Die grelle Mittagssonne warf ihre Strahlen auf den Ozean, dessen Wellen sie mit einem Glitzern zurückwarfen. In diesem Gewässer, nahe dem Tor zum Paradies, einer Insel, auf der die legendäre Stadt Toromia erschienen war, drehte ein Schiff der Weißen SEEDs seine Runden, um der geschwächten SEED-Einheit Protokolle und Berichte über das Vorgehen auf der Insel zur Verfügung zu stellen. Gewöhnlich war es in Trabia kalt, auch im östlichen Waldgebiet herrschten stets niedere Temperaturen. Doch am Deck des Schiffes, das von der Sonne aufgeheizt wurde, war es angenehm.
Thon döste genüsslich auf einem Liegestuhl vor sich hin. Sein Gesicht hatte er mit einer Zeitschrift bedeckt - der "Girly Times", einem unanständigen Magazin - um ein Nickerchen machen zu können. Vor fünf Jahren wurden er und sein Freund Watts von den Weißen SEEDs gerettet, als sie auf der Flucht vor Galbadia-Soldaten waren, die es auf die Waldeulen abgesehen hatten. Begeistert von der Schifffahrt beschlossen die beiden, weiterhin mit den Weißen SEEDs die Welt zu umsegeln. Diese hatten natürlich nichts dagegen, denn endlich konnten sie sich voll und ganz auf ihre Pflichten als SEEDs konzentrieren und mussten sich nicht mehr von lästigen Aufgaben wie Deck-Schrubben, Kochen oder das Reinigen der Toiletten aufhalten lassen. Niemand rechnete an diesem Tage damit, dass Abwechslung in ihren Alltag kommen sollte. Allerdings rechneten sie, in Anbetracht der momentanen Geschehnisse auf der Welt, damit, dass es in absehbarer Zeit zu einem Gefecht kommen würde...
Der Kapitän, der gleichzeitig der Anführer dieser kleinen Einheit von Weißen SEEDs war, ging auf Thon zu und weckte ihn so unsanft auf, dass das Heft mehrere Meter weit weggeschleudert wurde. Thon blickte verwirrt auf.
"Wa?!"
"Was glotzt du so dämlich?", schnauzte der Weiße SEED. "Du sollst die Gegend im Auge behalten und nicht pennen. Was wenn sich die Sekte anschleicht?"
"Die sind doch bis jetzt immer mit dem Garden gekommen", antwortete Thon verdutzt und streckte sich. "Sie werden heute wohl was anderes vorhaben, sonst wären sie schon hier."
"Wahrscheinlicher ist, dass sie uns entdeckt haben. Wir hätten uns besser wo verstecken sollen, und warten, bis sie hier auftauchen", sagte der Kapitän und warf einen Blick auf das Meer. Er schien gerade nachzudenken, als Quistis aus einer Kajüte kam. Inzwischen ging es ihr wieder bestens. Die SEEDs hatten sie auf das Schiff gebracht, weil sie meinten, sie wäre dort sicherer.
"Wir haben soeben eine überraschende Entdeckung gemacht", begann Quistis. Der Kapitän sah sie erwartungsvoll an. "Genau unterhalb von uns befindet sich ein gigantisches Konstrukt. Es könnte sich um eine Stadt handeln..."
"Was!?" Der Kapitän beugte sich weit über die Reling, konnte aber nichts erkennen.
"Von hier oben sieht man aber nichts. Glaubst du, dass es zu Toromia gehört?" Quistis zuckte die Schultern. Sie starrte auf den Ozean und musterte die Wellen. Der Kapitän folgte ihren Blick. Das Gewässer wurde unruhig. Jeder dachte in diesem Moment dasselbe: Wird es etwa auftauchen?
"Mist! Sofort Backbord!", brüllte er.
"Was ist los?", fragte Watts nach, der gerade aus einer Luke, die in eine Kammer führte, kletterte. Das Schiff begann im selben Moment zu vibrieren.
"Scheiße! Was ist das?" Thon sprang erschrocken auf. Quistis und der Kapitän eilten in das Achterdeck. Watts deutete, in den Aussichtsturm zu gehen. Thon folgte ihm. Das Vibrieren wurde immer stärker, die Wellen schlugen immer höher. Dann begann das Schiff abzudrehen.
"Sieh dir mal das an, Watts! Da kommt was hoch."
Das Schiff der Weißen SEEDs fuhr aus dem Zentrum der Wellen heraus. Man konnte deutlich erkennen, dass sich etwas Gigantisches aus den Tiefen des Ozeans erhob. Die Spitze des Konstrukts ragte aus dem Wasser. Die Wellen brachten das Schiff zum Wanken. Wasser spritzte in die Decks, die Weißen SEEDs brachten sich in Sicherheit.
"Mir ist schlecht", sagte Thon. Es gab einen gewaltigen Schubs und schon lagen er und Watts auf dem Boden. Als sie erneut einen Blick aus dem Fenster warfen, sahen sie ein riesiges Bauwerk, welches das Gewässer zur Seite drängte.
"Das ist der Trabia-Garden!", stellte der Kapitän verblüfft fest. Nach dem kurzen Augenblick des Erstaunens wurde es wieder allen bewusst: Aomes Trianirea besetzte den Garden. Aomes Trianirea würde sie angreifen!
"Seit wann kann das Ding tauchen?"
"Du bist ein Weißer SEED und weißt das nicht? Los, wir haben keine Zeit!", sagte Quistis und wollte abhauen. Der Kapitän sah sie ratlos an. "Wir haben keine Chance gegen die Sekte. Wir müssen fliehen!" Der Weiße SEED nickte und gab die Durchsage an, das Schiff mit den Rettungsbooten zu verlassen. Quistis eilte aus dem Raum. Der Kapitän warf einen Blick zum Garden und sah, wie die ersten Hyniten zu entern begannen.
Draußen angekommen sah man die Weißen SEEDs, wie sie die Boote hektisch ins Meer ließen. Doch die Flucht sollte nicht so einfach werden. Das erste Dutzend Sektenkrieger war bereits geentert und griffen die Weißen SEEDs an. Quistis und der Kapitän machten sich bereit, doch als sie sahen, dass erneut ein paar dutzend Hyniten ankamen, beschlossen sie jeder Konfrontation aus dem Weg zu gehen.
"Wir sind nur 16 Mann! Sie werden uns vernichten!", rief der Kapitän verzweifelt. Schnell versteckten sich er und Quistis in einem Lagerraum und sahen deshalb auch nicht, wie Derco, ein Mitglied des Triumvirats, mit einem gewaltigen Satz auf dem Schiff landete, nachdem er bereits in der Luft zwei Weiße SEEDs niedergemäht hatte. Ein dritter rannte auf ihn zu, doch auch dieser wurde von Derco durch einen gewaltigen Hieb mit Waffe ausgeschaltet und ein paar Meter, über die Reling, nach hinten geworfen.
"Beeil dich!", befahl Thon panisch, als die Schreie und Schüsse auf dem Deck immer zahlreicher wurden. Watts ließ so schnell er konnte das Motorboot runter. Man hörte oberhalb einen Schrei, dann landete plötzlich die Leiche eines Weißen SEEDs auf dem Boot. Reflexartig warf Thon sie ins Meer. Sein Gesicht war weiß. Unbewusst sah er zu den benachbarten Rettungsbooten, wo flüchtende SEEDs von Sektenmitgliedern abgeschlachtet wurden. Die Seile rissen und die anderen Boote kippten ins Wasser, mit ihnen die Hyniten und Weißen SEEDs.
"Geschafft!", schnaubte Watts, nachdem das Rettungsboot heil ins Wasser gelassen wurde. Plötzlich sprang einer von Aomes Trianirea ins Boot. Die beiden Freunde schrieen kurz auf, als der Angreifer mit seinem Schwert ausholte. Im letzten Moment sprang Quistis von oben runter und schmiss den Feind mit einem kraftvollen Tritt ins Wasser.
"Weg hier!", befahl Quistis, worauf Thon schnell den Motor anwarf. Plötzlich wurde von oben ein Seil runter geworfen. Der Kapitän hatte es befestigt.
"Boss! Komm endlich!", brüllte Thon. Der Kapitän, gefolgt von zwei Weißen SEEDs, wollte gerade runterklettern, als sie plötzlich von hinten attackiert wurden. In einem kurzen Gemetzel starben seine beiden Kollegen, er selbst fing einen Schuss ab.
"BOSS!", schrieen Thon und Watts, als Quistis hektisch Gas gab, um der verlorenen Seeschlacht zu entkommen. Der Kapitän warf einen letzten Blick auf das Boot. Hinter ihm näherte sich Derco und hob seine blutbefleckte Hellebarde. Thon und Watts sahen aus der Ferne, wie Derco mit einem weit ausgeholten Schlag den Kopf ihres Kapitäns, mit dem sie fünf Jahre gereist waren, abschlug...
"Warum tun Menschen nur so etwas?", fragte Squall, während er mit dem Rücken auf einer großen kahlen Wiese lag und den Sternenhimmel ansah.
"Was meinst du?", fragte Alphega, der über ihm stand.
Squall erhob sich.
"Warum morden Menschen? Warum tun sie all diese schrecklichen Dinge?", fragte Squall.
"Wieso hast du gemordet, Squall? Bist du bis heute in der Lage, dein Schwert beiseite zu legen?", fragte Alphega zurück.
Squall stand auf und sah Alphega in die Augen.
"Es war notwendig um zu überleben", sagte Squall dann.
"Du überlebst, weil andere sterben... und so kannst du weiterleben? Was ist mit deiner Zeit bei der Sekte? Trotz der Manipulation warst du es immerhin. Für deine Opfer von damals spielte das alles keine Rolle. Dein Gesicht war das letzte, was sie sahen, bevor ihnen der Geist ausgehaucht wurde", sagte Alphega.
Squall senkte den Kopf und sagte schließlich fast kleinlaut:
"Tut mir Leid."
"Es ist in Ordnung. Lerne daraus. Deswegen bist du hier", meinte Alphega.
"Ich denke nur, dass die durchschnittlichen Kinder von heute eigentlich nur friedlich vor sich hin leben wollen. Sie wollen keinen Krieg. Wieso werden aus ihnen solche Monster?"
"Zuallererst, die Monster dieser Welt waren keine durchschnittlichen Kinder. Zweitens sind diese Monster in der Minderheit. Die Menschen lassen sich nur von dieser Minderheit kontrollieren. Drittens wird in der Tat niemand böse geboren. Ihr seid zwar alle mit unterschiedlichen Chancen auf dieser Welt, durch Aussehen und durch Fähigkeiten oder einfach durch den Ort und den Zeitpunkt eurer Geburt. Dennoch seid ihr nicht von Grund auf böse. Wie gesagt, wenn jemand wirklich seinen Platz finden will, hat auch der Mensch, der unter schlimmsten Voraussetzungen geboren worden, eine Chance. Sieh deinen Freund Cifer an", erklärte Alphega.
"Hat Hyne etwa auch eine Chance?", fragte Squall skeptisch.
Alphega seufzte. Anscheinend schien ihn diese Frage schwer zu belasten.
"Hyne... ist kompliziert. Lass mir dir seine Geschichte erzählen. Ich, Alphega, als der Ur-Zhaban, bin das Sein schlechthin. Alle folgenden Zhabanen gingen aus mir hervor und spezialisierten sich bereits und bildeten die Grundlagen für alles Weitere. Wie ein Baum mit einem Stamm und vielen Ästen. Hyne war der Zhaban der Liebe", sagte Alphega.
Squall sah ihn überrascht an.
