Hoch oben über der pulsierenden Hauptstadt Galbadias Deling City stand ein Mann. Sein gewaltiger schwarzer Mantel wehte im Wind und er machte den Eindruck, als wäre er ein König, der über sein Reich blicken würde. Sein Gesicht zeigte keinerlei Regung. Man könnte meinen, dass er vielleicht über irgendwas nachdachte, doch niemand hätte ahnen können, welch epischer Konflikt in diesem Mann soeben zu Ende gegangen war.
Aloin war endlich gestorben. Als er das gewaltige Panorama gesehen hatte, spürte er dieses Ausmaß von Macht und Größe. In diesem Moment hatte er all das vergessen, was er einst repräsentiert hatte und war in dem Dämon aufgegangen, dessen Werkzeug er gewesen war. Er hieß nun nicht mehr Aloin, es fand auch kein Kampf mehr zwischen Aloin und dem Dämon statt, sondern er war nun ganz und gar Hyne. Für einen kurzen Moment hatte Aloin all das gesehen, was ihm jemals etwas bedeutet hatte. Sein ganzes Leben von seiner Geburt, bis zu dem Moment, wo er endlich das Paket geöffnet hatte, dass ihm die Hexe versprochen hatte. Und als ihm endlich dies alles aufgegangen war, hatte er bemerkt, dass sein Leben ein ganz kleines Nichts gewesen war, dass er vor sechs Monaten erst wirklich begonnen hatte zu leben. Und in diesem Moment war sein Leben zu Ende gegangen. Und das Wesen in ihm entfaltete seine Kräfte vollkommen.
Hyne fühlte die kalte Intensität, das Feuer, dessen Spitzen sein Herz mit Eiskristallen übersähte, in seiner Brust. Er spürte, wie seine innere Stimme, die ihn nun schon so lange quälte, immer ruhiger wurde. Er blickte auf das Hochhaus, in dem die Herrscher dieser Welt noch saßen und ihre Macht genossen. Hyne gab ihnen diesen kleinen Moment der Freude. Er spielte mit dem Gedanken, das Per Manum Hauptquartier gleich hier und jetzt zu vernichten, doch er beherrschte sich. Er hatte so lange gewartet, das bisschen Zeit könnte er auch noch warten. Dann waren die alten Könige vergangen und er würde seinen rechtmäßigen Platz wieder einnehmen. Er fühlte eine Euphorie in sich aufkommen. Aber es löste noch nicht die Emotionen aus, die er spüren wollte, die Kraft, die ihn endlich von seinen quälenden Geistern befreien sollte.
Etwas erregte Hynes Aufmerksamkeit. Ein Mensch, eine Frau, war zu ihm auf das Dach gekommen. Endlich nach all den Jahren würde er seine treueste Dienerin kennenlernen.
Die Frau kniete sich hin und blickte auf den Boden.
"Bitte erhebe dich, meine Tochter. Lass mich dein Gesicht sehen", sagte der Mann, der wie Aloin aussah.
Prokylta stand auf.
"Endlich treffen wir uns. Ich habe mein ganzes Leben lang auf diesen einen Augenblick gewartet", sagte Prokylta.
"Nein, nicht dein ganzes", korrigierte Hyne sie sanft und lächelte.
"Ich habe deine Wut über Rinoas Abkehr gespürt, mein Meister", sagte Prokylta.
"Bitte keine Förmlichkeiten, Prokylta. Du warst schon an meiner Seite, als ich weitaus schwächer als jetzt war. Du brauchst dich mir nicht zu unterwerfen. Unsere Ziele und Wünsche liegen so nahe beieinander, dass zwischen uns eigentlich nur ein Mächteunterschied besteht. Du bist eine der besten Menschen, die es gibt, Prokylta", sagte Hyne.
"Du machst mich zum glücklichsten Menschen der Welt", flüsterte Prokylta.
Hyne lächelte sanft und fuhr dann fort.
"Ja, ich fürchte, dass mich leider Rinoa verlassen hat. Doch warum ihr nachweinen? Sie wird zu mir zurückkehren. Spätestens, wenn wir 'Toromia' beschreiten, wird sie wieder bei mir stehen. Hast du das Schwert bei dir?", fragte Hyne plötzlich.
Prokylta nickte. Unter ihrem Mantel holte sie eine lange Klinge hervor. Es schimmerte gräulich. Hyne nahm es und streichelte es langsam.
"Oh mein Freund, mein alter Freund, endlich sehen wir uns wieder. Das 'Masamune', der Griff meiner alten Klinge", flüsterte Hyne.
"Ich führe den zweiten Teil der heiligen Klinge, das 'Muramasa'. Möchtest du es?", fragte Prokylta.
"Nein, auch wenn es mich sehr lockt, behalte es vorerst. Du wirst es noch brauchen", sagte Hyne.
Prokylta zögerte kurz und nickte dann.
"Oh, endlich bist du da. Ich habe so gehofft, dich zu treffen. In meinen Träumen sah ich uns oft, wie wir zusammen sitzen und Gespräche führen. Doch ich hätte nie gedacht, dass diese Träume die Zukunft zeigen", flüsterte Prokylta.
"Die Träume, die ich zeige, zeigen immer die Zukunft. Auch Rinoa wird dies noch lernen. Du weißt, was du zu tun hast. Wir müssen als nächstes alle Eventualitäten beseitigen. Der Zustand von vor fünf Jahren muss hergestellt werden. Die Adeptinnen müssen sterben. Squall muss sterben. Sein Sohn darf nie geboren werden. Die Geburt von Artemisia ist das Einzige, was zählt. Und jetzt, meine Freundin, geh und setze die Maschinerie in Gang, die zum Ende und zum Anfang führen wird", sagte Hyne leise.
Prokylta nickte und machte Anstalten, sich noch einmal hinzuknien, lies es dann jedoch. Dann verließ sie das Dach so schnell wie sie es betreten hatte. Hätte jemand dem Treffen beigewohnt, hätte er erkennen können, dass Prokyltas leidenschaftlicher Ausdruck in dem Moment verschwunden war, als sie sich von Hyne weg gedreht hatte...
In seinem Quartier betrachtete Sandath Unne Caris nachdenklich sein Spiegelbild, während er sich die Haare kämmte. Er hatte bis eben trainiert und noch kein Hemd an. Sein Oberkörper war übersät von Narben, ein Relikt der vielen Schlachten, die er im Laufe seines Lebens bestanden hatte. Er kannte fast die Geschichte jeder einzelnen Narbe. Ganz besonders konnte er sich an die Gelegenheit erinnern, wo er die Narbe an seinem Bauch bekommen hatte. Das Salzfeld-Massaker. Er fragte sich oft, wieso er alleine überlebt hatte, während all die anderen sterben mussten. Gelegentlich fragte er sich, wie es dem Kind seines toten Kameraden wohl gehen mochte, der damals neben ihm jämmerlich im Salz verreckt war.
"General Caris! Melde, dass die Gesandten von Aomes Trianirea angekommen sind!"
Caris drehte sich um. Ein Bote hatte das Zelt betreten.
"Ich komme", sagte Caris.
Er zog sich ein Hemd an, das die Narben verdeckte und die Vergangenheit aus seinem Kopf verbannte.
Caris verließ das Zelt und betrachtete kurz den fantastischen Ausblick. Er sah auf tausende von Soldaten herunter, die trainierten und sich für den großen Augenblick stählten. Hier, hinter einem Tarnschirm in den Wäldern von Timber, befand sich das Hauptquartier der Schwarzen SEEDs. Vielleicht würde Caris heute endlich die Gelegenheit bekommen, mit einem finalen Schuss Per Manum zu zerstören, um seine Mission zu erfüllen und nach all den Jahren dieses unstillbare Verlangen zu befriedigen. Vielleicht fiel dieses Ereignis auf diesen heutigen Tag. Caris konnte sich kaum vorstellen, dass er vielleicht in 24 Stunden bereits der Herrscher der Welt sein würde.
Er schritt durch das Lager. Alle Soldaten salutierten, während er vorüberging. Aus der Ferne sah er bereits die Delegation der Sekte. Er erkannte sie an ihren bernsteinfarbenen Roben.
"Ich bin General Caris, wo ist Prokylta?"
"Ich bin ihr Stellvertreter."
Ein Junge mit schwarzen Haaren trat hervor. Aus den Augenwinkeln sah Caris zu seinem Erstaunen, dass er eine Gunblade trug.
"Prokylta lässt ausrichten, dass sie nicht kommen kann. Ich bin der Schwarze Prinz, das ist meine Assistentin Lauren...", begann der Junge.
Caris lachte kurz.
"Will sie sich über mich lustig machen? Ich verhandle doch nicht mit einem Kind. Ein Gesandter bist du also, mein Kleiner? Na, das ist aber toll, ich wette, du..."
General Caris verstummte, als Xelto mit einem Finger schnippte. Ein Sektenmitglied trat hervor und öffnete eine Truhe. In ihr befanden sich...
"100.000.000 Gil. Ein kleine Entschuldigung meiner Herrin", sagte Xelto.
"Folgen Sie mir bitte, Herr... Schwarzer Prinz. Fräulein Lauren. Wir bewahren diesen Fibrean Copper im Gefängnistrakt auf", meinte Caris und verbeugte sich.
Caris und Xelto gingen, gefolgt von den Sektenmitgliedern und ein paar Soldaten aus Caris' Einheit, in Richtung Gefängnistrakt.
"Dies ist übrigens ein kleines Geschenk meinerseits", sagte Caris und gab Xelto den Donner Lacrima.
Diesen hatte er von einem Spion der SEEDs bekommen, kurz bevor er Timber hatte aufgeben müssen.
"Prokylta wird das sehr zu schätzen wissen. Ich kann Ihnen versprechen, wir werden alles tun, Sie bei ihren Zielen zu unterstützen. Galbadia wird Ihnen gehören, genauso werden wir dafür sorgen, dass Per Manum wegkommt. Sobald wir Fibrean Copper haben, steht dem eigentlich nichts mehr im Wege", meinte Xelto.
"Sagen Sie, was ist eigentlich so besonders an diesem Copp..."
Caris brach ab. Sie hatten den Gefängnistrakt erreicht. Ein widerlicher Gestank kam ihnen entgegen. Auf dem Boden lagen verkohlte Leichen. Ein Soldat vor Caris Füßen zuckte.
"Was ist passiert?", fragte Caris den Soldaten.
"Ein Mann aus Feuer... Feuer... alles brennt... Tut... mir Leid, General... ich..."
Der Soldat erschlaffte. Caris blickte entsetzt hoch.
"Seht, ob Copper noch am Leben ist. Und kümmert euch um die Leichen", befahl Caris ruhig.
Ein paar Soldaten rannten den Flur herunter.
"Sowas habe ich noch nie gesehen. Sie wurden geradezu geröstet", sagte Caris fassungslos.
"Ich schon. Ich glaube nicht, dass Copper noch da ist", entgegnete Xelto kühl.
"Sie kennen das?", fragte Caris erstaunt.
Xelto sah ruhig an und erwiderte nichts. Bevor Caris nachfragen konnte, kam ein Soldat angerannt.
"Copper ist fort!"
Drei SEED Transporter erreichten den Rand der Timber Wälder. Niko Goodsworth verließ einen von ihnen mit zügigen Schritten. Ein SEED kam ihm entgegen.
"Niko. Hier entlang. Ich denke, wir haben ihn gefunden", sagte der SEED.
Niko betrat den Wald. Mehrere SEEDs standen kreisförmig um einen Körper herum. Sie traten weg, als Niko kam. Ein Mann lag zitternd auf dem Boden.
"Mein Name ist Goodsworth. Sind Sie Fibrean Copper?"
"Ja, der bin ich", antwortete der Mann mit einer klaren Stimme, die nicht zu seinem Zittern passen wollte.
Der Fahrstuhl kam mit einem heftigen Ruck zum Halten.
"Puh, wie oft hab ich denen gesagt, die sollen den Lift reparieren", fluchte Squall, als er im ersten Stock in den Lift einstieg.
"Jede Fahrt wird somit zum kleinen Abenteuer", brummte Cifer mit einem schiefen Lächeln.
Er hatte sich einigermaßen gut erholt und in den letzten Tagen sogar schon wieder etwas trainiert.
"So wird's zumindest nicht langweilig", kommentierte Rinoa und stellte sich zwischen die beiden.
Sie stand nun kurz vor der Entbindung. Bis vor kurzem hatte sie die unteren Klassen unterrichtet, da so viele Ausbilder durch die ständigen Missionen ausfielen, doch in den letzten Tagen wurde sie immer ruhiger und reduzierte alle Aktivitäten auf ein Minimum.
