Die Sonne hatte ihren höchsten Punkt erreicht und tauchte Dollet in warmes hellrotes Licht, die Menschen waren auf der Strasse und kauften ein und in einer Schule warteten die Kinder ungeduldig auf den erlösenden Klang der Schulglocke.
Vor dieser Schule in einer ruhigen Nebenstrasse stand ein Auto, in dem ein junger Mann saß, der nachdenklich das Gebäude beobachtete.
Squall Leonhart sah mehrmals von der kleinen Notiz in seiner Hand zu dem Gebäude. Auf der Notiz stand 'Wedowstrasse 3a' und auf einer kleinen Tafel an dem Gebäude stand ebenfalls 'Wedowstrasse 3a'. Auf dem Zettel stand darunter der Name 'Emily Peterson'.
Squall dachte gerade über die vergangenen Stunden nach, als plötzlich ein helles Piepen ihn aus seinen Gedanken riss. Er zog seinen Kommunikator raus, blickte kurz auf den angezeigten Namen und meldete sich.
"Hi, Rinoa."
"Squall? Bist du das? Wo bist du denn, ich mache mir schon den ganzen Tag Sorgen!", kam Rinoas Stimme aus dem Kommunikator.
"Ja...ähm, ich bin Dollet. Ich..."
"Was machst du in Dollet? Squall, wir bereiten hier alles vor, um gegen Hyne zu kämpfen und unseren Sohn zu retten..."
"Ich weiß, tut mir Leid. Ich habe heute Morgen einen Hinweis erhalten... ich musste schnell abreisen. Rinoa, es wird nicht lange dauern, ich bin spätestens morgen wieder da", sagte Squall.
"Aber...aber wieso bist du ohne uns gegangen? Squall... ist alles in Ordnung?", fragte sie besorgt.
"Ja, doch... ich weiß, was du gerade denkst. Aber du kannst mir glauben, dass ich sicherlich nicht wieder leichtsinnig alleine irgendein Hauptquartier der Sekte stürme. Es ist nur so... ich will hier jemanden treffen", sagte Squall.
"Jemanden treffen?", entgegnete Rinoa misstrauisch.
"Mir wurde heute Morgen eine Notiz zugeschoben... und irgendwie kommt mir der Name bekannt vor. Ich kann das nicht wirklich erklären, Rinoa. Bitte vertraue mir, ich bin morgen Mittag wieder da. Ok?", fragte er.
Am anderen Ende blieb es lange still, bis...
"Na gut. Aber melde dich, wenn es Schwierigkeiten geben sollte, gut?"
"Mache ich... Ich liebe dich."
"Ich liebe dich auch", sagte Rinoas Stimme, bevor der Kommunikator knackte und die Verbindung unterbrochen war.
Squall atmete tief ein. Die Schulglocke läutete.
Er fischte seine Jacke vom Rücksitz und stieg dann aus dem Mietauto aus und ging schnell in Richtung Schule. Seine Gunblade ließ er auf dem Rücksitz liegen.
Squall wanderte etwas ziellos durch die langen Schulkorridore. Überall kamen ihm kleinere und größere Kinder entgegen, die sich über das Ende der Schule freuten und nach Hause wollten. Squall hatte nie eine reguläre Schule besucht, weswegen ihm der Gedanke, nach Ende des Unterrichts nach Hause zu stürmen, sehr seltsam erschien.
Er wusste nicht so recht, nach wem er suchen sollte. Er wusste nicht, wer genau diese Emily Peterson war. War sie eine Schülerin oder eine Lehrerin?
Squall warf ein Blick aufs Schwarze Brett. Als hätte jemand diese Frage erwartet, stand dort "Frau Peterson ist die erste Stunde nicht da. Die Klasse 5c hat deswegen frei".
Eine Lehrerin also.
Squall suchte gerade das Lehrerzimmer, als...
"Warum hast du nie deine Hausaufgaben? Du weißt, wenn deine Noten nicht besser werden, bleiben dir deine ganzen Berufswünsche verwehrt, Phil", sagte eine warme Stimme.
"Tut mir Leid, Frau Peterson", murmelte der Junge namens Phil.
Squall sah sich hektisch um. Diese Stimme kam von oben. Er ging schnell die Treppe hinauf.
Phil entpuppte sich als Teenager um die 16, der hochrot vor einer blonden jungen Frau stand, die ihren Rücken zu Squall gedreht hatte.
"Naturwissenschaften sind nicht deine Stärke, ganz klar. Es war auch kein Vergnügen, deine Arbeit zu lesen. Schlechte Arbeiten machen mir immer viel Stress. Ich muss korrigieren und verbessern. Es liegt also in meinem Interesse, dass ihr gut seid, denn ansonsten geht mein Nachmittag flöten.
In deiner Verbesserung möchte ich einen komplett neuen Aufsatz sehen. Wenn du mit etwas nicht klarkommst, will ich das als Frage formuliert haben. Das ist der einzige Weg, Phil. Ansonsten stürzt du ab", sagte sie flott.
Der Junge nickte mit dem Kopf und marschierte dann an Squall vorbei die Treppe hinunter. Frau Peterson folgte ihm mit ihrem Blick, bis sie Squall erblickte.
Ihr Gesicht... er kannte ihr Gesicht. Sie hatte sich viel zu stark geschminkt. Die Creme glitzerte auf ihrer Stirn und verfloss mit dem üppig aufgetragenen Lippenstift, doch ihre Augen waren jung und stark. Unter diesen Tonnen von Make-up verbarg sich zweifellos ein schönes Gesicht. Doch woher kannte er sie? Er hätte schwören können, dass er...
Ihm fiel auf, dass sie grinste. Doch es war ein freudloses Grinsen.
"Squall...Leonhart. Hast du mich endlich aufgespürt. Ich habe Tage gewartet, dass du kommst, um mich fertig zu machen. Doch ich bin bereit, ich lasse mich nicht einfach umbringen", sagte Frau Peterson.
"Ähm, kennen wir uns? Ich...habe eine Notiz bekommen, ich weiß nicht, warum, aber..."
"Was soll die Scheiße?! Ich habe keine Lust auf diese Psychospielchen. Komm her, wenn du mich töten willst", zischte sie.
Sie hatte eine Hand hinter ihrem Rücken und schritt langsam auf Squall zu.
"Niemand will Sie töten, ich weiß ja gar nicht, wer Sie überhaupt sind", sagte Squall nervös.
"Lüg mich nicht an, du verdammter Bastard! Du hast meinen Vater verraten, dafür wirst du büßen!", schrie Peterson.
"Ich weiß nicht, wovon Sie reden. Schauen Sie, ich bin noch nicht einmal bewaffnet!", rief Squall und zog seine Jacke zurück.
Petersons Gesicht flackerte kurz an seinen Gürtel.
"Dann hast du eben eine andere Waffe! Und was soll dieses Gesieze?", meinte sie zornig.
"Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was...ich...", stotterte Squall.
Auf Frau Petersons Gesicht machte sich Verwirrung breit. Sie hatte angehalten und zog hinter ihrem Rücken ein Messer vor. Sie hielt es vor ihren Körper, wie zum Schutz. Squall blickte, absolut überfordert von einer wildfremden Frau bedroht zu werden, zu dem Messer. Dann entschied er sich, dass er die Atmosphäre entspannen musste.
"Ähm, Emily, richtig? Ich weiß nicht, Sie müssen mich mit jemandem verwechseln. Ich bin nicht hier, um irgendjemanden umzubringen. Ich kannte auch nicht ihren Vater. Ich..."
Squall bracht ab. Emily senkte langsam das Messer.
"Du kannst dich an nichts erinnern, oder?", flüsterte sie dann.
"An was erinnern?", fragte Squall.
Auf einmal steckte sie ihr Messer weg, rannte den Flur herunter und verschwand in der Lehrertoilette. Squall meinte, noch ein kurzes Keuchen und Würgen zu hören, bevor sich die Tür mit einem lauten Knall schloss und alles totenstill war.
Squall saß wieder im Auto. Was war das eben gewesen? Er versuchte sich immer noch zu erinnern, woher er diese Frau kannte...
Vielleicht sollte er einfach zurückfahren, sich von der Terra aufsammeln lassen und den Krieg gegen Hyne weiterführen. Immerhin mangelte es nicht an Problemen, die auf ihre Lösung warteten. Er musste den Philosophen beschützen, von Alphega die Wahrheit erfahren und schließlich sich auch noch mit Nikos Verrat beschäftigen. Die Liste seiner Probleme war lang. Doch irgendwie ließ ihn diese Frau nicht los...
Jemand klopfte an die Scheibe. Ein Mann im Anzug und mit Sonnenbrille stand da und bedeutete ihm, die Scheibe runterzulassen.
"Steh ich im Halteverbot?", fragte Squall genervt, als er die Scheibe heruntergelassen hatte.
"Nein. Leonhart, Squall? Wir fahren", sagte der Mann.
"Wohin?"
"Bitte machen Sie keine Schwierigkeiten. Sie haben eine offizielle Einladung von Senator Dr. Bail Organa."
Squall konnte sich an das Rathaus noch gut erinnern. Vor über einem Jahr war es hier zu einer fast tödlichen Konfrontation mit Hyne gekommen. Hier hatte Squall zum ersten Mal in seine wahnsinnigen Augen geblickt und seine Macht gespürt. Dass er damals überlebt hatte, grenzte fast an ein Wunder... oder an Hilfe aus einer anderen Dimension. Squall umschloss unwillkürlich seine neue Kette mit den beiden Ovalen.
Der Mann im Anzug führte Squall zu einem Büro, aus dem Musik heraus drang, die Squall merkwürdig bekannt vorkam. Der Beamte klopfte kurz an die Tür.
