FFVIII: Aomes Trianirea - Kapitel 27

Ein Gefühl von Leere

verfasst von MfLuder

Cecil Kitisa saß nach einer langen Nacht in seinem Büro und dachte an die letzten Stunden, während er aus dem großen Fenster in die tiefe Dunkelheit blickte. Die letzten Stunden waren wohl die schrecklichsten seines Lebens gewesen. Nach der Katastrophe mit dem Galbadia-Garden war er sofort zum Unglücksort gereist. So ein Ausmaß an Zerstörung hatte Kitisa noch nicht gesehen und es erfüllte ihn mit so viel Zorn, dass so viele Menschen sterben mussten. Er hatte den Helfern Mut zugesprochen und in die Kameras seine üblichen Sätze gesagt. Dann war er ins Büro geeilt und hatte mit seinen Ministern gesprochen.
Es war vermutlich die schwierigste Zeit seines Lebens. Bisher war er so gut durch das Leben gekommen. Er war ein erfolgreicher Schüler und Student gewesen, war schnell aufgestiegen und hatte Karriere in der Politik gemacht. Nach dem Zusammenbruch der Deling-Diktatur hatte er vollkommen neu anfangen müssen und doch wurde er zum Vorsitzenden des Pollendina Rates gewählt. Zuerst hatte er Schwierigkeiten gehabt, das neue politische System zu verstehen, doch nun kam er gut damit zurecht. Doch dann hatte er von Per Manum erfahren. Doch er hatte auch diese Organisation überlebt.
Und nun, nach monatelangem Kampf, war endlich sein größter Erzfeind General Caris besiegt, doch es hatte viele Leben gefordert. Außerdem schienen auf einmal aus dem Nichts politische Gegenspieler zu erscheinen, die ihn öffentlich attackierten und seinen Rücktritt forderten. Außer Aloin hatte er nie Konkurrenten gehabt, niemand war kompetent genug gewesen, es mit ihm aufzunehmen. Doch jetzt tauchten sie auf einmal überall auf. Dies alles war sehr merkwürdig. Was wusste er eigentlich?
Bis eben hatte er noch mit seiner Frau telefoniert und sich vergewissert, dass es ihr und seinen beiden Kindern gut ging. Dann hatte er mit anderen Frauen telefoniert, denen es ebenfalls gut ging und worüber er sich sehr gefreut hatte. Jetzt war die Arbeit des Tages fast getan und er würde bald nach Hause gehen. Er musste sich nur noch mit einem Mann treffen.
Er hörte, wie jemand die Tür öffnete und eintrat. Kitisa drehte sich in seinem Stuhl um und sah, dass Zed Black den Raum betreten hatte.
"Endlich, du bist da", sagte Kitisa und erhob sich.
Zed schmiss kurz ein Stapel Papier auf seinen Tisch.
"Hier, deine Rede für morgen. Diese Erklärung wird morgen früh weltweit ausgestrahlt. Nimm sie jetzt noch auf, unten steht ein Kamerateam bereit", sagte Zed kurz.
"Aber... aber ich wollte nach Hause. Ich habe schon Überstunden gemacht", sagte Kitisa mit einem unsicheren Lächeln.
"Cecil, dies ist eine Krisensituation und du willst nach Hause?", fragte Zed ungläubig.
Kitisa zuckte mit den Schultern und nahm den Stapel Blätter in die Hand.
"Was steht da drin?", fragte er schließlich.
"Deine politische Strategie. Wir haben kurz darüber gesprochen. Du wirst den SEEDs die Schuld geben und Schritte gegen sie ankündigen. Dann ist da noch ein kleiner Unterpunkt, über den ich mit dir reden möchte. Und ich möchte dir jemanden vorstellen", sagte Zed.
Kitisa sah Zed skeptisch an.
Dann fiel sein Blick auf die Tür. Jemand hatte den Raum betreten. Eine Frau... Er erkannte sie sofort.
"Prokylta!", rief Kitisa.
"Es ist eine Weile her. Das letzte Mal haben wir uns im Per Manum-Hauptquartier gesehen", sagte Prokylta und neigte ihren Kopf leicht zur Begrüßung.
"Was soll das, Balmung? Was haben Sie mit dieser Frau zu schaffen!", brüllte Kitisa.
"Sie ist unsere Beraterin. Sie hatte mir schon sehr lange Anweisungen gegeben und dir somit geholfen", sagte Zed.
Kitisa sah ungläubig die beiden an.
"Balmung, ihr Verrat reicht tiefer als ich es je für möglich gehalten habe. Sie haben mich benutzt. Sie haben keine Wertschätzung vor menschlichem Leben..."
Prokylta lachte zynisch.
"Und das sagen Sie als Mitarbeiter einer Diktatur, Kitisa? Ich rate Ihnen eines... als Ihre Beraterin. Sie werden alles tun, was Zed Ihnen sagt. Oder Sie werden die Folgen meiner... Unzufriedenheit spüren. Und die werden ähnlich ausfallen wie das Unglück heute Nacht. Wie wäre es zum Beispiel, wenn ihre Frau bei einem Autounfall ums Leben kommen würde? Oder ihre beiden süßen Kinder eines Tages zerteilt in Leichensäcke auftauchen würde? Oder haben Sie sich schon mal überlegt, wie sich eine Herzattacke anfühlt?", fragte Prokylta mit hochgezogenen Augenbrauen und einer ruhigen Stimme als rede sie über das Wetter.
"Was wollen Sie?", presste Kitisa hervor.
"Sie werden in Ihrer Ansprache die Existenz Hynes verkünden und ihre Solidarität mit ihm bekunden. Gleichzeitig werden Sie einen Waffenstillstand mit der Sekte Aomes Trianirea ankündigen. Bei der nächsten Sitzung des Cyclus-Rates werden Sie zwei Gesetzesentwürfe einbringen. Im ersten verbieten Sie die SEEDs, mit dem zweiten werden Sie die bedingungslose Hingabe zum Schöpfer staatlich regeln!", sagte Prokylta sachlich.
Kititsa lachte laut los.
"Sie armselige Irre und wer soll das absegnen? Das kriege ich niemals durch!", sagte Kitisa.
"Die wahren Kämpfe finden im Schatten statt. Es gibt eine Welt, die man nicht sehen kann, die nur wenige Menschen wahrnehmen. Bald wird es nur eine Regel geben. Diene oder sterbe. Tief unten in der Ruinenstadt Teneralem gibt es den 'Pfad der Walpurgis', die Prüfung der Hexen. Dieser Apparat erlaubt es, Doppelgänger von Menschen zu erschaffen. Ein Mann namens Cifer Almasy hat uns den Beweis gegeben. Wir werden dafür sorgen, dass die Mehrheit des Cyclus-Rates bald von Doppelgängern besetzt wird und somit gewährleisten, dass diese Gesetze problemlos den Rat passieren", erklärte Prokylta freundlich.
Kitisa sah auf den Boden.
"Damit wäre wohl alles geklärt. Zed, ich reise nach Dollet und werde 'ihn' abholen. Du übernimmst hier", sagte Prokylta und verließ dann zügig den Raum ohne Kitisa eines weiteren Blickes zu würdigen.
Kitisa blickte auf Zed, der sich genüsslich in Kitisas Sessel niedergelassen hatte und Kitisa ansah.
"Und du trägst das alles mit, Gareth?", fragte Kitisa schwach.
"Mein Name ist Zed, Cecil, Zed Black. Und, um deine Frage zu beantworten, ich tue das für uns beide. Prokylta ist eine armselige Irre, aber ihre Pläne sind ultimativ. Es wird ein Tag kommen, da wird Hyne seine ganze Macht haben und die gnadenlos vernichten, die ihm nicht treu ergeben sind. Er wird diese Welt reinigen. Und entweder wir verhandeln und ergattern einen guten Platz oder wir sterben sinnlos. Wir retten die Welt, Cecil. Sollen denn alle Menschen sinnlos sterben oder wollen wir nicht die anderen opfern, damit wenigstens ein paar überleben können?", fragte Zed schließlich.
Kitisa gab keine Antwort.
"Geh runter und gib deine Erklärung ab und mache dann Feierabend. Geh zu deiner Familie und frage dich, ob sie diese Hölle überleben sollen oder nicht. Sorge dich nicht, Cecil, wir werden uns um alles kümmern", sagte Zed schließlich.
Kitisa warf noch einen letzten Blick auf Zed und verließ dann sein Büro.

Das Rauschen des Meeres drang in Squalls Ohren. Er war in Balamb... zu Hause. Gleich würde er aufstehen und mit Rinoa frühstücken...
Doch etwas verdrängte die Wellen. Ein Wummern, wie von Waffen... die Erinnerungen. Der letzte Tag. Bilder flogen durch seinen Kopf. Bilder von Krieg und Zerstörung. Die Schlacht gegen Caris... Sie war erst wenige Stunden her...
Squall riss seine Augen auf. Sonnenstrahlen schienen direkt in das Zimmer und hatten es aufgeheizt. Es schien bereits kurz vor Mittag zu sein. Verflucht, wieso hatte er so lange geschlafen?
Squall sah sich um. Leere Schlafsäcke waren auf dem Boden verstreut. Die anderen waren wohl schon auf den Beinen. Squall schnappte sich ein paar Sachen und ging dann, ohne sich zu waschen, nach unten.
Kurz vor der Treppe kam ihm jemand entgegen. Squall hatte Schwierigkeiten, diese Person zu erkennen, denn seine ganze alte Art war verschwunden. Niko schlurfte an Squall vorbei und nickte ihm unmerklich zu. Er ging gebückt und seine Augen waren tot.
"Sind die anderen unten?", fragte Squall.
"... glaub schon", murmelte Niko unmerklich und verschwand dann im Bad.
Squall sah ihm kurz nach und ging dann die Treppe hinunter.
Er hatte kaum schlafen können. Din hatte ihnen in Xells altem Zimmer notdürftig Decken und Schlafsäcke bereitgestellt. Ein paar hatten sich noch kurz unterhalten, doch dann waren fast alle sehr schnell ins Bett gegangen. Zuerst hatte Squall gezittert, dann war ihm endlos heiß geworden, als die Anstrengung und die Entwicklungen der letzten Stunden durch den Kopf gegangen waren. Dieser geballte Wahnsinn der Schlacht, Caris letzte Momente, Rinoas Wut, Prokyltas Verrat...
Immer noch meinte er, das Kanonenfeuer zu hören...
Irgendwann war dann eingenickt und hatte in seinen Träumen die Schlacht weitergeführt...
Als er die Küche betrat, stellt er fest, dass das Frühstück bereits vorbei war. Squall sah im Nebenzimmer Xell mit seiner Mutter leise reden. Der Einzige, der noch am Tisch saß, war Cifer Almasy.
"Auch schon wach? Hier ist noch ein Toast, wir reisen bald ins Hauptquartier", sagte Cifer brüsk.
"Irgendwas Neues?", fragte Squall.
"Ja... im Radio kam, dass der Galbadia-Garden unmotiviert abgehoben ist... oder zumindest die Ruine, die davon übrig ist", sagte Cifer.
Squall sah ihn erstaunt an.
"Aber es war doch keiner mehr von uns da. Das Ding war Schrott", meinte Squall erstaunt.
"Vielleicht war es ferngesteuert", schlug Cifer vor.
Squall dachte nach. Dann fiel ihm auf, dass er jemanden vermisste.
"Wo ist Rinoa?"

Er fand Rinoa direkt vor der Tür. Es war ein ungewöhnlich sonniger und warmer Tag. Als er nach draußen kam, fiel Squall sofort ein sehr Balamb-untypisches Geräusch auf. Das Geräusch von Arbeit. Er sah sehr schnell, woher dieses Geräusch kam.
Dort, wo einmal ihr abgebranntes Haus gestanden hatte, wurde ein neues errichtet. Man baute ein neues Haus!
"Toll, oder? Ich habe vorhin mit dem Bürgermeister gesprochen. Sobald es fertig ist, können wir es haben", sagte Rinoa und lächelte leicht.
Squall sah sie an. Ihm fiel auf, dass sie merkwürdig blass aussah und ihre Augen erschienen ihm irgendwie schwärzer als sonst. Vermutlich hatte sie lediglich ebenfalls schlecht geschlafen.
"Das heißt, wir bekommen..."
"... wieder eine Heimat", ergänzte Squall Rinoas Satz.
Rinoa nickte.
Squall sah auf das Meer. Vor vielen, vielen Monaten war ihr Haus abgebrannt und er hatte sich entschieden, der Gefahr ins Auge zu blicken. Nach all diesen Monaten, nach all diesen Verlusten stand er nun wieder hier. Er dachte daran, dass vielleicht irgendwann ein Tag kommen würde, an dem er in seinem Haus aufwachen würde und einfach nur mit Rinoa und seinem Kind leben würde. Vielleicht würde irgendwann dieser Tag kommen... vielleicht...

