"Wenn man deine beeindruckende Rhetorik mal beiseite lässt... wieso würde das dein Untergang bedeuten?", fragte Leona ironisch.
"Weil entweder die Welt oder ich untergehen müssen. Die Menschen und ich, wir passen nicht zusammen. Ich führe diesen Kampf für Cifer und für mich zu Ende, nicht für die."
"Und dann? Wenn du gewonnen hast und alle tot sind, die du tot sehen willst?"
"Versuch Nummer 3, oder?"
Leona biss sich auf die Lippe.
"Und... du meinst, dass es nichts auf der Welt gibt, das dich vielleicht doch noch liebt?", fragte sie langsam.
"Das ist nicht der Punkt. Die Frage ist, ob es etwas auf der Welt gibt, das ich noch liebe", antwortete er und sah sie eiskalt an.

In der Villa Goodsworth war es totenstill. Hier im Schatten würde ihn niemand finden.
Xelto heulte hemmungslos. Er lag zusammengekauert unter der großen Treppe der Eingangshalle.
Xelto betrachtete seine Hände. Sie waren aufgeplatzt und bluteten. Er steckte sich seinen blutigen Daumen in den Mund, leckte mit seiner Zunge das Blut ab und dachte an das, was passiert war.
Der Vater lud gerne Freunde, das heißt Geschäftsleute, die sich gern im längst verblassten Ruhm der Familie sonnten, ein und veranstaltete Partys, bei denen meist viele Drogen und Alkohol konsumiert wurden. Letztes Mal hatte es sein betrunkener Vater anscheinend sehr komisch gefunden, den jungen Xelto in alten Mädchenkleidern seiner Schwester Skylar vorzuführen. Xelto erinnerte sich an den widerlichen Gestank der Männer, die ihn ausgelacht hatten und ihm scherzhaft immer wieder Klapse auf seinen Hintern gegeben hatten. Als er dann nach einiger Zeit sie gebeten hatte, aufzuhören, hatten sie nur noch mehr gelacht und gesagt, dass doch alles nur ein Spaß sei.
Irgendwann nach einer halben Stunde hatte Xelto sich schließlich geweigert, weiterzumachen, und war herausgerannt. Den ganzen Abend hatte er sich aus Angst vor dem Zorn seines Vaters in seinem Zimmer eingeschlossen und hatte ängstlich nach Schritten gelauscht, die zu ihm wollten. Seinen Vater hatte er erst am nächsten Tag zum Frühstück wieder gesehen. Sie hatten stumm ihre Mahlzeit eingenommen. Später war er, sein Glück kaum fassend, mit Niida im Dorf spazieren gewesen. Dann hatte ihn Niko auf einmal gesagt, dass sein Vater ihn sprechen möchte...
Plötzlich durchbrach etwas die Stille. Er konnte Musik hören, die von draußen herein kam. Musik von einer Drehorgel. Ein Musiker war wohl ins Dorf gekommen. Xelto hörte das Lachen seiner Freunde. Er konnte vor seinem inneren Auge förmlich den Leiermann und seine Freunde sehen. Die hatten gerade sicherlich viel Spaß. Sie hatten immer Spaß...
Schritte.
Eine Hand mit einem nassen Lappen. Jemand wischte ihm mit angenehmen, warmen Wasser über das Gesicht.
"Hier, du Schlafmütze. Ist alles gut, alles wird gut. Komm, ich mach dich etwas sauber", flüsterte eine warme Stimme.
Xelto blickte hoch und sah direkt in das Gesicht seiner Schwester Skylar. Sie streichelte sanft über seinen Kopf und nahm ihn anschließend in die Arme.
Fünf Minuten saßen sie so da. Dann ließ sie ihn los.
"Kommst du mit oder magst noch hierbleiben?", fragte Skylar.
Xelto schüttelte den Kopf. Skylar nickte, stand auf und ging in Richtung Eingangstür. Weitere Schritte und eine aufgesetzt höfliche Stimme.
"Schätzchen, wohin gehst du?", fragte Beatrix Goodsworth, während sie die Treppe hinabstieg.
Xelto hörte ihre Schritte, die über seinen Kopf in Richtung Tür gingen.
"Geht dich nichts an!", fauchte Skylar.
"Wie redest du denn mit deiner Mutter?", fragte Beatrix.
"Ich rede nicht mit meiner Mutter, ich rede mit einer Totalversagerin", lachte Skylar und verließ das Haus.
Beatrix sah ihr kurz nach und drehte sich um. Ihr Blick fiel auf Xelto.
"Schätzchen, was versteckst du dich wieder so? Ist es wegen deinem Vater?"
Seine Mutter ging auf ihn zu und setzte sich genau auf den Platz, auf dem Skylar eben noch gesessen hatte.
"Dein Vater hat dich ganz doll lieb. Er liebt uns mehr als alles andere", sagte Beatrix mit einem Lächeln, das so falsch ist, dass Xelto befürchtete, ihr Gesicht würde gleich zerspringen.
"Er hasst mich. Und ich hasse ihn auch!", flüsterte Xelto.
"Aber nein, er liebt dich. Und du darfst deinen Vater nicht hassen! Er beschützt uns und ermöglicht uns dieses Leben in Reichtum. Wir müssen ihm dankbar sein. Du darfst ihn nicht hassen. Du darfst nicht hassen, das geht nicht", sagte seine Mutter und nahm ihn in den Arm.
Xelto spürte, wie sie mit ihren fetten Armen seinen kleinen Körper umschlang und ihn beinahe in ihrem Muttergriff erwürgte. Er konnte ihr ekelhaftes Parfüm riechen, dass ihren Schweißgeruch nur mühsam verdecken konnte und spürte ihre seidenen Handschuhe an einem Hals, die beinahe komplett die Körperwärme abblockten. Er schloss seine Augen. Sein Geist zog sich von seinem Körper zurück und floh in weite Fernen.
Plötzlich sah er etwas. Undeutlich und verschwommen konnte er sich selbst mit Niida und den anderen Kindern um den Leiermann herumstehen sehen. Sie lauschten seiner Musik und unterhielten sich lebhaft. Er versuchte zu verstehen, worüber sie redeten, doch die Musik war zu laut. Auf einmal kicherten alle über einen Witz, den der Musiker ihnen gerade erzählt hatte.
In den Armen seiner Mutter lächelte Xelto ebenfalls.
Draußen spielte der Leiermann die Musik zu seinem Traum.