Squall hatte gehofft, die Geburt ihres Sohnes (vor ein paar Tagen hatte er es nicht mehr aushalten können und Kadowaki nach dem Geschlecht gefragt) hätte ruhig stattfinden können, doch nun tauchte Fibrean Copper auf einmal wieder auf. Squall wusste, dass Caris ihn wohl kaum freiwillig hatte gehen lassen und nun vermutlich wieder breiter in die Öffentlichkeit treten würde.
Der Fahrstuhl gab beunruhigende Geräusche von sich, während er sich ins Erdgeschoss schleppte.
"Ist ein Wunder, wenn man mit dem Ding überhaupt ankommt", knurrte Cifer, als die Tür aufging.
Die drei gingen durch die Haupthalle zum Krankenflügel. Squall beobachtete all die Menschen, die das plötzliche Auftauchen von Fibrean nicht im Geringsten interessierte, sondern fröhlich ihre Freizeit genossen. Das Waisenhausmassaker war fast sechs Monate her und verblasste bereits in manchen Erinnerungen. Was die meisten SEEDs anging, war Hyne nur noch ein unscharfes Phantom. Manchmal wünschte sich Squall, er könnte auch so schön die Dinge verdrängen.
Auch der Krankenflügel war umgebaut worden. Nun gab es einen extra Raum für Schwerverletzte. In einem Bett entdeckte Squall Shou, die immer noch im Koma lag. Anscheinend hatte ihr Caris während der Folter eine solch hohe Dosis Nervengift gespritzt, dass es vom Körper nicht mehr abgebaut werden konnte. Kadowaki suchte bereits vergeblich seit Monaten nach einem Gegenmittel.
"Es ist tatsächlich Fibrean Copper, aber er ist kaum ansprechbar", begrüßte Kadowaki die drei.
Sie führte sie in den sterilen weißen Raum mit den Schwerverletzten. In einem Rollstuhl in der Mitte des Raumes saß Fibrean. Er hatte ein Krankenhemd und ein leises Lächeln lag auf seinem Gesicht. Seine Augen jedoch starrten an die Wand, als könne er dort etwas entdecken, was niemand anderes sehen konnte.
"Fib?", fragte Squall unsicher.
"Ja, der bin ich", antwortete Fibrean mit einer fröhlichen Stimme.
"Weißt du, wer ich bin?", fragte Squall leise.
"Nein, tut mir leid. Aber ich bin Fibrean Copper", antwortete Fib mit der gleichen unbeschwerten Stimme.
"Ich bin Squall. Wir sind uns im Zug begegnet. Du warst die Geisel von General Caris", meinte Squall langsam.
"Oh, Squall Leonhart. SEED. Mit 17 die Prüfung zum SEED bestanden", sagte Fib.
"Genau der. Du erinnerst dich?", grinste Squall.
"Nein, tut mir leid, wer sind Sie?", fragte Fib fröhlich.
Squall fühlte ein Stich im Herzen. Hilfesuchend wandte er sich an Kadowaki.
"Gesundheitlich ist er in einem guten Zustand. Seine Gehirnwellen sind jedoch viermal stärker als bei einem normalen Menschen. Sein Gehirn droht quasi ihn zu sprengen", meinte Kadowaki.
"Ist das ein Ergebnis von Caris' Folter?", fragte Cifer.
"General Sandath Unne Caris. Pazifistisches Kind von militanten Eltern. Schickten ihren 14-jährigen Sohn nach Flucht in Umerziehungsanstalt. Bekam das Programm 'Deling Replacement Project' einprogrammiert, Diktatur zu ersetzen, wenn Deling gestürzt. Einziger Überlebender der Säuberungsaktion und des Salzfeld-Massakers", quatschte Fib gut gelaunt.
Squall kam eine Idee. Er hockte sich vor Fib hin.
"Cifer Almasy", sagte Squall.
"Sohn von Graf Trema und Gräfin Loyla Almasy. Beide gestorben bei Per Manum Säuberungsaktion. Cifer aufgewachsen im Waisenhaus bei Edea und Cid Kramer. Liebesbeziehung zu Rinoa Heartilly. Bis heute die einzige Frau, die er liebt. Verfehlte angestrebte SEED-Karriere. Hemmte eigene Entwicklung im Dienste der Hexe... der Hexe ohne Namen", sagte Fib.
"Musste das sein?", grummelte Cifer, der leicht rot geworden war.
"Artemisia", sagte Squall, Cifer ignorierend.
"Kenn ich nicht, aber ich bin Fibrean Copper."
Squall stand auf.
"Er ist eine lebendige Datenbank", stellte Kadowaki fest.
"Ja, aber er ist nicht mehr Fib", sagte Squall leicht gereizt von Kadowakis Kälte.
"Ich habe lediglich eine wissenschaftliche Feststellung gemacht. Ich habe auch noch andere Jobs, zum Beispiel das Serum für Shou, für das ich immer noch die richtige Mischung finden muss. Die Alpha-Sporen verschwinden einfach nicht..."
"Alpha-Sporen müssen nicht weggehen. Mondstein entfernen, dadurch Bindung verhindert. Alpha-Sporen vernichten Rest, begehen biologischen Selbstmord", sagte Fib in einer Singsang Stimme.
Kadowakis Mund klappte auf.
"Ich glaub's nicht... das könnte..."
Squall fühlte auf einmal, wie jemand ihm den Hals zudrückte. Fib war aufgesprungen und drückte ihn zu Boden. Er fauchte wie ein Tier. Squall begann, Sterne zu sehen. Im Hintergrund hörte er seine Freunde wild durcheinander brüllen. Dann auf einmal sah er in den Tiefen von Fibs Augen ein gewaltiges Feuer. Hinter ihm tauchte Kadowaki auf. Sie rammte Fib eine Spritze ins Genick. Das Feuer verschwand, Fib wurde ruhiger. Cifer löste den Griff von Squalls Hals. Er sog die erste frische Luft durch seine Lungen ein. Squall keuchte und stand auf.
"Geh an die Luft", meinte Cifer und schob Squall zur Tür hinaus.
Squall ging schnell durch die Menge. Endlich erreichte er den Schulhof und atmete tief durch. Er sog die Luft ein. Die Sternchen, die er bis eben gesehen hatte, waren verschwunden. Squall blickte sich um. Der Schulhof war verlassen.
Geistesabwesend durchstöberte er seine Taschen, als er auf einmal auf etwas stieß. Ein Zettel. Hatte ihm den jemand zugesteckt? Squall holte ihn heraus. Sein Magen zog sich zusammen.
Auf dem Zettel stand in einer krakeligen Handschrift 'Hilf mir'.
"Merkwürdig, nicht wahr?"
Squall schreckte hoch. Jemand war doch auf dem Schulhof. Es war sein Informant, der Weiße SEED. Squall bekam ein ungutes Gefühl. Sein letzter Hinweis hatte den Tod eines Agenten und fast Squalls eigenen zur Folge gehabt.
"Was ist merkwürdig?", fragte Squall vorsichtig.
"Das mit Fib. Hör zu, ich hasse es, dir immer miese Nachrichten überbringen zu müssen, aber ich muss dich schon wieder warnen. Per Manum mag zwar in der Wahl verloren haben, allerdings sind sie bereits wieder dabei, neue Schritte zu planen. Pass auf Rinoa auf. Sie haben es auf euer Kind abgesehen. Sie..."
"Hör doch auf mit dem Mist!", sagte Squall wütend.
"Was?", fragte der Weiße SEED ungläubig.
"Du bist kein Weißer SEED. Ariana Kane kennt jeden Weißen SEED und jemand wie du ist nicht dabei", sagte Squall.
"Und was ist, wenn sie lügt? Xell hat seinerzeit einen Weißen SEED nach Timber entsandt..."
"Exakt, einen Weißen SEED. Und als wir uns trafen, hast du dich gerade über eine Leiche gebeugt", sagte Squall.
Vor seinem inneren Auge konnte er genau das Bild sehen, wie sie sich das erste Mal getroffen haben. Wieso ist es ihm nie in den Sinn gekommen, dass gerade sein Informant ein Verräter sein könnte? Squalls Hand ging an seine Gunblade.
"Squall, hab ich dich jemals betrogen? Alle meine Informationen waren doch korrekt, oder?", fragte der SEED lächelnd.
"Wer bist du?", fragte Squall drohend.
Der SEED lächelte weiter. Squall spannte alles an. Ihm wurde plötzlich wieder schwindelig. Verflucht, Fibs Angriff war noch nicht vollkommen verwunden.
"Squall!"
Jemand rief seinen Namen. Squall sah kurz über seine Schulter. Rinoa kam auf ihn zu. Squall drehte sich wieder zurück. Es war niemand da. Der Weiße SEED war nirgends zu sehen. Squall nahm seine Hand von seinem Schwert und atmete tief ein. Sein Informant war so schnell verschwunden, als hätte es ihn nie gegeben...
"Das war hervorragende Arbeit, Niko. Die richtige Präzision, kein Truppenverlust, 100%ige Erfüllung der Einsatzziele. Leute wie dich braucht dieser Garden. Ich werde dafür sorgen, dass dir wieder alle Akten der SEEDs offen stehen, sowie dich für eine Beförderung bei unserem geliebten Direktor vorschlagen", sagte Ariana Kane.
Niko sah sie über ihren Schreibtisch aus an.
"Ich danke Ihnen, Frau Kane. Nur leider ist Zed Black immer noch auf freiem Fuß", sagte Niko.
"Das ist doch nur eine pro forma Untersuchung. Deiner persönlichen Karriere sollte das nicht im Weg stehen", meinte Kane.
Niko nickte und erhob sich. Er war bereits an der Tür, als Kane ihn zurückrief.
"Niko, ich möchte dir etwas im Vertrauen sagen. Dir wird sicher aufgefallen sein, dass Xell keine gute Arbeit leistet", sagte Kane mit blitzenden Augen.
"Ich halte ihn für ziemlich inkompetent, ja", antwortete Niko.
"Wie schön, dass wir einer Meinung sind. Offen gesagt, Xell ist im Arsch. Ein Haufen SEEDs ist zu den Feinden übergelaufen. Caris hat vermutlich den größten Schub. Wenn es nach dir gegangen wäre, wäre dieser Mann heute tot. Ich kann dir sagen, Xell ist hier nicht mehr lange Direktor. Ich denke, ich habe gute Aussichten auf diesen Posten. Wenn es soweit kommt, und es wird soweit kommen, dann werde ich dich zum Chefausbilder ernennen. Wir brauchen richtige SEEDs und keine Weicheier, wie Xell sie züchtet", sagte Kane.
"Was ist mit Edea?"
"Was ist eine kleine Hexe gegen die Macht der Zeitungen? Ich habe gute Kontakte zur 'Esthar Moonlight'. Außerdem genießt Edea wegen ihrer Aktion von vor fünf Jahren kein hohes Ansehen. Ich garantiere dir... ich werde Direktorin", meinte Kane selbstsicher.
Niko nickte und lächelte dann.
"Ich freue mich drauf. War das alles?"
Kane nickte. Niko verließ das Büro und schloss die Tür.
Nachdem er eine Weile gegangen war, holte er einen Kommunikator raus. Niko drückte einen Knopf.
"Niko, was gibt's?", kam Xells Stimme aus dem Kommunikator.
"Xell, ich wurde befördert und habe volle Akteneinsicht. Ich werde von diesem neuen Recht Gebrauch machen", sagte Niko herrisch.
"Deswegen rufst du an?", fragte Xell etwas genervt.
"Nein. Xell, wenn ich du wäre, würde ich auf Ariana Kane aufpassen. Es sieht so aus, als würde sie dich, Quistis und Edea gerne rauswerfen. Sie hat mir den Ausbilderposten angeboten", sagte Niko.
"Und hast du angenommen?"
"Sei nicht albern, ich lass mich doch nicht aus der Strategieabteilung wegloben. Es muss wenigstens einen geben, der halbwegs professionell handelt!"
Niko saß alleine im Büro und starrte nun schon seit einer halben Stunde in die Akte mit der Nummer 1354. Sie war stark abgenutzt. Viele hatten bereits Einsicht verlangt. Er selbst hatte oft drin gewühlt. Jetzt hatte er die Ressourcen und die Kraft, den Fall zu lösen.
'Waisenhaus-Morde' war der offizielle Name. Er sah sich die Liste der Opfer an. Etwas abseits von den anderen stand ein Name... Niida Goodsworth.