Nur eine halbe Stunde später hatten sich alle vor dem Haus der Dinchts versammelt. Es war ein kleines erschöpftes Grüppchen. Und dennoch wollten alle unbedingt ins Hauptquartier, um endlich einen vollen Bericht zu bekommen, was eigentlich passiert war.
Squall sah zu Cid rüber. Ein Ausdruck tiefer Erschöpfung lag in seinem Gesicht und Squall stellte beunruhigt fest, dass Cid sehr alt aussah.
"Okay, sind alle beisammen. Dann lasst uns gehen", sagte er schließlich mit einer heiseren Stimme.
Squall dachte an Edea und Quistis. Sie wussten immer noch nicht, ob sie überlebt hatten... wer überhaupt überlebt hatte. Squall konnte sich nicht im Ansatz vorstellen, wie das für Cid sein musste. Ungewiss, ob seine Frau noch lebt oder nicht...
"Wartet, Niko fehlt noch", sagte Selphie, die auf Krücken stand.
"Na und, soll der Arsch hierbleiben", knurrte Xell ungewöhnlich aggressiv.
"Wir gehen entweder alle zusammen oder wir bleiben alle hier, ist das klar?", sagte Irvine ruhig und ging in das Dincht-Haus. Selphie folgte ihm humpelnd. Sie war in der Schlacht schwer verletzt worden und Squall war überrascht, dass sie überhaupt gehen konnte.
Er ließ seinen Blick über die geschlagenen Menschen schweifen. Viele von ihnen trugen noch Zeichen des Kampfes. Die beiden Weißen SEEDs, die ihnen am Vorabend die schrecklichen Nachrichten überbracht hatten, starrten ausdruckslos auf das Meer.
Die Möwen kreischten und Menschen waren auf der Straße und gingen ihren alltäglichen Pflichten nach und genossen das Leben. Manche von ihnen sahen die SEEDs merkwürdig an. Squall konnte es ihnen nicht verübeln. Er selbst schaute auf den Boden. Er wollte keine seiner Nachbarn wiedersehen. Es würde ihn zu schmerzlich an sein früheres Leben erinnern...
Auf einmal hörten sie einen schrecklichen Schrei und daraufhin einen Schuss.
"Selphie", flüsterte Squall und rannte in das Haus.
Er kam rein und rannte die Treppen hoch. Er sah sich hektisch um und sah schließlich ins Badezimmer.
Er stürmte rein und sah sofort, was passiert war. Niko lag auf den Boden und hatte einen Strick um den Hals. Daneben stand Irvine mit einer Pistole in der Hand. Neben Niko kauerte Selphie. Sie war weiß vor Schock und streichelte maschinenartig seinen Kopf. Er hustete. Anscheinend hatte Irvine den Strick durchschossen.
"Lass mich los", sagte Niko weinerlich und stieß Selphies Hand weg.
"Wieso? Wolltest du mich alleine lassen?! Wieso? Antworte mir? Warum? Warum?", stotterte Selphie fast hysterisch.
Hinter Squall kam jemand die Treppen hochgesprintet. Es war Xell. Er warf einen Blick in das Badezimmer und schien ebenfalls sofort zu erkennen, was passiert war. Seine Miene verhärtete sich.
"Wolltest einfach abhauen, was? Wolltest dich einfach verpissen und uns alleine lassen. Ganz einfach und bequem. Scheiße, warum nicht? Wieso nicht einfach sich die Kehle durchschneiden. Is doch viel einfacher, als zu kämpfen. Du mieses Stück Dreck!", sagte Xell in einer brutalen Kälte, wie sie Squall nie zuvor gehört hatte.
"Dir isses doch egal, wenn ich abkratze", sagte Niko voller Verachtung.
"Ja, aber selbst du bist immerhin noch gut genug, neben uns zu sterben, wenn wir gegen Hyne kämpfen. Du kannst dich immer noch von Monstern zerfleischen lassen oder was weiß ich!", brüllte Xell.
"Halt's Maul! Halt dein scheiß Maul, du verfluchter Penner!", kreischte Niko.
Xell sah aus, als würde er gleich den Strick nehmen und Niko das Genick brechen. Doch dann stand Niko auf und in seinen Augen loderte ein flammender Hass auf.
"Du kleines armes Arschloch hast kein Recht über mich zu urteilen. Du lässt deinen Schmerz an anderen aus. Du hast einen Verlust erlitten und du suchst dir mich als Sündenimp aus! Ja, gib Niko die Schuld, ganz einfach, so verdrängt man sein eigenes Versagen! Du lässt nicht einmal deinen Schmerz und deine Schuldgefühle zu. Du verprügelst mich, damit es dir besser geht. Du weiß nicht, wie es ist, innerlich zerrissen zu sein, sich zu hassen und die Gesichter seiner toten Freunde zu sehen. Du weißt nichts von dem brennenden Schmerz, den ich momentan durchmache. Du hast keine Ahnung, du trauriger kleiner Wichser. Du Null! Du Möchtergernanführer! Du hast nicht mal angefangen, dich mit der vergangen Nacht auseinanderzusetzen. Und deswegen hast du kein Recht, über mich zu urteilen ", sagte Niko tödlich ruhig. Seine Augen waren gerötet, aber er weinte nicht.
Einen kurzen Moment sahen sich Xell und Niko steinern an. Dann ging er an Squall vorbei und verließ Raum, Etage und Haus. Xell sah sich kurz im Spiegel an und verließ dann ebenfalls den Raum ohne ein weiteres Wort zu verlieren.
Selphie zuckte halb mit den Schultern, wischte sich die eine oder andere Träne ab und huschte dann aus Squalls Blickfeld.
Er sah kurz an die Decke, an der noch ein Teil des Strickes hing, machte ihn ab und steckte ihn ein, bevor er seinen drei Begleitern folgte.
Er warf ihn erst außerhalb von Balamb in ein Gebüsch.

Selbst in den dunkelsten Stunden gab es manchmal Hoffnung. Obwohl sich der Himmel zugezogen hatte und bald wohl Massen an Wasser in Richtung Erde schicken würde, schien sich die Stimmung leicht zu heben.
Während sie auf das Hauptquartier zu marschierten, sahen sie immer wieder andere SEEDs, die ebenfalls zum Hauptquartier gingen. Manche von ihnen hatte Squall noch nie zuvor gesehen. Doch jeder, der lebte, war ein Gewinn und er hörte hier und da sogar ein kurzes Lachen, wenn sich zwei Freunde wiedersahen.
Niko hatte kein Wort gesprochen und ging neben der humpelnden Selphie her und stützte sie so gut es konnte. Squall vermutete, dass Niko selbst viel Schmerzen hatte, doch er ließ es sich nicht anmerken. An seinem Hals waren die Druckspuren des Galgens noch deutlich zu erkennen.
Als Squall nach vorne blickte, sah er von weitem das große zweistöckige Haus, dass ihr Hauptquartier bildete. Cid beschleunigte auf einmal seine Schritte und Squall sah sofort warum. Vor dem Haus in einem prächtigen schwarzen Kleid und einem langen Mantel, der im Wind wehte, stand Edea und winkte ihnen zu. Neben ihr stand in prächtigen goldenen Farben Squalls Chocobo. Er rannte ihnen entgegen. Sofort wurden die schweren Verwundeten wie Selphie auf den Chocobo gesetzt.
Kurz kamen einige Sonnenstrahlen durch einen kleinen Riss der dichten Wolkendecke. Squall fing Edeas Blick und wusste, dass es viel zu besprechen gab.