"Herein", sagte eine Stimme.
"Dr. Organa, Squall Leonhart", sagte der Beamte, als er die Tür geöffnet hatte.
"Ahja, vielen Dank. Lassen Sie ihn bitte herein", kam Organas Stimme aus dem Raum.
Der Beamte trat beiseite und ließ Squall eintreten, bevor er die Tür schloss und Squall mit Senator Organa alleine war.
Squall betrachtete kurz Organas großes Büro. Es war ein großer schöner alter Raum. An den Wänden hingen Gemälde und eine Büste von einem dolletschen König stand auf einem Sockel. Organa selbst stand neben einem Plattenspieler und lauschte aufmerksam der klassischen Musik.
"Ah, Squall. Wir haben uns noch nie persönlich kennengelernt. Ich bin Senator Bail Organa und repräsentiere Dollet im Cyclus Rat", sagte Organa.
"Ja, ich kenne Sie. Sie haben oft meinem Vater geholfen", sagte Squall, als sie sich die Hände schüttelten.
"Kennen Sie diese Musik?", fragte Organa.
"Es ist Wedow. Ich habe einmal diese Oper live gesehen... Ich werde das Ereignis nie vergessen... es war... aufregend", meinte Squall, als durch seinen Kopf Bilder von seiner ersten Begegnung mit Prokylta huschten.
"Merkwürdig, wenn man diese schönen Klänge hört, meint man doch, was für ein Idealist der Mensch hinter dieser Musik sein musste. Und dennoch war er so ein Monster. Viele Menschen starben durch ihn. Schon seltsam...", sagte Organa nachdenklich.
Er verharrte kurz und schaltete dann den Plattenspieler aus.
"Menschen sind selten das, was sie erscheinen, was uns gleich zum Thema bringt", sagte Organa. Er setzte sich hinter seinen Schreibtisch und bedeutete Squall auf einem gemütlichen Stuhl Platz zu nehmen.
"Sprechen Sie von den Replikanten?", fragte Squall.
"Ah, Sie haben davon gehört. Ja, Politik ist in letzter Zeit sehr viel schwieriger geworden. Aber nein, davon rede ich nicht. Ich rede davon, dass Sie versucht haben, mit Emily Peterson Kontakt aufzunehmen. Vielleicht kann ich Ihnen dabei helfen", meinte Organa.
"Sie kennen sie?", fragte Squall überrascht.
"Ihr Vater war Dr. Peterson, der Leiter des Deling Replacement Projects... und noch einigen anderen Sachen. Nach dem Fall von Per Manum ist er zur Sekte gewechselt. Dennoch haben ihn schnell Skrupel gepackt und er hat wichtige Schriftrollen aus den Sektenarchiven entwendet. Er wurde auf der Flucht erschossen", meinte Organa.
Squall erinnerte sich wieder. Er konnte sich gut an Peterson erinnern. Seine Schriftrollen waren es gewesen, durch die sie erste Hinweise auf die "Deus Ex Machina" erhalten hatten. Und dann war da noch dieses merkwürdige Portrait von ihm und Rinoa auf einem Jahrhunderte alten Pergament gewesen...
"Seine Tochter schien mich zu kennen", sagte Squall unsicher.
"Sie beide kennen sich aus einem sehr dunklen Kapitel in ihrem Leben. Ich habe Kontakte spielen lassen und das hier gefunden", sagte Organa und reichte Squall ein Foto und ein Videoband.
Squall betrachtete das Foto. Ihm wurde schnell einiges klar. Auf dem Foto waren neben ihm selbst der inzwischen verstorbene General Caris und die Mitglieder des Attentäter-Trios 'Triumvirat'. Er erkannte Emily, doch sie war nicht so stark geschminkt. Daneben stand ein älterer Herr, der lächelte. Dr. Peterson. Squall selbst stand lächelnd zwischen dem Triumvirat und Caris. Er hatte Sektenroben an und seine Augen waren stahlkalt. Caris hatte seine Hand kumpelhaft um seine Schulter gelegt.
"Das ist ein Foto aus meiner Zeit, als mich die Sekte unter Kontrolle hatte", flüsterte Squall.
"Auf dem Band ist noch etwas mehr drauf. Es ist jedoch ziemlich brutal und heftig, also bereiten Sie sich auf ein sehr düsteres Video vor. Jedoch fällt da auch der Begriff 'Erbe', anscheinend im Zusammenhang mit einer Entwicklung. Sagt Ihnen das etwas?", fragte Organa, der Squall mit seinen Augen fixiert hatte.
"Das Erbe darf nie gefunden werden. Bitte sorge dafür, Squall", flüsterte Peterson und drückte Squall den Koffer in die Hand.
Auf einmal schoss diese Szene durch seinen Kopf. Ihm brummte der Kopf.
"Darf ich das hier behalten? Ausleihen? Danke", sagte Squall, bevor er sich erhob und schnell den Raum verließ.
"Seltsam, was Menschen alles für Macht tun", hörte er, bevor er die Tür schloss.
Immer noch verwirrt schritt Squall schnell durch die Eingangshalle. Er wollte alleine sein... Was war das eben in Organas Büro?... War das eine Erinnerung an seine Zeit bei der Sekte? Auf einmal hörte er, wie jemand seinen Namen rief.
Er drehte sich um und sah Laguna grinsend auf ihn zu schreiten.
"Laguna! Was machst du denn hier?", fragte Squall nicht unangenehm überrascht.
"Hey, Squall, mein Sohn, alles klar? Ich bin hier, weil ich nach einer Villa suche. Ich habe ein sattes Schlussgehalt für meine Dienste für die Welt bekommen und beschlossen, mit Kiros und Ward wieder um die Welt zu reisen. Naja, und damit ich überall eine Heimat habe, kaufe ich mir in jedem Land eine Villa. So ist man überall zu Hause", sagte Laguna locker.
"Klingt gut", meinte Squall.
"Ja, ne? Trotzdem geht es ganz schön ins Geld. Vorhin hab ich meine Waffe verkauft", sagte Laguna entspannt.
"Du hast deine Waffe verkauft?"
"Ach, wer braucht schon das alte Schießeisen? Ich werde endlich meinen Lebenstraum erfüllen: Reporter werden und eine eigene Zeitung gründen. Ich will eine Zeitung machen, die für die ganze Welt da ist und die alle Menschen zusammenführt, nicht nur so ein schmieriges Regionalblatt.
Ursprünglich sollte sie 'Lagunas Welt' heißen, aber Kiros meint, das wäre zu... ähm, selbstherrlich. Du kannst ja mitmachen, wenn du Hyne erledigt hast", sagte Laguna grinsend.
"Reporter? Ich?", fragte Squall erstaunt.
"Warum nicht? Du hast viel erlebt und deinen Sprachstil kriegen wir auch noch auf Vordermann!", rief Laguna begeistert.
Squall lächelte schwach.
"Du siehst nicht so klasse aus. Ist irgendwas passiert?", fragte Laguna mit einer besorgten Miene.
"Mh... ich war gerade bei Senator Organa und er..."
Squall überlegte und sah in Lagunas große Augen. Dann entschloss er sich, mit offenen Karten zu spielen.
"Er gab mir das hier", sagte Squall und zeigte Laguna das Foto.
Laguna betrachtete es kurz und sah Squall in die Augen. Er wurde etwas nervös, wie sein Vater darauf reagieren würde... fast fühlte er sich wirklich zum ersten Mal wie ein Sohn, der seinem Vater eine schlechte Note überbringt.
"Sieht so aus, als wäre das Foto zu jener Zeit entstanden, wo dich Prokyltas Männer manipuliert haben. Diese Bastarde. Die schrecken auch vor gar nichts zurück", sagte Laguna schließlich.
"Trotzdem bin ich es, der dort steht", sagte Squall.
"Ich weiß, was du meinst... Mir blieb glücklicherweise so ein Schicksal erspart... aber das Beste, was du machen kannst, ist dich damit auseinanderzusetzen. Dies allein macht dich schon besser als die Menschen auf diesem Foto", sagte Laguna ernst.
Squall sah ihn unglücklich an.
"Egal, was du finden wirst, du bist und bleibst mein Sohn. Und deswegen weiß ich auch, dass du daran nicht zerbrechen wirst. Immerhin bist du ein kluger und intelligenter Junge... ganz wie dein Vater", meinte Laguna grinsend.
Squall konnte nicht anders und musste dieses eine Mal auch lachen.
"Squall, ich muss leider. In einer Stunde wartet die nächste Villa auf Besichtigung und ich will mich vorher frisch machen. Also, man sieht sich", sagte Laguna und klopfte Squall noch einmal kurz auf die Schulter, bevor er verschwand.
Squall sah ihm einen Moment hinterher und verließ dann ebenfalls das Rathaus.
Als Laguna seine luxuriöse Suite betrat, wusste er sofort, dass er nicht alleine war. Er hörte jemanden auf einem Klavier klimpern.
Laguna schloss die Tür und ging langsam ins Wohnzimmer. Durch die Fenster drang der Lärm von draußen rein.
"Ich bin's", rief eine Stimme.
Laguna betrat das Zimmer und sah, dass eine Frau mit einer Hand auf dem Klavier herumspielte, während sie mit der anderen einem Baby über das Gesicht streichelte.
Sie sah lächelnd zu Laguna auf.
"Ich kann seit dem Unfall nicht mehr so gut Klavier spielen. Die Hände sind zu rau geworden", sagte Prokylta.
Laguna sah Prokylta lange an und blickte dann mit einem sanfteren Blick zu seinem Enkel runter.
"Hey, Adryan, alles klar?", sagte er.
Prokylta nahm Adryan auf die Schulter.