Das Auto kam mit einem Ruck vor einer kleinen Pension im Niemandsland zum Stehen.
Die Sonne war weit gewandert und im Begriff unterzugehen.
"Wir sollten schlafen. Ich denke, wir haben Niko erst mal abgehängt!", murmelte Leona müde.
Sie betraten die Rezeption. Staub hatte sich auf dem Tresen angesammelt. Es war niemand da. Xelto haute ungeduldig auf die Klingel.
Plötzlich öffneten sich hinter dem Tresen zwei Türen rechts und links und heraus traten geradezu spiegelverkehrt zwei Menschen.
"Willkommen ihr Süßen, ihr... oh, ein bekanntes Gesicht. Gregory, es ist der Junge aus der Villa der Gräfin", rief Lohan entzückt.
"Tatsächlich. Xelto Goodsworth. Endlich von der garstigen Hexe wieder los? Ich wusste, das war nur vorübergehend. So ein hübscher junger Mann würde es nie bei einer solchen Frau mit Dauerdepression auf die Dauer aushalten", strahlte Gregory.
"Wir haben uns in der Tür geirrt! Wir gehen wieder", sagte Xelto und wollte wieder gehen.
"Es gibt kein Hotel hier in der Nähe außer unsres", meinte Lohan lächelnd.
"Xelto!", rief Leona Xelto hinterher.
"Ich bleib bei diesen Verrückten keine weitere Sekunde. Die haben mich damals in einen Kerker gesperrt. Sie waren Diener von so einer irren Psychopathin..."
"Da haben wir ja was gemeinsam!", lachte Lohan schallend und streichelte Gregory abwesend über die Hand.
"Ja, es stimmt, wir waren in unserer Jobwahl nicht immer besonders weise. Aber machen wir nicht alle Fehler? Es unterscheidet die Menschen, ob sie daraus lernen oder nicht, ob sie den Chance nutzen, sich zu verbessern oder ihn verstreichen zu lassen und es aussitzen. Wir sind nun die Leiter dieser netten Pension und wir haben ein Zimmer frei. Nur eins für zwei. Der 'romantische Raum'."
Xelto sah zu Leona rüber.
"Wir nehmen es", sagte Leona kurz entschlossen.

