FFVIII: Aomes Trianirea Four Seasons - Winter

Winter

verfasst von MfLuder

Gestern Abend beim Sterne schauen,
merkte ich, dass zwei fehlen,
später dann, ich konnts kaum glauben,
sah ich sie in deinen Augen

-Anonym

Die Kälte war gekommen. Schnee und Eis hatten die Welt überzogen. Es war ein düsterer und kalter Winter. Nicht nur wegen des Wetters, sondern auch wegen mehreren unheimlichen Gefahren, die nach und nach die Welt heimsuchten. Momentan hielten sie sich noch in den Schatten auf, doch die richtigen Leute mit den wachen Augen wussten, dass diese Monster nur auf ihre Zeit warteten und wenn die Zeit gekommen wäre, würde die Welt von einer Welle Terror und Chaos heimgesucht werden wie seit ihrer Erschaffung nicht mehr.
Weit weg von all dem befand sich ein in dicken, weichen Schnee eingehüllter Wald. Es war tiefste Nacht und dichtester Nebel umspielte die Bäume. Eisiger Wind wehte und ein heftiges Gewitter sendete Donner und Blitz in den Wald. Kaum ein Lebewesen hatte den Mut, sich bei diesem Wetter nach draußen zu wagen.
Nur ein kleines Auto schob sich mit flackerndem Licht durch die eisige Dunkelheit. Das Jaulen des Motors durchdrang für einen Moment die Nacht, bevor das Auto verschwand und die Geräusche der Natur wieder die Herrschaft übernahmen.
Im Auto herrschte jedoch eher schlechte Stimmung.
"Es ist kalt, es schneit, das Wetter ist scheiße, alle sind zu Hause und was machen wir?", fragte Rinoa gereizt.
"Einer Spur nachgehen. Diese Gräfin sagt, sie hätte einen Lacrima. Also schauen wir nach, ob sie die Wahrheit sagt", entgegnete Squall.
Beide saßen auf der Rückbank, während Cifer vorne alleine mit der Steuerung und der Karte kämpfte.
"Du musst mich nicht für dumm verkaufen, ich weiß schon worum es geht! Nur normalerweise schauen wir auch, ob diese Informationen überhaupt glaubwürdig sind", antwortete Rinoa.
"NIKO schaut normalerweise, ob diese Informationen überhaupt glaubwürdig sind. Er hat nach Caris' Einmarsch in Timber und dem Kampf auf dem Torbogen die Leitung übernommen und wie du weißt, teilt er seine Informationen äußerst ungern.
Nur dieser Hinweis ging direkt an mich und nicht an Niko und deswegen..."
"ICH WEIß, SQUALL! Nur ich bin fertig. Ich trage ein Kind mit mir rum und muss allerlei Sachen über mich ergehen lassen und du, du schleppst uns von einer Mission zur nächsten. Ich kann nicht mehr!", sagte Rinoa und schlug ihre Hand vor ihren Mund.
"Du hattest drei Wochen nix zu tun. Außerdem frage ich dich jedesmal, ob du mitkommen willst oder nicht. Wieso kommst du jedesmal mit, wenn du eigentlich nicht willst?!", fragte Squall laut.
"Man kann dich ja nicht alleine lassen! Du bist ja viel zu schwach geworden!"
"Ich schwach? Wer hat sich denn bei irgendeinen waghalsigen Flucht von zu Hause übernommen? Und wer hat dich gesucht?"
"Das hast du gemacht, weil du Publikum wolltest. Weil jeder sehen sollte, was für ein toller Held du doch bist, wo du doch eigentlich gar nichts kannst!", giftete Rinoa.
"WAS?!!! WAS HAST DU GESAGT?"
"Jetzt schrei nicht so rum, ich bin müde und habe schon Kopfschmerzen!", sagte Rinoa genervt.
"Du denkst, es geht hier nur um dich, oder? Glaubst du etwa, deine Gefühle sind mehr wert als die der anderen? Was ist nur los mit dir?", fragte Squall.
"Jetzt leg doch nicht alles auf die Goldwaage. Früher da waren wir noch verliebt und ich konnte mich auf dich verlassen, heute habe ich..."
"FRÜHER KONNTE ICH MICH AUCH DRAUF VERLASSEN, DASS DU DICH NICHT EINFACH MITTEN IN DER NACHT VERPISST! Ich weiß nicht, was heute dein Problem ist, was überhaupt dein Problem ist. Was kannst du mir nicht sagen? Frisst alles in dich rein und denkst, du bist irgendeine Heldin deswegen..."
"HALTET ENDLICH DEN MUND UND HELFT MIR!", brüllte auf einmal Cifer vom Steuer.
"Wir...", sagte Rinoa
"Das war...", stotterte Squall
"Seid ruhig ihr beiden, wir sind da", knurrte Cifer.
Dies brachte beide zum Schweigen.
Aus der Dunkelheit schälte sich langsam unter donnerndem Gewitter eine Villa heraus. Wie von Geisterhand öffnete sich das Tor. Ein Blitz erleuchtete kurz das Schild.

VILLA NOKTURN

"Entzückendes Plätzchen für ein gemütlichen Abend", meinte Rinoa, als Cifer das Auto vor dem Eingang zum Stehen brachte.
"Seit wann sind Lacrimas einfach zu finden? Und warum bist du heute so aggressiv?", entgegnete Squall.
Rinoa zögerte kurz und meinte dann etwas ruhiger.
"Nichts, ich hab bloß schlecht geschlafen und dachte, ich könnte heute nacht mal etwas Schlaf nachholen, das ist alles. Außerdem... ich will nicht immer über alles diskutieren müssen."
"Jajajaja, ich liebe dich auch! Lass uns die Scheiße hinter uns bringen!", knurrte Squall wütend.
Die Autotüren knallten zu. Schnee fiel etwas vom Dach. Cifer beobachtete kurz die beiden, die sich so innig liebten und sich doch manchmal so dämlich verhielten. Sein Blick fiel auf Rinoa. Wie lange liebte er sie nun schon? Vielleicht hätten sie damals vor dem ersten Konflikt eine Chance gehabt. Doch diese Zeiten sind schon lange vorbei und er bezweifelte, dass Rinoa jemals wieder jemand anderes lieben würde als Squall.
"Liebe ist was wunderbares", meinte er lakonisch, schnappte sich seine Gunblade und folgte den beiden in die Kälte.

Es hatte aufgehört zu schneien und das Donnern war zu einem kleinen mürrischen Grummeln zusammengeschrumpft. Innerhalb weniger Sekunden standen die drei in einer ruhigen idyllischen Schneelandschaft.
Ein leichter Wind wehte Squall ins Gesicht.
"Interessante Wetterverhältnisse herrschen hier", kommentierte Cifer mit hochgezogenen Augenbrauen.
Rinoa atmete tief ein, als würde sie irgendwas riechen wollen.
"Das gefällt mir nicht. In dieser Burg herrschen starke Strömungen. Irgendwas Düsteres befindet sich da drin", sagte sie.
"Der Lacrima vielleicht?", meinte Squall spitz.
"Squall, ich kann sehr gut zwischen einem Lacrima und..."
Ein Knattern. Die Tür zur Villa hatte sich geöffnet. Eine Wolke blauer Staub kam heraus geblasen. Dahinter lag die dunkle Eingangshalle.
"Man bittet uns freundlich herein", lächelte Cifer.
"Mir gefällt das nicht."
"Was gefällt dir denn heute überhaupt?", fragte Squall Rinoa.
"Wollen wir gehen oder spielt hier gleich die große Liebesszene?", fragte Cifer genervt.

Vor ihnen erstreckte sich langsam eine große Eingangshalle. Die Luft war klamm und gefährlich feucht. Squall sah seinen eigenen weißen Atem.
Überall auf dem Boden waren Wasserpfützen. Als Squall nach oben sah, erkannte er den Grund dafür. Die Halle hatte keine Decke. Man konnte den Sternenhimmel und fahlen Mond sehen, dessen fahle Strahlen sich in den Pfützen reflektierte und die Gesichter seiner Freunde beleuchteten.
Squall zog seine Gunblade. Seine beiden Begleiter taten es ihm nach. Dieser Ort sah nicht gerade sehr gemütlich aus.
Rinoa beschwor eine kleine Feuerflamme in ihrer Hand. Langsam schlichen sie sich durch die Eingangshalle, bereit, alles niederzustrecken, was sich ihnen in den Weg stellen würde.
Sie gingen in die Mitte der Halle. Dort stand ein riesiger, ausgetrockneter mit Statuen verzierter Brunnen. Squall blickte zu den Statuen. Sie hatten ausdruckslose Gesichter und waren weder als Frauen noch als Männer zu erkennen.
Eine gigantische Treppe führte anscheinend in höhere Stockwerke. Am Ende der Treppe befand sich eine riesige Uhr und dahinter ein gewaltiges Fenster. Auch durch das große Fenster schien Mondlicht. Die Uhr warf somit einen beeindruckenden Schatten auf den Boden der Eingangshalle.
Es war anscheinend um acht Uhr zehn. Squall kam es viel später vor und vermutete, dass die Uhr wohl ziemlich falsch ging.
Auf einmal zitterte alles leicht. Als Squall sich gerade wundern wollte, ob nun der Brunnen zu plötzlichen Leben erwachen würde, begann die Erde zu beben.
"Was zum..."
Staub rieselte herunter. Etwas donnerte. Dann auf einmal hallte ein gigantischer Schrei und brüllendes Fauchen durch die Gänge.
"Was ist das?", fragte Rinoa nervös.
"Das muss ein gigantisches Wesen sein, dass dort schreit", flüsterte Squall atemlos.
"Es sind zwei Urtiere, die dort ringen", sagte Cifer plötzlich.
Squall wollte ihn gerade fragen, woher er das so genau wusste, als auf einmal das Schreien verstummte.
Es herrschte wieder unheimliche Stille. Nur das leise Heulen des Windes drang an ihre Ohren.
Sie sahen sich an. Squall merkte an den Augen seiner Begleiter, dass sie sich die gleiche Frage wie er stellten. Wo waren sie hier gelandet?
"Vielleicht sollten wir doch umkehren", schlug Squall halbherzig vor.
"Jetzt sind wir schon mal hier, Squall, jetzt ziehen wir das auch durch", entgegnete Rinoa entschlossen.
Ein Knarzen. Eine weitere Tür am oberen Ende einer Treppe hatte sich geöffnet.
Ein warmer goldener Lichtstrahl drang aus ihr. Sie hörten sehr altmodische Musik.
Gespannt sah Squall zu seinen Begleitern und stieg dann langsam die Treppe herauf.
Er machte sich drauf gefasst, dass der goldene Lichtstrahl ihn blenden würde, doch das Licht passte sich angenehm seinen Augen an.
Ungläubig schritt er durch die Tür und fand sich in einem großen Saal wieder.
Der Saal war, im Gegensatz zur vermoderten Eingangshalle, luxuriös und gemütlich eingerichtet. Ein Kaminfeuer brannte und weiche Stühle, die alle an einer langen Tafel aufgereiht waren, luden zum bequemen Sitzen ein.
Squall versuchte zu entdecken, von woher der goldene Lichtstrahl kam, doch er konnte beim besten Willen den Ursprungsort nicht ausmachen. Es war, als würde der Raum selbst golden leuchten.
Auch die Musik schien direkt von der Luft erzeugt zu werden, als würde irgendwas die Luft zum Schwingen bringen und die Musik direkt in ihren Ohren entstehen lassen.
"Willkommen, setzt euch."
Zwei Herren lösten sich von der Wand und schritten auf sie zu.
Die beiden Männer gehörten zu den groteskesten Figuren, die Squall je gesehen hatte.
Beide waren stark geschminkt, hatten sich Lippenstift aufgetragen und trugen langes schwarz gelocktes Haar. Die beiden jedoch erschienen so unendlich alt, dass die Haare nur künstlich sein konnten. Nicht weniger extravagant war ihre Kleidung.
Oben herum hatten beide eine normalen Anzug an, unten herum jedoch hatten sie etwas an, dass Squall am ehesten an eine Mischung aus Lederhosen und einem Rock erinnerte.
"Die Gräfin Elivira von Nokturn wird jeden Moment bei euch sein. Bitte macht es euch bequem, als sei dies euer zu Hause. Unsere Namen sind Gregory und Lohan", sagte einer der beiden Männer in einer aufgesetzten Stimme.
Squall nickte so würdevoll, wie er konnte und setzte sich dann nach einem vielsagenden Blick zu seinen Freunden an die Tafel.
"Mit den Jungs fühle ich mich wirklich wie zu Hause", sagte Cifer ironisch, während er sich in perfekter Haltung an den Tisch setzte.
"Da scheint das adelige Blut durch, hm?", meinte Squall grinsend.
"Und bei dir der Trottel. Leg die Gabel hin, man berührt kein Besteck vor dem Essen!", zischte Rinoa Squall aus den Mundwinkeln zu, während sie Gregory und Lohan abwechselnd anlächelte.
Squall legte seufzend die Gabel hin und ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. Mehrere Gemälde mit irgendwelchen hohen Tieren aus der Centra-Ära hingen an der Wand.
Da er nur flüchtig hinsah, merkte er nicht, dass eines der Gemälde zurücksah...