"Er ist sehr still geworden. Ich fürchte, die Kälte des Hauptquartiers tut ihm nicht gut. Ein Baby gehört nicht in so einen Keller", sagte Prokylta.
"Ein Baby gehört zu seinen Eltern", sagte Laguna.
Prokylta warf ihm einen schnellen Blick zu und ging dann zu einem gemütlichen Sessel rüber und nahm Platz. Sie hatte ein schlichtes schwarzes Kleid an. Man könnte meinen, hier würde eine normale Frau mit einem Kind spielen und keine Mörderin von vielen tausend Menschen.
"Was machst du überhaupt hier?", fragte Laguna.
"Squall ist in Dollet. Er wird bald auf Petersons Erbe stoßen", sagte Prokylta.
"Ach natürlich. Ein Auftrag von deinem Meister", sagte Laguna bitter.
Prokylta warf ihm einen weiteren Blick zu, als sich Laguna ans Klavier setzte. Er klimperte ein bisschen herum.
"Warum tust du das nur?", fragte Laguna plötzlich, als er die Spannung in seinem Herzen nicht mehr ertragen konnte.
Prokylta sah auf Adryan herab und dann wieder zu Laguna.
"Ich habe selbst lange drüber nachgedacht. Als ich gestorben bin, habe ich all das gesehen, was war, was ist und was noch sein wird. Ich wusste von der Prophezeiung des SL, dem Paar, welches die Kraft hat, das Schicksal zu überwinden, niedergeschrieben von Baskarune, der weisen Frau, vor so vielen Jahren. Ich spürte, dass die Zeit reif für diese beiden Menschen war. Ich dachte lange, ich sei ein Teil dieses Paares, doch anscheinend traf dies erst auf eine Generation später zu. Rinoa und Squall bilden dieses Paar. Doch eigentlich sollte dies unser Schicksal sein, Laguna.
Wir sind füreinander bestimmt. Eines Tages, wenn Hyne tot ist und wir den Lauf der Dinge bestimmen können... dann werden wir endlich zusammen sein. Diese Welt mit ihren strengen Gesetzen hat mir alles weggenommen. Sie hat dich mir weggenommen und ich musste diesen furchtbaren Carway heiraten. Dann hatte ich eine schöne Tochter, doch auch sie wurde mir weggenommen... Ich werde alles tun, bis ich am Ziel bin und mir ein Reich der Träume erschaffen habe. Ich tue das für uns, Laguna. Für dich und mich. Dass wir endlich glücklich sind", schloss Prokylta.
Laguna sah sie lange an. Er hatte aufgehört zu klimpern.
"Für mich? Deswegen tötest du diese Welt? Hasst du deswegen Rinoa und Squall? Weil sie glücklich sind und etwas geschafft haben, was wir nicht erreicht haben?", sagte Laguna und deutete auf Adryan.
"Ich hasse meine Tochter doch nicht", entgegnete Prokylta schockiert.
"Und wieso nimmst du ihr ihren Sohn weg, meinen Enkel? Vielleicht hat dich dein Neid getötet. Dein Neid auf die Glücklichen", sagte Laguna.
"Eines Tages wird das alles aufhören. Mein Plan ist perfekt", meinte Prokylta eindringlich.
"Ja, nur bis auf einen kleinen Umstand. Ich liebe dich nicht mehr", sagte Laguna ruhig.
Prokylta sah ihn an.
"Lügner", sagte sie.
"Warum sollte ich lügen? Ich war schockiert, als ich gehört hatte, dass du geheiratet hast. Ich war traurig. Doch ich habe mich wieder verliebt, in Raine, meiner wahren großen Liebe, und ich habe einen Sohn, einen wunderbaren schönen Menschen. Tut mir Leid, aber das ist die Wahrheit", sagte Laguna fest.
Prokyltas Augen glitzerten. Sie schlug ihre Hand vor dem Mund. Dann fing sie auf einmal an zu weinen. Sie heulte ohne Hemmungen wie seit Jahren nicht mehr.
"Das...ist...nicht...fair. Das kann nicht sein. Wieso... ist... alles gegen mich?", presste sie unter Tränen hervor und fasste sich an ihr Herz, als würde es jeden Moment zerspringen.
"Warum gibst du Adryan nicht seinen Eltern zurück?", fragte Laguna.
"Er... ist doch wie mein Sohn. Ich liebe ihn wie mein eigenes Kind, er ist...", wimmerte Prokylta.
"ER IST ABER NICHT DEIN SOHN! ER GEHÖRT ZU SQUALL UND RINOA!", brüllte Laguna auf einmal.
Prokylta Tränen versiegten. Ihre Augen waren gerötet, doch dahinter funkelte auf einmal etwas Entschlossenes.
"Er ist der einzige, der mich noch liebt!", flüsterte sie fest.
"Und woher weißt du das? Hat er es dir gesagt?", fragte Laguna.
Prokylta blieb stumm. Abwesend streichelte sie das kleine Baby in ihrem Arm.
"Wieso hast du dich bloß... mit diesem Monster... diesem Hyne zusammengetan?", fragte Laguna kopfschüttelnd.
"Ich konnte doch nicht so einfach von dieser Welt scheiden! Du weiß nicht, wie das ist. Ich bewege mich in einem Körper, der verfault. Er ist innen hohl. Nur von außen sehe ich schön aus, aber von innen... da verrotte ich. Mir ist kalt, ich fühle keinen Wind, ich fühle mein Herz nicht. Wenn ich etwas esse, dann zerfällt es in meinem Mund. Ich schmecke nichts, ich fühle nichts. Das einzige, was mich am Leben erhält, ist meine Liebe zu der Welt und zu ihm.
Er bestimmt über mein Leben. Er hat es mir gegeben, er hat mir eine zweite Chance gegeben. Doch ich bin von ihm abhängig... doch nicht mehr lange! Da werde ich wieder vollkommen sein... ein ganzer Mensch! Und ich werde ein Reich der Träume erschaffen, wo alle glücklich sind", sagte Prokylta.
Laguna sah Prokylta mit einer unendlichen Trauer an. Er hatte noch nie ein so bemitleidenswertes schwaches Wesen gesehen.
"Die Stunden, in denen ich für dich am Klavier saß, das waren die hellsten Stunden meines Lebens. Für wenige Minuten konnte ich diese Welt aus Blut und Verderben verlassen und unter normalen Menschen als normale Frau leben. Ich war ein Mädchen, das von der großen Welt und einer Karriere als Musikerin träumte. Doch welche Chancen hätte ich in diesem Staat gehabt? Dann bot man mir diese wunderbare Chance an. Ich habe mich jeden Tag gehasst. Doch wie hätte ich sonst je Musik machen können", fragte Prokylta.
"Aber von der Musik ist nichts geblieben. Gib das Kind an seine Eltern zurück. Du weißt, was mit ihm passiert, wenn er bei dir bleibt. Hyne wird ihn dir nicht mehr lange lassen, sondern ihm bald heftige Schmerzen zufügen und ihn zu seinem Zwecke heranziehen. Wenn du ihn wirklich liebst... gib ihn zurück", sagte Laguna still.
Prokylta saß nur da und wippte Adryan mechanisch. Er gab keinen Laut von sich.
"Ich mache jetzt einen Spaziergang. Wenn ich wiederkomme, bist du bitte weg. Ich hoffe, ich sehe Adryan bald in den Armen seines Vaters wieder", sagte Laguna, bevor er das Zimmer verließ ohne sich noch einmal umzudrehen.
Squall saß regungslos in dem Hotelzimmer, in das er sich eingecheckt hatte und sah sich nun bereits zum hundertsten Mal das Videoband an. Seine Augen waren starr und gerötet. Er hatte eine halbe Stunde geweint, doch nun war sein Vorrat an Tränen wohl erschöpft. In einem Sessel zusammengesunken spulte er immer wieder zurück und schaute sich mechanisch die Ereignisse auf dem Band immer wieder an.
Es sah sich immer wieder an, wie eine Gruppe von normalen Wissenschaftlern quatschte. Er sah sich immer wieder an, wie Emily dazukam und ihren Kollegen einen Kaffee brachte. Und er sah sich immer wieder an, wie jemand plötzlich den Raum betrat, sein Schwert zog und alle Menschen brutal niedermetzelte. Er sah immer wieder in sein eigenes blutüberströmtes Gesicht, er sah, wie er gnadenlos die schreienden Wissenschaftler abmetzelte, wie er übersah, dass sich Emily unter einem Tisch verkrochen hatte und wie er plötzlich aus dem Bildschirmausschnitt verschwand, weil ihn anscheinend etwas abgelenkt hatte.
Das Band war zu Ende. Squall tanzten rote Flecken vor seinen Augen, der Kopf dröhnte und dennoch spulte er ein weiteres Mal zurück, um alles noch einmal anzusehen.
Was erhoffte er sich? Dass es irgendwann anders sein würde? Das niemand hereinkam und das alle fröhlich weiter quatschten?
Er konnte sich an nichts von dem erinnern... oder wollte er nicht? Manchmal erschien es ihm, als würden schlagartig Bilder vor seinem inneren Auge auftauchen, als würde er den Geruch des Kaffees riechen, die Schreie hören und das Blut schmecken.
An einer Stelle im Band schrie Emily "Du hast das Erbe meines Vaters verraten!"
Was meinte sie damit?
Ein Klopfen an der Tür ließ ihn zusammenzucken. Beschwerten sich Gäste aus dem Nebenzimmer, dass die Realität zu laut war?
Er stoppte das Video und schaltete den Fernseher aus, ging zur Tür und öffnete sie.