Man setzte die Sitzung auf den Nachmittag an. Im Laufe des Tages kamen viele Überlebende in das Haus und bald war die Luft erfüllt von Geschichten. Manchmal gab es fröhliche Momente, wenn sich zwei sich nahe stehende Menschen sich wiedersahen, aber man hörte leider viel öfter Schmerzensschreie und sah verweinte Gesichter, wenn wieder jemand vom Tod eines Freundes oder eines Familienmitgliedes erfahren hatte. Diese Mischung ergab eine sehr merkwürdige Atmosphäre, die Squall nicht sonderlich gefiel. Nach einer Weile flüchtete er an die frische Luft.
Dort begrüßte er die spärlichen Gruppen von Neuankömmlingen. Etwas weiter weg stand Rinoa auf einem Hügel und sah auf das Meer. Squall dachte an ihr Verhalten vom letzten Abend, an diesen Angriff und die Worte, von denen er nie gedacht hätte, dass Rinoa sie je aussprechen würde. Später kam Rinoa zu Squall und sie schien ganz normal und heilte erste Wunden der Neuankömmlinge... und doch waren ihre Augen schwärzer als sonst.
Cifer hatte sich gänzlich von dem Trubel entfernt und trieb sich an der Küste herum, wo er ein paar Monster mit dem Rest seines Frühstückes fütterte.
Am Nachmittag dann ertönte eine kleine Glocke und alle begaben sich in das Esszimmer im Erdgeschoss, wo die Sitzung stattfinden sollte.
Squall sah sich mit gemischten Gefühlen in dem Raum um. Das letzte Mal, wo er hier gewesen war und gegessen hatte, hatte Prokylta noch mit am Tisch gesessen...
Cid und Edea traten nach vorne. Das Gemurmel verstummte sofort. Cid setzte an:
"Wir haben miteinander gesprochen und konnten uns inzwischen ein Bild von den Ereignissen machen. Der Galbadia-Garden wurde fast komplett zerstört. Sein Flugmechanismus funktioniert jedoch noch... er setzte sich anscheinend wie von selbst in Bewegung und verschwand aus unserer Reichweite. Der Balamb-Garden wurde von der Sekte übernommen. Dort wurden die größten Opfer verzeichnet. Was den Trabia-Garden angeht... auch dieser wurde übernommen..."
Squalls Magen zog sich zusammen. Der Trabia-Garden war ihre letzte Hoffnung gewesen...
"... anscheinend hatte sich der Balamb-Garden genähert und sie hatten die Brücken ausgefahren, in der Annahme, es handele sich um ihre Freunde... anscheinend hat ein Virus die kompletten Verteidigungsmechanismen aller drei Gardens lahmgelegt und ein Programm installiert, mit denen die Gardens ferngesteuert werden können. Die SEEDs waren quasi wehrlos... wir wurden überrannt. Unsere traurige Bilanz ist, dass die Gardens nun in Feindeshand sind und wir damit heimatlos. Die Gardens sind zu unseren Feinden geworden und die Sekte Aomes Trianirea hat nun ein mächtiges Instrument", schloss Cid düster.
"Also war die Schlacht gegen Caris ein Ablenkungsmanöver?", fragte eine junge SEED entsetzt.
"Ich fürchte ja. Anscheinend sollte er unwissentlich uns hinhalten, damit die Sekte die Gardens erobern kann", sagte Cid.
"Wofür?", fragte Squall.
Cid schüttelte den Kopf.
"Ich weiß es nicht."
Es war ruhig im Raum. Alle schienen diese Neuigkeit erst einmal verarbeiten zu müssen. Vor ein paar Tagen waren sie noch so zuversichtlich gewesen und jetzt...
"Es war furchtbar", sagte eine Stimme.
Squall sah sich um. Er sah Quistis, die immer noch von Caris' Angriff in der Kanalisation von Deling-City gezeichnet war.
"Wir waren wehrlos, da sich alle Kämpfer im Galbadia-Garden befanden. Die Abwehrsysteme funktionierten nicht. Die Sektenmitglieder kamen rein. Sie hatten weiße Masken auf und trugen lange Sicheln und Schwerter. Sie mähten einfach durch und töteten alle, die sich in den Weg stellten... egal... ob... Kinder oder Frauen oder... das sind keine Menschen mehr... Das sind keine Menschen mehr. Sie wollten auch mich töten, doch Shou sprang dazwischen. Sie gab mir Zeit zu entkommen, doch sie selbst wurde schwer verletzt. Diese Bastarde wussten, wie es im Garden aussieht. Ihr Anführer war einst ein SEED und ein Schüler von mir. Cody. Er hat Shou kaltblütig erschossen", schloss sie.
Squall versuchte sich an jemanden namens Cody zu erinnern. Ein undeutliches Gesicht erschien vor seinem inneren Auge. Ein ruhiger gutaussehender Junge. Unauffällig...
"Wir hatten auch nur Glück.", sagte Edea, "Sie hatten uns eingekesselt und meine Zaubersprüche reichten nicht mehr. Der Junge, Xelto, kam auf einmal und hat die Sektenattentäter erschlagen. Er hat kein Wort mit uns gesprochen, wir sind ihm einfach gefolgt. Ich traf Quistis und er hat uns mit einem Gardenwagen mitgenommen. Ein paar Kilometer weg von hier hat er uns abgesetzt."
Squall sah zu Cifer rüber. Zu seiner Verwunderung entdeckte er ein flüchtiges Lächeln auf seinem Gesicht.
"Wer hätte gedacht, dass der Bruder mutiger ist als unser Niko, der nur Leute in den Tod treibt", zischte Xell bitter.
"Das reicht, Xell. Wir haben alle Fehler gemacht. Niko, du trägst selbstverständlich als Kommandierender die Verantwortung. Dennoch hat er niemanden ermordet. Wir wurden alle von Prokylta getäuscht. Sie hat diesen Angriff orchestriert und ist für jeden Toten verantwortlich", sagte Edea mit einer leichten Schärfe.
Squalls Hand griff unwillkürlich nach Rinoas. Doch ihre Hand zog sich zurück. Ihr Gesicht war steinern.
Auf einmal ging die Tür auf. Squall sah zuerst niemanden eintreten, bis er weiter nach unten sah. Nimbley und Dario waren in das Zimmer gestürzt.
"Mama, schalt den Fernseher an", sagte Nimbley aufgeregt.
Squall sah, dass Nimbley ebenfalls müde aussah. Seine Augen waren gerötet.
"Nimbley, das ist eine ernste Sitzung, geh bitte...", seufzte Edea.
"Wir sind im Fernsehen!", unterbrach Nimbley sie ungeduldig.
Cid schritt zu einem Fernseher, der in der Ecke stand und drückte einen Knopf.
"Ähm, diese verfluchte Programmauswahl. Diese neuen Geräte...", hörte man ihn fluchen.
Edea schritt schnell zu ihm.
"Auf Kanal 8", meinte Nimbley drängend.
Die beiden drückten etwas willkürlich auf dem Fernseher herum. Plötzlich ertönte die Stimme Cecil Kitisas.
"... Menschen getötet. Aufgrund der Inkompetenz, die zum Tod dieser vielen Menschen geführt hat, klage ich hiermit die SEEDs und insbesondere Niko Goodsworth an und fordere sie auf, die Verantwortung zu übernehmen. Momentan wird eine Anklage gegen die SEEDs geprüft. Bis zur Entscheidung ist es den SEEDs verboten, weitere Operationen zu unternehmen. Ich werde einen Gesetzesentwurf im Cyclus-Rat einbringen, um die SEEDs verbieten zu lassen.
Jedoch droht uns eine weitere Gefahr. Liebe Mitbürger, ein Dämon aus grauer Urzeit ist aufgetaucht. Sein Name ist Hyne. Es ist nicht bestätigt, ob es sich dabei um die mystische Gestalt handelt, die wir alle aus den Kindermärchen kennen. Es gibt jedoch Gerüchte, dass er hinter einer Gruppe von Menschen steht, die sich Hyniten nennen und die Sekte 'Aomes Trianirea' bilden. Diese Sekte hat nun die Kontrolle der Gardens. Bisher wurde diese Sekte angeführt von einer Hexe namens Prokylta. Unsere Forschungen haben herausgefunden, dass es sich bei dem Dämon um niemand geringeres als Aloin handelt, der vor ein paar Monaten mein Gegenkandidat war.
Ich versichere ihnen, wir werden alles tun, um die Terroristen zu fangen. Einen schönen Tag noch!"
Kitisa verschwand. Stattdessen tauchte der Nachrichtensprecher wieder auf.
"Die Reaktionen auf die Regierungserklärungen des Ratsvorsitzenden sind gemischt. Während seine eigene Partei die Rede als 'Meilenstein' feierte, bekundeten Oppositionspolitiker Skepsis an Kitisas Menschenverstand, sicherten aber Unterstützung im Kampf gegen die Sekte zu. Im Cyclus-Rat fielen die Bemerkungen gemischt aus. Insgesamt schien jedoch eine große Mehrheit für die Abschaffung der SEEDs zu sein."
Hella Perseu erschien auf dem Monitor.
"Die SEEDs verschlingen viel zu viel von unseren Steuergeldern und richten nur Schaden an. Sie müssen aufgelöst werden."
Perseu wurde von Organa abgelöst.
"Dieses Verbotsverfahren erschüttert die Säulen unserer Demokratie tief. Ich bin überrascht, wie schnell Kitisa einen Schuldigen gefunden hat, wo viele Faktoren in diesem Unglück noch nicht untersucht wurden. Ich fordere deswegen den Ratsvorsitzenden auf, eine Untersuchungskommission einzusetzen, um die ganze Sachlage aufzudecken. Momentan jedoch sollten wir an die Opfer denken und an die Angehörigen. Niemand kann so eine Tragödie einfach wegstecken. Die Qual der Hinterbliebenen ist für uns unvorstellbar!"
Der Kommentator fuhr fort.
"In der Bevölkerung löste die Ankündigung von Hynes Rückkehr sehr gemischte Reaktionen aus. Die Meisten glauben nicht daran und denken, dass Kitisa zu viele Überstunden gemacht habe. Andere verfielen in Panik und kündigten an, aufs Land zu fahren. Die Behörden sprechen von einem Selbstmord. Es folgt ein Kommentar von Skylar Goodsworth."
Skylar erschien auf dem Monitor.
"Kitisa ist zu beglückwünschen, endlich ein Fünkchen Wahrheit gesagt zu haben. Seine Reaktion darauf ist jedoch arg bemitleidenswert. Nun soll ein SEED-Verbot also alles retten. Die Kämpfer, die in Zauberei und Schwertkampf brillieren und Erfahrung haben, ausschalten, wenn Hyne zurückkommt. Ein weiteres Mal erscheint Kitisa lediglich als Lobbyist, der auf ominöse Berater hört und der sein Büro mehr liebt als die Menschen, die er regiert. Kitisa ist ein Mann, der in einer Diktatur aufgestiegen ist und anscheinend immer noch nicht gelernt hat, dass man in einer Demokratie unangenehme Gruppen nicht einfach verbieten kann.
Ein Hauch von Vernunft hat der Mann anscheinend noch, kündigt er Schritte gegen die Sekte an. Doch kommt das nicht etwas spät? Die Sekte operiert bereits sehr lange und Kitisa ignorierte bisher sämtliche Berichte der SEEDs und jagte viel lieber General Caris, dessen Tod anscheinend niemanden mehr interessiert..."
Skylar giftete weiter gegen Kitisa, sehr zur Freude von Squall und den anderen. Doch der Rest beunruhigte ihn gewaltig. Wieso will Kitisa ihnen Steine in den Weg legen? Wieso jetzt, wo sie alle Schritte gegen Hyne unternehmen müssen.
"Leonhart, dein Vater ist der Präsident von Esthar, richtig?", ertönte auf einmal Nikos Stimme. In seinen Augen loderte ein Feuer. Die Feindschaft zwischen Niko und Kitisa hat ihm wohl neue Kraft gegeben.
"Wir müssen nach Esthar", sagte Niko kurz.

Cid trat aus dem Haus und sah sich um, ob jemand ihn hörte. Als er überzeugt war, dass nur der Wind sein Zeuge sein würde, holte er einen Kommunikator hervor und drückte einen Knopf.
"Carvin, ich bin's", sagte Cid.
"Ich habe es gerade gehört. Wie geht es dir?", knackte es zurück.
"Beschissen. Was ist das mit Kitisa?", fragte Cid.
"Keine Ahnung, aber ich wette Balmung steckt dahinter. Kitisa wirkt sehr unentschlossen, was? Einerseits die Sekte bekämpfen, andererseits euch ruhig stellen. Da ist was im Busch", meinte Carvin.
"Mh, hast du was über diesen Balmung herausgefunden?", fragte Cid.
"Wann denn? Ich war die meiste Zeit beschäftigt, meinen Arsch zu retten. Aber etwas habe ich gefunden. Es gab einen Gareth Balmung, aber der ist schon seit Jahren tot. Er war ein Schüler von - halt dich fest - Julia Heartilly in ihrer Per Manum-Zeit. War sogar mal verheiratet. Sherela White oder so. Aber keine Kinder. War impotent", sagte Carvin.
"Also kann er es nicht sein", sagte Cid.
"Richtig, aber die Heartilly, oder sollte ich sagen, Prokylta, hatte noch einen Schüler. Bisher habe ich nur seinen Codenamen 'Mondmann'. Aber vielleicht steckt der ja dahinter. Könnte ja sein", meinte Carvin.
"Wie starb denn Balmung?", fragte Cid.
"Autounfall. Hör mal Cid, ich muss wieder", sagte Carvin.
"Meld dich, wenn du was hast. Und gib auf dich acht", sagte Cid und steckte den Kommunikator weg.

In den nobleren Gegenden von Deling-City war man weitestgehend von der Katastrophe verschont geblieben. Die einzige Wunde, die hier klaffte, war die Ruine, wo einmal die Villa Carway gestanden hatte. Dies war der offizielle Todesort von General Caris und obwohl hier der Garden auseinandergebrochen ist, wurde erstaunlicherweise der Rest des Viertels weitestgehend verschont.
Im Hause Kitisa wurde an dem Abend zumindest normal wie an jedem anderen Abend auch gegessen.
Cecil Kitisa saß neben seiner Frau im Esszimmer und sah seine beiden Kinder an. Sein Sohn Bruno war 14 und würde in ein paar Jahren zum Militär gehen und dann eine akademische Ausbildung anfangen. Seine Tochter Cecilia war acht und würde irgendwann Journalistik studieren. Vielleicht gingen irgendwann beide mal in die Politik.
"Dürfte ich das Salz haben, Mutter?", fragte Bruno.
"Sicherlich, mein Schatz. Eine schreckliche Tragödie, nicht wahr", seufzte Frau Kitisa.
Cecil nickte abwesend.
Es klingelte an der Tür.
"Ich gehe schon", sagte Cecilia und sprang auf.
Kitisa wollte sie daran hindern, aber sie war schon aus dem Esszimmer gerannt. Cecil hörte gespannt hin. Dann bemerkte er, dass seine Frau ihn beobachtete, und aß hastig weiter.
"Guten Abend, der Herr", hörte er Cecilia sagen.
Jemand antwortete. Dann schloss sich die Tür.
Cecilia kam zurück.
"Vater, hier ist jemand, der dich sprechen will", sagte sie.
Hinter ihr betrat jemand den Raum. Kitisas Magen zog sich zusammen. Zed Black betrat in einem schwarzen Mantel den Raum und verbeugte sich vor der Familie.
"Danke, kleines Fräulein", sagte er zu Cecilia. Sie grinste ihn an und setzte sich an den Tisch.
Zed sprach zur Familie.
"Tut mir Leid, zu so später Stunde noch hereinzuplatzen. Mein Name ist Gareth Balmung und ich arbeite mit Cecil zusammen", sagte Zed lächelnd.
"Sie sind Vaters Kollege. Wie ist er denn so...?", platzte es aus Bruno heraus.
Mit einer erstaunlichen Schnelligkeit stand Frau Kitisa auf und verpasste ihrem Sohn eine Ohrfeige.
"Entschuldigen Sie seine Manieren, Herr Balmung. Wollen Sie sich setzen, was essen?", fragte sie mit einer perfekten Freundlichkeit.
"Ich muss leider sofort weiter. Nur ein paar Sätze mit ihrem Mann...?"
"Sicherlich", sagte Kitisa und stand auf.
Zed und Kitisa gingen in die Eingangshalle.
"Was für eine charmante Tochter. Zu schade, dass ich ihr bald das Gesicht abschneiden muss, wenn es zu mehr Unannehmlichkeiten deinerseits kommt, Cecil. Und was würde nur aus der freundlichen und doch so brutalen Frau Kitisa werden, wenn die Sektenattentäter vorbeikommen? Sie haben seit Jahren keine Frau mehr gesehen", meinte Zed, während er Blätter von seinem Hut klopfte.
"Okay, sie haben mich eingeschüchtert. Was wollen Sie?", fragte Kitisa.
"Du hast dich nicht an den Text gehalten. Du solltest dich solidarisieren und nicht den Kampf ansagen. Zumindest hast du die SEEDs gebändigt. Ich warne dich, Cecil. Noch so ein Versuch und ich kann dich nicht mehr retten", sagte Zed.
Kitisa sagte nichts und starrte Zed voller Hass an. Dieses gespielte Mitleid von Zed widerte ihn an.
"Das war ein Fehler von dir, Cecil. Dafür wird sich Prokylta rächen. Sie war extrem wütend und wenn die Alte wütend ist, ist das sehr schlecht. Ein kleiner Tipp von mir. Lass deine Kinder morgen nicht zur Schule... sonst verbrennen sie sich noch die Finger. Und bestell noch schönste Grüße an die Familie", sagte Zed und zog sich den Hut auf.
"Und was ist mit dieser Skylar Goodsworth? Die schnüffelt schon wieder rum", sagte Kitisa auf einmal.
"Für jedes Problem gibt es eine effektive Lösung", antwortete Zed ohne sich umzudrehen.
Dann trat er hinaus in die tiefste Nacht. Cecil Kitisa sah ihm nach und ging dann zurück ins Esszimmer und verkündete, dass er soeben ein Fond ins Leben gerufen habe, der den Opfern helfen sollte.

