Edea Kramer stand alleine in ihrem Quartier in der Terra und betrachtete lange die bedrückende Aussicht durch die großen Fensterscheiben. Sie sah tausende von Schiffen, die alle ihre Waffen auf sie und das Schiff gerichtet hatten. Ein Knopfdruck würde genügen, um sie innerhalb von Sekunden zu Staub zu zerblasen. Vermutlich würden sie die Explosion kaum noch mitbekommen.
Edea holte tief Luft und drückte dann einen Knopf. Die Jalousien schoben sich über diese beklemmende Situation.
Sie setzte sich auf einen der Sessel. Ein kleiner Apparat auf dem Boden gab ein merkwürdiges Geräusch von sich. Zum zweiten Mal innerhalb von ein paar Sekunden drückte Edea einen Knopf und vor ihr erschien in Lebensgröße leicht durchsichtig Niko Goodsworth.
"Niko, du hast es also geschafft. Geht es dir gut?", fragte Edea.
"Ich habe leider keine Zeit für diese sinnlose Konversation. Prokylta muss jeden Moment zurückkommen. Habt ihr die Liste genutzt, um die Spione zu fangen?", fragte Niko brüsk zurück.
"Alle Beteiligten wurden unter Arrest gestellt. Wir prüfen momentan ihre Schuld", entgegnete Edea.
"Ihr prüft? Liebe Frau, wozu riskiere ich hier meinen Hals, wenn ihr 'prüft'? Egal, ich sehe, dass die Flotte euch eingekreist hat", sagte Niko.
"Ja, das siehst du richtig. Nur ist es die Flotte von Galbadia, nicht die der Sekte, die uns momentan eingekreist hat und dennoch will Galbadia anscheinend den Philosophen. Wieso?", fragte Edea.
"Die Sekte hat durch die Replikanten Kitisa unter Kontrolle. In wenigen Stunden soll er als Ratspräsident bestätigt werden. Er hat ja bereits angekündigt, in einem solchen Falle die SEEDs unter Arrest zu nehmen. Mit anderen Worten, die Sekte verwendet Kitisa, um euch loszuwerden", sagte Niko kühl.
"Werden Sie uns töten?", fragte Edea.
"Ja, wenn ihr diese Person, den Philosophen, nicht rausrückt", entgegnete Niko.
"Den werden sie nicht bekommen. Ich werde den Philosophen mit einer Eskorte in die Klippenlandschaft um das Waisenhaus entsenden. Dort gibt es einige abgelegene Hotels, wo er Unterschlupf finden wird", sagte Edea.
"Verstehe... und wie willst du mit Kitisa verfahren? Die Sekte bereitet eure öffentliche Auslöschung vor", sagte Niko.
"Skylar und Irvine sind vor Ort... außerdem denke ich nicht, dass Kitisa gewinnen wird... Bei uns... ist etwas vorgefallen... Wir werden sehen", sagte Edea vage.
"Ok... ich werde dann die Verbindung unterbrechen. Prokylta müsste jeden Moment zurückkommen", sagte Niko.
"Pass auf dich auf", sagte Edea, doch Niko war bereits verschwunden.
Sie drückte nicht den Knopf, um die Jalousien wieder hochzufahren, sondern blieb noch lange nachdenklich in der Dunkelheit zurück und genoss den kurzen Moment der Stille.
Niko atmete tief ein. Dann blickte er kurz nach links in Prokyltas Gesicht.
"Edea will also den Philosophen vom Schiff schmuggeln. Interessant... Ich denke, wir haben ihn. Niko, du hast dich exzellent bei uns gemacht... Schnapp ihn dir", sagte sie.
Niko verbeugte sich tief und schritt dann zügig aus dem Raum.
"Und dann werde ich dich loswerden", flüsterte Prokylta und lächelte.
Auf der Brücke der Terra herrschte gespannte Stimmung. Auf einem großen Hologramm in der Mitte des Raumes waren die Positionen der Schiffe abgebildet. Es sah eindeutig nicht gut aus. Sie waren restlos umstellt. Sollten sich die Schiffe zum Angriff entscheiden, würde das ihr sicheres Ende in wenigen Minuten bedeuten.
Kaum einer sprach laut. Alle wussten, was das hier bedeutete. Der Mann mit dem Zahnstocher war nicht noch einmal erschienen. Das Surren der Maschinen war alles, was zu hören war. Selphie tippte ein paar Befehle ein und errechnete stets neue Fakten und Zahlen, welche die Lage nicht rosiger machten.
Alle waren müde, doch keiner traute sich zu schlafen... Wer wusste schon mit Sicherheit, ob sie je wieder aufwachen würden...
Rinoa schaukelte abwesend Adryan, um ihn zu beruhigen. Auch er schien bemerkt zu haben, dass etwas nicht stimmte. Alles roch nach Angstschweiß und die Nervosität war jedem ins Gesicht geschrieben. Cifers Gesicht war steinhart und Xelto wirkte irgendwie fehl am Platze.
Der Philosoph stand an der Spitze der Brücke und ließ seinen Blick über den Horizont schweifen, als würde er nach etwas suchen.
Auf einmal trat er von dem Fenster weg und kam zu dem Rest der nervösen Truppe und starrte auf die Eingangstür.
Rinoa verstand zuerst nicht, wieso, aber wenige Sekunden später öffnete sie sich und Edea kam herein. Sie sah gespannt aber entschlossen aus.
"Ich habe einen Plan. Wir müssen euch unbemerkt vom Schiff herunter bekommen. Wenn Hyne sich mit dem Philosophen vereinigt, dann ist alles zu spät. Er wird dann eine Macht haben, die kaum zu brechen sein dürfte. Deswegen sollte er mit einer Begleitergruppe von dem Schiff runter", sagte Edea fest.
"Und was wird aus euch?", fragte Rinoa.
"Wir vertrauen auf Skylar und Irvine, die bereits in Deling-City sein müssten. Also, Rinoa, Cifer und Xelto, wenn er will, ihr begleitet den Philosophen. Schlagt euch zum Waisenhaus durch und bleibt dort, bis sich die Wogen geglättet haben", sagte Edea.
"Und was wird aus Adryan?", fragte Cifer.
Edea sah ihn lange an.
"Ich würde ja sagen, er kann hier bleiben, wenn ich euch nicht bitten würde, Dario mitzunehmen. Er ist der Bruder von Nimbley und eigentlich nur zu Besuch hier. Es ist pervers, dass ich nicht alle Kinder, nein Menschen, retten kann, aber dieser Angriff ist den SEEDs gedacht und nicht den normalen Zivilisten. Und Dario ist das einzige Kind, was kein SEED ist oder potenzieller Anwärter. Ich hasse mich, wie ich gerade spreche", schloss Edea und begrub ihr Gesicht in ihren Händen.
Rinoa sah zu Adryan...
"Mein Sohn kommt auch mit. Wir fahren mit einem Auto. Falls es zu einem Kampf kommen sollte, bleibt er im Auto. So hat er wenigstens den Hauch einer Überlebenschance...", flüsterte Rinoa und stand auf...
"Habt ihr nicht etwas vergessen?", fragte der Philosoph ruhig.
Er hatte das ruhig gesprochen.
"Die Gefühle der Menschen sind in der Tat merkwürdig. Ich werde sie nie verstehen. Ihr seid so emotional und dann so kalt. Edea, du verdammst vielleicht gerade ganze menschliche Schicksale..."
"Was soll ich denn bitte schön tun?!", rief sie verzweifelt.
Der Philosoph senkte seinen Blick.
"Wir können von mir aus dieses Schiff verlassen. Nur werde ich nicht ohne Squall gehen", sagte er dann.
Rinoa atmete tief ein und legte einen Hebel um. Die Tür glitt zur Seite. Vor ihr lag endlose Dunkelheit, doch das schwere Atmen verriet ihr, dass sich jemand hier drin befand.
Sie betrat die Zelle, die Tür schloss sich.
Ihre Augen gewöhnten sich langsam an die Finsternis. Vor ihr saß auf dem Boden an die Wand gelehnt ein Mensch.
"Squall?"
"Du bist zurückgekommen...", flüsterte eine heisere Stimme zurück.
Rinoa kniete sich zu Squall. Er schwitzte furchtbar und seine Augen waren gerötet.
Sie zögerte und streichelte ihm dann über das Haar.
"Komm mit mir."
"Erst sperrst du mich ein und dann soll ich zurückkommen? Ist das nicht etwas inkonsequent?", fragte er zynisch.
Rinoa sah lange in diese traurigen Augen.
"Es tut mir Leid...", meinte sie zitternd.
"Das ist schon okay... Ich hätte vermutlich genau so reagiert... Es ist nur so, ich sehe mich Dinge machen und sagen... als wäre es jemand anders... Ich sitze in meinem Körper und wundere mich, was geschieht... Ich wundere mich, was ich gerade mache und sage. Als wären mein Körper und mein Geist getrennt..."
"Das liegt an diesen Träumen von Alphega. Der Philosoph hat mir davon erzählt. Er meinte, ein Teil von dir ist das letzte Mal in der anderen Welt zurückgeblieben. Er meinte, du wärst zu oft in deinem Unterbewusstsein zu Alphega gereist, sodass du in einer Art Trance bist. Auf der einen Seite gab dir das deine erstaunlichen Fähigkeiten, auf der anderen Seite... Du scheinst immer mehr in diesem Land zu verweilen", sagte Rinoa zitternd.
Squall sah sie an... dann zitterten auf einmal seine Augen und wurden feucht.
"Ich habe Angst zu verschwinden... Rinoa. Sie ziehen mich zu sich. Ich spüre, wie ich mich auflöse... Das letzte Mal, als das passiert ist... da habe ich furchtbare Dinge getan... Ich will nicht, dass das noch einmal passiert...", meinte Squall leise.
Rinoa sah ihn tief an.
"Ich bitte dich, zurückzukommen und uns zu verzeihen. Dich weg zusperren war die schlimmste Sache, die ich in meinem Leben je gemacht habe. Ich habe dich weggeschlossen, als seist du etwas Dreckiges...", sagte sie leise.
Squall atmete tief ein.
"Wenn ich wieder draußen bin... dann kann ich euch wieder verletzen..."
"Ich weiß, wie du dich fühlst. Ich war genauso, damals... als ich spürte, wie ich zur Hexe wurde... Ich habe dich gebeten, mich zu töten..."
"... und ich habe abgelehnt...", nickte Squall.
"Das gilt immer noch. Für uns beide", flüsterte sie und küsste ihn lange auf dem Mund.
"Pack deine Sachen, wir reisen gleich ab", sagte Xelto zu Dario, der nickte und verschwand.
Xelto sah ihm hinterher, bis ihm auffiel, dass jemand zu ihm getreten war. Lauren sah ihn kühl an.
"Du bist weich geworden", sagte sie schließlich.
"Vielleicht..."
"Du willst wirklich mit diesen Pennern mitgehen? Das sind unsere Feinde, ich dachte, wir sollten unabhängig und frei sein", schnappte Lauren.
"Na und? Ich kann von ihnen viel lernen. Und du auch, Rinoa ist eine mächtige Hexe", sagte Xelto.
"Leck mich, Goodsworth. Du hattest mich in einem Loch zurückgelassen, weil du angeblich Prokylta töten wolltest. Doch dann verschwindest du Wochen lang und kommst als Weichei zurück", meinte Lauren bissig.
"Hey, du blöde Schnepfe, wär ich nicht so weichherzig gewesen, wärst du wie all die anderen Mädchen an Prokyltas Gift jämmerlich verreckt", knurrte Xelto wütend.
"Oh, sind wir wieder auf diesem Niveau. Letztlich bist du wie Prokylta. Du verrätst unsere Pläne... eingebildeter Gockel. Beim Sex die große Show abziehen und hier sanft wie ein Baby. Mistkerl!", schnaubte Lauren.
Xelto sah sie mörderisch an und machte ein paar drohende Schritte mit erhobener Hand auf sie zu.
"Na, willste mich schlagen? Traust dich doch nicht, kleiner Arsch", zischte Lauren.
Xelto sah sie lange an und senkte seine Hand. Kurz darauf drehte er sich um.
"Xelto... du hast mir noch nie gesagt, dass du mich liebst", sagte Lauren.
"Du hättest mich dafür auch im Schlaf aufgeschlitzt", entgegnete er wütend.
"Ach ja?"
Xelto sah sie merkwürdig an, als wolle er etwas sagen, doch bevor er sich überwinden konnte, hatten sie den Rest bereits erreicht.
Eine Gruppe stand um eine große Kapsel. Squall, Rinoa, Cifer, Xelto, Lauren, Dario und der Philosoph sahen alle erwartungsvoll zu Cid rüber, der die Kapsel zärtlich streichelte.
"Freunde, in dieser Kapsel ist ein Großraumwagen. Wir schießen euch mit Höchstgeschwindigkeit wie ein Torpedo mit der Kapsel ab. Sie wird schneller die Radarschirme der anderen Schiffe passieren, als sie hinschauen können. Die Kapsel wird im Flug abbremsen. Nach der Landung könnt ihr ganz normal losfahren. Alles klar, dann viel Glück!"