In einem Raum stand nachdenklich eine alte Dame. Sie hatte kurz durch den Spion geschaut und sich kurz die Neuankömmlinge angesehen. Sie beobachtete sich im Spiegel. Ihre beiden Brüste fehlten. Sie steckte sich eine Zigarette an.
Puppen erwachten zum Leben. Ausdruckslose, freundliche Gesichter trugen ihre Kleider herbei und legten sie sanft über ihre Schulter.

"Die Dame, die Herren. Erhebt euch. Die Herrin des Hauses, die Gräfin Elvira von Nokturn!", sagte auf einmal einer der beiden Butler.
Unsichtbare Trompeten erschallten und eine majestätische Musik ertönte.
Eine große Flügeltür öffnete sich. Die Butler verneigten sich. Oben auf einer imposanten Treppe stand eine Frau.
Sie schritt langsam die Treppe herunter und Squall versuchte in ihr Gesicht zu sehen, doch ein großer Hut mit Federn versperrte ihm die Sicht. Die Frau war sicher über zwei Meter groß. Sie trug ein langes mit Diamanten besticktes Kleid und schwarze Handschuhe aus Seide. Majestätisch und anmutig glitt sie die Treppe herunter, bis sie vor ihnen stand. Sie breitete die Arme aus.
"Willkommen Helden, willkommen an diesem bedeutenden Abend in meinem kleinen Haus. Willkommen zu diesem Essen zu dieser Zeit. Willkommen in der Villa Nokturn, das Haus der Träume, Albträume und der Nacht", sprach sie.
Sie hob ein wenig den Kopf und Licht schien auf ihr Gesicht. Sie hatte eine sehr eigenwillige Schönheit. Das Alter hatte ihre Augen nicht erreicht, dessen intensives Braun immer noch intensiv leuchtete. Squall erinnerten sie an einen tiefen Brunnen, in dessen Grundwasser sich der Mond spiegelte. Eine tiefe Unendlichkeit lag in ihnen.
Im Gleichtakt mit der majestätischen Musik schritt die Frau zu ihnen. Die Musik verklang, als die Frau an der Tafel stehenblieb und ihre Gäste ansah, die mittlerweile eingeschüchtert vor ihr standen.
Einen Moment lang sprach niemand. Sie schien anscheinend etwas zu erwarten. Ihre Mundwinkel waren eine durchgezogene Linie.
Plötzlich trat Cifer hervor und bot der Dame einen Stuhl an.
"Ein Gentleman der alten Schule. Das gefällt mir", flüsterte sie lächelnd.
Dann nickte sie und ging zu dem Stuhl, blieb aber noch kurz stehen.
"Ich bin Gräfin Elvira von Nokturn, die Herrin des Hauses. Ich bitte euch Platz zu nehmen", sagte sie.
Alle setzten sich.
Eine Weile herrschte eine unangenehme Stille. Sie beobachtete schweigend jeden der drei. Squall wusste nicht so recht, ob er das Wort ergreifen sollte oder nicht. Ein Husten.
Dann plötzlich setzte die Musik wieder ein. Er zuckte vor Schreck kurz zusammen und musste kurz über sich selbst lächeln.
Die Gräfin erwiderte das Lächeln nur sehr leicht. Er fühlte plötzlich die Hitze in sein Gesicht steigen und bemerkte, wie er rot wurde. Er sah auf seinen Teller herunter.
Der Blick der Gräfin fiel plötzlich auf Rinoa.
"Sie machen keinen sehr glücklichen Eindruck, mein Kind. Kann ich dir was bringen?", fragte sie plötzlich.
"Äh, nein...ich meine, nein, ich habe bloß schlecht geschlafen", murmelte Rinoa verlegen.
Alle Aggressivität schien plötzlich von ihr abgefallen zu sein.
"Und warum rechtfertigt weniger Schlaf unnötige Aggressivität? Nach meinen Erfahrungen legt wenig Schlaf nur die Grundzüge einer Seele frei. Ich wäre besorgt, wenn die Grundzüge meiner Seele aus soviel Aggressionen bestehen würden", meinte die Gräfin spitz.
Squall blickte kurz zu Rinoa rüber.
"Lady Nokturn. Sie haben uns heute abend eingeladen und wir danken Ihnen dafür. Sie hatten auch in ihrem Brief geschrieben, dass sie einen Lacrima besitzen würden, den sie uns freundlicherweise überlassen wollen", sagte Squall.
"Ich weiß, was ich geschrieben habe, Squall", sagte sie mit leichter Schärfe.
"Dann wissen Sie auch, wieso wir hier sind, oder?", fragte er höflich aber nicht ohne Schärfe zurück.
Die Gräfin blickte kurz zu ihm.
"Sie sind bestrebt die Stimmung zu ruinieren, oder?", fragte sie schließlich.
"Hm, nicht mehr als Sie", lächelte Squall.
Zu seiner Überraschung lächelte auch die Gräfin.
"Ich mag euch. Ihr habt Anstand, Schärfe und Stärke... aber keine Demut. Ich überlasse euch den Lacrima. Aber nur zu einer Bedingung. Ich möchte, dass ihr die Nacht in meiner Villa übernachtet", sagte sie.
"Darf man fragen, warum?"
"Weil es mein Wunsch ist. Ich besitze den Stein, es ist mein Haus und damit ist es meine Bedingung. Außerdem bin ich alleine und hatte lange keine Gäste mehr. Es würde mich einfach freuen", erklärte die Gräfin.
Ein Moment Stille.
"Es wäre uns eine Ehre", sagte Cifer schließlich nach einer kurzen Ewigkeit.
"Ausgezeichnet. Ich möchte mich dann auch gleich entschuldigen. Ich muss noch etwas erledigen. Das Essen wird bald stehen. Ich wünsche einen guten Appetit und einen angenehmen Abend."
Die Gräfin erhob sich plötzlich, schwebte die Treppe empor und war dann binnen weniger Sekunden verschwunden.
"Das Mahl wird in wenigen Minuten beginnen. Entschuldigen Sie uns", sagten die Butler und verschwanden ebenfalls.
Und plötzlich waren sie wieder allein.
"Mit der Etikette haben die es anscheinend hier nicht so", sagte Cifer nach einer Runde in die absolute Stille.
"Eine faszinierende Frau", sagte Rinoa nach einer Weile.
"Ist sie eine Hexe?", fragte Squall auf Rinoas Tonfall anspielend.
"Dachte ich zuerst auch, aber sie hat keine mir bekannte Aura", flüsterte sie.
"Zumindest ist sie eine ziemlich boshafte alte Schachtel. Ich würde die im Blick behalten", sagte Cifer.
"Dafür hast du aber gut bei ihr geschleimt", sagte Squall.
"Du kennst mich doch, Squall. Ich halte immer engen Kontakt zu meinen Feinden", sagte Cifer mit blitzenden Augen.
Auf einmal begann wieder Musik zu spielen. Es waren Harfenklänge. Er kannte die Melodie. Es war ein altes Schlaflied...aus seiner Kindheit.

Und das Bächlein floss,
der Baum, der spross...


Er atmete schwerer...seine Augen waren geschwollen...trockneten aus...tränten...fielen zu...

"Sie sind eingeschlafen", meldete Gregory.
"Gut, schafft sie zu den anderen. Wenn alles glatt läuft, können wir das Portal heute nach öffnen", entgegnete die Gräfin.
Der Butler verbeugte sich und verließ dann den Raum.
"Scheint, als ob eure Pläne mehr als gut funktionieren, Gräfin", kam eine Stimme aus dem Schatten.
Ein Mann saß auf dem Stuhl. Er erhob sich und trat langsam auf die Gräfin zu.
"Ich hoffe, ihr vergeßt nicht, dass ich euch dazu verholfen habe, dass Squall und seine Begleiter jetzt in eurer Hand sind. Ich habe sie und die anderen hier her gelockt", sagte der Mann.
"Mach dir keine Sorgen, du wirst bekommen, was du verlangst. Der Lacrima ist bereits an dich gegangen und du hast ihn auch gleich verwendet, wie ich sehe", entgegnete die Gräfin.
"Ich brauche ihn, um einen Verräter zu entlarven. Aber es gibt da noch das Zweite, das ich unbedingt brauche."
Der Mann war ins Licht getreten.
"Du siehst nicht gut aus...Zed", sagte die Gräfin.
"Es wird momentan wieder etwas schlimmer. Vergiss nicht, ich bin ein todkranker Mann. Die Ärzte geben mir noch ein paar Wochen", entgegnete Zed.
"Hm, vielleicht. Vielleicht rauben dir auch einfach die ganzen Doppelspiele zuviel Kraft, Zed... Zed? Ist das überhaupt dein richtiger Name?", fragte die Gräfin.
"Genauso wenig wie Gareth Balmung", meinte Zed kühl.
"Weißt du deinen richtigen Namen überhaupt noch?"
"Ich sag ihn mir jeden Abend vorm ins Bett gehen", entgegnete Zed sarkastisch.
"Ich sehe schon, du willst weg", sagte die Gräfin und ging zu einem Tisch.
Sie öffnete die Schublade und holte eine verstaubte Kiste heraus.
"Dies ist die 'Apparatur'", sagte sie und reichte Zed die Kiste.
"Am Ziel der Wünsche", meinte Zed trocken.
"Zed, ich warne dich. Auch wenn diese Apparatur dein Leben rettet... seine Seele, sein Herz und sein Körper zu spalten, zu teilen in mehrere Stücke, aus einem viele zu machen, ist ein grausamer Vorgang. Sie wird alles menschliche in dir vollends abtöten. Irgendwann wirst du gar kein Namen mehr haben, gar keine Existenz. Du wirst zu einer leeren Hülle werden, unmenschlich und entstellt. Glaub mir, ich weiß, wovon ich rede", sagte die Gräfin.
Zed lächelte, doch seine Augen waren merkwürdig hohl.
"Ich bin doch schon tot", sagte er und verließ ohne ein weiteres Wort den Raum und wurde erst wieder mehrere Stunden später an der Seite von General Caris gesehen...

