Was ist es, das uns am meisten bewegt? Welche großen und kleinen Dinge prägen unser Empfinden, Handeln und Denken? Sind es große Taten, dessen Vollbringer den Titel eines Helden würdig ist? Oder sind es die kleinen Dinge, die den Menschen zum Menschen machen?
Und warum sind es oft auch nur Worte, die reichen, um ein Weltbild zu erschüttern und das, was man bisher glaubte, in Frage zu stellen? Manchmal finden wir unsere Antworten ohne danach zu suchen... Worte, nach denen wir aber dennoch ein Leben lang gesucht haben...
Squall betrachtete während der ganzen Fahrt über den Ozean. So endlos weit und blau. Ihn beeindruckte immer wieder diese endlose Weite und Größe dieses Gewässers.
Was würde mit ihm passieren, wenn die Zugbrücke plötzlich einstürzen würde? Würde man ihn jemals wieder finden? Würde er noch leben? Würde es wieder sechs Monate dauern? Existieren Menschen, die in keiner Ecke der Welt gefunden werden, überhaupt noch?
Squall hatte jemanden gefunden, den er in seinen Gedanken vielleicht das ganze Leben lang gesucht hatte. Es war nur ein Telefonat gewesen. Ein paar Worte, die er sein ganzes Leben lang nicht mehr vergessen würde. Die ganze Nacht hatte er nicht schlafen können, so sehr er auch versucht hatte, durch Rinoas Nähe etwas Geborgenheit und Ruhe zu finden. Am Morgen war er dann ohne große Worte und Gesten des Abschieds alleine aufgebrochen. Er war in den nächsten Zug nach Fisherman`s Horizon gestiegen, wo er Laguna treffen würde. Und nun saß er hier in dem klapperigen Holzzug nach F.H. und dachte nach.
"Wir treffen in wenigen Minuten in F.H. ein", sagte der Schaffner, ein älterer Herr, plötzlich.
Der Zug hatte keine Abteile mehr, sondern alle Gäste saßen auf Holzbänke. Allerdings befand sich sonst niemand im Wagen.
"Sicher nervig jetzt so durch alle Abteile zu gehen, oder?", fragte Squall, um sich etwas abzulenken.
"Nervig? Ne, es ist wunderbar, wie in alten Zeiten. Ohne diesen ganzen Elektromist. Jetzt hat man wieder etwas zu tun. Na ja, zumindest ein bisschen. Sie sind neben einer Mutter mit einem Kind der einzige Gast", meinte der Schaffner.
"Die Normalität hat sich wohl noch nicht so eingespielt", meinte Squall.
"Sie sagen es, die Menschen haben noch zu viel Angst. Das verstehe ich nicht. Ich liebe Reisen. Ich konnte es gar nicht erwarten, endlich wieder ein wenig durchs Land zu fahren", sagte der Schaffner und blickte auf den Ozean.
Squall sah ihn an und fragte sich, ob es solche Menschen gewesen waren, die ihn am Tears Point angreifen wollten. Letztlich verabschiedete sich der Schaffner und verließ den Wagen und ließ Squall wieder allein mit seinen Gedanken.
Laguna und Raine... Nun wusste er es... Raine war seine Mutter gewesen... Laguna war sein Vater... Diese beiden Sätze und jedes einzelne Wort des Telefonats mit Laguna wiederholte Squall immer wieder in seinen Gedanken. Sein Verstand begriff schnell, Squalls Gefühle nicht...
Was sollte er nun sagen, wenn er Laguna gegenüberstehen würde? Sollte er seinen Vater mit Fragen durchlöchern? Sollte er ihn umarmen und froh sein, endlich die Wahrheit zu wissen? Diese Fragen quälten Squall und mit jedem Meter, den der Zug zurücklegte, kam er näher an diesen Moment heran...
"Fishermans Horizon", kurz F.H., war mit die einzige Stadt, die den großen Stromausfall mehr oder weniger unbeschadet überstanden hat. Da die Bewohner generell unabhängig von Technologie lebten und ihre eigene Energiegewinnung hatten, hatte sich für sie das Leben kaum verändert.
Als Squall den Zug verließ, kam ihm sofort die salzige Meeresluft in die Nase. F.H. war eine Siedlung, in mitten auf einer großen Eisenbahnbrücke gebaut, die übers Meer Esthar mit Galbadia verband. Niemand stieg neben ihm ein oder aus. Auf dem Bahnhof war, bis auf eine weitere Person, niemand.
Laguna winkte Squall vom weiten zu. Squall schluckte und ging dann langsam auf Laguna zu.
"Squall, was für ne Überraschung dich hier zu sehen", wurde er von Laguna freudig begrüßt.
"Ich dachte, du wusstest, dass ich kommen würde", antwortete Squall schnell.
"Oh ja, richtig."
Laguna kratzte sich am Kopf.
"Man hat dich also endlich gefunden... Und dir geht's wieder gut?", sagte er schließlich etwas unsicher.
"Ja. Hab ich doch schon am Kommunikator gesagt."
"Ach ja, das hast du. Stimmt. Und Rinoa? Wie geht es ihr so?"
"Sie sieht ziemlich fertig aus. Ich weiß nicht, was sie in den letzten Monaten alles durchgemacht hat. Das müsstet ihr besser wissen."
"Wir waren nicht viel in Kontakt", schloss Laguna.
Es herrschte wieder ein paar Sekunden unerträgliches Schweigen.
"Wie geht es eigentlich... Ellione?", wollte Squall schließlich wissen.
"Och, ihr geht es gut. Sie ist mir eine sehr große Hilfe."
Stille.
"Ich habe mir bereits überlegt, sie zu meiner Nachfolgerin zu machen. Sie hat das Zeug dazu", setzte er schließlich dazu.
Squall war etwas überrascht von dieser Idee. Warum redete Laguna so offen und sicher über etwas so Wichtiges, als wäre es etwas Nebensächliches?
"Äh, Squall, ich bin ja auch wegen einer politischen Angelegenheit hier", meinte Laguna.
"Ja, die Beitrittsverhandlungen mit F.H.", sagte Squall.
"Äh, richtig. Ich müsste da jetzt hin... Willst du mich begleiten?"
"Ja... klaro", entgegnete Squall.
Beide gingen daraufhin langsam in Richtung Stadt. Obwohl die Beiden durch die Anordnung der Straßen oft dicht gedrängt gehen mussten, wurde Squall das Gefühl nicht los, dass die beiden sich nie ferner waren als in diesem Moment.
Dunkle Wolken waren über das brüchige Holzhaus außerhalb von Balambs gezogen. Rinoa stand im Schlafzimmer vor einem Spiegel und betrachtete nachdenklich ihr Ebenbild. Squall war so plötzlich aufgebrochen. Es war so komisch, gerade hatte sie ihn für tot gehalten, dann war er wieder da gewesen und nun ist er fort, als wäre alles nur ein Traum gewesen. Ein Traum...
Doch sie akzeptierte es, dass er mal allein sein wollte. Außerdem hatte sie ihre Mutter und Cifer in ihrer Nähe. In den letzten sechs Monaten waren sie die einzigen Menschen gewesen, die ihr genügend Trost und Kraft zum weitermachen gespendet hatten.
"Rinoa? Du siehst so nachdenklich aus. Denkst du schon wieder daran? Ich fürchte, diese Narbe lässt sich nicht so einfach heilen. Hier", sagte Prokylta sanft und reichte ihr eine Weste.
Rinoas Finger glitten vorsichtig über eine tiefe Wunde, die sich auf ihrem linken Schulterblatt befand. Dann nahm sie die Weste und zog sich an.
"Squall hat die Narbe noch nicht bemerkt. Ich will nicht, dass er sich darüber Sorgen macht."
"Du machst die Sache nur noch schwieriger. Gegen Wunden, die gleichzeitig am Körper und an der Seele vorhanden sind, hilft keine Magie der Welt. Du hast es doch auch an den Narben von Squall und Cifer gesehen. Erst nachdem die beiden Frieden mit dem jeweils anderen und sich selbst schlossen, begannen sie langsam zu heilen", erklärte Prokylta weiter.
Rinoa schnallte sich ihren Gürtel mit der Schwertscheide um.
"Er muss im Moment so viel mitmachen. Wir sollten abwarten, sonst bringt ihn das vollkommen um", meinte Rinoa.
"In der Zeit sollten wir unbedingt mit deiner Hexenausbildung weitermachen. Du hast sie sehr vernachlässigt. Ich kann dir die Kräfte geben, die du brauchst, um Hyne zu besiegen, doch früher oder später musst du dich der Prüfung im Walpurgis-Pfad stellen..."
"Ich möchte momentan darüber nicht so gerne reden, Mama. Ich mache mir momentan mehr Sorgen um Squall. Ich mein, ich hatte ihn für eine kurze Zeit für tot gehalten... Aber er brauch Zeit, er muss das mit Laguna klären", sagte Rinoa.
Beide verließen den Raum. Im Flur wartete Cifer, der jedes Wort ihres Gesprächs durch die schäbigen Wände verstanden hatte.
"Rinoa hat Recht. Er soll sich vorher mal um seine familiären Angelegenheiten kümmern", sagte er.
"Ja, aber die Zeit beginnt nun wieder vorwärts zu schreiten. Wir können so was nicht endlos hinauszögern. Außerdem sind Rinoa, Adryan und ich genauso Familienmitglieder wie Laguna eines ist", warf Prokylta ein.
Cifer sah sie streng an.
"Julia, er ist erst seit ein paar Tagen wieder da."
Prokylta schwieg.
"Wir werden es ihm sagen, sobald er dafür bereit ist", sagte Rinoa abschließend und verließ mit den anderen das Haus.
