Rinoa, ich bin allein.
Bis vor kurzem waren wir eins. Ich fühlte mich komplett. Ich wurde komplett.
Doch nun bist du weg. Von heute auf morgen aus meinem Leben gerissen. Weg. Jetzt bin ich allein. Ich fühle mich nackt in dieser Welt. Sie ist kalt. Auch du bist allein. Doch du hast die Einsamkeit gewählt. Warum? Was ist es, was du niemanden sagen konntest? Welche dunklen Schatten bedrängen dich, welche namenlosen Gefahren sind es, die du mir nicht sagen kannst? Warum kann ich dieses Geheimnis nicht wissen?
Ich versuche nun, dieses Geheimnis aufzudecken und dich zu finden. Dennoch habe ich wenig Hoffnung. Du hast wenig Spuren hinterlassen und ich bin nun mit zwei Menschen unterwegs, die ich entweder kaum oder zu gut kenne...
Den einen kennst du. Ein ehemaliger Feind. Jemand, der uns beiden Schaden zugefügt hat, doch nun mit mir nach dir sucht.
Der Andere...ja, wer ist er eigentlich? Ein flüchtiger Bekannter. Jemand, den ich kaum kenne. Jemand, der kaum etwas von sich preisgibt...Dennoch hat er Informationen, die bei meiner Suche hilfreich sein können...Bei meiner Suche nach der Wahrheit...nach dir...
Doch kann ich meinen Gefährten trauen...?
Rinoa, ich bin allein.
Ein donnerndes Motorendröhnen erfüllte den Tears Point. Neben ihm stieß jemand einen überraschten Ausruf aus. Squall erkannte die Stimme von Niida.
"Mensch, sieht das toll aus. Squall, das musst du dir ansehen!"
"Herrgott, so toll sieht das nun auch wieder nicht aus!"
Das kam von Cifer. Aber auch er schien zumindest etwas beeindruckt zu sein. Squall entschloss sich, das unheimlich Tolle mal anzuschauen. Er drehte sich vom Bauch auf den Rücken und bereute es fast sofort. Er spürte den harten Beton unter ihm. Alles tat ihm weh. Es war einer der Momente, in denen man sich ein schönes langes Wochenende und ein sehr warmes und weiches Bett zum Durchschlafen wünschte. Aber dafür war leider keine Zeit.
Squall öffnete die Augen und wünschte sich sofort, er hätte es nicht getan. Die Sonne schien ihm direkt mitten in seine Augen. Meine Güte, was für ein Lärm, was für eine Härte, was für ein Licht! Doch langsam verdeckte etwas die Sonne. Etwas Großes. Etwas Großes, das sehr viel Lärm machte.
Es half alles nichts. Er musste aufstehen.
Squall beschloss, ab sofort sämtliche Nächte auf kuschelweichen Matratzen zu verbringen. Zur Not konnte es auch ein 5.000 Gil Sofa sein.
Aber immerhin sah er nun die Quelle des Lärms.
Über dem Tears Point setzte die Ragnarok, das Raumschiff, das Rinoa und Squall damals aus der Leere des Weltraums gerettet hat, zur Landung an.
"Das sei erstaunlich, oder?"
Odyne war ganz aus dem Häuschen.
"Der Präsident habe mir niemals solche ein Schiff zur Fortbewegung geschickt, oder?"
"Das muss vermutlich daran liegen, dass Sie sich nicht sooft fortbewegen müssen", grinste Kiros.
"Dem sei nicht so, oder?! Odyne müsse große Distanzen zurücklegen, um seine Arbeit auszuführen, oder", meckerte Odyne.
"Hättest doch mal ein Ton sagen können, dass du aus Esthar die Ragnarok für uns holst", sagte Squall und musste sogar ein wenig lächeln.
"Wo bleibt dann der Überraschungseffekt?", lachte Kiros.
"Auf alle Fälle kommen wir jetzt schneller voran", kommentierte Niida.
"Wir haben nur ein Problem: Wir können leider keinen Piloten stellen", meinte Kiros.
"Kein Problem! Das kann ich erledigen. Ich habe Erfahrung damit, seltsame Dinge zu fliegen", meinte Niida.
Daraufhin herrschte eine kurze Stille. Allein die Tatsache, dass Niida versucht, witzig zu sein, hat anscheinend das Grüppchen schockiert.
"Ähm, Professor, könnte ich sie mal kurz sprechen", fragte Niida, offensichtlich etwas verlegen.
"Odyne sage zu, oder? Wenn es ihm körperlich nicht überanstrenge, oder", erwiderte Odyne mit einem finsteren Seitenblick auf Kiros.