Squall öffnete langsam die Augen und sah die Sterne. Für einen Moment musste er überlegen, wo er war...
Das Essen...die Musik...die Gräfin...
Squall schreckte hoch. Er befand sich nicht mehr im Speisesaal, soviel war klar. Es war kalt, so kalt wie draußen. Squall merkte, wie er zitterte und klopfte sich schnell auf die Schenkel. Er sah sich dabei um und entdeckte seine zwei Freunde, die auch gerade im Begriff waren wach zu werden.
"Wo sind wir?", fragte Rinoa.
"Sieht nach einem Kerker aus", murmelte Squall. Er sah nach oben. Auch der röhrenartige Kerker besaß keine Decke. Nur ein paar solide Gitterstäbe und eine sehr glatte Wand versperrten den Weg ins Freie.
"Tja, die gute Gräfin hat uns wohl ganz schön gearscht", knurrte Cifer.
"Nicht nur euch!"
Squall wirbelte herum.
"Es ist immer wieder schön in schwierigen Situationen alten Freunden zu begegnen, nicht wahr? So wird das Herz erwärmt, auch wenn die Luft kalt ist", sagte eine Stimme mit einer sehr vertrauten Mischung aus Zynismus und gehauchter Erotik.
Squall sprang auf. Dies war die letzte Stimme, die er an so einem Ort in so einer Situation hören wollte.
"Was macht ihr denn hier?", fragte er scharf.
Prokylta lächelte. Hinter ihr stand ihr treuer Diener, der Schwarze Prinz Xelto.
"Das gleiche wie ihr. Wir kamen her, weil wir einen Lacrima vermuteten, aber anscheinend verfolgt Gräfin Elvira von Nokturn eigene Ziele", entgegnete Prokylta locker.
"Und die wären?", fauchte Rinoa.
Sie hatte es Prokylta anscheinend noch nicht ganz verziehen, dass sie in Deling-City alles daran gesetzt hatte, Rinoa umzubringen... und damit fast erfolgreich war.
"Ihr könnt mir glauben, ich wüsste es genauso gern wie ihr", entgegnete Prokylta.
Cifer lachte kurz ungläubig auf und ging drohend ein paar Schritte auf Prokylta zu.
"So, Hexe, raus mit der Sprache, worum geht's?"
"Ich weiß es nicht", presste Prokylta hervor, die anscheinend auf einmal sehr ängstlich war. Xelto wollte sich schützend vor sie stellen.
"Weg da, du blöder Bengel!"
Cifer schubste Xelto unsanft zur Seite und sah Prokylta fest in die Augen. Ihre Augen flackerten.
"Sie haben Angst, das sehe ich. Wovor?", sagte Cifer drohend.
Prokylta schwieg weiter. Cifer lächelte kurz... und schlug dann mit seiner Faust ein paar neben Prokylta auf die Wand. Prokylta zuckte zusammen.
"Ich frage nur noch einmal ganz sanft. Wie kommt es, dass die wohl mächtigste und hinterlistigste Hexe der Gegenwart zusammen mit ihrem kleinen Bengel von Beschützer", Cifer warf einen beiläufigen Blick zu Xelto, der ihn nicht aus den Augen ließ, "von einer Nicht-Hexe in einen Kerker gesperrt wird?"
"Dieses Schloss... versiegelt meine Hexenkräfte. So war ich... ihren Monster hilflos ausgesetzt", schloss Prokylta mit leicht roten Backen.
Auf einmal lächelte Cifer.
"Wirklich? Nur deine Anwesenheit in diesem Schloss versiegelt bereits deine Zauberkräfte? Kannst du das bestätigen, Rinoa?"
"Hm... ich fühle nur eine leichte Taubheit. Aber vermutlich liegt es daran, dass ich noch auf eine menschliche Art zaubere und nicht so wie diese Frau mich nur auf meine Hexenkräfte verlasse", kam Rinoas unsichere Stimme von irgendwo hinter Cifer hervor.
"Is eben so!", sagte Prokylta störrisch, während ihre Wangen sich immer mehr erröteten.
Cifer dachte kurz nach... und trat Prokylta die Beine weg. Sie landete sehr unelegant mit dem Gesicht in einer Pfütze.
"Leck den Boden", meinte Cifer trocken.
"Du Rüpel. Ich bin eine Dame..."
"... die mich bei lebendigem Leibe rösten wollte. Nicht gerade eine gute Methode, meine beste Freundin zu werden", meinte Cifer kühl und blickte dann Xelto an.
"Und was mit dir?! Immer noch bei dieser Terrortussi? Blödes Arschloch, sagst heute relativ wenig, oder?", herrschte Cifer Xelto an.
Xelto wartete kurz und ging dann zu seiner Herrin rüber und half ihr auf die Beine.
"Danke mein Junge...", sagte sie schwach und schoss Cifer einen giftigen Blick zu.

Gewaltige Türen öffneten sich wie von selbst, als Gräfin Elvira von Nokturn herrisch durch die Gänge der verlassenen Villa schritt.
"Wir müssen alle Vorbereitungen treffen. Bis Punkt 12 Uhr muss alles für die Öffnung des Portals stehen, sonst haben wir versagt", sagte sie ihren beiden Butlern, die beide rennen mussten um Schritt mit ihr zu halten.
"Es ... wird ... alles ... passieren ... wie ... ihr es euch ... wünscht...", keuchte Gregory
"Ja, ich weiß. Wenn nur..."
Eine gewaltige Erschütterung hallte durch das Schloss.
"Wieder ein Angriff?", fragte Lohan.
"Aber das ist unmöglich. Zweimal so schnell hintereinander?", warf Gregory ein.
"ER ist es. Ich weiß es, er spürt... was ich vorhabe. Er will mich aufhalten... Dieser Dummkopf", flüsterte die Gräfin leicht verächtlich.
Sie blickte durch ein Fenster und das fahle Mondlicht reflektierte sich in ihren Augen.
"Ich übernehme das. Fahrt ihr mit den Vorbereitungen fort", sagte sie schnell und war dann in einem Windstoß verschwunden.

"Psst", zischte Prokylta auf einmal.
Alle verstummten. Ein Fauchen, aber es schien weit weg zu sein. Krachen, wie als wenn gewaltige Leiber gegen eine Wand geschmissen wurden. Die Zelle erbebte leicht.
"Die Urtiere... wieder zwei", flüsterte Cifer.
Wieder ein gewaltiges Fauchen, dieses mal wesentlich näher. Und dann brach es ab.
Es herrschte wieder Stille.
Squall hörte das flache Atmen aller...
Ein gigantischer Knall. Die Zellenwand... sie brach ein. Mengen von Staub flogen Squall ins Gesicht, drangen in seine Lungen ein, belegten seine Augen. Eine Masse von Kreatur krachte stöhnend in die Zelle. Es schrie auf. Es war verwundet. Es schlug um sich.
Blitze drangen durch den Staub. Squall sah undeutlich Cifer, der mehrere Zauber auf das Wesen abschoss.
Schreie von Menschen kamen ihm entgegen. Dann verlangsamte sich alles.
Die Geräusche waren weg, als habe jemand den Ton abgedreht. Er blickte zu seiner Linken und erblickte Rinoa, die ihm etwas zurief. Ihr entsetzter Blick wanderte nach oben.
Langsam sah auch Squall nach oben.
Ein gewaltiger Schatten fiel langsam auf ihn herunter. Warme Tropfen fielen ihm ins Gesicht. Blut... es war Blut. Das Monster blutete und hatte starke Schmerzen.
Er musste ausweichen...
Die Geschwindigkeit nahm zu. Bevor er etwas unternehmen konnte, spürte er für einen kurzen Moment den gewaltigen Druck des Wesens.
Er wollte Widerstand leisten. Krachend zerbrach er...
Alles war taub...
Aus den Augenwinkeln sah er etwas gleißend helles...
Er blickte sich um. Durch die Schwärze kam ihm etwas Goldenes entgegen. Ein leuchtender Strahl... nein... in dem Strahl war etwas, er konnte es nicht ausmachen... Es nahm Gestalt an...
Es war ein Zug, ein gigantischer Zug aus Licht. Es war ein altmodischer Zug, wie es ihn seit hunderten von Jahren nicht mehr gegeben hatte.
Der Zug fuhr auf ihn zu... direkt an ihm vorbei
Squall versuchte, eine der Einstiegstreppen zu greifen.
Drei gingen ihm durch die Finger, doch die Vierte trug ihn nach einigem Nachgeben.
Squall spürte zwar, wie der Zug ihn mitzog, doch er fühlte keinen Wind durchs Haar ziehen.
Jemand stand vor ihm.
Es war eine Frau, eine junge Frau. Sie war in seinem Alter und trug einen Zopf. Sie sah eigenwillig schön aus und war sehr groß, viel größer als Squall.
"Elvira von Nokturn...."
Die Frau lächelte freundlich... Lächelnd beugte sie sich herunter. Sie öffnete ihren Mund und sagte etwas, das Squall nicht verstand. Dann machte sie mit freundlicher Bestimmtheit seine Finger von der Treppe los.
Squall fiel.
Er sah die Frau mit dem Zug verschwinden. Ihr freundliches Lächeln war nun voller Hohn.
Das gleißende Licht zog an ihm vorbei, verlor an Form, bis es nur noch ein Spiel von Hell und Dunkel war.
Dann dämmerte alles, das Licht wurde zu Flecken und schließlich war alles schwarz...

Squall...
Rinoa wachte blitzschnell auf und zog ihr Schwert. Das Monster!
Das Heulen des Windes wurde durch die Luft getragen, kalte Luft wehte ihr schmerzhaft ins Gesicht.
Sie war alleine.
Sie war draußen.
Sie war frei.
Langsam steckte sie das Schwert in die Scheide zurück und stand langsam auf. Sie blickte sich um.
Die Monster schienen verschwunden zu sein. Sie befand sich in einer Art Garten oder Friedhof. Überall standen Kreuze ohne Namen herum.
Vor ihr türmte sich die gewaltige Villa auf. Sie konnte die Uhr sehen...
10:30 Uhr...
Rinoa hatte keine Ahnung, wie sie hier gelandet war. Wo waren die anderen?
Langsam setzte sie sich in Bewegung.
Die Villa kam langsam näher. Sie lag unschuldig und ruhig vor ihr und zeigte auch nicht nur die geringsten Anzeichen von den merkwürdigen Ereignissen, die vor kurzem dort drin passiert waren. Sie blickte sich um und hörte auf jedes noch so kleines Anzeichen, dass das Monster zurückkommen würde...
"Leid ... Schmerz ... Das Gefühl, wenn man begehren möchte, aber nicht begehrt wird. Trauer, alles so endlos traurig..."
Rinoa wirbelte herum. Eine Stimme wurde durch den Wind getragen. Sie war formlos und leer.
Hatte sie sich das eingebildet?
"Warum gibt es soviel Trauer auf dieser Welt? Warum gibt es Licht und Dunkel? Warum gibt es Schmerz? Warum müssen manche soviel leiden, während andere nur Freude in ihrem Leben haben? Warum müssen manche soviel erkämpfen, während anderen alles sofort gelingt?", trug der Wind die Stimme fragend durch die Luft, doch sie schien dieses mal wesentlich fester zu sein.
Rinoa drehte sich zu einer Reihe von Grabsteinen um, aus deren Richtung die Stimme kam und zog langsam ihr Schwert.
"Wer ist da? Rauskommen, sofort!", sagte sie scharf.
"Wahn... überall der alte Wahn... kompletter Verlust von Unschuld, vom Streben nach Gutem. Nur noch der alte Egoismus. Menschen, die sich anziehen und verletzten und aufeinander zustreben, obwohl sie sich lebendig zerfleischen, weh tun, morden, töten ... getötet werden... Warum gibt es soviel Leid... Rinoa?", kam die Stimme von hinter einem der Grabsteine hervor.
"Wer sind Sie? Woher kennen Sie meinen Namen?", fauchte sie.
"Entschuldigung, ich wollte Sie nicht erschrecken..."
Hinter dem Grabstein kauerte etwas. Dann bewegte es sich langsam und kam hervor. Eine Person trat ins Mondlicht.
Sie trug ein langes schwarzes Gewand und schöne schwarze Handschuhe. Es war ein Mann. Er hätte 30 oder auch 60 sein können. Das Gesicht war sehr kantig, die Haut besaß kein Alter, er hatte keine Haare mehr.
Doch Rinoa fesselten seine Augen. Tief schwarz und unergründlich, doch gleichzeitig konnte sie ein helles Funkeln in ihnen erkennen, als würde irgendwo in dieser endlosen Schwärze ein neugeborener Stern rebellisch strahlen.
"Mein Name ist W.T. Reor-hos. Reo genügt", sagte der Mann.
Er hatte eine tiefe, angenehme Stimme.
"Wer sind Sie?", fragte Rinoa.
"Eine gute Frage. Ich wohne hier. In diesem Garten zumindest. Aus dem Schloss wurde ich verbannt. Ich bin, genau wie die Hausherrin, ein Wesen der Nacht", sagte Reo.
Er musste gespürt haben, dass er damit nur weitere Fragen hervorgerufen hatte, denn nach einer kurzen Pause fuhr er fort:
"Wir sind Schwarzgötter. Schattengestalten, die nur in der Dunkelheit leben können, die von Geburt an getrennt und gebrandmarkt waren. Die Menschen fürchteten uns, weil unsere Macht immens ist. Wir tragen Schatten in unseren Herzen. Manchmal manifestieren sich diese Schatten und wir wechseln unsere Gestalt", meinte Reo, während er langsam mit Rinoa in Richtung Schloss wanderte.
Rinoa dachte kurz nach...
"Diese Monster, diese Urtiere... Ward ihr das?"
"... Ja! Ich und die Gräfin. Nur als Monster bin ich stark genug, ihr Siegel zu brechen. Wir kämpfen seit einer Ewigkeit. Wir gehören beide hierher und doch bekriegen wir uns."
"Aber warum?"
"... Sie ist meine Frau", sagte Reo.