Im Präsidentenpalast von Deling-City starrte Kitisa auf einem Fernseher, der in seinem Büro aufgestellt worden war. Es war die Aufzeichnung einer Rede von Ellione Kramer...
"... dieser Schwachsinn, die Hauptstadt Galbadias immer noch Deling-City zu nennen. Die bisherige Argumentation, der wahre Name ist vergessen worden, ist doch totaler Schwachsinn. In den Stadtarchiven haben wir gefunden, dass diese schöne Stadt einmal den tollen Namen 'Leprigal' hatte und wenn ich Vorsitzende bin, werde ich alles dran setzen, dass diese Stadt auch wieder diesen tollen Namen..."
Der Fernseher wurde ausgeschaltet. Kitisa erhob sich und blickte zu Zed Black rüber.
"Eine rührende Rede. Es könnte einem fast Leid tun, dass sie bald so wichtig sein wird wie eine Putzfrau", meinte Zed.
Kitisa blickte aus dem Fenster und betrachtete das Panorama über die Stadt, das ihm so vertraut war.
"Du brauchst nicht aufgeregt zu sein. In ein paar Stunden wirst du im Amt bestätigt sein. Deine Flotte wird zuerst die Terra wegblasen und sich dann der Sekte annehmen, die bis dahin führerlos sein wird. Und dann ist alles vorbei. Dann bist du der Held des Volkes... und viel mehr", sagte Zed und trat hinter Kitisa.
"Schon, aber... Was ist mit diesen vielen Menschen... Gelegentlich wird mir schlecht, wenn ich daran denke. Da nutzt auch der Magenbitter nichts mehr."
"Ich weiß, aber manchmal muss man hart sein. Jedem Menschen wird dabei schlecht. Das ist doch normal. Aber wir bringen dieses Opfer, um etwas Wunderbares zu vollbringen. Wir knicken nicht ein, wir bleiben stark und kraftvoll und tun das Notwendige. Manchmal muss so etwas getan werden, damit eine neue Welt entstehen kann. Aber Cecil... ich kenne dich. Dein Leben lang hattest du Angst... vor der Welt und davor, dass jemand dein Geheimnis herausfindet", sagte Zed und hob seine Akte hoch, mit der er Kitisa nun so lange erpresst hatte.
Kitisa sah Zeds Reflexion in der Scheibe wütend an.
"Musst du hier so damit rumfuchteln?", fragte Kitisa.
"Siehst du? Und in wenigen Stunden wirst du in der Lage sein, alles so zu machen, wie du es immer wolltest. Du wirst die Welt so ordnen, dass du vor nichts mehr Angst zu haben brauchst. Wir werden alles vorhersehen und du wirst respektiert und anerkannt sein. Die Kinder werden deinen Namen mit der Muttermilch aufsaugen und die Alten nostalgisch von deinen Heldentaten berichten. Du bist dann endlich frei von deinen Ängsten. Und der einzige, der davon noch weiß und der es verraten könnte, Niko Goodsworth, der dich deswegen so hasst... der wird beim Angriff auf den Garden sterben. Du kannst nur gewinnen, Cecil", flüsterte Zed Kitisa ins Ohr.
Kitisa drehte sich um und nickte dann Zed zu. Zed lächelte.
"Die Zeit für 'Neo-Per Manum' ist gekommen. Die Zeit der Angst wird vorbei sein. Du wirst alles ordnen und zurechtrücken", sagte Zed und griff in seine Tasche. Eine kleine Waffe kam zum Vorschein. Er reichte sie Kitisa.
"Wofür brauche ich die?", fragte Kitisa misstrauisch.
"Verstehe es als ein Zeichen des Vertrauens. Nun, der Cyclus Rat wählt seinen Vorsitzenden. Die Replikanten werden alle für dich stimmen, sie wurden so programmiert, also hast du in der Hinsicht keine Sorgen. Danach wird das Ergebnis dem wartenden Volk verkündet. Dies wird in circa einer Stunde passieren. Also, Cecil... genieße deine letzte Stunde als normaler Mensch", sagte Zed und grinste ihm zu. Kitisa lächelte zurück und beobachtete, wie Zed sein Büro verließ.
Sowohl auf Zeds als auch auf Kitisas Gesicht erstarb das Lächeln beinahe sofort...
Eine Limousine fuhr zügig, flankiert von einer Polizeikolonne, durch die Stadt Deling-City. Auf den Rücksitzen der Limousine saß Ellione.
"Und sagen Sie, er soll in der Rede in Zeile fünf das Wort 'durch' mit 'zu' ersetzen. Danke", sagte Ell, legte den Kommunikator weg und blickte zu Skylar und Irvine, die sie angespannt ansahen.
"Also ihr sagt, es gibt eine Verschwörung? Replikanten im Cyclus Rat?", fragte Ell ungläubig.
"Sozusagen, aber Squall hat... etwas mit einem Replikant gemacht... eventuell haben wir also noch Hoffnung. Wir haben einige Kontakte spielen lassen und uns zu diejenigen gemacht, die das Ergebnis verkünden werden. Somit sind wir ganz nah dran", sagte Irvine beschwichtigend und Skylar nickte zustimmend.
"Diese Zeremonie... falls ich wirklich gewählt werde, will ich danach diese Replikanten aufspüren lassen und danach viele Reformen auf den Weg bringen. Das Volk muss entscheiden, wer der Vorsitzende des Cyclus Rates wird, nicht ein paar elitäre Minister. Der Schatten der Diktatur hängt immer noch an uns wie eine Leiche", flüsterte Ell.
Skylar schien Ell genau zu beobachten.
"Dieser Krieg darf nicht noch mehr Menschenleben kosten", sagte Ell dann entschlossen.
Die Limousine hielt vor dem Präsidentenpalast an. Skylar nahm ihre Augen nicht von Ellione, als sie den Wagen unter Blitzlichtgewitter verließ.
"Sie hat große Pläne, das Mädchen. Hoffen wir, dass sie die nicht vergisst, wenn sie zum ersten Mal ihr Büro sieht", knirschte Skylar.
"Hey, wir reden über Ell", entgegnete Irvine beschwichtigend.
"Und? Jeder ist korrupt!"
Irvine atmete kurz ein und beschloss, dem Streit aus dem Weg zu gehen. Er blickte stattdessen den prächtig angeleuchteten Präsidentenpalast an. Zu seiner Überraschung meinte er, Kitisa zu sehen, der an einem der großen Fenster stand und Ells Ankunft scharf beobachtete.
Manche Orte der Welt waren schon immer dicht besiedelt gewesen. Die Menschen haben immer Plätze gefunden, wo sie besonders gut leben und gedeihen konnten. Dort entstanden die ersten Siedlungen und irgendwann wurden aus diesen Siedlungen Dörfer, aus den Dörfern Städten und dann schließlich gewaltige Metropolen. Doch im Grunde besteht zwischen den ersten Höhlen und den Metropolen nicht ein solch immenser Unterschied.
Dennoch gab es immer Menschen, die woanders besser existieren konnten. Sei es, weil sie sich verstecken mussten oder weil sie einfach abseits des Trubels leben wollten.
Edea und Cid Kramer gehörten zu diesen Menschen. Sie erbauten ein Waisenhaus weit weg von allem Trubel der Welt. Das Ödland drum herum war ebenfalls komplett unbewohnt... abgesehen natürlich von einigen kleinen Häusern von ähnlichen Leuten, die aus ähnlichen Gründen ebenfalls die Abgeschiedenheit von dem Rest der Welt vorzogen.
Durch die gewaltige Schönheit der Natur schob sich ein winzig kleines Auto. Links von Rinoa, die das Auto steuerte, lag der gewaltige Ozean. Die Fenster waren herunter gekurbelt und kühle salzige Luft kam in das Auto. Squall saß neben Rinoa und blickte aus dem Fenster. Die Welt zog an ihm vorbei. Er fühlte sich konstant müde und abwesend. Oft versuchte er sich wachzurütteln, doch es schien nichts zu bringen. Er war zwar eindeutig hier in diesem Auto, aber irgendwie hatte er das Gefühl, dass sich ein Teil von ihm woanders befand.
"Wie geht's, Squall?", fragte Cifer, der sich auf die Hinterbank mit Xelto, dem Philosophen, Dario und einer schmollenden Lauren gesetzt hatte.
"Fühl mich irgendwie müde", hörte sich Squall murmeln.
"Wir sollten tatsächlich mal rasten. Ich denke, wir können es uns erlauben.", sagte der Philosoph.
"Und was ist, wenn uns Hyne aufspürt? Vielleicht hat er unser Fortgehen schon bemerkt", fragte Cifer.
"Nein, hat er nicht", sagten Squall und der Philosoph gleichzeitig.
Es herrschte eine kurze Stille.
Squall blickte in den Rückspiegel und sah den Philosophen sitzen. Fast wäre es, als würde er fühlen, was er sagen wollte... Es war, als hätte ein Wesen gesprochen und sie beide als Medium verwendet... Was war nur mit ihm los?
"Aber es scheint, als würde die mentale Grenze zwischen Hyne und mir langsam verschwinden. Ich spüre seinen Geist, der diese Welt unruhig absucht. Aber momentan ist er weit weg. Wir sollten rasten und unsere Kräfte sammeln, solange es noch geht", sagte der Philosoph.
"Wir haben Glück... da vorne ist ein Haus!", rief Rinoa.
Die Gruppe betrachtete das kleine Haus. Es schien früher eine Pension gewesen zu sein. Der Wind wehte stark und ließ die Fensterscheiben klirren.
Die Tür stand offen.
Drinnen bestätigte sich ihr Eindruck. Ein Tresen war aufgebaut, doch anscheinend war niemand da. Oder...
"Mpfh, von allen möglichen Besuchern, müsst ihr reinplatzen!", kam eine ärgerliche Stimme.
Squall drehte sich um. Vor ihnen stand in kaputten Hosen der ehemalige Bürgermeister von Fisherman's Horizon, Dobe.
"Dobe...", sagte Squall.
"Ihr seid wohl auf der Flucht, he?", fragte Dobe und betrachtete jeden von ihnen.
"Ja... wir versuchen jemanden zu beschützen", sagte Cifer und deutete auf den Philosophen.
"Philosoph? Du hier? Wen hast du dir denn zum Feind gemacht?", fragte Dobe mit großen Augen.
Squall fragte sich, ob es irgendeinen Menschen in dieser Welt gab, der den Philosophen nicht kannte.
"Einen alten Bekannten. Könnten wir uns hier vielleicht ausruhen, Dobe? Wir haben eine schwere Zeit hinter uns", sagte der Philosoph.
"Sicher, sicher. Ich betreibe dieses Hotel eh nicht. Ich bin auf meinen Reisen hierhin gekommen und hab meinen Mantel aufgehängt... und ihn einfach hängengelassen. Dieser Ort ist ruhig und ich kann viel nachdenken... und ich habe das Meer vor der Nase. Ich liebe das Meer... Ich gehe oft fischen. Manchmal, wenn es ganz klar ist, sehe ich sogar ganz nah am Horizont die Umrisse von F.H.... Die Stadt sieht prächtig aus, wenn sie im Licht glänzt... oh ja, wunderbar..."
Sie alle hatten sich gerne hingelegt. Dario schlief bei Rinoa und Squall. Er hatte sich auf das große modrige Bett geschmissen und war sofort eingeschlafen. Rinoa hatte noch Adryan gestillt, sich dann in einen Sessel gesetzt und ruhte nun ebenfalls. Nur Squall lag auf der kaputten Couch und lag wach. Er wusste, er durfte nicht einschlafen... irgendwie wusste er es. Er dämmerte vor sich hin und starrte an die Decke und hörte das leise Atmen seiner Mitbewohner...
Er schreckte hoch... Irgendwas kam... Auf einmal war Squall hellwach. Es war, als wäre seine Müdigkeit wie weggeblasen. Im Gegenteil, er fühlte und hörte alles viel intensiver als sonst. Er konnte sogar jede einzelne Falte seiner Kleidung fühlen.
Er spürte, dass Menschen sich dem Haus näherten... Er sah vor seinem inneren Auge die Menschen... Es waren erleuchtete Umrisse... doch im inneren waren sie hohl. In ihnen war nichts... nur blaue Flammen nagten an ihrem Herz...
"Rinoa, Dario, aufwachen", flüsterte Squall.
Rinoa schreckte hoch und sah Squall fragend an. Er bedeutete ihr still zu sein und schlich sich ans Fenster. Dann sah er sie...
Fünf Gestalten in Roben und Masken näherten sich dem Haus... Angeführt wurden sie von einem Mann im schwarzen Umhang... Niko!
"Ihr seid gewalttätige Menschen. Hinfort", schrie eine Stimme.
Dobe kam aus dem Haus gestürmt.
Ohne, dass Niko einen Befehl gegeben hatte, stürmte einer der Attentäter auf Dobe zu und schlitzte ihm die Kehle durch. Dobe röchelte, stolperte kurz in Richtung Meer und zeigte mit einem Finger auf den Horizont, bevor er tot zusammenbrach.
Squall fühlte, wie sich Dobes Lebensenergie im Wind verteilte...