Alle drei waren an einer Person vorbeigegangen, die anscheinend schlafend in der Ecke gesessen hatte. Der Philosoph öffnete die Augen und glitt aus dem Schatten hervor. Eine Weile schien es, als würde er angestrengt nachdenken. Dann setzte er sich auf einmal in Bewegung und verließ schnell und lautlos das Haus.
Ein großer Teil von F.H. war von Energiegewinnungsanlagen bedeckt, die eine riesige Schale bildeten in dessen Zentrum sich das Haus des Bürgermeisters Dobe befand. Obwohl die Stadt dadurch von hässlicher Technik strotzte, haben die Generatoren während des monatelangen Stromausfalls hilfreich gedient.
Squall war bereits aufgefallen, dass es verdächtig ruhig in der Stadt war. Nachdem er und Laguna den Weg im Generatorenfeld nach unten gingen, trafen sie auf ein paar Personen, von denen sie über das trostlose Schweigen aufgeklärt werden sollten.
"Loire? Was treibt Sie denn her? Geschäfte?"", brummte ein Fischer.
"Ich wollte mit Dobe wegen dem Bündnis reden", begann Laguna.
"Was sonst... Typisch. Das mit seiner Frau hat sich wohl noch nicht rumgesprochen, was?"
"Was ist mit ihr?", mischte Squall sich ein.
"Keiner weiß warum... Es trifft immer die, die es am wenigsten verdient haben... Möge sie in Frieden ruhen", sagte der Mann leise, holte eine Flasche aus seiner Jacke hervor und trank einen Schluck.
"Sie ist... tot?"
Laguna hätte das letzte Wort beinahe verschluckt. Der Fischer warf den beiden einen letzten Blick zu und taumelte schließlich nach oben.
"Dann sind wir heute wohl nicht erwünscht", meinte Laguna leise.
"Mh, willst du es nicht trotzdem versuchen? Immerhin sind wir extra dafür angereist", sagte Squall etwas spitz.
Laguna sah seinen Sohn zuerst skeptisch an, ging dann jedoch in das Haus des Bürgermeister, den die Einwohner 'Bahnhofsvorsteher' nannten. Die Bewohner von F.H. hatten vor lange Zeit die Stadt gegründet, um sich frei von Politik und Machtgier der Regierung Deling zu machen. Seitdem haben sich nicht viel übrig für Politik und deswegen auch den einzigen politischen Posten scherzhaft nach dem speziellen Platz des Ortes benannt, nämlich einem riesigen Bahnhof auf einem langen Schienennetz exakt zwischen den beiden großen, ehemals so verfeindeten Staaten.
Die Beiden gingen leise eine kleine Treppe hinau, die in Dobes Zimmer führte. Squall fand das bisherige Gespräch unheimlich frostig, aber immerhin verlief es ohne größere Komplikationen. Oben angekommen sahen sie Dobe vor einer Liege knien, den Oberkörper über das Leintuch gebeugt, das seine Frau Flow bedeckte. Nachdem er Squall und Laguna bemerkt hatte wischte er sich die Tränen ab und richtete sich auf.
"Ist das Ihre Art, am Todestag meiner Frau einfach so reinzuplatzen?"
"Dobe... Ich wollte nur sagen, dass mir das alles sehr leid tut... Nicht stellvertretend für Esthar, damit wir uns nicht missverstehen, sondern für mich", sagte Laguna schnell.
"Ach? Sind Sie wegen meiner Frau hier, oder wegen dem Bündnis? So nur aus Menschenfreundlichkeit und ohne Hintergedanken werden sie wohl nicht angereist sein, hm?", sagte Dobe aggressiv.
Laguna seufzte.
"Als ich davon gehört habe, war mir der Vorschlag egal. Ich würde niemals so aufdringlich sein... Wenn Sie wollen, dann verschwinden wir wieder."
"Macht was ihr wollt...", gab Dobe zurück und stellte sich zum Fenster, sodass er den beiden den Rücken zukehren konnte.
Squall und Laguna wussten, dass das Gespräch somit beendet war.
Sie wollten gerade das Haus verlassen, als sie im Untergeschoss einen Mann an einem Tisch sitzen sahen.
"Wie geht es ihm?", wollte er wissen und stand auf.
"Er braucht noch seine Zeit", antwortete Laguna. Der Mann schüttelte ihm die Hand. Squall kam der Mann bekannt vor.
"Sie sind Dodonna, richtig?", fragte Squall die Person, die er für den ehemaligen Direktor des Galbadia-Gardens hielt.
"Ja... So sieht man sich wieder, nicht wahr? Es freut mich, dass ihr mich gleich erkannt habt."
Dodonna hatte vor sechs Jahren den Galbadia Garden geleitet, bevor die von Artemisia besessene Edea die Macht in Galbadia übernommen hat und den Garden zu ihrem Hauptsitz gemacht und Dodonna rausgeschmissen hatte. Nach allem, was Squall wusste, hatte ihn sein Weg nach F.H. geführt, wo er von der pazifistischen Art der Bewohner so überwältigt wurde, dass er sich ihnen angeschlossen und seine Militäruniform an den Nagel gehängt hatte.
"Natürlich haben wir Sie sofort erkannt", lachte Laguna in einem Ton, der Squall sofort verriet, dass er keinen blassen Schimmer hatte, wen er da vor sich hatte.
Dodonna nickte.
"Ich wollte Dobe noch über etwas informieren, aber es ist wohl besser, damit zu warten."
"Worum geht's?", wollte Squall wissen.
"Ich habe hier heute Nacht während meiner Nachtschicht einen Typen rumlungern sehen. Ich weiß nicht, ob er das Haus betreten hat, aber..."
"Ein Mord?", fragte sich Laguna.
"Es wäre nicht auszuschließen. Ich muss euch aber bitten, das nicht überall herumzuerzählen. Das Letzte, was Dobe und die Stadt jetzt brauchen können, sind lästige Polizisten, falsche Anschuldigungen und ewige Verhöre. Wir kümmern uns später darum", meinte Dodonna.
"Ja, das ist einleuchtend."
"Gut, dass wir uns verstehen. Wir sollten jetzt wieder gehen. Was habt ihr heute noch vor?"
"Gute Frage. Damit wir nicht umsonst gekommen sind, würde ich vorschlagen, dass wir uns noch ein wenig in ein Lokal setzen... Äh, mit 'umsonst' meinte ich natürlich, dass wir hier nicht sinnlos rumstehen. Wir haben vollstes Verständnis für Dobe", sagte Laguna mit einem nervösen Blick zur Treppe.
"Ich weiß. Ich werde euch bis zum Lokal begleiten, wenn ihr nichts dagegen habt", schlug Dodonna vor.
Im Stadtcafé unter vielen Menschen saß ein Mann, der äußerlich so normal aussah wie man nur aussehen konnte. Niemand hätte im Traum daran gedacht, zu welchen Taten dieser Mann in der Lage sein könnte. Niemand hätte ihn verdächtigt, dass er zahlreiche Fäden in diversen Komplotten zog und einer der mächtigsten und schwächsten Männer der Welt nach seiner Pfeife tanzten.
Zed Black saß im ersten Stock eines Cafés und beobachtete die Menschen auf den Straßen. Dann entdeckte er ihn. Squall war also wirklich nach F.H. gekommen. Er betrat mit dem Präsidenten von Esthar ein Lokal, das auf der anderen Straßenseite lag. Beide verabschiedeten sich von einem dritten Herren, den Zed als den eheamligen Direktor des Galbadia Gardens wiedererkannte, und gingen nach drinnen. Während Zed Dodonna, der gleichzeitig stellvertretender Bürgermeister von F.H. war, hinterher sah und sich an ihr letztes Treffen zu erinnern versuchte, näherte sich eine Kellnerin Zeds Tisch.
"Haben Sie den Fruchteis-Becher bestellt?"
Zed zuckte kurz, als er aus seiner beobachtenden Ruhe gerissen wurde.
"Hm? Oh ja. Danke."
Die Kellnerin lächelte und stellte den riesigen Becher auf den Tisch.
"Könnte ich noch etwas mehr Schokoladen-Sirup darauf haben?", fragte Zed höflich.
"Ja, kein Problem."
"Und ich hätte gerne noch eine zweite Waffel, wenn es keine Umstände macht."
"Gerne. Darf es sonst noch etwas sein?"
"Nein, danke, das wäre alles", antwortete Zed.
Die Kellnerin nickte lächelnd und verschwand in der Küche. Zed riskierte einen weiteren Blick aus dem Fenster, in der Hoffnung, er könnte durch das Fenster des Lokals auf der anderen Seite Squall entdecken. Da er ihn aber nicht sah, wandte er sich wieder seinen Fruchteis-Becher zu, der von der Kellnerin eine großzügige Ladung Schoko-Sirup verpasst bekam. Sie legte die zweite Waffel daneben hin und ließ Zed alleine, nachdem dieser ihr dankend zugenickt hatte.
"So bekomm ich doch noch mal was anderes als dieses 'Dessert Dollet' zu schmecken", dachte sich Zed zufrieden und langte zu.
"Na, mal sehen. Da hinten in der Ecke steht noch ein freier Tisch", sagte Laguna.
Squall sah sich um. Überall saßen Fischer und Arbeiter. Squalls Blick wanderte weiter und blieb bei einem Mann mit schwarzem Mantel stehen. Squall traute seinen Augen nicht. Es war der Philosoph.
"Was macht der denn hier?"
"Wer?", fragte Laguna neugierig.
"Dieser Typ. Er muss mir gefolgt sein", sagte Squall und deutete auf den Philosophen
"Kennst du ihn? Ist das ein Freund von dir?"
"Ihm habe ich zu verdanken, dass ich wieder laufen kann."
Squall ging zu ihm rüber. Laguna zuckte mit den Schultern und folgte ihn. Der Philosoph las gerade Zeitung. Ohne die Beiden offensichtlich vorher gesehen zu haben, legte er die Zeitung beiseite und wandte sich ohne Umschweife an Squall.