Ellione grinste Squall von der Seite an. Und obwohl Squall (immer noch) alles wehtat, schaffte er es irgendwie zurück zu grinsen. Dann auf einmal kam ein sehr ernster Ausdruck auf ihr Gesicht.
"Squall, ich weiß nicht, was ich sagen soll, aber...Viel Glück! Ich hoffe, du findest sie wieder. Du weißt... ich werd nicht mitkommen können."
"Ist schon gut. Du hast schon mehr als genug getan. Das ist meine... unsere Suche, nicht deine."
"Da wär ich mir mal nicht so sicher!", mischte sich Cifer ein. "Niida ist doch so heiß darauf, diese Steine zu finden..."
"Solange es uns hilft Rinoa zu finden, habe ich nichts dagegen", meinte Squall ruhig.
"Das musst du wissen. Nur, ich sag' dir eins. Wenn wir irgendwann an den Punkt kommen, wo wir nur noch nach irgendwelchen Artefakten suchen, wirst du ohne mich weitermachen müssen", antwortete Cifer ernst.
"Das weiß ich, Cifer. Glaube mir, ich bin der Letzte, der so etwas will!
Cifer zuckte mit den Schultern und ging in Richtung Ragnarok davon. Ellione sah Squall an.
"Ich hoffe, du findest sie. Das hoffe ich wirklich", meinte Ellione eindringlich.
"Danke."
"Squall...ich...ich weiß nicht, aber bitte pass auf. Es ist irgendetwas im Gange. Irgend etwas kommt hierhin. In diese Welt. Ich habe es gefühlt. Es war auf einmal da. Eine riesengroße Macht. Sie ist unvorstellbar!"
"War das gestern in der Residenz? Wo du ohnmächtig wurdest?"
"Zum Teil..", sagte Ellione zögerlich. Sie war auf einmal sehr unruhig.
"Das ist aber noch nicht alles. Du hast was gesehen, oder? Hast du Rinoa gesehen? Hattest du sowas ähnliches, wie ich vor zwei Tagen?"
Squall versuchte ruhig zu bleiben. Es gab irgendetwas, was man ihm nicht sagen wollte. Auch Rinoa hatte etwas, was sie nicht sagen konnte und nun war sie weg...
Im Hintergrund hörte er den Dampfablass der Ragnarok. Ein kühler Wind fuhr ihm durch die Haare. Ellione holte tief Luft, als wolle sie etwas sagen, doch...
"Squall, ich glaube, es wäre ganz gut, wenn wir den Stein hier behalten würden. Odyne könnte ihn analysieren. Vielleicht finden wir da etwas Neues heraus", schrie Niida von weitem. Er hatte offenbar die Sache mit Odyne geklärt, denn beide kamen ziemlich zufrieden zurück.
"Es sei eine gute Entscheidung, oder? Odyne würde das Artefakt analysieren, oder? Squall könne sowieso nichts mit Stein anfangen, oder?"
"Ich dachte, es wäre besser, wenn wir dich fragen. Du hast ihn gefunden, er gehört ja schließlich dir", meinte Niida strahlend.
"Meinetwegen", entgegnete Squall.
Ellione allerdings hatte die Situation genutzt, um schnell in die Ragnarok zu steigen.
Die Reise zurück nach Esthar verlief erwartungsgemäß unspektakulär. Mit der Ragnarok waren sie in kürzester Zeit angekommen. Sie setzten dort Ellione und Kiros ab und begannen dann auf ihr nächstes Ziel zuzusteuern: Deling City, der Hauptstadt der ehemaligen Miltiärdiktatur Galbadia. Die Stadt, in der es immer Nacht war...
Die Ragnarok wieder zu betreten war für Squall besonders schmerzlich, da fast alles hier ihn an Rinoa erinnerte. Hier hatte er erfahren, dass sie eine Hexe war; hier war er losgezogen, um Rinoa aus dem Mausoleum zu befreien. Und hier hatte ihr Angriff auf die Lunatic Pandora begonnen, und damit ihr Feldzug gegen Artemisia, der mysteriösen Hexe aus der Zukunft...
"Und dieses Schiff konnte den Schutzschild der Pandora durchbrechen. Die Pandora muss ja schwächer gewesen sein, als ich dachte", meckerte Cifer und ließ sich auf einem der komfortablen Sitze nieder.
"Sag mal, Cifer, du warst doch mal eine Zeitlang Oberhaupt von Galbadia...", sagte Squall und spielte damit auf Cifers kurze Leitung der Militärdiktatur an, in dem er im Auftrag Artemisias die Lunatic Pandora aus dem Ozean geborgen hatte.
"Eine sehr kurze Zeit..."
"Wie auch immer. Glaubst du, wir werden deswegen Probleme haben", fragte Squall.