Vor einer Villa außerhalb von Dollet kam eine Limousine zum Stillstand. Eine verhüllte Person stieg aus und war in einem Windzug in der Villa verschwunden.
Prokylta nahm ihre Kapuze ab und sah sich um. Es war lange her seit sie diese Villa für ihren Meister besorgt hatte. Es war ungewöhnlich ruhig. Nicht einmal Schritte der Bediensteten waren zu hören. Das einzige, was Prokylta vernehmen konnte, war ihr eigener Atem.
Langsam stieg sie die Stufen der Eingangshalle empor und ging dann zügiger in Richtung Herrenzimmer. Auf der Treppe vor dem Zimmer sah sie den Grund für die Stille.
In Blutlachen lagen die acht Dienstmädchen des Hauses. Anscheinend hatte man sie mit einem Schwert durchtrennt. Prokylta trat zu der Leiche eines Dienstmädchens (sie war sich ziemlich sicher, dass diese Mary geheißen hatte) und betastete ihre Stirn. Sie war noch lauwarm. Sie konnte also noch nicht lange tot sein.
Prokylta betrat langsam das Herrenzimmer. Sie sah die Silhouette eines Mannes hinter dem Vorhang. Bevor Prokylta einen weiteren Schritt machte, zog sich der Vorhang wie von Geisterhand selbst auf.
Auf einem gewaltigen Sessel saß mit geschlossenen Augen Hyne. Neben ihm stand ein gewaltiges Klavier. Prokylta machte ein paar Schritte auf ihn zu, als Hyne langsam die Augen öffnete und sich erhob.
Prokylta sah ihn kurz an. Er sah eindeutig immer noch wie Aloin aus, aber er war größer geworden. Seine Augen waren stechend. Er trug mehrere Roben, die meisten schwarz und weiß, und Handschuhe, ebenfalls schwarz und weiß.
Prokylta sank vor ihm auf die Knie.
"Meister. Ich bin gekommen, um Euch auf Eurer Reise zu begleiten", flüsterte sie.
"Ein ausgezeichneter Zeitpunkt für Eure Ankunft. Ich bin soeben mit meiner Meditation fertig geworden. Das Siegel ist endlich bezwungen. Es hat mich volle sechs Monate gekostet, aber bald werden die alte und die neue Welt verschmelzen", sagte Hyne feierlich.
Prokylta erhob sich.
"Hatte ich Euch erlaubt, Euch zu erheben, Prokylta?", fragte Hyne auf einmal mit einer Schärfe, dass Prokylta sich automatisch wieder hinwarf. Die Aggression in seiner Stimme ließ sie erschauern.
"Verzeiht..."
"Ihr glaubt vielleicht, man müsse mir keinen Respekt mehr zollen, da ich so lange mit meiner Meditation gebraucht habe. Oder wie soll ich mir ansonsten diese lachhafte Erklärung von diesem widerwärtigen und ekelhaften Kitisa erklären?", fragte Hyne.
"Es tut mir Leid, Meister, Zed Black wird ein Exempel statuieren. Eine Schule wird morgen..."
"Du kannst dir deine winselnden Entschuldigungen sparen, Prokylta. Ich werde nicht dulden, dass solche Fehler passieren. Ich kann mich nicht mehr um so etwas kümmern. Zu lange habe ich diese widerwärtigen Menschen ertragen müssen. Diese Einfachheit. Ich habe mich um wertvollere Ziele zu kümmern. Lass dir eines gesagt sein, meine Tochter. Wenn du deine Aufgaben nicht ernst nimmst, dann könnte ich sie genauso gut erledigen. Und wenn ich das Gefühl habe, dass ich etwas nicht mehr benötige, dann werde ich mich dessen entledigen. Deine für einen Menschen nicht ganz unwürdigen Zauberkräfte sind jedoch zu nützlich, um einfach weggeworfen zu werden", sagte Hyne zornig.
"J-Ja... mein Meister", sagte Prokylta.
Hyne atmete einmal aus. Dann fuhr er mit einer wesentlich ruhigeren Stimme fort:
"Erhebe dich, mein Kind. Verzeih mein Ausbruch, aber das hier kann nur gelingen, wenn wir zusammenhalten. Das verstehst du doch, oder Prokylta?", fragte er.
"Ja, Meister", erwiderte Prokylta fester.
Hyne lächelte sie an.
"Dein Plan mit der Schule ist Entschuldigung genug. Vielleicht fragst du, wieso deine so sorgfältig ausgesuchten Bediensteten nun tot draußen herumliegen. Nun, sie haben in mein Gesicht gesehen", sagte Hyne.
"Ich verstehe nicht..."
"Manchmal sehen die Menschen in mein Gesicht und sehen ihre tiefsten Wünsche. Diese Wünsche werden ihnen dann sofort erfüllt. Nach Monate in meinem Dienste wünschten sich diese Mädchen bedauerlicherweise nur den Tod. Effizienz hat immer ihre Opfer. Und wir werden effizient arbeiten müssen. Das Universum und die Natur arbeiten sehr effizient. Wer sich nicht anpasst, wird aussortiert. Und doch haben alle ihren Nutzen. Diese schmutzigen und sündigen Menschen werden sich am Ende alle in ihrem Blut winden. Und dennoch werden sie uns auch im Tode dienen. Sie werden Artemisia dienen, wenn sie denn erst einmal erwacht ist", sagte Hyne und schritt auf eine Tür zu.
Die Türen sprangen automatisch auf und Hyne trat in einen kleinen Raum ein. Dort stand eine Wiege. Zum ersten Mal seit ihrer Begegnung huschte eine kleine Emotion durch Hynes kalte Augen. Er hob das Baby aus der Wiege heraus.
"Wir werden eine Reise machen, Adryan", sagte Hyne schließlich.
"Er ist ziemlich gewachsen", stellte Prokylta fest.
Hyne lachte, doch es war ein kühles berechnendes Lachen.
"Immer noch Julia Heartilly tief im Innersten, hm? Prokylta, du wirst noch viel lernen müssen", sagte Hyne mit einem Lächeln, wie ein Vater, der seinem Kind eine Dummheit verzeiht.

Trotz der frühen Stunde war die Residenz von Esthar bereits gut besucht. Squall, Rinoa und Cifer schritten zügig durch die Eingangshalle. Sie waren die ganze Nacht mit dem Zug gefahren und hatten früh am morgen Esthar erreicht. Sie waren mit einer Delegation von SEEDs angekommen, die momentan in einem örtlichen Hotel untergebracht waren und später dazustoßen würden. Squall war es ganz recht, dass sie so früh losgegangen waren. Er wollte mit seinem Vater ungestört reden.
Anscheinend hatte Laguna ihre Ankunft bereits bemerkt, denn sie wurden sehr bald von einem Esthar-Beamten angesprochen, der sich anbot, sie zu Laguna zu führen.
Squall betrat das Büro des Präsidenten von Esthar. Es war gefüllt mit den unterschiedlichsten Leuten. Bildschirme waren provisorisch an der Wand aufgehängt worden, auf denen Nachrichten aus aller Welt zu lesen waren.
Laguna stand bei einer Gruppe von Menschen und erweckte den Eindruck, tief in Diskussionen verwickelt zu sein. Squall sah beunruhigt, dass sein Vater sehr müde aussah und schloss, dass wohl auch er nicht sehr viele Nächte geschlafen hatte. Der Beamte schritt zu Laguna, um ihm die Ankunft der Gäste zu melden.
Während Squall seinen Blick durch den Raum schweifen ließ, sah er andere Bekannte. Ellione stand bei einer weiteren Gruppe von wichtig aussehenden Menschen und diskutierte sehr lebhaft und auch Kiros und Ward waren dabei, die neusten Ereignisse zu ermitteln.
Squall blickte auf die Bildschirme. Sein Magen zog sich zusammen. Das Bild einer explodierten Schule war drauf zu erkennen. Kitisa erschien auf dem Bildschirm und sprach sein tiefstes Bedauern über die Situation aus.
Laguna trat zu ihnen.
"Hi Leute. Scheiß Tag heute. Die Sekte hat begonnen, öffentliche Einrichtungen zu attackieren", sagte Laguna.
"Als wäre der Massenmord von letztens nicht schlimm genug", fluchte Squall.
"Tja und der gute Kitisa legt uns auch noch Steine in den Weg", meinte Rinoa eisern.
"Ich werde euch natürlich dabei helfen, diese Steine wieder aus dem Weg zu räumen", seufzte Laguna.
Squall sah seinen Vater genau an. Irgendwas beschäftigte ihn.
"Wollen wir einen kleinen Spaziergang machen?", flüsterte Squall Laguna ins Ohr.

Laguna und Squall gingen langsam durch einen wunderschönen Garten, der im Innenhof der Residenz lag.
"Ich wusste gar nicht, dass es hier so etwas gibt", meinte Squall verwundert.
"Ich habe ihn bauen lassen. Nur die Technik macht einen ja krank. Ne, ich brauche das Grüne hier", sagte Laguna lächelnd.
Die Beiden setzten sich auf eine Parkbank.
"Und, wie geht es dir?", fragte Laguna schließlich.
"Nicht gerade berauschend. Die Gegenseite sitzt gerade verdammt gut am Drücker", meinte Squall.
Laguna nickte langsam.
"Du scheinst auch nicht gerade gut drauf zu sein, oder?", fragte Squall.
"Um ehrlich zu sein... ich bin es leid. Früher war ich frei. Ich reiste mit Kiros und Ward durch die Gegend und sah die Welt. Dann wurde ich Politiker. Ich tat, was ich konnte, um das Leben der Leute zu verbessern. Aber ich bin kein wirklicher Politiker, Squall. Ich merke, wie mir die Arbeit von Tag zu Tag schwerer fällt. Ich würde am liebsten wieder reisen und frei sein. Vielleicht endlich Journalist werden, wie ich es immer geplant hatte. Es ist... ich fühle mich ausgepowert und leer. Und jetzt Kitisas Vorstoß... Ich helfe euch natürlich und werde mir Kitisa persönlich zur Brust nehmen..."
Laguna brach ab. Nach einer Weile fuhr er fort:
"Ellione ist da anders. Sie ist in Esthar aufgewachsen. Sie macht sich sehr gut in diesem Geschäft..."
"Du weißt, dass Ellione eine Adeptin ist... und wir gegen Hyne jede Hexe brauchen können", sagte Squall langsam.
"Ich bin mir nicht sicher, dass es das ist, was Ell möchte. Ihre Fähigkeiten haben lange dazu geführt, dass sie verfolgt wurde", entgegnete Laguna ungewöhnlich scharf.
Squall schwieg. Vielleicht hatte Laguna ja Recht.
Auf einmal piepte Lagunas Kommunikator.
"Es sei etwas Außergewöhnliches passiert, oder?", drang es heraus.
Auf Lagunas Gesicht machte sich ein gequälter Ausdruck breit.