"Ich bin froh, dass ich dich hier treffe. Und das ist...?"
"Ah, stimmt! Laguna, das ist... der Philosoph. Philosoph, das ist Laguna."
Laguna sah die beiden mit einem seltsamen Blick an. Sie setzten sich.
"Wie verlief eure..."
"Was machen Rinoa, Cifer und Prokylta gerade?", fragte Squall.
"Hm? Oh... Die haben zu tun."
"Sind sie unterwegs?"
Ein Kellner kam dazu und unterbrach die Unterhaltung.
"Na, was darf ich den Herren bringen?"
Die Drei zögerten kurz.
"Wasser", antwortete schließlich der Philosoph entschlossen.
"Wasser", wiederholte Squall.
"Ja, äh... Wasser", sagte Laguna, um nicht aus der Reihe zu tanzen.
Der Kellner grinste, weil sie vermutlich die einzigen hier waren, die keinen Alkohol tranken. Kurze Zeit später brachte er dem Trio das bestellte Wasser. Der Philosoph trank einen Schluck und holte wie auf ein unsichtbares Kommando hin aus seiner inneren Manteltasche ein paar zusammengerollte Papiere hervor und reichte sie Squall. Dieser entfernte das Gummiband und warf einen Blick darauf.
"Was ist das?", wollte Squall wissen.
"Aufzeichnungen von Signalen, die aus dem Weltraum abgefangen wurden", erklärte der Philosoph.
Laguna sah in skeptisch an.
"Wer hat die gemacht? Die stammen unmöglich von Odyne."
"Sie wurden erst vorgestern aufgezeichnet. Sieh mal da, Squall. Diese beiden Buchstaben..."
"S... L...", las Squall vor.
"Hey, das sind doch die Aufzeichnungen von Odyne, die er vor einem Jahr in Dollet gemacht hat, kurz bevor Squall angeschossen wurde. Wie bist du daran gekommen?", fragte Laguna misstrauisch.
"Nein, die Aufzeichnungen sind neu. Sie sind auch nicht von Odyne."
"Aber von wem dann? Abgesehen davon, dass es erst seit gestern wieder Strom gibt, hat doch kaum jemand anderes das Wissen und die Technologie, um so etwas zu machen", meinte Laguna.
Der Philosoph schwieg. Squall kam die Sache verwunderlich vor. Abgesehen davon, dass der Philosoph augenscheinlich über keine außergewöhnlichen technischen Möglichkeiten verfügte, war es doch ziemlich
seltsam, dass er Squall so unbedingt helfen wollte. Doch irgendwas in seinem Inneren sagte Squall, dass der Philosoph keine bösen Absichten verfolgte.
"Weißt du, was die beiden Buchstaben bedeuten?"
"Ich schätze, die Zhabanen haben nach dir gerufen", antwortete der Philosoph etwas unsicher.
"Nach mir gerufen? Im Weltall? Warum?"
"Zha-was?", fragte Laguna.
"Der Shumi-Älteste hat mir davon erzählt. Sie sind anscheinend Wesen aus dem Weltall mit sehr viel Macht. Hyne ist einer von ihnen", erklärte Squall kurz.
"Man nennt sie auch die 'Hüter des Universums'. Sie sind so sehr mit dem Grund der Dinge verbunden, dass sie selbst kaum eine Form haben. Aber Hyne scheint da anders zu sein, er hat sich eine Form gegeben, ist in Dimensionen vorgedrungen, in die er nicht hingehört, um sich in den Lauf der Dinge einzumischen", sagte der Philosoph.
"Ahja", sagte Laguna mit einem Kopfnicken und trank sein Wasser mit einem Schluck leer.
"Es scheint, dass die Zhabanen nicht wollen, dass du stirbst. Sie haben nach dir gerufen, als du zum ersten Mal gegen Prokylta gekämpft hast. Sie riefen dich, kurz bevor du angeschossen wurdest. Und sie riefen deinen Namen auch, als du in der Feuergrotte fast umgekommen wärst. Es sind die Stimmen, die Prokylta nie hören konnte. Sie wollen dich warnen, dich schützen. Doch sie können nicht in das Geschehen eingreifen, nicht ohne sich zu verraten und wie Hyne zu werden. Deswegen bleiben diese Rufe das Einzige, mit dem sie dich unterstützen können. Du hast mächtige Schutzgeister auf deiner Seite, Squall, Kräfte, die mit deinem Vorhaben sympathisieren, auch wenn es theoretisch zum Scheitern verurteilt ist."
"Mehr als rufen können die Typen wohl nicht", kommentierte Laguna.
"Wieso sollten mir die Zhabanen helfen wollen, wenn Hyne einer von ihnen ist?", fragte Squall.
"Könntest du uns nicht trotzdem sagen, von wem du diese Informationen hast?", unterbrach Laguna die Diskussion.
"Von niemandem. Ok, lassen wir das Thema. Die Sache mit der Frau des Bürgermeisters..."
"Weißt du etwas davon?"
"Nein, aber ich habe einen Verdacht. Wir sollten die Leiche näher untersuchen, vielleicht stecken die Gefolgsleute von Hyne, die Sekte 'Aomes Trianirea' dahinter", sagte der Philosoph.
"Wir können doch keine Autopsie durchführen. Wir haben doch nicht mal die Befugnis, den Fall zu untersuchen. Ganz zu schweigen von Dobes Einverständnis", warf Laguna entsetzt ein.
"Ich möchte nur, dass du eine Blutprobe nach Esthar zu Odyne schickst", sagte der Philosoph.
"Wieso sollte die Sekte dahinterstecken? Nach allem, was ich weiß, ist sie mal wieder in den Untergrund verschwunden", sagte Squall.
"Nunja, in einer Welt ohne Strom und ohne Öffentlichkeit ist der Untergrund ein ziemlich breites Areal. Sicher, die Sekte hat keine großen Ereignisse angestoßen, dennoch haben sie einiges in den letzten Monaten erreicht. In ihrem aktuellen Stadium müssen sie im Schatten operieren. Sie sind wie ein großes Monster. Sie sammeln ihre Kraft, bereiten langsam alles vor, um dann, im letzten Moment, alle Teile in Bewegung zu setzen und eine Kettenreaktion auszulösen, die, wenn sie erstmal in Gang gesetzt ist, kaum aufzuhalten sein wird und Chaos und Tod über die Welt bringen wird", sagte der Philosoph.
Laguna und Squall erwiderten für einen Moment nichts. Squall nippte an seinem Wasser, bevor er schließlich als erstes wieder das Wort ergriff.
"Vielleicht sollten wir es drauf ankommen lassen, Laguna. Wenn wir den Mörder finden und er ist von der Sekte kann uns vielleicht ein paar nützliche Infos geben. Zum Beispiel, wo ich die letzten sechs Monate war und ob Prokylta dahinter steckt", sagte Squall.
Beide waren erleichtert, als sie herausfanden, dass Dobe gerade nicht da war. Stattdessen war ein Arzt anwesend, der die Verstorbene untersuchte.
"Fremde haben hier nichts zu suchen. Das ist doch kein Leichenschauhaus", beschwerte sich der Arzt.
Als er sich umdrehte, fiel sein Blick auf Laguna. Seine Augen fixierten ihn und Squall glaubte zu ahnen, dass der Arzt wusste, wen er vor sich hatte. Dann fiel der Blick auf Squall. Der Arzt sah für einen Moment Squall an, fast so, als würden sie sich kennen. Im nächsten Moment jedoch hatte er sich wieder zur Leiche umgedreht.
"Wir benötigen eine Blutprobe von dieser Frau", kam es aus Laguna hervor.
Der Arzt sah ihn skeptisch an.
"Esthar wird den Fall untersuchen. Es... könnte sich um was Ernstes handeln..."
"Meinetwegen. Ich werde die Probe als Sonderlieferung mit dem nächsten Zug nach Esthar mitschicken", sagte er und entnahm Flows Körper etwas Blut.
"Sie sind uns eine große Hilfe", bedankte sich Laguna und lächelte zufrieden.
Der Philosoph sah weiterhin sehr gespannt aus. Plötzlich hörten sie wütende Schritte. Dobe platzte rein.
"Was macht ihr hier? Ich habe dem Doktor die Erlaubnis gegeben, aber ich kann mich nicht erinnern, dass ich Ihnen und den beiden Fremden erlaubt habe, hier einfach herumzulungern. Verdient meine Frau keinen Frieden!?", brüllte Dobe Laguna ins Gesicht.
"Wir wollen nur herausfinden, woran sie gestorben ist. Vielleicht war es ein Mord", sagte Laguna.
"Pah! Und wenn ihr die Ursache habt!? Bringt sie das etwa wieder zurück? Oder wollt ihr bloß einen Schuldigen finden, den ihr massakrieren könnt!?"
"Es war meine Idee! Es tut mir Leid!", sagte der Philosoph laut und stellte sich zwischen Dobe und Laguna, um den Streit zu beenden.
"Macht, dass ihr hier raus kommt. Die Bestattung ist heute Nachmittag und bis dahin möchte ich mit ihr alleine sein. Und das schließt dich ein", sagte Dobe wütend zu dem Arzt.
Kaum hatte er das gesagt, gingen die drei zügig die Treppe nach unten. Laguna packte den Arzt, der noch da bleiben wollte, am Kittel und zog ihn mit, bis dieser schließlich aufhörte Widerstand zu leisten und mit dem Rest das Haus verließ.