Der 'romantische Raum' entpuppte sich als ein großes Zimmer, das in plüschigem Rosa ausgekleidet war. Ein großes Bett mit Kissen in Herzform stand am Kopfende, geschmacklose Tische und eine Bar rundeten das Ambiente ab.
Xelto ging zu einem Sofa rüber, schmiss ein lächelndes Chocobo-Plüschtier herunter und setzte sich erschöpft hin.
Langsam schloss er die Augen.
"Edea Kramer ist tot!"
Xelto zuckte zusammen.
"Was?"
"Steht hier. Sie ist gestern gestorben. Sie ist einfach ins Bett gegangen und am nächsten Tag nicht wieder aufgewacht", murmelte Leona, während sie durch den Artikel blätterte.
"Aber... sie ist eine Hexe", sagte Xelto.
"Und auch Hexen sterben wohl wie jede andere Menschen auch eines Tages. Hier steht, die Trauerfeier ist morgen mittag am Waisenhaus. Es werden viele Menschen erwartet", sagte Leona.
"Schön für sie!"
"Wir sollten da auch hingehen!", sagte Leona entschlossen.
"Super Idee, da suchen die uns als erstes", schnaubte Xelto.
"Du hast ja auch nichts Unrechtes getan. Zumindest nichts, was die dir beweisen können. Und außerdem wo willst du denn sonst hin? Der Besuch könnte auch für deinen Kampf gegen 'Per Manum' wichtig sein, denn immerhin..."
Sie verstummte.
Jemand rüttelte am Türknauf.
Xelto bedeutete Leona still zu sein und zog sein Schwert.
Es wurde heftiger an der Tür gerüttelt.
"Wer immer das auch sein mag, Subtilität ist nicht seine Stärke", murmelte Xelto.
Er stellte sich neben die Tür und hob sein Schwert. Langsam wackelte die Tür so heftig, dass sie vermutlich bald aus den Angeln gerissen werden würde.
Plötzlich hörte es auf. Xelto lauschte nach Schritten. Vollkommene Stille.
Er winkte Leona zur Seite. Sie stellte sich neben ihm.
Plötzlich knallte es zweimal. Holz splitterte. Dumpf schlug etwas in ein Herzchenkissen ein.
Von draußen war geschossen worden.
Die Tür öffnete sich.
Xelto hörte unregelmäßige Schritte, als ob jemand Betrunkenes torkelte.
Ein Mann kam in sein Sichtfeld. Er hatte eine Pistole in der Hand, die er unsicher vor seinen Körper hielt.
"Ist jeeeeeeeeeeemaaaaaaand daaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa?", rief der Mann mit einer langsamen, fast kindlichen Stimme.
Xelto sprang nach vorne und trat dem Mann die Beine weg. Der Mann stieß einen langen Schrei aus.
"Aua!", rief er erschrocken.
Xelto riss ihm die Waffe aus der Hand und sah dem Mann ins Gesicht.
"Es geht anscheinend auch einfacher. Wenn ich nicht zu dir komme, kommst du zu mir, nicht wahr, Zed? Leona, der Stuhl!"
Zed Black blinzelte.
"Du bist Xelto Goodsworth, oder? Ich soll dich umbringen", sagte Zed mit einer langsamen Stimme, als würde ihm gerade etwas sehr wichtiges wieder einfallen.
Leona kam mit einem Stuhl angelaufen. Xelto schmetterte Zed auf den Stuhl und fesselte seine Hände an jeweils zwei Stuhlbeine. Zed ließ es widerstandslos mit sich geschehen. Er sah sich neugierig um, als wäre er gerade aus einem Tiefschlaf aufgewacht und müsste sich zum ersten Mal orientieren.
"Das ist Zed Black?", fragte Leona skeptisch.
"Das, was von ihm übrig ist. 4/5 dieses Mannes sind bereits tot. Dies ist der erbärmliche Rest", murmelte Xelto.
"Wo bin ich? Oooh, du bist aber ein hübsches Mädchen", sagte Zed mit seiner langsamen Stimme und seine Augen strahlten, als er Leona erblickte.
"WIR reden jetzt, Kumpel. Eza Ezkume, das Schwein hinter 'Per Manum', wo ist er? Wo ist dieser Arsch, der Corona finanziert hat und damit für den Tod des Vaters dieses Mädchens verantwortlich ist", zischte Xelto.
Zed sah ihn ausdruckslos an. Ohne Vorwarnung schlug Xelto Zed ins Gesicht. Zed blinzelte und sah sich schockiert um, als würde er nicht feststellen können, woher der Schlag gekommen war.
"Sie tun mir weh. Ich habe doch gar nichts getan!", sagte Zed schockiert.
Sein Gesicht verzog sich. Er stand kurz davor zu weinen.
"Xelto, warte mal. Der Mann... der ist ja wie ein Kind...", sagte Leona.
"Ja, aber er weiß etwas wichtiges. Er kennt den Weg zu meiner Erlösung!", murmelte Xelto.
Zed sah ihn ängstlich an.
"Wo ist Ezkume?", fragte Xelto laut.
Zed schüttelte den Kopf.
"Ich weiß nicht, was Sie meinen", sagte er hilflos.
Xelto atmete kurz ein und schlug dann Zed erneut ins Gesicht. Seine Brille zerbrach.
"Aua, warum hauen Sie mich? Was soll das, ich habe Ihnen doch nichts getan...", fragte Zed erschrocken.
"Sie wollten mich umbringen! Schon vergessen?", schrie Xelto.
"Ich will doch niemanden umbringen? Wer sind Sie, ich weiß nicht... Wo bin ich?", fragte Zed verwirrt.
Er sah sich um, als würde er den Raum zum ersten Mal sehen. Xelto lachte zynisch.
"Schöner Trick. WO IST EZKUME?!!?!", brüllte Xelto.
Er nahm die Scherben der Brille und zerdrückte sie auf Zeds Gesicht. Zed heulte auf, als ihm langsam das Blut von seinem Gesicht rann.
"Nicht! Das tut weh, bitte hören Sie auf, mir weh zu tun! Ich habe doch nichts getan, ich habe nichts gemacht, ich bin doch nur...", rief Zed.
Seine langsame Stimme brach und er begann zu weinen.
"Xelto...", sagte Leona.
"Ich schäle dir die Haut vom Gesicht, wenn es sein muss! Wo ist Ezkume?", fragte Xelto mit tödlicher Ruhe.
Zed rannen immer mehr Tränen übers Gesicht. Er weinte ohne Hemmungen. Er weinte, wie nur ein Kind weinen konnte.
"Aua, das brennt so... Ich weiß doch nichts, ich weiß gar nichts, ich habe...", weinte Zed in seiner schleppenden Stimme.
"Hör auf zu flennen, du verdammter Idiot!", brüllte Xelto.
Er atmete schwer.
"Xelto, hör auf. Er ist nicht beieinander. Er ist... er ist wie ein Kind, hör auf Xelto. Du darfst ihn nicht.... du bist nicht so ein Mensch!", rief Leona.
"Was für ein Mensch?", fragte Xelto laut, während er Zed fixierte.
"Jemand, der andere foltert! Du bist ein guter Mensch, nur..."
"VERDAMMT, ICH HABE EIN KIND UMGEBRACHT! Und wenn ich ein Kind umgebracht habe, kann ich auch eins foltern", brüllte Xelto und blickte ihr direkt in die Augen.
Leona blickte zurück. Sie schien viel zurückzuhalten. Xelto redete weiter, bevor sie einen weiteren Satz sagen konnte.
"Ich bin kein tragischer Held, ich bin ein Stück Scheiße. Ich war noch nie weniger, ich werde
