Zuerst gab es das Nichtsein,
dann gab es das Sein,
daraufhin wurde das Nichtsein neidisch auf das Sein,
So entstanden Gut und Böse.
Ein Schwall heißer Luft kam ihr entgegen, als sie die kleine, stickige Bar voller Abschaum betrat. Sie ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. Schließlich fixierte sie einen Gast, der unmittelbar in der Mitte des Raumes saß. Sie betastete leise ihr langes, tödliches Schwert und ging dann auf den Mann zu. Alles stank hier nach Verkommenheit und Betrug. Eine Sängerin vergewaltigte ein Liebeslied auf der Bühne. Das Gegröle der Männer drang in die Ohren der Besucherin wie eine Nadel.
Ich blute. Ich blute seit 5 Monaten, 25 Tage und 32 Minuten. Ich fühle, wie mich alles verlässt, ich fühle den Tod und die Monotonie und die Dunkelheit, die mich umfängt. Hoffnung und Enttäuschung, immer die gleichen Personen, die gleichen Gesichter, die gleiche Welt. Das gleiche Licht, die gleichen Schatten und doch ist alles dunkel. Die Suche nach dem warum und die Suche nach dem wo treibt mich an. Wo bist du? Wo ist mein Kind? Jeden Tag regnet es Blut, das Blut aus meinem Herzen. Ich fühle, als würde die Welt jeden Moment zusammenbrechen und ich in die Erde versinken, wo ich dann stinkend vergehe.
Ich liebe dich mehr als mich.
Sie setzte sich. Der Mann blickte ihr in die Augen, trank einen Schluck seines ekelhaften Gebräus und versuchte schließlich zu lächeln.
"Sie haben sich in den letzten Monaten wirklich kaum verändert, Rinoa", sagte der Mann lächelnd.
"Sie dafür umso mehr, Bob", antwortete Rinoa.
Seine Augen waren mit einer Kruste übersehen, sein Haar stank und in seinem unrasierten Bart befanden sich mehrere kleine Viecher. Dies war also der letzte Mann von Per Manum. Eine seiner beiden Arme fehlte. Squall hatte ihn vor langer Zeit bei einem Zweikampf abgeschlagen. Es war eine Ewigkeit her.
"Ich muss echt dankbar sein, hier zu sitzen. Nicht mehr als ein Zufall, dass ich noch lebe. Hätte ich fünf Minuten später meine Pause gemacht, wärs das gewesen", meinte Bob lächelnd.
Seine Zähne waren gelb. Das Flackern der Fackeln, die überall in dieser Hölle aufgestellt waren, beleuchtete schwach sein Gesicht. Der Schweiß kam aus jeder Hautpore. Bobs Mundgeruch... Sie musste raus.
"Kommen wir zum Geschäftlichen. Ich habe die versprochenen 50.000 Gil dabei und sie hoffentlich den besagten Lacrima", sagte Rinoa kühl.
"Aber sicher doch", lächelte Bob.
Er kramte eine endlos lange Zeit in seiner Tasche herum und packte schließlich etwas auf den Tisch. Es schimmerte sanft.
Rinoa nahm den Lacrima und steckte ihn weg. Sie holte eine Tasche hervor und öffnete sie. Zum Vorschein kamen 50.000 Gil.
"Ah, wunderbar, komm zu Papa", kicherte Bob und wollte seine schmutzigen Hände um die Tasche schlingen.
Rinoa zog sie weg.
"Eins noch! Sie sagten, sie hätten Informationen über den Aufenthaltsort meines Mannes und meines Sohnes!", sagte Rinoa.
Ich sitze hier in dieser Hölle, nur in der einen Hoffnung, euch wiederzufinden, ihr, die mir verloren gegangen seid. Meine Eingeweide drohen, herauszukommen, falls ich die Antwort nicht bekomme. Ich will sterben und alles ins Nichts versinken lassen, ich will, dass meine Teile im Wind verstreut werden, falls ich es nicht finde... euch nicht finde.
"Ja, aber nur was über ihren Kerl, dem ich es zu verdanken habe, dass ich nun nur noch einen Arm habe", sagte Bob und zeigte Rinoa seinen Armstumpf.
"Ich hoffe nicht, dass Sie mich so tief beleidigen wollen und Mitleid erwarten", sagte Rinoa mit einer glitzernden Wut in ihren Augen.
Bob schluckte.
"Ich kann Ihnen nur einen Anhaltspunkt geben, das ist alles, was ich weiß. Er ist in einer Höhle in der Nähe des alten Wüstengefängnisses. Doch ich warne Sie, Rinoa, was Sie dort finden werden, wird Ihnen nicht gefallen", sagte Bob und starrte gierig auf das Geld.
Rinoa gab es ihm, stand auf und machte sich auf dem Weg zum Ausgang. Etwas knackte in ihrem Ohr. Cifer wusste Bescheid. Er war auf dem Weg hierher, er würde sie abholen, sie würden die Suche fortsetzen.
Sie hörte hinter ihm, wie Bob lallte und anfing, das Liebeslied mitzugrölen.
Etwas kam in ihr hoch, ekelhaft, Hände betatschten sie, das Lachen der Kreaturen ohrfeigte sie, drang in sie ein, beschmutzte ihren Körper. Überall lagerte sich der widerliche Dreck ab, überall war sie infzizert, sie konnte nicht atmen, nicht leben...
Geh einfach nur raus...
Ich kann nicht...
Drei Schritte und du hast es geschafft...
Ich will nicht...
Rinoa drehte sich um und sah, wie die Männer aufstanden und sie einkreisten. Die Sängerin hatte aufgehört zu singen. Rinoa pochte das Blut in den Ohren. Ihre Blicke waren gierig, wollten sie verschlingen, besitzen und zerstören.
Schweiß... Gestank... Hass...
Ich will nicht mehr, ich kann nicht mehr...
Sie lachen, sie und die Welt lachen über mich, sie lachen mich aus. Etwas brodelt hoch, ich kann nicht weiter, ich will nicht weiter. Ich will an dir festhalten, doch ich kann nicht, denn sie stören mich. Mein warmes Bild von dir verschwindet und sie kommen... sie, die schwarze Masse, diese gierigen Kreaturen, geboren aus purem Hass und ekelhafter Flüssigkeit...
Rinoa griff nach ihrem Schwert. Menschen stürmten auf sie zu. Sie ließ ihr Schwert durch die Luft wirbeln und drang in alles ein, was ihr zu nahe treten wollte.
Befriedigende rote Flüssigkeit kam ihr entgegen, warmes, reines Blut benetzte ihre Haut. Innerhalb weniger Augenblicke waren alle tot.
Alle bis auf einen.
Bob lag zitternd auf dem Boden. Eine Fackel war auf den Boden gefallen und langsam begann die Bar abzubrennen.
Rinoa schritt auf Bob zu.
"Nicht...", flüsterte er.
Rinoa hob ihr Schwert.
Änderte es etwas? Diese Befriedigung zu haben? Änderte es was?
Bob brüllte unkontrolliert los, Panik in seinen Augen. Rinoa schwang ihr Schwert und trennte Bobs Kopf sauber ab.
Nein, es änderte nichts.
Das Feuer schlug überall um sich. Rinoa verließ die Bar, das Geld verbrannte.
Frische, kühle Luft kam ihr entgegen, als sie durch die Eingangstür getreten war. Sie schloss ihre Augen. Langsam wurden sie wieder feucht, nachdem sie in dieser Hölle vollkommen ausgetrocknet waren. Sie hörte ein gewaltiges Krachen. Die Bar war eingestürzt.
Sie öffnete ihre Augen. Der Himmel war grau, doch an einer Stelle würde bald die Sonne hervorzubrechen.
"RINOA!"
Rinoa drehte sich um. Ein Auto hatte etwas weiter weg geparkt. Cifer stand neben der offenen Fahrertür und wartete auf sie.
"Verflucht, du solltest doch nur den Austausch machen! Was ist los mit dir?", fragte Cifer als sie auf ihn zu schritt.
"Ich kann eben gewisse Arten von Männern nicht ausstehen", entgegnete sie kühl.
Cifer lachte kurz und beide setzten sich ins Auto.
Ein kleiner Gag, ein leichtes Lächeln und jeder ist zufrieden. Niemand würde Fragen stellen.
"Während du da drin warst, hat sich Julia übrigens gemeldet. Sie meint, sie hätte ne gute Spur, die uns zu Squall führen könnte", sagte Cifer.
Rinoa nickte.
"Mal sehen, ob sich das mit meinen Informationen deckt", murmelte sie.
Vielleicht bricht irgendwann wieder ein heller Tag an, irgendwann, wenn die Dunkelheit Vergangenheit war. Vielleicht wird es dann keine Probleme mehr geben.
In ferner Zukunft...
So lange sitze ich hier...
... zwischen Licht und Schatten.
Drei Tage später starrte Squall auf eine unbekannte Holzdecke. Er lag auf einer harten, unbequemen Apparatur. Sie drückte ihm in die Haut. Er hörte ein paar Geräte, die an seinen Beinen befestigt waren. Das Surren war das einzige Geräusch in diesem Zimmer. Und doch befand sich noch jemand anderes in dem Raum.
"Spürst du etwas?", tönte auf einmal Prokyltas Stimme durch den Raum. Squall konnte nicht genau orten, wo sie sich genau befand.
"Einen leichten Druck, sonst nichts", gab Squall knapp zurück.
"Das ist merkwürdig, denn eigentlich ist alles in Ordnung mit dir. Ich hatte gehofft, dass du durch die Energiestöße vielleicht wieder etwas fühlen würdest."
Es war Tag. Von draußen schien irgendwo Sonnenlicht herein. Squall wusste nicht genau, wo er war. Er vermutete, dass er sich irgendwo am Meer befand, denn manchmal konnte er Wellengeräusche hören.
Es war nun zwei Tage her, seit er aufgewacht war. Seitdem hatte er viel geschlafen und kaum etwas mitbekommen. Alles kam und ging, manchmal wachte er auf und Rinoa saß an seinem Bett und sagte irgendwas und einmal war auch Cifer dabei gewesen. Nur eine Person war immer da... Prokylta.
Squall verstand nicht genau, was sie hier machte. Aus irgendeinem ihm unbekanntem Grund schien sie seine Therapie übernommen zu haben.