Niko atmete tief ein. Er hatte die Bilder von den verbrannten Leichen schon sehr oft gesehen. Als er diesen Copper im Wald gefunden hatte, gab es auch Brandspuren, die ihn genau an diese Bilder erinnerten. Gab es einen Zusammenhang? Vielleicht war ja etwas an diesem Mist dran, den dieser Idiot Squall propagierte.
Niko ging zu einem Schrank und holte eine leicht angestaubte Schachtel heraus. Er öffnete sie und nahm einen Brief heraus, der direkt oben lag. Er hatte ihn vor 10 Monaten bekommen. Er kannte jedes Wort auswendig und trotzdem wollte er ihn noch einmal lesen.
Lieber Niko,
ich war über deinen plötzlichen Brief etwas überrascht. Wir haben uns ja Jahre nicht mehr geschrieben. Mir geht es soweit gut. Ich bin immer noch der Pilot des Gardens, auch wenn inzwischen andere ausgebildet wurden, damit sie den Job irgendwann übernehmen können.
In letzter Zeit habe ich eine Jugendliebe von mir entdeckt. Ich abonniere wieder den 'Okkult-Fan'. Na ja, irgendwie bleibt man doch immer jung.
Seitdem ich die Kopplung der G.F.s gelöst habe, kommen die Erinnerungen wieder. Unangenehme Erinnerungen. Ich habe oft schlimme Albträume. Ich denke oft an Xelto. Wie ist es bei dir?
Ich bin zumindest froh, dass wir wieder Kontakt haben.
Das nächste Mal schreibe ich etwas länger, bin bloß ziemlich müde,
Bis bald, Bruderherz,
Dein Niida
Nikos Antwortbrief, nie fertig geschrieben, lag drunter. Er hatte sich oft vorgenommen, ihn zu Ende zu schreiben... bis ihn dann eines Tages die Nachricht erreicht hatte.
Als Niko sich hinsetzen wollte, stieß er aus Versehen die Akte herunter.
"So eine Scheiße!", brüllte Niko.
Papiere waren herausgefallen. Als Niko sie einsammelte, fiel sein Blick auf eine kleine Notiz, die an einer der Blätter angeheftet war. Sie stammte von einem SEED (Jon Halex). Viele SEEDs haben Spuren verfolgt und ihre Ergebnisse in diesen Zetteln festgehalten. Niko las den Zettel.
Auf dem Postamt von Timber wurde von einem Angestellten (Gus) eine Anomalie gemeldet. Mysteriöses Paket konnte von den Scannern nicht erkannt werden. Vorgesetzter Skinner brach Untersuchung ab. Päckchen gesendet an DEFTAA. Maße:...
Niko las die Maße. Die DEFTAA? Merkwürdig. Auf einmal kam Niko ein Gedanke. Er erinnerte sich, wie er damals, als er 14 war, nach Xeltos Tod zum Flussufer gerannt war. Dort hatte er ein schlammiges Objekt im Wasser gesehen. Waren es die gleichen Maße? Es könnte hinkommen...
Blödsinn, sagte sich Niko. Das ist doch vollkommener Mist. Weit hergeholt. Doch...
"Xell, ich will mir ein bis zwei Tage Urlaub nehmen", sagte Niko in seinen Kommunikator.
"Äh, Niko, das ist jetzt gerade schlecht, weil..."
"Ich nehme Urlaub, wann es mir passt. Und befördere Jon Halex", sagte Niko befehlend.
"Das würde ich ja sehr gerne, aber er ist tot. Gefallen bei der Timber-Invasion. Du kennst doch die Namen, du warst doch auf den Begräbnissen", sagte Xell leise.
"Ich bin in zwei Tagen wieder da", sagte Niko brüsk und schaltete den Kommunikator ab.
Squall saß Fib gegenüber und starrte ihm in die Augen. Rinoa, Cifer und Kadowaki haben alle protestiert, dass Squall Fib so schnell wiedersehen sollte, doch Squall hatte drauf bestanden.
Er war alleine im Zimmer mit Fib. Zwar standen die anderen vor der Tür, doch Squall hatte das Gefühl, er könne besser Vertrauen zu Fib aufbauen, wenn sie alleine waren.
Fibs Augen waren, abgesehen von einem leichten Glänzen, leer. Squall konnte in den Tiefen der Augen nicht die geringste Spur des Feuers sehen, das noch vor kurzem in ihnen gewütet hatte.
"Fib, ich möchte dir helfen", sagte Squall und hielt den kleinen Zettel hoch.
"Fib? Das bin ich", entgegnete Fib lachend.
"Ich weiß nur nicht, wie? Fib, sag mir, wie ich dir helfen kann", fragte Squall leicht verzweifelt.
Fib blieb stumm. Sein totes Lächeln umspielte nach wie vor sein Gesicht. Squall dachte nach. Wie konnte er nur an diesem Mann herankommen?
In seinem Kopf schwirrten Bruchstücke von Ideen herum. Allerdings konnte er keine von ihnen wirklich fassen, da er ständig halb erwartete, dass ihn Fib jeden Moment wieder ansprang.
Abwesend sah Squall in den angrenzenden Raum. Dort hatte der falsche Cifer gelegen, als Xell ihn aus Teneralem geborgen hatte. Teneralem... die unterirdische Bibliothek... die Schriften...
"Fib, wo arbeitest du?"
"Ich hatte viele Arbeiten. Ich war Mitglied von Zebargas dritter Division, die 'Per Manum'. Ich war Mitglied von Baskarunes 'Walpurgisrittern'. Ich..."
"Wo arbeitest du momentan?"
"Ich arbeite im Statistikinstitut von Galbadia, dem SIG", sagte Fib.
Diese Information stimmte, dachte sich Squall.
"Fib, wie alt bist du?"
"Über tausend Jahre alt", antwortete Fib, als wäre es das Normalste auf der Welt.
Squall nickte langsam. Er versuchte, sich seine Überraschung nicht anmerken zu lassen. War Fib überhaupt ein Mensch? War dies überhaupt der echte Fib? Vielleicht war es ja auch ein Doppelgänger, wie der Cifer-Klon.
"Was bist du, Fib?", fragte Squall.
Fib öffnete und schloss mehrmals den Mund, bevor er langsam stotternd weitersprach.
"Ich... ich bin...... ich bin..."
Komm schon, dachte sich Squall.
"... Fibrean Copper", schloss Fib fröhlich.
Squall senkte enttäuscht seinen Kopf. Es könnte Jahre dauern, ehe sie etwas aus Fib herausbekämen.
"Es gibt viele Schwarztöne, weißt du. Dunkelschwarz, Hellschwarz, Braunschwarz, Ockerschwarz, Gelbschwarz, Violettschwarz, Grünschwarz...", sagte Fib leidenschaftlich.
"Ja, Fib, ich weiß, wie viele Schwarztöne es gibt", meinte Squall traurig.
"... Grauschwarz. Grauschwarz kommt!", sagte Fib auf einmal sehr ängstlich klingend.
Squall wollte gerade fragen, was er damit meinte, als auf einmal die Tür mit einem lauten Quietschen aufgerissen wurde und die ruhige Atmosphäre störte. Ariana Kane betrat mit klappernen Absätzen den Raum.
"Leonhart, ich muss Sie bitten, den Raum zu verlassen", sagte Kane mit einer ekelhaft offiziell klingenden Stimme.
"Was ist denn los?", fragte Squall.
"Soeben wurde der neue 3O2 genehmigt. In ihm ist festgelegt, dass nur SEEDs Zugang zu Copper haben. Und solange Sie mir keine Dienstnummer nennen können, werde ich Ihren Aufenthalt in diesem Raum nicht tolerieren", sagte Kane.
Squall wollte am liebsten auf Kanes leicht rötlich bebenden Nasenflügel einschlagen. Er schluckte seine Wut herunter und machte Anstalten den Raum zu verlassen. Plötzlich packte ihn jemand an der Hand. Squall drehte sich um. Fib klammerte sich ängstlich an Squalls Hand und sah ihm direkt in die Augen.
"Lassen Sie los", sagte Kane zu Fib und versuchte mit ihren pink gefärbten Fingernägeln seinen Handgriff zu lockern.
"Ist schon gut, Fib, ich komme bald wieder", sagte Squall beruhigend.
"Ich fürchte nein", sagte Kane eisig.
Sie kratzte Fib in die Hand. Er stöhnte auf und ließ Squalls Hand los. Als Squall die Tür erreicht hatte, heulte Fib kurz auf. Die Tür schloss sich.
"Dieses Weib", sagte Rinoa wütend.
"Dr. Kadowaki, wir brauchen Ihre Hilfe. Sie sind die einzige, die Zugang zu Fib hat. Wir müssen ihn untersuchen. Ich denke, dass irgendetwas nicht stimmt. Er kann sich nicht ausdrücken. Wenn wir diese Barriere lösen können, kann er uns vielleicht etwas sagen", sagte Squall entschlossen.
"Das wird Kane nicht gefallen", meinte Kadowaki skeptisch.
"Wer sagt, dass Kane es wissen muss?", warf Cifer grimmig ein.
Im Per Manum-Hauptquartier saßen in einem düsteren Tagungsraum zehn ältere Herren und eine Frau an einem runden Konferenztisch.
"Die aktuelle politische Kontrolle liegt bei 85%. Ich muss anmerken, dass mit Kitisas Weigerung, Memos von uns anzunehmen, auch die Geschäfte schlechter gehen. Die Ankündigung, dass Kitisa die Subvention des Militärs zusammenstreichen möchte, hat das Geschäft tief getroffen", sagte ein älterer Herr.
"Kitisas neuer Plan, die Oberschicht zu besteuern, vergrault viele Kunden", meinte ein anderer.
"Meine Herren, ich kann Ihre Besorgnisse verstehen und nachfühlen. Ich möchte Ihnen versichern, dass Per Manum bereits Schritte eingeleitet hat, die Kontrolle zurück auf 100% zu schrauben. Immerhin haben wir Aloins Sieg verhindert. Wir haben schon weitaus schlimmere Zeiten überstanden. Und jetzt möchte ich, dass Sie zu Ihren Familien zurückkehren und sich einen ruhigen Abend gönnen", meinte Volunta und blickte in die Menge.
Zehn verwelkte Augen sahen sie über den seelenlosen Tagungstisch im obersten Stock von Per Manum an. Diese zehn betagten Herren waren also die Herrscher dieser Welt, dachte sich Volunta. Für die Außenwelt waren sie meistens jedoch eher unauffällig. Sie bekleideten Posten wie der Generalsekretär eines Rüstungskonzerns, also nicht die Klientel, die jeden Tag in den Medien vertreten waren. Volunta hasste diese Treffen. Diese Menschen kotzten sie an. Dennoch basiert ein Großteil von Per Manums Macht genau auf diesen zehn Männern.
Volunta ging in ihr Büro und genoss die Aussicht. Am Horizont leuchtete die Residenz von Esthar. Etwas weiter links (nördlich) in den Bergen befand sich irgendwo der Ort, wo sie sich damals mit Ezkume und den Anti-Adells versteckt hatte. Heute befand sich dort die Basis der Sekte Aomes Trianirea. Volunta kam dies alles so unwirklich vor. Als wären diese Erinnerungen nicht ihre, sondern von einer anderen, fremden Person.
Das Piepen ihres Kommunikators unterbrach ihren Gedankengang. Volunta drückte einen Knopf.
"Ich bin's!"
"Ich habe gerade an dich gedacht", sagte Volunta.
"Wie lief das Treffen?", fragte Prokylta.
"Sie haben mir die Geschichte mit unserem Plan, Kitisa im Amt zu behalten, abgekauft. Bis zum nächsten Treffen werde ich dafür sorgen, dass dies durch Informationen unterstützt wird."
"Ich glaube nicht, dass das nötig sein wird", sagte Prokylta.
"Wieso?"
Prokylta schwieg. Volunta begriff langsam.
"Ist der Moment etwa schon gekommen? Das Ende?", flüsterte Volunta.
"Das Ende und ein neuer Anfang. Deine Arbeit ist fast getan und du wirst frei sein von der Welt. Das, was du dir immer gewünscht hast", sagte Prokylta.
"Ja... ich weiß. Nur... jetzt, wo der Moment da ist..."
"Du hast vor vielen Jahren die falsche Entscheidung getroffen. Ezkume hat dich angefleht, dir in den Tod zu folgen. Du hast abgelehnt und weitergelebt. Ein Auge hast du damals verloren. Jetzt hast du die Gelegenheit ihm zu folgen. Und es wird ganz natürlich passieren", sagte Prokylta.
Es knackte. Sie hatte aufgelegt.
Volunta sah hinaus. Die Skyline von Esthar schimmerte in der Nacht. Ein paar Minuten vergingen, während Volunta regungslos dem pulsierenden Leben in den Straßen von Deling City zusah. Wann war sie eigentlich das letzte Mal dort unten gewesen?