Woanders im Schloss schnaufte gerade ein sehr ungleiches Trio eine schier endlos lange Wendeltreppe herauf.
"So groß sah dieses verdammte Haus von außen gar nicht aus", meinte Cifer leicht schwitzend.
"Wie ich schon sagte: Dies müssen Aeons gewesen sein, Wesen geboren aus Licht, ähnlich Bestias. Die Stimmen haben mir das gesagt. Meiner Meinung nach..."
"Eigentlich interessiert hier niemanden Ihre Meinung, Prokylta", sagte Cifer während er locker über eine fehlende Stufe sprang. Xelto tat es ihm gleich.
"Ich sage nur, dass ihr von meinem Wissen... aaah!", schrie Prokylta, als sie ins Leere trat.
Sie fiel unsanft durch die Wendeltreppe und konnte sich nur mit letzter Kraft an der nächsten Stufe festkrallen.
"Ahja, Vorsicht Stufe", meinte Cifer lächelnd.
"HILFE!", kreischte Prokylta.
"Ohne Magie macht sie wirklich keinen guten Eindruck, oder?", sagte Cifer zu Xelto.
Xelto wollte zu seiner Herrin eilen, doch Cifer packte ihm beim Mantel.
"Macht dich die Abwesenheit von Monstern nicht auch misstrauisch?", fragte er flüsternd, Prokyltas eher lächerlich aussehende Versuche, sich wieder hochzuziehen, ignorierend.
"Lass mich los, ich muss meiner Herrin helfen", entgegnete Xelto brüsk.
"Musst du das?", fragte Cifer mit hochgezogenen Augenbrauen.
Xelto starrte ausdruckslos zurück. Mit einem Seufzen ließ Cifer den Mantel los. Sofort eilte Xelto zu Prokylta und half ihr hoch.
"Wir... sollten hier sofort verschwinden. Hier gibt es eh keinen Lacrima zu holen", schnaufte Prokylta.
"Ich gehe hier nicht ohne die anderen raus", sagte Cifer entschlossen.
"Wir schon", entgegnete Prokylta.
"Viel Spaß beim Ausgang suchen..."
"Ruhe", zischte Xelto.
Etwas stöhnte.
Die Treppe führte noch viel höher, aber an der Seite war eine kleine Tür. Sie stand einen Spalt offen. Dahinter röchelte jemand wie ein verwundetes Tier.
Cifer öffnete langsam die Tür. Modriger Geruch kam ihm entgegen... und eine Stimme. Sie krächzte und summte...

Und das Bächlein floss,
der Baum, der spross,
laleilalalei
Der Mann ritt auf dem Ross,
der Chocobo genoss
heyhahahiaia


"Ein Kinderlied?", fragte Prokylta.
In einer Art Kerker lag, nur dürftig zugedeckt, ein alter Mann. Die Luft war voll von seinem schlechten Atem und ein Auge war bereits nur noch milchige Substanz. Um den Mann lagen noch vier Skelette, anscheinend Begleiter des Alten, die schon lange tot waren.
"Hallo?", rief Cifer laut.
Der Mann verstummte... dann lächelte er.
"Oh Gäste, ein Gast kam. Wir freuen uns immer, wenn wir Gäste haben. Wir haben heute eben schon ein Gast gehabt. Er hatte das gleiche Schwert wie du. Ein Junge mit braunen Haaren und einem Pferdeschwanz", sagte der Mann.
"Squall?"
"Genau der!"
Cifer sah sich beunruhigt um.
Der Mann begann derweil wieder zu singen.
"Wer sind Sie?", fragte Cifer.
"Ich bin nur ein kleiner Abenteurer. Mit meinen vier Freunden ziehe ich durchs Land, jaja. Wir erleben viel... und alles, damit ich meiner Tochter viel geben kann. Meine kleine Elvira... vielleicht ist es nicht gut, wenn man mit 18 bereits Vater ist... vielleicht nicht...", sagte der Mann.
"Elvira... die Gräfin?", fragte Cifer.
"Ich kenne keine Gräfin... Elvira. Ich bin Sheon aus dem Arcadia Imperium..."
"Das ist unmöglich", flüsterte Prokylta.
"Wieso?", fragte Xelto.
"Das Arcadia Imperium wurde vor 150 Jahren ausgelöscht. Es war ein idyllisches, kleines Reich. Ziemlich genau da, wo sich Winhill jetzt befindet. Es wurde durch die damaligen Hexenkriege vollkommen vernichtet", sagte Prokylta.
Der Mann sang derweil munter weiter und Cifer fragte sich, wo sie hier gelandet waren...

"Typisch, ich bin wieder mal alleine", murmelte Squall, während er sich langsam aufrappelte und versuchte, seinen dröhnenden Schädel zu ignorieren.
Eine Tür. Sie stand einen Spalt weit offen. Durch den Spalt drang goldenes Licht hervor. Mit dem goldenen Licht kam noch etwas aus dem Raum. Kinderstimmen. Sie sangen ein Lied.

Und das Bächlein floss,
der Baum, der spross,
laleilalalei
Der Mann ritt auf dem Ross,
der Chocobo genoss
heyhahahiaia


Squall betrat den Raum. Er spürte sofort die Wärme und die Geborgenheit, die von diesem Ort ausging. Alles war in ein dunkelgoldenes Licht getaucht und stand somit im Gegensatz zu der restlichen kalten und verkommenen Atmosphäre der Villa.
Das Licht ging von einem gemütlichen Kaminfeuer aus, vor dem fünf Kinder spielten und sangen. Es waren drei Jungs und zwei Mädchen.
"Oh ein Gast, ein Gast", rief einer der Jungen.
Sie kamen aufgeregt auf Squall zugelaufen.
"Wer seid ihr denn?", fragte er grinsend.
"Wir sind Lichtritter... na ja, momentan noch nicht, aber eines Tages. Und dann werden wir Arcadia beschützen, jawohl!", rief einer der Jungs aus. Er hatte blond-goldenes Haar ein sehr vorlautes aber liebenswürdiges Gesicht.
"Wie heißt du denn?", piepste ein Mädchen.
"Squall", entgegnete Squall.
"Squall!", echoten alle fünf Kinder.
"Und ihr?", fragte er zurück.
"Leyla!"
"Balduin!"
"Elysa!"
"Umber!"
"Sheon!", antwortete der Junge mit dem goldenen Haar.
Sheon ging in die Ecke und holte ein dickes Buch.
"Squall, kannst du uns was vorlesen? Ich und meine Freunde, wir werden später Abenteuer ohne Ende erleben. Genau wie in diesem Buch. Lies uns vor!", sagte Sheon und drückte Squall ein dickes Buch in die Hand.
"Ähm... ich kann eigentlich nicht so gut vorlesen..."
"Mach schon!", rief Sheon.
"Hey, Kleiner. Wie heißt das Zauberwort?", fragte Squall strenger zurück. Ob sein Sohn auch mal so vorlaut sein würde?
"... Bitte...", murmelte Sheon.
"Ok, was soll ich denn vorlesen?"
"Na, die Geschichte. Hier!", sagte Leyla.
Squall lächelte, versuchte so gut es ging eine märchenhafte Stimme aufzusetzen und begann zu lesen...

Die Legende vom Dunkelkristall

Die Schwarzgötter lebten alleine in der Nacht. Sie waren alleine... und einsam. Die Dunkelheit umhüllte sie alle, sie konnten sich nicht sehen, sie konnten andere nicht sehen, sie waren alleine.
Doch sie trugen etwas in ihrem Herzen. Ein Stern, ein Licht, Sehnsucht. Sie suchten sich, warfen ihr Licht in die Dunkelheit und warteten, bis ein anderes Licht zurückstrahlte. Sie fanden sich und wärmten sich, bevor sie wieder in die alte Kälte zurückflossen und wieder alleine waren.
Und doch träumten sie davon, dass sie eines Tages mit dem endlos heißen Licht die Welt erhellen würden. Eines Tages sollte dieser Traum Wirklichkeit werden.
Zu einem bestimmten Zeitpunkt kamen sie alle zusammen auf einen Punkt und vereinten ihr Licht.
Mit dem Licht formten sie einen großen wunderschönen Kristall, den Dunkelkristall.
Mit diesem Kristall würden sie eines Tages die Welt erhellen, die Nacht würde aus ihren Herzen weichen und sie würden nie mehr einsam sein.
So zumindest, wenn jemand aus reinem und liebenden Herzen den Kristall berühren würde.
Wenn jemand aus schwarzen und hasserfülltem Herzen den Kristall berühren würde, würde die Welt mit der endlosen Nacht überzogen werden und auch die letzten Lichter würden auf ewig erlöschen.
Doch der Kristall erscheint nur, wenn an einem Tag zu einem Punkt fünf Personen, fünf Menschen des Schicksals auftauchen und gemeinsam diesen Kristall beschwören. Nur dann kann der Kristall erscheinen und alle Grenzen niederreißen, das Unmögliche möglich machen, und die Welt zum höchsten Glück oder zum tiefsten Verderben führen...