"Es klingt kitschig, aber er war natürlich nicht die Liebe selbst, lediglich die Ursubstanz aus der später Liebe werden konnte. Hyne wollte nicht bloß zur Unfähigkeit verdammt sein. Er gab vielen Lebewesen seine Kraft, aber er spürte nie ihre Freude, ihre Liebe. Eines Tages brach er seinen Schwur und verließ seinen Platz. Er reiste weit, denn er wollte etwas ändern. Der Platz, dem ihm zugewiesen war, dieser Platz gefiel ihm nicht. Er war der Meinung, dass sich jeder seinen Platz aussuchen sollte. Schau, Hyne kann nicht fühlen. Er ist ein astrales Wesen ohne wirkliche Gefühle. Doch er ist aufgebrochen, UM zu fühlen. Sein höchstes Ziel war, echte Gefühle zu verspüren", sagte Alphega.
Squall dachte nach.
"Das ist sehr verständlich", meinte er schließlich.
"Ein Zhaban hat nicht zu fühlen", sagte Alphega plötzlich aggressiv.
"Hyne wollte nur seinen Platz selbst bestimmen! Das ist nicht falsch!", rief Squall.
"Squall, hast du Mitleid mit ihm?", fragte Alphega spitz.
"Nein... aber dieses Wesen, von dem du mir gerade erzählt hast... dies ist nicht der Hyne, den ich kenne, der zynisch und bösartig ist", sagte Squall.
"Wie auch immer... Hyne kam auf diesen Planeten. Er nahm den Teil von Alphega mit, der zu ihm gehörte. Er beobachtete die Einheimischen, eine Rasse, die ihr Shumis nennt. Naive aber seelenlose Wesen, die in Harmonie mit der Natur lebten. Es war friedlich und harmonisch. Die Shumis würden nicht lange leben. Sie waren eine kleine Spezies, die irgendwann wieder aussterben würde.
Hyne beobachtete sie und war fasziniert. Doch irgendwann wollte er mehr. Er wollte mit ihnen reden. Er experimentierte etwas herum und schuf sich einen Körper. Er war nicht mehr, als eine leuchtende Kugel, aber er konnte kommunizieren. Eines Tages spielte sich dann folgende Szene ab", sagte Alphega und wedelte mit seiner Hand rum.
Mitten in der Luft erschien eine Art Loch. In ihr sah man etwas... ein kleiner Shumi rannte etwas ziellos durch eine Höhle...
"Hallo? Hört mich jemand. Ich habe mich verlaufen", piepste der kleine Shumi.
Sein Gesicht war ausdruckslos, doch die Weise, wie er seinen Kopf bewegte, zeigte, dass er sehr unsicher war.
"Huhu? Wo seid ihr?", rief er.
"Hast du dich verlaufen?"
Der kleine Shumi wirbelte mit dem Kopf herum. Hinter einem Felsen kam etwas hervor... Squall kannte das. Es war die Essenz Hynes, die er am Waisenhaus gesehen hatte. Sie wirkte jedoch... schöner und ruhiger.
"Wer bist du?", fragte der Shumi.
"Ich bin weit gereist und wohne in dieser Höhle", antwortete Hyne.
"Hm... hast du dich auch verlaufen? Wir können den Ausgang zusammen suchen", schlug der Shumi vor.
"Lass mich dir den Ausgang zeigen", erwiderte Hyne.
Das Licht flackerte etwas und ein paar Steine wurden beiseite geschoben.
"Oh, danke, Fremder... aber... was bist du? Du siehst nicht aus wie der Älteste", sagte der Shumi.
"Hm... nein. Ich bin auch etwas älter als der Älteste, fürchte ich", lachte Hyne.
"Komm doch mit und erzähl uns deine Geschichten von deinen Reisen", schlug der Shumi vor.
"Was? Äh... nein, ich denke, ich bleibe hier. Deine Geschwister fürchten sich vielleicht vor mir... aber lass mich dir ein Geschenk geben. Du bist so ein nettes Wesen, ich möchte dir was zeigen. Ihr habt etwas Besseres verdient als dieses kleine öde Leben", sagte Hyne.
"Du willst mir was schenken? Was denn?", fragte der Shumi neugierig.
"Die Liebe", gab Hyne zurück. Das Licht leuchtete heftig auf.
Das Loch verschwand. Alphega sprach wieder:
"Dieser kleine Shumi war somit der erste Mensch. Er hatte die Fähigkeit zu fühlen erhalten und auch eine genetische Veränderung. Seine Nachkommen veränderten sich langsam und passten sich der Umwelt an und nach Tausenden von Jahren sahen dann irgendwann die Shumis aus wie die heutigen Menschen. Ein paar Shumis haben sich jedoch abgesondert und leben bis heute friedlich in der Erde.
Mit der Liebe kam aber auch Hass und Neid auf die Welt. Die Menschen wurden größer als es ihnen erlaubt war. Obwohl Hyne mit seiner Tat im Widerspruch zu seinem Platz handelte, standen die Menschen nicht im Widerspruch zum Universum. Die einzige Grenze ist die Grenze des Vorstellungsvermögens, wie du weißt. Deswegen wurden die Menschen auch nicht ausgelöscht, sondern existierten weiter, obwohl sie auf sehr ungewöhnliche Art und Weise hervorgingen.
Jedoch machte Hyne einen großen Fehler!"
"Welchen?", fragte Squall neugierig.
"Er machte sich nicht die Mühe, die Entwicklung anzusehen, sondern meditierte über Äonen. Erst als er selbst fand, das Ergebnis der Mutation sei eine Betrachtung würdig, wachte er auf. Vermutlich hatte er vorgehabt, sich zum König der Menschen zu machen, um den anderen Zbabanen zu zeigen, was er, Hyne, alles erreicht hatte. Als er erwachte, erwartete ihn jedoch eine riesige Enttäuschung.
War er bei Betreten des Planeten das weiseste Wesen gewesen, war er nun das Dümmste. Denn die Menschen haben ihre neue Fähigkeit zu nutzen gewusst und haben ihn überflügelt. Sie liebten ohne Ende und entwickelten sich. Hyne sah somit in sein eigenes Gesicht, in seine eigene Schöpfung, aber sah auch, wie kompliziert das Leben war. Er sah Neid, er sah Hass, er sah Liebe und Hingebung. Dies war etwas, was jenseits seiner Vorstellungskraft gelegen hatte. Er war neugierig und wollte mehr wissen. Er besetzte einen Menschen und mischte sich unter sie.
Er konnte mit der neuen Welt nichts anfangen. Er sah überall sein eigenes Gesicht, er sah das, was er erschaffen hatte. In gewisser Weise liebte er die Menschen, wie er sich selbst liebte und schätzte. Er liebte seine Schöpfung, doch seine Schöpfung liebte ihn nicht. Sie brauchten ihn einfach nicht mehr.
Und da begann Hynes Fall. Er überredete mich, er wolle seinen Fehler korrigieren und zurück zu den anderen Zhabanen zurückkehren. Ich stimmte zu. Er überwältigte mich und experimentierte aus Hass mit dem Nichts und erschuf sich einen bestialischen Körper. Er vernichtete systematisch die Kinder der Menschen, um diese undankbare Schöpfung auszurotten. Mit anderen Worten. Er vernichtete sich, denn er konnte nicht akzeptieren, dass sich seine Schöpfung selbständig gemacht hatte. Doch dann geschah etwas Unvorhergesehenes.
Als seine Macht gewachsen und er zum Urmonster Alphega herangereift war, traf er auf jemandem, der so stark und weise war wie er, der genau wie er selbst als Außenseiter aufgewachsen war; er traf sein menschliches Ebenbild, er traf auf Zebarga.
Dieser Mann hatte die Kraft, Hynes direkte Nachfolgerinnen, die Hexen, auf seine Seite zu ziehen und kämpfte die große Schlacht gegen Hyne und vernichtete ihn schließlich.
Und dann hat Hyne sich selbst verraten. Er wusste, er war besiegt und kurz vor der absoluten Handlungsunfähigkeit. Deswegen spaltete er sich auf. Seine Leidenschaft, seine Magie wurde zu den Lacrimas und den Bestias, sein Hass zu den Monstern. Alles, was noch gut an ihm war, der idealistische Teil, wurde im Tempel des Alphega versiegelt. Dieser Teil war voller Reue über seine Taten und ließ sich bereitwillig versiegeln. Der zerstörerische Teil personifizierte sich und besetzte Zebarga.
Doch auch die anderen Teile von Hyne entwickelten ein Eigenleben. Das beste Beispiel ist dein Freund Fibrean Copper, der ein eigenes Leben führte. Hyne hat eben nie begriffen, dass er nur der Ursprung sein würde und dass das Leben sich weiterentwickelt. Es gibt heute gute und böse Hexen, es gibt friedliche Monster und es gibt böse Shumis. All das unterliegt nicht seiner Kontrolle und damit konnte er sich nie abfinden. So positiv und dumm sein Vorhaben auch war, er hat sich selbst zum Monster gemacht und..."
Alphega brach ab.
"Was ist?", fragte Squall.
"Squall, wach auf. ER ist hier. Hyne beobachtet uns. Schnell, wach auf!", schrie Alphega.
Squall sah sich hektisch um, als wolle er eine Tür entdecken, die ihm den Weg zur Realität wies.
Aufwachen, aufwachen, aufwachen... sein Körper bewegte sich im Bett.
"Wach auf! Reiß die Augen auf!", schrie Squall...
Squall sprang schnaufend auf. So gewaltsam hat er sich noch nie von einem Traum losgerissen, dachte sich Squall und stand auf. Nachdem er sich beruhigt hatte, verließ er das Zimmer.
Als er die Brücke erreichte, wusste er sofort, dass etwas passiert war. Quistis war zusammen mit zwei jungen Männern anwesend. Nach einem kurzen Grübeln konnte Squall sich wieder an sie erinnern. Es waren Thon und Watts von den Waldeulen.
"Was ist passiert?", wollte Squall von Niko wissen, der gerade mit einem desinteressierten Blick an ihm vorbeimarschierte. Er sah Squall kurz an.
"Prokylta... mich... rufen... "
Squall fühlte dieses seltsame Rauschen in seinem Kopf. Es fühlte sich grässlich an. Er fasste sich mit beiden Händen fest an den Kopf, bis es wieder vorbei war. Er war sich sicher, dass das Nikos Gedanken waren und drehte sich noch einmal nach ihm um. Er verließ gerade die Brücke. Gleichzeitig betrat Rinoa diese. Sie wollte etwas zu Squall sagen, doch als sie Thon und Watts sah, galt ihre Aufmerksamkeit den beiden.
"Warte bitte einen Moment...", sagte Rinoa.
"Ich muss ohnehin mit Edea sprechen. Ihr habt euch sicher viel zu erzählen", meinte Squall und ging zum Ausgang. Bevor er die Brücke verließ, warf er noch einen Blick auf Rinoa. Sie wirkte etwas angespannt.
Während Quistis, die trotz des Vorfalls fast vollständig genesen war, Xell und den anderen Bericht erstattete, sprach Rinoa mit Thon und Watts. Die Stimmung war gedämpft. Jeder war noch von den vielen Ereignissen der letzten paar Wochen gezeichnet.
"Wir wissen nicht wie's weitergeht. Wir hoffen, dass wir eine Weile hier bleiben können. Sonst können wir ja nirgends hin", erklärte Watts.
"Es freut mich aber, euch wieder mal zu sehen, auch wenn die Umstände nicht gerade die schönsten sind", sagte Rinoa und versuchte zu lächeln. Thon und Watts taten es ihr gleich.