Rinoa atmete geschockt ein, als sie das kalte Vorgehen sah. Sie huschte zu Dario rüber und weckte ihn schnell auf.
Squall zog seine Gunblade und öffnete die Tür, nur um den Philosophen zu sehen, der gerade klopfen wollte...
"Du hast es auch gefühlt?", fragte er.
Hinter ihm standen Xelto, Lauren und Cifer.
"Wir gehen jetzt runter und erledigen diese Bastarde", meinte Xelto ruhig.
Alle nickten und stiegen langsam die Treppe herab.
Die Sekte hatte noch nicht das Haus betreten. Die Stimmen kamen immer noch von draußen.
"Ihr beide, ihr geht um das Haus rum, und ihr zwei bleibt hier. Beatrix, du gehst mit mir", hörte Squall Nikos Stimme.
Ohne wirklich zu wissen, was er tat, ging Squall geradewegs nach draußen, wo die Gruppe der Sekte stand.
"Wir sind hier, falls ihr uns sucht", meinte Squall ruhig.
Die Sektenmitglieder fuhren herum. Niko starrte Squall still an. Er spürte, wie hinter ihm seine Gefährten aufschlossen.
"Zeit, abzurechnen, Niko", sagte Xelto und starrte Niko befriedigt an.
"Verräter", zischten die anderen Sektenmitglieder Xelto an.
Xelto zog seine Klinge und schritt auf Niko zu. Lauren folgte ihm nach kurzem Zögern.
"Mein liebes Brüderchen gehört mir. Es wird Zeit, dass er lernt, was es heißt, böse zu sein. Es wird Zeit, dass er das spürt, was er anscheinend sonst nicht wirklich begreifen will. Das Prokylta durchgeknallt ist und dich fallen lassen wird, sobald du für sie nicht mehr von Nutzen bist, Niko. Also... Bruder. Ich werde dich wieder zur Vernunft bringen", sagte Xelto mit einem zufriedenen Gesicht, das zeigte, dass er dies schon lange hatte loswerden wollen.
"Tötet alle bis auf den Philosophen! Ich kümmere mich um einen Familienfehler", zischte Niko.
"Was ist mit dem Jungen?", fragte einer der Sektenmitglieder.
"Ahja, ich vergaß... du magst ja kleine Jungs, Darinov. Du darfst ihn behalten, wenn das vorüber ist", meinte Niko kalt.
Dario wimmerte und klammerte sich unwillkürlich an den Philosophen, der, zuerst überrascht, sofort einen schützenden Arm um den Jungen legte.
Xelto stieß einen Wutschrei aus und stürzte auf Niko zu. Der hatte bereits zwei Wakizashi hervorgezaubert und parierte Xeltos ersten Angriff. Lauren zögerte und begann dann kleine Feuerzauber auf Niko abzuschießen, die jedoch alle sehr ungelenk waren. Niko wich ihnen mühelos aus.
Die anderen Sektenmitglieder stürzten auf die Gruppe zu. Cifer und Squall sprangen nach vorne.
"Ich kümmere mich um den Blonden!", schrie die Frau, Beatrix.
Die anderen vier nickten und wandten sich Squall zu. Drei von ihnen wollten sich auf ihn stürzen. Es war als würden sie in Zeitlupe kommen, aber Squall konnte sich vollkommen normal bewegen. Wie von Geisterhand wurde seine Klinge geführt und traf alle drei Hyniten. Nach nicht einmal zwei Sekunden fielen alle drei tot zu Boden. Squall spürte, dass der vierte hinter ihm war. Er hob sein Schwert...
Der Mann stolperte und fiel zu Boden. Squall drehte sich um und sah Rinoa eine Hand heben. Sie hatte den Mann mit einem Zauber getötet, während sie im anderen Arm Adryan hielt.
Cifer duellierte sich derweil mit Beatrix. Er wich aus und verpasste ihr einen Treffer ins Bein. Beatrix heulte auf.
"Stirb!", kreischte sie und zog eine Pistole.
Cifer hob seine Gunblade und drückte ab... doch jemand stolperte in die Schusslinie... die Person wurde getroffen.
"Oh...", flüsterte Lauren, sackte zusammen und war sofort tot.
Cifer blickte nach rechts. Anscheinend hatte Niko sie weggestoßen. Xelto blickte wie versteinert auf Laurens Leiche. Niko atmete scharf ein, sprang auf einen Speeder und war binnen Sekunden verschwunden.
Xelto ging paralysiert zur Leiche und beugte sich über Laurens Körper.
"Hey... aufwachen... Du kannst jetzt nicht schlappmachen... wir sind doch grad im Kampf gegen den Schwarzen Prinzen...", flüsterte Xelto mechanisch.
"Och, war das deine Freundin, Verräter? Oh ja, sie war eine dieser Schlampen, die meine Herrin sich gehalten hat. Geschieht ihr recht, diesem Miststück. Hast du dein Mädchen verloren... mein armer Kleiner", kicherte Beatrix mit einer schrecklichen aufgesetzten Mitleidsstimme.
Xelto stand auf und ging zügig auf sie zu. Beatrix schoss ein paar Mal auf ihn, doch er wehrte mühelos ab. Beatrix wollte ein paar Schritte nach hinten gehen, doch ihr verletztes Bein gab nach. Sie lag auf dem Boden und sah zu Xelto hinauf.
"Nein... bitte!", kreischte sie.
Xelto hob sein Schwert und enthauptete sie ohne irgendetwas von sich zu geben. Danach stolperte er zu Laurens Leiche zurück und streichelte ihr über die Wange. Er beugte sich über sie und flüsterte ihr unverständliche Worte ins Ohr.
"Xelto... es tut mir leid... Ich weiß, sie war deine Freundin...", stotterte Cifer und Squall bemerkte, dass es das erste Mal war, dass Cifer mit einer zitternden Stimme sprach.
"Du kannst nichts dafür", meinte Xelto monoton.
Xelto blickte hoch. Seine Augen waren schwarz wie die Nacht.
"Natürlich kann niemand was dafür! Nie kann irgendjemand was dafür. Verflucht noch mal, NIEMAND IST JA SCHULD! DIESE VERDAMMTE WELT IST SCHULD! ALLE SIND SCHULD! IHR SEID ALLE SCHULDIG!", brüllte er.
"Xelto...", sagte Cifer schwach.
"Dieses Leben hat mir alles weggenommen. Diese Welt hat mir alles gestohlen. Meinen Bruder, meine Familie und jetzt auch noch sie. Jeden, den ich liebe, verliere ich. WIESO WURDE ICH ÜBERHAUPT GEBOREN???!!! Wieso? Gebt mir eine Antwort! Gib sie mir!", schrie Xelto Cifer an.
Cifer war still. Xelto atmete tief ein. Er weinte nicht.
"Ich hasse all das hier. Ich hasse... verdammt... Scheiße! Wieso muss ich solche Schmerzen haben, warum ich muss so verdammt fühlen? Ich will mir am liebsten mein Herz rausreißen! Ich will das alles nicht mehr. Ich will nichts, ich will Ruhe..."
Xelto lag zusammen gekrümmt und zitterte. In seiner Hand hielt er seine Gunblade fest umschlungen.
Niemand sagte etwas... dann trat auf einmal jemand hervor. Dario ging langsam auf die zitternde Figur zu.
"Sag so was nicht, Xelto... Du bist doch ein Held!", meinte er leise.
"Ich bin kein Held, verdammt noch mal! Ich hatte noch nie was für Helden übrig!", schrie Xelto. Dario zuckte zurück und näherte sich ihm wieder ein paar Schritte und streichelte dann Xeltos Kopf. Er schien auf einmal zu schluchzen.
"Das Leben hat doch viele schöne Seiten...", meinte Dario unsicher.
Das Weinen hörte auf. Xelto stand auf und sah auf Dario herab. Sein Gesicht war steinern.
"Das Leben hat also schöne Seiten, ja? Und was bitte? Welche schönen Seiten hat dieses verfickte Leben, hä? Komm mir nicht mit diesem optimistischen Scheißkram! Du willst mich verarschen, oder?", zischte Xelto.
Cifer sah ihn gespannt an. Er machte ein paar Schritte auf Xelto zu.
"Beruhige dich, Junge!", sagte er.
"Nein... ich will dich nicht verarschen!", zitterte Dario.
"Ich zeig dir, wie beschissen das Leben ist! Du wirst sterben, Kleiner, und höllische Schmerzen haben!", flüsterte Xelto.
Cifer wollte grad sein Schwert ziehen, als Xelto seine Klinge auf Dario niedersausen ließ.
Die Luft war auf einmal von einem grauenhaften Schrei durchstoßen. Dario kniete am Boden und brüllte und heulte vor Schmerzen. Xelto hatte ihm einen Arm abgeschlagen.
Cifer stieß einen Wutschrei aus und rannte auf Xelto zu. Dieser hob seine Hand und stieß einen Schrei aus. Gewaltige Blitze entluden sich, trafen Cifer in den Magen und schleuderten ihn zurück.
Squall war geschockt. Irgendwie konnte er nicht reagieren. Er wollte sich bewegen, doch seine Beine wollten sich nicht bewegen.
"Das Leben ist nicht schön... und bevor du stirbst, wirst du auch diese Lektion lernen", sagte Xelto mit einer heiseren Stimme. Dario wimmerte.
"Dafür... kriegst du sicher... Ärger...", schluchzte er.
Xeltos Gesicht bebte. Dann ließ er seine Klinge ein weiteres Mal schwingen und trennte Darios Kopf ab. Das Blut spritzte ihm ins Gesicht. Er nahm seine Gunblade vor sein Gesicht. Sie war rot und sein Gesicht war rot. Aus dieser Fratze starrten zwei schwarze leere Augen hervor.
"Ich kann kleine Scheißer nicht ausstehen", lachte er in einer widerlichen Parodie eines Witzes.
Cifer stand auf. In seinen Augen war endloser Schmerz.
"Schau mich nicht so an, Cifer. Ich hab dir immer gesagt, ich bin keiner von den Guten. Ich habe alles verloren, also lass uns unseren legendären Kampf jetzt und hier austragen und uns aufschlitzen, bis unsere Gedärme den Boden schmücken", sagte Xelto und hob sein Schwert.
Cifers Gesicht verhärtete sich. Er hob sein Schwert.
"Greift nicht ein", flüsterte er mit einer Stimme, wie sie Squall noch nie zuvor gehört hatte.
Er ging auf Xelto zu. Dessen Gesicht war von einem wahnsinnigen Lachen erhellt. Dann stieß er einen Wutschrei aus und rannte auf Cifer zu. Seine Schläge waren gewaltig. Squall spürte das endlose Nichts, das Xelto in den letzten Minuten ausgehöhlt hatte, sich entladen.
Cifer kämpfte still und intensiv, doch er hatte Mühe, Xeltos Schlägen standzuhalten.
Xelto hob auf Cifer ein. Cifer stolperte über Laurens Leiche. Er fiel hin. Xelto schlug mit einer endlosen Wut auf Cifer ein. Cifers Schwert flog weg. Xeltos Schwert flog auf Cifer, dieser riss seinen rechten Arm hoch.
Cifer brüllte auf. Blut spritzte auf dem Boden. Benommen sah er rechts neben ihm seinen Arm liegen. Cifer hielt sich seinen Stumpf.
"Nicht mal du kannst mir den Schmerz geben, nachdem es mich verlangt. Bastard!", brüllte Xelto.
Cifers andere Hand schnellte an Xeltos Kehle. Er würgte ihn und taumelte bei dem Versuch. Cifer wurde blass, der Blutverlust machte ihm zu schaffen. Xelto boxte ihm in den Bauch, Cifer stolperte und fiel wieder hin. Xelto machte ein paar Schritte auf ihn zu.
Irgendwas passierte in Squall. Er konnte sich bewegen. Blitzschnell machte er einen Satz nach vorne und sprang zwischen Cifer und Xelto. Er sah Squall kurz an und hob seine Klinge. Squalls Schwert wirbelte kurz und elegant durch die Luft. Er schlug Xelto die Klinge aus der Hand und trat ihm in den Bauch. Er brach zusammen.
"Squall! Töte ihn nicht!", brüllte Cifer.
"Cifer..."
"Er gehört mir. Er ist mein Fehler... ich werde ihn besiegen..."
Xelto stand auf und hob zornig seine Gunblade auf und starrte Squall verachtend an.
"Ich habe wohl gewonnen, doch dies war nicht das letzte Wort. Ich werde dieser Welt soviel Schmerz zufügen, wie lange nicht mehr!", rief Xelto über Squalls Schulter Cifer zu und rannte dann zum Auto. Innerhalb von wenigen Sekunden startete der Motor und das Fahrzeug fuhr über die endlose lange Landschaft davon.
Der Philosoph ging rasch zu Cifer und legte seine Hände auf den Armstumpf. Ein helles warmes Licht kam aus seiner Hand. Das Blut hörte sofort auf und die Wunde wurde sanft versiegelt.
"Ich kann leider deinen Arm nicht neu wachsen lassen!", sagte der Philosoph.
"Ist schon gut. Dann muss ich eben ab sofort mit links kämpfen", krächzte Cifer.