Das Erste, was er wahrnahm, war der Geruch von Alkohol. Vor ihm stand in einer feuchten Regenkutte Emily (draußen schüttete es wohl). Sie wankte leicht und Squall erkannte sofort, dass sie viel zuviel getrunken hatte. In ihrer Hand hielt sie ein Messer.
"Jetzt...isch...Schlusch! Du wirscht bezahlen!", lallte sie und taumelte auf Squall zu.
Dabei stolperte sie über ihre eigenen Füße und ließ das Messer fallen.
"Scheiße", grummelte sie.
"Sie sind betrunken", stellte Squall monoton fest.
"Duz mich gefälligst!", schrie Emily.
"Du bist betrunken", stellte Squall erneut monoton fest, konnte sich jedoch ein Lächeln nicht verkneifen.
"Ja... doch trotzdem werde ich dich umbringen", krächzte Emily und raffte sich auf.
Gerade als sie wieder stand, fiel sie wieder hin. Squall konnte das nicht mit ansehen und half ihr auf die Beine. Emily griff reflexartig nach seinen Händen und befühlte seine Handflächen.
"Das sind sie also... die Hände, die mein Leben zerstörten..."
Sie brach zusammen und sank auf Squalls Schulter. Eine Sekunde später hörte er ein lautes Schnarchen. Emily war eingeschlafen.
Zuerst hatte er etwas Probleme, der schlafenden Frau den Mantel auszuziehen. Nach etwas Mühe jedoch lag sie friedlich auf Squalls Hotelbett und schlummerte. Er zog seinen Sessel von dem verdammten Fernseher weg und setzte sich neben sie.
Der Regen hatte ihre Schminke verwaschen und sie wirkte, als käme sie gerade von einer Party. Squall nahm ein kleines Tuch aus dem Badezimmer und wischte ihr sorgfältig die Schminke ab.
Die Frau, die darunter zum Vorschein kam, war erstaunlich jung. Sie konnte nicht älter als 22 sein und hatte ein sehr schönes Gesicht. Sie hatte normalerweise eher rauhe Gesichtszüge, doch jetzt waren alle entspannt und weich. Ihr Brustkorb hob und senkte sich gleichmäßig.
Squall beobachtete sie eine Weile. Jetzt wusste er, wieso sie ihn so hasste. Er hätte selbst wohl genauso reagiert. Er hatte ihr Leben zerstört... und dennoch... sie war Petersons Tochter. War sie nicht für seine Manipulation verantwortlich gewesen?
Mit diesen Gedanken schloss er seine Augen...
Fünf Minuten später öffneten sich Emilys Augen mit einem Schlag. Ihr Gesicht verhärtete sich. Sie schlüpfte mühelos aus dem Bett und stand kerzengerade. Sie blickte verächtlich auf Squall herab und ging rüber zu ihrem Messer.
Für einen Moment stand sie über Squall.
"Du Arsch, du darfst sogar im Schlaf sterben, nachdem du dich an meinen Titten satt gesehen hast. Das ist mehr als du verdienst. Für meinen Vater!", flüsterte sie und hob ihr Messer.
Sie legte ihr Messer an Squalls Hals an. Er atmete ruhig, sein Gesicht war friedlich. Plötzlich schnellte seine Hand nach oben und griff sie am Handgelenk. Er öffnete die Augen und grinste grimmig.
"Du Arsch schläfst ja gar nicht!", fauchte Emily.
"Du auch nicht. Ich wusste gar nicht, dass man so schnell seinen Suff abschütteln kann! Und du benutzt ganz schön schmutzige Wörter, wenn man nicht hinsieht", gab Squall zynisch zurück.
Emily riss sich von Squalls Hand los und machte ein paar Schritte zurück und packte das Messer an der Klinge.
"Es sieht so aus, als würde mein Messerwurftraining doch noch für etwas gut sein!", sagte Emily.
Die Tür flog auf. Jemand betrat den Raum und hob die Hand. Es war der Philosoph!
Emily schrie auf. Das Messer hatte sich rötlich gefärbt... es glühte!
Sie ließ das Messer fallen. Es zerfloss regelrecht auf dem Boden und verdampfte.
"Waffen sind etwas widerliches", sagte der Philosoph locker.
Emily blickte zu dem Philosophen rüber. Ihr Gesicht flackerte für einen Moment. Dann auf einmal brach sie regelrecht zusammen, als hätte sie ihre ganze Energie verbraucht.
"Nein, das kann nicht sein! Ich habe solange auf diesen Moment gewartet. Ich habe zum Schöpfer gebetet, er möge meinen Wunsch erhören!", kreischte Emily.
"Den solltest du lieber nicht anbeten. Er mag das nicht", meinte der Philosoph und zwinkerte Squall zu.
Dann machte er eine schnelle Handbewegung und Emily wurde durch den Raum geschleudert und landete direkt auf einem Holzstuhl. Durch eine weitere Handbewegung erschienen wie aus dem Nichts ein festes Seil, das sie an den Stuhl fesselte.
Squall beobachtete den Vorgang etwas verwirrt. Die neuesten Wendungen hatte er noch nicht ganz verdaut. Gerade eben noch hatte er geglaubt zu sterben und nun stand auf einmal der Philosoph im Raum.
"Was machst du hier?", fragte Squall ungläubig.
"Nun, nachdem die komplette Besatzung der Terra denkt, ich sei der Feind und du bisher noch keine Gelegenheit hattest, sie vom Gegenteil zu überzeugen, wollte ich der Mannschaft nicht länger zur Last fallen. Also bin ich dir nachgereist. Und gerade rechtzeitig", gab der Philosoph zurück. Irgendwie war er entspannter als sonst, dachte sich Squall.
"Wie ich sehe, hast du Emily getroffen", sagte der Philosoph und blickte zu ihr rüber.
Ihr kurzer Ausbruch war vorbei, ihre Augen waren hart und kalt.
Squall trat einen Schritt vor. Er versuchte angestrengt seine Gefühle und Gedanken in Worte zu fassen, doch es fiel ihm erstaunlich schwer.
"Emily... ich habe mir ein Videoband angesehen... und ich denke, ich kann verstehen... warum du das tun wolltest..."
"Ach ja, das ist ja schön!", fauchte sie.
Squall sah sie an.
"Du kannst das nicht wieder gut machen! Scheißkerl!"
"Und wer hat mich ursprünglich zu so einem Monster gemacht?", fragte Squall wütend.
"Wir haben nur bestimmte Regionen deines Gehirns unterdrückt. Nichts weiter. Wir haben lediglich das verwendet, was wir vorgefunden haben. Wir haben eine bestimmte Region in deinem Gehirn unterdrückt und dies mit deinen Beinen gekoppelt. Keine Ahnung, wie du das abschütteln konntest, oder warum du überhaupt laufen kannst. Du müsstest im Rollstuhl sitzen", sagte Emily.
"Ok, ich will nur sagen, dass ich mich an nichts erinnern kann. Ich weiß nichts über dich, deinem Vater oder dieses 'Erbe'. Ich weiß nur, dass ich meinen Sohn haben und mit meiner Familie in Ruhe leben will", sagte Squall ruhiger.
Emily sah ihn skeptisch an.
"Die Erinnerungen müssten noch in dir drin sein. Vielleicht wurden sie durch den Schock, den du nach deinem Erwachen hattest, verdrängt", sagte sie kühl.
"Ok, fangen wir doch einfach mal von vorne an. Peterson wurde von der Sekte ermordet, obwohl er mit ihnen gearbeitet hat. Wieso?", fragte Squall.
Emily sah ihn an und lächelte freudlos.
"Dass du alles vergessen hast! Verfluchter Arsch, das macht dich so verdammt unschuldig."
"Dann sag's mir, vielleicht kann ich mich dann erinnern!"
"Ein sorgfältiges Argument", bestätigte der Philosoph.
Als ihn Emily und Squall beide darauf ansahen, blickte er schnell zu Boden.
"Mein Vater war Teil einer Gruppe von Studenten. Damals in Deling City, da hieß der Ort noch Leprigal, gab es einen Club. Dort trafen sich Studenten aus aller Welt und diskutierten. Das war die Zeit, als Adell Esthar übernahm. Mein Vater Gregor Peterson, der einer der besten Studenten seines Jahrgangs war, führte diesen Club zusammen mit einem Wirtschafts- und Politikstudenten namens Ewain Pollendina an", erklärte sie.
"Pollendina?", fragte Squall erstaunt.
Er hatte nicht erwartete, mit diesem Namen irgendwie nochmal konfrontiert zu werden.
"Die Studenten diskutierten die Welt und entwickelten bald eigene Ansichten. Sie waren der Meinung, die Menschen würden durch ihre Vielzahl sich irgendwann zu sehr von ihren Ursprüngen entfernen und ihren eigenen Untergang herbeiführen. Deswegen sollte eine intellektuelle Elite das Leben sorgfältig regeln, um die Menschen gemächlich in ihre Zukunft zu führen, also künstliche Evolution zu betreiben. Sie gaben sich deswegen den Namen 'Per Manum', 'durch die Hand'. Mein Vater hielt das für ein interessantes Gedankenmodell, nicht mehr. Pollendina jedoch reiste nach Esthar und diskutierte mit Adell. Sie gingen einen Pakt ein und besiegelten ihre Zusammenarbeit. Pollendina kam mit jeder Menge Geld zurück und versprach meinem Vater ideale Forschungsbedingungen. Sie kauften Mitarbeiter ein. Bald wurde aus diesem Intellektuellenclub die bekannte Verschwörung 'Per Manum'. Bereits zu Studentenzeiten nannten sich mein Vater und Pollendina gerne 'Chef' und 'Boss'. Der machtgierige Pollendina machte aus einem Jugendscherz ein Amt. Mein Vater konnte endlich forschen, wie er schon immer forschen wollte und rief diverse Projekte ins Leben", sagte Emily.