nie mehr sein. Das hat mich Cifers Weg gelehrt. Für Menschen, die eine bestimmte Grenze überschritten haben, gibt es kein Vergeben. Cifer hat eine gerechte Welt gewollt, obwohl er gewusst hat, dass er in einer gerechten Welt nicht leben kann, weil er selbst kein Gerechter war! Und jetzt ist er tot. Und ich werde bald auch tot sein", sagte Xelto.
Leona fasste sich.
"Das war Cifers Weg. Doch das muss nicht deiner sein. Du kannst frei entscheiden!", begann Leona.
Xelto lachte freudlos und ging zur Minibar. Er holte eine Flasche Choc Saft heraus und zersplitterte sie auf der harten Bar. Dann kam er zurück.
"Hör auf..."
"Dieser Mann ist ein Mörder und Killer. Er war in einer der größten Verbrechen an die Menschheit verstrickt! Ich übe Rache für die Opfer!", sagte Xelto laut.
Er sah Zed an.
"Ezkume?", fragte Xelto kalt.
Zed schluchzte.
Er zog die zerbrochene Flasche durch den Mund von Zed.
Seine Lippen, seine Zunge, sein Kind wurden komplett zerschnitten. Zed heulte auf und krümmte sich. Blut floss auf den rosa Teppich.
"Hör auf zu flennen!", schrie Xelto.
Er spürte, wie seine eigene Gesichtsmuskulatur sich auf einmal unregelmäßig entspannte und verspannte. Seine Augen wurden feucht. Er kämpfte gegen die Tränen an. Er durfte nicht weinen. Ein Goodsworth hatte nicht zu weinen...
"Ich hasse dich", kreischte er und rammte einen Splitter in das Auge von Zed.
Zed presste unregelmäßig Luft heraus, als gelb-rötliche Flüssigkeit aus seinem Auge lief. Leona sprang hervor und griff Xelto an seinem Arm und versuchte, ihn von Zed wegzuziehen.
Xelto schnellte plötzlich mit einem Wutschrei herum und erhob drohend seine Hand.
Leona sah ihm hart ins Gesicht.
"Willst du mich schlagen, Xelto? Willst du mir ins Gesicht schlagen? Dann tue es!", flüsterte sie.
Xelto sah sie mörderisch an.
"Du Feigling, sogar zu feige, eine Frau zu hauen? Hau endlich zu, du Lusche! Schlag mich, jemand, der sich wehren kann und nicht jemand, der hilflos angekettet auf einem Stuhl festgeschnallt ist! Worauf wartest du? LOS!", brüllte sie.
Sie verpasste ihm schmetternd eine Ohrfeige. Xelto atmete schwer und senkte seine Hand. Das Blut pochte in seinem Ohr. Er zog seine Gunblade und wandte sich an Zed, der in seinem Stuhl zitterte. Auf einmal kam etwas stechendes in Xeltos Nase. Zeds Hose war feucht geworden. Er hatte sich in die Hosen gemacht.
"Du dreckiges Tier!", brüllte Xelto.
Er stieß Zed das Schwert in seinen linken Arm. Zed heulte auf. Er griff mit seiner gesunden Hand Leona am Arm.
"Hilf mir!", schrie Zed in seiner hilflosen, langsamen Stimme und sah Leona flehentlich an.
"Aufhören, Xelto, sofort!", schrie Leona.
"Erst muss ich wissen..."
Zwei Hände griffen ihn ans Gesicht. Leona zog ihn zu sich heran und gab ihm einen rohen Kuss! Als wäre er es etwas dreckiges, widerliches, stieß sie ihn sofort wieder von sich weg.
In Xelto wurde alles taub. Alles verschwamm.
"Weißt du noch, was das ist? Weißt du, wie man so was nennt?", fragte Leona schwer atmend.
"Dollet, Zur Kirche 8. Wohnung, 'Sherela White'", murmelte Zed plötzlich.
Xelto sah sich selbst, wie er das Schwert aus Zeds Arm zog. Geradezu hilflos steckte er es langsam ein.
Leona wischte sich zornig eine Träne ab.
"Du bist so ein verachtenswertes, widerliches Schwein! Du bist so ein Monster!", schrie sie.
"Sag mir was neues...", hörte sich Xelto leblos flüstern.
Leona sah ihn an. In ihren Augen lag eine endlose Trauer. Als sie wieder sprach, war ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern.
"Es wird Zeit, dass du dich entscheidest. Du kannst nicht ohne Hilfe das durchstehen. Wenn du es also wirklich noch mal wissen willst, such mich bei Edeas Beerdigung auf. Wenn nicht, bin ich weg und du wirst mich nie wiedersehen!"
Sie drehte sich um und verließ dann zügig den Raum.
"Leona, bleib hier! LEONA!"
Ihre Schritte entfernten sich.
"Dann hau ab, du blöde Schlampe! Dumme Fotze!"
Ihre Schritte verhallten endgültig. Es herrschte wieder Stille.
Xelto ging zurück ins Zimmer. Er atmete heftig aus und ein. Zed wimmerte leise.
Etwas weiter weg stand ein Spiegel. Xelto ging langsam zu ihm hin und betrachtete sein Spiegelbild.
"Ich hasse dich", sagte er.
Das Spiegelbild blieb stumm.
"Ich hasse deine Augen, ich hasse dein Gesicht, ich hasse deinen Mund, ich hasse deine Stimme, ich hasse dich, ich hasse alles!", flüsterte er.
Dann schlug er auf den Spiegel ein. Scherben schnitten quer durch seine Hand. Xelto ballte sie zu einer blutigen Faust und legte sie sich auf die Brust.
Dann krümmte er sich vor Schmerzen und stieß einen stummen Schrei aus. Er sank zu Boden. Sein Gesicht war verzerrt. Die zurückgehaltene Luft presste sich aus seiner Luftröhre den Weg in die Freiheit.
Sein Bauch zog sich unwillkürlich zusammen. Bevor etwas dagegen unternehmen konnte, kotzte er den Inhalt seines Magens auf den schönen, rosa Teppich. Xelto würgte heftig und atmete schwer auf. Er versuchte, das Würgen in den Griff zu bekommen, doch sein Körper wehrte sich weiter. Er hustete, seine Augen tränten. Er bekam einen Schweißausbruch nachdem nächsten.
Dann ließ das Würgen langsam nach, der Magen beruhigte sich allmählich. Xelto roch den widerlichen Gestank des Erbrochenen. Er hob langsam seinen Kopf. Schwarze Flecken tanzten ihm vor den Augen, als das Blut aus seinem Kopf wieder in den Körper zurückkehrte. Langsam verlangsamte sich seine Atmung wieder. Als die schwarzen Flecken verschwanden, sah er Zed, der immer noch zitternd auf dem Stuhl saß und wimmerte.
Er ging langsam zu ihm hin. Zed blickte ihn an, als hätte er ihn noch nie zuvor gesehen.
"Wer sind Sie? Bitte... Sie müssen mir helfen, ich will nicht, dass mir wieder weh getan wird", schluchzte Zed.
"Ich werde dir helfen. Keine Angst, alles wird gut", murmelte Xelto.
"Danke. Vielen Dank. Bitte... hier ist irgendwo ein Monster gewesen. Bitte lassen Sie nicht zu, dass es wiederkommt", zitterte Zed.
"Das Monster wird nicht wiederkommen, das verspreche ich", flüsterte Xelto.
"Vielen Dank, oh danke... Sie sind ein guter Mensch..."