"Eher nicht. Ich glaube, es wurde nur ein Foto von mir veröffentlicht. Irgendwelche Journalisten-Arschlöcher wollten ein Interview machen...Aber ich wollte das nicht. Ich musste wirklich ÜBERDEUTLICH werden..."
Squall versuchte sich nicht vorzustellen, was bei Cifer "überdeutlich" hieß.
"Lesen ist nicht so deine Stärke, oder?"
"Weißt du Niida, mich wundert da etwas. Wir sind drei Leute. Und wir befinden uns im... wie kann man das hier nennen...Passagierraum? Ja! Passagierraum. Alle drei. Wenn ich so ein paar Stunden zurückdenke... da hast du gesagt... du würdest dieses Schiff 'STEUERN'. Und nun sitzt du hier mit uns im PASSAGIERRAUM. Während das Schiff durch den Himmel gleitet. Ich weiß ja nicht...aber muss der PILOT, um das SCHIFF zu STEUERN nicht im COCKPIT sitzen."
"Deine Sorgen sind unbegründet. Es gibt ja schließlich einen AUTOPILOTEN", antwortete Niida trocken und wandte sich wieder seinen Akten zu.
"Sag mal Niida, was liest du da eigentlich?", fragte Squall.
"Oh das...das sind Berichte. Odyne hat sie mir im Gegenstück für das Artefakt überlassen. Ich musste ihn zwar ein wenig überzeugen...."
"Das wundert mich...", warf Cifer ein.
"Was denn?", antwortete Niida.
"Dass du ihn ÜBERZEUGT hast. Nach meiner Erfahrung benötigt man zum Überzeugen, wenigstens einen Hauch von Ausstrahlung", gab Cifer zurück.
"Sag mal, hast du irgendein Problem mit mir?", fuhr Niida auf.
Cifer gab irgendetwas zurück. Squall sah aus dem Fenster. Der Himmel verdunkelte sich. Sie näherten sich Deling City.
Er bekam zwar kaum etwas von dem Streit zwischen Cifer und Niida mit, doch registrierte mit einem Ohr, dass sie sich inzwischen anbrüllten. Cifer mag sich zwar wirklich geändert haben, aber in manchen Dingen war er noch ganz der Alte. So langsam ging ihm das Geschrei auf die Nerven. Ihm tat alles weh, er war müde. Er spürte fast jeden Knochen in seinem Körper...und er fühlte sich so, als ob er gleich einschlafen würde. Seine Augen schmerzten und er hörte alles doppelt so laut...ein Nebeneffekt wenn er müde war.
"HÖRT ENDLICH AUF MIT DIESEM SCHEISS! IHR BENEHMT EUCH WIE KLEINE KINDER!", brüllte Squall.
Niida und Cifer sahen ihn entgeistert an.
Vermutlich mehr aus Schock, dass Squall überhaupt brüllen konnte. Cifer, der sich langsam davon erholte, wollte wohl nun einen Konter starten. Einen Konter, für den Squall weder Zeit noch Kraft noch Lust hatte. Also würgte er Cifers Konter ab, indem er Niida ansprach.
"Gibt es irgendetwas Besonderes in diesem Bericht?"
"Ellione hatte Recht. Fast Odynes ganze Forschung basiert auf Ezkumes Erkenntnissen über Volunt. Sogar der Odyne-Reif, wohl seine bekannteste Erfindung, basiert auf der Volunt Technik. Bei Lichte besehen, nicht besonders überraschend. Beides hat die Fähigkeit, Magie zu absorbieren. Was allerdings wirklich interessant ist: Sowohl das Mausoleum als auch die Lunatic Pandora wiesen Spuren von Volunt auf."
"Dieses Metall ist anscheinend überall...", kommentierte Cifer sarkastisch.
Es bahnte sich gerade ein neuer Streit an als...
"Ah, wir sind gleich da!", meinte Niida und deutete auf eine Konsole, die gerade angefangen hatte zu piepen.
"Ich werde mal das Schiff runterbringen", sagte er und verschwand Richtung Cockpit.
Squall hätte schwören können, dass Cifer ein bissiger Kommentar auf der Zunge lag. Umso erstaunlicher war es, dass er den Mund hielt...
Deling City sah einfach faszinierend aus. Es war genau das Gegenteil des hochmodernen Esthars, aber nicht weniger überwältigend. Bestach Esthar durch das überwältigende Licht, beeindruckte Deling City durch die leuchtende Dunkelheit.