Es war, als wäre er nicht wirklich auf dieser Welt, als hätte er sein anderes Ich irgendwo zurückgelassen. Squall kam das Zimmer manchmal strahlend hell vor und nur wenige Augenblicke später dachte er, er würde in vollkommener Dunkelheit liegen. Dunkle Bilder tauchten in seinem Kopf auf, wo düstere Gestalten irgendwas mit ihm machten. Dann sah er schreiende Menschen und meinte Feuer zu riechen. Doch dann verschwand auf einmal alles und er befand sich wieder in dem gleichen Zimmer.
"Was ist das hier eigentlich?", fragte Squall und sah weiterhin gezwungenermaßen an die Decke.
"Eine Methode, die es dir ermöglichen sollte, eines Tages wieder laufen zu können. Ich denke, dass es magische Ursachen hat, dass du in diesem Zustand bist", kam Prokyltas Stimme von irgendwo aus diesem Raum.
Squall konnte nicht mehr gehen. Egal, wie sehr er es versucht hatte, es ging einfach nicht. Seine Beine lagen schwer und schlaff da. Seinen Oberkörper konnte er noch bewegen, doch ab einem bestimmten Punkt fühlte er einfach nichts mehr.
"Und warum sollten gerade Sie das Heilmittel kennen, Prokylta?", fragte Squall.
"Weil ich eine Hexe bin und mich mit vielen Sorten von Flüchen auskenne. Und nenn mich bitte Julia! Festhalten!"
Etwas drückte in Squalls Rücken. Die Maschine richtete ihn langsam auf. Er merkte, wie ihm das Blut in die Beine lief. Schließlich saß er und lag nicht mehr. Schwarze Flecken tanzten vor seinen Augen. Er schwitze. Squall versuchte sich zu entspannen. Langsam kehrte das Blut zurück und die Umgebung wurde wieder schärfer.
Er stellte fest, dass er sich in einer Art Stuhl befand, doch an dem Stuhl waren Räder befestigt. Als er runter auf seine Beine blickte, sah Squall ein paar kleine Arme aus Metall, die an seinen Beinen befestigt waren. Ein kleines Quietschen. Die Arme zogen sich zurück. Squall folgte ihnen mit den Augen und stellte fest, dass sie mechanisch bedient wurden. Er blickte hoch und sah eine Frau vor ihm stehen.
Ihr Name war Prokylta. Doch die Frau behauptete, dass ihr richtiger Name Julia Heartilly sei, Rinoas Mutter...
"Wenn schon eine Hexe, wieso nicht Edea? Wo ist sie? Und wo sind Xell, Quistis, Irvine und Selphie?", fragte Squall.
"Die sind beschäftigt", antwortete Prokylta, die Squall prüfend ansah.
"Womit? Und was ist eigentlich passiert? Wo war ich?", fragte Squall, der sich langsam wieder stark genug für die Realität fühlte.
"Wir hatten gehofft, dass du uns das sagen könntest. Aber anscheinend hast du keine Erinnerungen an die letzten sechs Monate. Du warst verschwunden und wir haben dich erst vor ein paar Tagen wiedergefunden", sagte Prokylta.
"Was haben Sie mit mir angestellt, Prokylta? War ich bei der Sekte?", fragte Squall.
"Ich habe nichts mit deinem Verschwinden zu tun. Ich bin nicht mehr bei Aomes Trianirea. Die letzten sechs Monate habe ich damit verbracht dich zu suchen. Und ich bitte dich nochmals von ganzen Herzen, mich Julia zu nennen. Ich bin es und möchte so genannt werden!"
"Sie sehen nicht wie Julia aus", sagte Squall stur.
Prokylta setzte sich ihm gegenüber auf einen Stuhl.
"Ja, das ist richtig. Es gibt eine Erklärung dafür. Wenn du willst, sage ich sie dir", meinte Prokylta.
Squall dachte kurz nach und nickte dann.
"Ich höre", meinte er kühl. Prokylta atmete kurz ein und begann dann.
"Ich wuchs als Vollwaise in einem Waisenhaus auf. Übrigens nicht in Edeas, um Missverständnissen vorzubeugen. Mit der Unterstützung von verschiedenen Personen studierte ich und wurde wegen meiner exzellenten Ergebnisse angesprochen. Ich war ein junges galbadianisches Mädchen und die Diktatur griff langsam um sich. Ich wollte Musik machen, da ich merkte, dass ich sehr kreativ und musikalisch war, doch die Agenten merkten an, dass staatliche Förderung meiner Karriere gewaltig auf die Sprünge helfen könnte. Ich nahm ihr Angebot an. Zuerst erledigte ich den Papierkram, dann wurde ich nach und nach die Karriereleiter nach oben geschoben. Schließlich rekrutierte man mich als Agentin. Ich absolvierte die Ausbildung mit Erfolg und wurde schließlich Spionin. Zuerst in kleineren Aufträgen tätig, wurde ich später mehr und mehr zu einer trainierten Killerin."
"Einfach so. Kann ja jedem passieren", brummte Squall.
"Glaub nicht, dass es einfach war. Ich lebte ein furchtbares Leben. Ich war generell ein sehr sensibler Mensch und jeder Mord hat mich schlimme Qualen ausstehen lassen", sagte Prokylta.
"Warum haben Sie es dann getan?", fragte Squall.
"Weil ich unglücklich war. Ich lernte bereits als Kind Klavier spielen. Die Erwachsenen wurden auf mein Talent früh aufmerksam und die anderen Kinder hörten gerne zu, wenn ich spielte, doch irgendwie war ich immer eine Außenseiterin. Ich war oft depressiv. Als die Regierung kam, hatte ich das Gefühl, etwas Wichtiges zu tun. Irgendwann sprach mich ein Mann namens Ewain Pollendina an und klärte mich über Per Manum auf. Ich stellte mich auch in diese Dienste, da ich da noch mehr bewegen konnte. Ich hatte dieses Machtgefühl, diese Möglichkeit, den Lauf der Geschichte zu ändern", sagte Prokylta.
"Und über die Musikerkarriere sprach wohl keiner mehr", merkte Squall trocken an.
"Ich bewahrte mir meine kreative Seite, auch wenn sie langsam aber sicher starb. Ich begann irgendwann, andere Personen auszubilden und wurde immer tiefer in dieses Grauen hineingezogen. Doch eines Tages passierte etwas in meinem sonst so bedeutungslosen öffentlichen Leben. Ein Mann hatte sich eine alte Aufnahme von mir angehört und wollte, dass ich in seiner Bar auftrete. Ich war hin und weg. Das Gefühl, als ich zum ersten Mal wieder am Klavier saß... überwältigend. Ich merkte, dass ich hier etwas erschaffen konnte. Nicht zerstören, sondern etwas aufbauen. Ich wurde wieder ein positiverer Mensch und schöpfte neuen Mut. Meine Einsätze als Agentin wurden immer schwieriger und ich reduzierte mein Arbeitspensum. Ich spielte in der Bar und lernte täglich neue Menschen kennen und wusste auf einmal, was Leben wirklich bedeutete... und da sah ich ihn..."
Prokyltas Augen wurden verträumt. Squall wusste, dass sie von Laguna sprach.
"Doch leider wurde aus der Nummer nichts. Ich nahm ein Lied auf und heiratete später Major Carway und gebar ihm eine Tochter, Rinoa. Ich entschied mich, dass mir mein Leben wichtiger war... Kurz vor Rinoas fünften Geburtstag wollte ich einen endgültigen Schnitt machen. Es kam zum Streitgespräch mit Ewain...
"Aussteigen?! Du bist verrückt, Julia! Du hast uns so lange gedient und willst aussteigen?!"
Pollendina sah Julia erstaunt an. Auf seinem makellosen blonden Haar erschienen erste graue Strähnen. Sie schielte an ihm vorbei und sah durch das große Fenster hinter Pollendina. Bevor Esthar von einem Tag zum nächsten einfach so verschwunden war, hatte man von hier aus die Residenz sehen können.
Julia Blick fiel wieder auf Pollendina.
"Mein Entschluss steht, Ewain. Ich bin Mutter und Ehefrau und das ist mir wesentlich wichtiger als diese Organisation. Ihr habt mir viel gegeben, doch nun will ich weiter", sagte sie entschlossen.
"Du willst also aufhören und Hausfrau werden?", fragte er spöttisch.
"Sängerin. Eine Plattenfirma will ein Album von mir aufnehmen. Und das wird mein Weg sein", sagte Julia.
Sie sah Ewain an und merkte, dass er begriffen hatte.
"Du warst immer meine Lieblingsagentin. Du warst eine Kampfamazone, tödlich und doch so schön. Aber wenn das deine Entscheidung ist, werde ich dich nicht behindern", sagte er leise.
Sie stand auf und ging zur Tür. Kurz bevor sie den Raum verlassen wollte...
"Julia, du weißt, dass ich dich immer gelie..."
"Ewain, bitte erspare uns das", sagte Julia und verließ das Büro, ohne sich noch einmal umzublicken.
Julia saß in einer Firmenlimousine und fuhr nach Hause. In ihren Gedanken war sie bei ihrem Mann, ihrer Tochter und bei ihrer neuen Villa...
Sie blickte in den Regen hinaus. Bilder aus ihrem früheren Leben zogen vorbei. Das war also ihre Zeit bei Per Manum gewesen...
Kurz dachte sie an Zed... er würde es verstehen, der Junge hatte, trotz seines relativ jungen Alters, eine erstaunliche Reife.
Julias Wagen näherte sich einer Brücke. Auf ihr entdeckte sie eine Person, die am Straßenrand stand. Die Person sah auf den Wagen. Das Gesicht war hinter einer Regenkapuze versteckt. In der Hand hielt er etwas. Etwas, das wie ein Zünder aussah...
Für einen kurzen Moment schien Licht in die Dunkelheit... unter der Kapuze erschien kurz ein Gesicht... sie realisierte, wer diese Person war...
"Zed", flüsterte Julia.
Wie in Zeitlupe sah sie, wie Zed den Knopf drückte. Langsam, ganz langsam, als würde die Zeit still stehen, löste sich das Armaturenbrett und gewaltige Flammen loderten auf. Ganz langsam explodierten die Sprengsätze. Julia hörte nicht einmal den Knall.
Dann ging alles ganz schnell. Alles drehte sich... ihr wurde schlecht. BANG! Schwarz.
Sie schmeckte Blut... ihr Blut. Hitze und Wasser. Julia riss die Augen auf. Feuer... direkt neben ihr. Der Rauch kam ihr in die Augen. Sie war eingeklemmt. Sie würde sterben.
Rinoa, dachte sie... Rinoa...