"Ihr Vater war also der Gründer von 'Per Manum', der wohl bösartigsten Gruppe aller Zeiten, dessen Herrschaft mehr Menschenleben gekostet hat, als alles andere davor", fasste Squall angeekelt zusammen.
"Mein Vater war kein schlechter Mensch. Er war liebevoll... und er hat Menschen vor dem Tod bewahrt. Er hat Flüchtlingen Asyl gewährt und mit seinem Geld Leute aus dem Militär gekauft. Er hat den Opfern der Verschwörung geholfen", sagte Emily eindringlich.
"Der Verschwörung, die er erbaut hatte", entgegnete Squall kühl.
"Nach dem Zusammenbruch von 'Per Manum' gingen wir zur Sekte. Wir wurden einfach transferiert. Selbes Labor, andere Bosse. Mein Vater sah, dass nichts mehr so wie früher war. 'Per Manum' hatte sich zu einem riesigen Komplex verwandelt, der nichts mehr mit seinem idealistischen Weltbild aus seiner Jugendzeit zu tun hatte.
Er forschte im Auftrag der Sekte nach etwas, womit man Menschen manipulieren konnte. Dann brachten sie dich rein, Squall. Du wurdest der erste Mensch, bei dem alles funktioniert hatte. Mein Vater vertraute dir, du warst ein guter Freund.
Doch der Rat der Zwölf, der aus den übriggebliebenen Studenten des 'Per Manum'-Clubs bestand, wusste, dass mein Vater ihnen heimlich abgeschworen hatte. Sie programmierten dir einen geheimen Befehl ein, uns auszuspionieren.
Mein Vater führte hauptsächlich die Forschungen für die Sekte durch, um im Geheimen seine letzte private Forschung fertigzustellen. Er nannte es sein 'Erbe'. Er arbeitete nächtelang ganz alleine daran.
Eines Abends rief er uns zu sich. Er meinte, die Forschung sei fertig, aber wir müssten das 'Erbe' verstecken. Mir gab er eine Codekarte, doch du solltest das Erbe alleine irgendwo deponieren. Der genaue Aufenthaltsort des Erbes weißt bis heute nur du.
Kurz nach diesem Treffen hast du deinen Befehl ausgeführt. Kurz danach kamen Leute der Sekte an und wollten meinen Vater ermorden. Sie verlangten nach dem Erbe und ich wusste, dass du uns verraten hattest. Mein Vater war glücklicherweise nicht anwesend und konnte so fliehen.
Kurz danach stürmtest du in unser Labor. Ich habe mich unter einem Tisch versteckt. Dann kamen auf einmal drei Leute herein gerannt, zwei Frauen und ein Mann. Du hast eine schwer verletzt, eine andere hat dich irgendwie bewusstlos gemacht. Die Leute nahmen dich mit. Ich konnte so überleben und fliehen. Mit Hilfe eines alten Freundes konnte ich mir eine neue Identität aufbauen. Doch ich habe gebetet, dass ich dich treffen würde... den Mörder meines Vaters", schloss Emily.
Ihr schönes Gesicht war verzerrt von Hass. Ihre Augen waren gerötet und hart.
Squall sah fest zurück.
"Kannst du dich an das 'Erbe' erinnern?", fragte der Philosoph Squall.
Er schüttelte den Kopf.
"Nein... nicht wirklich."
Es war ruhig im Raum. Emily atmete tief ein. Ihr Blick war leer, als würde sie angestrengt an etwas denken. Squall beobachtete diese Frau eine Weile und fragte sich, inwieweit sie eine Wahl gehabt hatte. Wurde sie nicht, wie er selbst, manipuliert?
Jemand klopfte an der Tür. Squall hörte, wie sich ein paar Schritte schnell entfernten.
"Hat dich jemand verfolgt?", fragte Squall den Philosophen.
Er schüttelte den Kopf.
Squall ging langsam zur Tür. Er öffnete sie.
Niemand stand da. Squall wollte gerade auf den Flur schauen, als sein Bein etwas berührte, das am Boden lag...
Es war ein Korb. Darin lag etwas eingewickelt in Tüchern... ein Baby.
Squall wusste, wer dieses Baby war. Er hatte diesen kleinen Jungen vorher noch nie wirklich gesehen und dennoch wusste er ganz genau, wer dieses Kind war. Ohne wirklich zu wissen was er tat, nahm er den kleinen Korb ins Zimmer. Wie im Traum, ohne nachzudenken, nahm er das fest eingewickelte schlummernde Baby in den Arm und drückte es an sich.
"Adryan...", flüsterte Squall.
Bevor er sich irgendwie anders kontrollieren konnte, spürte er die Tränen über sein Gesicht laufen.
Squall drückte das Baby mehrere Minuten, bevor er es etwas weg hielt, um sich seinen Sohn näher anzusehen.
Er war wunderschön. Es kümmerte ihn nicht, wie andere Leute seinen Sohn finden würden, ob er irgendwelche Schönheitsideale erfüllte, für ihn war er schön.
Auf einmal wachte Adryan mit einem Gähnen auf. Er sah sich verdattert um und fing prompt an zu schreien.
"Oh je", meinte der Philosoph nervös.
Squall sah sich etwas hektisch um und begann dann, wie automatisch, das Baby leicht und her zu schütteln. Adryan beruhigte sich etwas, doch dann fiel Squall etwas anderes auf. Ein beißender Geruch kam in seine Nase.
"Ich glaube, die Windeln müssten gewechselt werden", sagte der Philosoph hochrot.
"Äh, wir haben keine", antwortete Squall schnell.
"Im Korb liegen welche", sagte Emily, die immer noch angekettet war und Squall mit einem merkwürdigen Ausdruck ansah.
Squall schnappte sich eine und las verwirrt die Bedienungsanleitung durch. Er fummelte etwas an dem Verschluss herum.
"Herrje, was bist du denn für ein Anfänger. Töten kannste gut, aber Windeln wechseln nicht, hm? Du musst den Verschluss da benutzen", meinte Emily.
Nach zehn Minuten hatte er die alte Windel ab und die neue dran.
"Hier entsorg die mal!", sagte Squall und drückte dem Philosophen die alte in die Hand.
Er sah Squall starr an.
"Was ist? Du wolltest doch die Menschen kennenlernen, nicht wahr? Hier, das sind die weniger sonnigen Seiten von uns", sagte Squall und nahm Adryan auf den Arm, der wieder friedlich schlummerte.
Der Philosoph ging, die Windel weit von sich gestreckt, ins Badezimmer. Squall wiegte Adryan sanft im Arm. Er hätte nie gedacht, dass er je so etwas fühlen würde. Er grinste stolz die einzige Person an, die sich noch im Raum befand: Emily. Squall meinte, dass sie ihn mit etwas weicher ansah. Ihre Augen waren nicht mehr so hasserfüllt, sie waren beinahe neugierig.
Dann fiel es ihm wieder ein: Per Manum, Peterson, das Erbe...
Squall betrachtete Emily für einen kurzen Moment und löste dann etwas ungeschickt mit einer Hand das Seil, das sie festband.
Sie sah ihn merkwürdig an und stand dann auf.
"Vielleicht sollten sich hier unsere Wege einfach trennen. Ich muss zurück, der Junge hier muss zu seiner Mutter", sagte Squall einfach.
Der Philosoph kehrte aus dem Bad zurück. Merkwürdigerweise schien er zu lächeln.
Plötzlich sprudelte es aus Emily hervor:
"'Das Erbe' ist eine Waffe. Eine furchtbare Waffe. Sie erlaubt es, Menschen gezielt anzuvisieren und zu töten, eine Art programmierter Retrovirus. Die Sekte könnte somit gezielt alle auslöschen, die sich ihnen nicht anschließen würden. Ihren eigenen Mitgliedern würde ein Gegenmittel injiziert werden, der Rest der Welt würde krepieren. Es war das Mittel für das 'Armageddon', die letzte Phase im Plan der Sekte, die Ungläubige von Gläubigen trennen soll. Laut ihrem Credo lässt Hyne ein paar wenige Menschen leben, die er in eine neue Welt führen will, wo sie dann als Teil von ihm göttliche Macht haben!"
"Etwas verrückt oder?", meinte Squall mit hochgezogenen Augenbrauen.
"Ja. Sie denken, Hyne gibt es WIRKLICH! Sie nehmen das Märchen ernst. Als würde Hyne auf der Erde herum rennen!", sagte Emily kopfschüttelnd.
"Absolut lachhaft", kommentierte der Philosoph.
"Ja, aber die Hauptsache ist doch, dass der Virus versteckt ist. Niemand kann es aufspüren", sagte Squall, Adryan wiegend.
"Und was ist, wenn jemand ihn findet? Die Sekte kann mich jeden Tag aufspüren und die Codekarte an sich nehmen. Und sie haben nützliche Spione um dich herum plaziert. Irgendjemand muss bloß in der Nähe sein, wenn du dich gerade erinnerst und sie haben beide benötigten Teile. Willst du, dass dein Sohn qualvoll verreckt?", meinte Emily kühl.
"Das Problem ist bloß, dass ich nicht mehr weiß, wo sich das Zeug befindet!", entgegnete Squall.
"Dann erinnere dich", sagte der Philosoph plötzlich.
Squall sah von einem zum anderen und schaute dann Adryan an, der tief schlummerte.
Dann sah er zu Emily.
"Okay", sagte Squall schließlich.
"Gut. Ich würde sagen, wir gehen erst in meine Wohnung und holen die Codekarte. Du durchstöberst derweil dein Erinnerungsvermögen, Squall", sagte Emily und war bereits dabei, den Raum zu verlassen.