Dr. Thekel hatte einen ruhigen Tag. Er mochte ruhige Tage. Ruhige Tage, an denen man gemütlich einen Kaffee trinken und einfach die Stunden bis zum Feierabend abzählen konnte.
"Dr. Thekel, ein Notfall!", rief eine Schwester.
Und das war das Ende des ruhigen Tages, dachte sich Dr. Thekel.
Er rannte gezwungenermaßen zum Eingang der Notaufnahme, um einen aktiven Eindruck zu machen.
In einem Rollstuhl saß ein Mann. Er sah schwer misshandelt aus.
"Oh nein, was ist passiert? Schnell, Verbandszeug und den OP vorbereiten. Infusionen und Schmerzmittel bereithalten", bellte Dr. Thekel.
"Wo bin ich? Was mach ich hier? Aua, bitte, helfen Sie mir!", weinte der Mann.
"Sie sind hier in Sicherheit. Keine Sorge, das kriegen wir alles wieder hin!", flüsterte Dr. Thekel.

Von weitem beobachtete Xelto, wie die Ärzte Zed Black in die Klinik brachten. Einen Moment blickte Xelto noch auf den leeren Eingang, bevor er sich umdrehte und in den düsteren Gassen verschwand.

Niko Goodsworth stand mit seinem Auto im Nirgendwo und ließ seinen Blick über den blutroten Horizont schweifen. Sein Kommunikator piepte.
"Goodsworth", meldete er sich barsch.
"Sie suchen Xelto, oder?", kam eine Frauenstimme aus dem Kommunikator.
"Wer ist da? Woher haben sie diese Frequenz?", fragte Niko barsch.
"Irrelevant. Er ist heute nacht in Dollet. 'An der Kirche 8' in der Wohnung einer 'Sherela White'. Bitte seien Sie da, ich habe das Gefühl, er könnte sich was antun..."
"Hey, warten Sie, woher..."
Ein Knacken. Die Verbindung war unterbrochen worden.
Niko dachte kurz nach und stellte eine weitere Verbindung her.
"Skylar, ich bins..."

Es war schon lange dunkel, doch in Dollet dachte niemand daran zu schlafen. Ein prächtiger Umzug erleuchtete die Nacht, als die Menschen auch hier das Frühlingsfest feierten. Feuerwerk wurde in die Luft geschossen, Kinder spielten und die Menschen lagen sich in den Armen. Prächtige Festwagen fuhren durch die Straßen, an denen viele Transparente ('Ein Jahr ohne göttlichen Willen') befestigt waren.
Doch wo viele Leute öffentlich feierten, gab es auch viele Unglückliche, die sich durch die verordnete Freude ausgestoßen fühlten. Vermutlich würde man am nächsten Tag wieder viele Leichen von Selbstmördern bergen.
Die Leute staunten den strahlenden Zug an. In der letzten Reihe im Schatten ging ein Mann durch die Straßen und verschwand in einem Hauseingang. Er hatte seinen Hut tief ins Gesicht gezogen.
Im Hausflur sah er ein Pärchen knutschen.
"Was ist das hier? Auseinander! Ihr könnt eure Liebesnacht woanders fortsetzen. Wie alt seid ihr? 14?", schrie der Mann.
Die beiden sahen ihn erschrocken an. Der Junge schluckte und begann dann leise zu sprechen.
"Mister, sorry, wir wollten nur..."
Der Mann zog eine Pistole aus seinem Mantel.
"Reiz mich nicht, Bursche. Verpisst euch. Los haut ab, geht zurück zu euren Müttern", zischte der Mann.
Die Kinder sahen sich an und verließen dann hektisch das Haus durch den Vorderausgang.
Der Mann steckte die Waffe ein und seufzte.
Dann griff er in seine Innentasche und holte einen Zahnstocher heraus. Er kaute ein wenig drauf herum und stieg dann die Treppe hoch.