Jemand weiteres rief an.
"Hallo Volunta..."
"Sandath?"
"Wie geht es denn so? Oh, sag nichts, ich nehme an, beschissen. Ich kam nicht umhin, dein kleines Gespräch mit Prokylta mitanzuhören", kam Caris' Stimme aus dem Lautsprecher.
"Du hast gelauscht?"
"Volunta, wir haben uns vielleicht seit Jahren nicht gesehen. Seit 22 Jahren, 4 Monaten und 12 Tagen, um genau zu sein. Aber du solltest doch wissen, dass wir genau die gleiche Technologie haben, wie ihr", schmunzelte Caris.
"Sandath, du hast mir gefehlt", flüsterte Volunta.
Caris schwieg für eine Sekunde und ließ anscheinend ihre Worte einsickern. Dann redete er weiter, als hätte er den Kommentar nicht gehört.
"So, du willst also alles den Bach runtergehen lassen, wie? Alles so tun, wie Prokylta es sagt. Bist du dir sicher? Willst du alles zerstören, was wir aufgebaut haben? Per Manum mag zwar nur ein Werkzeug von Adell und Prokylta sein, aber wir sind doch eigentlich freie Menschen. Wir haben uns alles mit Blut erkämpft. Wir gehören nicht zu der Sorte Mensch, die man einfach so abserviert", sagte Caris.
"Was willst du?", fragte sie nach einem Moment.
"Ich will dich sehen. In drei Stunden in dem Lokal 'Zum Siebten Himmel'. Da können wir sprechen", sagte Caris.
"... Ich werde kommen", sagte Volunta kurz und drückte den Knopf.
Sie atmete tief ein und sah sich dann noch einmal im Büro um. Dann nahm sie aus der Schublade eine kleine Fernbedienung. Das war also ihr Leben gewesen. Sie wusste, dass sie das Treffen mit Caris nicht überleben würde. Aber vielleicht würde so ihren Frieden finden. Vielleicht würde sie ihr letztes Versprechen an Eza Ezkume so endlich einlösen können. Volunta sah sich noch einmal um und verließ dann schließlich ihr Büro.
Niko brauchte eine Weile, ehe er sich im Timber-Postamt zurecht fand. Alles schien maschinell geregelt zu sein. Die wenigen Mitarbeiter hatten wohl einen sehr einfachen Job.
Schließlich entdeckte er denjenigen, den er suchte.
"Herr Gus?"
Gus schreckte aus seinem Dämmerschlaf hoch.
"Yo, hier bin ich... sorry Chef... wer sind Sie?"
"Mein Name ist Niko Goodsworth, ich bin ein SEED vom Balamb Garden", begann Niko.
Gus sprang auf.
"Oh, so hoher Besucht. Äh, es tut mir leid, es sah vielleicht nur so aus, als ob ich schlafe... ach egal, aber sagen Sie bloß nicht meinem Chef was davon", stammelte Gus.
"Das kommt darauf an, wie Sie meine Fragen beantworten. Sind Sie heute alleine hier?", fragte Niko eisig.
"Ja... Firion und Maria... meine Kollegen sind in den Flitterwochen. Tja, die beiden haben geheiratet, wer hätte das gedacht...", meinte Gus.
"Wahrlich faszinierend. Ich brauche Informationen..."
Niko klärte Gus in prägnanten Sätzen auf. Gus brauchte nicht lange, um sich zu erinnern.
"Yo, ich erinnere mich. Die Lieferung ging an die DEFTAA, an diesen Typen da, der verloren hat. Aloin. Mich hat es gleich gewundert, normalerweise geht das hier alles von alleine, aber die Scanner haben etwas entdeckt. So etwas wie eine Steinplatte. Gut, dass ich mich daran erinnere, oder? Na ja, eigentlich passiert hier nicht viel..."
"Gab es sonst noch besondere Vorkommnisse?", fragte Niko ungerührt.
"Ja, mein Boss hat uns angewiesen, die Ursache auf den Scanner zu schieben... in unserem Monatsbericht... Ich will aber meinem Boss keine Schwierigkeiten machen, sonst streicht er meinen Urlaub...", sagte Gus ängstlich.
"Der Name Ihres Bosses war Skinner, oder? Ich möchte mit ihm reden."
"Mr. Skinner, hier ist ein SEED namens Goodsworth, der will Sie sprechen", sagte Gus und hämmerte gegen eine Tür. Es gab keine Antwort.
"Merkwürdig, sonst springt der Typ immer hier rum. Aber er hat heute Morgen nur kurz 'Hallöchen' gesagt und ist dann verschwunden", erklärte Gus Niko.
Niko versuchte die Tür aufzumachen. Sie war verschlossen. Niko holte seinen Zweischneider heraus und aus seinem Ärmel ein kleines Schweißgerät.
"Sie sind ja bis an die Zähne bewaffnet", stammelte Gus.
"Muss ja. Sicher, dass Skinner nicht aufm Klo ist? Sonst kriegen wir Ärger. Kein Durchsuchungsbefehl", sagte Niko.
Gus nickte. Niko drückte auf einen Knopf. Ein kleiner Laser kam aus dem Schweißgerät. Innerhalb von einer Sekunde zerfloss das Schloss.
"Cool", kommentierte Gus.
Niko trat die Tür ein und stürmte ins Büro. Gus hatte Recht, Skinner war im Büro und saß hinter seinem Schreibtisch. Er war tot. Niko entdeckte schnell die Ursache. Schaum lief ihm aus dem Mund, das heißt, er hatte vermutlich Gift geschluckt. Ein leeres Glas stand auf seinem polierten Schreibtisch.
"Oh, mein Gott. Chef, alles in Ordnung?", schrie Gus.
"Beruhigen Sie sich, er ist tot", sagte Niko.
"Hat er sich umgebracht?", fragte Gus verzweifelt.
"Vermutlich. Oder jemand wollte es wie Selbstmord aussehen lassen. Kommen Sie, wir können nichts mehr tun", sagte Niko.
Als Gus sich nicht rührte, sagte Niko:
"Ich lad Sie auf einen Drink ein, Herr Gus. Kommen Sie."
Während Gus rausschlürfte, nahm sich Niko vor, den nächsten Zug nach Deling City zu nehmen.
Obwohl es noch nicht allzu spät war, war es schon überall sehr dunkel. Im Balamb Garden war bereits am späten Nachmittag die künstliche Beleuchtung angegangen. Manchmal grummelte es ein wenig am Himmel, als ob bald ein gewaltiges Unwetter hereinbrechen würde.
Squall und Rinoa saßen in ihrem gemeinsamen Quartier. Squall hatte bisher nicht die Lust gehabt, das Licht anzumachen. Er versuchte im Dunkeln Rinoas Gesicht zu erkennen.
"Geht es dir gut?", fragte Squall.
"Eigentlich schon. Das Baby wird bald kommen. Die nächsten Tage vermutlich", kam Rinoas Stimme aus der Dunkelheit.
"Eigentlich seltsam. Wir werden in den nächsten Tagen Eltern und haben im Prinzip kaum Zeit, uns damit auseinanderzusetzen. Was sagt uns das?", fragte Squall trocken.
"Dass die Welt ein ungerechter Platz ist", antwortete Rinoa.
Squall schwieg. Was würde er tun, wenn er plötzlich ein Baby im Arm halten würde? Er würde aufhören zu kämpfen, sagte er sich. Er würde sofort aufhören. Manchmal musste man Prioritäten setzen. Er war schließlich nicht der einzige Kämpfer auf der Welt. Cifer war auch noch da. Squall musste kurz lachen, als er sich vorstellte, wie sein Sohn eines Tages 'Onkel Cifer' sagen würde...
"Manchmal wünschte ich mir, die Welt wäre ein einziges Nichts. Ohne Lärm, ohne alles", flüsterte Rinoa kaum hörbar.
Jemand öffnete die Tür. Ein Klicken. Ein helles Licht brannte auf einmal in Squalls Augen.
"Hey, Licht aus. Das brennt!"
"Mir kommen die Tränen", entgegnete Kadowaki, als sie, gefolgt von Cifer, das Zimmer betrat.
"Gab es irgendwelche Schwierigkeiten?", fragte Rinoa, während sie sich die Augen rieb.
"Kane saß die ganze Zeit in der Mensa und hat ein Kuchenstückchen nach dem anderen gefressen. Nicht gerade eine gesunde Ernährung", meinte Cifer.
"Ich habe Fib Blut abgenommen. Das Labor hat geschlossen, ohne Kanes Erlaubnis wäre ich nicht reingekommen, aber ich hab das hier", sagte Kadowaki zufrieden und holte einen kleinen Koffer heraus.
Darin befanden sich ein Monitor und verschiedene Eingänge.
"Das ist eine Art Mini-Labor", erklärte Kadowaki auf Squalls fragenden Blick.
"Ich habe bereits eine Analyse durchgeführt. Seine Blutzusammensetzung ist relativ normal, nur eins ist mir ins Auge gefallen. Er hat einen sehr hohen Magiewert... Odyne nennt so etwas ja 'managenetisch'. In seinem Blut befinden sich Partikel, die normalerweise an Orten gemessen werden, wo Zauber eingesetzt wurden", sagte Kadowaki.
"Ist er vielleicht ein Hexer?", fragte Rinoa.
"Möglich, aber ich denke nicht. Ich habe seine Probe mit einer Probe verglichen, die ich vor ein paar Monaten Edea entnommen habe. In ihrem Blut befinden sich ebenfalls viele Partikel, nur inaktiv. In Rinoas Blut sind diese Partikel aktiv. Bei Fib jedoch herrschen bestimmte Magiepartikel vor und zwar die Feuerpartikel. Fast zu 90%", sagte Kadowaki.
"Wollten wir nicht eigentlich herausfinden, wie wir Fib zum Sprechen bringen?", fragte Cifer mit einer gespielten Unschuld.
"Tja, so wie es aussieht, sind genau diese Magiepartikel daran schuld. Anscheinend vertragen sie sich nicht mit seinem Körper, denn sein Körper produziert unablässig eine Art Impfstoff. Nur greift dieser mehr den eigenen Körper an. Er versucht sich selbst zu exorzieren", schloss Kadowaki.
"Also hat Caris ihm das Zeug injiziert. Vielleicht will er aus ihm ein Monster machen, wie die Menschen, die als Nichtadepten Hexenkräfte verleiht bekommen", schlug Squall vor.
"Ein guter Vorschlag, nur leider gibt es das hier!", sagte Kadowaki und drehte an einem Knopf.
Die Grafik veränderte sich und ein paar Partikel wurden hervorgehoben. Sie waren farblos.
"Was ist das?", fragte Rinoa.
"Diese Dinger scheinen keinerlei magische Fähigkeiten zu haben. Ich habe sie durch unsere Datenbank bekannter Stoffe laufen lassen. Keinerlei Ergebnis. Dann habe ich mich ans internationale Netzwerk angeschlossen. In der Esthar-Datenbank fand ich etwas. Ich dachte, ich spinne, das war ja vollkommen unmöglich..."
"Was ist es denn nun?"
"Volunt. Eine stark modifizierte Form zwar, aber ich habe kaum Zweifel. Es besteht aus einer Volunt-Basis. Zumindest zu 50%. Die andere Hälfte kann ich nicht identifizieren. Zwar schien die Datenbank auch dazu was zu haben, allerdings war der Zugriff verweigert", sagte Kadowaki.
"Wir könnten Laguna anrufen, der hebt das sicher auf", schlug Cifer vor.
"Wartet. Kane würde das mitbekommen. Ich habe da so eine Idee. Probieren Sie das!", sagte Rinoa und holte ihre Kette hervor.
Daran war der kleine Splitter des Wind-Lacrimas aus Dollet.
Kadowaki sah Rinoa skeptisch an und legte dann den Lacrima auf eine Art Scanner. Ein Laserstrahl tastete den Stein ab. Sofort erschienen Daten auf dem Bildschirm.
"Ich glaube es nicht! Es gibt 100%ige Übereinstimmung, nicht nur mir den Partikeln, sondern mit so ziemlich jeder Zelle seines Körpers", flüsterte Kadowaki.
"Was hat das zu bedeuten?", fragte Squall.
"Er ist eine Art wandelnder Lacrima. Ein menschliches Artefakt. Nach seinen Partikeln. Das Feuerartefakt. Das würde erklären, wieso alles verbrannt war, als man ihn fand und auch, warum er vor tausenden von Jahren diese Schriften verfasst hat", schloss Rinoa leise.