Die ewige Nacht, die altmodischen Autos, überall Busse. Die ganze Stadt leuchtete. Da es nie Tag wurde, spielte Zeit in dieser Stadt keine Rolle. In der Stadt pulsierte immer das Leben. Man konnte in die zahlreichen Bars gehen und den verschiedensten Musikstilen lauschen. Oder man konnte shoppen gehen. Dennoch bedrückte die Stadt etwas...Die Vergangenheit.
Zwar existierte in Galbadia nun eine Demokratie, doch die war noch sehr jung und Galbadia musste erst wieder anfangen, sich wieder in die Welt einzuordnen. Mehrere Jahrzehnte hat hier der ehemalige General Deling eine gnadenlose Militärdiktatur geführt. Hochgeputscht durch seine Anti-Esthar Politik, war er nach seiner Wahl in der Lage, sich der lästigen demokratischen Systeme zu entledigen und seine Machtposition zu stärken. Er hat wohl mehr Kriege angefangen, als alle restlichen Politiker zusammen. Mit dem Angriff auf Dollet hatte damals Squalls erstes Abenteuer seinen Lauf genommen.
Nun, 5 Jahre nach seinem Tod, versuchte sich Galbadia an einer konsequenten Friedenspolitik. Schützenhilfe bekommen sie dabei von ihrem alten Erzfeind Esthar unter der Leitung von Präsident Laguna, der in Deling City geboren und aufgewachsen war. Dementsprechend groß waren seine Bemühungen um eine neue Freundschaft.
Squall, Niida und Cifer besorgten sich zuerst drei Hotelzimmer, bevor sie zur DEFTAA fuhren, der Organisation, die alte Relikte ausgegraben hat, und wo nun die mysteriöse Hexenstatue war, von der Niida den Tag zuvor erzählt hatte. Das Museum lag nicht weit vom Hotel im Stadtzentrum von Deling City, was Squall sehr angenehm fand, da ihm immer noch alles wehtat. Und die blinkenden Lichter, die Abendluft und das ganze Gehupe der Autos machten die Sache nicht gerade besser.
Schon von weitem konnte man eine aufgeregte Menge sehen, die vor dem Museum heiß diskutierte.
"Was ist denn hier los?", wunderte sich Niida.
"Könnten Sie uns sagen, was hier passiert ist?", fragte Squall einen Mitarbeiter der DEFTAA.
"Lesen Sie denn überhaupt keine Zeitung, junger Mann? Das ist wohl einer der größten Kunstraube in der Geschichte der DEFTAA. Man hat vor kurzem die berühmte Statue der Hexe Dori gestohlen", antwortete der DEFTAA-Mitarbeiter aufgeregt.
"Was! Die Statue ist weg?", antwortete Niida entsetzt.
"Wie ich schon sagte. Ich muss mit dem Direktor reden. Ahja...da ist er ja. Aloin! Hier bin ich!", rief der Mitarbeiter und rannte auf einen sehr korrekt aussehenden Mann mit Brille und starkem Seitenscheitel zu, der unheimlich blass aussah.
Irgendwie war Squall nicht wirklich überrascht. Es wäre irgendwie zu leicht gewesen...
"Na umso besser: Dann können wir ja ganz viel Zeit drauf verwenden, den Stein zu suchen", kommentierte Cifer drohend.
"Wir sollten uns zumindest mal umsehen...Squall?", fragte Niida.
"Na schön, wenn wir schon mal hier sind, sollten wir zumindest mal reingehen. Vielleicht finden wir ja etwas, was uns auf der Suche nach Rinoa behilflich ist", sagte Squall, während er den blassen Herren beobachtete, der sich stotternd mit der nervösen Menge unterhielt.
Niida nickte und war schneller im Museum als Squall blinzeln konnte.
Cifer sah Squall mit blitzenden Augen an.
"Was wollen wir sonst machen? Wir haben nur diese eine Spur", sagte Squall leise zu Cifer und folgte dann Niida ins Museum.
Wie zu erwarten war verlief die Untersuchung ziemlich erfolglos. Die Einbrecher hatten die Wachmänner ausgetrickst und die Überwachungssysteme lahm gelegt. Niida wollte irgendjemanden finden, der ihm sagen konnte, wie das passiert war, doch Squall verlor schnell das Interesse daran.
Was immer Rinoa eventuell gewollt hatte, jemand war ihr zuvorgekommen. Und damit war auch diese Spur vermutlich erkaltet. Das Problem war nur, wo sollten sie weitersuchen?
Sein Gedankengang wurde unterbrochen, als Niida aufgeregt den Gang herunter lief.
"Niemand hat etwas gesehen. Aber der Direktor hat eine Haushälterin; vielleicht sollten wir die mal..."
"Nein!", unterbrach ihn Squall.
"Äh...Nein...???"