"Wie geht's deinem Magen, Thon?", fragte Rinoa schließlich.
"Bestens."
Einen Moment Stille.
"Und was machst du so, Watts?"
"Ich helfe den Weißen SEEDs ein bisschen. Na ja, ich habe geholfen", seufzte Watts. Rinoa nickte. Sie hatte nicht oft an die beiden gedacht. Jedes Mal, wenn sie an Thon und Watts dachte, musste sie an die Verbrechen denken, die ihre Mutter begangen hatte. Julia tötete die Kollegen von Cid und Edea, sie tötete die Eltern von Thon und Watts. Der Freund ihres Onkels nahm die beiden bei sich auf. Es war erstaunlich, wie sie alle miteinander verbunden waren. Nein, es war schrecklich, dachte sich Rinoa. Das was sie gemein hatten waren die Verluste, die auf Prokyltas Rechnung gingen.
"Unsere Gegenspielerin ist Prokylta... Sie wird für ihre Taten bezahlen."
"Ist es wahr, dass sie deine Mutter ist?"
"Ja...", antwortete Rinoa leise. "Wisst ihr eigentlich noch, was mit euren Eltern war?"
"Was meinst du mit 'was mit unseren Eltern war'?", fragte Watts nach.
"Nichts. Egal."
Rinoa wollte es ihnen doch nicht sagen. Es würde einen besseren Augenblick geben...
Squall setzte sich auf den Sitz gegenüber von Edea, die sich gerade im Meditationsraum etwas entspannte. Es war außer den beiden niemand sonst anwesend.
"Kann ich etwas für dich tun?"
"Es geht um Niko", meinte Squall. "Ich habe den Verdacht, dass er..."
"Ja, ich weiß, was du meinst." Squall sah Edea überrascht an. "Es war meine Idee. Ich habe Niko den Auftrag erteilt, bei der Sekte als Spion zu arbeiten."
Mehr als ein "Aha!" brachte Squall nicht raus. Edeas Vertrauen in Niko ist wohl unerschütterlich, dachte er sich.
"Uns gehen die Ideen und Mittel aus, um es mit der Sekte aufzunehmen", erklärte Edea. "Niko wird, sobald die Sache mit den Weißen SEEDs geklärt wurde, seine Mission kundtun. Wir werden uns dann mit unseren engsten Vertrauten dort versammeln, damit wir dann alles klären können."
Xelto betrat die Garderobe und setzte sich seufzend hin. Gewöhnlicherweise war dieser Raum immer leer und deshalb wie geeignet, um alleine zu sein. Er lehnte den Kopf an die Wand und schloss die Augen. Dann hörte er ein Husten. Auf der Eckbank saß ein kleiner Junge, den er vorhin nicht bemerkt hatte. Der Junge schaute auf den Boden und wippte mit seinen Beinen. Wenn er sich nicht täuschte, dachte Xelto, dann hatte er doch vor kurzem diesen Jungen aus dem Garden gerettet. Soweit er sich erinnern konnte, hieß er Nimbley.
"Was machst du hier?", fragte Xelto schließlich.
"Mir ist langweilig."
"Gehört das dir?", wollte Xelto wissen und deutete auf ein Spielzeug, das am Boden lag.
"Jap."
"Und warum spielst du nicht damit?"
"Keine Lust", antwortete Nimbley.
"Achso." Xelto wollte gerade aufstehen, als er und Nimbley Gesellschaft bekamen. Nimbleys Bruder Dario kam herein und schaute sich um. Xelto wusste sofort, dass sie Brüder waren, als er die Ähnlichkeiten sah. Kurz glaubte er, in den beiden bekannte Gesichter zu erkennen, konnte sich aber nicht erklären, wieso. Dario sah Xelto und wurde leicht rot, als er sich zu Nimbley wandte.
"Mama hat gesagt, du sollst endlich baden und deine Spielsachen wegräumen!"
"Ich will aber nicht!", gab Nimbley gereizt zurück. Dario lächelte verlegen.
"Ich weiß! Brüder... Hihi", sagte er zu Xelto. Xelto grinste zurück, was Dario dazu veranlasste, sich zu Nimbley zu setzen.
"Bist du nicht Xelto Goodsworth, der uns vor ein paar Tagen gerettet hat?"
"Ja."
"Ist es wahr, dass du der Bruder von Niko bist?", wollte Dario wissen. Xelto schnaubte kurz.
"Leider..."
"Dann bist du auch der Bruder von Niida?", fragte Nimbley.
"Wie kommst du darauf? Bloß weil wir den selben Nachnamen haben?"
"Du siehst genau wie er aus", behauptete Nimbley fest. Xelto bekam dieses flaue Gefühl im Magen. Der Junge kannte also Niida.
"Wenn Niida Unterstufendienst hatte, dann hat er uns immer Geschichten vor dem Schlafengehen erzählt. Die waren total komisch, ganz anders als die von Mama. Immer irgendwas mit Kojo-Kojo, Mr. Monkey und diesem Ring des Salomon. Aber irgendwie auch total cool. Er war immer sehr nett zu uns", erzählte Nimbley.
"Dann ist es wohl ein anderer Niida", schloss Xelto, sodass Nimbley sich nicht mehr zu erwidern traute. Xelto kam sich in diesem Moment komisch vor. Sogar dieser Knirps wagte es, über seine Familie zu sprechen. Es war wohl an der Zeit zu gehen.
"Warte mal!", rief Dario.
"Was willst du?"
"Du hast uns gerettet, du bist ja so was wie ein Held. Kannst du Nimbley sagen, dass er wieder richtig essen soll? Er hört auf niemanden und isst so wenig..."
"Ich bin auch nicht so eine Fettwanst wie du!", brüllte Nimbley. Xelto biss sich auf die Lippen und ging zur Tür.
"Wenn du ein Kämpfer werden willst, dann musst du essen", meinte Xelto.
"Ich will aber kein Kämpfer werden!" Danach war es still, also konnte er endlich gehen, dachte sich Xelto. Dann drehte er sich aber noch einmal um.
"Pass auf deinen kleinen Bruder auf", sagte er lässig und verließ mit einer leichten Röte und einem fast verborgenen Gefühl der Wärme die Garderobe.
Man hatte beschlossen, Thon und Watts in der Terra unterzubringen. Nachdem Quistis mit der Berichterstattung fertig war, versammelten sich die SEEDs und ihre Mitstreiter auf der Brücke, wo Niko sein Vorhaben erläutern sollte. Der Kreis der engsten Vertrauten ist beträchtlich kleiner geworden, stellte Squall fest. Neben Rinoa, Cifer, Niko, Xell, Selphie, Quistis und Irvine waren nur noch Cid und Edea anwesend. Sollte das Luftschiff auch ihre neue Hoffnung symbolisieren, so hatte man dennoch den Eindruck, dass die SEEDs so ziemlich am Ende waren. Aber wahrscheinlich wollte man nur sicher gehen, dass kein Verräter von diesem Plan erfährt.
"Aufgrund der Unfähigkeit des ehemaligen Führungsgremiums des Gardens, dass es nicht geschafft hat, alle Doppelagenten in den Reihen der SEEDs zu beseitigen", begann Niko, ohne dabei Xell anzusehen, der wohl jeden Moment auszuflippen drohte, "werde ich bei der Sekte spionieren, um eventuellen Verräter unter uns identifizieren zu können. Zu diesem Zweck werde ich mit ihr zusammenarbeiten müssen, um mich so schnell wie möglich zu einer Position hochzuarbeiten, in der es mir erlaubt sein wird, ein Register aller Hyniten einzusehen."
"Oh, und du hast den Auftrag bestimmt mit Freude angenommen", sagte Xell wütend. "Klar, wenn man in der SEED-Führung nur mehr einen Scheißdreck wert ist, dann probiert man sein Glück eben wo anders."
"Xell, das reicht", sagte Squall genervt.
"Diese Spionagemission ist von großer Wichtigkeit. Um es mit der Sekte aufnehmen zu können, müssen wir zu denselben Mitteln wie die ihrigen greifen", erklärte Niko unbeeindruckt von Xells Ausbruch.
"Ja, und vergiss nicht, dass du es warst, der uns in den Ruin getrieben hat und wir jetzt überhaupt auf solche Strategien angewiesen sind. Ach was, geh doch! Wenigstens haben wir dann die Gewissheit, dass die Sekte verlieren wird!", brüllte Xell.
"Das hat gesessen", kommentierte Cifer sarkastisch.
"Übrigens bezweifle ich, dass das funktionieren wird. Aber wenn du es unbedingt willst, bitte!", fügte Xell noch hinzu.
"Ich hatte bereits ein Treffen mit Prokylta und es war ein Erfolg. Du siehst, Xell, ich werde nicht scheitern", sagte Niko und löste damit eine Welle von Räuspern und Husten aus. Niko war bei Prokylta? Dann erzählte er weiter: "Hyne bereitet gerade die Aktivierung der letzten Levia-Ebene vor. Das wäre der Stand von unserem letzten Treffen. Inzwischen sollte das Siegel gebrochen sein, deshalb gilt es herauszufinden, was Hyne als nächstes machen wird."
Edea stellte sich zu Niko, bevor die anderen etwas dazu sagen konnten:
"Ich möchte auch noch was hinzufügen... Die Idee stammt von mir." Xell schwieg und starrte etwas beschämt auf den Boden. "Die Essenz der Hexenkräfte verändert sich jedes Mal, wenn sie vererbt werden. Jede Hexe gibt diesen Kräften etwas Individuelles. Artemisia hat sie so individuell beeinflusst, dass ihr Geist auf mich überging, als ihre Kräfte vererbt wurden. Da Hynes Seele, seine Essenz, der Ursprung dieser Kräfte ist, denke ich, dass all seine Wirte, also auch Niida, einen bleibenden Eindruck in seiner Seele hinterlassen haben. Kurz: Ich bin überzeugt, dass Hyne noch weiterhin einen Teil von Niida in sich trägt. Dieser Niida in ihm wird Niko helfen, unerkannt zu bleiben. Niko wurde bereits bei der Sekte aufgenommen. Was als nächstes folgt, ist seine Begegnung mit Hyne. Dann werden wir sehen, ob der Plan funktioniert", sagte Edea und nickte Niko zu.
Dieser schloss seine Augen. Alle schauten gerade zu Edea, als Niko sich plötzlich auf den Kopf griff und zu zittern begann. Schweiß triefte von seiner Stirn. Bevor man sich fragen konnte, was mit ihm los war, verschwand sein seltsames Leiden wieder.
"Prokylta hat mich gerufen", meinte er schließlich. Dann ging er langsam aber entschlossen an den anderen vorbei und verließ die Brücke ohne sich zu verabschieden und ohne auf das "Viel Glück, Niko" von Edea zu antworten.
Das Luftschiff tauchte durch das Wolkenmeer durch und flog etwas tiefer, um Niko raus zu lassen. Squall zog sich in den leeren Konferenzsaal mit der riesigen Windschutzscheibe zurück, um zu sehen, wie Niko mit einem Speeder davon sauste, auf dem Weg zum Feind.
Er hatte noch seine Zweifel, dass es funktionieren würde. Es war schon seltsam genug, dass sich Prokylta täuschen ließ. Bei Hyne würde es noch schwieriger werden. Auf die Wüste starrend bemerkte Squall nicht, wie sich ihm jemand näherte und sich neben ihm an das Geländer lehnte.
"Ich hätte nicht gedacht, dass du noch einmal mit mir sprechen würdest", sagte Squall zum Philosophen ohne ihn anzusehen. Beide beobachteten Niko, der in der Ferne verschwand.