Squall brach ab...
"Wir werden diese fünf sein und dann retten wir die Welt!", sagte Sheon triumphierend.
Squall lächelte schwach.
Die fünf Kinder sahen ihn hoffnungsvoll an.
"Du Squall...wir müssen gleich weiter, unsere Zeit ist um. Nimm das..."
"Du brauchst dringend Nachhilfe in Benehmen, Kleiner", zwinkerte Squall Sheon zu.
"Jaja, danke, aber steck das jetzt ein", sagte Sheon und reichte ihm eine kleine Glocke.
"Wozu?", fragte Squall.
"Dies ist ein Traum, ein schöner, aber sinnloser Traum. Steck es ein... und danke für diese schöne Zeit", sagte das andere Mädchen Elysa.
"Danke euch... aber... was..."
"Irgendwann muss alles zerbrechen..."
"Steck bitte die Glocke ein", flüsterte Sheon und streichelte Squall auf einmal über die Wange.
"Vergiss uns nie!", riefen die Kinder.
Squall steckte das Glöckchen ein...
Das Zerbrechen von Glas.
Scherben.
Ein Aufblitz...
Ein letztes Lachen von Kindern...
Das goldene Licht war verschwunden.
Squall sah sich um. Er saß alleine in einem dunklen kargen Raum. Auf einem Schoß lag ein verfallenes Buch, das man kaum entziffern konnte.
Ein Windzug zog durch den Raum. Er meinte kurz etwas zu hören...

Und das Bächlein floss, ...


Doch es war sicher nur Einbildung...
Alles war vergänglich, alles starb. Und bevor Squall irgendwas machen konnte, bevor er überhaupt drüber nachdenken konnte, warum, fing er an zu heulen. Warme Tränen rannen seine Wange herunter, als der ganze Schmerz der letzten Tage und Monate herauskamen. Er versuchte sich zusammenzureißen, doch er konnte einfach nicht aufhören.
Abwesend kramte er in seinen Taschen... das Glöckchen war verschwunden...

Etwas lag schwer in Cifers Tasche. Er kramte darin herum und betastete ein kleines, kaltes Ding. Er zog es heraus. Im Mondschein schimmerte ein kleines Glöckchen. Wie war es dort hineingekommen?
Der alte Mann summte vor sich hin. Cifer runzelte kurz die Stirn und läutete, einer inneren Eingebung folgend, kurz das Glöckchen. Das Summen brach ab. Für einen Moment schien das Gesicht des Mannes sich aufzuhellen, als würde er kurz aus einem tiefen Schlafe erwachen. Doch ein paar Sekunden später setzte das Summen wieder ein und Cifer wusste, dass der Mann wieder ganz weit weg war.
Cifer kam ein verwegener Gedanke. Er hielt das Glöckchen ganz dicht vor das Gesicht des Mannes und läutete lauter und stärker.
Der Mann verstummte, atmete schwer auf und hustete heftig. Sein Blick wurde klarer.
"Merkwürdig wie vergänglich doch alles ist, oder?", fragte er schließlich ohne auch nur einen von ihnen anzusehen.
"Was meinen Sie?", fragte Cifer leise.
"Die Jugend, die Träume, alles ist weg. Und dafür bekommt man nur Zynismus und Leid", sagte der Mann.
"Wer sind Sie?", fragte Cifer.
"Sheon..."
"Sheon... was haben Sie uns zu erzählen?", fragte Cifer den Mann, während er ihn mit seinen Augen fixierte.
"Nur die Vergangenheit, längst tot und unwichtig", seufzte Sheon.
"Ich will sie trotzdem hören!", entgegnete Cifer.
"He, so frech und bockig wie ich einst war, das gefällt mir.
Vor langer Zeit zogen ich und meine vier Freunde durch das Land. Wir waren radikale Träumer und trugen unsere Herzen stolz auf der Brust. Wir wollten die Welt besser machen und ahnten nichts von dem Grauen jenseits unserer Grenzen. Wir waren wegen unserer engen Verwandtschaft mit den Schwarzgöttern alle Außenseiter, doch wir hielten zusammen und waren somit stark.
Elysa und ich liebten uns und wir bekamen ein Kind, als wir selbst noch Kinder waren. Sie kam viel zu früh auf die Welt, nach sieben Monaten, mein kleines Mädchen Elvira.
Zwei meiner anderen Freunde bekamen ebenfalls ein Kind, einen Sohn: Reo.
Nur der fünfte war der ewig Einsame, Balduin.
Doch dann kam der Krieg. Die Hexen marschierten ein und der Traum starb. Sie nahmen mir meine Tochter weg. Die Jahre vergingen, wir begaben uns auf die Suche nach ihr.
Eines Tages floh Balduin, wir dachten aus Angst. Doch kurz darauf brach die Hölle über uns herein. Die Feinde kamen und sie wurden angeführt von Elvira, meiner Tochter und Balduin, der Verräter, wahnsinnig geworden durch den Schmerz der Einsamkeit, stand neben ihr. Sie nahmen uns mit in dieses Haus... bis wir nach und nach starben. Und so stirbt alles. Tot denn... alles tot..."
Der Mann verstummte. Cifers Hand hatte die Glocke umschlossen. Er merkte, wie sie sich auflöste. Ein kleines Häufchen Staub war noch auf seiner Hand.
Nach einer Weile brach sich der Blick des Mannes...
"An den werden wir nicht mehr herankommen. Er wird murmeln bis an sein Lebensende."
Prokyltas Stimme schnitt durch die Luft wie eine messerscharfe Klinge.
"Möglich", sagte Cifer bitter und stand auf.
Prokylta hatte den Raum als erstes verlassen. Cifer blickte kurz zu Xelto. Seine schwarzen Augen schimmerten in der Dunkelheit.
Xelto bemerkte, wie Cifer ihn beobachtete und verließ eilig den Raum.

Etwas leuchtete...
Ein goldenes Licht.
Rinoa sah hoch. Aus einem Fenster schien ein goldenes Licht. Dann erlosch es, dafür leuchtete das Fenster links daneben auf.
"Zeit spielt in diesem Ort keine Rolle. Dieses Haus spiegelt ihr Gedächtnis wieder", erklärte Reo.
"Dieses Licht? Was ist das?"
"Unsere Heirat feierten wir auf einem Zug. Wir umkreisten das ganze Land Arcadia... nun, das war nicht sonderlich schwer, man war schnell durch. Ich und sie... wir fühlten uns frei. Frei von allem, frei von der Welt, frei von Begrenzungen. Dies war der glücklichste Moment in meinem Leben... wir hielten diesen Moment in Magie fest. Einmal am Tag umkreist dieser Zug aus Licht dieses Schloss, fährt durch die Eingeweide des Hauses. Und obwohl sie durch den Hexenkrieg entstellt wurde und nicht mehr wiederzuerkennen ist, hat sie dieses Stück Magie mit hierhin genommen. Und auch wenn wir uns nur noch nahe sein können, wenn wir gegeneinander kämpfen... es ist noch etwas Gutes in ihr, etwas aus ihrer Vergangenheit. Das spüre ich. Und solange es noch irgendeine Verbindung gibt, sei sie auch noch so klein, bleibe ich hier. Alleine der Gedanke, dass auch sie in diesem Moment wie wir den Zug beobachtet, reicht mir als Verbindung."
"Und was ist, wenn die einzige Verbindung eure Vergangenheit ist?", fragte Rinoa
Reo schwieg, doch es war ein unangenehmes Schweigen.
"Was hat sie vor? Warum sind wir hier?", fragte Rinoa schnell.
"Ihre und meine Eltern, sie waren Teil einer Gruppe. Fünf Krieger, alles spezielle Menschen, die durch das Schicksal aneinander gebunden waren. Nun hat sie wieder fünf besondere Menschen hergeholt. Auch ihr seid durch das Schicksal gebunden. Sie braucht diesen Kontrast von zwei hellen, zwei dunklen und einem Medium dazwischen, um den Dunkelkristall zu beschwören. Und es wird Punkt 12 Uhr am Brunnen in der Eingangshalle passieren, denn dort sind die Energien am Stärksten. Wenn sie den Kristall berührt und somit der Schmerz ihres Herzens sich tausendfach im Kristalllicht reflektiert, wird sie endgültig alles Menschliche verlieren. Sie wird zum düstersten Monster dieses Universums werden. Es hat viele Namen... Necro, die Dunkle Wolke, das Ewige Dunkel... Sie will alles auslöschen. Nur dafür lebt sie", sagte Reo.
"Dann müssen wir das verhindern", entgegnete Rinoa entschlossen.
"Eindeutig. Doch ich kann als Mensch dort nicht rein. Nicht solange mich kein Mensch herein lässt. Und dafür brauche ich dich, Rinoa", meinte Reo und blickte vielsagend auf die große Eingangstür der Villa.

"Vater?"
Ein Röcheln kam ihr aus der Dunkelheit entgegen. Elvira wusste, dass er dort drin war. Er war immer dort drin, seitdem sie ihn hier eingesperrt hat.
Der alte Mann Sheon saß immer noch unverändert an der Zellenwand. Elvira hockte an die Wand und sah ihren Vater an. Er summte nicht mehr. Sein Blick war leer.
"Ich weiß, dass du mich hasst, Vater. Und ich weiß, dass Reo mich auch hasst. Du und deine vier Freunde... unsere Eltern. All das habe ich euch weggenommen."
Sie machte eine kurze Pause, atmete tief ein und fuhr dann fort:
"...Du glaubst, dass ich ein furchtbarer Mensch bin. Und ich weiß, dass du recht hast. Ich bin erbärmlich, schwach und hilflos."
Das Röcheln blieb unverändert monoton.
"Reo denkt das auch. Wir waren beides gebrochene Menschen. Und wir konnten uns beide vervollständigen. Doch dann kamen die Hexen", sagte Elvira langsam.
Der alte Mann erwiderte nichts.
"Sie nahmen mir alles, machten mich zu einer neuen Person. Alles ist weg, alles Schöne verschwunden. Nur als Monster können wir uns nah sein, die größte Nähe erfahren wir, wenn wir Schmerzen haben."
Elvira erhob sich.
"Aber Vater. Nun ist ein Moment gekommen, da sich alles ändern wird. Wir sind anders als die anderen. Wir sind andere Wesen, wir sind besondere Menschen. Wir marschieren nicht mit dem Rest der Welt mit, wir tun nicht das, was andere tun, wir genießen nicht nur und haben Spaß, wir durchsuchen das Leben und die Unendlichkeit. Wir wurden verraten von den Menschen und von den Monstern dieser Welt. Wenn diese Welt da draußen der Himmel und das Licht sein soll, dann bin ich froh, der Nacht anzugehören, außerhalb des Himmels zu sein.
Wir sind gebrochene Wesen, unsere Seelen sind gespalten, wir sehen die belebte Welt, die neben der normalen äußerlichen Fassade existiert. Wir sind Kreaturen der Nacht, unvollkommen und fehlerhaft. Wir verstecken nicht unsere Fehler hinter Maskeraden, wir geben sie zu, wir sind stolz auf sie.
Und heute Nacht, in der Nacht der Nächte, werden wir die Welt mit der Nacht umspannen. Die Menschen werden nicht mehr die alten ekstatisch zuckenden Wesen in Dunkelheit sein, die sich von einem Rausch in den nächsten flüchten, nein, sie sind dann eins mit der wahren, geheimnisvoll leuchtenden Unendlichkeit. Und sie werden verschmelzen, die endlose verzehrende Sehnsucht wird ein Ende haben, die Unvollkommenen werden zu einem vollkommenen Wesen verschmelzen. Und er und ich sind dann endlich vereint, nie getrennt, im Kosmos.
Und wenn das Universum und die Yagdrasil, der kosmische Lebensbaum, dagegen sein sollte, wenn sich der Schöpfer uns selbst in den Weg stellt, dann werden wir ihn vernichten, dann sei es so, dann sei das Universum unser endloser Feind.
Heute Nacht wird deine Tochter, das Nichts in Person, die Gebrochene, eine letzte Tat vollbringen.
Ich weiß, dass du auch mich dafür hassen wirst. Aber es wird dir den Frieden bringen.
Dies wird unser letztes Gespräch. Lebe wohl, Sheon, mein Vater, der letzte Überlebende der fünf Krieger."
Elvira sah ein letztes Mal auf den alten Mann und verließ dann die Zelle.
In der Dunkelheit hatte sie nicht sehen können, dass die Augen des alten Mannes ihr gefolgt waren. Aus dem Schatten kam etwas wie ein Seufzer und schließlich herrschte endlose Stille.