"Es habe immer zwei Inseln gegeben, oder? Sie seien voller Zauber und Monster gewesen, oder? 'Das Tor zum Paradies' und 'das Tor zur Hölle' seien ihre Namen gewesen, oder?", sagte Odyne aufgeregt.
"Das wissen wir, wir haben ein oder zwei Abstecher dahin gemacht... und sind sofort abgehauen, nachdem wir diese Monster da gesehen haben", meinte Squall.
"Odyne habe herausgefunden, dass die Monster, die Dollet überrennen wollten, von der einen zur anderen Insel haben laufen wollen, oder? Eventuell sei das so gewesen, weil der Schöpfer dies befohlen habe, oder? Er wollte eine Monsterarmee für seine Ankunft haben, oder? Hyne, in der Gestalt Niidas, habe vielleicht früher dahin gehen wollen, oder? Doch er habe warten müssen, oder?", sagte Odyne.
"Schnauze, was ist endlich passiert?", fragte Cifer wütend.
"Eine Stadt sei erschienen auf der Insel, die uns am nächsten sei, oder?", sagte Odyne.
Ein Moment Stille.
"Bitte?", fragte Squall, sicher, sich verhört zu haben.
Ein Assistent Odynes drückte ein paar Knöpfe. Auf dem Monitor erschien ein Bild der Insel, "das Tor zum Paradies". Eine Ruinenstadt war darauf zu erkennen.
"Anscheinend muss irgendein Siegel diese Stadt bisher gehindert haben, sich zu materialisieren. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass Prokylta jetzt so viele magische Utensilien, wie die Lacrimas und die 'Deus Ex Machina', hat", erklärte der Assistent.
"Wie auch immer, eine Stadt, die aus heiterem Himmel erscheint, ist nicht gerade vertrauenswürdig", meinte Cifer.
"Vor allem nicht bei so prominenten Besuch", gab der Assistent zurück.
Unter Odynes wütenden Blicken drückte der Assistent ein paar Knöpfe und spielte ein Video ab.
"Dies sei...", begann Odyne.
"Dies ist ein Überwachungsvideo von einem Aufklärungsflugzeug", schnitt der Assistent Odyne das Wort ab.
Alle sahen gespannt auf das Video. Direkt an der Küste befand sich der Balamb-Garden. Mehrere Personen verließen ihn und betraten die mysteriöse Stadt.
"Verfluchte Sektenbastarde", knurrte Cifer.
Schließlich kamen zwei weitere Personen ins Bild. Der erste war ein verhüllter großer Mann, dicht gefolgt von einer Frau, die etwas in ihrer Hand hielt.
"Prokylta", flüsterte Squall.
Er merkte, wie etwas neben ihm auf einmal los rannte.
"Rinoa!", schrie Squall und rannte ihr hinterher.
"Ich geh da jetzt hin", meinte sie entschlossen.
"Selbstverständlich gehen wir dahin. Aber können wir nicht zuerst auf die Anderen warten? Je mehr wir sind, desto besser", sagte Squall.
"Rinoa, Squall hat Recht. Immerhin ist Prokylta kein Zuckerschlecken. Und dieser verhüllte Typ da könnte auch sehr gut eine gewisse bösartige Gottheit sein", sagte Cifer.
"Bis die anderen ihren Arsch hoch kriegen ist die Sekte eventuell schon wieder weg. Wer weiß, was sie in dieser Stadt wollen. Wir müssen ja nicht gegen sie kämpfen, wir können ja erst mal nur schauen", meinte Rinoa entschlossen.
"Und dann? Willst du deine Mutter angreifen?", fragte Squall plötzlich.
Rinoa sah ihn stumm an.
"Du weißt, wozu diese Menschen fähig sind. Wenn du einen Moment zögerst, dann bringen die dich um", sagte Squall eindringlich.
"Mutter würde mich nicht töten", sagte Rinoa.
"Rinoa, diese Frau hat hemmungslos hunderte von Menschen umgebracht. Sie ist eine Gefahr", sagte Cifer.
"Nicht für mich. Ich gehe da jetzt hin. Ich... bitte euch, mitzukommen. Bitte", sagte Rinoa auf einmal ganz sanft.
"Natürlich kommen wir mit", sagte Squall. Er wollte sie kurz umarmen, doch sie war bereits auf dem Weg nach draußen.

Obwohl sich Squall nicht erinnern konnte, besonders viel Platz auf seinem Chocobo gehabt zu haben, hatten sie alle drei bequem drauf gepasst. Er konnte es sich nicht erklären, aber es war, als hätte sich der Chocobo magisch vergrößert.
Vor ihnen lag die mysteriöse Insel. Der Chocobo schwamm langsam im Schatten der Klippen und die drei suchten nach einer guten Möglichkeit zum Absteigen.
"Da drüben ist etwas", sagte Rinoa und deutete auf eine kleine Bucht.
Der Chocobo schwamm langsam in die Bucht rein. Es schien auch früher zum Andocken gedacht zu sein, denn eine kleine in Stein geschlagene Treppe führte nach oben.
"Danke. Kannst du hier warten?", fragte Squall den Chocobo.
Der gab ein leichtes Krächzen von sich.
Squall tätschelte das Tier noch einmal und stieg dann mit den anderen beiden die Treppen hoch.
Nach einer kurzen Weile kamen sie oben an. Sie schienen direkt am Eingang der Stadt angekommen zu sein. Vor ihnen lag ein großes Tor. Daneben stand in großen Buchstaben das Wort "Toromia".
"Toromia", flüsterte Rinoa, als würde ihr der Name bekannt vorkommen.
"Sagt dir der Name etwas?", fragte Squall.
Rinoa antwortete nichts. Sie war anscheinend tief in Gedanken versunken.
Etwas weiter weg konnte Squall den Balamb-Garden erkennen. Er verspürte große Lust, hinein zu marschieren und den Sektenärschen kräftig einzuheizen. Die Tatsache berücksichtigend, dass ihm vermutlich als allererstes eingeheizt würde, veranlasste ihn schließlich dazu, dies zu unterlassen.
"Lasst uns nicht all zu offen herum rennen", meinte Cifer.
Die drei gingen gebückt im Schatten des Tores und betraten die Stadt Toromia.
Es war zwar helllichter Tag, doch erschien hier alles sehr dunkel. Am Himmel hingen düstere Wolken, die ein baldiges Gewitter versprachen.
Vor ihnen erstreckte sich im Halbdunkeln die Stadt. Die Häuser waren anscheinend alle weiß und sehr porös. Sie waren alle sehr eckig und nicht so rund und gemütlich wie in Balamb. Man sah, wie der Zahn der Zeit an dieser Stadt genagt hatte. Überall lagen Trümmer herum und bei vielen Häusern sah man Löcher in den Wänden. Allerdings erstaunte Squall alleine die Tatsache, dass hier nach so vielen Jahren überhaupt noch etwas stand.
Obwohl sie sich an der frischen Luft befanden, roch hier alles modrig, als würden sie sich in einer Gruft befinden. Irgendwas war hier komisch.
"Mh, scheint sehr verlassen hier zu sein", kommentierte Cifer leise.
"Vielleicht hatte Hyne ursprünglich vor, seine Monsterarmee, die in Dollet vernichtet wurde, hier zu postieren. Es wird auf alle Fälle leichter für uns", entgegnete Squall.
"Solange er noch nicht seine Armee aus Aquilas reaktiviert hat, sollte..."
Rinoa brach ab.
Vor ihnen lag ein riesiger Trümmerhaufen. Anscheinend war hier irgendetwas eingestürzt. Dahinter konnten sie Stimmen vernehmen.
Squall bedeutete den anderen, dass sie sich leise heranschleichen sollten.
Langsam krochen die drei bis auf die Spitze. Squall versuchte, so wenig wie möglich Lärm zu machen und hoffte inständig, dass niemand von der Sekte besonders gute Ohren hatte. Oben angekommen spähte er auf die andere Seite.
Vor ihnen befand sich ein großer Platz. Früher hatte dies sicherlich als Marktplatz gedient.
Da standen ungefähr 50 Menschen. Viele von ihnen trugen eine bernsteinfarbene Rüstung. Manche hatten Masken auf. Etwas abseits stand jedoch eine Gruppe von Menschen, die normale Kleidung trugen. Diese hatten einen absolut gleichgültigen Ausdruck auf ihrem Gesicht. Ganz vorne standen drei Männer, die weiße Masken und schwarze Umhänge trugen.
Dann fiel Squalls Blick auf die Anführer der Bande. Rinoa atmete scharf ein.
Vor ihnen stand Hyne. Squall erkannte Aloins Gesichtszüge wieder, doch er hatte nichts mehr von Aloin. Er sah größer aus, er überragte alle Menschen. Er hatte etwas sehr Majestätisches und Mächtiges und nichts mehr von Aloins falscher Eleganz.
Daneben erkannte Squall Prokylta. Sie hielt etwas in ihren Armen, doch er konnte nicht erkennen, was es war. Ihm kam langsam ein Gedanke... doch das konnte nicht sein.
Dann sprach Hyne:
"Wir sind hier, weil wir etwas Bedeutendes tun. Ihr seid hier, weil ihr nach etwas Größerem strebt und ihr euch von der normalen stupiden Art eurer Artverwandten unterscheidet. Meine Freunde, wir stehen vor einem Durchbruch. Wir gemeinsam werden in die Zukunft gehen."
Diese Stimme hatte nichts mehr von Aloins aufgesetzten Charme. Sie strahlte Aggression und Macht aus. Die Sektenmitglieder jubelten und grölten. Nur die Zivilisten blieben ruhig. Hyne fuhr fort:
"Der Rest eurer Spezies ist primitiv. Nur weil diejenigen uns den Freiraum gaben, uns zu entwickeln, bedeutet das nicht, dass wir ihnen diese Freiheit gewähren. Alleine, dass sie uns diesen Freiraum gegeben haben, spricht nicht für ihre Wärme, sondern für ihre Dummheit!"
Die Männer lachten schallend. Squalls Magen zog sich zusammen, als er Prokylta lachen sah. Diese Frau hatte die Frechheit, sich über all die Toten zu amüsieren?
"Seid unbesorgt über die SEEDs. Wir planen nicht, sie zu lähmen, wir wollen sie ausrotten. Der Wert eines SEEDs wird in der Tat in die Höhe schnellen, wenn es nur mehr zwei oder drei von ihnen gibt", meinte Hyne und lächelte leicht.
"Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich kann mir diesen Mist nicht mehr anhören", knurrte Squall über das Gejohle der Hyniten und kletterte wieder herunter. Seine beiden Gefährten taten es ihm nach.
"Hat nichts von seiner Redefähigkeit verloren, hm?", fragte Cifer.
"Ja, seine Sprüche hauen richtig rein!"
Alle drei wirbelten herum. An einer Säule stand locker angelehnt Xelto Goodsworth. Er grinste über das ganze Gesicht über ihre erschrockenen Gesichter.
"Wie ich sehe, haben wir das gleiche Ziel", meinte Xelto locker.
"Und das wäre?", bellte Cifer.
"Nicht so laut, sonst werden wir entdeckt!", zischte Xelto und fuhr dann ruhiger fort, "Prokylta killen, was sonst!"
Rinoa sah Xelto ruhig an. Squall hatte erwartet, dass sie etwas sagen würde, aber sie schien Xelto zu beobachten.
Xelto kam auf einmal ruhig auf sie zu. Squalls Hand ging reflexartig an seine Gunblade, aber Cifer legte beruhigend seine Hand auf Squalls Schulter.
"Er will nicht kämpfen, Squall", sagte Cifer leise.
"Oh, der Menschenkenner spricht. Unser Duell steht noch aus, Cifer. Doch hier ist ein ungünstiger Platz. Dieses Gelaber wird noch ne Runde gehen, wieso unterhalten wir uns nicht, wo etwas mehr Platz ist?", sagte Xelto und deutete auf ein relativ unbeschädigtes Haus.