"Alphega hat dir nun erklärt, worüber wir gesprochen haben?"
Squall nickte.
"Ja, wobei ich nicht verstehe, was es mit diesen Fähigkeiten auf sich hat. Warum kann ich plötzlich wie Hyne Gedanken lesen?"
"Das wirst du schon noch erfahren. Alphega wird dich nun immer ein Stück näher zur Wahrheit bringen", antwortete der Philosoph.
"Das klingt aber ganz und gar nicht nach dir", meinte Squall etwas enttäuscht. "War ich etwa so unfreundlich bei unserer letzten Begegnung?" Der Philosoph ließ das Geländer vor dem Fenster los und drehte sich auf seinen Sohlen zur anderen Seite des Raumes.
"Ich bin hergekommen, weil ich mit dir über etwas anderes sprechen wollte..."
"Worum geht's?"
"Um mich..."
Das war etwas Neues. Der Philosoph sprach nie über sich selbst. Squall sah ihn aufmerksam an. "Es ist eigentlich noch nicht an der Zeit, dir das zu sagen, aber du sollst wissen, dass die Wahrheit etwas bitter ist."
"Ich hab schon so einige erschütternde Sachen gehört, also kannst du ruhig auspacken."
"Noch nicht."
Squall seufzte.
"Findest du diese Haltung nicht etwas seltsam?", fragte er den Philosophen.
"Ich möchte den letzten Moment genießen, wo du mich noch normal ansehen kannst, den letzten Moment der Anonymität. Ich...", sagte er.
Er brach ab. Es schien, als würde er etwas hören. Doch es war alles ruhig.
"Sie kommen!", flüsterte er und rannte plötzlich zur Tür.
"Warte!", rief Squall und lief hinterher. Hinter dem Philosophen schloss sich die Tür. Squall drückte mehrmals auf den Knauf, doch die Tür öffnete sich nicht. Verärgert schlug Squall dagegen und hinterließ ungewollt eine gewaltige Delle. Vorsichtig fuhr er mit der Hand darüber, um den Schaden fühlen zu können. Plötzlich krachte es, als die Tür gewaltsam aufgestoßen wurde. Cifer stürmte mit seiner Gunblade rein.
"Squall! Wo ist er?", zischte er und sah sich hektisch um.
"Der Philosoph? Er ist gerade abgehauen. Was soll denn das?" Cifer atmete erleichtert aus, steckte sein Schwert weg und ging auf Squall zu.
"Ist mit dir alles in Ordnung?", wollte er wissen. Squall sah ihn fragend an.
"Was ist passiert?" Cifer ging an Squall vorbei und betrachtete die Delle an der Tür. Dann wandte er sich wieder zu Squall.
"Die Person, die eben hier war, war der Philosoph? Bist du sicher?"
"Ich weiß nicht, was los ist, Cifer, aber ich weiß, was ich gesehen habe."
"Dann sieh dir am besten das an, was WIR vorhin gesehen habe", sagte Cifer in einem todernsten Ton und zeigte auf die Überwachungskamera in der Ecke.
Das Luftschiff Terra besaß einen Kontrollraum mit zahlreichen Überwachungsbildschirmen, die Aktivitäten an allen Ecken des Schiffs anzeigten und aufzeichneten. Squall, Cifer, Rinoa und alle anderen hatten sich in diesem engen Raum versammelt, um sich ein Überwachungsvideo anzusehen. Selphie wählte über den Computer eine bestimmte Videoaufzeichnung aus.
"Ich habe ab und zu einen Blick auf die Monitore geworfen und als ich dann das hier sah, habe ich schnell Hilfe geholt", erklärte Selphie und drückte auf "Play". Sie und Cifer kannten es bereits, also ließen sie vor dem Monitor Platz für Squall. Er sah sofort, dass es sich um die Aufzeichnungen vom Konferenzsaal handelte, wo er vorhin mit dem Philosophen gesprochen hatte. Auf dem Video konnte man Squall gut erkennen, neben ihm stand die Person, mit der er sich unterhalten hatte. Squall glaubte sich zu irren und sah deshalb genau hin.
"Da stimmt was nicht! Das ist nicht der Philosoph!", musste Squall feststellen.
"Squall, das auf dem Video ist..."
"... Aloin...", ergänzte er erschrocken Rinoas Satz. Ihm wurde schlecht. Selphie pausierte und vergrößerte das Bild. Keiner wagte etwas zu sagen. Es bestand kein Zweifel:
"Das da ist Aloin! Das ist nicht der Philosoph! Aber ich habe mit ihm gesprochen, ich schwöre euch!"
"Wir sind ihm alle schon begegnet", sagte Cifer, "und jedes Mal hat uns dieser falsche Hund reingelegt."
"Es war ein Trugbild. Er konnte uns damit täuschen, bei der Technik ist das aber wirkungslos", erklärte Edea. Alle sahen sich das Bild noch mal genau an. Als Squall in Toromia Hyne begegnet war, da sah der Körper von Aloin verändert aus. Gigantisch, mächtig und dämonisch. Dieser Aloin allerdings...
"Das ist Aloin als er noch ein Mensch war", sagte Rinoa. "Da stimmt etwas nicht. Aloin ist Hyne, aber Aloin hat sich verändert. Es kann unmöglich zwei geben."
"Zwei Hynes oder zwei Aloins?", fragte Xell verwirrt.
"Beides..." Während hinter seinem Rücken die wildesten Spekulationen begannen, dachte Squall noch einmal an alle Begegnungen mit den Philosophen. Hyne war ein Monster. Er hielt den Philosophen für einen Menschen.
"Und wieder einmal sind wir die ganze Zeit von unserem schlimmsten Feind zum Narren gehalten worden. Wir sind die reinsten Witzfiguren", bemerkte Cifer ironisch und verließ mit den anderen den Raum. Squall war der letzte, der zur Tür raus ging. Er betrachtete das Amulett, das er vom Philosophen erhalten hatte... verzog seine Lippen und warf es in den Mülleimer...
Im Hauptquartier der Sekte Aomes Trianirea thronte Hyne in einem riesigen und düsteren Saal auf seinem übergroßen Sessel. Vor den drei Stufen verneigten sich ehrfurchtsvoll Prokylta und Niko.
"Erhebt euch!", sprach Hyne und ließ seine Stimme mehrmals im Raum widerhallen. Niko stand auf, Prokylta stellte sich links neben die Stufen zur Seite.
"Ich danke Euch zutiefst, Euch dienen zu dürfen. Es ist mir eine große Ehre, Eure Exzellenz", sagte Niko. Hyne erhob sich von seinem Thron und trat nach vorne. Niko wurde nervös. Hyne war es, der ihn fast getötet hatte. Hyne war es, dem er seine hässlichen Narben zu verdanken hatte. Und es war Hyne, der für Niidas Tod verantwortlich gewesen war. Er musste sich ruhig verhalten. Hyne durfte ihn nicht enttarnen.
"Nun mein Freund... Ich will deine ehrliche Antwort hören. Wirst du der Sekte auf ewig dienen...", Hynes funkelnde Augen sahen auf Niko herab.
"Ja, selbstverständlich, mein Gebieter."
"... oder wirst du uns bei der nächsten Gelegenheit verraten? Ich spreche von deiner Mission, die dir Edea, die Verräterin, anvertraut hat. Uns auszuspionieren, um alle Erleuchteten bei den SEEDs ausfindig zu machen."
Niko hörte sein Herz klopfen. Schweiß rannte von seiner roten Stirn, seine Hände zitterten. Er ging einen Schritt zurück. Würde er jetzt zur Waffe greifen, wäre es sein Ende. Er hatte versagt. Hyne würde ihn jetzt vernichten, ganz egal, wie er reagieren würde. Hyne kam näher, Nikos Atmen wurde lauter.
"Hast du dich entschieden, Niko? Du musst nicht umkehren. Bei Aomes Trianirea wirst du deinen Platz finden, glaube mir."
"Niemals...", flüsterte Niko und legte seine verschwitzte Hand auf den Griff seines Kurzschwerts. Hyne blieb stehen. Sein entschlossener, fester und kalter Blick löste sich. Sein Gesicht strahlte plötzlich diese kindliche Unschuld aus.
"Hast du etwa Angst, ich würde der Polizei verraten, dass du es warst, der die verlassene Kneipe der Leonharts in Brand gesteckt hat?", erklang Hynes Stimme in einem mitfühlenden Ton. Niko ließ das Schwert los. Er fühlte, wie er eine Gänsehaut bekam.
"Niida...?", stotterte er. Seine Angst verschwand.
"Du wirst die richtige Entscheidung treffen, mein Freund", sagte Hyne schließlich mit seiner üblichen kalten Stimme.
Niko verbeugte sich, mehr aus Kraftlosigkeit als aus Demut.
"Sehr gut!", lachte Hyne zufrieden. "Du bist gerade zur rechten Zeit gekommen, denn nun wirst du die Geburt eines neuen Reiches miterleben."
Niko stand auf und schaute zu Prokylta, die freundlich zu ihm rüber lächelte.
"Die Siegel sind gebrochen und die Levia-Ebenen warten darauf aktiviert zu werden."
Hyne setzte sich auf seinen Thron. Prokylta stellte sich wieder neben Niko hin.
"Mit Verlaub werde ich dann alles vorbereiten, mein Meister", sagte Prokylta.
"Mach das, Prokylta. Und Niko, du wirst nun wieder zu den SEEDs zurückkehren, während wir das Ritual zur Öffnung des Tempels durchführen. Sobald wir deine Hilfe brauchen, werden wir dich rufen", erklärte Hyne und hob seine Hand. Der monströse Eingang zum Thronsaal öffnete sich, im Flur davor standen hunderte Sektenmitglieder, die sich auf den großen Moment vorbereiteten. Prokylta und Niko stellten sich zur Seite und Hyne marschierte stolz aus dem Thronsaal, um sich auf dem Weg zum Tempel des Alphega zu machen...
Xelto betrat die große Halle, in der haufenweise Fahr- und Flugzeuge standen. Auf einem dieser Speeder saß Niko, der gerade die Maschinen ausschaltete und seinen Helm runter nahm.
"Wie ist es gelaufen?", rief Xelto quer durch die Halle. Niko zuckte kurz.
"Warum sollte ich einem Außenseiter davon berichten?", gab Niko bedrohlich zurück und ging stur neben seinem Bruder vorbei.
"Mir ist diese SEED-Mission scheißegal. Ich will nur wissen, wie Hyne und Prokylta reagiert haben."
"Das müsstest du ja am besten wissen. Ich werde mich jetzt ausruhen", sagte Niko und klang auf einmal sonderbar ruhig. Xelto wurde stutzig.
"Ich hoffe, du vergisst deine Mission nicht. Du wirst von nun an auf beiden Seiten Taten vollbringen müssen", meinte Xelto. "Pass auf, dass du dich von Prokylta nicht täuschen lässt. Sie ist eine raffinierte Marionettenspielerin."
"Halt deine Klappe. Du weißt doch selbst nicht, auf welcher Seite du stehst."
"Ich stehe auf keiner Seite, damit das klar ist. Mein Ziel ist es, mich an Prokylta zu rächen und meinen Erzrivalen zu schlagen", sagte Xelto und ging Niko hinterher. Niko war irgendwie seltsam drauf. Das Treffen mit Hyne kostete ihm wohl viele Nerven.
"Niko, Prokylta und Hyne mögen zwar keine Gefühle haben, können sie aber hervorragend vortäuschen. Pass auf, dass sie dich nicht zerstören. Prokylta hat auch mich vernichtet", rief Xelto hinterher.