Plötzlich fühlte Squall etwas... eine Freude, ein triumphales Gefühl. In seinen Ohren war ein Gelächter...
"Wir haben ihn!", schrie eine Stimme jauchzend.
"Hyne weiß es. Er weiß, wo wir sind", sagte Squall.
"Ja, er hat meine Magie geortet. Schnell, wir müssen in Richtung Meer. An den Klippen gibt es viele Schluchten, dort können wir uns verstecken", sagte der Philosoph.
"Und was ist mit...", fragte Rinoa leise und deutete auf die Leichen.
"Ihre Körper werden sich auch so wieder auflösen und in die Erde gehen", meinte der Philosoph.
"Nein, wir müssen sie doch beerdigen. Hier sie einfach rum liegen zu lassen, ist doch pervers", meinte Rinoa, als sie Adryan auf ihrem Arm wiegte.
"Wieso?", fragte der Philosoph.
"Wir haben keine Zeit für so was. Gehen wir!", sagte Cifer.
Die anderen nickten und gingen in Richtung Klippen.
Cifer blickte in die Richtung, wo Xelto verschwunden war.
"Das letzte Wort ist in der Tat noch nicht gesprochen worden", flüsterte er so leise, dass nur er es hören konnte.
"Und hiermit ist es amtlich. Die neue Präsidentin und Vorsitzende des Cyclus Rates ist Ellione Kramer aus Esthar!", sagte der Wahlleiter.
Im Abstimmungsraum löste sich die Stimmung. Viele jubelten, andere sahen enttäuscht aus.
"Jetzt muss nur noch das Ergebnis offiziell auf dem Balkon verkündet werden, dann ist es endgültig final", sagte der Wahlleiter und nickte Skylar und Irvine zu.
Die beiden grinsten Ellione an, die zurück nickte und dann mit einem Trupp Beratern in Richtung Sitzungssaal, wo sie ihre erste Rede als Ratsvorsitzende halten würde, marschierte.
Kitisa saß lange in seinem Büro. Er hatte das Ergebnis erfahren und schon einen Pappkarton aufgestellt, um seine Sachen zu packen. Die Tür öffnete sich.
"Dein wunderbarer Plan ist wohl gescheitert", sagte Kitisa zu Zed.
"Es ist noch nicht zu spät. Das Ergebnis muss noch verkündet werden, damit es rechtskräftig wird. Bleibe hier, ich werde Irvine und Skylar ausschalten und dann selbst verkünden, dass du gewonnen hast. Sobald das Ergebnis erst einmal so im Umlauf ist, wird die Öffentlichkeit überzeugt sein. Dann musst du nur noch schnell deine vorbereitete Erklärung abgeben und alles ist geritzt. Die Kramer wird dann wohl im Laufe des Abends bei einem Autounfall ums Leben kommen, dann ist die auch weg. Warte hier, Cecil, es ist nichts verloren", sagte Zed.
Irvine und Skylar gingen entspannt durch den langen Flur, die sie zum Balkon führen würde, wo die Bürger bereits auf die Verkündung des Ergebnisses warteten. Dies würde vielleicht auch das letzte Mal sein, dass so der neue Ratsvorstand verkündet wurde. Ellione hatte ihnen bereits vertraulich mitgeteilt, dass sie einen Antrag zur Abschaffung dieses alten Rituals einreichen wollte, da sie es zu zeremoniell fände; es würde schließlich nur um einen neuen Politiker gehen und außerdem seien sie zur Zeit zu sehr mit anderen Zeremonien einer gewissen Sekte konfrontiert, die jedesmal viele Menschenleben kosteten, sodass sie insgesamt den ganzen Kult um führende Personen zurückschrauben wolle.
Kurz bevor sie den Balkon erreichten, hörten beide ein Klicken. Aus dem Schatten trat ein Mann, der eine Waffe auf sie gerichtet hatte.
"Meine Freunde... ich kann euch nicht durchlassen, tut mir Leid", sagte Zed Black.
"Sie sind doch dieser Arsch aus dem Hotel, der mich umbringen wollte!", zischte Skylar.
"Das ist Vergangenheit. Wir haben das gleiche Ziel. Ich habe euch immer unterstützt... Ich habe gehofft, dass ihr gegen Hyne gewinnen werdet... die ganze Zeit. Doch es ist fast zu spät, wir haben nur noch eine Chance. Doch die verfliegt, wenn Ellione Vorsitzende wird", meinte Zed eindringlich. Seine Stimme war angespannt und auf seiner Stirn stand glitzernder Schweiß.
"Wovon reden Sie?", fauchte Skylar.
"Kitisa zwingt mich hierzu. Dieser Idiot will die Weltherrschaft an sich reißen. Doch wir können alle aufhalten. Bitte... wenn ihr mit mir zusammenarbeitet, dann können wir diese Bestien endlich aufhalten und Frieden haben", sagte Zed.
"Sie wollen uns umbringen, Zed? Dann los... Aber kommen Sie hier nicht an und versuchen uns für ihre dämlichen Pläne einzuspannen", sagte Skylar mit funkelnden Augen.
Zed hob die Augenbrauen hoch und richtete seine Waffe auf sie. Irvine sah Skylar hilflos an... Er hatte seine Waffen nicht dabei.
Ein Schuss hallte durch den Gang.
Zed stolperte und ließ seine Kanone fallen. Jemand hatte ihm in die Hand geschossen. Ein weiterer Schuss fiel und traf Zeds Bein. Er hielt sich an einer Säule fest. Aus dem Schatten kam ein weiterer Mann mit einem Revolver.
Cecil Kitisa zielte zitternd auf Zed, auf seinem Gesicht ein Ausdruck der Verachtung.
"Cecil... du gewinnst diesen Krieg nur, wenn du die Richtigen tötest. Zwei Kugeln und du bist an deinem Ziel, an dem du immer sein wolltest. Erschieße Skylar und Irvine", flüsterte Zed.
Cecil blickte Zed ruhig an. Zed sagte zu Skylar und Irvine:
"Ihr müsst wissen, dass Cecil ein großes Geheimnis hat. Er ist schwul, wisst ihr. Aber leider war es in der Deling-Diktatur nicht wirklich erlaubt, schwul zu sein. Bei seiner Zeit..."
"Halt dein Maul!", kreischte Kitisa. Zed lächelte und sprach dann weiter:
"... Bei seiner Zeit als Geschäftsführer des Galbadia-Gardens hatte er ein Verhältnis zu einem seiner SEEDs. Oh ja, die beiden haben sich so geliebt.. Als dieser eine richtige Beziehung wollte, hat sich Kitisa an Pollendina gewandt. Dieser hat den Lover beseitigen lassen und Kitisa wurde schnell vom Geschäftsführer in Pollendinas Büro berufen, um dort sein Assistent und später Ratsvorstand zu werden. Der Einzige, der davon wusste, aber nichts sagen durfte, war Niko Goodsworth. Oh ja, er hasst Cecil deswegen. Das Kitisa danach auch noch Karriere gemacht hat...das hat ihm wohl überhaupt nicht gefallen.
So, Cecil, jetzt isses raus. Erschieße die beiden und dein Geheimnis bleibt gewahrt. Ansonsten wird Skylar deinen Albtraum Wirklichkeit werden lassen und die kompletten Zeitungen werden voll davon sein. Und du wirst der Spott der Bevölkerung. Du hast die Wahl. Werde ein Gott oder werde ein Niemand", sagte Zed lächelnd.
Cecil Kitisa sah Zed lange an und drehte sich dann zu Skylar und Irvine und richtete seine Waffe auf sie. Skylar jedoch lachte.
"Deswegen waren Sie also so ängstlich. Mann, wie sehr haben Sie sich gequält, Kitisa. Sie haben eine Familie gegründet, Liebhaberinnen gehabt, nur damit keiner von ihrem Geheimnis weiß!", sagte Skylar spöttisch.
"Bei solchen Leuten wie Ihnen? Sie hätten doch dafür gesorgt, dass jeder Penner davon weiß. Und dann wäre ich diskreditiert gewesen. Das liegt doch bei Ihnen in der Familie", brüllte Kitisa wie ein verwundeter Hund.
"Nein, Cecil. Ich bin nicht wie meine Eltern. Jeder soll das tun, was er mag, wenn er glücklich dabei ist. Doch anstatt das System zu verändern, haben Sie sich hinter einer Mauer versteckt. Und das finde ich zum Kotzen", sagte Skylar.
Cecil sah auf dem Boden. Die Waffe in seiner Hand zitterte immer stärker.
Draußen konnte man die Menschenmenge hören. Eine Erwartung lag in der Luft... Wer würde der nächste Ratsvorsitzende werden...
"Cecil, ich hab dich immer respektiert. Es sind zwei Schüsse... zwei kleine Schüsse", flüsterte Zed.
Kitisa blickte Syklar an. Skylar blickte Kitisa an. Dann drehte sich Cecil Kitisa zu Zed und starrte ihn drei Sekunden lang an. Kitisa hob seine Waffe...
Er feuerte zwei Schüsse. Sie trafen Zed direkt in den Kopf.
"Scheiße", krächzte Zed, bevor auf den Boden fiel.
Die Luft entwich aus seinen Lungen und dann war er tot. Zed Black lag tot auf dem Boden.
"Dies war der erste Mord, den ich... persönlich begangen habe", flüsterte Kitisa.
Skylar sah ihn an.
"Meine Familie... meine Kinder. Sie sind vielleicht nicht aus Liebe entstanden... aber das sollen sie nie wissen. Bitte... lassen Sie das unter uns", flüsterte Kitisa, während er immer noch auf Zeds Leiche herabsah.
"Cecil..."
"Die Geschichte wird mich... hassen", sagte Kitisa und blickte auf Zeds Leiche.
Dann setzte er sich die Waffe an seine Schläfe und drückte ab.
Skylar schrie auf und schloss die Augen und hörte nur das dumpfe Geräusch. Als sie die Augen öffnete sah sie, dass Kitisa neben Zed gelandet war.
Irvine legte eine Hand um ihre Schulter.
"Dieser verdammte Idiot", flüsterte sie.
Es gab ein Knacken. Elliones Stimme kam durch die Gänge. Anscheinend hatte sie ihre Rede bereits begonnen.
"Politik ist... etwas Menschliches. Sie existiert nicht aus sich heraus, sondern wird von Menschen gemacht. Sie ist ein Werkzeug, um unsere große Bevölkerung zu ordnen und der möglichst großen Meinungsvielfalt gerecht zu werden. Ich würde mir wünschen, dass Politik immer diese Bedeutung haben würde. Ich würde mir wünschen, dass sie lebendig ist, wie die Menschen, die von ihr abhängig sind und nicht nur für sich selbst in einem System starrer Bürokratie und Wertevorstellungen existiert. Leider ist das selten möglich. Ich werde jedoch alles daran setzen, dass dieses Ziel erreicht wird.
Es gibt leider unter uns Menschen, die das nicht begreifen. So wurde auch unsere Politik lange korrumpiert. Ich habe erst vor kurzem die Information erhalten, dass eines unserer Staatsoberhäupter von der Terroristenorganisation 'Aomes Trianirea' bestochen wird. Ich rede von Hella Perseu!"
Durch die Lautsprecher hörte man einen Tumult und Applaus. Skylar ging zu Zeds Leiche und zog etwas aus seiner Tasche. Eine Akte. Sie öffnete sie und sah intime Fotos von Kitisa und einem jungen Mann. Skylar dachte kurz nach und verbrannte drauf die Akte mit einem Feuerzeug. Dann stieß sie auf ein kleines rotes Buch...
"Was ist das?", fragte Irvine.
Skylar blätterte das Buch durch...
"Das ist... ein Verzeichnis aller Replikanten, die es gibt. Alle politischen Ersatzmänner", sagte Skylar atemlos.
"Mh, sieht so aus, als hättest du deine nächste Schlagzeile!", sagte Irvine grinsend.
Hella Perseu stürzte aus dem Verhandlungssaal. Der Schweiß stand ihr auf der Stirn.
"Das ist ein Skandal, dass diese Kramer das öffentlich macht!", fluchte sie.
Der Vorraum war vollkommen leer. Sie musste hier raus. Sofort...
Hinter einer Säule kam ein Mann hervor. Hella sah ihn nur noch aus den Augenwinkeln. Der Mann hatte eine Waffe herausgezogen und schoss dreimal in Hellas Brust und ließ sie schnell sterbend zurück.
"Das Geschäft ist beendet", meinte Cody locker, als er das Gebäude verließ.
"... und das ist mein Ziel. Eine Gesellschaft muss sich nach den Menschen richten, die in ihnen lebt. Die Menschen müssen die Regeln diktieren, nicht umgekehrt. Und zwar ALLE Menschen. Wir sind vielfältig und deswegen sollten wir auch diese Vielfältigkeit als Plus sehen und nicht immer nur einen Weg ohne Rücksicht auf Verluste durchboxen und den als richtig erachten. Ich stehe für Toleranz und Freiheit und bin nur intolerant gegenüber Intoleranz.