Das Feuer erreichte sie. Schmerz, den sie noch nie vorher so gespürt hatte, durchdrang ihren Körper.
"Laguna", flüsterte sie...
"...und so starb Julia Heartilly", sagte Prokylta traurig.
Squall sah sie ruhig an. In ihren Augen war gewaltiger Schmerz. Prokylta holte tief Luft.
"Dieser Bastard Pollendina hatte Zed in dem Moment angerufen, als ich aus der Tür war. Ich wurde beerdigt. Ich war tot. Doch ich wollte nicht gehen. Ich schwebte in einer Art Zwischenwelt. All diese Ungerechtigkeit und der Hass auf das unabwendbare Schicksal ließen mich nicht gehen... und dann in dieser Nacht, sprach ER zu mir. Der Schöpfer persönlich, der Gott dieses Planeten, Hyne. Zuerst war es nur eine Idee, eine winzig kleine Idee von einer Revolution. Hyne war eine Idee, ein Gefühl. Ein Gefühl des Widerstandes, ein Widerstand gegen diese Welt, in der alles vorherbestimmt ist.
Er war schwach, doch seine Idee war mächtig. Er gab mir Kraft. Ich besann mich auf meine Hexenkräfte. Im Moment meines Todes hatte ich meine Kräfte an Rinoa vererbt, doch der Schöpfer gab mir viel mehr Kraft.
Ich lebte wieder und befreite mich aus meinem Sarg. Mit ihm in meinen Gedanken, genas ich. Ich gab mir ein neues Aussehen. Ich hatte mein früheres Leben vergessen, nur mein Hass und meine Liebe zu Hyne gaben mir Kraft. Er gab mir den Namen 'Prokylta', die Unbeugsame. Doch nach und nach kehrten die Erinnerungen an Ewain und an meine Tätigkeiten zurück, nicht jedoch an meine Familie. Ich ging zu Per Manum zurück. Ewain staunte nicht schlecht, als eine vollkommen fremde Frau ihm unseren letzten Dialog rezitierte. Ihm wurde klar, dass Julia als Prokylta wieder lebte... na ja, den Rest kennst du ja", schloss Prokylta.
"Ja, nur nicht den Teil, wieso Sie wieder hier sind und Julia genannt werden wollen", kommentierte Squall kühl.
"Im Laufe der Jahre kehrten auch die anderen Erinnerungen wieder. Ich war innerlich zerrissen. Als ich mich mit dem Feuer-Lacrima unterhalten habe, wurde mir schlagartig alles wieder bewusst. Wer ich gewesen war, meine Identität, mein Leben. Ich erkannte, dass auch Hyne mich ausgenutzt hatte und der einzige richtige Weg in der Welt der Weg der Liebe ist. Julia ist wiedergeboren. Sie hat geholfen, dich zu finden, Squall. Ich will alles wiedergutmachen. 'Prokylta' ist die Schöpfung Hynes, doch ich bin Julia", sagte Prokylta.
"Wie rührend, Prokylta", sagte Squall. Prokylta sah ihn merkwürdig an.
"Tut mir leid, aber so punkten Sie bei mir nicht. Ich weiß nur, dass Sie mich fast getötet hätten und meinen Sohn direkt nach seiner Geburt umbringen wollten!"
Squall fühlte sich stark wie nie zuvor.
"Ich wollte ein Monster töten, das hinter Rinoa aufgetaucht war, doch du musstest dich in die Schussbahn schmeißen!", sagte Prokylta und ein Hauch von Verzweiflung schlich sich in ihre Stimme.
"Ich glaube Ihnen trotzdem nicht...", sagte Squall etwas weniger aggressiv. Prokylta schien zu überlegen und kam dann auf Squall zu. Dann beugte sie sich nach vorne und flüsterte etwas in Squalls Ohr.
"Dann beweise es, Süßer!", zischte sie.
Prokylta richtete sich auf.
"Am besten du bleibst hier. Ich bin nachher wieder da, da können wir im Zimmer herumfahren. Bis dahin brauchst du Ruhe", sagte sie wieder ruhig
Prokylta drehte sich um und verließ das Zimmer durch eine Holztür. Ihre Schritte verhallten schnell.
Squall saß alleine in dem Stuhl. Er lauschte den Wellen und dachte über die Geschichte nach. Was wohl seine Freunde gerade machten? Das Licht schien durch ein Fenster und Ritzen in der Wand, doch die Gardinen waren zugezogen und Squall konnte die Vorhänge nicht erreichen.
Er hatte ein merkwürdiges Gefühl. Er fühlte sich irgendwie an seine Kindheit erinnert. Man sah nur das, was man sehen wollte, jede Stufe war ein großes Hindernis und überall thronten die allmächtigen Erwachsenen. Jetzt hatte er ein ähnliches Gefühl. Alles kam ihm so endlos schwer vor. Als gäbe es nur ihn und das Zimmer. Und die Hexe...
Squall ließ seinen Blick schweifen. An der Wand hing ein kleiner Spiegel. Er drehte an den Rädern des Stuhles und fuhr zum Spiegel.
Er sah etwas magerer aus und war, wie üblich, unrasiert. Seine Haare waren offen und nicht wie sonst zu einem Zopf zusammengebunden. Er fand, dass er sehr müde und blass aussah. Vielleicht lag es aber auch nur daran, dass gerade ein Sonnenstrahl auf sein Gesicht schien.
Sein Blick fiel auf die Tür. Prokylta hatte sie nicht vollkommen geschlossen. Vielleicht war es Zeit für eine Revolution.
Squall verließ den Raum und stellte fest, dass er sich in einer Art Flur befand. Das ganze Haus machte den Eindruck, als wäre es erst vor kurzem gebaut worden. Alles sah so unfertig aus. Er fuhr langsam den Flur abwärts. Das Holz knarrte, als er über die Bretter fuhr. Draußen heulte der Wind.
Er kam an einer Reihe von Türen vorbei. Manchmal hörte er Gemurmel aus ihnen und er fragte sich, wo er wohl gerade war. Hoffentlich entdeckte ihn Prokylta nicht, sonst war seine Reise sicherlich sehr schnell wieder zu Ende.
Squall fuhr um eine Ecke. Am anderen Ende des Ganges stand eine Tür weit offen. Dahinter konnte er das Meer erkennen. Licht schien herein. Er fuhr auf die Tür zu. Je näher er ihr kam, desto schneller wurde er. Er wollte raus, an die Luft...
Er verließ das Haus. Wind wehte ihm ins Gesicht. Es war kalt. Vor ihm lag der gewaltige mächtige Ozean. Der Himmel war bewölkt, doch ein paar Sonnenstrahlen schienen durch die Wolken hindurch. Das Haus schien direkt an einer Klippe erbaut worden zu sein. Squall drehte sich um und entdeckte, dass es ein zweistöckiges Holzhaus war und von außen wesentlich größer und stabiler aussah als von innen.
Als Squall nach links sah, entdeckte er eine Brücke...eine Eisenbahnbrücke. Die Brücke reichte ins endlose Meer hinein. Das Ende war nicht zu erkennen. Als Squall die Schienen auf der anderen Seite verfolgte, entdeckte er, dass sie zu einer kleinen Stadt reichten.
Sie lag etwas weg, doch Squall wusste sofort, um welche Stadt es sich handelte.
Balamb.
Und die Brücke musste wohl nach Esthar gehen... ja, es war die Eisenbahnbrücke nach Esthar. Squall fühlte eine enorme Erleichterung. Er wusste, wo er war. Beim näheren Betrachten seiner alten Heimat Balamb, fiel ihm auf, dass die Stadt irgendwie schmutzig aussah.
Ein Pfeifen. Jemand pfiff nach ihm. Squall drehte sich um und sah eine Frau und einen Mann vom Strand hinaufkommen.
"Squall, du kannst schon lau... dich fortbewegen", sagte Rinoa nicht so erfreut, wie Squall es erwartet hätte.
"Hat Julia dich schon so gut hinbekommen?", fragte Cifer.
Squall sah auf den Boden. Cifer vertraute Prokylta...
"Was ist hier nur passiert?", fragte Squall die beiden.
Sie gingen zurück ins Haus und setzten sich in ein Zimmer, der ein wenig wie ein Aufenthaltsraum aussah.
"Erinnerst du dich noch an Hynes Monsterhand? Mutter hatte einen Gegenzauber ausgesprochen, doch die Hand kam immer wieder zurück. Sie trennte unseren Raum von der restlichen Raumstation ab. Cifer, meine Mutter und die Wissenschaftler konnten noch fliehen. Sie zogen mich weg, doch du warst bewusstlos und... unseren Sohn habe ich da gelassen", sagte Rinoa und sah weg.
Squall erkannte, dass sie in den letzten Monaten sehr gelitten hatte.
Nach einem kurzen Moment fuhr Cifer fort.
"Der Raum, na ja, du weißt schon, diese Kapsel, wo Rinoa euer Kind bekommen hatte, drang in die Atmosphäre ein und landete wie durch ein Wunder mehr oder weniger unbeschädigt kurz vor der Küste Balambs im Meer. Als wir euch beide jedoch bergen wollten, war der Raum leer", sagte Cifer.
"Und wie habt ihr mich gefunden?", fragte Squall.
"Julia erzählte uns ihre Geschichte und wollte helfen. Ich war natürlich skeptisch, doch ihre Informationen über die Sekte halfen uns enorm weiter. Letztlich arrangierten wir ein Treffen mit einem der letzten Mitarbeiter Per Manums, diesem Typen namens Bob. Er gab uns einen Hinweis, der uns zu dir führte. Dort... dort fanden wir dich", schloss Cifer schnell.
Squall hatte das Gefühl, dass ihm nicht die ganze Wahrheit erzählt worden war, doch eine andere Frage brannte mehr auf seiner Brust.
"Was ist mit unserem Sohn?", fragte er Rinoa.
"Adryan ist immer noch verschwunden", meinte sie bitter.
"Adryan... Unser Sohn heißt Adryan", flüsterte Squall nach einem Moment.
Rinoa schwieg.
"Julia meint, sie tue alles, um auch ihn zu finden", sagt Cifer.
"Und was ist, wenn Prokylta immer noch...", begann Squall.
"Sie heißt Julia", sagte Rinoa schnell.
"Für mich nicht! Aber sie könnte immer noch auf der Seite der Sekte stehen und alles manipulieren. Diese Frau war der Dreh- und Angelpunkt für Hynes Wiederkehr!", sagte Squall.
"Zuerst war ich ja auch skeptisch, aber ich denke, man kann ihr vertrauen", sagte Cifer.