Im inneren standen sogar noch alte Stühle. Eine kurze Inspektion jedoch ergab, dass die Stühle mehr als morsch waren, also setzte sich Squall auf einen großen Steinbrocken.
"Wieso die neue Freundlichkeit, Xelto? Erst rettest du Edea das Leben, nun redest du mit uns. Sag bloß, du hast am Ende noch menschliche Gefühle?", meinte Cifer beißend.
"Mit Edea war reiner Zufall. Ich wollte mich verpissen und mit einer Hexe hatte ich bessere Chancen. Nun, wie ich sagte, ich kam her, weil ich Prokylta töten will. Sie hat mich verraten und euch anscheinend auch. Und deswegen dachte ich, wir könnten uns etwas unterhalten", meinte Xelto locker.
"Sie hat dir dein Leben wiedergegeben und dann die Freiheit, alles zu tun, was du willst. Und du willst dich rächen?", fragte Rinoa.
"Es ist nicht einmal die Rache. Vielleicht will ich mich auch einfach nur mit ihr messen, wer weiß? Aber nicht solange Hyne da rumsteht und Reden schwingt. Ich werde also eher wieder verschwinden und auf einen besseren Zeitpunkt warten. Auf dem Rückweg sah ich euch und da wollte ich doch einfach mal hallo sagen", sagte Xelto.
"Wo ist Lauren?", fragte Rinoa.
"Trainiert. Sie ist noch nicht stark genug für das hier", meinte Xelto und setzte sich auf einen weiteren Stein.
Squall konnte sich vorstellen, was Xelto in seinem Kleinhirn mit dem Begriff "das hier" meinte.
"Ok, nutzen wir den Zeitpunkt dieses gemütlichen Treffens doch für den allgemeinen Informationsaustausch. Dann hörst du vielleicht auf, Sprüche zu schwingen, wie eine Figur aus 'Butz und Boko'", sagte Cifer.
"Ich dachte, daher hättest DU deine Sprüche", meinte Xelto giftig.
"Weißt du etwas darüber, was das hier ist?", fragte Cifer mit einer harten Stimme, Xeltos letzten Kommentar ignorierend.
Xelto und Cifer sahen sich kurz an und für einen Moment fürchtete Squall, dass sie sich gleich hier aufschlitzen würden. Dann jedoch senkte Xelto seinen Blick und sagte schließlich etwas weniger aggressiv:
"Natürlich. Zu meiner Sektenzeit musste ich den ganzen Kram beten können. Schließlich hat Prokylta hierauf hingearbeitet."
"Also?", fragte Squall ungeduldig.
Xelto atmete kurz ein wie ein Schüler, der etwas auswendig Gelerntes aufsagen musste:
"Dies ist 'Toromia', eine der sechs magischen Städte, die Zebarga gegründet hat. Nach dem Krieg gegen Hyne und dem Beginn der Centra-Ära, stand Zebarga unter dem Einfluss von Hyne. Jedoch war Zebarga ein wütender Mensch und ließ sich ungern kontrollieren. Also verwendete er Hynes dunkle Genialität, um Vorrichtungen zu treffen, dass der Schöpfer nie an sich selbst wieder herankommen könne. Im Moment seiner Niederlage, traf der Schöpfer eine schwerwiegende Entscheidung. Er zerriss sich, um überleben und agieren zu können. Sein Blut sickerte in den Boden und machte ihn reifer. Wir nennen diese Substanz 'Volunt'. Sein Körper, den er durch Experimente aus Alphegas spirituellem Dasein erschaffen hatte, wurde zu Monstern und den G.F.s, seine Leidenschaft zu den Lacrimas. Seine spirituelle Existenz trennte sich noch einmal, als man Alphegas Herz und seine Seele im 'Tempel des Alphega' versiegeln wollte. Der schöpferische Teil seiner Seele ließ sich versiegeln, der zerstörerische Teil jedoch besetzte Zebarga. Zebarga wusste davon und wollte verhindern, dass sich Hyne je mit dem mächtigen Körper und seiner zweiten Seele vereinen wollte, und wollte somit diese beiden Teile für immer getrennt halten. Er ließ also sieben Türme bauen und versiegelte den Tempel mit den Lacrimas. Dann versenkte er die sieben Türme im Erdboden und ließ den 'Tempel des Alphega' im Meer versinken. Dazu verwendete er eine Technik, die er im Tempel entdeckt hatte. Den Levia-Apparat!"
"Den Levia-Apparat?", fragte Squall.
"Ja, er kann Naturgesetze außer Kraft setzen, also schwere Dinge im Boden versinken lassen. Oder das Gegenteil, schwere Sachen fliegen lassen", erklärte Xelto.
Squall kam ein unheilvoller Gedanke.
"Die MD-Ebenen der Gardens?"
"Eben jene", bestätigte Xelto.
Alle drei sahen sich beunruhigt an. Xelto fuhr fort.
"Zebarga versiegelte alles so komplex er konnte. Er erbaute sechs Städte. Toromia, Furioira, Teneralem, Balamb, Trabia und Galbadia. Jeder von ihnen hatte einen Levia-Apparat. Drei von ihnen wurden zerstört. Nur die Levia-Apparate blieben übrig. Balamb, Trabia und Galbadia wurden später unter gleichen Namen neu gegründet und schließlich zu dem, was sie heute sind. Auf den drei Levia-Apparaten baute man die Gardens. Teneralem, die Stadt der Erde, versank im Wasser. Toromia, die Stadt des Lichts und Furioira, die Stadt der Dunkelheit versiegelte Zebarga mit Hynes eigenen Kräften in eine Paralleldimension. Mit allen sieben Levia-Ebenen wird Hyne in der Lage sein, die gewaltigen Wassermassen beiseite zu schieben und an den Tempel zu kommen. Die 'Deus Ex Machina' und die Lacrima koppeln sich direkt an die Türme. Wenn alle sieben Lacrimas eingesetzt wurden, dann aktivieren sich die Türme und das Siegel wird gebrochen. Und dann ist 'Gute Nacht' angesagt", meinte Xelto.
"Wieso beseitigt Hyne die Wassermassen nicht selbst?", fragte Cifer.
"Er ist, im wahrsten Sinne des Wortes, zerrissen. Zu schwach. In Winhill haben wir unter anderem all diese Fundorte ausgerechnet. Wo sich die Türme befanden etc. Ich habe eine spezielle alte Karte aus dem Museum in Dollet stehlen müssen. Niemand hat sich dafür interessiert, aber für Prokylta war sie sehr viel wert. Mit dem richtigen Wissen kann man sich sehr viel entschlüsseln. Jedoch war selbst Prokylta auf Hyne angewiesen. Sie hätte von alleine nicht Toromia und Furioira erscheinen lassen können und die letzte Levia-Ebene ist im Tempel des Alphega und kann nur von Hyne selbst telepathisch aktiviert werden. Zu schade", sagte Xelto mit einem falschen Bedauern.
"Sie ist nicht an Hynes Rückkehr interessiert?", fragte Squall erstaunt.
"Nein, nur an seiner Macht. Was sie jedoch mit der ganzen Macht will, weiß ich nicht", sagte Xelto schließlich.
Stille.
"Wieso erzählst du uns das alles?", fragte Rinoa schließlich.
"Wolltet ihr das nicht hören? Was macht das schon? Ich bin nicht mehr an Prokylta gebunden. Ich weiß nicht, ob ihr Hyne stoppen könnt, aber schön wäre es doch, oder? Dann leben wir alle etwas länger. Würde zwar eh alles scheiße werden, aber egal."
Xelto zuckte mit den Schultern. Dann stand er plötzlich auf.
"Ich nehme an, Hyne ist bald fertig mit seiner Rede. Ich geh zu Lauren zurück und werde für meinen großen Kampf mit dir trainieren, Cifer", meinte Xelto und funkelte Cifer an.
"Wie wär's denn mal mit einem wahren Kampf und nicht nur immer großspuriges Ankündigen, Xelto? Ist ja nett, dass du uns hier mit Infos versorgst, aber aus purer Nächstenliebe wirst du das ja wohl kaum tun. Willst du so etwa dein Gewissen beruhigen?", fragte Cifer auf einmal.
"Was meinst du?", fragte Xelto etwas aggressiver.
"Kommst hier an, laberst und gibst Antworten. Aber selbst das Schwert zu ziehen und vielleicht mit uns mitzukommen... auf diese Idee kommt der werte Herr nicht, oder? Lieber geht der Feigling zurück in sein Loch und spielt ein wenig den Rachengel. Allerdings nur in deinem Kopf", meinte Cifer aggressiv.
"Halt dein Maul. Halt dein verfluchtes Maul!", zischte Xelto wütend.
"Warum flüsterst du so? Hast du Angst, man könnte uns hören? Verdammter Feigling. Du willst ein Krieger sein? Nicht einmal ICH würde mich als Krieger bezeichnen. Du bist ein Junge mit einer Waffe, nicht mehr!", sagte Cifer laut.
"Ich führe keine Schlachten, die ich nicht gewinnen kann", presste Xelto hervor.
"Ich bin enttäuscht von dir, Xelto. Wir haben beide ähnliche Sachen gemacht, doch du rennst davon. Komm, geh zurück zu deiner Lauren und spiel ein bisschen Hexenritter. Du traust dich eh nicht mit den großen Jungs zu spielen", sagte Cifer.
Xelto sah Cifer mörderisch an und stürmte dann aus dem Raum. Seine Schritte verhallten schnell.
"Falls du ihn therapieren wolltest, ging das wohl in die Hose", sagte Squall ironisch.
"Ach, halt's Maul, Squall. Lass uns lieber Hyne daran hindern, dieses verkackte Levia-Dings zu aktivieren", fluchte Cifer und stürmte aus der Hintertür.
Squall folgte ihm und fand sich in einer engen kleinen Gasse wieder. Von Xelto war nichts zu sehen.
Cifer schlich sich zu einer Häuserecke. Squall spähte über Cifers Schulter und sah, wie ein paar Sektensoldaten herumstanden. Hyne war anscheinend weiter gezogen. Squall folgte der Straße mit seinen Augen und fand, dass sie auf einen Berg zuliefen, der sich mitten in der Stadt befand! Ein kleiner, steiler Berg, nicht hoch, aber eindeutig vorhanden. Von der Spitze kam ein unheilvolles Licht...
"Merkwürdige Architektur", meinte Cifer.
"Den Kampf mit den Sektentypen wollen wir doch lieber umgehen", meinte Squall.
"Einstimmig angenommen", nickte Rinoa.
"Wir nehmen die Hintergassen", sagte Cifer plötzlich und ging ein paar Schritte.
Dann drehte er sich um.
"Na kommt schon!", rief er.
"Mal rein hypothetisch gefragt, Cifer. Wie exakt wollen wir Hyne eigentlich daran hindern, das Levia-Teil zu aktivieren? Er ist nicht gerade ein einfacher Gegner", sagte Squall.
Cifer sah kurz auf den Boden und sah dann die beiden an.
"Das überlegen wir uns später", sagte er und stürmte dann los.
"Das ist ja wie in Dollet", murmelte Squall und rannte, dicht gefolgt von Rinoa, hinterher.