Der Mann betrat die Wohnung. Er machte kein Licht an, sondern sah nachdenklich aus dem Fenster und beobachtete die Menschen. Seine Zunge streifte den Zahnstocher in seinem Mund. Dann nahm er seinen Hut ab und zog seinen Mantel aus. Plötzlich fuhr er herum, zog seine Pistole, richtete sie auf die Dunkelheit in der Ecke des Zimmers und drückte ab. Ein einfaches Klicken.
"Suchen Sie das Magazin hier, dass ich in den Händen halte?", fragte eine Stimme aus dem Schatten.
Der Mann senkte langsam seine Waffe und ließ seinen Zahnstocher im Mund kreisen.
"Ich wusste, dass eines Tages mein Ende kommen würde. Ich bin überrascht, dass von allen Menschen ausgerechnet Sie das Urteil vollstrecken würden, Herr Goodsworth", sprach der Mann mit einer klaren Stimme.
"Xelto reicht. Professor Ezkume", sagte eine Stimme aus dem Schatten.
Ezkume setzte sich hinter einen Schreibtisch. Er blickte in den Schatten und sah dort ein Schimmern von Augen.
"Ich bin kein Professor mehr. Die Zeiten sind lange vorbei", murmelte Ezkume.
"Und ich bin kein Goodsworth mehr. Trotzdem ist unsere Vergangenheit unauslöschlich. Und wir werden daran nichts ändern können, egal, wie oft wir sterben", sagte Xelto.
"Sie haben Zed Black aus dem Verkehr gezogen. Er wollte Unsterblichkeit und Anonymität. An beidem hat er hart gearbeitet und es schließlich bekommen. Er hat die Vergangenheit ausgelöscht, die uns bis heute verfolgt. Der Preis für diese Macht war seine Identität. Seine Biographie und sein wahren Name weiß heute keiner mehr, nicht mal mehr er selbst", meinte Ezkume.
Xelto blieb stumm.
"Wie ist er gestorben?", fragte Ezkume interessiert.
"Keiner ist angenehm gestorben, soviel kann ich verraten. Und der letzte, der noch lebt, wird...", sagte Xelto.
"Einer lebt? Wo ist er?", fragte Ezkume scharf.
"Das ist nicht mehr Ihre Angelegenheit! Bald werden Sie an einem Ort sein, wo solche Fragen von geringer Bedeutung sind. Doch bevor es dazu kommt, möchte ich eine letzte Frage stellen. Wie wird aus einem Idealisten und einem Rebellen gegen eine Diktatur so ein Arschloch?", fragte Xelto.
"Müssten Sie sich diese Frage nicht selbst stellen?", fragte Ezkume.

Flankiert von seinen beiden Kollegen ging Niko durch die Menge. Er erreichte langsam die Adresse, die ihm diese merkwürdige Frauenstimme gesagt hatte.
Skylar wartete neben dem Türeingang auf ihn. Sie sahen sich beide an.
Nach einer Weile atmete Niko tief ein, gab ein Signal an seine Kollegen und verschwand langsam im Hauseingang.