"Und was ist mit der Oper, Cifer? Sie hätte dich kaltblütig ermordet! Und dich, Rinoa, wollte sie auch umbringen! Habt ihr das alles vergessen? Was mit Niida und Niko? Den ganzen Kindern im Waisenhaus. Die Menschen in der Oper. Die Väter von Thon und Watts. Sind all diese Menschen umsonst gestorben?!", fragte Squall ungläubig.
Cifer wurde unruhig, als würde ihn jemand an eine Stunde aus der ersten Klasse erinnern. Rinoa jedoch sah auf den Boden.
"Ich glaube ihr. Auch wenn ich es anfangs kaum glauben konnte, sie ist meine Mutter. Das fühle ich", sagte sie schließlich.
Squall sah sie an. Rinoa kam ihm so fern vor. Er wollte mir ihr reden, doch es gab immer noch Fragen...
"Und was ist sonst passiert? Was ist mit Hyne?"
"Eigentlich nichts. Seit seiner Flucht aus der DEFTAA hat er nichts von sich hören lassen. Es scheint fast so, als existiere er nicht mehr", sagte Rinoa.
"Sein ältester Trick also", brummte Squall.
"Per Manum ist zerschlagen, Volunta Lovunat tot. Nach dem Untergang des Hauptquartiers ist der gesamte Weltstrom zusammengebrochen. Die Typen waren wirklich tief in unserem System drin. Die Unterorganisationen lösten sich danach wie ein Phantom sehr schnell auf. Insofern ist Per Manum kein großes Problem mehr, nur wir haben immer noch keine stabile Stromversorgung", sagte Rinoa.
"In Esthar konnte man ein paar Quellen reaktivieren, doch eigentlich ist es viel zu wenig für die Welt. Der Hauptgenerator funktioniert immer noch nicht. In Fisherman's Horizon haben die Bewohner dort mit neuen Energiequellen es geschafft, zusätzlich Strom zu produzieren. Die drei Gardens verteilen die Energie nun gleichmäßig an die Städte. Dennoch ist alles sehr heruntergekommen. Aber ansonsten geht das Leben normal weiter. Normaler zumindest als in den Monaten davor. Kein Aomes Trianirea, keine Schwarzen SEEDs, kein Caris. Der Hasenfuß ist immer noch damit beschäftigt, seinen Saustall aufzuräumen. Langsam scheint der Laden wieder zu laufen. Niko hat übrigens überlebt, allerdings ist sein Anblick keine Augenweide. Er arbeitet sogar schon wieder. Hab ihn bisher nur von weitem gesehen. Diese Skylar arbeitet in der 'Timber Maniacs' und ist dort Chefredakteurin, nachdem der alte Chef für seine Pro-Aloin Haltung geflogen ist. Sie versucht sich um die Nachrichtenverbreitung zu kümmern und die Leute über Per Manum und Hyne aufzuklären. Allerdings werden ihre Theorien oft belächelt", sagte Cifer.
"Belächelt?"
"Viele Idioten glauben einfach nicht, dass sie Handlanger einer Weltverschwörung waren. Caris wurde öffentlich für tot erklärt und Aomes Trianirea kannten eh die wenigsten. Also, warum sich noch Sorgen machen? Verdrängen ist deren Methode im Leben. Penner!", meinte Cifer wütend.
"Und was ist das hier?", fragte Squall und deutete auf das Haus.
"Ein kleines Nothauptquartier. Hier treffen sich die SEEDs einmal im Monat und halten eine Konferenz ab, wo wir uns über die neusten Nachrichten austauschen. Ohne die Kommunikationssysteme sind wir nur sehr lose in Kontakt", erklärte Rinoa.
"Und was ist mit der Sekte?", fragte Squall.
"Existiert auf alle Fälle noch und ich denke, dass sie was mit deinem Verschwinden zu tun hat. Allerdings scheint sich auch der gute Xelto verpisst zu haben, weswegen nun das große Rätselraten beginnt, wer der neue Anführer sein könnte. Manche vermuten, Hyne kontrolliert die Sekte persönlich. Aber im Prinzip haben auch sie nicht wirklich etwas gemacht", sagte Cifer.
"Aber hat Prokylta sie nicht gegründet?", fragte Squall.
"Nein, diese Gruppierung existiert bereits zu Zeit der Centra-Gründung. Meine Mutter meint, sie sei eine Untergruppe der Division Per Manum gewesen. Die Mitglieder wurden jedoch nach und nach korrupt und starteten einen wahren Hyne-Kult. Baskarune führte lange Zeit diese Gruppierung an. Nach ihrer Verbannung verschwand die Sekte, bis Prokylta sie wieder ins Leben rief", sagte Rinoa.
Alles wirkte so fremd. Squall fühlte sich fremd. Alles war so verzerrt, so weit weg. Seine Freunde waren verstreut auf dieser Welt. Er dachte an seine letzten Erinnerungen... an ihre Flucht vom Planeten... die gewaltigen Menschenmassen...
"Was ist mit dem Lunar Gate und der Menschenwelle?"
"Wir haben auch nur Berichte gehört, aber anscheinend muss es ziemlich seltsam gewesen sein. Nach unserer Flucht gab es einen heftigen Kampf im Gate. Dann kam jedoch... Xell... auf die wirklich... nette Idee, alle Fähren zu zerstören. Auf einmal haben die Typen ihre Aggressivität verloren und standen merkwürdig in der Gegend rum. Ein paar verschwanden dann einfach, andere wurden ohnmächtig. Wir haben dann ein paar von ihnen befragt, doch jedes Mal die gleiche verdammte Antwort: 'Wo bin ich?' Niemand konnte sich an den Vorfall erinnern und wunderte sich, warum er nicht mehr vorm Fernseher saß", sagte Cifer.
"Wie ich also", sagte Squall.
Er bekam ein ungutes Gefühl. Wo war er bloß gewesen?
Plötzlich stand Cifer auf.
"Ich lass euch dann mal allein", meinte er und verließ den Raum.
Squall sah Rinoa an. Ihre Augen hatten sich irgendwie verändert. Sie wirkten ausgebrannt und müde. Nach einer Weile stand sie auf und ging zu ihm hin.
"Es war alles dunkel, während du weg warst. Ich konnte nicht schlafen, ich konnte nicht denken, alles war schwarz. Es tat mir alles weh, ich war so verletzlich. Hätte ich nicht Mutter und Cifer gehabt... ich denke, ich hätte mich irgendwann umgebracht."
"Und was wäre dann mit unserem Sohn?", fragte er.
Rinoa sah ihn an. Dann schüttelte sie den Kopf.
"Er ist am Leben, das fühle ich!", meinte sie entschlossen.
Squall blickte lange aus dem Fenster. Das gleichmäßige Rauschen der Wellen drang von draußen herein. Durch die grauen Wolken drangen ein paar Sonnenstrahlen.
"Ich hatte einen endlosen Traum. Ich habe... eine Art Vision gehabt", begann Squall.
"Was hast du gesehen?", fragte Rinoa.
"Ich weiß nicht... Farben, Sterne, das Weltall... dann Ärzte, die mich operiert haben... Alphega, den alten Mann... und jemand anderes... er sagte etwas zu mir..."
Das Rauschen der Wellen ebbte langsam ab...
Er trieb auf warmem Wasser dahin... er hörte die Vögel zwitschern und sah das Sonnenlicht durch die Wolken brechen... er sah ein Gesicht. Ein Mann ohne Alter mit einer Brille und traurigen Augen sah ihn an.
"Akzeptanz benötigt Zeit", sagte er.
"Akzeptanz benötigt Zeit", flüsterte Squall.
"Vielleicht sollten wir das Mutter sagen. Ich hatte auch eine Vision. Die hat mich vor einem Jahr dazu bewogen, aus Balamb zu verschwinden. Vielleicht kann uns meine Mutter dabei helfen, diese Visionen zu deuten und..."
Rinoa brach ab. Sie hatte wohl Squalls Gesichtsausdruck bemerkt.
"Sie ist meine Mutter, Squall, sie könnte uns niemals etwas antun. Bitte vertrau ihr", sagte Rinoa ernst.
Bevor Squall etwas entgegnen konnte, kam Cifer zügig in den Raum zurück. Er hatte sein Schwert in der Hand. Es sah leicht abgenutzt aus.
"Sorry, aber da draußen ist jemand. Schleicht ums Haus", flüsterte er.
Rinoa stand auf und zog ihre Klinge. Squall wollte auch sein Schwert ziehen, bis ihm einfiel, dass er nicht mehr kämpfen konnte und auch keine Waffe mehr besaß.
Cifer bedeutete Rinoa, bei Squall zu bleiben und verließ dann leise den Raum. Squall lauschte angestrengt. Er hörte Cifers Schritte verhallen. Das Meer rauschte. Das Holz knarrte. Dann... ein weiteres Paar Schritte. Sie waren hektisch. Sie schienen zu rennen. Cifers Schritte waren ruhig... dann...
Etwas wurde gegen die Wand gewuchtet. Jemand stöhnte. Die Tür ging auf, Cifer kam herein. Im Schwitzkasten hatte er einen Mann gepackt. Cifer wuchtete ihn auf den Stuhl und hielt ihm sein Schwert an den Hals.
"Was hast du hier zu suchen, Freundchen? Wie heißt du, für wen arbeitest du?", fragte Cifer tödlich.
Squall betrachtete den Mann. Es war schwer, sein Alter zu schätzen. Irgendwas um die dreißig. Seine schwarzen Haare wurden langsam grau. Er trug einen schwarzen Mantel und trug eine Brille, die jedoch keine Gläser hatten. Seine Augen waren ängstlich.
"Mein Name ist Philosoph", stotterte der Mann.
Er hatte eine tiefe, wohlklingende Stimme.
"Jetzt kennen wir dein Hobby, nur nicht deinen Namen!", knurrte Cifer drohend.
"Das... das ist mein Name. Man nennt mich 'den Philosophen'", keuchte der Mann.
"Ok, Philosoph, wer schickt dich?", fragte Cifer.
"Niemand, ich komme alleine. Ich bin hier, weil ich helfen will. Ich weiß ein wenig über diese Welt und ihre Funktionsweise", antwortete der Philosoph.
"Oh, ein guter Mensch", spottete Cifer.
"Cifer", begann Squall.
Cifer warf Squall einen Blick zu und machte dann einen Schritt zurück.
"Du willst helfen... wie?", fragte Squall kühl.