Squall nahm an, dass ihr Eindringen noch niemandem aufgefallen war, denn die Sekte hatte nur vereinzelt Patrouillen entsendet und die waren einfach zu umgehen. Squall fand schnell heraus, dass es anscheinend verschiedene Hierarchien in der Sekte gab. Die normalen Soldaten trugen die bekannte bernsteinfarbene Rüstung. Dann gab es noch welche, die weiße Masken und gelbe Mäntel trugen. Diese mussten die Attentäter sein, von denen Quistis gesprochen hatte. Doch wer waren die drei Männer gewesen, die bei Hynes Rede vorne dabeigestanden hatten?
Sie stiegen die Stufen des Berges hinauf. Außer der Anstrengung, so viele Stufen zu erklimmen, kamen sie hervorragend voran. Alle Sektenmitglieder schienen Hyne und Prokylta nach oben auf die Spitze gefolgt zu sein.
Sie kamen in eine düstere Nebelbank. Wann hört das endlich auf, dachte sich Squall. Von unten hatte alles so klein ausgesehen. Er erwartete, dass jeden Moment ein Monster auf sie zuspringen würde, doch es blieb alles ruhig.
Dann auf einmal verschwand der Nebel so schnell wie er gekommen war. Die Treppe hörte auf. Squall, Rinoa und Cifer hatten die Spitze erreicht.
Schnell versteckten sie sich hinter einem Felsen.
Ihnen mit dem Rücken zugewandt standen viele Sektenmitglieder. Vorne stand Hyne vor ein paar mysteriösen Maschinen. Squall erkannte die Apparate ungefähr wieder. So ähnlich hatte der Flugapparat des Gardens ausgesehen. Nur der war unterirdisch gewesen.
Ein paar Funken sprühten und die Maschinen sprangen an. Hyne bewegte eine Hand und die Maschinen gingen wieder aus.
"Das dürfte reichen. Ab sofort sind sie jederzeit einsetzbar. Ich werde den Ort versiegeln, sodass niemand diese Maschinen deaktiviert", sagte Hyne.
Squall atmete ruhig ein. Wenn er sich umdrehen würde, wären sie verloren. Sie hätten Hyne, Prokylta und Sektenattentäter auf dem Hals...
"Lasst uns alleine. Ich werde mich um sie kümmern", sprach Hyne plötzlich.
Squall und Cifer sahen sich an... Konnte das...?
"Kommt raus, Squall, Cifer, Rinoa. Lasst mich eure Gesichter sehen", sagte Hyne und kicherte, bevor er sich umdrehte.
Squall sah seine beiden Gefährten an. Sie nickten sich zu und traten dann hervor.
Die Sektenmitglieder zogen sofort ihre Waffen, als auf einmal...
"Muss ich mich wiederholen? Lasst uns alleine! Cody, Maxx, Derco... Ihr als Triumvirat werdet den Garden verwenden und abreisen. Ich und Prokylta kommen auf anderem Wege nach", sagte Hyne laut.
Squalls Nackenhaare standen hoch bei dem kalten befehlenden Klang. Eine der drei Männer mit dem schwarzen Umhang verbeugte sich. Dann zogen die Sektenmitglieder ab. Sie würdigten den dreien keinen einzigen Blick. Squall sah aus den Augenwinkeln die kalten grauen Augen Codys und versuchte, ein Gesicht zu den Augen zu bekommen... doch dann fiel sein Blick auf Hyne. Seine Augen waren stechend und erinnerten Squall sehr an den Blick, den Niida am Waisenhaus gehabt hatte. Neben ihm stand Prokylta, die von dem plötzlichen Auftauchen sehr überrascht schien.
"Rinoa, wie schön, dass wir uns endlich wiedersehen. Und Eure Freunde habt Ihr gleich mitgebracht. Ihr kennt doch Prokylta, oder?", sagte Hyne und lachte erneut sein kaltes Lachen.
Squall sah zu Prokylta rüber. Sie blickte defensiv zurück.
"Hier ist noch jemand, den ich Euch vorstellen möchte.
Sein Name ist Adryan. Rinoa, Squall, ihr wollt sicher seine Bekanntschaft machen", meinte Hyne.
Squall fiel auf einmal auf, dass Hyne etwas in der Hand hielt. Er nahm eine Decke ab... ein Baby kam zum Vorschein.
Gänsehaut überkam Squall, tausend Gefühle strömten auf ihn ein, er wollte... er wollte zu ihm...
Das scharfe Zischen eines Schwertes schreckte ihn aus seinen kurzen Gedanken.
Rinoa hatte ihre Klinge gezogen.
"Gib ihn mir!", sagte Rinoa fest.
Squall sah sie von der Seite an und zog ebenfalls seine Gunblade. Er hörte, dass Cifer es ihm nachahmte.
Hyne lächelte.
"Wollt ihr mich etwa töten? Ich fürchte, das kann ich nicht erlauben. Nicht, dass ich etwas zu befürchten habe bei euren bemitleidenswerten Fähigkeiten im Kampf", meinte Hyne und reichte Adryan Prokylta.
"Mutter, gib mir meinen Sohn", sagte Rinoa und ihre Stimme zitterte zum ersten Mal.
Prokylta sah sie an. Sie wiegte Adryan sanft, um ihn nicht aufzuwecken. Sie war... wie eine Mutter.
"Ah ja, ein warmes Gespräch von Mutter zu Mutter. Das kann manchmal ganze Völker retten", meinte Hyne und lachte wieder.
"Mama, bitte", sagte Rinoa flehend.
Prokylta blieb still. Sie sah zu Hyne, der die Szene mit einem leichten Lächeln verfolgte. Nach zehn Sekunden zog er dann aus seinem Inneren eines Mantels...eine tödliche lange Klinge. Das Schwert, das Cifer aus Teneralem gezogen hatte.
"Also doch ein Kampf. Ich habe mich lange drauf gefreut, dass wir uns endlich so gegenüberstehen. Keine Verschwörungen, keine Geheimhaltung mehr. Also los!", sagte Hyne und trat zwei Schritte auf die Gruppe zu.
Squall rannte mit seinen zwei Freunden los. Alle drei schlugen gleichzeitig auf Hyne ein. Aus den Augenwinkeln sah Squall eine schnelle Bewegung. Etwas traf gegen sein Schwert. Sein Handgelenk knackte, als es ihm fast aus der Hand gerissen wurde. Die Gunblade zitterte in Squalls Hand. Hyne hatte mit einem sauberen Streich ihren Angriff abgewehrt.
"Na das üben wir aber noch mal. Das macht man etwas schneller", sagte Hyne und lächelte.
Er hatte keinen Schritt getan. Dann schwang er seinen Mantel und führte zu einem weiteren Streich aus. Squall wurde zurück geschleudert und landete hart auf dem Boden, sein Schwert ein Meter neben ihm. Links neben ihm landete Cifer unsanft. Rinoa stand noch vor Hyne und machte ein paar Schritte zurück. Sie wurde nicht angegriffen.
"Lachhaft. Ihr seid nichts weiter als kleine Kreaturen.", meinte Hyne lässig und wehte mit seiner Hand. "Aero!"
Squall spürte einen gewaltigen Wind. Er wurde weggeblasen. Er versuchte sich noch irgendwo festzuhalten, doch diese Kraft hatte ihn hochgehoben und trug ihn sanft über die Klippe. Squall blickte nach unten und sah nur Nebel. Dann ließ die Kraft los und Squall spürte, wie sich sein Magen umdrehte. Er flog durch den Neben auf sein Ende zu...
Irgendwas schien seinen Sturz zu bremsen. Durch den Nebel konnte er unscharf zwei Personen sehen. Dann wurde alles schwarz...

Rinoa starrte hilflos auf den Punkt, wo eben noch Squall und Cifer gelegen hatten.
"Nun, da dieses winselnde Pack weg ist, haben wir endlich Zeit uns zu unterhalten. Rinoa, du bist diejenige, die so viele sein wollten. Wir stehen uns gegenüber..."
"Schnauze. Das waren meine Freunde. Sie bedeuteten mir alles!", schrie Rinoa.
Ihre Flügel wuchsen aus ihrem Rücken heraus. Sie umklammerte ihre Klinge heftiger als je zuvor. Die Flügel waren zwar noch weiß, hatten aber einen leichten gräulichen Ton. Immer wieder fielen Federn aus, die sofort schwarz wurden.
"Maelstrom!", schrie Rinoa.
Etwas Schwarzes kam aus ihren Händen und flog auf Hyne zu. Doch anstatt sich wie Caris in Schmerzen zu winden, lächelte Hyne lediglich.
"Zerstörende Magie. Du hast sie für dich entdeckt. Es ist keine Frage von Gut und Böse. Es gibt weder Gut noch Böse, Gut und Böse definiert sich durch simple Ansichtssache. Es zählt nur, wer die meiste Macht hat. Wer schwach ist, wird aussortiert. Obwohl dein 'Maelstrom' amüsant ist, solltest du wissen, dass ich seit Äonen mit den Kräften des Nichts experimentiert habe, kleine Rinoa. Aber ich sehe mit Zufriedenheit, dass du etwas von deinen Hemmungen abgelegt hast. Caris' Tod war sehr amüsant", sagte Hyne, der die schwarze Kraft in seinen Händen hielt.
"WARUM GEHT DAS NICHT?!", schrie Rinoa.
Sie schickte einen weiteren Maelstrom hinter her. Eine kalte Kraft machte sich in ihrem Körper breit. Ihre Flügel färbten sich schwarz. Rinoa hörte einen erschrockenen Aufschrei ihrer Mutter. Für einen Moment flackerte Hynes Lächeln.
"Nicht mehr so wie am Waisenhaus, was Rinoa? Das Problem ist, dass wir uns ähnlich sind. Am Waisenhaus hast du für etwas gekämpft, hast dich an die ekelhaften Regeln gehalten. Jetzt bist du weiser, aber du kämpfst gegen etwas und hier bist du unerfahren. Der einzige Weg ist, stärker als ich zu werden. Du musst quasi das Nichts personifizieren", lachte Hyne.
"Das Nichts personifizieren? Das ist nicht lache! Heiße ich etwa Artemisia?", sagte Rinoa lächelnd.
Hyne lächelte auf eine merkwürdige Art und Weise.
"Schluss damit", flüsterte er und zerdrückte Rinoas Maelstrom in seiner Hand.
Rinoa atmete schwer und hob ihre Klinge.
"Rinoa, hör auf damit. Du kannst nicht gewinnen!", schrie Prokylta auf einmal.
"Du bist ruhig!", gab Rinoa tödlich ruhig zurück.
"Ja, sei ruhig, Mama", äffte Hyne Rinoa nach und lachte dann laut. Rinoa zuckte zusammen. Dieses Lachen. Es war das kalte Lachen aus ihren Träumen...
Die kalten blauen Flammen entwichen Hynes Hand. Sie krochen auf Rinoa zu. Sie versuchte, die Flammen wie am Waisenhaus zurückzudrängen, doch sie kamen noch schneller auf sie zu.
"Nicht, Ihr bringt sie um!", brüllte Prokylta.
Das blaue Feuer umkreiste Rinoa und blaue Flammenzungen in Form von Klauen entstiegen ihnen, bereit zuzuschlagen. Rinoa stand der Schweiß auf der Stirn. Sie hielt ihr Schwert sinnlos hoch. Ihre schwarzen Flügel hingen nutzlos herunter.
Auf einmal drang etwas an ihr Ohr... ein Schreien. Ein Schreien von etwas... von einem Baby. Von ihrem Baby. Es hatte Schmerzen. Es musste beschützt werden. Etwas erwachte in Rinoa. Sie hatte dieses intensive Gefühl seit der Geburt des Babys nicht mehr gespürt hatte. Eine Wärme, die ihre Angst hin wegraffte. Sie hatte jemanden zu beschützen, jemand zu lieben... sie musste leben...
Weißes Licht kam aus Rinoas Brust. Die Flügel erstrahlten in neuem Glanz... sie leuchteten weiß. Das blaue Feuer wurde in der Luft zerrissen. Rinoa fühlte diese Wärme und hob ihr Schwert, doch dieses mal entschlossen. Hyne lachte nicht mehr. In seinem Gesicht war eine kühle Wut.
"Nun denn, anscheinend legst du es darauf an, meine Feindin zu sein. Dann bis zu unserem nächsten Treffen", sagte Hyne und steckte sein Schwert ein. Ein gewaltiger Aquila war hinter ihm aufgetaucht.
Das weiße Licht und die Flügel verschwanden. Rinoa sackte zusammen. Entkräftet lag sie auf dem Boden. Sie sah Prokylta, wie sie langsam auf den Aquila zuging, Adryan an ihrer Brust haltend.
"Mama, gib mir meinen Sohn", rief Rinoa.
Prokylta drehte sich um. Ihr Gesicht war schmerzverzerrt. Dann verhärteten sich Prokyltas Züge auf einmal.
"Nein", sagte sie und bestieg den Aquila.
"ICH HASSE DICH!", brüllte Rinoa ihr hinterher.
Sie konnte noch ein Blick auf Hyne erhaschen, der merkwürdigerweise lächelte und dann wurde alles dunkel...