Doch ich denke, wir sind auf dem richtigen Weg. Ich sehe nur, wo wir vor sechs Jahren standen und wo wir heute stehen. Ich möchte deswegen als letzten Schritt, um die alte Diktatur abzuwerfen, diese Stadt in den ursprünglichen Namen Leprigal umbenennen und werde hiermit einen Antrag dafür einreichen und bitte um Ihre Unterstützung. Wir haben noch viel vor uns... aber ich bin optimistisch", sagte Ell unter tosendem Applaus und Buh-Rufen.
"Sie verpissen sich! Die Schiffe verpissen sich!", schrie Nimbley und deutete auf die abdrehenden Schiffe. Auf der Brücke der Terra gab es spontan Applaus.
Die Tür ging auf. Edea drehte sich um und traute zuerst ihren Augen nicht. Da stand Cid, aber er hatte eine Lederjacke an und trug eine Fliegerbrille.
"Ganz egoistisch will ich mich jetzt hier mal als Kapitän profilieren", sagte Cid grinsend.
Alle starrten ihn ungläubig an.
"Was guckt ihr so? Den Fummel hab ich früher immer getragen. Wohin darf es gehen, Prinzessin?", fragte Cid Edea.
Edea musste kurz lachen. Es war ihr erstes Lachen seit vielen Tagen und Monaten. Endlich war etwas gut gegangen. Sie waren am Leben. Die Sekte hatte eine erste Niederlage einstecken müssen.
Dann sah sie auf die wegfliegenden Schiffe und blickte in die dunklen Wolken.
"Wir müssen unbedingt den Philosophen finden. Hier ist er am sichersten. Lasst uns das Waisenhaus aufsuchen!"
Es hatte angefangen zu regnen. Das Meer war stürmisch und ein finsteres Gewitter entlud sich über den Klippen an der Küste.
Die kleine Gruppe um den Philosophen hatte sich in einen tiefen Spalt zurückgezogen. Am Boden war es finster, da kaum Licht des ohnehin grauen Tages zu ihnen durchdrang.
Alles war still. Man hörte nur das Plätschern des Regenwassers, das natürlich fröhlich in den Spalt floss und ihnen unaufhörlich auf den Kopf tröpfelte. Gelegentlich konnte man das tiefe Surren des Balamb-Gardens hören, der über ihnen kreiste. Manchmal kam ein Lichtkegel von einem Suchscheinwerfer der Sekte durch den Spalt. Doch das Licht reichte nie bis zum Boden.
"Dieser Ort ist unheimlich. Adryan wird sich noch erkälten", sagte Rinoa und streichelte dem unruhigen Jungen über den Kopf.
"Ja, lange können wir hier nicht mehr bleiben", bestätigte Squall.
"Das Problem ist, dass Hyne weiß, dass wir hier sind. Er spürt mich", flüsterte der Philosoph.
Sie sprachen nur sehr wenig. Ihre Stimmen hallten zu sehr in dem Spalt umher. Plötzlich hallte eine fremde Stimme durch den Graben.
"Durchsucht alles. Ich will präzises Vorgehen sehen!"
"Niko", flüsterte Cifer zornig.
"Er ist noch weit weg", meinte Squall. Die Aura von Niko war noch sehr schwach.
Das Grüppchen war wieder ruhig. Squall fühlte sich immer noch so hellwach. Er fühlte die Regentropfen bereits, bevor sie auf seinem Kopf waren. Doch jetzt, wo nichts zu tun war außer Warten, kamen andere neue Emotionen. Es war, als wäre eine Blockade in seinem Gehirn gelöst worden. Emotionen und Erinnerungen strömten auf ihn ein. Das meiste war seine Vergangenheit...
"Irgendwie erinnert mich das an unser Höhlenabenteuer", sagte Squall plötzlich zu Cifer.
Cifer sah Squall an.
"Höhlenabenteuer?", fragte Rinoa.
Squall nickte.
"Wir waren beide wohl gerade so vier oder fünf, da führte mich Cifer am Strand entlang. Er hat mich in eine etwas abseits gelegene Höhle geführt. Ich sollte vorgehen, da hat er mich auf einmal geschubst... und in der Dunkelheit, ich hatte immer Angst vor Dunkelheit, er hat mir fürchterliche Sachen ins Ohr geflüstert... ich habe schreckliche Dinge gesehen... ich fand erst sehr spät wieder zurück. Cifer war schon da und hat Edea gesagt, ich hätte ihn da rein geführt. Edea schimpfte kräftig mit mir. Ich schätze, seitdem waren Cifer und ich Feinde. Kurze Zeit später verschwand dann auch noch Ellione...", sagte Squall nachdenklich.
"Komisch, das hatte ich fast vergessen", sagte Cifer.
"Ja, für dich war es ja auch nur ein Gag. Ich hatte dort vermutlich die größte Angst meines Lebens... zumindest bis ich Hyne gegenüberstand", sagte Squall.
Cifer musste grinsen.
"Du warst eben so ein Weichei. Hingst an Ells Rockzipfel und warst immer bei Edea und quengelst rum. So ein richtiges Muttersöhnchen. Das konnte ich überhaupt nicht ab!", sagte Cifer grinsend. Squall fiel es schwer, das Lächeln zu erwidern. Cifer schwieg kurz. Seine Augen waren dunkel und es schien, als würde er über irgendetwas nachdenken.
"Squall, tut mir Leid, ok? Lass uns das begraben", nuschelte er schließlich, aber Squall hatte ihn verstanden. Sie schüttelten sich die Hand. Es war doch seltsam, wie Dinge sich so entwickelten...
Etwas veränderte sich... die Wolken rissen auf. Der Regen hörte auf und Sonne schien. Jedoch war dieser Wechsel so abrupt geschehen, dass es unheimlich wirkte.
Squall spürte, dass der Balamb-Garden direkt über ihnen war...
Er sah an die Felswand. Ein Mann stand an der Klippe. Sein Schatten fiel bedrohlich an die Wand... dann hörte er die Stimme...
"Ich spüre euch... Antwortet. Wo bist du...? Wo seid ihr? Kommt zu mir, meine Kinder. Gebt mir die Resonanz, die mir die Menschheit verwehrte..."
Hynes Stimme hallte durch die ganze Klippe. Auf einmal zog sich Squalls ganzes Inneres zusammen. Irgendwas in ihm wollte schreien und Hyne sagen, wo er sei. Sein Kopf wurde schwammig... Er spürte Hynes riesigen Schatten über ihnen kreisen...
"Genug. Ich werde mich ihm stellen!", sagte der Philosoph entschlossen.
"Was?", fragte Cifer ungläubig.
"Es reicht... Ihr riskiert alle euer Leben... aber das bin ich nicht wert. Ich bin zu lange vor mir selbst davon gelaufen und habe zugelassen, dass ich mich in so ein Monster verwandelt habe. Seine Verbrechen sind auch meine. Ich muss mich ihm stellen... nein, ich muss in den Kampf gegen mich selbst. Squall hat er schon fast zerstört... Ich kann das nicht zulassen!", rief der Philosoph.
"Wir werden mitgehen", sagte Rinoa entschlossen.
Der Philosoph sah sie an. Dann nickte er.
"Gut, aber Adryan muss nicht dabei sein. Ich entsende ihn in die Terra. Dort ist er sicherer", sagte der Philosoph. Er machte eine Handbewegung. Adryan wurde langsam wie von Geisterhand nach oben gehoben. Ein magischer Schild wurde um ihn errichtet. Es gab einen kleinen Aufblitz und er war weg.
"Sind alle bereit?", fragte der Philosoph.
Alle nickten. Squall spürte, dass der Druck verschwunden war...
Der Philosoph machte eine weitere Handbewegung. Unter ihnen erschien eine kleine Plattform aus Licht. Sie stellten sich drauf. Sofort bewegte sich die Plattform magisch nach oben. Die Oberfläche kam immer näher und näher...
Squall betrat mit den drei anderen das Plateau. Die strahlende Sonne schien auf das Regenwasser, das in Mulden aufgefangen war und ließ es verdunsten. Überall stieg so starker Wasserdampf auf, dass man kaum was sehen konnte. Die vier gingen konzentriert durch den starken Nebel...
"Ihr seid also gekommen", kicherte eine Stimme. Sie gehörte nicht Hyne. Es war Prokyltas...
Alle drei zogen ihre Waffen.
"Prokylta gehört uns... Sie ist meine Mutter. Philosoph... bitte trete zurück", sagte Rinoa.
Die drei traten nach vorne.
"Ich fühle, ihr seid unsicher... Ich fühle, ihr seid alleine. Ihr steht einem übermächtigen Feind gegenüber. Dort seid ihr drei und wartet auf eure Exekution... wie drei Kinder, die ihre Eltern verloren haben. Habt ihr Angst vor dem Unbekannten? Habt ihr Angst vor der Welt? Habt ihr Angst vor den schwarzen Menschen, die aus der Dunkelheit kommen, um euch zu verschlingen? Ich bin die Schwarze Königin und ihr werdet Angst haben... Ich war in der Hölle im allmächtigen Nichts, doch die endlosen Schatten haben mich wieder freigegeben... und ich bin hier, auf dieser Welt, der lebende Beweis für Unsterblichkeit!"
Der Wasserdampf schien zurückzuweichen und eine Schneise freizumachen. Aus dem Dampf trat in schwarzen beeindruckenden Gewändern Prokylta, die Schwarze Königin. Ihre Augen waren stechend und sie lachte.
"Hab ich euch", lachte sie, wie eine Mutter, die ihre Kinder gefunden hatte.
"Du hast uns alles weggenommen, Prokylta. Das werden wir uns wiederholen!", sagte Rinoa entschlossen.
"Du verstehst nicht. Man hat mir alles weggenommen. Ich war tot, ich war begraben. Ich schrie wie am Spieß, doch niemand hat mich gehört... Mein Körper war lebendig tot, meine Haut verbrannt. Egal wie laut ich schrie, sie begruben mich herzlos weiter... diese dummen Menschen. Sie schütteten mich zu und begruben mich lebendig. Ich war in der Hölle selbst angelangt.
Doch dann tauchte mein Retter auf und gab mir eine neue Hülle, einen neuen Körper. Ich trage nach außen hin eine neue Schönheit, doch nach innen hin bin ich immer noch tot und verbrannt... doch das wird sich ändern. Die 'Aomes Trianirea' wird alles zerstören, damit es einen Neuanfang gibt und ich bin wieder wie eh und je. Wenn der Schöpfer sich mit seinem anderen Ich vereinigt hat, dann wird alles wieder eins. Er wird die sechs Städte und alles andere vereinigen. Danach werden alle Menschen einen Teil von Hyne bilden und somit die endlose Vereinigung der Liebe endlich wahr werden lassen. Und dann werden wir SIE aufwecken, die Frau des Lichtes... die Aomes Trianirea... Du wirst es bald verstehen, meine Tochter. Bald wirst du mich nachvollziehen können", sagte Prokylta.
"Cifer, wie ist dein Arm...?", fragte Rinoa besorgt, Prokyltas Worte ignorierend.
"Es geht... ungewohnt... Es muss funktionieren", presste Cifer hervor.
Prokylta sah sie kurz an. Dann auf einmal spürte Squall, wie ihre Macht stieg. Wellen von farbigen Mustern traten aus ihrem Körper hervor, ihre Haare wehten im Wind. Squall spürte eine Hitze, doch gleichzeitig wurde ihm kalt...
"Schluss mit den Spielchen. Der Schöpfer selbst gab mir Kräfte, ihr könnt nicht gewinnen", rief Prokylta.
Aus ihren Händen kamen blaue Flammen. Sie krochen flach am Boden auf Squall zu und bauten sich vor den Helden auf. Sie formten zwei schlangenförmige Köpfe. Die Flammen zischten, als wollten sie Squall jeden Moment den Kopf abbeißen. Squall sah sie ruhig an.
"Nein", sagte er.
Ohne zu wissen, was er tat, hob er sein Schwert. Er fühlte, wie er immer müder wurde, doch gleichzeitig schien seine Kraft zuzunehmen. Das Schwert leuchtete rötlich. Er schwang es durch die Luft und trennte die Köpfe der Feuerdrachen ab.
Die Flammen lösten sich auf der Stelle auf. Hinter ihm hörte Squall einen erstaunten Aufschrei von Rinoa.
"Ich bin Rinoas Hexenritter. Und du wirst ihr nichts antun!", sagte Squall ruhig.
Prokyltas Gesicht wurde hart.
"Dann eben anders", sagte sie.
Aus ihren Händen kamen tausende von Zaubern. Squall spürte die Hitze und die Kälte.
"Zu mir", rief Rinoa. Aus ihrem Rücken kamen weiße Engelsflügel. Die Zauber flogen alle auf Rinoa zu und bündelten sich in ihrer Hand.
Squall rannte etwas und sprang dann über den Zaubersturm hinweg. Er fühlte sich leicht wie eine Feder und, als würde ihn der Wind tragen, flog er locker, ruhig und besonnen über die Magie hinweg. Er zog in Ruhe sein Schwert und flog auf Prokylta zu. Sie hörte auf zu schießen und zog ihr Schwert.