Das Wetter besserte sich in keinster Weise gegen Nachmittag, der Himmel war weiterhin bewölkt. Alle Einwohner F.H.s hatte sich am Hafen versammelt. Squall sah, dass der Philosoph auf die Oberfläche des Meers starrte, in der sich der Himmel spiegelte. Squall schaute nach oben und betrachtete den Himmel und versuchte herauszufinden, an was der Philosoph gerade dachte. Vielleicht fragte er sich, ob sich das Wetter immer an die Stimmung der Menschen anpasste. Squall war zumindest der Meinung, dass an traurigen Tagen auch das Wetter einen Teil zur düsteren Stimmung beitrug. Es wäre aber auch möglich, dass sich die Menschen der Stimmung des Wetters anpassen. Würde heute die Sonne scheinen, vielleicht wären die Bewohner dann nicht so niedergeschlagen. Vielleicht wäre auch das bisherige Gespräch mit Squall und Laguna anders verlaufen.
"Ich bin ihm zwar schon genug auf die Nerven gegangen, aber es ist meine Pflicht Worte an ihn und den anderen Bewohnern zu richten", meinte Laguna.
Der Philosoph blickte ihn von der Seite an. Laguna wich seinem Blick aus und ging schließlich nach vorne zu Dobe und seinen engen Freunden und Verwandten, die allesamt auf einem Steg standen. Ein kleines Boot, in dem der Körper von Flow ruhte, lag dort angebunden. Es war das erste Mal, dass Squall eine solche Bestattung sah. Die Bräuche unterschieden sich also von Land zu Land. Er erinnerte sich noch gut an die Beisetzung von Niida und den Kindern am Waisenhaus. Dort hatte man ihre Asche in Urnen gefüllt und in das Meer geleert. Das alles war nun schon ein Jahr her. Ein Jahr war schon vergangen, seit Niida wegen Hyne sterben musste. Und woran war Flow gestorben? Eine Krankheit? Oder wurde sie wirklich ermordet? Jedes Mal, wenn Squall an den Tod dachte, musste er auch an Hyne, an Aomes Trianirea und auch an Prokylta denken. Sterben die Menschen wirklich nur noch durch die Hand eines anderen Menschen? Ist das Leben nicht schon kurz genug?
"Man sagt, bei einer Bestattung erweise man dem Verstorbenen die letzte Ehre", begann der Philosoph zu flüstern.
Squall sah ihn an. Er sah traurig aus, versuchte aber so zu wirken, als würde er die Tatsachen, die zum Leben gehören, vollends akzeptieren. In seinen Augen spiegelte sich etwas Endloses wider. Fragen...
"Aber der wahre Sinn dahinter ist, dass Menschen in diesem aufwendigen Ritual ihre Gefühle so zum Ausdruck bringen können. In harten Zeiten ist es schwer darüber zu sprechen. Man muss Abschied nehmen. Wenn alle zusammenkommen, ist das Ereignis ein großes. Groß genug um damit Worte und Gefühle auszudrücken..."
Und dann begann es. Ein Mann in Dobes Alter, vielleicht sein bester Freund oder sein Bruder, drehte sich zur Masse. Hinter ihm standen Dobe und ein paar andere Leute vor dem Boot am Ende des Stegs.
"Meine Freunde und Kameraden, Gemeinschaft von Fisherman's Horizon. Wir haben uns alle hier versammelt, um von einem Menschen, der gestern noch unter uns weilte, Abschied zu nehmen. Das Leben hat wieder ein Opfer gefordert... Um Platz zu machen für neues Leben, oder weil es das Wasser und die Erde, aus dem es uns gemacht hat, für andere Zwecke benötigt... Wir kennen nicht den Zweck und wissen auch nicht, ob es Sinn hatte. Stattdessen können wir nur betrauern, was einst Sinn hatte und nicht mehr ist. Nehmen wir also Abschied von unserer Liebsten und geben ihren Körper dem Meer und dem Land zurück. Und denkt dankbar an jene Zeit zurück, wo wir uns an ihrer Gegenwart erfreuen konnten..."
Schweigen kehrte ein. Der Mann stellte sich am Rand des Steges hin, warf einen letzten Blick in das Boot und stellte sich schließlich zur Seite. Er gab Laguna ein Zeichen durch Nicken. Laguna sollte nun seine Worte an Dobe und die Masse richten. Squall war irgendwie nervös. Fast so, als hätte er zu befürchten, dass sich Laguna lächerlich machen würde. Früher war es ihm egal gewesen, aber diesmal schien es anders zu sein...
"Ich... Ich bin eigentlich mit einer positiven Einstellung heute Morgen nach F.H. gekommen", begann Laguna.
Squall kniff gepeinigt die Augen zusammen. Somit hat Laguna seine Rede vergeigt, dachte er sich.
"Es sollte eine Zusammenkunft werden. Eine Vereinigung mit Fisherman's Horizon und ein Treffen mit einer Person... die mir sehr wichtig ist."
Laguna atmete lange aus und schnappte nach Luft.
"Aber im Leben gibt es nicht nur die Zusammenkunft. Es gibt auch Abschiede. Und so wie wir Menschen das erste Mal begegnen, so wird es auch immer ein letztes Mal geben, manchmal völlig unerwartet. Aber auch wenn wir unsere Liebsten verlieren, so gibt es immer noch so viele andere Menschen, mit denen wir zusammenfinden können und die uns auch Trost spenden werden... Dobe... Wo immer Sie auch hingehen werden, Sie werden immer jemanden finden, der gerne mit Ihnen zusammen sein würde. Sowohl ihre Mitmenschen in dieser Stadt, in einem anderen Land... Und auch an mich können Sie sich jederzeit wenden. Nicht als Politiker... sondern als Freund..."
Dobes Gesichtsausdruck wirkte verbissen. Es sah aus, als würde er sich Tränen verkneifen, es könnte aber auch die Wut gewesen sein. Laguna stellte sich vor das Boot und verabschiedete sich in Gedanken von Flow. Danach begannen auch die anderen dem Ritual des Abschieds nachzugehen. Der ernste Blick des Philosophen ließ wieder nach.
"Dein Vater ist eine interessante Person, nicht wahr?", sagte er zu Squall.
Squall grübelte.
"Glaubst du, dass sich die Menschen absichtlich an die Trauer klammern, um sich so auch an den Verstorben klammern zu können? Weil die Trauer etwas Gegenwärtiges ist, das sie mit ihnen verbindet?", fragte der Philosoph.
"Was?... Wie kommst du darauf?", fragte Squall.
Der Philosoph wirkte überrascht. Squall schaute wieder nach vorne und sah, wie Laguna den Steg verließ und sich durch die Menschen durchzwängte. Der Philosoph beobachtete mit einem leeren Blick das Vater-Sohn-Paar. Beide schienen sich irgendwie auszuweichen. Auch die Frage von Squall machte den Philosophen stutzig. Er dachte nach, ob es an seinem Namen liegen könnte, dass sich Squall nun solche Gedanken in seiner Gegenwart aufzwang...
Squall, Laguna und der Philosoph beschlossen sich zurückzuziehen, um den Bewohnern kein Klotz am Bein zu sein. Die Drei wollte den Rest des Nachmittags beim Bahnhof-Restaurant verbringen. Dort angekommen, sprachen sie anfangs kaum ein Wort miteinander. Laguna schaute gelegentlich auf die Uhr oder gab ein Kommentar zur Inneneinrichtung ab, der Philosoph schien zu warten, bis jemand anderes ein interessantes Thema aufgreifen würde und Squall musste im Moment an Rinoa denken.
"Präsident Laguna Loire?"
"Ja?"
"Uns kam diese Eilmeldung von höchster Wichtigkeit zu, die wir Ihnen überreichen sollten. Bitte unterschreiben Sie hier."
Laguna kritzelte seine Unterschrift unter das Formular und nahm schließlich den Brief entgegen.
"Ui, das ging aber schnell", bemerkte Laguna und zeigte den anderen beiden den Umschlag, auf dem das Esthar-Forschungslabor als Absender angegeben war.
Danach öffnete er ihn.
"Was steht drin?", fragten Squall und der Philosoph gleichzeitig.
"So viel Zahlen und Buchstaben... Moment! Hier! Wolltest du das wissen?"
Der Philosoph nahm den Befund und stolperte über den Begriff "Managenetische Partikel: positiv".
"Eine Adeptin?", wollte Squall wissen.
"Scheint so."
"Und was steht sonst noch? An was sie zum Beispiel gestorben ist?"
"Nein, die haben da keine Krankheiten oder Vergiftungen festgestellt. Allerdings könnte man sie auch auf andere Weise getötet haben", antwortete der Philosoph und warf noch einen letzten Blick auf den Zettel.
"Wer weiß... Prokylta und Aomes Trianirea sind Meister im verdeckten Operieren."
Laguna musste laut husten.
"He! Prokylta... Äh, Julia hat nichts damit zu tun. Sie war doch sowieso immer bei dir", warf er ein.
Squall nickte, allerdings war es ein abweisendes Nicken.
"Aber warum sollte eine Adeptin ohne Grund sterben? Noch dazu frage ich mich, wieso der Arzt weder Krankheit noch Mord feststellen konnte."
Squall seufzte kurz.
"Aber vielleicht hast du Recht. Aomes Trianirea ist seit sechs Monaten untergetaucht. Die würden ja nicht ohne ein großes Spektakel - 'Phasen' - zurückkehren."
"Nun, eigentlich doch. Die Uhr beginnt wieder vorwärts zu laufen. Aber vergiss trotzdem nicht, dass jemand anderes Aomes Trianirea anführt. Und wer, wissen wir nicht", versicherte Laguna.
"Hey, wenn Flow gewaltsam gestorben ist, wäre es mögloch, dass auch Dobe in Gefahr ist", warf der Philosoph ein.
"Dann hätten sie ihm aber zusammen mit Flow erledigt", meinte Laguna wieder.
"Wohl kaum. Ich habe heute im Vorbeigehen gehört, dass Dobe die letzte Nacht nicht zuhause war. Und... Ja, Donovan hieß der Typ... Er wurde vor einem Jahr zusammen mit seiner Frau ermordet, weil auch sie eine Adeptin war."