"Ich habe mich viel mit diesem Planeten und dem Universum auseinandergesetzt. Ich denke, dass es vielleicht einen Weg gibt, dir das Laufen beizubringen, Squall", sagte der Philosoph und sah Squall tief in die Augen.
Erste Sonnenstrahlen berührten die Häuser von Esthar und eine weitere düstere Nacht ging zu Ende. Nur vereinzelt brannte Licht in der gewaltigen Metropole. Früher waren die Menschen wegen der fortschrittlichen Technik nicht mehr an die Naturgesetze von Tag und Nacht gebunden, jetzt dominierten sie ihr Leben mehr als je zuvor.
Die Residenz, der Sitz von Präsident Laguna Loire, war eine der Plätze, die das Stromprivileg noch genossen.
"... und damit ist es also offiziell. Der Rat Pollendina wird hiermit umbenannt und heißt ab sofort 'Cyclus-Rat'. Der Vorstand kann von nun an von jedem Staat errungen werden. Vorerst werde ich jedoch den Vorsitz über den Rat Poll... äh den Cyclus-Rat weiterhin halten", sagte Cecil Kitisa und setzte sich wieder.
Durch ein riesengroßes Fenster schienen die morgendlichen Sonnenstrahlen herein. Sie beleuchteten die Mitglieder des Rates, die um einen großen langen Tisch saßen. Laguna blickte die Mitglieder an.
"Mh, dann brauchen wir aber wieder neue Sachen", meinte er und betrachtete seine alte Pollendina-Robe mit entsprechender Aufschrift.
Anwesend waren neben Cecil Kitisa, der Dollet-Präsident Bail Organa und die Trabia-Kanzlerin Hella Perseu. Für die SEEDs war Cid Kramer gekommen.
"Laguna, wie sieht es mit der Wiederherstellung des Weltstromes aus? Wir brauchen Energie. Die Kriminalität ist hoch wie nie zuvor und die Städte verkommen langsam. Wenn wir uns von Per Manum erholen wollen, müssen wir endlich wieder agieren können", sagte Organa eindringlich.
"Die SEEDs sind momentan zu sehr damit beschäftigt, Strom von F.H. zu den Städten zu verteilen. Wir können auch kaum SEEDs auf Missionen schicken, da unsere technischen Möglichkeiten eingeschränkt sind", sagte Cid eindringlich.
"Na ja, ich denke, die SEEDs sind nach dem Skandal mit den Schwarzen SEEDs eh nicht mehr vertrauenswürdig", meinte Perseu spitz.
"Also so können Sie das auch nicht sagen. Das Fehlverhalten einiger Personen rechtfertigt nicht die Verurteilung der ganzen Truppe" sagte Kitisa merkwürdig besänftigend.
Laguna erhob sich. Diese ganze sinnlose Streiterei ging ihm auf die Nerven.
"Wir kommen gut voran. Wir haben das Netzwerk von Per Manum entschlüsselt und herausgefunden, dass die das gesamte Stromnetzwerk gebündelt haben. Als das HQ gesprengt wurde, ging auch der Generator verloren. Wir haben nun Esthar als Zentrale erst einmal eingerichtet..."
"Wieso Esthar und nicht jemand anderes?", fragte Perseu scharf.
"Weil wir nun mal am leistungsfähigsten sind. Unser Generator, der sich fast komplett unter Esthar erstreckt, kann mühelos die Welt speisen. Natürlich werden wir das Netzwerk dezentralisieren, sobald alles wieder auf festen Beinen steht. Ich werde selbst morgen nach F.H. reisen, um mich dort für die Unannehmlichkeiten zu entschuldigen und unser alljährliches Aufnahmeangebot zu erneuern, das F.H. ja bekanntermaßen ablehnt", sagte Laguna.
"Und wann könnte all das wieder laufen?", fragte Kitisa.
"Heute schon", sagte Laguna.
Alle sahen sich an und Laguna erkannte, dass sie erfreut waren. Nur Perseu schien bestrebt, die gute Laune zu zerstören.
"Etwas spät, dass du uns das sagst, nicht wahr, Laguna?"
Laguna seufzte unüberhörbar. Anscheinend etwas zu laut, denn alle sahen ihn überrascht an. Kitisa sah empört aus über die Verletzung der Etikette, doch Organa und Cid konnten sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.
Da öffnete sich die Tür. Kiros und Ellione kamen herein.
"Laguna, kommst du mal kurz?", fragte Kiros.
"Also, das geht ja so nicht! Sie können nicht einfach verschwinden. Dies ist eine wichtige Sitzung...", begann Kitisa.
"Ich vertrete ihn solange", sagte Ellione und setzte sich auf Lagunas Platz.
Bevor jemand etwas sagen konnte, hatte Laguna den Raum bereits verlassen.
"Verfluchte Idioten! Sogar in ersten Situationen können diese Typen nur an sich selbst denken!", fluchte Laguna.
"Nicht alle. Es gibt auch ein paar Vernünftige. Aber sieh dir das an", sagte Kiros und trat mit Laguna in einen Kommandoraum ein.
An einer großen Konsole stand Ward und deutete auf ein Diagram.
"Der Generator müsste laufen, doch etwas stört da. Könnte sein, dass da ein Monster ist. Wollte dir das bloß sagen, bevor ich General Biggs informiere, das Ding zu beseitigen", meinte Kiros.
Laguna wollte gerade nicken, doch dann dachte er daran, wieder in diesen Raum zurückzumüssen, um sich mit Kitisa und Perseu auseinanderzusetzen. Da kam ihm eine Idee.
"Warte, Kiros, ich hab ne bessere Idee... wir gehen selbst", sagte Laguna und fühlte, wie sein Herz schneller schlug.
Sie hatten dem seltsamen Mann namens Philosophen etwas zu trinken gegeben. Squall sah ihn ununterbrochen an. Nun, da Cifer dem Mann nicht ständig eine Waffe an den Hals hielt, wurde er etwas ruhiger. Er sah versunken und nachdenklich aus. Squall fragte sich, woran er dachte.
Cifer und Rinoa hatten sich zu Squall gesetzt. Beide waren sehr angespannt.
"Sie wissen also eine Methode, mit der ich wieder Laufen lernen kann?", fragte Squall nach einiger Zeit.
Der Philosoph schreckte hoch.
"Oh bitte, lass dieses Siezen. Ich denke schon, dass ich etwas weiß. Ich glaube, dass dein Unvermögen zu gehen nicht gesundheitliche oder körperliche Gründe hat. Ich denke, da ist ein mächtiger Zauber am Werk. Im Prinzip gibt es kein Gegenmittel, du selbst musst ihn vernichten. Dazu musst du dir jedoch erst bewusst werden, dass es den Zauber gibt", sagte der Philosoph.
"Und wie soll er das machen?", fragte Cifer leicht gereizt.
"Es heißt doch im Allgemeinen, dass sich das Leben in Kreisen oder Spiralen bewegt. Wir kehren immer wieder an bekannte Orte zurück, doch da wir uns verändert haben, sehen wir vieles mit neuen Augen. Diese Orte haben viele Kräfte, die wir nicht verstehen, aber vielleicht können uns gerade diese Kräfte helfen", meinte der Philosoph.
"Ah, jetzt ist mir alles klar", schnaubte Cifer.
"Kannst du es nicht etwas genauer sagen?", fragte Squall leicht ungeduldig.
"Nun, es gibt einen Augenblick in deinem Leben, wo du begonnen hast zu gehen und die Welt zu sehen und zu erforschen. Der Beginn sozusagen, der Anfang von allem", sagte der Philosoph.
"Das Waisenhaus?", fragte Squall.
"Nein... die Feuergrotte. Mit dem Sieg über Ifrit hat alles angefangen. Du hast dich aus der Seifenblase befreit, du hast deine Erinnerungen zurückgewonnen, hast deine Liebe gefunden und hinter die Kulissen deines Lebens geblickt. Ich glaube, dass es nun an der Zeit ist, eine weitere Seifenblase platzen zu lassen. Ich denke, du solltest zur Feuergrotte zurückkehren. Vielleicht findest du dort etwas", meinte der Philosoph.
"Was soll ich denn da finden?", fragte Squall leicht ärgerlich.
"Das frage ich mich auch!"
Squall sah zur Tür. Prokylta war eingetreten und fixierte den Philosophen mit einem harten Blick.
"Ich würde ihm nicht trauen, Squall. Ein wildfremder Mann will dich in eine Höhle voller Gefahren locken und das in deinem Zustand. Du solltest lieber hier bleiben", sagte Prokylta.
Der Philosoph sah auf die Erde. Zu Squalls Überraschung fiel ihm auf, dass der Mann leicht zitterte.
Hatte er etwa Angst vor Prokylta?
"Wer sind Sie?!", fauchte Prokylta ihn an.
"Prokylta!", rief Squall.
Irgendwas störte ihn daran, wenn jemand einen Menschen anmachte, der vor Angst zitterte.
"Sie sind also die Hexe Prokylta, ja? Ich habe viel über Sie gehört. Ich weiß jetzt, was die meinen", sagte der Philosoph ängstlich aber bestimmt.
"Was meinen?", entgegnete Prokylta kühl.
"Dass ihr Herz voller Schmerz und Hass sei", sagte der Philosoph.
"Sie halten sich gut auf dem Laufenden", meinte Prokylta mit einem gefährlichen Lächeln.
"Wissen ist nie das Problem, es zu verstehen, das ist die wahre Kunst", sagte der Philosoph ohne Prokylta anzusehen.
Während Squall den Mann ansah, regte sich etwas in ihm. Irgendwie glaubte er ihm. Dieser Mann misstraute Prokylta. Er fühlte ihre Dunkelheit, so wie Squall sie gefühlt hatte. Irgendwie spürte er ein Bündnis zwischen ihm und diesem vollkommen fremden Mann.
"Ich möchte das mit der Feuergrotte versuchen", sagte Squall.
Prokylta sah ihn verblüfft an.
"Squall, das kann dich das Leben kosten", meinte sie.
"Das hat sie früher nie interessiert", gab Squall kühl zurück.
"Squall", sagte Rinoa eindringlich.
"Ich habe dich immer beschützt", sagte Prokylta ruhig.
Squall sah leicht überrascht zu ihr.
"Außerdem gehe ich nicht alleine", sagte er und sah zu Cifer und Rinoa hinüber.
Cifer sah ihn an. Für einen Moment sah es so aus, als würde Cifer protestieren wollen, doch dann nickte er nur.
"Natürlich komme ich mit. Jemand muss doch da sein, um deinen Arsch zu beschützen", sagte Cifer.