"Ich mein, wir sind an dem Punkt angelangt, wo es lächerlich wird. Niida, ich verstehe ja deine Leidenschaft nach diesen Artefakten. Aber das ist deine Suche, nicht unsere. Ich will nur Rinoa finden. Solange uns die Steine dabei helfen, von mir aus. Aber bisher werfen die nur neue Fragen auf und beantworten keine", sagte Squall.
"Das ist aber eine Spur", meinte Niida.
"Es war eine Idee. Und irgendwie habe ich das Gefühl, dass es eine dämliche Idee war!"
Squall hatte ruhig und bestimmt gesprochen. Niida sah etwas verlegen aus.
"Ähm...na gut...Ich glaube, hier gibt es erst einmal nichts zu sehen...Vielleicht sollten wir ins Hotel zurück."
"Tut das. Ich muss noch was erledigen", sagte Squall.
"Und wohin gedenkt der Herr hinzugehen?"
"Das geht dich nichts an. Es ist was Persönliches, Cifer."
"DAS GEHT MICH NICHTS AN. Hör mal gut zu. Ohne mich wärst du doch schon längst abgekratzt."
"Wie beim Aquila? Aber das ist eine sehr persönliche Sache. Also sei artig und geh ins Bett."
Squall war nicht in der Lage, seinen Zynismus zu zügeln, aber wenn man seit ein paar Tagen schlecht schläft und eine Nacht auf Beton verbringt, konnte das schon einmal vorkommen.
Die Villa Carway stand in einem Außenbezirk von Deling City.
Carway hatte eine interessante Karriere hinter sich. Vom einfachen Major war er schnell zum Oberst aufgestiegen und hatte sich in der Deling Diktatur einen Namen gemacht. Trotzdem hatte er heimlich gegen den Staat opponiert, als die Hexe Edea unter Artemisias Einfluss langsam anfing, Kontrolle über den Präsidenten zu erlangen, was darin gipfelte, dass sie ihn vor den Augen der Welt bei einer Parade ermordet hatte.
Carways Haltung zu Vincer Deling waren stets schwer auszumachen gewesen. Er hat einerseits in der Diktatur Karriere gemacht, andererseits aber auch nach dem Fall bei der Aufklärung von Kriegsverbrechen mitgeholfen.
Heute war er ein einflussreicher Senator im Rat Pollendina und galt als dezidierte Gegenstimme zu Cecil Kitisa.
Ein interessanter Mann... und der Vater von Rinoa. Seid sie sich in Timber offen gegen Deling gestellt hatte und Mitglied einer revolutionärin Vereinigung, der Waldeulen, geworden war, hatten die beiden kaum mehr ein Wort gewechselt. Und Squall gab ihr im Stillen Recht.
Er wusste sofort, dass er einen schlechten Moment erwischt hatte. Vor der Villa standen Autos und von drinnen hörte man klassische Walzer. Carway gab anscheinend einen Empfang. Wie üblich bei Carway gab es Probleme am Eingang.
"Tut mir Leid, sie dürfen hier nicht rein. Geschlossene Gesellschaft", sagte ein störrischer Soldat.
"Hören Sie, ich bin der Beinahe-Schwiegersohn des Hausherren."
Eine lange Diskussion, in der unter anderem Todesdrohungen und Waffengewalt eine interessante Rolle spielen, später konnte Squall dann endlich eintreten. Er hatte nicht die Gestalt einer jungen Frau bemerkt, die ihm offenbar den ganzen Weg bis zur Villa gefolgt war...
Die Party war in vollem Gang. Der Saal war goldverziert und prächtig anzusehen. Das Orchester spielte einen Walzer nach dem anderen. Die Leute tanzten und waren guter Stimmung. Squall erinnerte das ganze sehr an den Abschlussball, auf dem er Rinoa kennen gelernt hatte. Ihm fiel auf, dass es überwiegend ältere Personen waren.
Squall vermutete, dass es sich dabei überwiegend um Vertreter aus der Wirtschaft und Politiker des Rates Pollendina handelte, der in Deling City seinen Hauptsitz hatte. Vorne war eine Bühne aufgebaut. Vermutlich sollte jemand später eine Rede halten. Squall versuchte in der Menge Carway auszumachen. Doch er sah nichts weiter als fröhliche Menschen, die anscheinend vollkommen sorglos waren. Er ging ein wenig an der Tanzfläche vorbei.
Da entdeckte Squall Carway in einer Nische neben der Bühne. Er war einer der wenigen Leute im Raum, die saßen. Neben ihm saß ein sehr junge Frau mit der sich Carway anscheinend sehr intim unterhielt. Squall suchte seinen Blick, doch Carway schien das Geschehen kaum um sich herum kaum zu bemerken. Obwohl das Mädchen neben ihm ununterbrochen auf ihn einredete, machte er einen sehr abwesenden Eindruck.