Squall dachte an diesen Tag nicht gerne zurück. Es passierte zwei Tage nach Niidas Tod, als er zusammen mit Rinoa und Cifer das alte Goodsworth-Gebäude betreten und dort die halb verwaisten Leichen des Donovan-Paares vorgefunden hatte. Am Tag darauf hatte er Caris und Niko kennengelernt. So viel war passiert, innerhalb dieser einen Woche vor etwa einem Jahr. Langsam kamen all die Erinnerungen hoch, wie all das angefangen hatte. Rinoa war auf einmal verschwunden gewesen. Er hatte sich mit Cifer und Niida zusammengetan. Bald waren sie furchtbaren Menschen begegnet, Situationen, wo er nicht gewusst hatte, ob nicht in wenigen Sekunden alles vorbei war. Squall dachte noch weiter zurück. Und plötzlich in mitten dieser fürchterlichen Zeit, hatte es einen Ruhepol gegeben. Wenige Stunden vor Niidas Tod, hatte Squall mit Laguna am Strand von Dollet gesessen und sie hatten ein entspanntes Gespräch geführt. Es war irgendwie ein beruhigendes und ausgleichendes Gespräch gewesen. Die Abendröte, das Meer, der Wind... Es fühlte sich alles warm an. Irgendwie war damals das Verhältnis zwischen ihm und Laguna nicht so angespannt. Wenige Stunden später hatte sich dann Laguna an Prokylta verkauft und somit, ohne es zu wollen, das Massaker am Waisenhaus mitverschuldet. Was war Schuld? Warum saß Prokylta in ihrer Mitte und tat so, als sei sie ein guter Mensch? Konnte Squall das akzeptieren?
War er schuldlos? Er dachte an seine Zeit als SEED, an seine Angst vor den Menschen, an seine Verletzungen, das Gefühl von Einsamkeit und der dumpfen, ihn so furchtbar prägenden Erfahrung, als ihn Ellione als kleines Kind verlassen hatte. Verlassen, um nach Esthar zurückzukehren, zu seinem Vater. Hatte er Ellione eigentlich je geliebt? Sie waren quasi Geschwister, aber war er verliebt gewesen? Er war damals noch ein Kind gewesen?
Danach wurde er so verschlossen, trat SEED bei, wurde zu einem hervorragenden, aber kalten Kämpfer und konnte durch die G.F.s, den großen Bestias, vergessen. Bis er Rinoa traf und nach und nach seine Geschichte und sein wahrer Charakter sich freilegte?
Und heute? War dieser Vorgang immer noch im Gang? Würden sich noch weitere Zusammenhänge im Laufe der Zeit enthüllen? War dies das Leben, das Erfassen von einzelnen Teilen und das plötzliche Zusammenfügen dieser Elemente? Ist das Leben ein gigantisches Erwachen?
"Hey! Hallo?"
Squall zuckte zusammen, als ihn Lagunas Ruf aus den Tiefen seiner Gedanken zog.
"Du hattest doch nur ein kleines Gläschen. Kaum zu glauben, dass es Leute gibt, die weniger vertragen als ich", murmelte Laguna und sprach dabei mehr mit sich selbst als mit Squall.
"Puh... Tut mir Leid... Wo waren wir gerade?"
"Wir wollten dich fragen, ob unser Vorschlag, den wir während deiner Geistesabwesenheit gebracht haben, Dobes Haus über die Nacht im Auge zu behalten, deine Zustimmung findet."
"Du schaust etwas müde aus. Woran hast du gerade gedacht?", fragte ihn der Philosoph.
"Ich? Ach, nichts weiter... Natürlich. Das ist eine gute Idee."
Kurz nach Mitternacht gingen die letzten Lichter aus. Squall, Laguna und der Philosoph hatten die Stunden davor ein wenig geschlafen, um fit für die freiwillige Nachtwache zu sein. Sie suchten den Arbeitsplatz von Dodonna auf, von dem sie gute Sicht zu Dobes Haus hatten. Dodonna hatte in der vorherigen Nacht von dort aus auch sehen können, wie jemand das Haus betreten hatte. Heute hatte ein alter, borstiger Mann die Nachtschicht für ihn übernommen. Dieser schien sich von den dreien, auch nicht von Präsident Laguna, keine Notiz zu nehmen. Vielleicht hatte er ihn nicht erkannt, dachte sich Laguna. Dann fiel ihm ein...
"Sag mal, Squall... Wer ist dieser Dodonna eigentlich?"
"Wie er ist? Ich finde ihn eigentlich recht..."
"Nein. WER er ist, nicht wie er ist..."
Squall musste lachen.
"Das war der Direktor des Galbadia-Gardens, bevor er von Edea vor sechs Jahren rausgeschmissen wurde."
"Ach stimmt. Jetzt fällt's mir wieder ein."
"Natürlich", grinste Squall.
"Ihr habt wohl alle keine große Meinung von mir", gab Laguna ernst von sich und musste schließlich ebenfalls lachen.
Für kurze Zeit standen alle ruhig jeder bei seinem Fenster und beobachteten vom Turm aus die Gegend um Dobes Haus.
"Unser Philosoph gibt auch kein Wort mehr von sich. Schläfst du schon?", wollte Laguna wissen.
"Ich?... Nein...", meinte der Philosoph in einer hellwachen Stimme.
"Diese Stille ist eigenartig. Erzählt doch was", forderte Laguna seine beiden jüngeren Begleiter auf.
Squall schnaubte.
"Ist doch schon so spät. Wenn man schon mal in so einer ruhigen Nacht wach ist, dann kann man die Zeit auch nutzen, um ein wenig zu meditieren", sagte der Philosoph.
"Du wirst deinem Namen wirklich gerecht. Ich bin eben der mehr spontane Mensch."
"Du bist sehr extrovertiert. Squall ist mehr introvertiert. Wie war seine Mutter?"
Stille. Die Frage kam für Squall und vor allem für Laguna zu überraschend. Der Philosoph zog den Kopf ein, nachdem er gesehen hatte, dass er es mit seiner Neugier zu weit getrieben hatte. Dann blickte er nach draußen und war ewig dankbar, als er unten eine unbekannte Person schleichen sah.
"Da!", flüsterte er.
Squall sah, dass jemand in geduckter Haltung die Treppe nach unten ging.
"Sei leise. Wir müssen dem Typen zuvorkommen", flüsterte Squall.
"Auf'd Fresse wollts'n haun?", zischte plötzlich der ältere Mann, der hier arbeitete, und spuckte auf den Boden.
"Ja, ähm... Gibt's ne Möglichkeit schnell nach unten zu gelangen?"
"Jo."
Der Alte öffnete eine Tür, die zum Balkon führte. Auf diesem befand sich eine Stange, die bis nach unten führte. Squall und die anderen folgten ihm nach draußen.
"Kommt's!", befahl der Mann, spuckte in seine Hände, fasste die Stange und rutschte nach unten.
Squall schätzte die Höhe auf fünfzehn Meter.
"Da müssen wir wohl durch", meinte Laguna, um das Zögern zu beenden.
Der Philosoph nahm das Ende seines Mantels und wischte die Stange ab.
"Bitte nach euch."
Unten angekommen deutete der alte Mann, dass sie ihm folgen sollten. Er rannte zu einer Luke, die sich vor dem großen gewölbten Generatorfeld befand und öffnete sie.
"Do kommt's direkt hinterm Haus vom Dobe raus."
"Gut. Wir müssen los. Der Typ ist schon fast unten", sagte Squall.
"Jo. Zack-zack!", hetzte der Alte und wollte in den Schacht springen, als er von Laguna zurückgehalten wurde.
"Ab hier übernehmen wir. Behalten Sie den Schurken und das Haus im Auge."
Der Alte schaute Laguna schief an.
"Na dann... Am besten, ihr nehmts den Hintereingang, wenn's dem Kerl z'vorkommen wollts."
Laguna nickte und kletterte nach unten. Squall folgte ihm.
"Brauchen wir keinen Schlüssel? Sind die Türen nicht abgeschlossen?", wollte der Philosoph noch wissen, bevor er den anderen folgte.
"Wir in Fisherman's Horizon glauben nicht an Schlüssel."
Ein leises Knarren war zu vernehmen, als die Tür vorsichtig geöffnet wurde. Eine Person mit Kapuze betrat das Haus des Bahnhofvorstehers. Vorsichtig schloss er die Tür und schlich anschließend die Treppe nach oben. Mit jedem Schritt knarrte das Holz unvermeidlich.
Im Schlafzimmer war es ruhig. Entschlossen ging der Spätbesucher auf das Bett zu. Dobe schien tief und fest unter der Decke zu schlafen. Der Kapuzenmann zog sein Messer. Er hielt es über Dobe, die Klinge zeigte nach unten. Dann stieß er einen verstummten Schrei aus und stach mit aller Kraft zu. Er sprang einen Schritt zurück.
"Mistkerl!", brüllte jemand.
Federn flogen durch das dunkle Zimmer. Das Messer war... ohne Blut! Dobe lag nicht im Bett. Bevor er sich umsehen konnte, wurde er von hinten überfallen und zu Boden geworfen. Schnell richtete er sich auf und rannte zur Tür, um die Flucht zu ergreifen. Der Philosoph, der gerade zur Tür rein kam, zog schnell seinen rechten Handschuh aus und machte eine Faust.
Wie durch ein unsichtbares Seil gefesselt, verharrte der Mann für einen Moment in seiner Bewegung. Laguna packte den Arm des Eindringlings und hielt ihn fest. Bevor er sich wieder losreißen konnte, wurde er von Squall erneut überwältigt. Der Mann schnaufte.