"Das ist doch totaler Schwachsinn. Warum hat er uns dann nie etwas gesagt?", fragte Squall.
"Es macht aber Sinn, Squall. Du siehst es hier", sagte Rinoa.
"Es gibt in der Tat noch viele offene Fragen. Wir müssen mit ihm richtig reden. Ich habe sogar schon ein Mittel", sagte Kadowaki.
"Sie haben es?", fragte Squall.
"So ziemlich jeder hat es. Da das Gift Fibs Zellen verlangsamt, genügt ein einfaches 'Antidot'", sagte Kadowaki schief lächelnd.
"Wir gehen zu ihm. Ich muss mit ihm sprechen. Wenn er wirklich ein menschliches Artefakt sein sollte... ich möchte mit ihm reden", sagte Squall entschlossen.
"Und wir lenken die alte Kane ab", meinte Cifer grimmig.
Ariana Kane nahm den Kopfhörer ab und lächelte. Die Unterhaltung der vier war sehr interessant gewesen. Es hatte sich wahrlich gelohnt Wanzen zu installieren.
Niko betrachtete eine Weile lang das Gebäude der DEFTAA. Es war ein viereckiger Bau. An einer Seite konnte man in das angebaute Museum gehen, dessen Eingang mundförmig hervorragte, und sich die Ausstellungsstücke ansehen. Im eigentlichen Hauptkomplex befanden sich die Büroräume. Hier war das Hauptquartier der Wahlkämpfer gewesen. In der Mitte des viereckigen Baus befanden sich ein großer Garten und ein altes herrschaftliches Haus.
Da wohnte Aloin. Und da wollte Niko hin.
Niko hatte sich ein Foto von Aloin angesehen. Es war ein Gruppenfoto gewesen und stammte aus einer Zeit, wo er gerade frisch zum DEFTAA Chef ernannt worden war. Niko hatte eine Weile gebraucht, ehe er ihn entdeckt hatte. Der Mann auf dem Foto hatte nichts mit dem charismatischen Politiker zu tun.
Er ging durch die Gänge der DEFTAA. Merkwürdigerweise war niemand da. Die Computer waren zwar an und berechneten etwas, aber Mitarbeiter waren nicht zu sehen. Auf einmal ging eine Tür auf. Zwei Anzugsträger, exakt gleich aussehend, kamen heraus. Nur ihre verschiedenen Seitenscheitel gaben ihnen einen Hauch von Individualität.
"Hier ist Zutritt verboten, denke ich", sagte der eine.
"Ich bin Niko Goodsworth, ich muss Aloin sprechen", meinte Niko barsch.
"Aloin ist nicht zu sprechen, denke ich. Sie müssen gehen, denk..."
"Er kann passieren!", tönte eine eindringliche Stimme aus Lautsprechern durch den Gang.
Niko lief es kalt den Rücken runter.
"Die hintere mittlere Tür, glaube ich", meinte der andere Anzugsträger.
Niko lief durch den Garten auf das Herrenhaus zu. Ein eisiger Wind pfiff und es war sehr dunkel. Nur die Lichter vom Herrenhaus verrieten Niko, wohin er zu gehen hatte.
Mit einem Knarren öffnete er die Haupttür und betrat die Eingangshalle. Eine gewaltige Marmortreppe führte von der Eingangshalle in ein oberes Stockwerk, von wo man die Quartiere erreichen konnte. An der Wand hingen viele Bilder und Statuen standen an der Treppe. Allerdings fiel Nikos Blick auch auf etwas anderes.
Kisten. Überall standen Umzugskartons. In mitten der großen Halle wirkten sie merkwürdig fehl am Platz. Aloin wollte offenbar die DEFTAA verlassen.
Niko konnte leise Klaviermusik hören. Ohne es wirklich zu wollen, folgte er der Klaviermusik. Er stieg langsam die Marmortreppe herauf und ging durch die Gänge. Schließlich kam er in einen großen Saal, dessen Decke soweit sich nach oben wölbte, dass man sie kaum noch erkennen konnte. Der Saal war, außer einem Klavier, vollkommen leer geräumt. Über das Klavier gebeugt saß ein Mann und spielte ein sehr langsames und trauriges Stück.
Niko schritt langsam auf den Mann zu. Ob es Zufall nun oder Kalkulation war, aber sobald Niko in angemessener Sprechweite war, führte der Mann das Stück zu einem absolut flüssigen Ende. Er stand auf und drehte sich um. Es war Aloin.
Niko hatte Schwierigkeiten, diesen Aloin mit dem von dem Foto in Einklang zu bringen. Er hatte eine absolut beherrschende Ausstrahlung. Das Gesicht war zwar das gleiche, aber der biedere Seitenscheitel war durch langes, schwarzes Haar ersetzt worden und der schüchterne Gesichtsausdruck vom Foto wich einem selbstbewussten und raumfüllendem Auftreten.
"Ah, Herr Niko Goodsworth. Wie schön, dass wir uns endlich kennenlernen. Kommen Sie, gehen wir ein Stück", sagte Aloin.
Niko und Aloin gingen langsam durch die Gänge des Herrenhauses. Schließlich blieben sie an einer Stelle stehen. Durch eine große Fensterfront hatte man einen fantastischen Ausblick über Deling City.
"Welche Musik war das?", fragte Niko aus reiner Höflichkeit.
"Das war eine der Klaviersonaten und Wedow. Neben seiner Tätigkeit als Schöpfer faszinierender Opern, komponierte Wedow auch leidenschaftlich Stücke für kleineres Ensemble, zum Beispiel diese grandiosen Klaviermusiken. In seinem Lebenswerk werden diese leider vollkommen zu Unrecht immer wieder ausgeblendet", sagte Aloin.
"Ich habe keinen ausgeprägten Kunst oder Musikgeschmack", meinte Niko ausweichend.
"Das ist schade. Musik kann unser Leben erhellen", antwortete Aloin.
"Mag sein. Ich halte mich lieber an die Realität", entgegnete Niko.
"Musik ist Realität. Kunst ist Realität. Man kann das Leben auf so vielfältige Weise erläutern. Der Fantasie sind nie Grenzen gesetzt!"
"Ich bin eigentlich wegen was anderem hergekommen. Ich verfolge eine Lieferung eines Artefaktes und habe die Spur bis zu ihrem Institut verfolgen können. Ich denke, das Artefakt könnte eine Art... Virus enthalten", sagte Niko.
"Hier kommen häufig Artefakte an. Wir sind ein Kunstmuseum. Könnten Sie es mehr präzisieren?", fragte Aloin leicht spöttisch.
"Es handelt sich um eine Steinplatte. Ungefähr so groß", sagte Niko und zeichnete in der Luft die Steinplatte nach.
"Nein, nicht, dass ich wüsste, tut mir leid. Ich begutachte persönlich jedes neues Kunstwerk", meinte Aloin nach einigem Nachdenken.
Niko nickte. Da Aloin keine Anstalten machte, das Thema weiterzuverfolgen, wollte Niko irgendwas sagen, um die Konversation am Laufen zu halten.
"Und Sie ziehen um?", fragte Niko.
"Ja, ich habe dem Komitee der DEFTAA heute Morgen mein Rücktrittsschreiben in die Hand gedrückt. Nach der Wahlniederlage möchte ich nun zu neuen Ufern aufbrechen", erklärte Aloin.
"Und wohin wollen Sie fahren?"
"Dies kann ich Ihnen leider nicht sagen."
Niko wollte gerade nachhaken, als Aloin fortsetzte.
"Kommen Sie, ich möchte Ihnen was zeigen."
Aloin führte Niko in eine Kammer. An der Wand hing ein Mosaik. Kleine Steine bildeten das Bild einer Frau. Ihr Gesicht war kaum erkennbar, doch sie besaß zwei graue Flügel. Niko kam es irgendwie bekannt vor.
"Dies ist ein kleines Experiment von mir. Es ist leider nicht so gut, wie der Rest. Ich bin kein großer Künstler" sagte Aloin mit einer abwertenen Handbewegung.
"Wie gesagt, ich verstehe nicht soviel von Kunst", begann Niko.
"Ja, Sie sagten das bereits. Wieso lassen Sie nicht einfach los und lassen Ihren Gefühlen freien Lauf und sehen sich dann das Portrait an", sagte Aloin, seine Stimme zu einem Flüstern senkend.
Er trat hinter Niko. Er fühlte sich langsam in eine Art Trance versetzt. Aloin flüsterte etwas in sein Ohr. Bilder huschten vor Nikos innerem Auge vorbei. Er konnte sie nicht erkennen.
"Haben Sie schon mal jemanden verloren, der Ihnen sehr nahestand?", hörte sich Niko selbst fragen.
Aloin schien über die Frage überrascht und dachte sehr angestrengt nach.
"Ja... ja, ich habe meinen Vater verloren. Das ist aber schon eine Ewigkeit her. Er war quasi mein bester Freund, mein Vater. Denken Sie nicht, dass die Eltern immer noch die besten Freunde des Menschen sind?", fragte Aloin nach einer Weile.
"Da fragen Sie den Falschen. Meine Familie und ich ist so ein Kapitel für sich", sagte Niko unsicher.
Aloin schien etwas sagen zu wollen, doch Niko schnitt ihm das Wort ab.
"Ich denke, ich werde jetzt gehen. Ich finde alleine raus, danke."
Aloin nickte und Niko verließ den Raum. Es dauerte trotzdem eine Weile, bis er den Ausgang fand.
Niko stand alleine vor der DEFTAA. Aus der Regenrinne kam immer mal ein Tropfen, der zur Erde fiel.
Ein Tropfen.
Aloin war merkwürdig. Das Mosaik kam ihm bekannt vor.
Ein weiterer Tropfen.
Die Farbe der Steine war grau.
Ein dritter Tropfen.
Das Artefakt... war grau.
Ein vierter Tropfen.
Das Mosaik bestand aus den Steinen des Artefakts.
Ein fünfter Tropfen.
Hyne war in dem Artefakt.
Ein sechster Tropfen.
Aloin hatte das Artefakt.
Ein siebter Tropfen.
Aloin war Hyne.
Ein achter Tropfen.
Niko atmete tief ein und versuchte sich zu entspannen und seinen Puls in den Griff zu bekommen. Nach einer Weile griff er dann in seine Tasche und zog einen Kommunikator hervor.
"Xell, hier ist Niko. Mein Urlaub ist vorbei. Ich brauche eine Einheit SEEDs!"
"Fib! Ich werde Ihnen jetzt DAS injizieren. Es wird kurz wehtun", brüllte Dr.Kadowaki Fib an.
Squall schüttelte den Kopf. Er glaubte nicht, dass Fib jemanden besser verstehet, wenn er angeschrieen wird.
Kadowaki hatte erklärt, man müsse ihm das Antidot direkt ins Gehirn spritzen. Dies würde dann sofort wirken. Cifer und Rinoa bespitzelten Kane, die sich momentan im Gespräch mit Xell befand. Er war eingeweiht worden und sollte sie möglichst lange hinhalten.
Kadowaki führte die Spritze hinter Fibs Ohr ein und spritzte das Antidot direkt in die Schädelbasis. Fib verzog sein Gesicht und stieß einen stummen Schrei aus. Als Kadowaki die Spritze wieder herauszog, blinzelte Fib etwas. Sein Lächeln verschwand. Er wirkte, als hätte man ihn aus einem Tiefschlaf geholt. Als Kadowaki sich ein weiteres Mal anschickte, Fib anzubrüllen, war es Squall zu viel.
"Dr. Kadowaki, könnten Sie bitte draußen warten? Ich würde mich gerne mit Fib alleine unterhalten."
Kadowaki sah erst so aus, als ob sie protestieren wolle. Schnell schien sie es sich anders zu überlegen, denn nach einem leicht beleidigten Achselzucken, schmiss sie ihre OP-Handschuhe in den Papierkorb und verließ das Zimmer.
Squall setzte sich langsam auf einen Stuhl und sah Fib direkt ins Gesicht. Er sah nicht mehr an Squall vorbei, sondern blickte direkt in seine Augen.
"Ich muss mich bei dir für den Angriff entschuldigen. Ich hatte mich selbst nicht mehr ganz unter Kontrolle", sagte Fib schließlich mit einer langsamen Stimme.
"Ist schon gut", gab Squall etwas unsicher zurück.
"Du hast sicher viele Fragen, Squall. Leider haben wir nur kurz Zeit, uns zu unterhalten. Man ist uns bereits auf der Spur", sagte Fib.
"Wer?"
"Das wirst du früh genug sehen. Es gibt viele Leute, die mich für das wollen, was ich bin", sagte Fib.
"Warum hast du mir nichts erzählt?", fragte Squall.