Übelriechende Luft kam Laguna entgegen, als er eine Schleuse im Boden öffnete.
"Igitt, das riecht ja furchtbar", sagte er.
"Beschwer dich nicht, du wolltest doch persönlich gehen", sagte Kiros säuerlich.
"Du hättest ja nicht mitgehen müssen", entgegnete Laguna.
"Und wer haut dich dann aus der Patsche, wenn du wieder die Karte falsch liest?", fragte Kiros.
"Hey, ich lese Karten in letzter Zeit immer richtig", entgegnete Laguna.
"Oh, und was war letztens, als du..."
Ward stampfte auf dem Boden.
"Ward meint, wir sollten da endlich runter", sagte Kiros.
"Sag ich doch", meinte Laguna und setzte seinen Fuß in das dunkle Loch.
Die Schächte, die zu dem Reaktor führten, waren alle schwach beleuchtet. Vor Laguna hing ein Hologramm mit einer Karte des Gebietes.
"Und jetzt rechts und wir müssten... hä?", rief Laguna, als sie auf einmal vor einer Wand standen.
"Das macht... 25 mal, oder 250 mal, dass du dich verlaufen hast?", fragte Kiros spitz.
"Dann navigiere du uns doch", sagte Laguna gereizt und gab ihm das Ding.
Kiros nahm es und führte die Truppe an. Sie kamen wesentlich schneller voran.
"Merkwürdig, dafür dass hier unten Monster sein sollen, ist es erstaunlich ruhig", sagte er.
"Das sind alte Centra-Anlagen. Die waren eigentlich immer versiegelt. Ich frage mich ohnehin, wie hier eines dieser Viecher hineingekommen sein soll", meinte Laguna.
Langsam wurden die heruntergekommenen Wände moderner. Die Gänge wurden immer besser ausgeleuchtet. Sie befanden sich in der Nähe des Reaktors.
"Ich hab mal ne Frage, Laguna. Wieso wolltest du persönlich hier runter?", fragte Kiros plötzlich.
Laguna blieb stehen.
"Ok, Jungs... um ehrlich zu sein, wollte ich einfach mal wieder ein kleines Abenteuer erleben. All diese Bürokraten machen mich langsam fertig", sagte Laguna und fühlte sich auf einmal sehr müde.
Ward sah ihn besorgt an.
"Irgendwie merke ich, wie mich verliere. Heute Morgen hatte ich ein Interview mit Skylar und mir wurde klar, wie ähnlich ich den Typen geworden bin, mit denen ich nie etwas zu tun haben wollte, versteht ihr? Die ganze Sache mit Julia und Aomes Trianirea... das macht mir einfach zu schaffen... und dann, dass ich Squall hintergangen habe, als Julia bei mir in Esthar war", sagte Laguna.
"Dann solltest du einfach aufhören, Präsident zu sein, Laguna. Du bist schließlich du und gehörst niemandem", sagte Kiros knapp.
"Erzähl nicht so ein Quatsch, wer soll denn dann das Amt bekleiden?"
"Frag doch Ell. Sie hat einen starken Geist und arbeitet sowieso schon lange im Geschäft mit, besitzt also Erfahrung. Die Leute würden sie mögen. Zumindest mehr als diesen Idioten von Kesselroth, der dich seit Jahren aus dem Amt drängen will", schlug Kiros vor.
"Ich will Ell da nicht mit reinziehen. Ich..."
"Du kannst deine Kinder nicht ewig beschützen. Weder Squall noch Ellione. Das wusste Raine und das weißt du. Außerdem steht da noch was anderes aus... Squall verdient zu wissen, wer sein Vater ist und wer seine Mutter war", sagte Kiros.
"Ich weiß, ich weiß, aber...", sagte Laguna nervös.
"Aber was? Du drückst dich drum herum, Laguna! Seit sechs Jahren drückst du dich vor dieser einen Sache!", sagte Kiros.
Laguna nickte.
"Ja, ich weiß... ich sag's ihm, versprochen."
Squall, Rinoa, Cifer und der Philosoph waren schnell aufgebrochen. Prokylta war beim Haus geblieben. Bis zuletzt hatte sie versucht, Squall zurückzuhalten.
Die Reise verlief etwas langsamer als sonst, da Squall in seinem Rollstuhl oft zurückfiel. Der Philosoph schob ihn die meiste Zeit, da Rinoa und Cifer damit beschäftigt waren, die sporadisch auftauchenden Monster zu vernichten.
Sie kamen zu den Eisenbahnschienen, die über eine gewaltige Brücke nach Esthar führten. Squall blickte nach rechts und nach links, um sich zu vergewissern, dass sie beim Überqueren nicht von einem Zug überrollt wurden.
"Mach dir nicht die Mühe, Kumpel. Der Zugbetrieb liegt lahm. Und bevor der Strom nicht wieder hergestellt ist, wird sich daran auch nicht viel ändern", sagte Cifer.
Squall fiel fast aus dem Stuhl, als er über die unebenen Gleise geschoben wurde.
"Lasst uns eine kleine Pause machen", schlug Rinoa vor.
Der Vorschlag wurde begeistert angenommen. Squall sah zum großen Meer. Der Himmel riss ein wenig auf und warme Sonnenstrahlen drangen durch die dicke graue Wolkendecke und schienen in Squalls Gesicht. Ein leichter frischer Wind pfiff.
Squall kniff die Augen zusammen, als er am Horizont etwas entdeckte... Etwas Gewaltiges schwamm durch das Meer. Es war ein gigantischer rot gestrichener Bau epischen Ausmaßes. Der Gabladia Garden.
"Hey, da ist Irvine", rief Squall.
"Er fährt vermutlich nach Dollet oder Timber, um Strom von F.H. zu verteilen", erklärte Cifer.
Squall grinste. Dann bemerkte er, wie der Philosoph ihn merkwürdig ansah.
"Wer bist du eigentlich? Wo kommst du her?", fragte Squall.
"Frag mich bitte nicht nach meiner Vergangenheit. Ich will einfach nur verändern und nicht zusehen, wie diese Welt stirbt. Ich habe zuviel gesehen, um nichts zu tun. Ich möchte verändern und mein Wissen weitergeben. Die Welt ist traurig und düster, aber man kann sie verbessern", sagte der Philosoph.
"Aber jetzt ist sie doch wunderschön", entgegnete Squall.
"Für uns und was ich mit anderen Menschen? Wer leidet in diesem Moment? Das ist doch nur ein kleiner Punkt. Irgendwann kommt der nächste Schatten. Ich kann wohl erst wieder genießen, wenn es keine Schatten mehr gibt", sagte der Philosoph.
"Ja, aber ich denke, man muss leben. Wenn man immer nur an die Zukunft denkt, wird man ja kaputt. Man muss auch einfach mal für den Moment leben und die düstere Zukunft vergessen", sagte Squall.
"Dann wird sie dich eines Tages erschlagen", sagte der Philosoph.
Squall dachte kurz nach.
"Hast du eine Freundin oder einen Freund?", fragte Squall.
Zu seiner Überraschung errötete der Philosoph leicht.
"Nein... nein, ich denke kaum, dass es jemand bei mir aushalten würde", sagte er dann schließlich.
"Oh, denk das nicht. Es gibt immer jemanden, der es bei einem aushält", sagte Squall lachend und blickte zu Rinoa.
Zögernd lächelte sie zurück und küsste ihn dann auf einmal zärtlich auf die Lippen. Abrupt stand der Philosoph auf und schritt zügig zum Meer, um anscheinend den Garden zu beobachten.
"Was hat er denn nur?", fragte Squall verwirrt.
"Ich weiß nicht, aber ich denke, er ist sehr einsam", meinte Rinoa nachdenklich.
Das Klima wurde wärmer, als sie sich der Feuergrotte näherten. Zu der Zeit, als der Balamb Garden sich noch in unmittelbarer Umgebung der Grotte befunden und die SEEDs hier ihre Prüfungen abgelegt hatten, hatte es einen Weg gegeben, der direkt zur Grotte führte. Inzwischen war dieser vollkommen zugewachsen. Asche lag auf den Pflanzen und ein stechender Schwefelgeruch kam aus dem großen, düsteren Loch der Höhle.
"Ah, was für entzückende Düfte doch an manchen Stellen dieser Welt zu finden sind", kommentierte Cifer.
"Ja, hier ist es", sagte der Philosoph überflüssigerweise.
Rinoa schluckte.
"Ich hoffe, du tust das Richtige", sagte sie besorgt zu Squall.
Squall nickte abwesend und wollte gerade in die Höhle fahren, als...
"Squall!"
Cifer war auf ihn zugeschritten. In seiner Hand hielt er längliches Päckchen.
"Ich weiß, es nützt dir sicher nicht viel, aber damit kannst du den Viechern noch ein paar Schläge verpassen, falls alle Dämme reißen sollten!", sagte er und packte das Päckchen aus.
In ihr befand sich Squalls Schwert, seine Gunblade!
Squall warf Cifer einen dankbaren Blick zu und nahm die Waffe. Sie wog schwer in seiner Hand.
"Jeder, der eine Waffe braucht, ist schwach", sagte der Philosoph.
"Ja, ich weiß, aber für mich ist es eine Art Symbol. Es ist Teil meiner Vergangenheit und meiner Gegenwart", gab Squall zurück.
"Und deiner Zukunft?", fragte der Philosoph.
"Eines Tages hoffentlich nicht mehr", sagte Squall und lächelte schwach.
Dann blickte er in das schwarze Loch.
"Gehen wir!"
"Langsam könnten wir aber auch ans Ziel kommen" kommentierte Laguna spitz, nachdem sie unter Kiros Führung bereits fünfzehn Minuten unterwegs und immer noch nicht zu etwas Reaktor-ähnlichem gekommen waren.
"Ja ja... irgendwie verstehe ich das nicht, wir sollten doch..."
Kiros drehte das Hologramm etwas hektisch.
"Hat sich da etwa jemand verlaufen?", fragte Laguna in einer unschuldigen Stimme.
Ward gab etwas von sich, das wie ein Seufzen klang.
Die Drei gingen um eine Ecke...
"Zweifelt hier noch jemand an meinen Fähigkeiten?", fragte Kiros mit hochgezogenen Augenbrauen.
Vor ihnen erstreckte sich der Kern des riesengroßen Esthar Stromgenerators. Es war ein riesengroßes, metallisches Achteck. Ein bläuliches Energiefeld vibrierte bläulich. Hier und da flogen Funken.