Scheppernd fiel die Tür zu. Squall wirbelte herum. Staub flog auf und leuchtete merkwürdig im Mondlicht. Er war in der Bibliothek.
"Ohooo, ein Gast", hauchte eine ölige aufgesetzte Stimme.
"Wer ist da?", fragte Squall und zog seine Gunblade.
"Ich bin das Medium. Ich bin der Verräter. Ich bin der Ausgestoßene. Zwei Paare, einmal Licht, einmal Schatten, nur einer trug beides im Herzen. Nur einer liebte eine unerfüllte Liebe und ein unerfülltes Leben. Nur einer überlebte von den fünf, nur einer verriet seine vier Freunde an die Gräfin und durfte weiterleben ", fuhr die Stimme ölig fort.
"Ein Verräter?!"
"Ich bin ein Ausgestoßener, ein Opfer des Schicksal, der Gesellschaft!", entgegnete die Stimme empört.
"Sind wir das nicht alle?", gab Squall bissig zurück.
"Ohoo, ein Mann mit Humor!"
Aus einer Wolke erschien ein Mann. Er trug über die Augen eine Maske mit zwei eleganten Hörnern, lange Gewänder und hatte einen langen Fächer, an dem er permanent herum spielte, sowie widerlich, ölig, lockige Haare und einen Spitzbart.
"Ich bin Baron Balduin von Keilholtz!", sprach der Mann delikat.
"In diesem Schloss wimmelts ja vor blauem Blut", meinte Squall mit einem schiefen Grinsen.
"Die Gräfin duldet nur eloquente Personen in ihrem Schloss, nur Personen mit Bildung und von gehobener Klasse", gab der Baron aalglatt zurück und streichelte dabei seinen Spitzbart.
"Was wollen sie?", fragte Squall.
"Ich will dich töten!", gab Balduin zurück.
"Klare Ansage!"
"Ahahahahha", lachte Balduin mit Hand vorm Mund.
Squall grinste, Balduin lächelte vielsagend.
Dann plötzlich öffnete er seine Handfläche und entlud einen Zauber auf Squall, der schnell auswich.
Der Baron kam auf Squall zugeschossen und schwang seinen Fächer elegant durch die Luft. Ein scharfes Zischen.
Squall parierte rechtzeitig. Der Fächer hatte große Ähnlichkeit mit einem Sägeblatt.
Balduin schwang seinen Fächer wie Schwert und blockte mit Funkenflug locker jeden Schlag von Squall. Wie ein Tänzer drehte sich Balduin mit einem wehenden Mantel von Squall weg und gewann somit Abstand.
"Merkwürdig, wie schnell manche Leute Minuspunkte sammeln können", sagte Squall.
"Ein kräftiger Bursche und auch noch mit soviel Humor. Tanz für mich!", lachte Balduin.
Seine zweite Hand fuhr wie ein Zauberkünstler über seinen Fächer, der sich sofort dreiteilte. Die drei Fächer flogen elegant durch Luft. Squall sah im Mondlicht die drei Fäden, die an Balduins eine Hand gebunden waren und mit der er die Fächer dirigierte.
Squall sah in Balduins stahlblaue Augen. Er hörte das Surren der fliegenden Klingen.
Squall wich aus. Zischend zogen sie an ihm vorbei. Squall duckte sich. Der Fächer flog über seinen Kopf hinweg.
Squall sah sich nach dem dritten um und entdeckte ihn, wie er direkt auf ihn zukam. Squall schwang hastig sein Schwert. Er lenkte den Fächer aus der Bahn. Ein scharfer Schnitt.
Squall betastete ein linkes Ohr, um zu sehen, ob es noch dran war.
Eine Haarsträhne fiel zu Boden.
"Magst du Walzer? Ich wollte immer Dirigent werden. Die Sägen geben den Takt, die Hand die Modulation. So", sagte Balduin und schoss ein paar Blitze auf Squalls Füße, so dass er permanent springen musste.
Balduin summte lächelnd eine Melodie.
"Ich liebe Musik!", schrie er frei heraus.
Squall atmete schwer. Sein Blick fiel auf die Fäden.
Auf einmal schnellte er hervor und zerhaute mit seinem Schwert die Fäden.
Das Surren der Sägen wurde schneller als sie außer Rand und Band und außer Kontrolle durch den Raum krachten.
"Ungezogen", sagte Balduin... und schoss mit beiden Händen dem unvorbereiteten Squall ein "Blitzga" in den Bauch.
Squall spürte, wie ihn die Wucht des Zauber von den Füßen riss. Sein ganzer Bauch verkrampfte auf einmal.
Balduin fing ohne hinzusehen alle drei Sägen auf und machte sie mit einer eleganten Handbewegung wieder zu seinem Fächer.
Balduin stand über Squall!
"Soll ich dich schnell töten, um dir meinen Respekt zu erweisen oder soll ich dich langsam töten, um dir meine Liebe zu zeigen? Ich glaube, ich schäle dir vor deinem Tod noch ein wenig das Gesicht", meinte Balduin mit einer sanften Stimme.
Lächelnd nahm er den Fächer und zog ihn genüsslich über Squalls Gesicht.
Squall spürte schmerzhaft das eiskalte Metall und das warme Blut auf seinem Gesicht.
"Tut weh, oder?", sagte Balduin, während er den Fächer immer tiefer in Squalls Gesicht eingrub.
"Quieke für mich..."

Der Schrei drang durch das ganze Schloss!
"Was war das?", fragte die Gräfin scharf, während sie zügig durch die Gänge eilte.
"Das muss Balduin sein...", meinte Gregory.
"Dieser Idiot tötet doch etwa nicht einer meiner Medien?!", schrie die Gräfin.
"Er scheint im Nebenraum der Eingangshalle zu sein", rief Lohan ihr nach.

"Das war Squall!", rief Cifer, während er, gefolgt von Prokylta und Xelto, durch die Gänge hetzte.

Squall lag knapp atmend auf dem Boden. Das Blut tropfte ihm auf die Kleidung und verkrustete langsam. Balduin leckte mit seiner Zunge zart weiteres Blut vom Fächer und bereitete sich auf den finalen Schlag vor.
"Weißt du, warum ich so bin wie ich bin?", fragte Balduin langsam.
Squall sah ihn verächtlich an.
Balduin lächelte und trat dann Squall ins Gesicht.
"Weißt du es?", wiederholte er.
"... Nein", keuchte Squall.
"Die Welt hat Sympathien für die Gewinner und die Verlierer mit den klaren, einfachen Gefühlen. Sie ist oberflächlich und fühlt nur mit denen mit, die simpel sind.
Doch sie ignoriert all die still Leidenden, diejenigen, die ihr Leid unausgesprochen im Herzen tragen. Die wahren Opfer, die Ignorierten, die ihr Leid unausgesprochen lassen. Weder Gewinner noch Verlierer, sondern nur einsam. Einsamkeit bringt Weisheit und Erkenntnis, Squall, das weißt du...
Doch die Welt kann das nicht verstehen, die Menschen sind so einfach... sie begreifen dieses komplexe Gewirr in meinem Herzen nicht.
Sie begreifen nur einfache Gefühle. Sie begreifen keine komplizierten Gefühle. Sie begreifen nicht mich.
Und wenn die Menschen mich nicht verstehen wollen, warum sollte ich sie verstehen? Wenn sie nicht mit mir Mitleid haben, warum sollte ich dann Mitleid haben? Ich habe da kein Mitleid mehr, ich bin da eiskalt.
Sie haben mich zerstört, wieso sollte ich sie also nicht auch zerstören dürfen?"
Squall sammelte alle Luft, die er noch hatte...
"Aero", flüsterte er.
Ein kurzer heftiger Windstoß wehte durch Balduins Gewänder und verpuffte harmlos.
"Süß", meinte er lächelnd.
In dem Moment krachte das Bücherregal auf ihn, dass Squall mit dem Windzauber umgeworfen hatte. Sofort ließ das "Blitzga" in seinem Bauch nach.
Squall sog wild Luft und hustete Blut. Dann rappelte er sich auf und holte seine Gunblade.
Balduin lag erschlagen unter dem Bücherregal. Squall ging langsam auf ihn zu. Balduin bewegte sich nicht.
Dann griff er auf einmal nach seinem Fächer und warf ihn nach Squall. Er wich den messerscharfen Klingen aus. Der Fächer drehte eine kurze Runde durch den Raum und kam wie ein Bumerang zu Balduin zurück. Dieser schrie auf und versuchte den Fächer zu fangen.
Der Fächer enthauptete ihn sauber. Sein Kopf flog im hohen Bogen durch den Raum und landete direkt auf einem aufgeschlagenen Exemplar von "Anatomie eines Menschen", während der Fächer gleichzeitig in einem Bücherregal stecken blieb und sich nicht mehr rührte.
Schwer atmend sah Squall auf die Leiche und steckte seine Gunblade ein. Ihm war vom vielen Blutverlust schwindelig und er musste immer noch Blut husten.
Plötzlich öffnete sich knarrend eine zweite Tür.