Das Fenster war ein Spalt weit geöffnet. Sie hörten die Geräusche vom Fest von draußen hereinkommen. Das Feuerwerk beleuchtete manchmal für einen Bruchteil den dunklen Raum.
"Hören Sie, wie die Menschen da draußen ihr eigenes pathetisches Leben zelebrieren. Doch mögen sie auch noch so klein geistig sein, sie sind, im Gegensatz zu uns, glücklich. Sie haben sich selbst ihren eigenen Käfig erschaffen, in dem sie sich wohl fühlen. Blendwerk, eine Lichtwelt, grell, falsch und oberflächlich. Eine Welt, die wir beide hassen", sagte Ezkume.
"Die Lichtwelt, die sie beerben, formen und kontrollieren wollen", meinte Xelto kühl.
"Menschen sind dumm", lächelte Ezkume nach einer kurzen Pause.
"Das sind sie. Verachtenswert und hassenswert", bestätigte Xelto.
"Wir sind eigentlich von unseren inneren Motivationen gar nicht soweit auseinander. Vielleicht sollten wir..."
"Kommen Sie nicht mal auf diese dumme Idee. Ich bin alles, nur nicht käuflich. Mein Vorfahre Lukas Goodsworth war so. Ich nicht. Auf so eine Tradition kann ich verzichten", sagte Xelto.
Ezkume hörte Schritte, die sich näherten. Die Musik von draußen wurde immer lauter. Das Feuerwerk beleuchtete schließlich das Gesicht des Schattens. Er starrte ihn mit unendlich schwarzen Augen an.
Dann griff er in die Schublade und holte ein paar Papiere heraus. Er blätterte sie durch.
"Ein hübscher 'Master Plan'. Sie hatten was mit der Welt vor", sagte Xelto nach einer Weile.
"Menschen wollen dominiert werden. Das habe ich gelernt. Die Wahrheit ist gleißend und schmerzhaft und ich habe mir daran die Augen verbrannt. Ihnen ist klar, dass Sie durch meinen Tod die 'Sache' nicht beenden werden. Ganz im Gegenteil, Sie werden Ihr zu neuer Form verhelfen. Nach mir kommen andere, neue Pläne werden entwickelt werden. Eine ganze Legion von Menschen ist bereit, jeden Moment meinen Platz zu übernehmen", sagte Ezkume.
"Möglich", sagte Xelto und warf den Aktenordner auf den Tisch.
Plötzlich hallte eine Stimme durch das Treppenhaus.
"Polizei! Dies ist eine Durchsuchung. Xelto Goodsworth, ergeben Sie sich", brüllte Niko durch das Haus.
"Ts, der Typ siezt mich immer noch", murmelte Xelto.
"Wollen Sie mich umbringen? Dann würde ich vorschlagen, dass Sie sich beeilen. Dann können Sie vielleicht noch durch das Fenster verschwinden und vor ihrem Bruder flüchten", sagte Ezkume.
"Klingt nach einem Plan, oder?", fragte Xelto mit einem bösen Lächeln.
Ezkume nickte.
Xelto schwang seinen schwarzen Mantel zurück und zog sein Schwert mit einem scharfen Zischen aus der Scheide. Aschfahles Licht strahlte von der Klinge aus. Er hob das Schwert über den Kopf.
"Ergeben Sie sich, das Haus ist umstellt!", hallte Nikos Stimme durch den Flur.
Er war kurz vor der Tür.
Ezkume schloss seine Augen.
Die Festmusik, das Lachen der Kinder.
Ein kühler Windzug.
Das Schwert zerschnitt die Luft.
Das Ende.
Ezkume atmete scharf ein.
Etwas berührte seinen Hals.
Etwas scharfes.
Es drang nicht ein, es lag locker auf seiner Haut.
Ezkume schlug die Augen auf.
"Das ist ein scheiß Plan, Ezkume. Die Polizei wird Sie mitnehmen. Und dann werden Sie sich dafür verantworten müssen und können nebenbei gleich die Namen der Männer sagen, die sie ja eh weghaben wollten", sagte Xelto.
"Legen Sie ihre Waffen ab, wir kommen rein!", brüllte Niko vor der Tür.
"Warum tun Sie mir das an? Warum töten Sie mich nicht?", fragte Ezkume.
"Ich will was neues ausprobieren", entgegnete Xelto.
Die Tür wurde aufgebrochen.
Licht kam von draußen herein, Gestalten drangen ein, überwältigen, fesselten...
Es war vorbei.

Niko blickte sich in dem inzwischen erleuchteten Raum um. Seine Kollegen hatten Ezkume Handschellen angelegt. Niko sah durch die Papiere, die auf dem Schreibtisch gelegen hatten.
"Hm, da kommt ja wirklich einiges zusammen. Verschwörung, Errichten einer Weltdiktatur, diverse Morde. Möchten Sie sich dazu äußern?", fragte Niko Ezkume beiläufig, während er von den Papieren kurz hochblickte.
Dieser spuckte ihm als Antwort seinen Zahnstocher an den Kopf.
"Abführen", befahl Niko kühl und steckte die Papiere ein.
Ezkume wurde aus dem Raum gezerrt.
Niko wandte sich der einzig verbliebenen Person im Raum zu. Xelto stand nachdenklich in der Ecke, zog dann langsam seinen schwarzen Mantel aus und legte ihn auf ein Sofa. Darauf schnallte er sich den Gürtel mit seinem Schwert ab und nahm beides locker in die Hand.
Niko schritt langsam auf ihn zu. Beiden sahen sich kurz an. Plötzlich umarmte Niko seinen Bruder. Bevor Xelto wirklich realisieren konnte, was da gerade geschah, hatte ihn Niko auch schon wieder losgelassen.
"Wir dachten, du wärst tot", meinte er schließlich in einer beherrschten Stimme.
"Freut mich auch, dich zu sehen", entgegnete Xelto und machte Anstalten zu gehen.
"Hey, wohin? Wir sind hier noch nicht fertig!", rief ihm Niko hinterher.
Xelto blieb an der Tür stehen.
"Ich muss noch etwas erledigen. Danach können wir von mir aus tausend Verhöre durchziehen", sagte er.
"Ein Gespräch würde mir reichen", entgegnete Niko.
Xelto lächelte unmerklich und ging aus dem Raum.
"Hey, was ist mit deinem Mantel?", brüllte Niko.
"Den brauch ich nicht mehr!", hörte er Xelto vom Flur zurück brüllen.

Xelto schritt den Flur runter und sah jemand an der Treppe stehen.
Skylar.
Sie sah ihn lange an. Ihre Augen waren feucht.
"Hallo, Schlafmütze", sagte sie leise.
"...Hi."
Sie fing an zu weinen. Hektisch wischte sie sich die Tränen vom Gesicht.
Ich hatte mir vorgenommen nicht zu heulen. Ich weiß, du magst das nicht", sagte sie leise.
"...Ist schon ok...", murmelte Xelto fast verlegen.
"Was musst du denn noch erledigen?", fragte Skylar.
Xelto schwieg.
"Wir fahren jetzt zur Beerdigung von Edea. Wir könnten dich mitnehmen, wenn du magst", meinte sie langsam.
"Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist", murmelte Xelto und wollte sich an ihr vorbei schieben.
Sie packte ihn am Arm und sah ihm fest in die Augen.
"Ich auch nicht. Aber mein ganzes Leben bestand kaum aus guten Ideen. Wollen wir es nicht einfach ausprobieren?", fragte sie.
Sie ließ Xelto los. Xelto blickte den Flur herunter und sah Niko nachdenklich aus dem Raum kommen. Xelto blickte von Skylar zu Niko. Er fühlte sich unwohl. Sie sahen ihn beide so merkwürdig an. Auf einmal wurde ihm leicht schwindelig. Alles drehte sich und die Umrisse von Skylar und Niko wurden unscharf und schließlich zu Flecken. Nach einem kurzen Moment, spürte er noch, wie ihm die Beine einknickten und versank dann in tiefster Schwärze.