"Weil ich mich vergessen hatte. Ich war die letzten Monate, während ihr hier gesessen habt, bei General Caris."
"Ich..."
"Entschuldige dich nicht. Es tut mir Leid, dass ich so bitter bin. Du kannst nichts dafür. Caris wollte ein Geschäft mit Prokylta abschließen. Er plant im Geheimen Per Manum zu zerstören. Prokylta will ihn dabei unterstützen, denn Caris hatte zwei Lacrima des Alphegas. Einer war der Donner-Lacrima, den er von einem eingeschleusten Spion erhalten hatte, der andere, der Feuer-Lacrima... bin ich."
Squalls Verwirrung musste sich offen auf seinem Gesicht abspielen, da Fib sehr schnell weitererzählte.
"Wie genau das passieren konnte, weiß ich nicht. Vielleicht... wollte ich einfach ein Mensch sein und leben. Ich fiel von Hyne ab und wurde zu einem Menschen. Ich vergaß im Laufe der Jahre. Caris musste von Prokylta ein paar Anweisungen bekommen haben, denn er spritze mir ein Zeug, das mich an meine wahre Existenz erinnerte. Ich spürte, wie ich langsam die Kontrolle über mich verlor und eine Kraft aus den Tiefen meines Seins hervorkam. Eines Tages passierte es. Ich verbrannte meine Wächter und konnte fliehen!", erklärte Fib.
Squall schüttelte den Kopf.
"Was ist denn?", fragte Fib.
"Ich verstehe nichts mehr. Weiß ich nun alles, oder weiß ich nichts? Immer, wenn ich glaube, dass ich irgendwas gefunden habe, irgendwas, mich oder was weiß ich, dann wird es mir genommen. Jeder Halt auf dieser Welt verschwindet. Mein einziger Halt waren früher meine Erinnerungen, dann Rinoa. Ich dachte, ich hätte etwas, doch dann ist sie verschwunden. Und seit ich sie wieder gefunden habe, ist nichts mehr so wie früher. Wir reden über irgendwelche Zaubersachen und schattenhafte Gegenspieler, aber über das, was zählt, reden wir nicht. Ich renne von einem Krisengebiet zum nächsten, nur um wieder irgendeine Wendung des Schicksals mit anzusehen, die ich eh nicht aufhalten kann. Ich weiß nichts, ich glaube manchmal, alles ist nur Illusion", sagte Squall, bevor er sich stoppen konnte.
"Akzeptiere, dass es so ist und du bist der weiseste Mensch der Welt. Allerdings bist du dann sehr nahe dran, tot zu sein und kannst nichts mehr verändern", sagte Fib kryptisch.
"Du hast ein bisschen viel Zeit mit Alphega verbracht, oder?", fragte Squall bitter.
"Ein Mensch kann nur ein gewisses Maß ertragen. Er wurde eben mit diesen Fähigkeiten geboren. Ich wollte nicht mehr all das überblicken, all das Getriebe der Welt, ich wollte konkret werden, ich wollte Mensch werden.
Doch aus dieser formlosen Welt habe ich eins mitgebracht. Den Kontext, den Ausgleich. Kein Leid dauert ewig, Erlösung kommt immer, das ist das Grundgesetz des Ausgleiches. Selbst in diesen dunkelsten Stunden gibt es Hoffnung. Sicher, es passieren keine Wunder, diese Welt funktioniert nun mal auf bestimmten Regeln. Doch wenn du dies akzeptierst, kennst du deinen Spielraum. Du kannst ihn verändern und vielleicht sogar erweitern. Akzeptanz ist der erste Schritt zur Änderung. Eines Tages wird dir der Moment der Klarheit kommen. Vergiss niemals deine Liebe. Die Liebe ist gleichbedeutend mit aller positiven Kraft, die diese Welt zu bieten hat. Sie ist der Motor des ganzen, der Motor, der die Menschen antreibt. Wer lieben kann, braucht keine Macht. Es ist diese positive Kraft, die den Menschen mit sich reißt, die ihn zum wachsen und entfalten bringt. Die Liebe macht den Menschen zu dem, was er ist. Glücklich der, der lieben kann. Und vergiss niemals. Man muss nicht geliebt werden um zu lieben", sagte Fib.
Squall sah ihn an. Er kannte das Gefühl, wie sehr sich doch die Wahrnehmung verändern kann, wenn man nur anders in die Welt sieht. Was ist eigentlich Realität?
"Das ist irrelevant", sagte Fib, als hätte er Squalls Gedanken gelesen, "wie der Shumi-Älteste sagte, alles, was du fühlst und denkst, gehört dir. Es basiert auf der einen Wahrheit und ist damit wahrhaftig. Du existiert, also bist du Teil dieser Welt, also musst du existieren. Natürlich gehört auch alles Dunkle auf dieser Welt zu dieser Wahrheit. Auch wenn das Böse ein Resultat der Selbstverkrüppelung ist, gehört es letztlich dazu. Akzeptiere, dass die Welt so ist, nur so kannst du sie ändern!"
"Ja, das hast du bereits gesagt", entgegnete Squall.
Fib lächelte und fuhr dann fort.
"Was in Wirklichkeit Hyne und Prokylta antreibt, ist die Suche, nicht nach der Wahrheit, sondern eben nach der Liebe, die Suche nach Akzeptanz. Sie haben die Wahrheit, sie haben absolute Macht, warum sind sie also unglücklich und so leer? Sie denken, wenn man nicht geliebt wird, ist man nichts wert. Sie strahlen nicht aus sich heraus, das Urlicht leuchtet ihnen nicht im Herzen, sie wollen nur falsches Licht. Das natürliche Resultat ist, wie jeder Machtmensch, jede Diktatur, eine Gruppe von Menschen, die dazu erzogen werden sie zu lieben. Doch solche Menschen können nur anbeten, Macht hervorbringen, nie lieben. Und Prokylta und Hyne gewinnen jeden Tag mehr Macht, doch das, was sie wirklich brauchen, verlieren sie im gleichen Maße. Die 'innere Stimme', die ihnen das sagen würde, ist ihr größter Feind. Sie kämpfen gegen sie, sie kämpfen gegen sich selbst.
Ich habe so lange die Menschen beobachtet, lebte unter ihnen in vielen Dekaden. Viele habe ich aufwachsen und sterben sehen. Die Meisten leben für den Moment, glauben nicht an sich, glauben nur an Ideologien oder entfernte Vorbilder. Es gibt aber auch welche, die verändern wollen. Und es gibt welche, die aufhalten wollen und dafür Macht benötigen. Jede unterdrückende Macht, jede Diktatur ist nur ein Aufbäumen gegen den Fluss der Zeit, gegen das Verteilen von Energie. Gut und Böse ist die Frage von Entwicklung und Stillstand. Wie kann ein Machtmensch behaupten, er handelt richtig, wo doch das Grundgesetz des Universums ewiges Verteilen ist, ein Zuteilen einzelner Elemente, die genau die richtige Zeit am richtigen Ort verharren sollen, bevor sie zerfallen und eins mit der Dunkelheit werden. Macht ist das Gegenteil von Ausgleich, es ist Konzentration von Dingen, die nicht mehr zusammengehören. Es ist ein Bollwerk gegen das Natürliche. Deswegen benötigen Prokylta und Hyne Größe, Stärke und beeindruckende Inszenierungen.
Menschen müssen das sein, was sie sind. Sie sind Teile des ganzen, an einem bestimmten Punkt zu einer bestimmten Zeit. Sie müssen sie selbst sein, dann werden sie ein Gefühl für Zeit und Sein haben. Denn nur Menschen, die ganz sie selbst sind, sind zufrieden und können gegenseitig sich ergänzen. Sie können aus sich heraus lieben, weil sie sich selbst lieben. Die anderen fühlen sich schwach und streben, im Extremfall, nach Dominanz, nach Anerkennung, nach Kontrolle, nach der Auslöschung alles Individualität. Weil sie das anders sein fürchten, weil sie fürchten, sie selbst könnten von den anderen erdrückt werden. Sie haben kein Vertrauen, haben Angst vor sich selbst. Sie fürchten sich selbst.
Jeder Mensch sollte sich selbst suchen. Jeder hat Grenzen und Möglichkeiten. Akzeptiere die natürlichsten Grenzen und du kennst deine Möglichkeiten.
Squall, du hast das Glück oder Pech, an einem besonderen Zeitpunkt geboren zu sein. Du stehst an einem Scheitelpunkt und mit dir die Welt an einer Weggabelung. Deswegen wirst du gejagt, doch es bedeutet auch, dass du die Möglichkeit hast zu verändern. Jeder Mensch kann das in seinem Rahmen, wenn er seine Wahrheit sucht. Je mehr man sich selbst findet, desto mehr findet man auch den Urgrund.
Sensibilität ist eben ein zweischneidiges Schwert. Man kann durch sie verblendet, aber auch sehr hellsichtig werden.
Du hast die Möglichkeit sehr viel zu verändern. Wirf sie nicht einfach weg."
Für einen kurzen Moment hörte man nur das Surren der Klimanlage.
"Danke", meinte Squall leise.
"Du siehst keine Illusionen. Manchmal bricht eben alles auf einen herein. Doch du kannst damit rechen, dass es immer früher oder später einen kleinen Wink gibt, der dich da wieder rausholt. Sei ehrlich mit dir selbst. Es wird eine Zeit kommen, wo du mit Rinoa reden kannst, wo ihr endlich euch gefunden habt. Selbst wenn sich eure Wege eines Tages trennen und du durch eine weitere schwere Prüfung musst, es kommt wieder ein Tag, an dem wieder die Sonne scheint. Auch wenn es schwer ist, lass los und warte, was kommt. Das ist mein letzter Ratschlag, denn unsere Zeit ist fast um. Sie sind bereits auf dem Weg, um mich zu holen", sagte Fib.
"Wer? Das werde ich nicht zulassen, Fib, ich werde...", begann Squall.
"Hast du mir nicht zugehört? Unsere Wege trennen sich hier, Squall. Sicherlich, du könntest jeden töten, der mich kriegen will und somit das Unmögliche möglich machen, aber ich will nicht mehr wegrennen. Durch unser Gespräch sehe ich endlich klarer. Ich will dahin zurück... nein, ich will vorwärts blicken", sagte Fib.
"Aber, wir müssen uns noch unterhalten. Ich muss vieles wissen, über die Wahrheit, über..."
"Wir hatten eine bestimmte Zeit und wir haben sie so genutzt. Beruhige dich, die Wahrheit kommt schon noch. Der Moment unserer Begegnung ist vorbei und du hast etwas gefunden. Vielleicht nicht das, weswegen du gekommen bist, aber dafür etwas viel Wichtigeres", sagte Fib und sah Squall vielsagend an.
Squall stand auf.
"Die Kraft, weiterzumachen", sagte Squall. Fib lächelte.
"Sie sind da", sagte Fib.
Die Tür wurde aufgerissen. Ariana Kane betrat wütend den Raum. Hinter ihr sah Squall hilflos Xell, Rinoa und Cifer.
"Jetzt reicht es aber. Leonhart, ich werde sofort eine Verfügung erlassen, dass Sie des Gardens verwiesen werden. Packen Sie schon mal ihre Koffer!", sagte Kane eisig.
"Wenn Sie sich danach besser fühlen, Kane", sagte Squall.
Dann wandte er sich wieder an Fib.
"Machs gut, Fib", sagte er.
"Fibrean Copper, ja das bin ich", sagte Fib in seiner Singsang-Stimme, doch Squall hätte schwören könne, dass Fib ihm zugeblinzelt hat. Und als Squall ruhig den Raum verließ, war die Wahrheit ganz nah bei ihm.
"Und was machen wir jetzt?", fragte Rinoa.
"Wir werden verschwinden. Hier ist es nicht mehr sicher. Die Sekte hat garantiert nicht alle Spione abgezogen. Ich habe so das Gefühl, die Massenflucht vor ein paar Wochen war lediglich eine Ablenkung", sagte Squall grimmig.
"Willst du etwa sagen, wir sind hier in Gefahr?", begann Rinoa.
"Was macht die da?", unterbrach Cifer und deutete auf den Eingang der Krankenstation, der am anderen Ende der Halle lag.
Kane hatte Fibs Raum verlassen. Zwei SEEDs fuhren Fib im Rollstuhl. Soweit Squall es richtig erkannte, flüsterte Kane einem der beiden etwas ins Ohr. Die beiden SEEDs nickten und fuhren dann Fib in den Gang. Kane selbst schritt zum Fahrstuhl und fuhr in den ersten Stock.
"Wo geht sie denn hin?", fragte Cifer.