Das Orchester hörte plötzlich auf zu spielen. Das Publikum wandte sich der Bühne zu. Carway stand auf und trat ans Mikrophon. Squall fiel auf, dass er inzwischen einen sehr alten und kranken Eindruck machte. Dann auf einmal schien er seine alte Erscheinung abzuschütteln. Er richtete sich auf und räusperte sich ein paar mal. Im Saal war es sehr still geworden. Dann sprach er auf einmal mit einer überraschend klaren und lauten Stimme:
"Meinen lieben Freundinnen und Freunde. Ich freue mich, dass sie heut Abend so zahlreich erschienen sind. Ich möchte besonders den Graf Thomasa und seine bezaubernde Gemahlin begrüßen, die extra aus Dollet angereist sind. Wegen seines politischen Ehrgeizes, nennt man ihn manchmal auch respektvoll das Kräftchen."
Ein alter Herr mit lässigen, langen, grauen Haaren und seine nicht ganz so alte Frau winkten und lachten höflich über den Witz.
"Gerade über ihre Anwesenheit bin ich erfreut. Es zeigt, dass wir die Konflikte der Vergangenheit hinter uns lassen. Die Narben sind noch da und sollten nie vergessen werden. So etwas darf nicht noch einmal passieren!"
Die Menge applaudierte.
"Der Rat Pollendina macht große Fortschritte. Wir werden es der Welt zeigen, dass wir auch in der Lage sind, ohne Diktatur etwas zu erreichen, meine Damen und Herren!", donnerte Carway.
Er machte eine kurze Pause, wie ein Gewichtheber, der eine kurze Trainingspause einlegte.
"Allerdings dürfen und können wir nicht den Kontakt zu unseren Freunden verlieren. Denn nur gemeinsam werden wir eine Welt bauen können, in denen unsere Urenkel in Frieden leben können!"
Die Gäste applaudierten stürmisch.
"Aber nun genießen Sie die Feier!"
Das Orchester stimmte an. Die Gäste fingen wieder an zu tanzen. Carways Energie hatte sich anscheinend verbraucht. Er war bereits dabei, zu seinem Platz zurückzukehren und sah müder aus als je zuvor. Sein Liebchen war bereits dabei, ihn in Empfang zu nehmen. Squall schritt auf den Tisch zu und stieß auf dem Weg dorthin fast mit dem Grafen Thomasa zusammen.
"Senator Carway", rief Squall.
Carway drehte sich um.
"Ich glaube, wir müssen reden."
Sie schauten sich kurz in die Augen.
"Sie haben Recht. Kommen Sie in mein Büro", antwortete Carway.
"Aber du hast mir versprochen, dass wir tanzen", quengelte das Mädchen.
"Nachher, Schatz", beruhigte Carway sie.
Squall und Carway verließen den Saal schnell. Carway führte Squall zügig durch die Gänge seines Anwesens. Auf dem Weg trafen sie immer wieder auf Soldaten, die anscheinend überall in der Villa postiert waren. Nachdem Carway einem Soldaten befohlen hatte, niemanden zu ihm vorzulassen, betraten er und Squall sein Büro. Es war das Zimmer, in dem sich Squall und Carway zum ersten Mal vor einer ewigkeit begegnet waren.
"Wie fanden Sie meine Rede?", fragte Carway, als er sich auf einen Stuhl niederließ. Squall hatte nun Gelegenheit, sich Carway näher anzusehen. Er sah bleich und müde aus.
"Ähm...sehr...weitsichtig. Waren Sie nicht ursprünglich mehr auf der totalitären Seite?", fragte Squall.
"Verschiedene Zeiten erfordern verschiedene Meinungen", gab Carway eisern zurück.
"Das sehe ich anders! Und ihre Tochter auch", antwortete Squall kühl.
"Ich sehe, wir werden auch heute keine Freunde. Sehen Sie, sie werden mich nicht verstehen, denn ich weiß auch Sachen, von denen Sie nicht im Ansatz was ahnen", meinte Carway.
Squall ging Carways Arroganz langsam auf die Nerven, deswegen beschloss er, das Thema zu wechseln.
"Sie sehen nicht gut aus..."
"Charmant wie üblich", gab Carway zurück. Er fuhr etwas sachlicher fort:
"Ich habe eine Infektion im Gehirn. Die Ärzte geben mir noch ein paar Monate. Sobald die Infektion erst einmal ausbricht, werde ich die Ehre haben über mehrere Wochen dahinzusiechen. Keine angenehme Art zu sterben."
Carway lächelte etwas schief.