"Warum kümmert es dich so, was mit mir passiert?", fragte Niko arrogant.
"... du bist immerhin mein Bruder", sagte Xelto.
Niko stoppte.
"Zwei von unserer Familie wurden bereits ausgenutzt. Lass es nicht drei werden", sagte Xelto.
Niko drehte sich um und sah Xelto in die Augen.
"Du hast doch keine Ahnung. Du weißt nichts...", flüsterte Niko und lächelte.
Xelto sah Niko in die Augen. Er hatte ein sehr seltsames Gefühl.
"Schau mich an und sag mir, auf wessen Seite du stehst", flüsterte Xelto.
Eine Alarmsirene ertönte.
"Bitte alle auf die Brücke kommen. Wir haben... es ist unerklärlich", kam Selphies Stimme aus dem Lautsprecher.
"Die Show hat wohl begonnen", meinte Niko und drehte sich ohne ein weiteres Wort um.
Ein stürmischer Wind blies über das Ödland des Centra-Kontinents. Der Himmel verdunkelte sich. In der Ferne konnte man ein Gewitter hören. Die Monster begannen sich in ihre Löcher zurückzuziehen. Im großen Centra-Krater, der sich inmitten des Kontinents befand, hatte der Balamb-Garden angelegt. Prokylta stand auf dem Balkon und blickte in die Ferne.
"Ich habe soeben die Meldung erhalten, dass der Trabia-Garden die Pocara Hileria-Insel erreicht hat. Und der vorhin gemeldete Defekt des Levia-Apparats aus dem Galbadia-Garden war ein falscher Alarm", meldete Maxx seiner Herrin.
"Gut. Bereitet meinen Gleiter vor. Ich werde nach Westen fliegen, um das Schauspiel aus der Nähe zu betrachten. Behalte du solange den Garden im Auge."
Derco verließ die Brücke des Trabia-Gardens und begab sich ins Freie auf den Balkon. Nun würde es beginnen. Ein kalter Wind wehte ihm ins Gesicht. Die Landschaft auf der Insel sah tot aus. Der Himmel war bewölkt und in der Ferne sah man, wie sich ein seltsames gefiedertes Geschöpf näherte, das einen magischen silbernen Streifen hinter sich her zog...
In einer kleinen Wohnung in Dollet, die immer noch auf den Namen "Sherela White" registriert war, obwohl ihre Besitzerin bereits seit langem tot war, saß Zed Black und betrachtete die Schusswunde im Spiegel. Dann bemerkte er von draußen ein Leuchten am Himmel. Er schaute aus dem Fenster und sah, wie ein silbernes Aquila gen Süden flog. Zed wusste, was das zu bedeuten hatte. Die silbernen Aquila trugen die Artefakte bei sich und hielten sich in den höchsten Höhen über den Wolken auf, um diese zu beschützen. Bis zu dem Tag, wo sie ihren Zweck erfüllen sollten...
Auf der Brücke der Terra rannte Xell zu Quistis und Selphie.
"Was gibt's?", fragte Xell und starrte auf den Monitor.
"Wir können leider keine scharfen Bilder machen, wegen des starken Unwetters dort unten, aber in Centra tut sich etwas", sagte Quistis. Auf dem Satellitenbild waren sechs Punkte eingezeichnet, die teils am Lande und teils im Meer ein Sechseck bildeten. "Glaubst du, das sind die Levia-Ebenen?"
"Somit kann es endlich beginnen", sagte Hyne, der auf seinem goldenen flatternden Aquila stand, der sich nicht von der Stelle bewegte. In seiner rechten Hand hielt er einen schwarzen Würfel, die "Deus Ex Machina". In seiner linken Hand hielt er das Pergament.
"Die Zeit der Wiedervereinigung ist gekommen!", rief Hyne in den Wind, während seine Haare im Wind wehten.
"Alphega! Ebne mir den Weg zu deinem Tempel", sprach Hyne weiter und ließ den Würfel und das Pergament los. Beides strahlte einen intensiven Glanz aus. Anstatt weggeblasen zu werden, segelten sie elegant an dem Aquila vorbei und entmaterialisierten sich. Zwei gleißende Energieströme bewegten sich spiralförmig aufeinander zu.
"Lasst uns die gebrochenen Mächte zu einer neuen Vollkommenheit verschmelzen!" Die beiden Energieströme stießen aneinander und vereinten sich. Enorme Lichtstrahlen entstanden.
Von einer Sekunde auf die andere fingen die Alarmanlagen der Terra furchtbar zu grölen an, die Alarmlichter blinkten im intensiven Rot.
"Was zum...?" Ein gewaltiger Stoß warf Squall und Rinoa vom Sessel. Die Gläser und Flaschen zersprangen in der Luft.
"ALARMSTUFE ROT! Fehler in der Energieversorgung! Bitte evakuieren Sie umgehend das Schiff", knatterte eine künstliche Stimme aus den Lautsprechern. "Notstromgenerator
angeworfen! Bitte evakuieren Sie umgehend das Schiff!" Squall hangelte sich zu Rinoa, beide hielten sich an einem Geländer fest. Die Lichter und sämtliche elektrischen Geräte fielen aus, bis nur mehr die Alarmblinklichter die dunklen Ecken des Luftschiffs beleuchteten.
"Die Instrumente reagieren nicht! Wir verlieren an Höhe!", schrie Selphie und rüttelte so fest sie konnte am Steuerpult. Irvine taumelte die Brücke entlang bis die Neigung zu stark wurde und umfiel.
"Verdammt! Wir laufen aber auf Notstrom!", brüllte Xell.
"Ich meine nicht den Strom", rief Selphie panisch zurück. "Die Geräte spielen total verrückt."
"Achtung! Gefährliche Interferenzen entdeckt!" Die Stimme aus dem Lautsprecher klang verzerrt. "Bitte neutral... ier... z-z-zen Zie daz-z-z-z..." Danach hörte man nur mehr unverständliches Knistern. Selphie zog mit aller Gewalt am Steuerpult, um die Terra wieder in Griff zu bekommen.
Die Deus Ex Machina hatte ihre wahre Form angenommen. Die Resonanz der magischen Wellen milderte sich. In der Ferne konnte man die sieben silbernen Aquilas erkennen, die auf dem Weg hierher waren, während die Deus Ex Machina langsam nach unten schwebte.
Ein sichtbares Bild kehrte auf die Monitore der Brücke zurück. Ruckartig zog die Terra nach oben. Die Passagiere purzelten quer durch den Raum.
Nach einer heftigen Erschütterung konnten Squall und Rinoa wieder gerade stehen. Der Alarm hörte auf und alle Geräte funktionierten wieder.
"Squall, sieh mal." Squall und Rinoa sahen aus dem Fenster. Der Himmel wurde von roten Wolken verdeckt.
Hyne stand auf dem Rücken seines goldenen Aquila. Die sieben silbernen Aqualis, jeder mit einem Lacrima im Mund, kreisten im großen Radius um die Deus Ex Machina, die sich langsam auf den Ozean unterhalb zu bewegte. Als Hyne seine Hand hob, flogen die Aquilas einer nach dem anderen in einer spiralförmigen Flugbahn auf die Deus Ex Machina zu und setzten die Lacrimas sein. Als alle sieben eingesetzt waren gingen die gefiederten Kreaturen in Flammen auf und zerflossen zu Wasser und Dampf. Die Artefakte wurden vom Apparat absorbiert.
Squall, Rinoa und Cifer eilten zur Brücke. Alle anderen, auch Xelto und Skylar, haben sich dort bereits zusammengefunden.
"Hey, ich bin froh, dass euch nichts passiert ist! Das müsst ihr euch ansehen!", sagte Xell und versammelte alle um den Bildschirm. "Wir konnten das Zentrum dieses Magiestromes ermitteln. Und zwar vom Weltraum aus." Selphie holte eine Karte auf den Bildschirm.
"Was willst du mit einer Wetterkarte?", fragte Squall etwas misstrauisch.
"Vergrößere mal, Selphie", bat Xell. Der Balambsche Ozean wurde angezeigt und zeigte eine ungewöhnliche Aufnahme der Wolken. Es erweckte den Eindruck, als hätte man die Wolken von ihrem natürlichen Weg abgebracht, denn alle verliefen radial zu einem gewissen Punkt der Erde hin. Zweifelsohne ein Wetterschauspiel, dass man nie zuvor gesehen hatte. Alle warfen einen Blick nach draußen zu den Wolken. Es stimmte tatsächlich! Am Himmel sah man einen roten Wolkenstrudel, der wohl die ganze Welt umspannte.
"Hyne ist ja ein richtiger Zauberer", sagte Cifer. "Ich denke wir haben genug von seiner Vorstellung gesehen."
"Hat Hyne erst einmal den Tempel geöffnet und sich mit seiner anderen Hälfte vereint, dann...", sagte Edea.
"Mit anderen Worten: Wenn wir ihn in den Arsch treten wollen, dann sollten wir es jetzt tun", schloss Xell. Niko musste lachten.
"Und du willst einfach so runter gehen und ihn samt Sekte ausschalten? Das ist lächerlich. Du hast keine Ahnung, wie mächtig er ist. Ich stand ihm zweimal gegenüber, oft genug um zu erfahren, wie gefährlich er ist."
"Weißt du, Niko... ich denke, du solltest das uns überlassen. Du hast ja schon deinen Auftrag und wenn du wenigstens einmal gute Arbeit leisten würdest, dann HÄTTEST DU UNS SCHON VORHER SAGEN KÖNNEN, WAS HYNE PLANT!!!", schrie Xell Niko ins Gesicht. Squall, Rinoa, Cifer und Xelto sahen sich an und wussten was zu tun war.
"Wir müssen Hynes andere Hälfte vor ihm erreichen. Xell, bring uns zum Tempel", bat Squall entschlossen. "Alphega will es so. Wir können hier nicht Däumchen drehen..." Xell konnte nicht widersprechen. Er wusste, dass ihre Entscheidung stand und dass sie sich sicher waren, was sie tun würden. Und er wusste auch, was seine Entscheidung war:
"Nun denn... Wir werden euch begleiten..."
Die Fluten des Ozeans schlugen in bisher unerreichbaren Höhen hoch. Weit darüber sendete die Deus Ex Machina magische Schwingungen zu den Levia-Ebenen. Ein synchrones und sich alle paar Sekunden wiederholendes Donnern und Aufblitzen, das von ihr ausgesendet wurde und um die ganze Welt ging, sollte alle Ebenen erreichen können.
"Dann steht es somit fest", fasste Cid die Planung zusammen: "Xell, Quistis und Irvine werden unser Quartett begleiten, während euch Selphie und Niko von hieraus unterstützen werden."
"Moment, sollen wir wirklich noch mal den Fehler machen und IHM das Schicksal der SEEDs anvertrauen?", brummte Xell und sah Niko giftig an.
"Ach, halt doch endlich dein beschissenes Maul!", fauchte Xelto. "Skylar ist doch auch noch hier und Edea und Cid!"
"DU hast hier nichts zu melden, Kleiner!"
"Er hat Recht, Xell", meinte Edea scharf. "Außerdem haben wir nicht die Zeit jemanden rund um die Uhr für seine Fehler zu beschimpfen."
"Das glaube ich auch", sagte Irvine, "aber so wie's aussieht haben wir noch ein ganz anderes Problem." Plötzlich durchdrang ein weißes Leuchten, gleich einem Blitz, das Luftschiff. Die Lichter flackerten kurz. Dann kam die nächste Energiewelle und gleich darauf wieder eine. Squall wusste, dass Hyne seinem Ziel immer näher kam.
"Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren!"
"Da!", rief Selphie. "Der Satellit hat drei riesige Flugobjekte ausfindig gemacht, die sich mit hoher Geschwindigkeit in Richtung Tempel bewegen. Squall sah auf den Monitor. Das erste Objekt kam aus Toromia, das zweite aus Teneralem und das dritte... Es befand sich nicht weit weg vom Tempel, doch Squall konnte sich nicht erinnern, an der Stelle, wo es herkam, jemals irgendetwas Besonderes gesehen zu haben. Er wusste allerdings, dass man diese Insel als "Tor zur Hölle" bezeichnete...
"Squall, das ist Furioira. Diese Stadt fliegt mithilfe einer Levia-Ebene über den Wolken", sagte Rinoa und warf einen Blick zu Xelto. Xelto schnallte sofort, dass man eine Erklärung von ihm hören wollte.
"Hört mal her, Leute. Diese fliegenden Dinger sind die Levia-Ebenen. Da die drei Städte Toromia, Furioira und Teneralem auf solchen gebaut sind, werden sie sich genau wie die Gardens zum Tempel bewegen", erklärte Xelto. "Hyne will damit die Türme heben, die wiederum den Eingang zum Tempel ebnen sollen."
"Ich dachte immer, das wären sieben Türme und nicht sechs", meinte Squall.
"Ja, der siebente Turm ist gleichzeitig der Tempel des Alphega und dessen Levia-Ebene. Wie ich schon sagte, Hyne selbst hat die letzte Levia-Ebene per Telepathie aktiviert. Die Türme werden nun den kompletten Ozean an der Stelle, wo der Tempel ist, verdrängen. Leerpumpen", meinte Xelto.
"Was? Das ist unmöglich. Die Kräfte, die dazu benötigt werden, stehen in keinem realistischen Quadranten..."
"Zahlen und Fakten sind ab sofort ungültig. Was jetzt kommt, liegt außerhalb der normalen Maßstäbe", schnitt Xelto Selphie das Wort ab.
Prokylta saß in ihrem Gleiter und beobachtete die Karte auf ihrem Monitor. Alle Levia-Ebenen waren in Position gebracht und bereit die Türme zu heben. Die Deus Ex Machina hörte auf, diese Blitze auszusenden. Gleichzeitig beruhigten sich die Stürme und mit ihnen die Wellen im Meer. Mit ihrem Fernglas blickte Prokylta in die Wolken. Dort war ganz schwach die Stadt Furioira auszumachen. Dann blickte sie nach Süden und sah den Trabia-Garden. Es hatte begonnen: Der Garden stieg in mehrere tausend Meter Höhe, direkt unterhalb wölbte sich der Erdboden und sah aus, wie ein ausbrechender Vulkan. Ein seltsames aber gigantisches Bauwerk wuchs aus dem Boden. Das sollte einer der sieben Türme sein. An anderen Stellen wuchsen ebenfalls Türme aus dem Meer, um somit einen Kreis, oder vielmehr ein Sechseck, um den Tempel bilden zu können.
Von seinem Aquila aus konnte Hyne den ganzen Ozean und den Centra-Kontinent überblicken. Zufrieden beobachtete er, wie sechs Türme aus dem Untergrund hervortraten.
Die Deus Ex Machina war nun fast auf Seehöhe. Plötzlich begannen sich genau unter ihr die Wassermassen in einem Strudel zu drehen, der immer größer wurde. Man könnte meinen, die Deus Ex Machina drängte das Wasser zur Seite, doch in Wirklichkeit waren es die Türme, die alles Wasser rund um den Tempel nach außen drängten. Verstärkt durch die Energien der Lacrimas wurde das komplette Meereswasser an dieser einen Stelle verdrängt. Gleichzeitig bewegte sich der Tempel samt Untergrund nach oben. Die Deus Ex Machina, inzwischen unter dem Meeresspiegel bewegte sich langsam auf die Spitze des Tempels zu. Als sich beide schließlich berührten, gab es ein kurzes Aufblitzen, welches das Schauspiel beenden sollte. Die Prozedur war vollbracht. Es sah aus wie ein Vulkan aus Wasser. Die Wassermassen türmten sich auf, doch mitten drin war ein gewaltiger Krater ohne Wasser. Man konnte bis auf den Boden schauen, wo nichts als trockener Sand war.
Der Tempel des Alphega war freigelegt und glänzte wie ehemals. Auf der Spitze der Kuppel befand sich nun die Deus Ex Machina. Einst riss hier Zebarga den Gipfel aus Marmor ab und versiegelte den zerstörerischen Hyne darin, um die beiden zerrissenen Seelen des Schöpfers auf ewig zu trennen. Deshalb war es für Hyne besonders befriedigend, dieses Machtinstrument Zebarga zum Trotz auf dem Tempel des Alphega zu sehen. Zebargas Versagen war vollkommen.
"Runter!", befahl er seinem Aquila, welches ihm daraufhin zum Eingang des Tempels brachte.
"Der Tempel ist offen", sagte Rinoa. "Die Sekte wird vermutlich schon dort sein... und Mutter." Die Terra näherte sich dem Tempel. Von oben konnte man erkennen, dass die Türme ein kreisförmiges Schild errichteten, das die Wassermassen zurückhielt. Es sah aus, wie ein gigantischer Damm aus Glas. Im Zentrum des trockengelegten Kreises befand sich der Tempel.
"Das da unten sieht ganz nach dem Trabia-Garden und dem Balamb-Garden aus. Die Sekte ist also schon dort", sagte Quistis und meinte damit die beiden großen Gebäude neben dem Tempel.
"Hmpf, diese Türme können also auch schon ohne Levia-Dings ihren Job verrichten", stellte Cifer verblüfft fest. Während sie dem Tempel immer näher kamen, starrte Squall angespannt auf dessen Spitze. Er musste die ganze Zeit an den Philosophen denken. Vielleicht würde er ihm im Tempel begegnen. Er war sicher, dass dort das Rätsel um Aloin, Hyne und den Philosophen gelöst werden würde.
Man hatte sich darauf geeinigt, Niko hinterher zu schicken, sollten Squall und der Rest Schwierigkeiten bekommen. Seine Verbindung zur Sekte und zu Niida könnte sich im Notfall als nützlich erweisen. Mit einem Seil ließ man die sieben nach unten und setzte sie zwischen Trabia-Garden und Tempel-Eingang ab. Dann war das Luftschiff wieder dabei an Höhe zu gewinnen.
Der Boden aus Stein und Sand war zu Squalls Überraschung komplett trocken. Die Türme saugten jeden Tropfen an sich. Außerdem war weit und breit keine Spur von Korallenriffen oder anderen Ablagerungen. Der Tempel schien im selben Zustand zu sein, wie vor ein paar tausend Jahren.
Es war düster. Nur wenig Licht kam bis hier unten durch. Um sie herum türmten sich die Wassermassen, bereit, jeden Moment einzubrechen, doch die Macht der Lacrimas und der Türme hielten sie zurück. Fast war es, als ständen sie vor einem riesigen Aquarium.
Squall ging zu der Wasserwand hin und streckte seine Hand rein. Es war kein Glas, es war nichts. Er tauchte seine Hand in Meerwasser. Er zog sie zurück und bildete mit seiner Hand eine Schale, in der das Wasser blieb. Ein paar Tropfen fielen seitlich runter und wurden sofort von der Wand wieder eingesaugt. Squall lies das ganze Wasser fallen. Kein Tropfen berührte den Boden. Fische sahen ihm aus dem Wasser merkwürdig an.
Squall blickte auf den Boden und entdeckte mehrere tote Seetiere, die es nicht geschafft hatten. Ein Fisch schnappte noch kurz nach Luft und Wasser bevor er qualvoll erstickte. Es roch intensiv nach Wasser und Salz. Squall spürte fast, wie auch ihm die Feuchtigkeit entzogen wurde, als würden alle Flüssigkeiten in seinem Körper nach außen wollen.
Er ging zurück zu den anderen.
"Lasst uns gehen", sagte er bitter.
"Sie müssten uns inzwischen entdeckt haben. Irgendwie scheinen wir denen egal zu sein", meinte Irvine. Mit unsicheren Schritten näherten sie sich dem Tor. Als Squall und seine Mitstreiter nur mehr wenige Meter davor standen, begann es sich von alleine zu öffnen. Während alle davor standen, tippte Xelto auf die Schultern von Squall und Cifer.
"Wir bekommen wohl Gesellschaft", sagte er und blickte nach oben.
"Scheiße, das hat Hyne auf uns gehetzt!", rief Squall und ging langsam ein paar Schritte zurück. Alle zogen gleichzeitig ihre Waffen. Rinoa sah, dass das Tor schon fast ganz offen war.
"Wir haben keine Zeit! Was ist das überhaupt!?"
"Kali... Ein billiges Ablenkungsmanöver von Hyne, ein 'Chaos'", erklärte Xelto. "Ihr nennt sie vielleicht G.F., aber diese Wesen sind weitaus gefährlicher als normale Bestias, sowohl für den Beschwörer als auch fürs Opfer. Hyne ist der einzige, der volle Kontrolle über sie hat." Das schlangenähnliche Wesen mit sichelartigen Armen sprang vor das Tor und brüllte. Hinter ihm begann sich der Eingang wieder zu schließen. Cifer wollte es angreifen, doch es konnte seinen Schlag perfekt parieren, sodass er nach hinten geworfen wurde.
"Verdammtes Vieh! Wir haben keine Zeit!"
"Überlass das uns, wir werden das Vieh ablenken", sagte Xell. Quistis und Irvine stellten sich neben ihm und konzentrierten sich auf Kali, während die anderen vier langsam zur Seite gingen.
"Los! Magie!", brüllte Xell. Das Monstrum begann auf die drei zuzustürmen.
"Lasst euch bloß nicht unterkriegen!", rief Squall zu ihnen und rannte mit Rinoa, Cifer und Xelto so schnell er konnte in den Tempel. Hinter ihnen schloss sich die Tür. Von nun an gab es kein Zurück mehr. Squall hoffte, dass seine drei Freunde mit dem Monster klar kommen würden, während er noch einmal das große Tor betrachtete. Als ihm Rinoa auf die Schulter klopfte und er sich umdrehte, erfuhr er, dass sie hier drinnen einer viel größeren Gefahr ausgesetzt waren. Vor ihnen, links und rechts lagen Gänge und überall standen an den Wänden Leute von Aomes Trianirea. Die vier zogen ihre Waffen und gingen in Abwehrhaltung. Die Hyniten bewegten sich nicht. Langsam gingen sie an diesen vorbei. Sie beschlossen geradeaus zu gehen. Niemand schien sich um sie zu kümmern.
"Das macht mich wahnsinnig!", knurrte Cifer.
"Keine Sorge", versuchte Squall ihn zu beruhigen. Als sie etwa die Mitte des Raumes erreicht hatten, bildeten sie Rücken an Rücken einen Kreis. Man konnte ein mehrfaches Echo jedes Schrittes hören. Die Luft war kalt. Die Kämpfer der Sekte standen noch immer da, ohne sich ein einziges Mal bewegt zu haben. Würden sie jetzt von allen Seiten angreifen, würde das bestimmt nicht gut ausgehen, dachte sich Squall.