"Squall!"
Kaum war Squall durch die Tür getreten, sah er undeutlich eine Gestalt auf ihn zueilen.
"Wie siehst du denn aus?", hörte er Rinoas Stimme.
"Scheiße?", fragte er schwach zurück.
Rinoa legte eine Hand auf seine Wange und er fühlte eine geradezu magische Wärme durch seine Adern fließen.
"Puh, Glück gehabt, keine Narben", sagte sie, nachdem sie das "Vigra" fertig gesprochen hatte.
Squall seufzte erleichtert und sah sich um. Er befand sich in der Eingangshalle.
Dann merkte er auf einmal, wie er zitterte.
"Was ist passiert?", fragte sie besorgt.
"Ich hatte nur eine wirklich ekelige Begegnung", sagte er mit einer zitternden Stimme.
Dann bemerkte er, wie eine zweite Gestalt aus dem Schatten trat.
"Wer ist der Typ?", fragte Squall, der schnell seine Gefühle zurück kämpfte.
Rinoa wollte gerade ihren Mund öffnen, als krachend eine weitere Tür aufging und Cifer mit gezückter Klinge herein stürmte. Ihm folgten, eher unmotiviert, Xelto und Prokylta.
"Wo ist der Feind?", fauchte Cifer.
"Erledigt", meinte Squall.
Enttäuscht steckte Cifer sein Schwert weg.
"Der wahre Feind wird sich jetzt erst zeigen", entgegnete die zweite Gestalt.
"Wer ist der Typ?", wiederholte Cifer Squalls Frage.
"Reo", sagte Reo düster, während sein Blick an der Gruppe vorbeizog.
Bevor jemand etwas sagen konnte, hallten auf einmal mehrere ohrenbetäubende Glockenschläge durch die Halle.
Der Mond schien nun direkt durch die gewaltige Uhr. Es war 12 Uhr Mitternachts.
Direkt vor der Uhr konnte Squall den gewaltigen Umriss von Gräfin Elvira von Nokturn sehen. Ohrenbetäubend hallten die Glockenschläge durch die Halle, während Elvira die Gruppe unverwandt anstarrte.
Nach einer Ewigkeit verhallte endlich der letzte Glockenschlag.
Aus den Schatten traten die beiden Butler Gregory und Lohan.
"Erwischt", kicherten die beiden.
Dann sprach die Gräfin.
"Die Zeit ist da. Alle fünf sind wieder versammelt wie einst. Nun kann endlich das Siegel geöffnet und der Dunkelkristall freigelegt werden. Ewige Nacht wird die Welt umspannen, wenn Necro, die Seele des Nichts, erscheint und sich materialisieren wird. Ihr fünf Helden werdet das Blutopfer für den Dämon sein, ihr werdet seine Diener der Apokalypse sein, so wie ich von den Hexen zu ihrer Dienerin erzogen wurde!", donnerte die Stimme der Gräfin.
"Das wird ein absoluter Hammer", bestätigten die beiden Butler.
Der Mond schien nun direkt auf den gigantischen Brunnen.
Er schimmerte ganz fahl im Mondlicht.
Plötzlich zuckte durch Squall etwas, das ihn am ehesten an einen Elektroschock erinnerte.
Gleichzeitig entzündete sich eine Flamme auf dem Brunnen. Squall sah, wie seine Begleiter ebenfalls zuckten und auch bei ihnen entzündete sich jeweils eine Flamme.
Als fünf Flammen brannten, begannen auf einmal die verschiedenen Teile des Brunnen sich gegeneinander zu drehen.
Wie ein gigantischer Bohrer tauchte er in den Boden hinab und hinterließ ein großes klaffendes Loch.
Etwas schimmerte aus dem Loch heraus. Bläuliche Dämpfe stiegen empor.
Vor ihnen erhob sich langsam und majestätisch in ewig leuchtender Nacht der gigantische Dunkelkristall. Er schien das komplette Licht des Raumes zu absorbieren. Das Mondlicht, das auf ihn leuchtete, wurde einfach verschluckt.
Der Kristall schwebte langsam empor, bis er auf der Höhe der Gräfin stehenblieb.
"Erscheine, Mu, Necro, Diener des Nichts. Personifiziere dich in meinen beiden Dienern, Gregory und Lohan, den Zwillingen der Nacht!", rief die Gräfin feierlich.
"Was?", fragte Gregory
"Bitte?", hakte Lohan nach.
"Davon stand aber nichts in der Jobbeschreibung", meinte Gregory.
"Noch bei dieser Bezahlung. Komm, das lassen wir uns nicht bieten!"
"Was... zur Hölle, ihr blöden Trottel, jetzt werdet endlich zu Necro!", schrie die Gräfin.
"Bedaure, Hoheit, aber wir kündigen", sagte Gregory.
"Komm Gregory, lass uns schauen, ob in dieser Bar in Dollet immer noch dieser junge, gutaussehende Typ arbeitet", sagte Lohan.
"Hm, der dürfte inzwischen tot sein..."
"Vielleicht hat er ja einen Enkel, der noch besser aussieht..."
Unter den erstaunten Blicken der Anwesenden verließen die beiden Butler ihre Posten und verließen würdevoll den Raum.
"Was zum... bleibt, ihr minderbemittelten Idioten!", kreischte die Gräfin.
Reo trat hinter der Gruppe hervor und fixierte die Gräfin.
Sie sahen sich lange in die Augen. Ihre Blicke waren schwer zu lesen. Es erschien fast, als würden sie einen Kampf auf einer anderen Ebene ausführen.
Langsam schritt Reo die Treppe hoch.
"Hör auf", sagte er schließlich.
Sie starrte ihn lange an.
"Suche nicht nach etwas, was nicht da ist", gab sie schließlich flüsternd zurück.
Er streckte langsam seine Hand aus und wollte ihr Gesicht berühren.
"Hör auf...", flüsterte sie.
"Ich habe es satt, nur mit dir zu kämpfen. Warum all das Leid, warum Schmerzen?", gab er zurück.
Seine Hand nahte sich ihrem Gesicht. Sie blickte ihm in die Augen... sie blickte auf den Boden.
Ein kurzes scharfes Geräusch und ein heftiger Blitz!
Reos Augen wurden leer.
Sein Mund öffnete sich langsam, als wolle er etwas sagen, doch nur hohle Luft entwich...
Seine Hand sank.
Er machte einen Schritt zurück und fiel die Treppe herunter. Er landete krachend auf dem Boden. Sein Blick war leer. Dort wo sein Herz war, befand sich eine klaffende Wunde.
Squall blickte zu Rinoa und sah, dass sie Reos Leiche mit einer unendlichen Trauer anstarrte.
Elvira sah nicht hin.
"Jetzt habe ich endlich das, womit ich meinen Plan durchführen kann", sagte sie leise.
Sie machte einen Satz, schwebte elegant durch die Luft und landete auf dem Kristall.
Mit einem kurzen Zischen verschmolz sie mit ihm.
Der Kristall schimmerte. Die Luft wurde immer stickiger. Squall hatte das Gefühl, dass sich immer mehr Dreck in der Luft befand, ja sogar die Wände der Villa wurden angegriffen, verätzten, verkamen... Alles verschwamm, alles drehte sich.
Er traute seinen Augen nicht. Es kam ihm so vor, als wäre er in der Mitte eines gigantischen schwarzen Wirbelsturms.
Der Boden brach weg, doch irgendwas hielt ihn. Aus den Augenwinkeln sah er auf einmal goldenes Licht. Er sah nach unten und sah, dass er auf einem Zugdach stand. Der goldene Zug!
"Sieht so aus, als würden wir alle mit drin hängen!", rief Xelto auf einmal.
Prokylta hatte ihr Schwert gezogen, hielt es aber extrem ungeschickt.
"Ich glaube, Prokylta würde am liebsten gehen", sagte Cifer grinsend, während er elegant die Gunblade durch die Luft schwang.
Prokylta warf ihm einen bissigen Blick zu und versuchte ihr Schwert eleganter in der Luft zu halten.
"Die Verwandlung ist gleich abgeschlossen", rief Rinoa.

Der Kristall war zu einer undeutlichen schwarzen Masse verkommen. Die Masse pulsierte rötlich, als würde irgendwas von drinnen heraus wollen. Das Pulsieren wurde immer heftiger... Etwas schrie von drinnen heraus, ein Schmerzens- oder Wutschrei wie bei einer Geburt...
Alles explodierte in einem Schauer von Farben. Langsam dimmte sich das Licht.
Ein zerhauenes, gigantisches, formloses Gesicht, eingerahmt von zwei brillant leuchtenden Flügeln und umspannt von einem Lichtgürtel; das Wesen, das die Gräfin solange herbeigesehnt hatte und zu dem sie nun selbst geworden war: Die Dunkle Wolke, "Necro", das Ewige Dunkel.
Rinoa hielt ihr Schwert senkrecht vor sich. Sie schnitt mit ihrem Schwert einen eleganten Kreis in die Luft. Vor ihnen spannte sich langsam ein sanft leuchtender weißer Schild.
Das Wesen flog zügig auf die Gruppe zu. Es prallte gegen den Schild. Rinoa strauchelte kurz. Der Schild flackerte. Rinoa atmete scharf ein und zeichnete weiter mit ihrem Schwert die Kreise in die Luft. Der Schild erholte sich langsam.
"Attacke", rief Prokylta aufgeregt und rannte auf das Wesen zu.
Der ringartige Lichtkreis des Wesens leuchtete einmal schwach auf und Prokylta wurde schreiend einmal quer durch den Raum geschleudert. Ihr Schwert landete klirrend und nutzlos mehrere Meter weiter weg.
"Hammer, Prokylta!", rief Cifer.
Die beiden Engelsflügel leuchteten. Aus dem linken kamen Feuerstürme, der rechte zog einen ähnlichen, aber roten Schild um das Wesen. Die Schilde tangierten sich. Der weiße Schild flackerte sofort. Rinoa atmete schwer. Sie schwitzte stark und sah sehr müde aus.
Cifer sah Xelto an. Beide nickten sich zu und rannten dann auf "Necro" zu. Sie wichen den Feuerstürmen aus und versuchten gleichzeitig auf die Flügel einzuschlagen.
Squall entdeckte einen ungeschützten Bereich und stürmte auf das Wesen zu.
Auf einmal löste sich der rechte Engelsflügel und zischte horizontal auf Squalls Kopf nieder. Squall duckte sich blitzschnell und spürte wie der Engelsflügel seine Haarspitzen streife. Das Gesicht lag ohne Deckung vor ihm. Er landete einen Treffer. Das Wesen schrie auf, aber Squall hatte irgendwie das Gefühl, er richte nicht wirklich Schaden an.
"Rinoa, du musst deinen Schild zum Angriff nutzen, wie das Wesen. Du musst mit dem Schwert eine neue Form beschreiben!", rief Prokylta, die wieder aufgestanden war.
"Wie mache ich das?", rief Rinoa.
"Warte."
Prokylta trat von hinten an Rinoa heran und legte behutsam ihre Hand auf Rinoas und führte mit ihr das Schwert in eine Form.
"Male immer wieder die Träume, Rinoa", flüsterte Prokylta.
Der Schild leuchtete immer intensiver, der rote Schild begann zu flackern.
"Los, ihr Idioten, übertragt eure Kraft auf ihr Schwert. Im richtigen Moment lasst ihr los und Squall, du bist ein Hexenritter, erledigst das Monster!", rief Prokylta.
Xelto, Cifer und Squall legten jeweils ihre Klingen auf Rinoas vibrierendes Schwert.
"Jetzt!", flüsterte Prokylta.
Die Klingen von Cifer, Xelto und Rinoa flogen ihnen aus der Hand. Ohne das jemand etwas machen konnte, flogen die Schwerter herrenlos durch die Luft und durchdrangen das Wesen von allen Seiten. Das Wesen schrie schmerzerfüllt auf.
Squall rannte, die Klinge bläulich leuchtend, vor und hieb mit aller Kraft auf das ausdruckslose Gesicht ein. Es zerbrach langsam aber sicher. Vor seinem letzten Schlag hielt Squall für einen kurzen Moment ein. Er warf einen letzten Blick auf das Wesen, spürte, wie sich sein Schwert wieder mit Magie auflud, wie es begann, zu vibrieren und schlug ein letztes Mal mit aller Kraft zu.
Das Wesen brüllte auf. Gewaltige Farbstürme flossen aus ihm hervor, die Engelsflügel fielen ab und zerbarsten, das Gesicht verbrannte zur Unkenntlichkeit, alles zersprang wie empfindliches Glas.

Die fünf sanken erschöpft zu Boden. Squall blickte hoch. Vor ihnen schwebte die Gräfin, ihre Augen leer, ihr Gesicht gebrochen.
Sie schien angestrengt Luft zu holen und brüllte auf einmal auf.
Ihr Körper schwoll an. Aus ihren Augen traten Schatten und hüllten ihren Körper ein.
Der Schatten dehnte sich, bis es eine vibrierende längliche Form hatte. Langsam verzog sich der Schatten und gab den Blick auf ein Monster frei, das Squall am ehesten an eine riesige Schlange erinnerte.
Im Maul der Schlange befand sich ein Ball aus blauem Feuer. Schmerzhaft brennendes Licht blendete Squall.
Er wusste, dass die Magie stark genug war, innerhalb weniger Sekunden alle zu Staub zu blasen. Und er wusste, dass sie nicht annähernd genug Kraft hatten, diese Magie abzuwehren.
"Scheiße, wir sind zu schwach", keuchte Cifer.
"Das war's dann wohl, oder?", sagte Rinoa.
"Hätten wir bloß nicht auf mich gehört", lächelte er zurück.
Das Licht wurde losgelassen...
Weißes Licht hüllte sie alle ein, sie spürten den gleißenden Brand. Brüllende Hitze kam immer näher, würde sie auffressen, in der Luft zerreißen...
Und dann war alles dunkel.
Kühlender Schatten hatte sich vor die heiße Intensität geschoben.
Squall blickte hoch und sah einen gigantischen Drachen, der den Lichtstrahl abfing.
Er heulte auf, doch bewegte sich unaufhaltsam auf die Schlage zu. Der Drache umarmte die Schlange, fing alles Licht ab, heulte auf, und drückte sie an sich, würgte sie.
Die Schlange schwang ihren Schwanz um den Hals des Drachen.
Die Monster brüllten lauter und schmerzerfüllter als je zuvor. Gleißendes Licht hüllte beide ein, als der Drache immer mehr die Schlange umarmte und die Magie absorbierte.
Die Schlange schien angestrengt nach Luft zu schnappen und wand sich in den Klauen des Drachen. Ein letztes Aufzischen, ein letzter qualvoller Schrei.
Das sengende, gleißende Licht verschwand, langsam schrumpften die Monster, der Wirbelsturm ließ nach, der goldene Zug verschwand...