Squalls und Prokyltas Klinge trafen aufeinander. Es war, als würde wieder die Zeit stehen bleiben. Rinoa und Cifer riefen Squall etwas zu und kleine Steinchen flogen langsam durch die Luft, doch er konnte sich normal bewegen. Auch Prokylta schien sich normal bewegen zu können, während um sie herum alles verlangsamt war. Sie wich agil aus und griff hart an. Squall schwang durch die Lüfte, doch Prokylta parierte problemlos. Sie duellierten sich heftig. Ihre Bewegungen waren flüssig und ihr Mantel schwang mit, als würde er ein Teil von ihrem Körper sein. Sie war wie ein Engel des Todes. Prokylta sprang in eine Mulde voller Regenwasser und berührte kurz die Wasseroberfläche, als sei es aus festem Boden und landete sicher auf der anderen Seite. Squall sprang ihr hinterher und überquerte die Mulde ohne Zwischenlandung. Die beiden setzten ihr Duell fort. Prokylta blickte kurz über Squalls Schulter und ein Ausdruck von Panik machte sich breit. Squall sah sich ebenfalls um. Dort stand Rinoa, in ihrer Hand mehrere Zauber zu einem leuchtenden Ball geformt, bereit zum Abschuss.
Wie von selbst hüpfte Squall elegant zur Seite...
Die Zeitlupe war vorbei...
Prokylta wirbelte mit ihrer Hand umher. Der Wasserdampf bündelte sich vor ihr wie ein Schild und verfestigte sich.
Rinoa ließ los.
Der Energiestrahl traf auf das Schild. Einen Moment schienen beide zu reagieren... dann vereinigten sich beide zu einer gasförmigen Substanz.
Es gab ein kurzes Aufblitzen...
Ein gewaltiger Knall erschütterte die Erde, als sich die Materie entlud. Squall wurde von der Explosion der Kräfte geblendet. Langsam verzog sich das Licht. Rinoa und Prokylta standen sich schwer atmend gegenüber. Das Wasser war komplett verdunstet.
Hinter Prokylta sah Squall den Trabia- und den Balamb-Garden.
Das Gesicht der Schwarzen Königin war nun von jeder herablassenden Arroganz befreit. Sie sah zornig und auch etwas ängstlich aus.
Ihr Schwert begann zu leuchten.
"Wir müssen alle drei gleichzeitig angreifen", rief Rinoa.
Prokylta streckte wortlos ihr Schwert gen Himmel. Rote Punkte erschienen am Himmel, die schnell größer wurden.
"Es ist ein Meteoriten-Zauber!", schrie Rinoa.
Ihre Engelsflügel schlugen und sie hob ab in die Luft. Wie ein Vogel flog sie über Cifer und Squall und schuf ein grünliches Schild.
Die Meteoriten schlugen überall ein und hinterließen noch mehr Krater. Die Brocken, die auf Rinoas Schild trafen, wurden wie Gummibälle reflektiert und flogen auf Prokylta zu, die ihrerseits ein Schild beschwören musste, welches jedoch die Meteoriten nur absorbieren konnte.
Prokylta senkte ihr Schwert und der Angriff hörte auf.
Links und rechts von ihr befanden sich tiefe Krater. Auf einmal gab es ein gewaltiges Rumpeln. Dann trennten sich auf beiden Seiten die gewaltigen Klippen ab und stürzten in die Tiefe. Sie standen nun auf einem schmalen Grat. Eine Schneise zum Meer war geschlagen worden und das Wasser drang tosend ein.
"Jetzt", sagte Squall zu Cifer.
Beide stürmten auf Prokylta.
Rinoa flog über sie hinweg und ließ Federn regnen. Wenn sie Squalls und Cifers Haut berührten, wurden sie weich und verschmolzen sanft mit ihnen, bei Prokylta verwandelten sie sich in scharfe Klingen.
Prokylta beschwor mit ihrer linken Hand eine Feuerpeitsche herauf. Sie ließ sie um ihren Kopf kreisen und vernichtete ohne hinzuschauen die Federn.
Sie machte einen Satz nach vorne und schnitt eine Schneise zwischen Squall und Cifer. Beide waren voneinander getrennt und hoben nun gleichzeitig auf Prokylta ein, die scheinbar mühelos ihre Angriffe parierte. Sie wirbelte mit ihrem Mantel einmal heftig, sodass Cifer zurückgeworfen wurde. Er flog fast über den Rand der Klippe.
Prokylta blickte zu Squall. Ihre Augen brannten vor Zorn. Er wusste, dass hinter ihm der Abgrund war. Er griff Prokylta an, sie verteidigte. Plötzlich ließ sie die Feuerpeitsche hervor schnellen, die sich um Squalls Bein wickelte.
Er spürte die brennende Hitze an seinem Fuß.
Prokylta gab einen Freudenschrei aus und warf Squall mit der Peitsche auf den Boden.
Sie hob ihr Schwert, um Squall zu töten, als etwas zwischen ihr und Squall landete. Ein helles Wesen. Das Schwert traf das Wesen. Es stolperte ebenfalls. Rinoa schrie auf. Squall sah hektisch zu ihr hoch. Sie schien nicht verletzt zu sein, aber irgendwie hatte sie das Schwert getroffen.
"Du bist geschlagen, Rinoa. Bitte... ich will dich nicht töten... Ich möchte dir etwas sagen... etwas Wichtiges... über dich und Hyne...", sagte Prokylta.
"Es gibt nichts, was du mir noch zu sagen hättest!", brüllte Rinoa.
Sie hob ihre Hände. Federn flogen herbei. Zwischen den Federn bildete sich eine Art Lichtbrücke. Die Federkonstellation nahm eine Form an... ein Wesen... ein Drache aus Licht.
Prokylta imitierte Rinoa. Bei ihr kamen brennende Federn und bildeten eine Schlange aus blauem Feuer. Beide Tiere brüllten sich an.
Cifer, der zwischen den beiden stand, sah nicht unbesorgt aus. Dann wurde er auf einmal in die Luft gehoben und landete sanft neben dem Philosophen, der den Kampf sorgfältig beobachtet hatte.
Rinoas Drache spie Licht, während Prokyltas Schlange blaues Feuer spuckte. Beide Strahlen trafen sich in der Mitte.
Wellen von Energie entluden sich. Rinoas Haar wehte im Wind. Prokyltas Strahl war stärker... er drängte Rinoas Energie zurück.
Squall trat von hinten an Rinoa heran und flüsterte ihr sanft ins Ohr...
"Rinoa, halte durch... Bald ist alles vorbei und wir können in Balamb leben... du, ich und Adryan..."
Rinoas Strahl wurde bei Adryans Namen stärker... Prokyltas Feuer wurde hinweggefegt. Das Licht berührte ihren Drachen, der schrie und verpuffte. Das Licht traf auf Prokylta. Ihr Körper absorbierte das gleißende Licht. Sie stieß einen Schmerzensschrei aus...
Es gab einen hellen Lichtblitz. Federn flogen durch die Gegend und lösten sich auf. Rinoa sackte erschöpft zusammen...
Prokylta war auf dem Boden gefallen. Sie sah geschockt aus und flüsterte etwas hektisch. Squall sah genauer hin... ihr Gesicht hatte sich verändert. Es sah aus, als hätte es ein Sprung... wie kaputtes Geschirr.
Prokylta betastete ihr Gesicht. Sie hatte es gemerkt. Sie befühlte den Riss... plötzlich brach ein Stück von ihrem Gesicht ab und schwarzes Blut quoll hervor. In ihren Augen sah Squall etwas, was er noch nie zuvor bei ihr gesehen hatte. Die nackte Todesangst!
Sofort war Rinoa wieder auf den Beinen. Sie atmete schwer.
Ihre und Prokyltas Blicke trafen sich...
"Das kann nicht sein", sagte Prokylta schwer atmend.
Sofort wurde sie von einem Schild umgeben, ähnlich dem, der Adryan zur Terra teleportiert hatte. Ein kleiner Lichtblitz, dann war sie verschwunden.
Squall und Rinoa verließen den schmalen Grat und gingen zum Philosophen und Cifer. Squall wusste, wieso der Philosoph so gespannt aussah...
"Er hat mich gefunden", flüsterte er.
Kleine Dunstschleier sammelten sich langsam und konzentrierten sich vor der Gruppe. Der Philosoph trat entschlossen vor. Er zog seine Brille ohne Gläser aus und steckte sie ein. Sein Haar wehte im Wind.
Die Nebelschleier färbten sich plötzlich schwarz und wurden fester... glatter, wie eine Decke... oder ein Mantel... ein langer, schwarzer, wehender Mantel. Eine Person steckte in ihm. Hyne war hervorgetreten und hatte einen zufriedenen Ausdruck auf seinem Gesicht.
Squall sah kurz in Hynes Augen. Auf einmal fühlte er sich müder als je zuvor...
"Du standest mir zu oft in der Quere. Es gibt nichts mehr zu sagen, Squall!", sagte Hyne locker und ein Strahl blauer Flammen schoss auf Squall zu.
Der Philosoph hob seine Hand. Die Flammen prallten an einem unsichtbaren Schild ab und wurden absorbiert. Es gab keinen Knall, keinen großen Effekt, sie waren einfach weg. Der Philosoph schritt ruhig auf Hyne zu.
"Das hat nichts mit ihm zu tun. Du willst mich, hier bin ich!", rief der Philosoph.
"Willst du mich umbringen? Nein, dafür bist du ja viel zu gut nicht war?", fragte Hyne spöttisch.
"Wieso sollte ich dich töten? Ich würde mich damit selbst verletzen, nicht wahr? Nein, ich bin gekommen, um mich mit dir zu vereinigen. Ich weiß, warum du das tust und du weißt, wieso ich so handle. Doch indem wir voreinander weglaufen, hat niemand was davon. Ich will, dass wir zusammen die Qual von diesem stolzen Zhabanen namens Hyne beseitigen", sagte der Philosoph.
"Große Worte, doch du hast damals auch die Kinder getötet und den Krieg angefangen. Du bist nicht besser als ich", sagte Hyne.
"Ich weiß, ich weiß... aber ich bin gereist und habe versucht, die Menschen kennenzulernen. Wir haben etwas Wunderbares vollbracht...
Jetzt die Menschen auszulöschen und ihrer Herr zu werden... Denkst du wirklich, dies ist der Weg?", fragte der Philosoph.
Hyne lachte nur.
"Du bist so ein Moralist und dabei waren das alles deine Ideen... nicht wahr?"
"Ja, ich habe das entwickelt... aber... ich bin weitergegangen und habe gelernt und mich
ntwickelt... Du nicht, du kopiertest meine Arbeit... Es ist Zeit, dass wir zu einem Wesen verschmelzen", sagte der Philosoph.
"Philosoph...", sagte Squall.
Der Philosoph drehte sich um und lächelte. Eine Träne rann über seine Wange...
"Squall, mein Freund... der Moment des Abschieds ist gekommen. Ich war gerne deine zweite Hälfte, deine Resonanz, dein Medium... dein Philosoph. Doch der ist ab sofort nicht mehr in dieser Welt. Mein Name ist Hyne. Pass auf dich auf", sagte der Philosoph und drehte sich um.
"Also gut, Hyne. Wir beide... nein ich... wir vereinigen uns und werden dann den Kampf um uns austragen", sagte Hyne entschlossen und schritt auf sein anderes Ich zu.
"Na gut, je weniger du dich sträubst, desto leichter wird es für mich. Du scheinheiliger Idiot. Du glaubst tatsächlich, dass du dich über mich erheben kannst", lachte Hyne.
"Wir werden sehen", erwiderte Hyne lächelnd.
Die beiden standen nun genau voreinander. Sie berührten sich und dann, als seien sie aus Wasser, gingen Hyne und Hyne ineinander auf. Ihre Körper lösten sich und bildeten die gasförmige Lichtmasse, die Squall am Waisenhaus gesehen hatte. Sie leuchtete rötlich.
Dann wurde alles wieder fester. Jemand bildete sich heraus... Es war Hynes normale Gestalt, ein übergroßer Aloin. Doch seine Haut war nun blasser als je zuvor und von bläulichen Narben durchzogen, als würde er von innen glühen. Hyne hatte sich wiedervereinigt.
Squall sah in das Gesicht von Hyne. Er lächelte, doch es war nicht das freundliche Lächeln des Philosophen... es war ohne Mitleid...
Squall sah Hyne tief in die Augen. Kein Licht schien aus ihnen. Squall wusste, Hyne würde sie töten ohne irgendeine Gefühlsregung zu zeigen.
Hyne hob seine Hand und lachte, doch dann...
Hyne zögerte und schien angestrengt zu lauschen. Plötzlich schrie er auf, als würde er von innen aufgefressen. Die Narben leuchteten rötlich. Squall sah zum ersten Mal Hynes Gesicht voller Schmerzen.
"Diese Schmerzen... es frisst mich... das Licht...... nein, ich will nicht......... ich will nichts fühlen......... alles soll zurückkehren... die Vereinigung... Erlöse mich!"
Hyne schwieg. Sein Gesicht war gespannt. Dann erhob er sich. Sein Körper stieg elegant in den Himmel, den schwarzen Mantel hinter sich herziehend. Dann sprach er. Seine Stimme war unmenschlich und laut und drang in jede einzelne Zelle hinein.