"Wir können weitergehen", meine Xelto. "Sie werden nicht angreifen." Vorsichtig marschierten sie weiter. Man konnte außer ihren Schritten nichts hören. Squall betrachtete die kunstvollen Bilder, die an die Wand gemalt waren. Sie waren allesamt sehr gefühls- und ausdrucksstark. Beim Betrachten hatte man sogar das Gefühl, als würden diese Bilder die Stille dieses Raumes durchbrechen, so intensiv wurden die Figuren dargestellt. Die meisten kamen Squall vertraut vor. Alphega hatte sie ihm in seinem Traum gezeigt. Es waren Bilder von Zebarga, Mormala, Baskarune, Hyne und Alphega. Sie waren chronologisch angeordnet. Squall ging an den Schlachtdarstellungen vorbei und erkannte das Urmonster Alphega, wie es schrie und sieben Tränen weinte. Die Galerie endete bei einer Darstellung von Zebarga vor dem Tempel. Und da endete auch der Gang. Zwei Hyniten öffneten Squall und seinen Freunden das Tor zum nächsten Raum.
"Für diesen Frevel werdet ihr teuer bezahlen", sagte einer der beiden und deutete den vier weiterzugehen. Ohne etwas zu sagen gingen sie weiter und sahen die beiden Wachen zweifelnd an.
Sie standen nun in einer Art Vorhalle. Der Saal war groß, links und rechts standen jeweils zwei große Säulen. Die Mosaikböden stellten riesige Bilder dar. Squall ging, gefolgt von den anderen, weiter. Überall knieten Sektenmitglieder und meditierten. Eine breite Treppe führte in den nächsten Raum. Vor dieser standen das Triumvirat und warteten darauf, dass die ungebetenen Gäste näher kamen. Squall, Rinoa, Cifer und Xelto blieben stehen.
"Was ist los?", fragte Cody, der Anführer. "Ihr werdet bereits erwartet. Geht weiter!" Dann begannen die drei laut zu lachen. Xelto wurde wütend.
"Es reicht! Was geht hier eigentlich vor!?", brüllt er.
"Finde es raus... Verräter!", sagte Derco. Die drei lachten weiter. Vorsichtig gingen Squall und die anderen an ihnen vorbei und die Treppe nach oben. Am Ende der Treppe befand sich ein enger Gang, der in die Haupthalle führte...
Ein lautes, dröhnendes Lachen erfüllte den ganzen Saal bis hinauf zum Dom, dem höchsten Punkt des Tempels. Von allen Seiten führten Stufen hinauf zu einer Erhöhung, auf der Hyne und Prokylta standen. Adryan war nicht bei ihnen.
"Adryan?", lachte Hyne. "Hier ist es zu gefährlich für ihn. Er könnte sich am Ende noch erkälten. Und das wollen wir doch nicht."
"Wo ist er?", brüllte Rinoa und sah zu Prokylta hinauf. Das Gefühl von Überlegenheit, das sie immer ausgestrahlt hatte, war komplett verschwunden. Sie wirkte irgendwie angespannt.
"Macht euch nichts daraus. Ich habe auch nicht gefunden, was ich wollte", lachte Hyne verbittert. Dann sprach er langsam weiter: "Mein anderes Ich ist nicht hier..." Squall war etwas überrascht, das zu hören. Wofür war dann all dieser Aufwand gut gewesen?
"Schade. Wir werden das jetzt beenden", sagte Squall schließlich, während die vier die Stufen hinauf gingen. Obwohl er im letzten Kampf gegen Hyne hoffnungslos unterlegen war, fühlte er sich diesmal stark genug, es mit ihm aufzunehmen.
"Vielleicht solltet ihr besser euren Freunden da draußen helfen", schlug Prokylta unbeeindruckt vor, als die vier ihr und Hyne gegenüberstanden. Xelto streckte seine Klinge nach vorne.
"Hast du Schiss? Das hilft dir jetzt auch nichts mehr!", brüllte er und rannte auf sie zu.
"Idiot!", rief Cifer und rannte hinterher, um Xelto zu helfen. Hyne sprang zur Seite, Cifer und Xelto griffen zusammen Prokylta an. Kunstvoll wehrte sie jeden Schlag der beiden ab. Hyne sah Rinoa an und grinste. Rinoa zog wütend ihr Schwert, doch Squall hielt sie zurück.
"Kümmere du dich um Prokylta."
"Nein! Nur ich kann es mit ihm aufnehmen!" Squall sah ihr in die Augen.
"Cifer und Xelto brauchen deine Hilfe." Rinoa zögerte kurz.
"Dann versprich mir, dass du nicht gegen ihn kämpfen wirst", antwortete sie und rannte zu Prokylta. Squall sah, dass Hyne am Geschehen scheinbar nur als Zuschauer teilnahm. Konzentriert beobachtete er ihn, doch Hyne verfolgte den Kampf gelangweilt.
Prokylta wurde bis zum Rand der Plattform gedrängt. Rinoa stand hinter Cifer und Xelto und zauberte einen Schutzschild um die beiden, als Prokylta einen weiten Sprung nach hinten machte, auf der Treppenmitte landete und Magie einsetzte. Der Blitzstrahl prallte ab und kehrte zu ihr zurück. Sofort streckte sie ihre Hand aus und warf Cifer mit einem Luftstoß nach hinten. Cifer fiel über Rinoa, der Schild löste sich, Prokylta warf Xelto mit einem Schwerthieb nach hinten und schoss einen Feuerball auf ihn. Cifer sprang mit ausgeholter Gunblade die Stufen nach unten, Rinoa lag am Boden und sah nicht, was da passierte. Man hörte einen Schlag und daraufhin einen lauten Aufschrei von Prokylta. Rinoa zuckte zusammen. Schnell schaute sie nach unten. Xelto stand etwas abseits auf der Treppe. Auf der unteren Ebene war Cifer gerade dabei aufzustehen und blickte zu Prokylta, die ihre zerfetzte Schärpe vom Kleid riss. Ihr rechter Arm hatte eine tiefe Wunde, Blut tropfte von ihren Fingern. Erzürnt warf sie mit ihrer Linken einen Feuerball auf Cifer. Danach ließ sie die Erde beben, um die Statue neben dem am Boden liegenden Cifer auf ihn draufstürzen zu lassen. Xelto sprang schnell nach unten und holte Cifer da raus. Die umfallende Statue streifte Xeltos Schulter. Er schrie auf und warf sich neben Cifer hin.
"Absolut erbärmlich!", rief Hyne. "Du auch, Prokylta! Ich bin dieses Trauerspiel leid. Zeit, dieser Aktion ein Ende zu setzen." In Hynes Hand formte sich eine Energiekugel. Rinoa ging in Abwehrhaltung. Plötzlich packte Squall die Wut und sprang auf Hyne zu. Im letzten Moment konnte dieser mit seinem Schwert parieren. Die Energiekugel explodierte in seiner Hand, der Impuls stieß ihn über den Rand und Hyne fiel unsanft die Treppe runter. Squall landete mit beiden Beinen auf den Stufen. Hyne richtete sich schnell auf, mit seinem Schwert blockte er den nächsten Angriff von Squall, der von oben auf ihn runter sprang. Eine blaue Aura umgab Hyne. Er streckte seine Arme nach vorne und versuchte Squall mit einem starken Wind wegzublasen. Squall drückte seine Arme nach vorne und spaltete den Wind, sodass er sich problemlos Hyne nähern konn
e. Hynes Augen leuchteten und er fing an zu schreien. Erneut bebte die Erde. Staub rieselte von den Decken, dann flogen große Steintrümmer auf den Boden. Squall wich mühelos aus. Der Boden unter ihm spaltete sich, Flammen schossen aus den Ritzen und Squall machte einen geraden Sprung in die Höhe. Hyne sprang hinterher und schlug in der Luft mit seinem Schwert auf Squall ein. Erfolglos. Beide landeten wieder auf der höheren Ebene. Squall sah Hyne siegessicher an. Plötzlich steckte sein Feind die Waffe weg.
"Alphega?", frage Hyne verwundert. "Ich verstehe... Du stehst hinter diesem Jungen..."
Hyne sah Squall auf einmal tief in die Augen. Er wusste, was Hyne vorhatte. Er hatte es selbst erlebt. Schnell senkte Squall seinen Blick.
"Da ist also meine andere Hälfte...", flüsterte Hyne.
Cifer, Xelto und Rinoa kämpften immer noch gegen Prokylta, die anscheinend sich warm gekämpft hatte und problemlos all ihre Attacken parierte.
"Bedaure Squall, aber ganz so einfach werde ich es dir auch nicht machen. Du glaubst doch nicht, dass das bereits alles war. Wir haben ein bisschen gespielt. Prokylta, mach Schluss, wir sind hier fertig!", rief Hyne.
Prokylta fing seinen Blick auf und nickte. Sie rannte auf ihre drei Angreifer zu und wirbelte mit ihrer Klinge elegant in der Luft herum. Squall sah zu seinem Erschrecken, wie seine drei Gefährten in alle Richtungen geworfen wurden. Prokylta steckte lässig die Klinge weg.
"Das war doch lustig", lachte Hyne und hob seine Hände. Es gab eine Erschütterung. Der Dom des Tempels brach auseinander und die Steine flogen in alle Richtungen. Die Deus Ex Machina schwebte runter und blieb über ihm stehen. Squall konnte erkennen, dass sich die Artefakte von ihr lösten und um Hyne kreisten. Prokylta kam mit einer Tasche angerannt und fing die Lacrima ein. Dann gingen beide einen Schritt zurück. Die Deus Ex Machina verwandelte sich in einen Würfel zurück. Hyne steckte ihn gelassen weg.
"Für unseren nächsten Besuch", kommentierte er.
"Los! Wenn wir zusammen angreifen, können wir es schaffen!", rief Squall seinen Freunden zu.
"Oh, ihr könnt es schaffen, weil ihr alle so zusammenhaltet. Wie ergreifend. Bedauerlicherweise kann ich leider nicht bleiben, um diesem amüsanten Zirkus mit anzusehen", sagte Hyne und lächelte mitleidig.
Mit einem finsteren Lächeln sah er über Squalls Schulter. Jemand hatte den Raum betreten.
Squall sah in der Reflexion seiner Klinge Niko.
"Pass auf, Niko!", rief Squall. "Wir greifen gemeinsam an!"
Niko beachtete Squall nicht, er ging an der Gruppe vorbei und trat vor Hyne... und verbeugte sich. Prokylta tätschelte ihm sanft den Kopf.
"Es ist seine Entscheidung", sagte Hyne mit einer merkwürdig traurigen Stimme.
"Nein!", schrieen Squall und die anderen zugleich und stürmten auf Hyne zu. Prokylta machte eine Handbewegung und alle prallten plötzlich gegen einen Schutzschild. Squall fiel auf den Hintern und sah verzweifelt zu Niko.
"Niko...", flüsterte Squall.
Niko drehte sich zu Squall um. Auf seinem Gesicht war ein manisches Lächeln.
"Auf diesen Moment habe ich gewartet. Endlich zu sehen, wie ihr enttäuscht mich anseht. Endlich zu sehen, dass ihr die kleinen Idioten seid und ich die ganze Zeit Recht hatte. Das ist meine Bestimmung. Ich bin alles, ihr seid nichts."
"Bleib gefälligst da, du verdammter Bastard!", brüllte Xelto und rannte auf Hyne zu. Dieser hob die Hand, worauf Xelto mehrere Meter durch den Raum flog.
Prokylta und Niko traten an Hyne heran. Dieser schwang seinen gewaltigen Umhang in einer großen Drehung um die beiden und alle drei waren mit einem Luftzug auf einmal spurlos verschwunden.