"Wolltest dein Werk vollenden, was?!", brüllte Squall den Mann an und drückte ihn nach unten.
Im selben Moment ging das Licht an. Laguna und der Philosoph stellten sich zu Squall, der seinen Gegner fest im Griff hatte, als Dobe den Raum, mit einem Gewehr bewaffnet, betrat.
"Dobe! Ich meine... Wir haben den Mörder gefunden", sagte Laguna hektisch.
Doch Dobe sprach kein Wort, sondern richtete sein Gewehr auf den Mörder. Laguna und der Philosoph machten vorsichtig einen Schritt zur Seite. Squall stand auf und nahm seinen Gegner in den Schwitzkasten. Die Kapuze rutschte nach hinten.
"Sie!?"
Sie erkannten den Mann wieder. Es war der Doktor, der Flow untersucht hatte.
"Hey, hey, hey! Es wurde schon genug Blut vergossen. Lasst uns die Sache friedlich regeln", schlug Laguna hastig vor.
Dobe nahm das Gewehr runter.
"Warum...?"
"Er ist einer von Aomes Trianirea und Flow war...", begann Squall.
"S... L... S... L... Mein Freund! Warum machst du es uns so schwer?", flüsterte der Doktor.
"Halt den Mund!"
"Du verstehst nicht. S... L... Diese Frau war eine Adeptin. Sie musste sterben, das war ihr Schicksal", sprach der Doktor mit einer ruhigen Stimme und lächelte zufrieden.
Aus den Augenwinkeln sah Squall, wie Dobe seine Waffe hochriss. Squall ließ den Doktor los und warf sich reflexartig zur Seite. Dobes Schrotflinte durchsiebte mit einer Handvoll Kugeln den Doktor. Der Doktor fiel regungslos auf den Boden. Seine Brust war voller Blut. Die Wand und die Federn des Kissens waren ebenfalls blutzbespritzt. Auch Dobe hatte etwas abbekommen. Er betrachtete seine befleckten Hände, dann die Leiche und ließ schließlich das Gewehr fallen. Dann schaute er den anderen Anwesenden ins Gesicht. Diese starrten ihn fassungslos an. Dobe, der Pazifist, der Gewalt mehr verachtete, als jeder andere auf dieser Welt...
"Hinaus...", befahl Dobe schließlich mit einer tödlich ruhigen Stimme.
Sie sahen in die verlassenen Augen.
"RAUS HIER!", brüllte Dobe.
Sie setzten sich in Bewegung und ließen den Bürgermeister in der Dunkelheit allein.
"War dieser Brief alles, was er hinterlassen hat?"
"Ich sagte doch, als wir heute Morgen vorbei schauen wollten, da war er bereits verschwunden", erklärte Laguna seinem Gegenüber.
"Schade... Wirklich traurig, dass es so enden musste. Wir haben in zwei Tagen drei wichtige Menschen verloren", seufzte der Beamte.
"Glauben Sie, dass Dobe wiederkommen wird?", fragte Squall.
"Diesem Schreiben nach wahrscheinlich nicht. Ich kenne Dobe gut. Er stand zu seiner Lebenseinstellung... Aber diesmal schien etwas im Spiel gewesen zu sein, das über jede Ideale hinausgeht. Er tut mir Leid. Er wird bestimmt sehr darunter leiden."
Möwen flogen über Fisherman's Horizon hinaus aufs Meer. Es war ein sonniger Tag. Unbewusst starrte jeder nach. In der Zwischenzeit wurde die Leiche des Doktors von Dobes Haus weggetragen. Der Beamte verabschiedete sich. Dodonna kam ihm mit ein paar Leuten entgegen.
"Guten Morgen. Sie wissen es bereits?"
"Ja, ich hab's vorhin gehört. Herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Ernennung, Bürgermeister", antwortete Laguna, als ihm Dodonna gegenüberstand.
"Wissen Sie. Ich bewundere Ihren Mut", begann Dodonna.
Jetzt beginnt das schon wieder, dachte sich Squall.
"Sie sind eigentlich gar nicht das, was man sich unter einem Politiker vorstellt. Sie geben keine Anweisungen, sondern führen alles selbst aus. Sie sind immer dort, wo es gefährlich wird, um alles selbst in die Hand zu nehmen. Im Gegensatz zu Kitisa laufen Sie nicht mit zehn Bodyguards in einem Anzug rum, sondern spielen selbst den Beschützer. Das ist..."
"Schon gut. Freut mich ja, dass das jemand anerkennt, aber die meisten stufen mich gerade aus Gründen, die Sie jetzt genannt haben, als untauglicher Politiker ein", meinte Laguna.
"Sie haben viel erreicht", schloss Dodonna.
Er räusperte sich.
"Wie auch immer. Als erste Amtshandlung als Bürgermeister möchte ich gerne zum Beitrittsvorschlag zustimmen."
"Haben Sie sich das gut überlegt?"
"Dobe, Flow und unser Arzt. All jene, die F.H. am stärksten zusammengehalten haben, sind weg. Wir brauchen nach diesem Schock eine starke Hand, die uns zur Seite steht. Ich möchte aus dieser Stadt etwas machen, aber ich möchte auch nicht das Vertrauen der Bewohner verlieren."
"Ja, das leuchtet ein. Sind es aber nicht auch die normalen Bürger, die gegen den Beitritt sind?"
"Da müssen wir durch. Ich denke, wir haben im Moment andere Sorgen. Wenn wir uns verbünden, dann bekommen wir auch Schutz vor Aomes Trianirea, oder? Laguna, wir bleiben die, die wir sind. Wenn unsere Sichtweise im Cyclus Rat geschätzt wird, werden wir alles tun, um einen Beitrag zur Weltpolitik zu leisten. Wir müssen unser Refugium aufgeben. Vielleicht kann ich etwas von dieser wunderbaren, friedlichen Lehre in die Welt tragen. Eine Welt ohne Krieg."
"Wir tun nach wie vor unser Bestes", versprach Laguna.
Dodonna lächelte zufrieden und wandte sich seinen Leuten zu.
"Ein guter Zeitpunkt, um abzuhauen", meinte Squall.
"Du sagst es", antwortete Laguna.
Beide verließen das Zentrum der Stadt und gingen die Treppe nach oben, die sie zum Ausgang führen sollte. Dodonna rief etwas hinterher.
"Präsident Loire! Ich werde Sie noch wegen des Essens anrufen, wo ich dann offiziell unterschreiben werde." Laguna winkte zustimmend nach unten.
"Da fällt mir ein... Wo ist eigentlich unser komischer Philosoph?"
"Er ist vorhin verschwunden. Vielleicht treffen wir ihn in der Stadt", meinte Squall.
Zed saß gemütlich am reservierten Tisch seiner Lieblingsecke im bekannten Stadtcafé, in dem er fast schon Stammgast war, und schlürfte das Sahnehäubchen von seiner Tasse Kaffee. Er aß noch schnell einen Bissen von seiner Kirschtorte, die in Schokoladensoße schwamm, und knallte dann seinen Aktenkoffer auf den Tisch. Er öffnete ihn, holte ein paar Dokumente raus und setzte sich ein Headset auf, das mit einer eingebauten Funkanlage verbunden war.
"Cecil? Hier spricht Gareth Balmung."
Ein Rauschen und Knattern war zu vernehmen.
"Guten Morgen. Wie ist die Lage?", rauschte Kitisas Stimme aus dem Funkgerät.
"Dodonna wurde heute Morgen Bürgermeister und als erstes ist er dann auch gleich dem Cyclus-Rat beigetreten. Die Sache hat sich erledigt", sagte Zed zufrieden.
"Moment mal. Was haben Sie gemacht, dass von einem Tag auf den anderen Dodonna zum Bürgermeister wird? Ich weiß, er wurde vor drei Jahren zum Vizebürgermeister gewählt, aber was ist mit Dobe? Haben Sie etwas mit dem Mord an seiner Frau zu tun?", fragte Kitisa scharf.
Zed lachte.
"Ich wollte nachhelfen, aber der Mord an Flow und dem Arzt, sowie Dobes Aufbruch kam etwas unerwartet. Die Sekte hatte ihre Finger im Spiel. Sie scheinen wieder aktiv zu werden. Und wie der Zufall es so will, hat sich das sehr zu unseren Gunsten ergeben. So bleiben mir wenigstens ein paar Blutflecken erspart."
Zed nahm eine Serviette und wischte die Schokoladensoße, die auf den Ärmel seines Anzuges getropft war, ab.
"Aomes Trianirea hier, Aomes Trianirea da. Was wollen die jetzt schon wieder? Der Cyclus-Rat hat im Moment die Macht und das soll auch so bleiben", fauchte Kitisa.
"Die Sekte ist meine Angelegenheit. Kümmere du dich vorerst um den Kram, der an die Öffentlichkeit gelangt", antwortete Zed, schaltete das Gerät aus und legte das Headset weg.
Er lehnte sich entspannt zurück und trank einen Schluck Kaffee. Dann zog er aus seinem Aktenkoffer eine Mappe und einen Briefumschlag, beide mit der Aufschrift 'SL', und legte sie vor sich auf den Tisch. Im Umschlag befand sich ein Foto. Er hatte dieses Bild an diesem Morgen in einer fremden Brieftasche gefunden. Sie hatte dem ermordeten Arzt gehört. Zed betrachtete voller Stolz dieses kleine Foto, das wohl der Fang des Tages war.
"So viel Ausstrahlung. Macht. Steht dir gut, Squall."
Dann legte er das Foto zu ein paar Verhörprotokollen in seine SL-Mappe und genoss sein Stückchen Kuchen.