"Das finde ich heraus. Ihr holt am besten eure Sachen, wir treffen uns am Eingang. Ich weiß nicht, aber wenn die Kane wirklich zu Aomes Trianirea gehört, wer weiß, wie viele Leute sie dann hier auf ihrer Seite hat", sagte Squall.
Cifer und Rinoa nickten und verschwanden dann in Richtung Quartier. Squall fuhr mit dem klappernden Lift in den ersten Stock.
Langsam ging er durch die Halle. Merkwürdigerweise war der Garden wie leer gefegt. Kein einziger SEED war zu hören oder zu sehen. Squall hörte seine eigenen Schritte. Er spähte um die Ecke. Am anderen Ende des Ganges stand Kane und unterhielt sich mit jemandem im Klassenzimmer. Squall konnte nicht erkennen, wer die betreffende Person war. Neben Kane stand ein weiterer SEED. Squall kam er irgendwie bekannt vor... Es könnte sein, dass er ihn auf einem Foto mal gesehen hatte. Dann fiel es ihm ein. Es war Kelgar, der Verräter, der im Auftrag Prokyltas die zwei SEEDs der Teneralem-Aufklärungs-Mission ermordet und später Cifer angegriffen hatte.
Squall versuchte angestrengt, den Mann in der Tür zu erkennen. Schließlich gingen Kane und Kelgar hinein. Der Mann trat kurz aus der Tür... Squall fühlte eine Wut in sich hochsteigen... Es war der 'Weiße SEED', sein Informant.
Cifer und Rinoa eilten mit leichtem Gepäck zum Haupteingang. Sie wollten die Ragnarok startklar machen, um dann möglichst schnell
zu fliehen. Sie waren gerade an der Pforte, als...
"Den Eingang würde ich nicht nehmen. Sie erwarten euch da bereits!"
Es waren einige Minuten vergangen. Kane und ihre beiden Helfer waren noch nicht aus dem Klassenzimmer herausgekommen. Squall überlegte, ob er sich näher heranschleichen sollte. Letztendlich nahm er seinen Mut zusammen und schlich sich, so leise er konnte, an das Klassenzimmer heran. Er hörte kein Gemurmel mehr. Hatten sie das Zimmer wieder verlassen? Aber der Raum hatte nur einen Ausgang und den hatte er die ganze Zeit beobachtet.
Squall presste sich an den Türrahmen. Es war nichts zu hören... er musste es riskieren.
Squall atmete tief durch und blickte hinein. Schnell sah er, dass niemand drin war. Wie konnte das sein.
Er hörte etwas. Ein Klacken. Wie von Absätzen... Absätze, die Kane immer trug. Squall blickte hoch und sah Kane im Flur stehen. In der Hand hatte sie einen Dolch.
"Genug von Ihrer lästigen Schnüffeltour!", schrie Kane und stürmte auf Squall zu.
Squall bückte sich und haute mit seinen Beinen Kane den Boden unter den Füßen weg.
"Leck den Boden", sagte Squall, als Kane auf ihr Gesicht fiel und ihre Brille zerbrach.
"Kelgar, zerfetze ihn!", brüllte Kane.
Kelgar tauchte hinter Kane auf, in seiner Hand ein Maschinengewehr. Squall sah, dass es ein ungleicher Kampf werden würde und rannte weg. Squall hörte, wie Kelgar entsicherte. Squall rannte... Er sprang um die Ecke und hörte die Schüsse, die hinter ihm einschlugen. Squall rannte weiter, doch vor dem Fahrstuhl wartete der Weiße SEED. Wortlos, als hätten sie sich nie gekannt, rannte der SEED auf Squall zu. Er wollte sein Schwert ziehen, doch der SEED hechtete nach vorne und trat Squall in die Brust. Squall schnappte nach Luft und fiel hin. Bevor der SEED jedoch seine Arme um seinen Hals schlingen konnte, schlug Squall ihm ins Gesicht. Squall sprang auf und rannte zum Fahrstuhl. Der SEED folgte ihm. Squall hämmerte auf die Taste 'EG' ein. Die Türen schlossen sich langsam... zu langsam. Der SEED kam näher. Er wollte durch den kleinen Spalt greifen... Squall schlug ihm mit seiner Faust aufs Gesicht. Der SEED taumelte und fiel nach außen. Die Tür schloss sich, der Lift fuhr nach unten.
Squalls Kommunikator piepte.
"Squall, wir treffen uns in der Garage... wir... nein, alles weitere, wenn wir uns sehen", kam Cifers Stimme heraus. Bevor Squall etwas antworten konnte, hatte Cifer bereits die Verbindung unterbrochen. Squall fragte sich, ob bei ihnen alles in Ordnung war.
Es quietschte... der Lift blieb stehen.
"Scheiße", fluchte Squall.
Er blickte durch das Glasdach nach oben. Kelgar und der Weiße SEED stemmten die Glastür auf. Dahinter wartete Kane. Sie hatte eine Handgranate in der Hand.
Squall schwitzte. Was sollte er machen? Er war hier im Fahrstuhl gefangen und die wollten ihn rösten... rösten.
"Feuer", sagte Squall.
Vielleicht war er kein Hexer, doch ein wenig konnte er auch zaubern. Er beschwor etwas Feuer auf seine Gunblade. Die Hitze stieg ihm ins Gesicht. Squall rammte das Schwert in den Boden und schnitt ein Loch aus. Es ging leicht wie Butter.
Squall sah schnell nach oben. Kane brüllte etwas und warf die Handgranate.
Squall schwang sich durch das Loch. Er griff in die Schiene des Fahrstuhls und ließ sich praktisch fallen. Er hörte ein dumpfes Klicken, als die Granate landete. Squall lies sich runter und war nun bei der Erdgeschoss-Tür.
Eine Explosion!
Der Fahrstuhl brannte. Es gab ein Krachen. Der Fahrstuhl begann zu rutschen. Squall schlug mit seinem Schwert auf die Tür ein. Sie explodierte förmlich. Er warf sich nach vorne und fühlte, wie etwas Gewaltiges hinter ihm vorbeiflog. Es war kurz Ruhe... Dann gab es einen gewaltigen Knall. Der Fahrstuhl war explodiert.
Squall sprang auf und rannte wie besessen zur Garage. Während er in der verlassenen Haupthalle rannte, sah er einen Haufen SEEDs aus den Quartieren kommen. Sie rannten auf ihn zu... sie hatten Waffen. Squall rannte schneller. Verflucht, die Kane mobilisierte ihre ganzen Reserven. Er musste vor ihnen am Garagenausgang sein.
Noch ein bisschen. Squall holte alles aus sich raus. Er rannte um die Ecke. Die tobende Menge SEEDs folgte ihm. Durch den grauen Gang. Squall erreichte die kühle Garage... Er versuchte Cifer und Rinoa zu entdecken... nirgends.
Die SEEDs erreichten die Garage. Sie hatten einen toten Ausdruck in ihren Augen. An vorderster Front war Kane, flankiert von Kelgar und dem Weißen SEED. Squall wich zurück an die Wand und zog sein Schwert. Der Kampf gegen etwa ein Dutzend durchtrainierter Kämpfer war aussichtslos.
"Macht ihn alle", sagte Kane, ihre zerbrochenen Brillengläser gefährlich das Garagenlicht reflektierend.
Ein paar SEEDs stürmten auf Squall zu. Auf einmal schien ein helles Licht durch die Garage. Scheinwerfer waren angegangen. Das Auto, eine Limousine, startete und überfuhr hemmungslos die angreifenden SEEDs. Sie hielt genau zwischen Squall und Kane.
Squall versuchte durch die verspiegelten Scheiben zu sehen. Ein Surren. Die Scheibe des Fahrers wurde heruntergelassen...
"Einsteigen", sagte Zed Black locker.
"Squall!", rief Rinoa aus dem inneren des Wagens.
Squall fluchte und sprang in die aufgehende Tür.
"Festhalten", sagte Zed und drückte aufs Pedal.
Squall hörte, wie die Motoren kurz aufjaulten und dann in ein gemütliches Brummen verfielen, als Zed mit hoher Geschwindigkeit die Garage und den Garden verließ.
"Was war das eben?!", fragte Squall aufgeregt.
"Ich habe euch das Leben gerettet und ihr dankt mir nicht einmal. Typisch", meinte Zed lächelnd.
"Ich habe aber auch meine Probleme zu verstehen, warum dieser Typ uns einfach hilft", sagte Cifer vom Beifahrersitz.
"Ich bin hier, um euch zu warnen. Meine Informanten haben mir gerade erzählt, dass euer Freund Niko momentan dabei ist, ein Team zusammenzustellen, um Aloin anzugreifen. Meine Empfehlung... sagt ihm, er soll es lassen", sagte Zed.
"Warum?"
"Ihr habt beim Waisenhaus gesehen, wozu Hyne in der Lage ist. Und Aloin ist Hyne", sagte Zed.
Squall musste feststellen, dass er nicht sonderlich überrascht war. Als würde man ihm etwas sagen, was er bereits lange wüsste. Anders Rinoa, die langsam die Hand auf den Mund legte. Cifers Gesicht war verschlossen.
"Hört zu, was ich euch zu sagen habe. Es ist sehr wichtig. Hyne und Prokylta planen den Fall von Per Manum. Wie ich schon sagte, ist diese Organisation hinfällig und inzwischen nur noch ein Klotz am Bein der beiden und hat ihren Zweck erfüllt", meinte Zed.
"Was soll das heißen?", fragte Squall.
"Prokylta wurde als junges Mädchen zur Hexe, hat sich aber nie um die Ausbildung dieser Kräfte bemüht. Sie trat Per Manum als junge Frau bei und wurde eine Killerin. Eines Tages beschloss Per Manum, sie umzubringen. Sie war schwer verwundet. In diesem Moment sprach Hyne mit ihr. Sie ging einen Pakt mit ihm ein und wurde so gerettet und war seine Dienerin. Sie entwickelte einen Plan zu Hynes Rückkehr. Sie wusste, dass sie die SEEDs unter Kontrolle bringen musste und trat deswegen an Master Norg heran, der einen Bürgerkrieg der SEEDs organisieren sollte. Der Plan schlug fehl. Prokyltas Schützenhilfe für Edea, die zu der Zeit unter Artemisias Einfluss stand, versagte, Master Norg wurde getötet. Prokylta brauchte einen weiteren Anlauf. Sie rekrutierte in Per Manum verschiedene Mitarbeiter, verließ die Organisation und gründete Aomes Trianirea. Bevor sie ging, stellte sie jedoch sicher, dass sie Per Manum weiterhin unter Kontrolle hatte. Sie sorgte dafür, dass Ewain Pollendina aus dem Amt des 'Bosses' scheiden musste und setzte ihre Vertraute Volunta Lovunat ein. Volunta ist eine schwache Frau und somit exakt geeignet. Prokylta musste einiges in Bewegung setzen, um an ihr Ziel zu kommen... die Lacrima des Alphegas. Alle vereint ergeben einen Kristall. Mit diesem lässt sich ein Tempel öffnen, in dem sich Hynes absolute Macht verbirgt. Sobald er die hat, ist er quasi unsterblich und wir können alle 'Gute Nacht' sagen. Um an diese Artefakte zu kommen, musste sie die SEEDs ablenken. Sie inszenierte diverse Täuschungsmanöver. Das erste war das Opernmassaker. Die Welt wusste von ihr. Dort erhielt sie den ersten Lacrima, den Rinoa aus dem Museum der DEFTAA entfernt hatte. Sie setzte dann eine riesige Monsterhorde nach Dollet in Bewegung, um dem Schwarzen Prinzen Rückendeckung zu geben, der den Auftrag hatte, den Wind-Lacrima zu finden. Das Waisenhausmassaker passierte, Hyne ging in Aloin über, einem schwachen Mann, der wesentlich kontrollierbarer war als Niida. Prokylta wusste, man war durch diesen Vorfall zu sehr auf sie aufmerksam geworden. Sie befahl Volunta, Caris dahin zu bringen, in Timber einzumarschieren, um von ihren Operationen abzulenken. Sie selbst sammelte nämlich das Ergebnis jahrelanger Berechnungen aus den Unterbasen von Aomes Trianirea, wie Winhill, um die nächste Frage an die Prophezeiung zu formulieren und ihren nächsten Schritt zu planen."
"Die Prophezeiung?", fragte Squall.