"Bauten, Symbole, geschaffen vom Menschenkönig mit meiner Hilfe. Vereinigt euch, meine Kräfte, die so seit langem ihr vor mir verborgen geblieben seid. Bildet mit mir im Zentrum einen gewaltigen Organismus. Lasst uns das Portal schaffen, welches uns die Möglichkeit gibt, den Weg der Zukunft zu wählen", sagte Hyne.
Der Himmel zog sich zu. Auf der Terra gingen alle Alarmleuchten an.
"Was ist das... Eine gewaltige Welle aus Energie ganz in der Nähe. Die Werte sind ähnlich wie... damals beim Heben des Tempels des Alphega!", schrie Selphie.
"Hast du ein Bild?", fragte Cid scharf.
Selphie drückte ein paar Knöpfe und warf ein unscharfes Bild auf den Monitor.
"Bring uns dort hin", befahl Cid.
"Seht, die Levia-Ebenen vereinigen sich!", schrie Rinoa im gewaltigen Sturm. Der Himmel war schwärzer als je zuvor... doch da kamen sie.
"Wir haben momentan noch ganz andere Sorgen", knurrte Cifer.
Squall sah sich um. Tausende von maskierten Menschen waren unbemerkt an sie herangetreten. Die Sekte Aomes Trianirea war zum ersten Mal komplett vereint. Auf einmal begannen sie ein Lied zu singen, ein Marschlied. Es war beschwörend und düster. An der Spitze der Gruppe stand Niko, der einen wehenden schwarzen Umhang trug. Direkt hinter ihm befand sich das Triumvirat. Plötzlich fielen alle tausend Menschen in einem Moment auf die Knie, als würden sie etwas anbeten.
Gewaltig schwebend flogen der Balamb-Garden, der Trabia-Garden und die Überreste des Galbadia-Gardens herbei. Das Wasser toste. Am Horizont erschien fliegend eine gewaltige schwarze Stadt und aus einer anderen Richtung kamen zwei weiße Städte angeflogen... Toromia und Furioira.
Aus dem Wasser erhob sich unter Gewitterblitzen und gigantischen Wellen eine weitere brillante fliegende Stadt... Teneralem. Sie leuchtete blau und schön. Mühelos schwebte sie empor. Massen von Wasser flossen aus ihr und Squall meinte, einen Behemoth kreischend aus der Stadt fallen zu sehen.
Dann hob sich noch etwas aus dem Wasser... Der Tempel des Alphega flog, eingekreist durch die sechs Türme, durch die Luft.
Hynes Körper strahlte nun bläuliche Blitze aus. Aus dem Balamb-Garden schwebten die Lacrima des Alphegas und die Deus Ex Machina. Alle Teile verschmolzen mühelos mit Hynes Körper (das rötliche Feuer-Artefakt sehr widerwillig).
Hyne stieß einen jubilierenden Schrei aus und flog dann zum Tempel des Alphega, der sich in die Mitte der gigantischen Bauten geschoben hatte, die sich nun um diesen angeordnet hatten. Hyne stand auf dem Dach des Tempels und ballte seine Hand zu einer Faust. Daraufhin setzten sich alle riesigen gigantischen Gebilde in Bewegung und schwebten auf den Tempel zu. Es sah fast so aus, als würde Hyne zerquetscht werden...
Teneralem verschloss Squall die Sicht auf Hyne.
Doch die Bauten kollidierten nicht miteinander... sie verschmolzen ganz einfach. Es gab keine Grenzen mehr zwischen ihnen, sie wurden mühelos zusammengelegt. Sie bildeten ebenfalls eine gasförmige wässerige Masse. Das Gebilde hatte eine gelbliche Farbe... dann glitzerte es...
Dreckig-gelbes Licht strahlte ihnen entgegen... Sie hatten eine neue Form gebildet... Das Licht wurde schwächer und erlaubte es den Betrachtern einen ersten Blick auf seine neue Gestalt zu werfen.
Eine gigantische Zitadelle stand vor ihnen. Ihre Zinnen gingen so weit in den Himmel, dass man die Spitze nicht mehr ausmachen konnte. Es leuchtete von innen gelblich.
Die Sekte stand auf und jubelte. Dann wurden sie alle vom gelblichen Licht umgeben. Ein gewaltiger Lichtball umschloss sie. Die Mitglieder schrien sich fast heiser. Es klang wie manischer Jubel. Nur Niko schien ernst und sah auf den Boden...
"Squall, was ist?", hörte er auf einmal Rinoas Stimme.
Squall spürte, wie sich seine Beine in Bewegung setzten.
"Ich muss zu ihnen, ich muss zu ihm, die Wahrheit finden", murmelte Squall ohne es zu wollen.
Er bewegte sich mechanisch auf den Lichtball zu, der all die Sektenmitglieder umschlossen hatte. Er schritt mühelos durch die Barriere aus Licht.
Hinter ihm schlug jemand auf Glas...
Squall drehte sich um und sah Rinoa, die anscheinend versucht hatte ihm zu folgen, doch das Licht schien sie nicht durch zu lassen. Sie schlug hektisch gegen die Lichtbarriere und schien irgendwas zu rufen. Es interessierte ihn nicht.
Squall ging ein paar Schritte in den Kreis der Sekte. Die Kuttengestalten traten auf ihn zu und klopften ihm auf die Schulter... wie einen alten Freund.
"Ich bin zurück. An meinem angestammten Platz", flüsterte Squall.
Er blickte Niko an, der ihn fassungslos anstarrte. Squall lächelte Niko zu. Jetzt standen sie wohl wieder auf der gleichen Seite...
Dann sah er eine Gestalt, die sich ihren Weg durch die Kutten bahnte. Es musste eine Art Geist sein, denn er schwebte durch die Körper hindurch. Squall erkannte das Gesicht... Es war Niida.
"Hallo Niida", flüsterte Squall.
"Ist das wirklich der Ort, an dem du verweilen willst? Ist das große Aufgehen in die Schwärze wirklich deine Bestimmung. Nicht denken, nur tun? Ist es das, was du wirklich willst? Ich wollte es und endete als verkohlte Leiche nicht weit weg von hier", meinte Niida.
"Was soll ich denn tun? Wo soll ich hin? Ich bin ja nicht mehr ich", sagte Squall weinerlich.
Der Geist verwandelte sich... in eine Frau. Die Frau hatte langes braunes Haar und einen einfachen Pullover. Es war eine simple aber schöne Frau... Es war seine Mutter.
"Squall, du wirst da draußen geliebt. Und du liebst. Komm mit mir", sagte sie.
"Wohin gehen wir?", fragte Squall neugierig.
"Zum Ort der Erkenntnis. Komm, mein Sohn. Verlasse diesen Ort, lerne die Wahrheit kennen. Komm, wir haben einiges zu besprechen", sagte seine Mutter. Squall umarmte die Frau. Ihr Gesicht verwandelte sich wieder. Es sah aus wie Alphega. Squall spürte, wie er in die Luft gehoben wurde. Er sah auf seine Hand... sie war durchsichtig...
Dann umgab ihn ein grelles weißes Licht und er spürte gar nichts mehr...
"SQUALL!", brüllte Rinoa.
Das gelbe Leuchten der Kugel wurde intensiver. Die Sektenmitglieder wurden eingehüllt in dieses grelle Licht. Die Kugel sauste weg und auf die gigantische Zitadelle zu.
"SQUALL!"
Sie rannte zu dem Ort, wo eben noch die Sektenmitglieder gestanden hatten. Niemand war mehr da. Auch Squall war weg. Dann fiel ihr Auge auf etwas, das am Boden lag.
Es war das Amulett, das er getragen hatte. Es lag zerbrochen auf dem Boden. Rinoa starrte fassungslos auf den Punkt, wo Squall eben noch gestanden hatte.
"Da ist die Terra!", rief Cifer und deutete stumm auf ein großes Luftschiff, das auf sie zuflog.
Rinoa hörte ihn kaum. Doch dann flüsterte jemand ihr ins Ohr. Die Stimme... die Stimme eines alten Mannes.
"Er wartet am Waisenhaus auf dich!"
Um ihn herum war gewaltige Schwärze. Kein Universum, kein blaues Feuer nur Schwärze...
"Ah, du bist wieder da... zum letzten Mal", hörte Squall Alphegas Stimme.
Squall drehte sich um und konnte aber nichts sehen.
"Wo bist du?", rief er in die Dunkelheit.
"Warte, ich mach etwas Licht", sagte Alphega lächelnd.
Vor Squalls Auge erhellte sich langsam eine Höhle... er kannte diese Höhle. Sie lag unter dem Shumi-Dorf und er war vor langer Zeit hier durch eine Tür getreten.
"Du bist leider nicht in der Lage, körperlich an diesen Ort zu reisen, deswegen habe ich dich so hergeholt", sagte Alphega.
"Ist es... jetzt an der Zeit, durch die zweite Tür zu schreiten?", fragte Squall langsam.
"Ja, es ist an der Zeit", sagte Alphega und das zweite Tor öffnete sich knarrend.
Squall schritt auf die Tür zu und zu seiner Überraschung folgte ihm Alphega.
Es war als würde er durch eiskaltes Wasser gehen. Plötzlich blendete ihn ein helles Licht. Squall kniff die Augen zusammen. Er fühlte, dass die Luft kalt und feucht war. Er hörte das Rauschen eines Flusses. Langsam sah er die Landschaft vor sich. Es war ein kleiner Wald. Durch die Bäume sah er undeutlich den Fluss.
"Wo bin ich?", fragte er.
"An einem Ort, der nur hier und jetzt existieren kann. Komm, Squall, geh an das Flussufer. Dort wird sie auf dich warten. Die Wahrheit... deine Wahrheit", sagte Alphega.
"Die Wahrheit?", fragte Squall erstaunt.
"Treffe sie. Treffe die 'Aomes Trianirea'!"
Squall sah dem alten Mann in die endlos unergründlichen schwarzen Augen und schritt dann langsam zum Flussufer herab. Nachdem er durch dichtes Gestrüpp gewandert war, kam er leicht zerschunden am Ufer an. Der Fluss lag kühl und nebelig vor ihm.
Squall versuchte, ans andere Ufer zu schauen, doch der Nebel war zu dicht.
Er blickte sich um und entdeckte einen Steg, auf dem eine Frau stand. Squall betrat den Steg und schritt langsam von hinten auf die Person zu.
"Sind Sie 'Aomes Trianirea'?", fragte Squall.
"Ich habe viele Namen... dieser ist einer davon. Aber komm, lass mich dein Gesicht sehen", sagte eine Stimme, die Squall vage bekannt vorkam.
Er trat langsam nach vorne, bis er am Rand des Steges stand. Neben ihm stand die Frau. Es war Artemisia.
"DU!", stieß Squall hervor.
Artemisia lächelte.
"Hattest du jemand Beeindruckenderen erwartet?", fragte sie.
"Ich dachte, ich treffe hier die Schöpferin des Universums...", sagte Squall.
"Das bin ich auch. Ihr habt mich vernichtet. Bei meinem Tod verteilte sich meine Energie in alle Richtungen. An diesem Zeitpunkt waren alle Zeitebenen schon fast auf einem Punkt konzentriert. Somit konnte eine Brücke zum Ursprung geschaffen werden. Meine Energie, die ich bei meiner Niederlage abgegeben habe, hat es ermöglicht, dass das Sein im Urzustand einen kleinen Zuschub an Energie bekommen hatte. Nicht viel, aber es reichte, das Gleichgewicht von Nichtsein und Sein durcheinanderzubringen und dadurch den Urknall auszulösen. Doch somit ist auch ein Teil von mir mit dem Universum verankert. Ich schlafe in seinem Regelwerk, in der Ebene, die noch unter den Zhabanen steht, bis ich kurz vor dem Ende und der Wiedergeburt geboren werde und in einen Körper schlüpfe. Ich habe die Regeln ausgebildet, die das Bilden des SL-Paares verhindern soll", sagte Artemisia.
"Warum?"
"Ich wäre selbst einmal fast ein Teil dieses Paares geworden. Doch ich hätte mich selbst aufgeben müssen und hätte mein Schicksal nicht erfüllen können. Ich wäre nicht zur Aomes Trianirea geworden. Ich hatte die Wahl zwischen einer Göttin und einer unbedeutenden Frau. Würde dir die Wahl da wirklich schwer fallen? Ich wollte meinem alten Ich einfach die Entscheidung leichter machen. Denn wenn ich nicht geboren werde, wird dieses Universum nie geboren werden und die ganze Welt, wie wir sie kennen, nie existieren", sagte sie.
Er sah sie skeptisch an.
"Ich stehe hier schon so lange und versuche ans andere Ufer zu blicken. Doch ich sehe einfach nichts. Und doch spüre ich, dass da jemand anderes ist. Viele andere..."
"Wer ist da drüben?"
"Ich bin hier, also müssen es die anderen sein", meinte sie einfach.
Während er darüber nachdachte, hörte er auf einmal ein Pfeifen... wie von einem alten Zug. Squall traute seinen Augen nicht, als er auf einmal einen Zug auf dem Fluss entlang fahren sah. Er schien auf dem Wasser zu schweben, als würde er auf unsichtbaren Schienen fahren.