Squall und Laguna landeten nach einem längeren Marsch wieder beim Bahnhof. Die Situation in F.H. begann sich langsam wieder zu beruhigen. Die Sonne stach vom Himmel runter und die Leute verschwanden zum Mittagessen in den Häusern. Der Philosoph war noch immer nicht aufgetaucht. Die Beiden setzten sich in den Schatten, um ein wenig zu rasten. Der kühle Meereswind wirkte wie verzaubert, so erfrischend war er.
"Ich kann verstehen, warum Dobe sich selbst verraten hat. Es ist leicht, sich als Anhänger von bestimmten Prinzipchen zu betrachten, aber sobald so Sachen wie Liebe, Eifersucht und Trauer ins Spiel kommen, dann lässt man sich von diesen intensiven Gefühlen leicht hinreißen", sagte Laguna nach einer Weile.
"Du meinst, Dobe hat den Tod seiner Frau nicht akzeptiert, oder?"
"Nein, hat er nicht... Er liebte das Leben und den Frieden. An dieser Lebenseinstellung hat er sich festgehalten und glaubte wahrscheinlich auch an seinen unbrechbaren Willen. Aber er hatte etwas, an das er sich fester geklammert hatte als an seine Ideologie. Das war Flow. Sie war das Fundament seines Glücks... Lebenswillens... oder was auch immer. Alles andere stützte sich darauf."
"Ich weiß, was du meinst", entgegnete Squall.
Er erinnerte sich an Fibs Worte. Prokylta... Hyne... Volunta... Fest entschlossen verfolgen oder verfolgten sie ihre Machenschaften. Was wäre wohl anders, wenn sie das Glück erfahren hätten, um das sie die anderen Menschen beneideten?
"Ich meine, ich werde niemals Mord gut heißen, aber den Menschen zu verlieren, den man am meisten liebt, das kann einen wirklich brechen. Ich brauchte auch meine Zeit, bis ich mich mit Raines Tod abgefunden hatte..."
Squall schluckte. Irgendwie wollte er Laguna fragen, wie er genau darüber hinweggekommen war, doch etwas hielt ihn zurück. Als hätte Laguna seine Gedanken gelesen, setzte er fort.
"Ich denke, man muss sich stets am Gegenwärtigen festhalten. Niemand kann einem die Liebe des Lebens ersetzen, doch ich habe andere Leute anders geliebt. Nicht nur meine Freunde, sondern auch die, die ich beschützen musste. Ellione... dich."
Squall schluckte ein zweites Mal. Nun kam das Gespräch, das sie seit einen Tag hinauszögerten.
"Jeder findet etwas, an das er sich festhalten kann, wenn man nur mal klar nachdenkt. Aber für viele wird das zur Gewohnheit und sie missen die Dinge erst dann, wenn sie nicht mehr da sind. Wir haben die Angewohnheit, immer zuerst auf das Negative zu blicken. Vielleicht ist es bei vielen nur eine unerfüllte Liebe, wenn der Schmerz stärker ist als die Freude... Von Julias Tod erfuhr ich erst ziemlich spät, weil damals in Esthar kaum Nachrichten aus Galbadia durchgedrungen sind. Es war für mich deprimierend zu wissen, dass beide Frauen, die mir sehr viel bedeutet haben, gestorben sind. Aber alles, was ich von ihnen bekommen habe, besitze ich noch immer. Sie sind Teil meiner Vergangenheit und somit auch meiner Gegenwart."
Squall spürte auf einmal den Impuls, den Mann neben sich in die Arme zu schließen. Dennoch brachte er nur einen Satz raus.
"Glaubst du... Glaubst du, dass Prokylta wirklich Julia ist?"
"Hm... Ich bin mir eigentlich ziemlich sicher, dass es sich bei Prokylta und Julia um denselben Menschen handelt. Aber sie ist nicht mehr dieselbe. Zumindest ist es nicht die Julia, die ich kannte. Aber was bedeutet das schon...?"
Es bedeutet sehr viel, dachte sich Squall. Es bedeutete vielleicht Leben und Tod.
Laguna stand auf.
"Hey, wollen wir nach Winhill gehen?"
"Jetzt!?"
"Ja, sollte kein Problem sein."
"Sollen wir Dodonna und F.H. einfach alleine lassen? Und den Philosophen?"
"Wir haben hier ohnehin nichts mehr verloren. Es gibt da etwas, das du noch sehen solltest, bevor wir uns wieder verabschieden."
Als Squall und Laguna in Winhill ankamen, war bereits die Abenddämmerung angebrochen. Unterwegs hatte ihm Laguna beiläufig in einem Nebensatz erzählt, dass Winhill Squalls Geburtsort war. Die Bar von Raine. Sie hatte ihn alleine ohne Unterstützung auf die Welt gebracht.
Alleine...
Squall wollte insgeheim unbedingt das Haus seiner Geburt besuchen, doch Laguna bestand darauf, ihm zuerst etwas auf den Wiesen von den Hügeln um Winhill zu zeigen, also behielt er sein Anliegen vorerst für sich. Der Weg führte sie an einem Acker und sämtlichen Blumenbeeten vorbei. In Winhill schien es erst recht spät Herbst zu werden, dachte sich Squall, als er die Blumen sah. In der Luft lag ein milder Duft von Heu und Blüten. Die Sonne war schon am Horizont verschwunden. Überall hörte man die Grillen zirpen. Manchmal hörte man auch Laute eines Chocobos und das Quaken der Frösche im Teich. Squall dachte ein wenig über das nach, worüber er mit Laguna vorhin gesprochen hatte. Sich an der Vergangenheit festhalten... Die verzweifelte und vergebliche Suche nach Trost, um der Einsamkeit zu entkommen. Es war falsch, darüber waren sie sich einig. Aber sowohl er, als auch Laguna konnten den Trost und die Zuneigung auch in der Gegenwart erfahren, weil sie eben Menschen hatten, die ihnen nahe standen. Aber wie war es mit Dobe? Vielleicht gab es sonst keinen mehr, der ihm wirklich verbunden war. Welchen Ausweg haben solche Menschen? Bleibt ihnen nur mehr der Schmerz? Wenn er, Squall, niemanden mehr hatte, wie nah würde er an das Böse herankommen, wie ähnlich wäre er Prokylta? Vielleicht hat Dobe das Richtige getan, als er sich entschlossen hatte fort zu gehen. Vielleicht findet er unterwegs etwas, das ihm hilft, seinen Schmerz zu überwinden.
Artemisia... Damals hatte sie es auf Elliones Fähigkeiten abgesehen, Leute für eine kurze Zeit in die Vergangenheit zu schicken. So hatte Squall zum ersten Mal Laguna kennengelernt... Artemisia hattee die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft verbinden wollen. Wozu? Hatte sie etwas Verlorenes wiederbekommen wollen?
Auf der anderen Seite des Ufers vor einem Getreidefeld stand eine Sitzbank. Jemand saß darauf. Jemand bekanntes.
"Das glaube ich einfach nicht", sagte er.
"Ist er uns gefolgt?", fragte Laguna erstaunt.
"Nein, ich denke eher etwas anderem", antwortete Squall und ging dann mit Laguna zur anderen Seite des Ufers.
"So trifft man sich wieder", sagte der Philosoph und lehnte sich entspannt zurück.
Man hörte einen Frosch quaken. Kurz darauf plätscherte es im Wasser.
"Du kannst unmöglich mit dem Zug gefahren sein. Hast du dich in unseren Flieger eingeschlichen?", fragte Laguna und musste schmunzeln.
"Ich habe halt meine Methoden zum Reisen", sagte der Philosoph lächelnd.
Squall setzte sich zu ihm.
"Hey, wenn ihr beide rasten möchtet, dann gehe ich eine Runde alleine spazieren. Ich muss noch über etwas nachdenken", schlug Laguna vor.
Squall und der Philosoph stimmten ihm zu und so ging Laguna alleine weiter. Er spazierte in Richtung Stadt.
"Sag mal, wie kommt es, dass wir uns ständig begegnen und du jedes Mal eine Überraschung parat hast? Wer bist du eigentlich wirklich? Und warum gehst du dann wieder, ohne etwas zu sagen? Nicht so, als würde ich dich verdächtigen, aber trotzdem."
"Reicht es dir nicht zu wissen, dass meine Absichten gut sind?", fragte der Philosoph zurück.
"Du weichst ständig aus. Ich möchte doch nur wissen, woher du kommst."
"Wenn du mal ganz ehrlich bist, Squall, dann musst du zugeben, dass du ständig ausweichst. Warum wechselst du ständig das Thema, wenn ich über Laguna sprechen will?", sagte der Philosoph und rückte seine glaslose Brille zurecht.
Squall seufzte.
"... Ich weiß nicht..."
"Tut mir Leid. Ich war wohl etwas zu aufdringlich. Du musst das alles erst verdauen, nicht wahr?"
Squall stand auf und hockte sich vor dem Ufer nieder. Er nahm einen mit Moos bewachsenen Stein in die Hand.
"Es geht mir nicht so richtig in den Kopf", sagte er und warf den Stein flach in den Teich.
Beim zweiten Aufklatschen versank er im Wasser.
"Laguna war immer ein guter Freund, aber trotzdem standen wir uns nicht wirklich nahe. Und jetzt erfahre ich das... Es wird noch etwas dauern, bis ich mich damit abgefunden habe..."
"Ja, und das ist auch okay so. Akzeptanz benötigt Zeit. Vergiss das nie, Squall."
Dann stand er auf und stellte sich zu Squall. Er warf ebenfalls einen Stein. Dieser sprang in etwa zehn Mal auf der Wasseroberfläche. Der Philosoph lächelte bescheiden.
"Wenn du Schwung holst, dann solltest du deinen Blick auf einen weit entfernten Punkt auf der Wasseroberfläche richten. Du wirfst dann automatisch weiter."
"Danke für den Tipp. Das wird mir sehr weiterhelfen", lachte Squall.
Der Philosoph grinste ebenfalls.