"Aufpassen, das Ding ist bereits aktiv! Wir könnten also durchaus ein paar geschossen kriegen", sagte Laguna.
"Du hast doch wohl da oben Bescheid gesagt, dass die das Ding herunterfahren, während wir hier arbeiten, oder?", fragte Kiros mit einer düsteren Vorahnung.
"Nun..."
Laguna brach ab. Das Energiefeld des Reaktor flackerte wie eine defekte Glühbirne. Schließlich erlosch es. Eine schwarze zähe Flüssigkeit quoll hervor und ergoss sich auf einer der Plattformen, die netzartig um den Reaktor verteilt waren. Für einen Moment wirkte es wie eine große, hässliche Pfütze, bevor sich das wie von selbst unnatürlich bewegte. Es verfestigte sich langsam, bildete eine Form, verhärtete sich, wurde ein großes, hässliches Monster. Laguna hatte noch nie etwas Derartiges gesehen. Auf seinem Rücken befanden sich gewaltige Hörner und sein Gesicht schien aus einem einzigen großen Maul zu bestehen.
"Das ist wohl die Ursache des Problems", sagte Kiros unnatürlich gelassen.
Laguna holte sein Gewehr heraus, Kiros seine Doppelmesser und Ward seinen gewaltigen Speer.
Sie sprangen auf die Plattform, auf der das Monster gelandet war.
Das Monster fauchte und sprang auf eine andere Plattform. Ward warf seine Lanze. Der Speer durchbohrte das Ungeheuer in der Luft. Es schrie auf und fiel zu Boden. Dann verwandelte es sich in die schwarze Flüssigkeit. Der Speer fiel zu Boden. Die Flüssigkeit sammelte sich daneben und das Monster materialisierte sich, anscheinend vollkommen unverletzt.
"Mh, das wird interessant", sagte Kiros.
Ward sprang dem Monster hinterher, um den Speer holen. Kiros hüpfte auf eine andere Plattform, um das Ungeheuer einzukreisen. Laguna feuerte auf das Biest, um es abzulenken. Fast war Kiros bei der Kreatur und dann würde es nicht mehr entkommen können...
Das Monster sprang auf Laguna zu. Der machte einen Satz nach hinten und landete unsanft. Plötzlich fühlte er einen stechenden Schmerz in seinem Bein.
"Verflucht, ein Beinkrampf!", zischte Laguna.
Laguna massierte schnell sein Bein, in der Hoffnung, der Krampf würde schnell nachlassen. Auf einmal warf der Reaktor einen blauen Blitz, der direkt neben ihm einschlug. Laguna blickte zum Reaktor hoch. War er etwa instabil? Das Monster sprang auf ihn zu und landete mit seinen Klauen auf Lagunas Brust. Er fühlte, wie sein Gewehr ihm entglitt.
Das Monster öffnete sein Maul. Ein ekelhafter Gestank. Irgendwo hörte Laguna die Schreie seiner Freunde. Der miese Atem der Kreatur raubte ihm fast den Atem. Doch dann passierte etwas. Der Atem bildete Worte, eine Stimme ertönte.
"Jetzt wirst du sterben und ihn nie wieder sehen."
Die Stimme war kalt und grausam. Die Stimme erinnerte ihn an jemanden.
"Aloin?", flüsterte er.
Squall bekam kaum Luft und der Schweiß drang aus jeder Körperöffnung. Gewaltige Lavaströme durchzogen die Feuerhöhle. Der Philosoph schob Squall über den unebenen Boden.
"Die Monster machen wohl alle einen Ausflug", sagte Cifer.
"Wie weit müssen wir noch?", keuchte Squall.
"Bis zum Ursprung der Lava, zu Ifrits Ruhestätte", sagte der Philosoph.
Sie drangen weiter in die Höhle ein. Hier hatte Squall seine erste Prüfung bestanden, kurz vor seiner Qualifikation zum SEED nach der Invasion von Dollet... kurz vor seinem Treffen mit Rinoa. Sie bogen um eine Ecke. Am Ende des Weges befand sich ein kleiner Vulkan. Heiße, leuchtende Flüssigkeit drang aus den Tiefen des Planeten an die Oberfläche. Der Ursprung der Lava, die Behausung Ifrits, der Feuerbestia.
"Das war früher aber nicht so! Muss sich wohl neu gebildet haben", sagte Cifer.
Sie waren zu einer Art erhöhten Klippe gekommen. Die Lava hatte ein Stück Weg vernichtet. Vor ihnen lag ein Lavafluss von zehn Meter Breite.
"Und wie kommen wir nun rüber?", fragte Cifer.
Schweiß rann in Squalls Augen. Er konnte kaum noch was erkennen. Irgendwas fühlte sich komisch an, als würde etwas unter ihm wegbrechen. Squall sah hektisch auf den Boden unter ihm.
Der Weg verschwand. Die Lava zerschmolz ihn binnen Sekunden!
"Hilfe!", schrie er.
Seine Begleiter versuchten ihn noch zu halten, doch der Rollstuhl fing erbarmungslos an, die Klippe herabzustürzen. Er versuchte, sich an einem Stein festzuhalten. Seine Hände umschlossen eine kleine Nische. Die Lehne drückte in seinen Rücken. Der Stuhl wollte ihn mitziehen. Squall krallte sich förmlich am Stein fest und hievte sich aus dem Stuhl. Der Rollstuhl fuhr ohne ihn weiter, landete in der Lava und war binnen Sekunden zerschmolzen. Die Nische bröckelte, das Gestin gab nach. Squall schwitzte, wollte festhalten, sich nach oben ziehen. Das Gestein brach ab. Squall rutschte langsam immer näher an die Lava heran. Er war nur noch ein oder zwei Meter von dem Strom entfernt. Wenn doch nur seine Beine sich bewegen würden...
"Komm schon", presste Squall hervor.
Mit den Händen fand er einen neuen Halt. Er starrte auf den beweglichen Strom aus Lava. Alles bewegte sich. Blasen kamen an die Oberfläche und zerplatzten. Irgendwo hörte Squall entfernt Stimmen...
Doch er beobachtete fasziniert die Blasen. Sie schienen in einem Takt an die Oberfläche zu kommen, fast wie Musik...
Alles verschwamm, Schweiß und Tränen kamen ihm ins Auge. Etwas flüsterte in sein Ohr. Bildete er sich das ein oder flüsterte wirklich jemand? Sprach das Feuer zu ihm? Bildete die heiße Luft des Feuers eine Stimme?
"Erwache, Squall, erwache!"
Squall schreckte hoch...er war wieder an die Lava herangerutscht! Hatte jemand gesprochen? Kannte er die Stimme?
"Fib?", flüsterte Squall.
Dann fühlte er sich leicht. Auf einmal schoss eine Erinnerung durch seinen Kopf. Ein Schatten der Vision, die er im Koma gehabt hatte...
"Liebe, Hexen, Zeitkompression. Diese Worte schwirren in deinem Kopf herum und machen keinen Sinn. Du kennst ihre Bedeutung, aber den Zusammenhang kennst du nicht. Doch du wirst ihn bald schon kennenlernen. Wache auf. Wache auf aus deinem Winterschlaf. Suche mich hinter der letzten Grenze und ich werde dir alles erzählen!", sagte Alphega.
"Was bedeutet das...?"
Squall fühlte, wie alles schwarz wurde...
Als er die Augen öffnete, stellte er fest, dass er sich nicht mehr in der Grotte befand. Um ihn herum war alles schwarz. Außer ihm selbst existierte rein gar nichts.
"Na, wieder wach?", fragte eine Stimme.
"Alphega!", rief Squall.
"Endlich treffen wir uns wieder. Unsere zweite wirkliche Begegnung. Bedenke Squall, bei den anderen Malen nach Dollet war es lediglich dein Unterbewusstsein. Obwohl sich die Frage stellt, ob das überhaupt etwas ändert", meinte Alphega.
"Wer bist du?", fragte Squall.
"Ich war Hynes engster Vertrauter und Freund, bis er mich zu einem Monster machte und mich benutzte. Ich bin Alphega, wie er ursprünglich war. Ich komme aus einer anderen Zeit als du, ob aus der Vergangenheit oder Zukunft, das weiß nur das Universum. Squall, ich bin gekommen, um dir zu sagen, dass du aufwachen musst. Du träumst die ganze Zeit, doch du musst aufwachen", sagte Alphega.
"Was heißt das? Was träume ich? Wo bin ich?", fragte Squall.
"Um das herauszufinden, musst du aufwachen! Bist du vielleicht immer noch in der Raumstation, nur für einen Moment erstarrt und dein Kind in den Händen haltend? Oder bist du zu Hause in Balamb und liegst neben Rinoa und all das ist ein Traum, den du träumst? Oder liegst du in der Krankenstation im Balamb Garden, verwundet nach deinem Kampf mit Cifer und schwebst zwischen Leben und Tod, umgeben von Dr. Kadowaki und Direktor Cid und einem Cifer, der sich wünscht, dass du endlich stirbst? Oder bist du gar im Mutterleib und träumst ein mögliches Leben kurz vor deiner Geburt? Du kannst es herausfinden, wenn du endlich aufwachst", sagte Alphega.
"Heißt das, alles war ein Traum und nicht real?", fragte Squall.
"Ich weiß nicht, was real war und was nicht. Doch kamen dir die letzten Tage nicht auch merkwürdig vor? Prokylta soll Rinoas Mutter sein? Cifer, ein Freund von Prokylta? Ein Mann, der sich Philosoph nennt? Du im Rollstuhl? Wie wahrscheinlich ist so etwas?", fragte Alphega und lächelte weise.
Squall nickte.
"Ja, natürlich... wie konnte ich nur so blöd sein. Alles war ein Traum... klar, jetzt sehe ich es", sagte er.
"Komm her, Squall, berühre meine Hand und du wirst aufwachen", sagte Alphega.
Squall trat wie im Trance auf den alten Mann zu. Er hatte seine Hände ausgestreckt. Squall streckte die seinen aus. Gleich würde er die Hände des Mannes ergreifen...
"Akzeptanz ist der erste Schritt zur Veränderung!", sagte Alphega sanft.
Squall sah in Alphegas Augen. Squalls Blick schweifte kurz Alphegas Stirn. Ein Schweißtropfen!
Squall zuckte zurück. Alphega lächelte, doch das Lächeln war falsch. Es war kalt. Squall drehte sich um, doch er sah nur ins Schwarze. Als er sich zurückdrehte, war der alte Mann verschwunden.