Xelto saß auf dem Rücksitz eines Wagens und blickte aus dem Fenster. Der Frühlingszug hatte sich aufgelöst. Allerdings waren trotzdem noch viele Menschen auf der Straße, unterhielten sich, saßen in den zahlreichen Cafès oder waren schon wieder auf dem Weg nach Hause.
Er bekam kaum was mit und spürte, wie er langsam aus der Realität in eine Traumwelt hinab gezogen wurde. Die Töne und Farben der Umgebung verwischten langsam und lösten sich in einen faszinierenden Fluss auf, indem man zwischen den verschiedenen Formen nichts mehr erkennen konnten.
Aus den Tiefen seines Unterbewusstseins kam auf einmal ein wunderschöner, sanfter, heilender Klang. Wie aus einer anderen Welt streichelte er seinen frierenden Körper und seine geschundene Seele und gab ihm Frieden. Und er wusste, dass in diesem Moment Cifer ganz nah bei ihm war.

Über das Rauschen der Wellen hinweg hörte sie einen wunderschönen sanften Klang, der ganz im Kontrast zu der traurigen Atmosphäre befand. Edea Kramer lag aufgebahrt vor dem Waisenhaus. Viele hunderte Menschen, in der Öffentlichkeit bekannte und unbekannte, standen um den Leichnam herum. Es gab keine Zeremonie. Auf Edeas Wunsch sollte es jedem Teilnehmer der Trauerfeier gestattet sein, ganz individuell Abschied zu nehmen.
Dunkle Wolken hingen am Himmel. Der Wind wehte so stark, dass viele Blüten abgerissen wurden und sanft durch die Luft segelten.
Ein Geräusch von einem Auto ließ sie aufschrecken. Sie drehte sich um. Drei Menschen waren aus einem Auto gestiegen und gesellten sich zu der Trauergemeinschaft. Einen von ihnen kannte sie, auch wenn er ganz verändert aussah. Sie entdeckte weder seinen Mantel noch sein Schwert. Er trug ein einfaches weißes Hemd und unterschied sich rein vom optischen kaum von den anderen Anwesenden.
Dann riss auf einmal der Himmel auf. Gelbe Sonnenstrahlen wärmten die Erde, Luft und die durch den Wind wehenden Blütenblätter. Fast mystisch webte das Licht mit den Blüten ein wunderbares Netz.
Der Frühling war da.

Es war ein wunderschöner Frühlingstag.
Xelto saß draußen neben Niida. Sein Hausarrest war endlich vorbei. Er genoss die ersten Sonnenstrahlen, die auf sein Gesicht schienen und ihn wärmten. Er roch die frische, klare und reine Luft.
Xelto und Niida schmissen abwechselnd Steine einen Hang hinunter. Mehrere Meter unter ihnen platschten sie in einen See.
Von weitem konnten sie die Schreie andere Kinder hören, die vergnügt auf dem Marktplatz spielten. Vielleicht würden Niida und Xelto später zu ihnen gehen. Vielleicht auch nicht.


Vielleicht gab es doch die ein oder andere gute Erinnerung an seine Vergangenheit, dachte sich Xelto. Er stand am Auto. Neben ihm stand Leona. Sie hatten kein Wort miteinander gesprochen. Seine Hände waren in seiner Tasche. Er befühlte abwesend einen Griff eines Schwertes in seiner Tasche. Die Überreste von Cifers Klinge. Squall hatte es ihm nach der Beerdigung stumm überreicht.
Er ließ den Knauf los und zog langsam seine Hand aus der Tasche. Der kühle Wind trocknete schnell den Schweiß auf seiner Hand.
Ohne das er es wirklich wollte, streichelte seine Hand Leona flüchtig über die Schulter. Aus den Augenwinkeln sah er, wie sie ihn überrascht ansah. Bevor sie jedoch was sagen konnte, entfernte er sich kurz vom Auto und vom Waisenhaus und ließ den kurzen Moment in der Luft hängen.
Die Welt war nicht untergegangen und auch er war auch noch da. Es würde noch lange eine große Trennlinie zwischen ihm und dem Rest geben, aber vielleicht würden sie nach einer Weile lernen, sich zumindest nicht mehr auf die Nerven zu gehen.
Er schaute kurz über seine Schulter und sah Skylar und Niko, die auf ihn warteten. Er nickte ihnen kurz zu und bedeutete, dass er gleich kommen würde.
Vorher jedoch blickte er zu der Straße, die vom Waisenhaus in die unendliche Weite führte. Er beobachtete, wie sie sich schlängelnd entfernte, in der Ferne langsam immer kleiner wurde, schließlich mit einer Biegung hinter einem Hügel endgültig aus seinem Blickfeld verschwand und in mitten der Unendlichkeit nicht mehr auszumachen war.