"Wird er auch, das kannst du mir glauben."
Sie trafen Laguna, als sie in die Stadt zurückgehen wollten.
"So, Squall. Damit du diesmal nicht denkst, ich verschwinde ohne etwas zu sagen, möchte ich mich für heute verabschieden", sagte der Philosoph.
"Wir sehen uns also wieder? Wo gehst du in der Zwischenzeit hin?", wollte Squall wissen.
"Mal sehen... Machs gut, Squall. Auf Wiedersehen, Laguna."
Dann machte er sich auf den Weg. Er bog links ab und verschwand hinter dem hohen Feld aus Getreidestängeln. Nachdem sie ihn aus den Augen verloren hatten, marschierten Squall und Laguna eine halbe Stunde durch das Gras, bis Laguna sich endlich zielgerichtet auf ein bestimmtes Plätzchen hinbewegte.
"Das ist es...", sagte Laguna und setzte sich auf die Wiese.
Squall hockte sich nieder und las die Aufschrift.
RAINE LOIRE
Squall entfernte das Unkraut. Dann stand er wieder auf. Es war komisch. Irgendwie erschien ihm dies alles nicht real. Er kannte nun die Wahrheit über seine Eltern. Sie war zum Greifen nah. Sie war hier. Laguna und der Grabstein waren hier. Doch irgendwie fühlte sich Squall nicht so, als wäre er in diesem Moment bei seinen Eltern.
"Ich mag dieses friedliche Plätzchen sehr... Ich war schon oft hier", sagte Laguna.
Squall wusste nicht, was er jetzt sagen sollte.
"Es tut mir Leid, dass ich es dir erst jetzt gesagt habe. Vor allem nachdem du ohnehin schon einen kleinen Schock nach dem Erwachen hinter dir hattest."
"... Es sind nicht nur die Umstände... Irgendwie fällt es mir schwer das alles zu begreifen."
"Lass dir Zeit. Das einzige, was jetzt zählt, sind Adryan und Rinoa. Ich bin ohnehin schon zu alt, um mit dir alles nachholen zu können, was wir verpasst haben. Deine Familie ist jetzt am Wichtigsten. Ich werde dir zur Seite stehen so gut ich kann... Und wenn alles vorbei ist..."
"Ja, das ist schon in Ordnung. Ich glaube nicht, dass gemeinsame Hobbys und Interessen das Problem sind... Wir spielen beide andere Rollen in der Welt. Du warst immer der Politiker, der immer das Beste wollte und uns so gut wie möglich unterstützt hat. Es ist schwer, nach all den Jahren dieses Bild durch ein anderes zu ersetzen", sagte Squall.
"Ich erwarte auch nicht, dass sich schlagartig alles ändert. Ich wollte nur, dass du endlich die Wahrheit weißt. Alles andere ergibt sich im Laufe der Zeit", meinte Laguna und stand auf.
Er und Squall machten sich mit langsamen Schritten wieder auf den Rückweg.
"War es für dich eigentlich ein großer Schock?", fragte Laguna mit einem Lächeln.
Auf Squalls Gesicht war der Ansatz eines Lächelns zu erkennen.
"Ja, schon. Ich hielt dich anfangs für einen Vollidioten. Doch dann begann ich zu verstehen, wieso du all das gemacht hast, was du getan hast."
"Nun, das fasse ich mal als Kompliment auf", lachte Laguna.
Sie gingen weiter.
"Ellione hat mal gesagt, dass du Raine bereits in einem Traum begegnet bist."
"Ja, das war damals, als sie uns mit ihren Fähigkeiten verbunden hat", sagte Squall.
"Sie war ein wunderbarer Mensch. Immer bereit, für andere da zu sein, auch wenn sie es manchmal nicht einfach hatte."
"Ich kann mich leider kaum mehr an den Traum erinnern. Ich wusste vorher nicht, wer sie war..."
Laguna überlegte kurz.
"Ich dachte mir gerade... du könntest Ellione bitten... dich mit ihren Fähigkeiten..."
"Nein. Das will ich nicht. Die Dinge sind nun mal so, wie sie sind... Ich will Elliones Fähigkeiten nicht verwenden, um nach der Vergangenheit zu greifen. Ich habe in der Gegenwart genug, woran ich mich festhalten kann..."
"Du hast Recht... Wenn ich ehrlich bin, ich habe Ellione mal darum gebeten, mich zu Raine zu schicken, aber sie hat dann so was Ähnliches gesagt, wie du eben. Ich hab's dann sein lassen und das war wohl auch besser so."
Winhill lag nur ein paar Minuten entfernt und Squall und Laguna marschierten weiter in Richtung Stadt. Schließlich erreichten sie das Haus, in dem Raine einst gewohnt hatte. Laguna wollte die Tür öffnen, doch sie war verschlossen.
"Wohnt hier jemand drin?", fragte Squall.
"Sieht zumindest nicht baufällig aus."
"Egal. Ich weiß zumindest, wo es steht."
"Ich wüsste nicht, dass Raine hier Verwandte hatte. Vermutlich gehört es jetzt jemand anderem", meinte Laguna.
Dann deutete er auf das Haus nebenan.
"Das hier... Hier wohnten Ellione und ihre Eltern, bevor Mama und Papa verstarben."
"Und in der Villa da drüben wohnten Niida, Skylar, Niko und Xelto... Irgendwie komisch... Wenn es anders gekommen wäre, als es gekommen ist, wären Ellione, die Goodsworths und ich vielleicht gute Freunde gewesen, die zusammen groß geworden wären. Obwohl wir alle in der ganzen Welt verstreut wurden, sind wir uns trotzdem alle begegnet. Leider lief das Treffen mit dem einen oder anderen nicht so rosig ab. Das wäre wohl in Winhill anders gewesen..."
"Möglich. Aber wenn wir alle in Winhill geblieben wären... Du hättest Rinoa nicht kennen gelernt, du hättest deine Freunde nicht kennen gelernt, es hätte keinen gegeben, der der dummen Adell den Arsch versohlt und Esthar den Frieden gebracht hätte... Oh ja, vieles wäre anders und das aber nicht nur im Positiven", sagte Laguna.
"Ja, da ist was dran", stimmte Squall zu.
Wäre Raine nicht gestorben und Laguna nicht nach Esthar gegangen, vielleicht hätte er dann eine glückliche Kindheit geführt. Aber hätte er dann Rinoa getroffen? Wohl kaum... Scheinbar passieren Dinge eben. Man kann in dem Moment, wenn sie passieren, oder wenn man weiß, dass sie passieren werden, behaupten, ob sie gut oder schlecht sind. Aber was sie letztendlich für die Zukunft bedeuten, das kann man nicht wissen. In der Vergangenheit fanden viele großartige, aber auch schreckliche Ereignisse statt. Aber beide trieben die Zeit voran und beide brachten später sowohl unzählige positive, als auch negative Momente hervor. Die Tatsache, dass die Welt jetzt noch steht, ist der Beweis, dass die Geschichte der Menschheit und die Menschen selbst etwas Positives sind, dachte sich Squall.
"Du bist plötzlich so still", sagte Laguna.
"Hab nur nachgedacht."
Dann gingen beide in Richtung Stadtausgang, wo Laguna sein Kleinflugzeug geparkte hatte. Inzwischen war es schon dunkel geworden. Laguna sah, wie sich in der Ferne etwas näherte.
"Oh, dein Taxi scheint auch zu kommen", sagte er und zeigte mit dem Finger auf ein schnelles Auto, dass sich Winhill näherte.
"Woher wussten sie, dass ich hier bin?", fragte Squall skeptisch.
"Hm... Hab Prokylta darüber informiert", antwortete Laguna.
"Ach so."
Squall klang nicht sehr begeistert.
"Dann heißt's wohl Tschüss für eine Weile. Wer weiß, wann sich die nächste Gelegenheit ergibt."
"Ja."
"Die beiden Tage waren sehr interessant, findest du nicht? Wir sollten uns öfter treffen."
"Ja, aber irgendwie bist du für mich immer noch... Laguna", sagte Squall.
"Das ist mir klar. Wir sind doch recht gut immer miteinander ausgekommen, wer weiß, ob sich da überhaupt was ändern soll."
Laguna kratzte sich am Genick.
"Ach, was rede ich... Wir werden schon sehen, was kommt. Wenn du aber mal nicht weiter weißt, du kannst dich immer an mich wenden. Und wenn du die Hilfe nicht von deinem Alten willst, dann kannst du sie ja noch vom Esthar-Präsidenten anfordern. Oder einfach von einem guten Kumpel", lachte Laguna.
"Danke", sagte Squall und sah Laguna in die Augen.
Sie waren voller Wärme. Das Auto hielt in der Zeit an.
"Laguna Loire, stets bereit, wenn es brenzlig wird."
Dann stieg er in sein Flugzeug ein. Bevor er startete, verabschiedete er sich von Squall mit einem Handzeichen. Er ging zum Auto und sah, wie Rinoa ihm entgegenlief. Hinter ihr standen Cifer und Prokylta. Sie winkten Squall zu. Doch Prokyltas Anwesenheit kümmerte ihn im Moment wenig. Die letzten beiden Tage vergingen so schnell und ereignisreich, dass Squall gar nicht bemerkte, wie sehr er Rinoa vermisste. Wie viel war in den zwei Tagen geschehen? Wie viel war in den sechs Monaten geschehen? Wie viel war in den 23 Jahren geschehen? Sehr, sehr viel.
Als Squall im Auto saß, blickte er aus dem Fenster und sah Lagunas Flugzeug, wie es über ihnen flog. Dann beschleunigte es und verschwand schnell am Horizont. Und in diesem Moment wurde Squall klar, dass nach all den Erlebnissen, Erfahrungen und Begegnungen sich die Dinge ab jetzt so entwickeln werden, wie noch nie zuvor.
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