Squall wusste nicht, was er sagen sollte.
"Das tut mir leid."
"Na ja...aber Sie sind sicher nicht hierher gekommen, um mit mir über meine Gesundheit oder Ihre Auffassung von Politik zu reden, oder?"
"Sie wissen doch sicher, was mich beschäftigt."
"Möglicherweise besser als Sie."
"Wieso, war Sie hier?", fragte Squall aufgeregt.
"Mein lieber Squall; Sie wissen doch genauso wie ich, dass dieser Ort hier der Letzte wäre, zu dem meine Tochter käme, wenn sie in Schwierigkeiten stecken würde", antwortete Carway. "Wie kommen Sie eigentlich darauf, dass Sie in Deling ist?"
"Wir sind ihrer Spur gefolgt. Wir kamen zu dem Schluss, dass ihr Verschwinden eventuell etwas mit ein paar Artefakten zu tun hat..."
"Ah, der mysteriöse Kunstdiebstahl."
"Aber ich glaube nicht mehr, dass es etwas damit zu tun hat."
"Es hat vielleicht mehr zu tun, als sie denken. Sie haben doch sicher schon mal von Volunt gehört."
Schon wieder dieses Metall. Squall nickte.
"Ich kenne die Geschichte von Ezkume", sagte Squall.
"Was Sie vermutlich nicht wissen, ist, dass Präsident Deling mit den Anti-Adells versucht hat, eine Allianz zu schmieden. Er tat es wohl kaum aus Nächstenliebe, wie Sie sich denken können. Sondern er fand einfach, dass man Esthar von verschiedenen Fronten aus angreifen müsse. Und am besten gewinnt man einen Krieg, in dem man den Gegner von innen heraus besiegt."
"Haben sich die Anti-Adells darauf eingelassen?", fragte Squall.
"Nun, das Geld kam sehr gelegen. Und dann stieß Deling auf Ezkumes Arbeit. Die DEFTAA, in Wahrheit eine Organisation, die Bodenschätze für die Waffenproduktion erforschen sollte, ist kurz vorher auf Volunt gestoßen. Und mit Ezkumes Methode wäre Deling in der Lage gewesen, eine Waffe zu bauen, die Magie absorbiert. Die perfekte Waffe gegen eine Hexe. Aber Ezkume war ein moralischer Mann. Er hat nicht eingewilligt. Obwohl ihnen Deling sogar das geboten hat." Carway zeigte auf einen Apparat auf seinem Tisch.
"Was ist das?"
"Das nennt man ein Telefon. Es ist ein veraltetes Kommunikationssystem. Natürlich fragen Sie sich, warum eine Rebellengruppe alte Kommunikationssysteme benötigt. Ganz einfach: Heutzutage ist man nur noch in der Lage, moderne Kommunikation zu überwachen. Telefone abhören ist etwas, was nicht mehr gebraucht wird. Genauso wie Funk. Aber das war Delings Kriegsvorteil. Er hatte Systeme, die so alt sind, dass sie nicht mehr zu überwachen sind."
"Und, hat Ezkume zugestimmt?"
"Offiziell nicht. Die Tatsache, dass Adell die Rebellen aufgespürt hat, spricht dagegen. Aber es gibt natürlich sehr viele Gerüchte. Aber deswegen sind wir nicht hier."
"Ja genau, was ist mit Rinoa?"
"Die Hexenstatue...der Stein hatte ebenfalls Spuren von Volunt in sich. Und mich würde es nicht überraschen, wenn das Artefakt, zu dem der Stein geworden ist, ebenfalls aus Volunt besteht."
"Tut es", bestätigte Squall.
Carway lächelte.
"Die interessante Frage ist doch: Woher kommt das Metall? Wissenschaftler sagen, es käme aus der Centra Ära. Es gibt aber Leute, die sagen etwas anderes."
Carway machte eine kurze Pause. Worauf wollte er hinaus, fragte sich Squall.
"Haben Sie schon mal von Aomes Trianirea gehört?"
Squall schüttelte den Kopf.
"Sie tauchte das erste Mal vor ein paar Jahren auf. Eine Person, die wir bis heute nicht kennen, sammelte Menschen um sich herum. Er prophezeite ihnen angeblich religiöse Botschaften. Nach den Kriegen herrschte unter den Menschen ein richtiger Wunsch nach Offenbarung. Bald hatte er eine beachtliche Mitgliederzahl zusammen. Diese Sekte nannte sich Aomes Trianirea."
"Aomes Trianirea... Eine Ahnung, was das bedeutet?"
Carway schüttelte den Kopf.
"Klarer ist wohl die Bezeichnung der Mitglieder: Hyniten. Sie kennen doch das Märchen von Hyne, oder?"