Schnee.
Sie standen auf Schnee. Um sie herum lagen die Ruinen der Villa Nokturn. Vor ihnen im Schnee lagen zwei Menschen, die sich schwer atmend in die Augen sahen. Reo und Elvira...
"Gestern Abend beim Sterne schauen...", begann Reo.
"... merkte ich, dass zwei fehlten...", fuhr Elvira fort.
"... später dann, ich glaubt es kaum...", setzte Reo weiter an.
"... sah ich sie in deinen Augen", schlossen beide gleichzeitig.
Schließlich wurden beide Blicke leer.
Sie hatten sich zu Tode umarmt.
Es gab einen heftigen Windstoß und Schnee wurde aufgewirbelt. Sanft wurden die beiden Leichen vom Schnee zugedeckt, bis sie nicht mehr zu sehen waren. Dann auf einmal verstummte der Wind plötzlich und der Schnee fiel wieder sanft auf den Boden.

Prokylta hatte lange ihren Blick auf die beiden geheftet. Sie war es schließlich, die als erste sprach.
"Ich würde sagen... wir belassen es dabei", sagte sie.
Squall sah sie an.
"Ich habe meine Zauberkräfte wieder, doch ich sage noch einmal... wir belassen es dabei. Wir wurden heute Nacht beide ziemlich verarscht, also... aber bei unserem nächsten Treffen..."
"... werden wir Feinde sein", ergänzten Squall, Rinoa und Cifer ihren Satz.
"Wie schön, dass wir einer Meinung sind", sagte Prokylta und ging langsam.
"Xelto!", sagte sie herrisch.
"Eine Minute", entgegnete er.
"Jetzt!"
"Eine Minute!", sagte er gereizt.
Dezent gingen Squall und Rinoa zum Auto vor. Cifer blieb mit Xelto zurück.
Xelto sah Cifer lange in die Augen und öffnete mehrmals den Mund, als wolle er irgendwas sagen.
"Das nächste Mal sind wir wieder erbitterte Feinde!", presste er schließlich hervor
Cifer hatte das Gefühl, dass das nicht unbedingt das war, was Xelto ursprünglich hatte sagen wollen.
"Komisch, das hatte sie doch eben gesagt. Warum wiederholst du nur immer alles?", entgegnete Cifer ruhig.
"Ich meine es ernst!", schnaubte Xelto
Cifer nickte.
"Pass gut auf dich auf", sagte er dann leise.
Xelto schien irgendwas noch erwidern zu wollen, nickte dann nur und verschwand anschließend in der Dunkelheit.

Die Bäume zogen vorbei, der Motor brummte. Sie waren auf dem Rückweg.
Hinten lag Rinoa ruhig in Squalls Armen. Beide blickten verträumt nach draußen.
"Warum gibt es nur dieses viele Leid? Warum gibt es nur diesen Schmerz?", fragte sie schließlich.
"Ich glaube kaum, dass das irgend jemand wirklich weiß. Ich weiß nur, dass ich froh bin, dich zu haben", sagte er lächelnd.
Im Rückspiegel sah Cifer, wie sich beide ansahen und schließlich mehrmals küssten. Er versuchte es, so gut es ging, zu ignorieren. Nach ein paar Minuten waren sie beide eingeschlafen.
Cifer jedoch fuhr still weiter. Die Bäume kamen aus der Nacht, zogen vorbei, und verschwanden wieder.

"Schmerz, gerade vermeidbarer Schmerz ist eine merkwürdige Sache. Warum wird das also zugelassen? Weil es eine Prüfung ist!", sagte Alphega ruhig.
"Ich habe die Schnauze voll von den ewigen Prüfungen, Alphega, ich will jetzt eine Antwort!", rief Cifer.
"Du würdest eine bekommen, wenn du suchen würdest. Doch du siehst mich nur in deinen Träumen, vergisst, wer ich bin, wenn du wachst. Viele Menschen rennen vor dem Schmerz davon. Man kann wählen, ob es eine Todesqual ist oder ob es ein Geburtsschmerz sein soll. Schmerzen weisen auf Wunden hin, die geheilt werden müssen", sagte Alphega.
"Meine Wunde kann aber nur sie heilen und das ist unmöglich. Was soll ich tun, daran zu Grunde gehen? Sterben?", fragte Cifer.
"Lernen", meinte Alphega hart.
"Was lernen? Das ich geboren bin, um alleine durch diese Welt zu ziehen?"


Zed Black stand alleine in seinem Quartier in Timber. Es war vollbracht. Er war unsterblich.
Er sah eine Weile in den Spiegel und öffnete seinen Mund, als wolle er etwas sagen, vielleicht einen Namen aus einer weit entfernten Vergangenheit. Doch es fiel ihm nicht ein, was er sagen wollte.
Zed zuckte mit den Schultern, zog seine Brille ab und bereitete sich vor ins Bett zu gehen. Er wollte noch ein bisschen Schlaf tanken, bevor er am nächsten Tag das Treffen mit diesem Typen vorbereiten musste, der den Lacrima zum General bringen wollte...

"Warum spürst du diese Schmerzen? Warum setzt du dich ihnen aus? Warum läufst du noch mit den beiden mit, obwohl du dich bei lebendigen Leib zerfleischt?", fragte Alphega.
"Ich fühle, dass die beiden auch Schmerzen haben. Ich fühle mich ihnen verbunden. Squall und Rinoa ringen auch mit der Welt, genauso wie ich. Vielleicht aus einer anderen Motivation heraus, aber im Grunde genommen fühlen sie den gleichen Schmerz wie ich. Und deswegen möchte ich ihnen helfen", sagte Cifer eindringlich.
"Und wenn du diese Schmerzen nicht hättest? Die Wunde, die jeder Mensch trägt, sie aber verdrängen will. Was ist, wenn du keine Schmerzen empfinden würdest?", fragte Alphega lächelnd.
Cifer sah lange in Alphega Augen und begriff dann langsam.
"Dadurch, dass ich das durchmache... verstehe ich vielleicht andere Menschen besser, die das gleiche durchmachen", sagte Cifer langsam.
"Das nennt man Mitgefühl. Und Mitgefühl ist das, was die Mensch vereint. Wenn du dich wirklich mit diesen Gefühlen auseinandersetzt, kannst du noch viel mehr verstehen. Sie sind der Schlüssel zu allem. Und im Grunde genommen ist das vielleicht die Hoffnung der Menschen... dass sich die Menschen eines Tages verstehen und ihre Gemeinsamkeiten erkennen und ihre Unterschiede respektieren. Und es gibt viel mehr Gemeinsamkeiten zwischen den Menschen, als sie wahrhaben wollen. Sie wollen sich abgrenzen von anderen, von den dunklen Wesen dieser Welt, anstatt sie als Teil von sich zu akzeptieren. Und solange dieser 'Feindbegriff' besteht, werden die einzelnen Teile niemals ein Ganzes ergeben. Und alles gehört nun mal zusammen. Sogar Hyne und ich.
Wenn es eine zentrale Weisheit dieser Welt gibt, dann dass die Gefühle eines jeden gleichberechtigt sind, seien sie nun erfüllt oder unerfüllt.
Alles, was du fühlst, gehört dir. Du kannst deine Gefühle für ein tieferes Verständnis für andere verwenden oder egoistisch für dich behalten, sie über das Leid anderer stellen und Rache nehmen. Das ist deine Entscheidung. Es sind deine Gefühle und du kannst mit ihnen machen, was du willst. Sie machen dich frei", ergänzte Alphega.


Squall und Rinoa schliefen fest und sahen Cifers Lächeln in der Dunkelheit nicht.
Die Bäume wurden langsam weniger dicht. Man konnte langsam das Ende des Waldes erahnen.
Auf einmal durchdrang etwas gleißend helles die dunklen Bäume. Ein goldenes Licht...
Cifer blickte nach links. Zuerst konnte er nicht wirklich was erkennen, doch dann ebbte der Wald ab und er sah einen wunderschönen großen See. Und über dem See fuhr der goldene Zug, der nun endlich aus den Katakomben der Villa Nokturn befreit war.
Auf einem der Waggons stand eine hübsche junge Frau. Es war Elvira, sie winkte lachend.
Sie stieß einen Jungen an, der neben ihr stand. Schwarze Haare und dunkle Augen, ein sehr trauriges, aber schönes Gesicht, Reo. Zuerst zögerte er, doch nachdem ihn Elvira ein paar Mal geschubst hatte, winkte auch er.
Cifer vergewisserte sich, dass Squall und Rinoa auch wirklich schliefen und dies nicht bemerkten, und winkte dann lachend zurück.
Dann gabelte sich ihr Weg, die Straße ging nach links, der Zug fuhr nach rechts.
Ein paar Meter weiter stand dann der letzte Baum.
Hinter ihm war der dunkle Wald, vor ihm erstreckte sich kühl und schön das zugeschneite, weite Land. Der helle Mond schien ihm fahl entgegen.
Cifer hielt an und stieg aus.
Er suchte den Himmel ab und entdeckte vor dem Sternenzelt ein goldenes Licht, das für einen Moment wie ein Komet durch die Luft flog, bevor es mit dem Sternenlicht verschmolz...

Als er in den Wagen wieder einstieg, bemerkte er, dass dort bereits eine Lampe ungeduldig blinkte.
Er drückte auf einen Knopf.
"Ey yo, hört ihr mich. Hallo... HALLO!", schrie Xell aus dem Kommunikator.
"Ich höre dich, Hasenfuß, musst nicht so brüllen, wir leben in einer modernen Gesellschaft und unsere Kommunikationssysteme funktionieren auch ohne Gebrüll", sagte Cifer trocken.
"Hör auf, dich lustig zu machen, du arroganter Arsch. Wo wart ihr denn? Die Party steigt hier schon die ganze Zeit", rief Xell laut weiter. Im Hintergrund lief irgendeine Musik und Leute quatschten.
Cifer schwieg.
"Hallo?", fragte Xell.
"Leider bricht die Verbindung nicht ab, der Empfang ist ausgezeichnet, ich bin immer noch da", gab Cifer beißend zurück.
"Yo, weißt du schon das Neueste?"
"Pyjamas gibt's jetzt im Hoppelhäschen-Look?"
"Buahaha, der ist ja so alt, Alter. Ne Caris hat ne flotte Rede gehalten... mal wieder. Er wird noch alle überzeugen mit seinem gewaltigen Charisma. Haha, verstehst du? Caris-Ma!!"
Cifer drückte auf "Abbrechen der Verbindung" und es herrschte wieder himmlischer Frieden.
Er schlug die Tür zu und atmete einmal tief ein.
"Die Zivilisation hat uns wieder", sagte er seufzend, bevor er das Gaspedal durchdrückte und das Auto durch die tiefe Nacht auf den leuchtenden Mond zusteuerte.