Squall sah zu Adryan und dann zum Philosophen.
"Ich lasse ihn bei dir", sagte er schließlich.
"Bei mir? Squall...ich..."
"Ich weiß, was du bist, Philosoph. Doch du warst auch unser Freund. Ich weiß nicht, Hyne hat mich zwar oft getäuscht... aber... wirf ein Auge auf meinen Sohn, okay? Ich... vertraue dir", sagte Squall leicht unsicher und legte Adryan schweren Herzens zurück in den Korb und gab ihm den Philosophen.
"Danke", antwortete er.
Squall nickte und verließ dann schnell das Zimmer.
Emily wohnte in einem netten Apartment. Es war klein, aber sehr gemütlich eingerichtet.
Überall lagen Sachen von ihr herum und in einer Ecke war ein Turm von Klassenarbeiten.
"Zumindest muss ich die nicht mehr korrigieren", sagte sie.
"Wieso?"
"Nach dieser Aktion kann ich dieses Leben aufgeben."
Emily öffnete eine Schranktür und schob die Kleiderbügel beiseite. Sie fummelte etwas an der Schrankwand herum. Auf einmal glitt auch diese beiseite und gab eine kleine Kammer frei. In ihr hingen eine bernsteinfarbene Robe und eine Maske.
"Irgendwie kann ich mich nicht davon trennen. Es ist wie ein Erinnerungsstück", seufzte Emily und zog eine kleine Codekarte aus der Robe heraus und steckte sie ein.
Sie und Squall sahen sich kurz an. Dann erzählte Emily auf einmal:
"Die Sektenmenschen sind wirklich in Ordnung. Zumindest dachte man das. Sie saßen rum und plauderten und tranken Kaffee und aßen Kuchen. Genau wie bei 'Per Manum'. Es waren die besten Kumpels, die man sich wünschen konnte. Doch... als mein Vater ermordet wurde und ich fliehen musste, da...
Mein Vater hatte eine jüngere Freundin, die schwanger war. Sie haben sie besucht, weil sie seinen Aufenthaltsort herausfinden wollten. Sie wusste es nicht... sie haben sie erstochen... aber sie war nicht tot. Sie haben ihr den Bauch aufgeschlitzt... und ihr Baby..."
Emily brach ab. Sie schien sich zu zwingen, nicht los zu heulen.
"Es war immer alles okay. Ich machte meine Arbeit, mein Vater liebte mich, ich lernte viel... und dann war alles weg. Aber egal, das ist Vergangenheit", sagte sie plötzlich harsch.
Squall nickte und setzte sich dann auf einen Stuhl.
"Ich weiß, was du meinst. Bei mir war es genauso... Ich lebte mit meiner Frau normal... und eines Tages war sie weg", sagte er.
"Keine glückliche Ehe?", fragte Emily mit hochgezogenen Augenbrauen.
"Wir sind nicht offiziell verheiratet. Nein, ich denke, Rinoa..."
"Rinoa? Das klingt wie ein Weichspüler", kicherte Emily.
"Nun... manchmal denke ich, es ist alles in Ordnung... aber dann... dann sind wir wieder so weit auseinander. Es ist seltsam. Zuerst dachte ich, wir hätten keine Zeit gehabt, miteinander zu sprechen, doch selbst wenn wir Zeit haben, scheinen wir immer aneinander vorbeigeredet zu haben", sagte Squall.
Emily setzte sich auf einen anderen Stuhl.
"Als ich dich das erste Mal gesehen habe, hast du geschlafen. Du sahst friedlich und sanft aus. Doch nach der OP, da war... du gingst herum, du warst freundlich, hast gelacht, doch deine Augen waren tot. Als wäre deine Seele nicht in deinem Körper... Mein Gott, wenn mich mein Vater hören würde. Das wäre für ein 'Ausdruck, unwürdig eines Wissenschaftlers'", lachte Emily.
Squall musste grinsen.
"Es tut mir Leid, Squall. Ich glaube fast, wir haben nur die Quittung für unsere Taten bekommen. Du bist ein ehrlicher Mensch. Hätten wir uns doch früher..."
Emily brach ab. Ihr Kopf war ganz nah, ihr Gesicht weich. Sie kam näher und näher. Squall sah seine eigenen Augen in ihren. Dann berührten sich ihre Lippen auf einmal.
Es war wie ein Elektrostoß. Es war wie sein erster Kuss mit Rinoa... Es war...
"Emily, Squall, ich will, dass es nie gefunden wird. Das wäre das Ende der Menschheit", sagte Peterson und hielt eine längliche silberne Röhre hoch und verstaute sie in einem Koffer. Der Koffer schnappte zu. Peterson gab Emily eine Karte.
"Nur mit deiner Karte wird sich dieser Koffer öffnen lassen. Er ist aus Volunt, nicht mal die stärksten Waffen können den Koffer durchdringen", sagte er zu Emily.
Emily nickte. Peterson zögerte kurz...
"Emily, könntest du bitte nach draußen gehen? Bitte", sagte Peterson.
"Vertraust du mir etwa nicht?", fragte Emily schockiert.
"Nur eine Sicherheitsmaßnahme... bitte", sagte Peterson.
Emily sah ihren Vater ungläubig an. Dann blickte sie zu Squall. Er sah sie ausdruckslos an. Sie schien irgendwas zu ihm sagen zu wollen, doch dann verließ sie den Raum und knallte wütend die Tür zu.
"Sie wird es irgendwann verstehen", seufzte Peterson.
"Ja", entgegnete Squall.
"Das Erbe darf nie gefunden werden. Bitte sorge dafür, Squall", flüsterte Peterson und
drückte Squall den Koffer in die Hand.
"Das werde ich", sagte Squall.
"In der Bank von Dollet gibt es das Schließfach 365. Verstaue ihn dort. Benutze ein Passwort, das nur du kennst. Wenn der Inhalt je der Welt zugänglich wird, dann wird es ein Massaker geben, wie es noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit gegeben hat", sagte Peterson.
Seine Augen waren alt und voller Sorge.
"Manchmal frage ich mich, wo meine Träume geblieben sind. Nun ja, wenigstens wird Emily glücklich werden. Ich habe es satt, Squall. Alle meine Erfindungen wurden benutzt, um den Menschen zu schaden. Natürlich wusste ich, was es bewirkt, doch ich habe es nie verhindert. Meine Gier nach Wissen war größer. Mein Leben ist voller Fehler. Nur sie ist keiner. Emily soll unabhängig aufwachsen.
Squall, das 'Erbe' kann ganz einfach vernichtet werden. Salzwasser macht die Essenz unbrauchbar. Dennoch... die Sekte könnte mich zwingen, mehr herzustellen. Besser, sie wissen nichts von dieser Erfindung. Außerdem... ich kann mich einfach nicht davon trennen... lieber es ruht ...ja. Vielleicht...vielleicht kann diese Essenz den Menschen einmal helfen. Vielleicht vernichtet das Virus eine Krankheit, die noch auf uns zukommt.
Oder rede ich mir das nur ein? Vielleicht sollte es einfach vernichtet werden..."
"Ich werde es versiegeln und niemand wird je davon erfahren", sagte Squall.
"Squall... Sie waren mir immer ein treuer Verbündeter. Eines Tages werden Sie mich hassen. Verzeihen Sie mir..."
"Sie können jetzt das Passwort eingeben", meinte der Bankangestellte.
Squall tippte die Buchstaben A-D-R-Y-A-N ein.
"Danke, besuchen Sie uns bald wieder", sagte der Angestellte.
Squall ging auf die Strasse vor der Bank, zog seinen Kommunikator heraus und sprach hinein:
"Ich bin's. Informieren Sie General Caris. Es geht um einen Verräter!"
Squall zuckte zurück. Emily sah schockiert auf den Boden.
"Tut mir Leid, ich hätte..."
"Ich weiß, wo das Erbe ist!", sagte Squall aufgeregt.
Schnell glätteten sich Emilys emotionale Gesichtszüge. Sie nickte kurz.
Die Bank war im Zentrum von Dollet.
Durch eine große Drehtür betraten sie eine riesige Halle aus Marmor. Die Bank von Dollet galt als die größte und sicherste der Welt. Es war angenehm kühl hier drin. In den Fliesen konnte man sein Spiegelbild sehen, so blank poliert waren sie.
Squall und Emily gingen auf einen Tresen zu. Ein junger Mann sah sie erwartungsvoll an, als würde er nichts lieber tun, als sie zu bedienen. Squall fiel auf, dass es der gleiche Angestellte war.
Nach einer kurzen Erklärung, führte sie der Mann hinter den Tresen in einen gewaltigen Raum voller Schließfächer. Dieser Raum wirkte wie das komplette Gegenteil zur wunderschönen Eingangshalle. Er war kahl, steril und weiß, auf dem Boden lag ein grauer Teppich.
"Kam irgendjemand vorbei und wollte an den Inhalt?", fragte Squall.
"Nein, keine einzige Seele. So, hier wären wir", sagte der Angestellte und blieb vor dem Schließfach 365 stehen.
"Falls Sie mich brauchen, ich bin vorne", lächelte der Angestellte und ließ sie alleine.
"Wer hätte gedacht, dass das Erbe in einem solchen gewöhnlichen Ort liegt", flüsterte Emily.
"Ja, andere deponieren hier Geld oder Verträge", sagte Squall, sah zu den anderen Schließfächern und fragte sich unwillkürlich, was in ihnen noch so drin sei.
Squall stand vor der Tastatur des Schließfaches und gab zügig A-D-R-Y-A-N ein. Ging es ihm gut? Hoffentlich war es kein Fehler gewesen, ihn dem Philosophen zu überlassen.