Xell, Irvine und Quistis hatten die Kreatur erledigen können und waren in die Terra zurückgekehrt, nachdem sich der Eingang des Tempels nicht mehr öffnen ließ. Vor wenigen Minuten sahen sie, wie alle Sektenmitglieder aus dem Tempel stürmten und in die Gardens zurückkehrten. Um eine Konfrontation zu vermeiden, hatte sich die Terra zurückgezogen und man hatte Niko hinterhergeschickt, um die vier aus dem Tempel zu holen.
"Das Signal von den Türmen wird immer schwächer. Der Tempel wird in wenigen Minuten wieder unter Wasser stehen", teilte Selphie ihm mit. Xell schlug auf den Tisch.
"Die Gardens sind bereits weg. Wir müssen sie da rausholen!", sagte Irvine.
Der Boden begann zu beben. Squall glaubte zu wissen, was nun passieren würde.
"Wir müssen hier raus! Rinoa, kennst du eine Möglichkeit, uns vor den Fluten zu schützen?", fragte Squall erwartungsvoll.
"Ja! Da raufklettern!", antwortete Rinoa schnell und winkte hastig mit den Händen. Squall sah nach oben. Im Kampf war ein Loch ins Dach gerissen worden. Über ihnen flog die Terra und versuchte so nah wie möglich an den Tempel ranzukommen.
"Leute! Beeilt euch!", hörte man Xell über ein Megaphon rufen. Ein Seil wurde runtergelassen. Das Beben wurde immer schlimmer. Als alle vier sich am Seil festhielten, schossen plötzlich gewaltige Wassermassen aus allen Gängen in den Saal. Der Rest der zerstörten Kuppel zerbröckelte und es begann haufenweise Sand und Steine zu regnen. Das Wasser stieg rapide an. Dann flog die Terra höher, als reißende Fluten plötzlich über das Loch im Dom in den Tempel stürzten. Mit Squall, Rinoa, Cifer und Xelto an dem Seil konnte das Luftschiff noch rechtzeitig entkommen. Bis auf Cifer, der als letztes auf das Seil geklettert war, blieben alle trocken.
Als Squall von der Terra aus einen Blick auf den Tempel werfen wollte, sah man nur mehr den weiten Ozean und eine Menge Schaum auf der Oberfläche. Die Sekte war bereits über alle Berge und die Türme hatten sich Berichten zufolge wieder in den Boden zurückgezogen. Rinoa kam rein, setzte sich neben Squall auf die Bank und reichte ihm eine heiße Tasse Tee. Beide betrachteten den Schaum im Ozean.
"Das war also der legendäre Tempel. Irgendwie enttäuschend, nicht? Es hat sich überhaupt nichts verändert...", meinte Rinoa und lächelte etwas betrübt.
"Wir werden Adryan zurückholen", sagte Squall entschlossen und trank einen Schluck Tee.
"Du bist geschockt wegen Niko, nicht wahr?"
Squall schwieg.
"Ich habe immer geglaubt, dass er trotz seiner Kälte ein aufrichtiger SEED ist. Auch Mutter hat mich getäuscht. Und jetzt kämpfen die beiden noch dazu auf der gleichen Seite..." Rinoa biss sich auf die Lippen.
"Hm, wir verlieren immer mehr Verbündete."
Squall dachte an den Philosophen. Die Begegnung im Tempel hatte nichts gebracht. Er war leer und alle waren so schlau wie vorher. Aber immerhin hatte er nun die Gewissheit, dass er es mit Hyne aufnehmen konnte. Squall kamen diese neuen Fähigkeiten etwas unheimlich vor. Vor seinem Traum hatte er nicht die geringste Chance gegen Hyne...
"Ah, hier seid ihr!"
Xell und die anderen kamen gerade zur Tür rein.
"Wir haben jetzt eine Krisensitzung. Ihr solltet dabei sein. Wir wollen über Nikos Verrat und über die nächsten Schritte reden."
Squall willigte ein. Nach einer Viertelstunde entschied er sich aber zu gehen, da er das Gefühl hatte, dass nichts dabei rauskommen würde. Xell machte die üblichen Anschuldigungen, Selphie und Cid versuchten immer wieder auf die bisherigen Geschehnisse zu sprechen zu kommen und Irvine versuchte alle zu beruhigen. Quistis war ausnahmsweise nicht dabei, vermutlich um sich zu erholen. Die anderen sahen mehr oder weniger teilnahmslos zu. Schließlich gab man es auf, da sich alle einig waren, erst mal eine Pause zu machen.
Es war spät abends und Squall schlich durch die Gänge auf dem Weg zu seinem Zimmer. Er ging um die Ecke, plötzlich sah er den Philosophen an der Wand lehnen.
"Ich bin froh, dass dir nichts passiert ist, Squall", begann der Philosoph. Squall gab keine Antwort. "Es wird Zeit, dir die Wahrheit zu sagen..."
"Nicht nötig", meinte Squall. "Ich weiß inzwischen wer du bist, Philosoph. Oder sollte ich dich besser Aloin nennen?"
"Aloin?"
"Ich hab dieses Spielchen satt!", sagte Squall bedrohlich. "Pack endlich aus! Was ist hier los?"
"Die Wahrheit ist kein Grund unsere Freundschaft zu beenden, weil..."
"Die Wahrheit nicht, aber die Lüge!", brüllte Squall. Der Philosoph sah sich nervös um, ob niemand auf den Lärm aufmerksam geworden war.
"Hör mir zu. Ich bin nicht Aloin...", sagte der Philosoph. Squall verdrehte die Augen. "Sag mir bitte: Was habt ihr im Tempel gefunden?"
"Nichts. Das alles war ein Reinfall. Na ja, wenigstens sind wir nicht die einzigen, die heute durch und durch nur Enttäuschungen erlebt haben", meinte Squall ironisch. "Hyne, dieser Sack, hat seine dämliche zweite Hälfte nicht gefunden. Der Tempel war leer."
"Hynes dämliche zweite Hälfte... bin ich......", antwortete der Philosoph ganz langsam. Squall sah ihn an und ging vorsichtig einen Schritt zurück.
"Das glaube ich dir nicht", sagte Squall stotternd.
"Es ist die Wahrheit...", wollte ihm der Philosoph klar machen. Squall wurde blass.
"Warum..."
"Weil ich verstehen wollte... Ich wollte verstehen, wie die Welt funktioniert... wie die Menschen funktionieren... Meine andere Hälfte ist dazu nicht fähig, wie du es vielleicht selbst schon gemerkt hast. Er ist unmenschlich und machtbesessen..."
"Und zusammen könnt ihr euch ausgleichen?"
"So einfach wie Gut und Böse ist das nicht", erklärte der Philosoph. "Ich war auf der Suche nach dem Menschen, der andere Hyne suchte nach Macht." Er machte eine kurze Pause. "Ich brauche deine Hilfe, Squall. Ich konnte mich täuschen, doch Hyne hat aus dir sicherlich Erinnerungen über mich ausgegraben. Er weiß von Alphega und er weiß, wie ich mich kleide. Ich kann mich nicht mehr verstecken."
Squall dachte lange nach. Er dachte an Alphegas Worte, wie Hyne seine Seele zerrissen hatte...
"Du bist... also Hyne. Du bist der Teil, der damals die Menschen erschaffen hat, sein schöpferischer Teil", sagte er langsam.
"Ja. Ich bin auch das, was Fibrean Copper gewesen ist", sagte der Philosoph.
"Und wieso sahst du aus wie Aloin? Wie konntest du aus dem Tempel fliehen?", fragte Squall.
"Wir hängen zusammen, auf Gedeih und Verderb. Als er einen neuen Körper hatte und an Macht gewann, gewann auch ich an Macht. Da sein Schatten größer wurde, wurde mein Licht stärker. Dennoch war er der Aktive. Ich konnte mir nur eine Kopie seines Wirtes Aloins schaffen, aber durch mein Wesen veränderte sich mein Aussehen. Squall, ich bin derjenige, der euch erschaffen hat. Ich wollte euch helfen, ihr ward eine aussterbende Spezies. Ich will endlich fühlen, ich... Ich bitte dich um Hilfe. Du bist mein bester Freund und mein größter Feind. Du bist der SL, doch ich brauche deine Hilfe. Bitte", sagte der Philosoph ruhig.
Squall sah ihn lange an. Für einen kurzen Moment schien der Philosoph zu flackern und dann meinte Squall, Aloin stände vor ihm. Doch es war nur der Philosoph. Schließlich nickte Squall unmerklich. Der Philosoph, nein Hyne, verbeugte sich und ging dann.
Squall sah dem Philosophen hinterher, der den Flur entlang marschierte, bis er um die Ecke verschwand. Als er daran dachte, welche Vorwürfe er den Philosophen oft gemacht hatte, bekam Squall ein schlechtes Gewissen. Er seufzte kurz, dann fiel ihm plötzlich etwas ein. Schnell rannte er durch die Gänge, bis er zum Kontrollraum gelangte. Hektisch leerte er den Mülleimer aus und war erleichtert, als er das Amulett noch darin fand. Er hängte es sich wieder um den Hals...
Niko fühlte sich pudelwohl, als er durch den Balamb-Garden marschierte. Es war so wie damals, als er noch im Besitz der SEEDs war. Er fuhr mit dem Lift ins Untergeschoß. Prokylta hatte den Raum, in dem einst Master Norg gehaust hatte, wieder zu einem Thronsaal umfunktioniert. Niko verbeugte sich vor ihr.
"Du hast sehr gute Arbeit geleistet", wurde er von Prokylta gelobt. "Von nun an wirst du einen besonderen Platz bei Aomes Trianirea einnehmen. Du wirst einen Titel tragen, der deine Leistungen würdigen wird." Niko erhob sich.
"Das weiß ich sehr zu schätzen, meine Herrin."
"Von heute an sollst du als Nachfolger deines Bruders, als 'Schwarzer Prinz', bekannt sein." Niko verneigte sich noch einmal kurz vor ihr und bemerkte nicht, dass noch jemand den Raum betrat. Prokylta stand auf.
"Ich möchte, dass du bei dieser Gelegenheit gleich deine Partnerin kennen lernst, die einst dein Gegenstück war. Nun werdet ihr gemeinsam der Sekte dienen." Niko drehte sich um.
"Quistis Trepe!", antwortete er voller Erstaunen. Doch sein skeptischer Gesichtsausdruck verwandelte sich schnell in ein ironisches Grinsen.
"Hallo, Niko. Ich denke, dieses Mal werden wir besser miteinander auskommen", meinte Quistis und zwinkerte ihm zu. Prokylta setzte sich wieder.
"Lass mich erklären", sagte sie. "Dies ist ein Double, das sich seit der Übernahme des Gardens bei den SEEDs aufhält."
"Verstehe. Und die echte Quistis ist..."
"Tot!", antwortete Quistis' Doppelgängerin. "Oder dachtest du wirklich, dass eine schwerverletzte Patientin gegen das Triumvirat eine Chance hätte? Da kann sich Shou noch dreimal opfern", lachte sie.
Niko grinste und sah dann zu Prokylta rüber.
"Ich freue mich auf eure weitere Zusammenarbeit", sagte er, verbeugte sich und verließ den Raum ohne sich noch einmal umzublicken.
Edea saß still und allein in der Meditationskammer. Die Kinder schliefen endlich. Es war nachts und sie war alleine. Irgendwie war sie versunken. Traf sie nur die falschen Entscheidungen? Auf einmal piepte etwas. Sie zog ihren Kommunikator heraus. Auf dem Display blinkte etwas; eine Nachricht. Edea holte sie auf das Display: "Habe weiter Kontakt aufgenommen. NKG"
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