Bereits das zweite Mal innerhalb kürzester Zeit, dass dieser Name fiel. Wollte Carway ihm etwa das gleiche sagen wie Niida?
"Ja, es ist ein Kindermärchen. Hyne war der Schöpfer. Er hat die Welt aus dem Nichts erschaffen. Nach einer Weile war er so erschöpft, dass er schlafen musste. Also schuf er Wesen, die einen Teil seiner Kraft bekamen: Die Menschen. Dann schlief er mehrere tausend Jahre. Als er aufwachte, war so enttäuscht darüber, wie sich die Menschen entwickelt haben und wollte sie auslöschen. Doch die Menschen begannen Krieg gegen ihn und haben gewonnen. Doch Hyne hat einer Linie von Menschen seine Macht vererbt: Diese sind heute als 'Hexen' bekannt. Die sterbliche Hälfte ist dann gestorben und..."
"...die unsterbliche Hälfte kann überall sein. Sogar in diesem Raum", schloss Carway grinsend und fuhr dann fort.
"Ja so ähnlich soll's gewesen sein. Wie auch immer. Diese Sekte sieht darin mehr als ein Märchen. So glauben sie daran, dass z.B. auch Volunt und die Artefakte von Hyne geschaffen worden sind."
"Ja, mir hat jemand erzählt, man nennt Volunt auch das 'Blut Hynes'", sagte Squall.
"Die Tatsache, dass sich die Artefakte vor ein paar Tagen selbst entsiegelten, gab dieser Gruppe von Leuten um ihren dubiosen Anführer natürlich kräftig Rückenwind", sagte Carway.
Squall dachte nach. Er fragte sich, wohin Carways Märchenstunde führen sollte
"Das ist eine nette Geschichte, aber ich weiß nicht, wohin die führen sollte", sagte Squall ungeduldig.
"Squall. Nichts ist so, wie es scheint. Merken Sie sich das."
"Und was hat das mit Rinoa zu tun!?"
"Heute habe ich von der Sekte eine Nachricht bekommen..."
Carway war auf einmal sehr ernst. Es schien, als ob er nun an dem Punkt war, weswegen er Squall dies alles erzählt hat. Ihm fiel auf, dass Carway mit einem Zettel in der Hand rumspielte. Da war etwas Rotes auf dem Zettel... getrocknetes Blut?
Carway begann zu stocken. Fast meinte Squall so etwas wie Tränen in seinen Augen zu sehen. Ihm überkam eine dunkle Vorahnung.
"Sie sagten mir... dass... Rinoa... von ihnen... dass sie tot ist!"
Die schlimmste aller Ahnungen. Die Ahnung, die ihn verfolgt hat, seitdem er aufgebrochen war, um Rinoa zu suchen. Squall merkte, wie er am ganzen Körper anfing zu schwitzen. Er spürte sein Herz klopfen. Seine Muskeln spannten und entspannten sich in unregelmäßigen Abständen. Er fühlte seine Zunge am Gaumen kleben. Trotzdem konnte er noch ein paar Worte raus bringen.
"Wie können Sie ihnen nur glauben!"
"Dieser Zettel hier ist der Beweis. Auf ihm klebt Blut, das eindeutig von Rinoa stammt!"
"Sie könnten sie auch nur verletzt haben!"
"Herrgott, Squall, warum sollten die das tun?"
"Was weiß ich!", schrie er. "Wie kann Sie das nur so kalt lassen! Sie war Ihre Tochter."
"Das lässt mich nicht kalt. Doch was soll ich tun? Ich kann nichts daran ändern. Und Sie auch nicht!", schrie Carway zurück.
Squall hasste alles an ihm. Die Schwäche in seiner Stimme, das Zittern seiner Muskeln. All diese Verlogenheit dieses Mannes. Und er hasste sich selbst. Er hatte versagt. Er hat sie verloren.
"Sie haben Unrecht!", schrie Squall Carway ein letztes Mal an, drehte sich um und rannte die Treppe runter, nichts ahnend, dass er soeben Carway das letzte Mal lebend gesehen hatte...
Irgendwie hatte er es geschafft, alleine aus der Villa zu finden. Er rannte durch die kühle Abendluft. Er rannte über Straßen, über Felder, durch Parks. Was sollte er tun? Was konnte er tun? Er stolperte. Er fühlte den kalten Matsch, als er auf den feuchten Boden aufkam. Dann fühlte er einen Tropfen: Es fing an zu regnen. Bald fühlte er, wie sich ein Schauer über ihn ergoss.
Schon nach kurzer Zeit konnte er nicht mehr unterscheiden, was davon Regen und was davon seine Tränen waren...
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