Das Schließfach ging auf.
Der Koffer lag exakt da, wie Squall ihn zurückgelassen hatte. Er holte ihn raus. Er war nicht besonders schwer. Emily zog ihre Codekarte durch den Verschluss. Der Koffer öffnete sich.
Innen drin war der längliche silberne Behälter... Das Erbe.
"Wir müssen den Inhalt im Meer ausschütten. Dann wird das Virus vernichtet werden", sagte Squall.
Schnell schlossen die beiden Schließfach 365 und verließen dann den Raum.
Sofort merkte Squall, dass etwas nicht stimmte. Der Geruch war anders. Es war ruhig. Knapp über dem Boden waberte ein merkwürdiger blauer Dunst.
Als sie die Haupthalle der Bank betraten, betrachtete Squall ein furchtbares Bild. Überall lagen Leichen herum. Der ehemals so blanke Marmor war mit Blut beschmiert. Der Kopf des freundlichen Bankangestellten war auf dem Tresen plaziert, während hingegen der Rest auf der Kasse und auf dem Boden hing.
Squall und Emily kamen langsam hinter dem Tresen hervor.
In der Mitte des Raumes stand Prokylta.
"Süßer, wie schön, dass wir uns endlich sehen. Die Stimmen waren doch nicht so nutzlos, wie sonst. Gute Arbeit, Squall. Nun sei bitte so nett und gib mir diesen wunderbaren Behälter", sagte Prokylta.
"Das könnte dir so passen, du verdammtest Miststück!", sagte Squall voller Abscheu.
Prokylta schüttelte spöttisch den Kopf.
"Nach allem, was ich dir gegeben habe? Immerhin hast du Adryan durch mich wieder", sagte Prokylta.
"Und wieso?", fragte Squall.
"Ein Gefallen für einen alten Freund. Ich habe es nicht für dich getan, sondern für meine Tochter. Und jetzt gib mir das Erbe!", sagte sie und streckte ihre Hand aus.
"Nur über meine Leiche!", sagte Squall und zog sein Schwert.
"Das ist genau meine Idee! Du bist widerlich, Squall. Du bist das Produkt einer unwürdigen Liebe, eine faule Saat. Ich habe dich so lange am Leben gelassen, die ganze Zeit nur für diesen Moment, dass du mir endlich das Erbe geben kannst! Jetzt kannst du endlich sterben! Emily, töte Squall. Ich habe mein Versprechen gehalten: Hier ist er und du kannst endlich deine Rache bekommen. Töte ihn, du hast deine Rache und die Immunität vor der Sekte und ich habe etwas für meinen Meister!", sagte Prokylta.
Etwas klickte hinter Squall. Emily kam mit einer Waffe um Squall herum und sah ihn wieder voller Hass an. Er glaubte seinen Augen nicht. Sie riss ihm den silbernen Behälter aus der Hand.
"Emily..."
"Süßer, du warst immer so naiv. Wer hat dir wohl die Information über Emilys Adresse zukommen lassen? Das war ich! Und wie ein braver Junge folgst du meinem Köder. Ja, unser Squall war schon immer ein kleiner Romantiker, aber stets dumm wie Stroh. Muss er von seiner Mutter der Schlampe haben!", sagte Prokylta lächelnd.
"Emily, dein Vater wollte das nicht...", flüsterte Squall.
"Mein Vater war ein dummer alter Mann. Diese Dummheit hat ihn sterben lassen! Doch ich bin anders. Ich werde leben. Hast du wirklich geglaubt, dass du mich erweichen könntest, indem du den lieben Papa spielst? Du hast mir alles weggenommen, was mir wichtig war und einmal ein Baby vor meinen Augen wickeln, macht das nicht wieder gut", fauchte Emily.
Squall sah die Emily fassungslos an. Nun würde er sterben. Wie hatte er nur so dumm sein können? Wie hätte er glauben können, dass sie zusammenarbeiten könnten? Adryan, vergib
mir, sei schlauer als ich...
Auf einmal sah er, wie Emily ihm zuzwinkerte...dann schellte sie herum und feuerte das ganze Magazin auf Prokylta. Die Kugeln prallten an einem unsichtbaren Schutzschild ab.
Emily senkte zitternd ihre Waffe.
"Wie ist das möglich...", flüsterte sie.
Prokyltas Gesicht war vor Wut verzerrt.
"Na schön, dann eben anders", keifte sie und zog ihre lange Klinge...
Squall zog sein Schwert. Er wusste, er würde verlieren. Prokylta hatte problemlos drei starke Kämpfer besiegt...
Sie hob ihr Schwert und Squall spürte die Intensität, die von ihr ausging. Sie schien zu glühen. Squall spürte, wie sie einen mächtigen Zauber vorbereitete. Die Klinge Prokyltas fing an zu glühen. Sie hob sie über ihren Kopf. In ihrer Waffe lag jetzt so viel Macht...
Es gab eine kleine Explosion. Squall kam ein kleiner Luftzug ins Gesicht und spürte, wie Prokyltas magische Intensität nachließ... Es war, als hätte man in einen aufgeblasenen Luftballon eine Nadel gestochen.
Prokylta sah Squall berechnend an. Dachte sie, er war das gewesen?...
Auf einmal flog ihr das Schwert aus der Hand. Es wirbelte durch die Luft und wurde von jemandem aufgefangen.
Squall blickte an Prokylta vorbei und sah am Eingang zwei Männer stehen. Einer von ihnen war der Philosoph, der andere Laguna.
"Ich glaube, dieses Schwert gehört mir", meinte der Philosoph lässig.
Prokylta drehte sich um.
"Laguna!", flüsterte sie.
"Julia, es tut mir Leid, aber wir können das nicht zulassen. Ich werde meinen Sohn nicht im Stich lassen!", rief Laguna.
Prokylta hob ihre Hände.
"Du bist bereit für diese Brut dein Leben zu lassen?", fragte sie.
"Natürlich. Genau wie du für Rinoa", entgegnete er.
Squall hörte in der Ferne Polizeisirenen.
"Squall, wir müssen weg. Organa hat Polizisten geschickt. Wenn ihr das Erbe vernichten wollt, sollten wir den Hintereingang nehmen", sagte Laguna.
"Organa?", fragte Emily.
Laguna ging auf die beiden zu. Prokylta stand in der Mitte der Halle, ihre Hände auf sein Herz gerichtet. Laguna sah Prokylta lange in die Augen. Ihr Blick folgte ihm, doch sie unternahm nichts.
"Er ist Politiker, trotz aller guten Vorsätze. Und ein zielgesteuerter Killervirus gegen eine Sekte bringt Wählerstimmen", meinte Laguna als er Squall und Emily erreicht hatte.
"Nein, es bringt einen Völkermord", sagte Squall wütend.
"Wie schön, dass wir einer Meinung sind. Komm, wir nehmen den geheimen Hinterausgang, der nur attraktiven Ex-Präsidenten vorbehalten ist", meinte Laguna und zog einen Schlüssel aus seiner Tasche.
Er ging zu einem Tresen und öffnete auf ihm eine kleine Klappe und steckte den Schlüssel rein. Auf einmal löste sich direkt neben Squall eine Marmorplatte und gab eine Falltür frei. Laguna steckte den Schlüssel ein und bedeutete Squall und Emily hinabzusteigen. Squall warf noch ein Blick auf Prokylta, die fassungslos zu Laguna blickte, bevor er mit Emily in der Tiefe verschwand.
"Adryan ist in Sicherheit, Squall. Keine Sorge...", hörte er den Philosophen noch rufen.
"Laguna...", flüsterte Prokylta.
Laguna sah sie lange an.
"Julia, du warst eine fantastische Frau. Vielleicht wirst du mal wieder eine. Alles Gute!", sagte er.
Dann stieg er ebenfalls hinab und die Marmorplatte schob sich wieder über die Falltür und ließ den Boden wieder absolut intakt aussehen.
Alles war ruhig bis auf die Polizeisirenen. Dann lachte auf einmal Prokylta freudlos auf.
"Na das wird eine Rückkehr. Kein Adryan, kein Virus", sagte sie.
"Du musst nicht zurückkehren, Julia. Du schuldest ihm nichts", sagte der Philosoph, als er auf Prokylta zu schritt.
"Was weißt du von Hyne?", meinte Prokylta verächtlich.
"Ich bin Hyne", sagte der Philosoph ruhig.
Prokylta sah ihn lange an.
"Du... bist seine andere Hälfte? Warum sagst du mir das?", fragte sie.
"Es bringt nichts, immer wegzulaufen. Du kannst von mir aus deinem Meister sagen, wer ich bin. Er wird es eh bald wissen. Aber wieso kommst du nicht mit uns und wirst wieder zu Julia?", fragte der Philosoph.
"Ich... kann nicht. Ich schulde es ihm. Ohne ihn... wäre ich nichts. Ich würde sterben", sagte Prokylta.
"Vielleicht... wäre das so schlimm? Doch ich denke eher, du hast Angst zu leben. Du hast Angst, enttäuscht zu werden und wieder zu lieben. Doch du beneidest die gefühlvollen Menschen dieser Welt. Deswegen tust du all das. Dein Leben ist voller Angst. Deswegen wollen du und meine andere Hälfte eine reine Welt erschaffen, wo alles gleich ist, wo alles geregelt ist, wie ihr es wünscht. Du willst kein Reich der Träume erschaffen, kein Reich der Freiheit. Du willst eine Welt voller Regeln, weil du dich selbst nicht verstehst, weil du unsicher bist. In Wirklichkeit hast du Angst vor der Freiheit, vor der Welt. Denn in dieser Welt kann man frei sein. Leben heißt frei zu sein. Aber zum Leben gehört der Tod. Hier", sagte der Philosoph und gab Prokylta ihre Waffe zurück.