Squall fühlte, wie er auf etwas Warmen lag. Er hörte das Meer. Er hörte Vögel... Hynes Gesicht.
Squall riss die Augen auf.
"Ruhig, ruhig, du bist noch nicht ganz bei Kräften!"
Jemand hatte seine Hand ruhig aber bestimmt auf Squalls Brustkorb gelegt. Er sah nach oben direkt in das Gesicht des Philosophen.
"Philosoph! Wo ist Hyne? Wo ist..."
"Hyne ist weg, er hat die Insel verlassen. Den anderen geht es gut, keine Sorge", sagte der Philosoph.
Squall atmete ein paar Mal tief ein, bevor er sich langsam erhob. Der Philosoph hatte ihn auf ein provisorisches Lager gebettet.
"Was ist passiert?", fragte Squall schließlich.
"Hyne hat dich und Cifer von der Klippe heruntergeworfen und wir haben dich aufgefangen", sagte der Philosoph.
"Wir?"
"Ich und der junge Xelto Goodsworth. Anscheinend hatte er es sich anders überlegt und ist euch gefolgt", sagte der Philosoph ruhig.
Squall nickte halb abwesend. Seine Gedanken waren noch ganz bei Adryan.
"Hyne hat meinen Sohn. Ich muss ihn finden", sagte Squall.
"Ja, das musst du. Aber Hyne ist wesentlich stärker als du, wie du siehst", meinte der Philosoph.
"Dann muss ich eben mächtiger werden!", sagte Squall entschlossen.
"Die Macht ist eine gefährliche Sache, Squall. Viele Leute wurden von ihr besessen und schließlich verrückt. Hyne ist das beste Beispiel. Auch du warst einmal von fanatischem Machteifer besessen, auch wenn du nicht die direkte Wahl hattest. Sieh", sagte der Philosoph und holte etwas aus den Tiefen seiner Tasche hervor.
Es war ein merkwürdiges Gerät. Er stellte es auf den Boden. Ein tiefer wohlklingender Ton ertönte. Über dem Gerät erschien ein kleines Hologramm. Allerdings zeigte es lediglich eine schwarze Fläche. Nur in der Mitte befand sich ein klitzekleiner weißer Punkt.
"So sah es ungefähr vor der Entstehung der Zeit und des Universums aus. Endlos viel Nichts, wohin das Auge reichte... falls es ein Auge hätte geben können. Doch auf einmal war inmitten dieses Nichts dieser klitzekleine Funke Energie. Klein, aber so intensiv. Das Sein, die Existenz. Es gab damals noch keine Zeit, deswegen kann man auch nicht sagen, wie lange es so war. Doch dann passierte etwas. Dieser Funke bekam ein Tröpfchen Energie. Das Gleichgewicht war gestört, der Funke wurde zur Explosion, zur Explosion des Lebens", sagte der Philosoph.
In einem gleißenden Licht explodierte der Funke. Wellen von Licht wurden ausgestrahlt. Dann dehnte sich das Licht aus und vertrieb das Dunkel. Schnell konzentrierten sich Lichtflecken und bilden Farbmuster.
"Dies waren die ersten Milliarden Jahre des Universums. Das Sein war geboren, es drang das Nichts zurück. Das Nichts, das die Vorherrschaft über so lange Zeit gehabt hatte, wollte alles Sein vernichten. Non-Existenz ist immer einfacher als Existenz. Man kann es nicht einmal Willen nennen. Es ist einfach das Urbestreben des Nichts, alles zu vernichten. Das ging jedoch nicht, da das Sein sich durch den Tropfen Energie, der das Gleichgewicht gestört hatte ausdehnte und einfach so dem Nichts überlegen war. Die ganze Energie, die auf einem Punkt konzentriert gewesen war, verteilte sich auf diesen riesengroßen leeren Raum. Das Universum wächst konstant mit jeder Sekunde, die verstreicht. Oder besser: Jede Sekunde verstreicht, weil sich das Universum ausdehnt. Das Verteilen dieser Energie nennt man Zeit.
Und dennoch gab es noch ein weiteres Bestreben des Universums. Es wollte etwas tun, sich wandeln, weiterentwickeln in der innersten Substanz. Also bündelte sich etwas Energie und explodierte erneut und dehnte sich aus, bis es eines Tages wieder in das Universum eingeht. Diesen Vorgang nennt man Leben. Jeder Mensch lebt und bereichert dadurch das Universum. Ein symbiotischer Vorgang. Jedes Lebewesen funktioniert so", sagte der Philosoph.
In dem Energiegewusel gab es kleinere Explosionen als würden in dem großen Universum viele kleine Universen entstehen.
"Was soll das auf einmal? Warum dieser Vortrag?", fragte Squall verwirrt.
"Das Ausdehnen der Energie ist ein Vorgang, der bewusst vorgenommen werden muss. Man muss Leben und Erfahrungen sammeln und sich weiterentwickeln. Wenn man sich jedoch nicht weiterentwickelt, weil das Leben zu schwer für einen ist, wird es kritisch. Die Weiterentwicklung muss vollzogen werden, damit sich das Universum weiterentwickeln kann, also wird das Lebewesen die Entwicklung aufgezwungen. Weigert es sich, kommt es zu einer Diskrepanz und das Lebewesen gerät unter Druck. Zwischen Soll- und Ist-Entwicklung entsteht ein Energieloch, das heißt die Energie dünnt aus und das Lebewesen bekommt einen leichten Geschmack von dem zerstörenden Nichts, das einmal alles dominiert hat. Es entsteht ein Gefühl von Leere... und manchmal nutzt man diese Leere, man kann sie auch Machtlust nennen, und zerstört und wird böse. Man wird zum Diener des Nichts. Das oberste Ziel jedes bösen Wesens ist ultimativ immer die Zerstörung vom Leben, die Rückführung der Oberherrschaft des Nichts", schloss der Philosoph.

Auch Rinoa war inzwischen aufgewacht. Sie hatte erfahren, dass Xelto zurückgekommen war und sie gerettet hatte. Sie hatte sich zu ihm gesetzt, aber Xelto sah selbstvergessen aus dem Fenster und sah Cifer zu, der ein paar Übungen mit seiner Gunblade machte.
"Was machst du eigentlich sonst so?", fragte Rinoa.
"Was meinst du? Ich bin ein Kämpfer..."
"Nein, ich meine, was magst du? Was liebst du? Was magst du nicht? Was hast du früher gerne gelesen?", sagte Rinoa.
"Was soll diese Fragerei?", fauchte Xelto.
"Ich bin nur neugierig. Ich meine, du musst nichts erzählen. Ich dachte nur, dass normale Jungs in deinem Alter eigentlich was anderes im Kopf haben, als Leute umzubringen. Deswegen war ich nur neugierig, das ist alles", sagte Rinoa ruhig.
Xelto beobachtete sie prüfend. Dann setzte er sich etwas auf und atmete einmal ruhig ein, als würde er über etwas nachdenken. In seinen Augen fing auf einmal etwas an zu schimmern.
"Ich weiß... nicht. Ich bin nicht gut in so etwas. Ich mag meine Familie nicht. Sie war so kalt. Ich mochte... ich mochte den Fluss, bis mein eigener Bruder mich darin halbtot zurückgelassen hatte... und ich weiß ehrlich gesagt nicht, was das soll", sagte Xelto leicht wütend.
"Warum bist du so aggressiv? Wieso hast du dich nur Prokylta angeschlossen?", fragte Rinoa ruhig weiter.
"... Sie hat mir das Leben gerettet. Ich war tot, ich war vereist. Doch irgendwas hielt mich am Leben, hielt mich zurück. Mein Hass auf diesen Bruder... auf diese Familie und auf diese verdammte Welt. Dann kam sie und hat mich befreit und mir ihre Geschichten erzählt. Sie hat mir den Schwertkampf beigebracht und von Hyne erzählt und dass wir uns dann eine Welt erschaffen, die uns gefällt, wo wir die Regeln diktieren würden. Wir gemeinsam würden die Freiheit finden, die den anderen verwehrt gewesen waren, wir würden die Grenzen des Schicksals sprengen", sagte Xelto zynisch.
"Das klingt nach einem Optimisten, der verführt wurde, nicht nach einem Mörder...", sagte Rinoa leise.
Xelto sah sie direkt an.
"Das erste Mal zu töten ist... ich musste einen Kneipenbesitzer namens Günther Berring töten. Ich trug eine Maske am Anfang, damit die Sektensoldaten Respekt vor mir hatten. Ich schoss mehrmals... er fiel einfach so um. Lag am Boden... Am Anfang habe ich gezittert... mir war kalt und heiß und ich musste fast kotzen. Doch dann zitterte ich nicht mehr. Irgendwann zittert man einfach nicht mehr. Es wird immer leichter. Man kommt damit gut durch, also macht man es. Es schleift sich ein... wie eine schlechte Angewohnheit", sagte Xelto und grinste über seine Wortwahl, doch seine Augen waren tot.
Rinoa hatte den Jungen nicht angesehen. Sie kannte dieses Gefühl. Dieses Zittern, diese Vertrautheit, die mangelnden Hemmungen... es waren Gefühle, die sie erst vor kurzem erlebt hatte...
"Hat dir die fehlende Sensibilität nie zu schaffen gemacht?", fragte sie schließlich.
"Es gibt keinen Weg zurück für mich! Nein... und was sollen überhaupt diese dämlichen Fragen?! Typisch Weiber! Immer alles ausdiskutieren! Ich habe etwas getan und damit basta! Es gibt keine scheiß Erlösung oder irgendeinen 'Weg zurück'", sagte Xelto wütend.
"Es muss einen geben. Cifer hat ihn gefunden. Und auch Squall ging weiter. Es gibt immer einen Weg zurück. Egal, wie leer man sich fühlt, es muss etwas geben, damit man wieder fühlen kann! Und ich werde diesen Weg finden", sagte Rinoa entschlossen.
Xelto beobachtete sie aufmerksam.
"Du erinnerst mich an Prokylta. Du hast ihre Kraft...", sagte Xelto unsicher.
"Mh, woran liegt das wohl?", schnaubte Rinoa sarkastisch.
Sie machte Anstalten den Raum zu verlassen, als...
"Ich würde gerne mit euch mitkommen", sagte Xelto.

Cifer stand auf dem großen Platz. Vor seinem Gesicht tauchte Hyne auf und Cifer hieb in die Luft und stellte sich vor, wie Hyne schreien würde...
Cifer schüttelte die Gedanken ab und blickte in die Sonne, die langsam durch die Wolken durchbrach.
Was tat er eigentlich hier?
Er hatte sich diese Frage sooft gestellt in den letzten Tagen, Monaten und Jahren...
Das asketische Leben in den Wäldern hatte ihm Frieden gegeben... doch dann war er zurückgekehrt und hatte Squall begleitet. War es wegen Rinoa? Oder wollte er Squall beobachten? War es wegen seiner Eltern?
Squall stellte sich seiner Vergangenheit und der Bedrohung, die ihm das Leben zerstören wollten... doch was war mit ihm? Lief er nun Squall und Rinoa hinterher, wie er Artemisia hinterhergerannt war? Ließ er sich vereinnahmen?
Er fühlte, wie ein Band gewachsen war... all das, was ihm egal gewesen war, bedeutete ihm auf einmal etwas. War er schwach? Irgendwie fühlte es sich richtig an. Aber war es richtig? Er hatte nie einen von denen leiden können, wieso jetzt?
Lag er jetzt falsch oder hatte er früher falsch gelegen?
Und Xelto? Er war zurückgekehrt und hatte sie gerettet.
Cifer machte einen finalen Streich nach vorne und steckte dann sein Schwert ein.
Viele Fragen schwirrten in seinem Kopf herum. Dann dachte er kurz an Squall und Rinoa und er fühlte sich gut dabei.
Damit war die Sache wohl geklärt... es fühlte sich gut an... Zum ersten Mal in seinem Leben war das Gefühl der Leere verschwunden... und somit tat er wohl das Richtige.

"... irgendwann wird vielleicht das Universum sich komplett verteilt haben und ist dann vielleicht das neue Nichts und ein neues Sein wird kommen, wer weiß. Doch Squall, viele Leute haben sich im Bestreben nach Macht sich selbst vergessen und fanden schließlich nur noch diese alles verzehrende Leere in sich. Ihre ganze Persönlichkeit ist verschwunden, bis sie nur noch ein zerstörender und höhnender Körper waren. Sei vorsichtig. Du hast bereits einmal die Abgründe kennengelernt, in die ein Mensch fallen kann. Du hast so hart gearbeitet, dass du da wieder raus kommst. Lass dich nicht noch einmal verschlingen", warnte der Philosoph und stellte das Hologramm ab.
"Philosoph, das ist ja alles ganz nett... aber das weiß ich auch so. Warum das alles? Wieso dieses Nachdenken über das Universum. Ich lebe hier und jetzt und will mein Sohn und meine Frau beschützen. Das ist alles, warum also diese Philosophie?", fragte Squall.
"Weil diese Philosophie mit allem zusammenhängt. Die Geschichte des Universums ist deine Geschichte, die Geschichte Hynes, eben alles. Ich sollte dir das nicht beibringen. Suche Alphega auf. Der wird dir das alles viel besser erklären als ich. Und dir vielleicht eine Möglichkeit zeigen Hyne zu vernichten", sagte der Philosoph und holte etwas aus seinem Mantel.
Es war eine Art Symbol an einer Kette. Zwei Ringe, die etwas versetzt parallel zueinander verliefen.
"Hier, dieses Amulett kann dich zu Alphega führen", sagte der Philosoph und reichte Squall die Kette.
Squall betrachtete die Kette kurz und sah dann zum Philosophen.
"Und was ist mit dir? Willst du nicht leben? Ich meine... du forscht und suchst... aber das alles ist so allgemein? Wieso suchst du nicht dein persönliches Glück?", fragte Squall.
"Das geht eben nicht", sagte der Philosoph und sah Squall durch seine Brille ohne Gläser trotzig an.
"Wieso nicht? Was ist all dieses Wissen wert, wenn du es nicht leben kannst? Verlasse diese theoretische Ebene doch mal für einen Moment", meinte Squall.
"Das kann ich nicht!"
"WIESO NICHT?!"
"Weil ich dann alles verlieren würde", sagte der Philosoph bevor er sich stoppen konnte.
Er sah Squall noch einmal kurz an und setzte noch einmal zum Sprechen an, überlegte es sich dann jedoch anders, drehte sich auf den Absatz um und verließ das Zimmer.
Mit leicht dröhnendem Kopf sah Squall das Medaillon an. Dann huschte ihm auf einmal eine Erinnerung durch den Kopf... ein Bruchteil einer Vision...

Dann verschmolzen alle Visionen und bildeten ein Gesicht...
"Liebe, Hexen, Zeitkompression. Diese Worte schwirren in deinem Kopf herum und machen keinen Sinn. Du kennst ihre Bedeutung, aber den Zusammenhang kennst du nicht. Doch du wirst ihn bald schon kennenlernen. Wache auf. Wache auf aus deinem Winterschlaf. Suche mich hinter der letzten Grenze und ich werde dir alles erzählen!", sagte Alphega.


"Das werde ich", sagte Squall leise und umschloss sanft das Amulett.