"Wo bin ich hier?", rief Squall, doch die Schwärze starrte ausdruckslos zurück.
Dann hörte er ein Kichern. Es war die Stimme Alphegas, doch sie klang anders.
"Na, verlaufen, Squall?", kicherte die Stimme.
"Du bist nicht Alphega!", brüllte Squall.
"Wie wahr, wie wahr, doch immerhin bist du hier und verbrennst gleich draußen, weil du die Welt nicht wahr haben willst!", kicherte die Stimme.
Sie klang nicht nach Alphega... sie klang nach jemand anderem.
"Hyne", sagte Squall.
"Leb wohl, Squall", sagte die Stimme.
Squall fühlte auf einmal Hitze. Das Schwarz färbte sich rot. Er wollte sich bewegen, doch er konnte es nicht. Er musste akzeptieren, sagte er sich.
"Akzeptanz ist der erste Schritt zur Veränderung", sagte jemand.
Squall blickte hoch. Er konnte Fib sehen. Er saß auf einem Stuhl. Eine Erinnerung. Eine Erinnerung an ein Gespräch mit Fib. Vergangenheit.
Dann hörte Squall eine weitere Stimme.
"Akzeptanz benötigt Zeit", sagte sie.
Squall blickte nach oben und sah in dem düsteren Rot einen hellen Punkt. Er ging auf den Punkt zu. Eine Stimme sagte ihm, dass sei unmöglich, er würde im Nichts nach oben gehen, doch Squall merkte, wie der Punkt heller wurde. Sein Herz begann zu schlagen, das Licht leuchtete stark.
Er kehrt aus der Leere in das Leben zurück.
Ein intensives Gefühl ging durch seinen ganzen Körper. Seine Beine, er spürte seine Beine! Squall schlug sie in den Felsen und kam kurz vor der Lava zum stehen. Er kletterte langsam den Felsen herauf. Er sah nach oben. Seine Freunde waren nicht zu sehen. Da auf einmal löste sich ein weiterer Stein und rollte auf Squall zu. Er würde zerquetscht werden. Jetzt hatte ihn Hyne doch erwischt. Squall schloss die Augen...
Er spürte, wie sich etwas hinter ihm aus dem Feuer erhob. Es war ein mächtiges Wesen. Etwas hob ihn in die Lüfte. Squall öffnete die Augen und sah in Ifrits Antlitz. Sein heißer, feuriger Atem schlug Squall ins Gesicht. Ifrit sah ihn nicht an, seine Augen waren auf einen anderen Punkt fixiert. Er sprang über den gewaltigen Lavastrom und setzte Squall auf seiner Insel ab. Ifrit fauchte laut und verschwand in der Lava.
Ein verdutzter Squall blieb auf der Insel zurück. Er stand. Er brauchte eine Weile, bis er begriff, dass er tatsächlich stand. Zwar zitterten seine Beine, doch er stand.
Er blickte sich auf Ifrits Insel um. In der Mitte befand sich das Loch. Feuer und Lava quollen aus ihm heraus. Als Squall sich dem Loch näherte, gab es auf einmal ein gewaltiges Zischen! Das Feuer verschwand. Ein kurzer Lichtblitz! Squall kniff seine Augen zusammen. Als er wieder hinsah, lag dort eine rötliche Kugel.
Squall ging zu der Kugel hin und hob sie auf. Es war der Feuer-Lacrima!
"Fib?", fragte Squall die Kugel.
Sie leuchtete intensiv zurück. Dann auf einmal gab es ein weiteres gewaltiges Zischen. Die Lava fauchte, als hätte man gewaltige Wassermassen auf sie geschüttet. Sie erstarrte und versiegte letztlich. Innerhalb weniger Minuten kühlte der komplette Feuerstrom der Grotte ab und wurde zu Asche.
"Danke Fib", sagte Squall zu dem Artefakt und dachte sich im gleichen Moment, wie lächerlich das aussehen musste.
Er ging über die Asche in Richtung Ausgang.
Der frische Wind kam ihm entgegen und das Licht der Sonne blendete ihn. Er sah die Umrisse des Philosophen und Cifers, die regungslos wie Statuen auf die Wiese vor der Höhle standen. Als sie seine Schritte hörten, blickten sie beide zu ihm rüber. Cifer sah ihn fassungslos an.
"Wie hast du das gemacht?", fragte Cifer.
"Frag mich was leichteres", antwortete Squall und grinste.
"Akzeptanz benötigt Zeit", sagt der Philosoph.
Squall drehte sich um und sah ihn an. Dann fiel es ihm wieder ein.
"Ich habe dich gesehen. In meinem Koma. Du hast diesen Satz zu mir gesagt. Und ich habe dich eben in einer weiteren Vision gehört...", sagte Squall fassungslos.
Der Philosoph lächelte vielsagend und ging dann zum Meer. Etwas weiter weg sah Squall Rinoa auf der Eisenbahnbrücke stehen. Sie hatte ihn nicht gesehen.
Squalls Blick fiel auf den Feuer Lacrima. Er leuchtete intensiv...
"FEUGA!", brüllte Laguna.
Das Monster wich zurück. Kiros und Ward sprangen auf die Plattform und schlugen beide auf das Monster ein. Es verwandelte sich wieder in die schwarze Flüssigkeit.
"Hiergeblieben!" schrie Laguna.
Alle drei feuerten einen Feuga-Zauber auf das Vieh. Die Flüssigkeit fing Feuer. Das Monster kreischte und verbrannte schnell. Nicht einmal Asche blieb von ihm übrig.
Der Generator brummte kurz. Dann auf einmal fing alles an zu leuchten. Dann auf einmal war der ganze Komplex von den verschiedensten Geräuschen erfüllt, als die ganzen Prozesse das erste Mal seit sechs Monaten wieder begannen zu laufen.
"Haha, das läuft ja wie geschmiert!", brüllte Laguna vor Freude.
Sie wurden mit stürmischem Beifall begrüßt, als sie die Kommandozentrale betraten. Laguna fühlte, wie er rot wurde und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Cecil Kitisa und die anderen Mitglieder starrten ihn fassungslos an und auch Hella Perseu musste, offenbar gegen ihren Willen, lächeln.
"Laguna!", rief Ellione plötzlich.
"Was ist?", fragte Laguna gut gelaunt.
"Jemand lädt Daten vom ganzen System runter. Ein wahrer Großangriff. Er hackt sich überall rein!", rief eine Technikerin leicht hysterisch.
"Was ist mit den Sicherheitssystemen?", fragte Laguna hektisch.
"Werden alle überschrieben. Der Typ muss die Zugangscodes kennen!", sagte die Technikerin.
"Neue erstellen!", befahl Laguna ungewöhnlich scharf.
Sie aktivierte ein Notprogramm. Dreißig Sekunden später war alles vorbei. Alle Zugangscodes waren geändert und der Zugriff gestoppt worden.
"Wer war das?", fragte Laguna.
"Wir haben eine Identität", sagte ein anderer Techniker.
Ein Name erschien auf dem Bildschirm.
"SUC? Was soll das heißen?", fragte Kitisa.
"Sandath Unne Caris?", schlug Kiros vor.
In der Zentrale wurde es still.
"Caris ist am Leben? Aber... aber er wurde doch für tot erklärt", sagte Kitisa ängstlich.
"Wir wissen es ja auch nicht genau, aber ich verspreche euch, dass wir genau nachforschen werden. Aber das kann warten...", sagte Laguna.
"Genau, die Sitzung des Pollendina Rates wird fortgesetzt!", sagte Kitisa.
"Cyclus-Rat", korrigierte Cid leise.
"Äh... ja, kommst du, Laguna?", fragte Kitisa.
Laguna blickte zu Kiros und Ward, die ernst zurücksahen. Dann wandte sich Laguna erneut an Ellione.
"Äh, Ell, könntest du vielleicht mich noch einmal kurz...?"
"Klar!", sagte sie kurz und schob die Mitglieder in den Konferenzraum zurück.
Laguna atmete tief durch und ließ sich dann einen Kommunikator geben.
Rinoa sah auf das weite Meer. Sie stand auf der Eisenbahnbrücke nach Esthar. Die Sonne ging langsam unter und tauchte den Abend in rötliches Licht. Sie fühlte sich taub... war Squall wirklich tot? Sie konnte es nicht akzeptieren.
Licht und Schatten...
Das Licht war vergangen und nun bleibt nur noch der Schatten zurück. Alles war vergebens. Bleibt nur noch mein Sohn... ich...
Sie hörte jemanden kommen. Jemand, der sich auf der anderen Seite der Brücke befand. Wer könnte es schon sein, den sie sehen wollte? Niemand von Bedeutung...
Die Person hatte angehalten. Herrje, wer wollte etwas von ihr? Sie hörte etwas kommen. Ein Zug, war der Strom wieder da? Sie drehte sich um und sah einen Zug aus Balamb kommen. Als sie auf die andere Seite blickte, sah sie die betreffende Person. Sie traute ihren Augen nicht.
Squall grinste sie an. Als er nach links blickte, sah er einen Zug aus Esthar kommen. Der Strom war also auch wieder da. Genau wie er selbst, dachte sich Squall.
"Ich verlass dich schon nicht so schnell", grinste Squall.
Rinoa rannte auf ihn zu und auch Squall rannte auf sie zu. Sie trafen sich in der Mitte und küssten sich. Die beiden Züge fuhren gleichzeitig an ihnen vorbei und kapselten sie für ein paar Augenblicke von der Welt ab. Der Wind umspielte sie, während sie sich eng umarmten. Als die Züge vorbeigefahren waren, standen zwei weitere Personen auf der Brücke.
Cifer und der Philosoph sahen den beiden interessiert zu. Cifer sah mit einem sarkastischen Lächeln zu, obwohl es ein wenig so aussah, als wirkte es etwas aufgesetzt. Zu Squalls Überraschung lächelte auch der Philosoph leise.
"Hey, ihr Turtelchocobos ", sagte Cifer.
"Was ist denn?", fragte Squall leicht genervt.
"Wir wollen nach Hause!", sagte Cifer.
"Dann geht doch", rief Rinoa lachend.
Doch sowohl sie als auch Squall verließen schnell die Brücke und machten sich auf den Weg zum Hauptquartier.
Als sie zu dem Haus zurückkehrten, wurden sie bereits erwartet. Prokylta kam mit einem Kommunikator in der Hand auf sie zu.
"Squall, für dich. Laguna will dich dringend sprechen", sagte sie und reichte Squall den Kommunikator.
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