"Bist du Fibrean Copper?", fragte sie erstaunt.
"Eines Tages vielleicht, meine Tochter", lächelte der Philosoph und streichelte ihre Wange.
"Und dennoch. Du bietest mir nichts. Wo warst du, als ich gestorben bin? Wo warst du, als ich gelitten habe. Nirgendwo. Du hast dich einen Dreck um mich gekümmert. Du bist genau das Monster, das mir Laguna weggenommen hat! Und welches mich die ganze Zeit tritt, mein ganzes Leben lang. Du bist ein Voyeur, du beobachtest das Leid und tust nichts! Ich kann durch dich weder das Schicksal ändern, noch hast du mich wiederbelebt. Und jetzt bist du hier und lächelst arrogant und spielst den weisen Mann. Ich werde nie mit dir mitgehen!", sagte Prokylta kalt.
"Ich verstehe... dann liebe Grüße an deinen Meister. Ach ja, von Alphega auch ganz liebe Grüße. Meine andere Hälfte hat leider den guten Kontakt abgebrochen", meinte der Philosoph.
Prokylta sah ihn kurz an. Der blaue Dunst sammelte sich um sie herum an und in einem kurzen Aufblitz einer blauen Flamme war sie verschwunden.
Laguna fuhr zügig mit einem schicken Auto durch die Strassen Dollets. Im Rückspiegel sah er mehrere Polizeiautos, die ihn immer wieder auffordern, die Strasse zu verlassen.
"Frage mich, was morgen in der Zeitung steht... 'Ex Präsident rast?'", fragte Laguna lakonisch.
"Dass dieser Organa das auch nicht einsieht", meinte Emily wütend.
"Er ist ganz in Ordnung. Aber er fürchtet sich. Und wenn Menschen sich fürchten, machen sie dumme Sachen", sagte Laguna, als er das Auto am Strand von Dollet zum Stillstand brachte.
Squall, Emily und Laguna stiegen schnell aus und rannten zum Strand. Die Sonne wurde auf dem Wasser reflektiert und ließ es blutrot aussehen.
Squall nahm die silberne Röhre und öffnete sie. In ihr befanden sich Reagenzgläser mit grünlicher und weißer Flüssigkeit.
"HALT!"
Squall sah sich um. Mehrere Polizisten hatten ihre Waffen auf sie gerichtet. Bail Organa persönlich kam auf sie zu gerannt.
"Nicht, Squall. Vernichten Sie bitte nicht das Erbe. Es ist unschätzbar wertvoll!", rief er.
"Ich erfülle nur den letzten Wunsch seines Erfinders", rief Squall.
"Squall, Peterson war mein Lehrer an der Uni und ich weiß, dass er nichts dagegen hätte, wenn wir es auf unsere gute Weise einsetzen. Es ist das perfekte Mittel. Wir könnten die ganze Sekte über Nacht vernichten... Morgen hätten wir Frieden... und Sie könnten mit ihrer Familie in Ruhe leben. Bitte... geben Sie mir das Erbe", drängte Organa.
"Sie würden einen Massenmord begehen. Sie würden Menschen töten!", brüllte Squall.
"Diese Menschen wollen auch uns töten! Sie attackieren uns täglich und bringen normale Menschen um... Mit diesem Virus können wir sie aufhalten!", sagte Organa.
"Seltsam, was manche Menschen für ein bisschen Macht tun, nicht wahr? Und dennoch sind es Menschen. Jeder Mensch verdient eine zweite Chance... Ich habe sie auch bekommen", sagt Squall und sah Emily an. Sie sah kühl zurück, aber er meinte, ein Hauch eines Lächelns auf ihrem Gesicht zu erkennen.
Dann drehte sich Squall um und schmiss den kompletten Inhalt in das Meerwasser. Die Flüssigkeit verpuffte mit einem kurzen Knall.
Organa stand hilflos am Strand und sah sehnsüchtig auf das zerschmolzene Erbe. Dann drehte er sich zu den Polizisten um.
"Okay, der Einsatz ist vorbei", meinte er niedergeschlagen.
Die Polizisten zogen langsam nach und nach ab.
"Bail, es ist besser so. Glaub mir. Hyne wäre sowieso immun dagegen und würde schnell eine neue Gruppe ins Leben rufen und dann hätte er ein schlagendes Argument, dass wir, die für die Freiheit kämpfen, genauso bestialisch seien. Und er hätte nicht Unrecht", sagte Laguna.
"Und was sagst du dann den Angehörigen der Opfer von morgen? Werden Sie es verstehen?", fragte Bail skeptisch.
"Ein paar wenige vielleicht", sagte Emily und blickte zu Squall.
Später an dem Tag betrat Emily alleine ein riesiges Zimmer. Vor einem riesigen Kamin in einem beeindruckenden Sessel saß ein Mann, der nachdenklich ins Feuer starrte. Emily setzte sich in einen anderen Sessel daneben und blickte auf eine Akte, die der Mann in der Hand hatte.
Es war eine Akte mit dem Namen 'Squall Leonhart'. Sie enthielt ein besonderes Verhörprotokoll und viele interessante Fotos. Emily kannte sie auswendig.
"Das Erbe ist verloren...", sagte Zed Black ruhig.
"Es war richtig so. Mein Vater hätte es so gewollt", entgegnete sie.
"Emily... du weißt, dass dies ein herber Rückschlag ist. Es war ein Glück, dass ich die Notiz in Prokyltas Namen noch kurz vor der F.H.-Mission an Squall abgeschickt hatte. So wusste ich vom Erbe. Hätten wir es bekommen und hättest du Squall aus dem Weg geräumt..."
"Ich habe es aber nicht! Außerdem hast du immer noch drei andere Pläne, wie ich dich kenne", sagte Emily.
"Selbstverständlich", meinte Zed schief lächelnd und zwinkerte ihr zu.
"Du warst mir immer ein guter Freund. Du hast mir dieses Leben besorgt. Tut mir Leid, dass ich dich enttäuscht habe", sagte sie.
Zed nahm etwas aus seiner Tasche und gab es Emily. Es waren Ausweise, ein Zugticket nach Beryll und ein Wohnungsschlüssel.
"Hier, das ist dein neues Leben", meinte er.
Emily blickte drauf und fiel dann Zed um die Arme.
"Du bist der beste Mensch, den ich kenne. Danke!", sagte sie.
"Da bist du aber die einzige, die das sagt", sagte Zed als Emily ihn losließ.
Beide saßen schweigend nebeneinander.
"Bevor du gehst... Brauchst du diese Akte?", fragte sie.
"Wieso?"
"Du hast all das gesammelt, um dich irgendwann von Prokylta abzusetzen und ihre Position einzunehmen. Hyne hätte dich zu seinem Statthalter gemacht, um diese Informationen zu bekommen, da er so herausgefunden hätte, wie Rinoa tickt. Doch jetzt... jetzt brauchst du es nicht mehr.
Squall ist... in Ordnung... ich kann es nicht anders sagen. Er hat mir viel Leid, aber auch viel Freude zugefügt. Das hier ist sein Privatleben und das sollte es auch bleiben", sagte Emily.
Zed blickte sie lange an.
"Du liebst ihn, oder?", fragte er schließlich etwas zitternd.
Emily erwiderte nichts. Zed nahm die Akte in seine Hände, blätterte etwas durch und schleuderte sie dann mit einem "Na fein" ins Feuer.
Das Feuer knisterte und der Raum füllte sich mit einem unangenehmen stechenden Geruch, als die Akte vor ihren Augen langsam verkohlte.
Auf dem Bahnhof herrschte so früh noch nicht soviel Betrieb. Nur ein paar Menschen waren auf dem einen Bahnsteig und warteten auf die Abfahrt des Zuges.
"Pass auf dich auf", sagte Squall zu Emily.
"Du auch. Du bist sicherlich mehr in der Schusslinie als ich", sagte sie.
"Und was wirst du tun?"
"Ich werde versuchen, in mein Leben etwas Ordnung reinzukriegen. Und mich nicht unterkriegen lassen!", sagte sie.
Die Lok gab einen Pfiff von sich.
"Also... ich muss...", sagte sie etwas zögerlich.
Dann stellte
sie sich auf die Zehenspitzen und küsste Squall auf die Wange, streichelte Adryans Gesicht und rannte dann schnell in einen der Waggons. An der Tür sah sie sich noch einmal um und winkte, bevor die Tür sich schloss und sie aus Squalls Sichtfeld und Leben wieder verschwunden war.
Squall sah Adryan an, der groß zurückblickte.
"Bald sind wir bei deiner Mutter. Wir müssen nur noch einen kleinen Zwischenstopp einlegen", sagte Squall und küsste seinen Sohn auf die Stirn.
Der Philosoph, Squall und Adryan betrachteten ein kleines schönes Grab auf dem Friedhof von Dollet.
Auf dem Grabstein stand:
Die Seele ist die Wahrheit
Dr. Gregor Peterson
Squall legte ein paar Blumen auf das Grab. Er wusste immer noch nicht, wie er diesen Mann einschätzen sollte, aber vielleicht gibt es eben zerrissene Menschen... wer war schon perfekt? Zumindest hatte er den letzten Wunsch von ihm erfüllt. Squall wusste, dass er nie wirklich wieder der sein konnte, der er gewesen war. Aber irgendwie war das in Ordnung. Es war gut, es spornte ihn an, zu einem besseren Menschen zu werden. Er bemühte sich zumindest.
"Wir können nur viel leben und lernen", sagte der Philosoph.
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