Er blieb direkt am Steg stehen. Die Tür öffnete sich wie von Geisterhand. Artemisia stieg ein und bedeutete Squall ihr zu folgen.
Es war nur ein kleines Abteil. Sie setzten sich. Er blickte aus dem Fenster.
Der ganze Zug schien in endlosem Nebel eingehüllt zu sein. Nur manchmal tauchten Bahnsteige und Straßen auf, doch sie waren schemenhaft und undeutlich. Manchmal sah man schattenhafte Menschen... Kinder, Erwachsene, Frauen, Männer...
"Ich liebe diesen Zug. Wenn ich mit ihm fahre, sehe ich manchmal die anderen, auch wenn sie nur Schatten sind. Wie viele Schicksale sind da draußen? Leute, an deren Leben ich so gerne teilhaben würde... doch sie sind draußen in dieser kalten Welt. Wir sind alle alleine. Wir sind kleine warme Lebewesen in einer eiskalten Welt. Alle Wärme ist nur ein kurzes Aufblitzen in einer Welt voller Dunkelheit", sagte Artemisia.
Auf ihrem Gesicht war eine unbeschreibliche Trauer, wie er sie noch bei ihr nie zuvor gesehen hatte.
"Es gibt so viele glückliche Momente im Leben. Doch jede Freude hat ihre Schattenseiten. Früher oder später hört sie auf... sie vergeht... wie das Leben. Die dunklen Seiten des Lebens können wir Menschen so fantastisch genießen. Doch bei den schönen Dingen... die können wir nie genießen, weil wir wissen, dass sie früher oder später vergehen werden.
Warum müssen wir alle so getrennt sein? Warum können wir nicht alle zusammen sein? Uns vereinigen und unsere Gefühle für immer teilen? Ich bin alleine... Squall. Ich war so alleine... schon immer, seit ich ein Mädchen war. Immer war ich von Dingen umgeben, die mich daran hinderten, ich selbst zu sein. Seien es Kriege oder... 'Per Manum'..."
"Was?", schreckte Squall hoch.
Woher kannte Artemisia 'Per Manum'?
Sie seufzte.
"Squall, unsere Zeit ist bald abgelaufen. Ich hätte eine Bitte an dich... Könntest du mir bitte einen Kuss geben? Ich will ihn mit mir als einen lichten Moment in meinem dunklen Leben bis ans Ende der Welt tragen."
Er wusste nicht genau, warum er sich auf einmal neben sie setzte. Es war, als würde er einer starken inneren Eingebung folgen. Er betrachtete ihr Gesicht. Zum ersten Mal fiel ihm auf, dass sie eigentlich eine sehr schöne Frau war. Er atmete tief ein, schloss die Augen und küsste sie dann auf den Mund.
Sie erwiderte seinen Kuss und legte eine Hand um seinen Hals. Er spürte, wie sein Herz schneller schlug, wie sein Atmen schneller wurde, wie ihm heiß wurde. Dieses Gefühl... dieser Kuss...
Er kannte das woher...
Mit Rinoa...
Der Bote, der im Garten schläft.
Merkwürdig, an was man alles so dachte...
Der Bote... Er konnte nie ins Schloss... Er konnte nur schlafen, aber nie dem König die Nachricht übermitteln...
Der König wollte die Nachricht nie hören... was für eine Nachricht es wohl war?
Vielleicht wusste es Rinoa, die ihn gerade umschlungen hielt.
Er... küsste gerade... Rinoa!
Squall schreckte zurück, als ihm die Bedeutung der Worte bewusst wurde.
Er blickte geschockt zu Artemisia.
"Jetzt weißt du es..."
Er öffnete sein Mund und wollte was sagen, doch es kam kein Laut heraus. Sein Mund war trocken, ihm wurde schwindelig. Sein Bauch zog sich zusammen, es war, als würde er jeden Moment kotzen müssen.
Auf einmal trennte sich ein Teil der Abteilwand ab und verschwand im Nichts. Ein weiteres Teil folgte sofort. Wie Butter zerfloss langsam der ganze Zugabteil.
"Der Moment stirbt. Tod kann so traurig sein. Vielen Dank für diesen wunderbaren Kuss. So kann ich trotz aller Traurigkeit doch etwas lächeln..."
Ihre gelben Augen wurden braun und das graue Haar wurde schwarz. Squall blickte in die Augen einer lächelnden Rinoa. Einen kurzen Moment sahen sie sich an, bevor auch Rinoa vor ihm zerfloss.
Zuerst wusste er nicht, wo er sich befand. Er atmete die kühle Luft von Wasser ein...
Squall stand wieder am Flussufer... alles war klar. Die Sonne brach durch. Der Nebel über dem Fluss löste sich auf. Squall sah zum anderen Ufer und sah zu seiner Überraschung sich selbst!
Mitten im Fluss befand sich ein gewaltiger Spiegel! Squall traute seinen Augen nicht. Es war das Merkwürdigste, das er je gesehen hatte und er hatte eine Menge gesehen! Ein Spiegel in einem Fluss?! Hatte Artemisia, nein Rinoa, sich nach sich selbst gesehnt?
Squall setzte sich erschöpft ans Ufer. Sein Kopf war leer und hohl.
Er blickte in das Flusswasser und sah sein eigenes Gesicht, das ihn verloren ansah. Und er sah ein weiteres Gesicht... Das Gesicht von Alphega.
"Alphega... ich würde gerne wieder zurück...", flüsterte Squall.
Alphegas Spiegelbild sah ihn lange an. Es lag etwas Seltsames in seinem Blick.
"Ich kann dich nicht zurücklassen. Mit dem Wissen, das du jetzt besitzt, darfst du nie wieder unter die Lebenden", sagte Alphega.
Squall starrte zu Alphega...
"Aber... wieso?"
"Wenn der Mensch stirbt, stirbt zuerst der bewusste Teil, der denkende Teil. Danach taucht er immer tiefer in sich selbst herab, bis er mich erblickt, das Fundament seines Lebens. Dort sieht er zum ersten Mal all die Möglichkeiten, die er im Leben hatte, das, was aus ihm hätte werden können. Je nachdem, wie der Mensch gelebt hat, kann er nun beruhigt sterben oder nicht. Dies ist der erste Teil, die Abrechnung mit sich selbst. Nur der emotional gereifte wahrhaftige Mensch bekommt einen Tod in seelischem Gleichgewicht. Die anderen sehen voller Schmerz die ungenutzten Möglichkeiten in ihrem Leben und ihre eigene Falschheit.
Im nächsten Schritt begreifen die Menschen die Zusammenhänge der Welt. Sie sehen immer mehr von der Wahrheit bis sie wieder mit mir verschmelzen, gereift vom Leben und ihre gewonnenen Einsichten, mir, dem Universum, geben, das daraufhin reift. Sie verlieren ihre Persönlichkeit und werden wieder ein Teil des spirituellen Gesamten. Das Leben, die Menschen sind Auswüchse von kleinen Teilen des Universums auf materieller Ebene.
Du hast all diese Schritte bereits gemacht, Squall. Du weißt dies alles nun. Du hast dir die Wahrheit gewünscht und bist zu mir gegangen. Und nun hast du alles begriffen, du bist von dir aus ins Totenreich hinabgestiegen. Und wer die Wahrheit kennt, der darf nicht mehr zurück. Das ist die Regel und die kann ich nicht brechen.
Außerdem... hat mich jemand anderes um einen Gefallen gebeten... ein alter Freund", sagte Alphega.
Squall spürte auf einmal, wie eine schwarze kalte Faust sein Herz umschloss. Im Wasser sah er, wie ein weiterer Mann neben Alphega getreten war. Squall blickte in Hynes Spiegelbild. Squall schoss herum und sah Hyne, der sich zu einem Lächeln herabließ.
"Vielen Dank für dieses großzügige Geschenk, mein alter Freund", sagte Hyne, während er eine Hand auf Alphegas Schulter legte.
Bevor Squall etwas erwidern konnte, spürte er, wie ihm schrecklich kalt wurde. Und als wäre die Kälte in seinem Herzen auf die Landschaft um ihn herum übergeschlagen, löste sich augenblicklich alles um ihn herum auf, bis ihn nur noch das kalte Nichts umgab und er von dem schwarzen Meer verschlungen wurde...
Es war tiefe Nacht, als Rinoa mit den anderen SEEDs zum Waisenhaus stürzte, das unverändert verlassen auf sie wartete.
"Sucht nach ihm. Er muss hier sein!", schrie Rinoa.
Sie drückte Adryan Edea in die Hand und rannte auf die Wiese. Sie hörte halb, wie ihr manche Leute hinterher schrien, doch es interessierte sie nicht. Bald waren die Schreie verstummt. Es war ruhig. Dichter Nebel lag über der Wiese. Sie konnte kaum länger als ein paar Meter sehen. Es war komplett ruhig. Sie meinte nur manchmal, Schreie und Schüsse durch den Nebel zu hören. Manchmal kamen sie näher... manchmal entfernten sie sich...
Ihr kam dies alles sehr bekannt vor... merkwürdig bekannt... In ihrem Bauch spürte sie plötzlich einen schmerzhaften Stich!
Liebe...Hexen...Zeitkompression...
Aus dem dichten Nebel kam die gleiche öde Landschaft, das gleiche düstere Gras. Die Schüsse, das Geschrei der Menschen kam manchmal näher, manchmal ging es weg. Jedesmal wenn es weg ging, verspürte sie eine Art Erleichterung, wenn es kam wurde ihr eiskalt.
Auf einmal passierte etwas... Aus dem Nebel tauchte eine Gestalt auf... sie lag auf dem Boden... war bewußtlos. Es war ein junger Mann... so um die 17. Er hatte braunes Haar und ein weiches Gesicht... Sofort wusste sie den Namen des jungen Mannes... Squall. Sie wusste, dass er aufwachen musste. Sie wusste nicht warum, nur, dass er aufwachen musste, sonst wäre alles verloren. Sie schüttelte ihn, sie rüttelte an ihm herum, doch er wachte nicht auf...
"Nein", flüsterte sie.
Sie rannte ein paar Schritte vorwärts. Durch den Nebel konnte sie eine Gestalt ausmachen. Sie lag am Boden... ein junger Mann... mit braunen Haaren... um die 20...
"Squall? Wach auf! Wach auf! WACH AUF!"
Ihr Flüstern verwandelte sich in ein hysterisches Schreien. Jemand legte ihr eine Hand auf ihre Schulter. Rinoa blickte hektisch hoch und sah Edea, die Rinoa mit einer Trauer in ihren Augen ansah, wie Rinoa es noch nie in ihren Augen zuvor gesehen hatte.
"Rinoa, bitte... er ist... er ist..."
"ER LEBT!!!", kreischte Rinoa und schüttelte heftig Squalls leblosen Körper.
"SQUALL IST TOT! Er ist fort, verstehst du! Lass ihn los, lass ihn gehen!", schrie Edea.
Rinoa sah sie an und dann begriff sie.
Die stille Nacht war erfüllt von einem grauenhaften Schrei.
Sie dachte nichts mehr, sie fühlte nichts mehr, sie kannte nichts mehr. Sie wusste nur eines: Ihre tiefste Furcht, der Albtraum, der sie seit Monaten lang verfolgt hatte, war soeben zur Realität geworden...
Am nächsten Tag war der Himmel wolkenverhangen. Man würde Squalls Leichnam in drei Tagen verbrennen. Er war draußen auf der Blumenwiese auf einer marmornen Platte aufgetürmt. Viele Leute hatten sich versammelt, um von ihm Abschied zu nehmen. Laguna und Ellione hatten sich eng umschlungen. Auch der Shumi-Älteste war da und murmelte, dass dies unvorstellbar sei, da Squall nie erfahren habe, was hinter der zweiten Tür auf ihn gewartet hätte... Er konnte nie zurückkommen und es rausfinden.
Kurz erschien eine merkwürdig junge Frau mit blonden Haaren, die sich als Emily vorstellte. Bevor jemand Fragen stellen konnte, hatte sie Blumen an das Grab gelegt, Squall auf die Stirn geküsst und war verschwunden.
Rinoa stand lange an der Marmorplatte. Sie bekam kaum etwas mit von den Leuten, die um die Platte herumstanden, ihr die Hand schüttelten und belanglose Sachen sagten. Wer von ihnen hatte ihn wirklich gekannt? Wer hatte ihn wirklich verstanden?
Rinoa verließ die Marmorplatte als letztes, als alle anderen bereits abgereist waren. Sie alleine stand in der kalten Nacht. Erst das Schreien Adryans riss sie von der Marmorplatte los. Halb erfroren ging sie ins Haus und ließ Squalls Leichnam in der Kälte zurück.
Es war dunkel... es war finster... er war gefangen.
"Hört mich jemand? Irgendjemand? Rinoa? Cifer? Adryan? Ich bin hier. Hier. Ich bin...hier...bitte, weckt mich auf... bitte, helft mir... helft mir...", flüsterte Squall, doch die endlose Nacht schwieg gnadenlos weiter.
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