"Es ist ein riesiges Gebilde voller Wissen. In dieser Prophezeiung befindet sich das Wissen dieses Planeten. Allerdings gibt sie nur etwas preis, wenn man die richtigen Fragen stellt. Wie auch immer, Prokylta hatte letztlich alle Informationen zum nächsten Schritt, das Vereinen der drei Klingen. In Teneralem fand sie das 'Masamune', sie selbst führt einen weiteren Teil und der dritte Teil hat Rinoa von den Shumis erhalten. Alle drei ergeben die Klinge von Hyne. Wie auch immer, Prokylta entsendete einen Spion, den Sohn eines alten Freundes mit dem Codenamen 'Phantom', nach Timber, um die Identität des Weißen SEEDs anzunehmen. Er sollte dich, Squall, auf Per Manum hinweisen. Die Beschäftigung mit Per Manum und dem 'Boss', Volunta Lovunat, sollte dann von ihren Plänen ablenken. Sie wusste, dass man dich nicht unterschätzen sollte. Der Shumi-Älteste ahnte etwas und bestellte dich zu ihm, verstarb jedoch vor deiner Ankunft. So bekamst du nicht die ganzen Informationen, allerdings wiederum die grobe Richtung und konntest Prokyltas und Hynes zweitem Attentat am Torbogen entkommen. Prokylta sammelte die Lacrimas und besitzt nun mit Fib alle", sagte Zed.
"Nein, Laguna hat viele", warf Squall ein.
"Ja, aber Laguna hat einen Pakt mit Prokylta geschlossen, um den Aufenthaltsort von Rinoa zu erfahren. Als er merkte, dass sie ihn nur ausgenutzt hatte, damit Niida Rinoa finden konnte, stellte er die Kooperation ein, die Zugangscodes hatte sie trotzdem."
"Trotzdem besitzt sie nicht alle. Den hier hat sie nicht", sagte Rinoa triumphierend und zog ihren kleinen Splitter aus Dollet heraus, den sie die ganze Zeit um den Hals getragen hatte.
Zed sah sie erstaunt an. Dann fuhr er bemüht ruhig fort.
"Die Lügen haben ein solches Ausmaß erreicht, dass es kaum zu fassen ist. Allerdings gibt es Faktoren in Prokyltas perfekten Plan, die unzuverlässig werden. General Caris zum Beispiel. Caris ist der einzige Überlebende des 'Deling Replacement Projects', kurz DRP. Man hatte einer Gruppe von Jugendlichen bestimmte genetische Befehle einprogrammiert. Per Manum ahnte, dass Deling nicht ewig bestehen könne, also brauchten sie einen Nachfolger, jemand, der seinen Platz einnimmt und die Diktatur wieder aufbaut, sollte sie jemals fallen.Caris war einer dieser Männer. Ab einem bestimmten Zeitpunkt, wollte Per Manum diese potentiellen Deling-Nachfolger vernichten. Man dachte, es sei riskant, wenn nach dem Krieg diese Männer sich gegenseitig umbrächten, weil jeder seinen Herrschaftsanspruch durchsetzen wollte. Man wollte, dass nur der Stärkste überlebte. Also inszenierte man das Salzfeld-Massaker, in dem nur diese Männer, die bis dahin eine starke Verbundenheit gespürt hatten, getötet wurden. Caris überlebte, man erzählte ihm die Wahrheit und er schloss sich Per Manum an. Seitdem will er jedoch im Geheimen diese Organisation zerstören. Ihm ist es sogar gelungen einen Lacrima zu ergattern. Prokylta musste mit ihm einen Deal machen. Sie kann eben auf Dauer nicht alles kontrollieren. Menschen bleiben Menschen", erklärte Zed.
"Warum das alles?", fragte Squall.
"Nun, Per Manum muss weg. Allerdings wird ein Großteil der Gesellschaft in den Tod gerissen, wenn es soweit kommt. An das Netzwerk ist zum Teil auch der Hauptstrom angeschlossen. Wenn Per Manum geht, gibt es erst einmal einen Totalausfall. Und dann kann Hyne kommen. Außerdem ist dann der Weg zu euch frei. Sämtliche Sicherheitssysteme sind dann abgeschaltet. Wie ich schon sagte, du bist der Schlüssel, Squall. Du, Rinoa und euer Baby. Dies ist ein Faktor, den Hyne nicht einkalkuliert hat. Dir war vorbestimmt vor fünf Jahren in der Zeitkompression zu sterben. Doch du lebtest und hast ein Kind gezeugt. Es gab nur eine winzige Chance zum Überleben, doch du hast sie genutzt und damit den Lauf der Geschichte verändert. Hyne versucht nun alles, den Zustand von vor fünf Jahren wieder herzustellen. Er will alle Faktoren beseitigen, die seinem Master Plan entgegenstehen. Dazu gehört dein Tod genauso wie die Auslöschung der Adeptinnen. Ihr habt noch ein kleines Zeitfenster, bis er an seinem Ziel ist. Solange müsste ihr ihn vernichten. Denn wenn nicht, wird keiner von uns überleben. Er will alles auslöschen und egal, wie sehr er Prokylta eine bessere Welt verspricht, er will unterm Strich die Menschheit von der Welt vernichten. Ihr müsst überleben und deswegen helfe ich euch", schloss Zed.
"Wie großzügig", sagte Cifer sarkastisch.
"Nicht dass wir uns falsch verstehen, ich tue das nicht aus Mitleid. Ich habe die Tribunal-Aufzeichnungen. Hyne würde mich in den Himmel erheben, wenn er die haben könnte. Nicht, dass mich das beschützen würde, wenn er den Frühjahrsputz durchführt."
"Warum?"
"Weil sie beschreiben, wo du schwach bist, Squall. Doch ich will keine Marionette sein. Selbst wenn Per Manum fällt, wird es weiterhin Politik geben...", sagte Zed.
"Was soll das bedeuten?", fragte Squall scharf.
"Unwichtig. Kontaktiert Niko, sonst läuft er in seinen Tod. Und das wollen wir doch nicht", sagte Zed mit einer ekelhaften aufgesetzten mitfühlenden Stimme.
"Wir haben den Donner-Lacrima. Und Kane ist gerade dabei, Fib zu uns zu bringen", sagte Xelto zufrieden.
"Gut, ich werde mich mit ihm in Esthar treffen", entgegnete Prokylta.
Sie befanden sich in der Basis von Aomes Trianirea. Prokylta stand über dem Essen und gab in jedes ein paar Tropfen hinein.
"Es sieht so aus, als würde das ein schönes Essen werden. Eure Töchter sind auch schon ganz aufgeregt. Mit Lauren lief es übrigens ganz gut. Die alte Zicke hat sich dieses Mal nicht daneben benommen", sagte Xelto gut gelaunt.
Prokylta nickte abwesend und schritt dann zur Tür, hinter der sich die Prophezeiung war. Xelto wollte sich gerade fragen, was Prokylta wohl machen wollte, als sie zitternd ein paar Worte sagte. Aus ihrer Hand kam ein Feuersturm, der auf die Prophezeiung überging. Das riesengroße Pergament fing Feuer. Es verfärbte sich schwarz. Tinte tropfte aus ihr, die Wahrheit ergoss sich auf den Flur. Dann zerfiel das Pergament zu Staub.
"Was...", fragte Xelto schockiert.
Prokylta drehte sich um. Er bemerkte, dass sie Tränen in den Augen hatte.
"Xelto, mein Junge. Ich werde gehen. Für immer. Noch vor dem Essen", sagte Prokylta mit einer zitternden Stimme.
"Aber..."
"Hör mir zu, ich kann dir nicht sagen, wohin... ich habe dir dein Leben geschenkt, ich kann es dir nicht einfach wieder nehmen. Den Zofen vielleicht... aber du... Bitte, iss nichts von dem Essen, Xelto", sagte Prokylta eindringlich.
"Aber unsere Träume...", sagte Xelto.
Sein Körper war taub.
"Diese Mädchen sind Adeptinnen. Und du weißt, was mit ihnen passieren muss. Du... du bist frei. Pass auf dich auf!"
Prokylta drückte Xelto einen Kuss auf die Wange. Dann warf sie sich einen Mantel über und verschwand und ließ Xelto schockiert zurück.
Nach einer Weile kamen die Zofen und nahmen sich das Essen.
"Wo ist Mama?", fragte einer der Zofen.
"Nicht da, esst schonmal ohne sie", entgegnete Xelto knapp.
Lauren betrat den Raum und bewegte sich auf das Essen zu.
"Lauren, ein letzter Befehl. Wasch meinen Mantel!", sagte Xelto und drückte ihr seinen Mantel in die Hand.
"Was soll das, du Arschloch, bin ich deine Putzfrau!?", schrie Lauren.
"Mach schon, du Miststück", schrie Xelto.
Lauren verließ den Raum.
"Warum bist du immer so fies zu Lauren? Du bist doch zu uns auch immer nett", meinte eine Zofe.
"Ihr seid ja auch nette Mädchen", lächelte Xelto gequält.
Er blickte an die Wand und hörte, wie eines nach dem anderen verstummte und versuchte ihr Keuchen zu ignorieren. Seltsam, wie perfekt doch selbst eine Wand aussehen konnte. Mit all ihren kleinen Einkerbungen und Unebenheiten...
Nach einer kleinen Ewigkeit kam Lauren zurück und sah die Leichen und Xelto um sie stehen. In ihrer Hand hielt sie seinen schwarzen Mantel, der wie neu aussah. Xelto sah sie lange an und zog dann seine bernsteinfarbene Rüstung aus. Er war nicht mehr der Schwarze Prinz, er war ein Krieger. Xelto sah ohne Rüstung merkwürdig klein aus.
Lauren trat langsam zu ihm. Dann ohrfeigte sie ihn dreimal. Xelto nahm langsam den Mantel und streichelte ihre Hand. Er zog den Mantel an, schnallte sich seine Gunblade um und machte Anstalten den Raum zu verlassen. An der Tür blickte er zurück. Lauren folgte ihm. Auch sie hatte ihre bernsteinfarbene Rüstung abgestreift. Sie griff nach seiner Hand. Beide schritten ruhig durch die große Halle der Basis von Aomes Trianirea.
Aus den Räumen hörten sie die Gesänge der Mitglieder, die nicht bemerkt hatten, dass sie nun führerlos waren, und stupide weiter beteten. Xelto und Lauren verließen Aomes Trianirea und atmeten die frische Nachtluft ein.
Niko stand ruhig in einem kleinen Hotelzimmer in Deling City und betrachtete nachdenklich ein Foto von Niida, das er mit seinem Brief geschickt hatte.
In der Lobby warteten seine angeforderten SEEDs. Gleich würde es losgehen. Niko atmete tief ein und steckte das Foto weg. Der Moment der Rache war endlich gekommen. Er verließ den Raum.
Sein Kommunikator lag vergessen auf dem Tisch...
Volunta verließ die kalte Abendluft und betrat das angenehm warme Lokal. Es hatte gut getan, sich noch einmal all die Menschen anzusehen. Familien, Frauen, Männer... Kinder. All diese wunderbaren Menschen mit ihren verschiedensten kleinen Problemen und Fähigkeiten. Warum war sie nicht einer von ihnen?
Sie entdeckte Caris an einem Tisch. Volunta ging auf ihn zu und setzte sich.
"Du bist wie üblich zu früh", sagte Volunta.
"Und du, wie immer, zu spät", sagte Caris.
Beide lächelten knapp. Caris setzte an.
"Während ich hier saß und aus dem Fenster blickte, dachte ich an einige Sachen. Ich beobachtete die Menschen, die vorbeigingen und dachte mir... Wieso gerade wir? Jeder Mensch wird doch auf die gleiche Weise geboren und doch können wir alle auf so verschiedenste Weisen sterben", sagte Caris.
"Ist das nicht ein Beweis für unsere Individualität?", fragte Volunta.
"Ein interessanter Gedanke. Der Tod als ultimatives Symbol für Individualität. Aber auch während des Lebens teilt sich bereits das Schicksal der Menschen. Man kann normal sein Leben leben oder man kann übernatürliche , sprich politische, Kräfte gewinnen und hoch oben auf seinem Thron die Welt beherrschen. Was haben wir, was diese Menschen nicht haben?", fragte Caris.
"Ich würde sagen, wir haben das Defizit", sagte Volunta.
"Exakt. Du bist immer noch eine sehr kluge Frau", sagte Caris.
Sie stießen an.
"Ich nehme mal an, wir treffen uns hier nicht, damit wir über persönliche Dinge reden oder gar über die Vergangenheit", sagte Volunta.
"Würde das etwas ändern? Wir haben zwar viele nette Stunden verbracht, doch letztendlich gab es immer nur einen Mann, den du geliebt hast. Einen Mann, den ich vor deinen Augen erschossen habe. Und dann habe ich dir noch dein Auge genommen. Warum hasst du mich nicht?", fragte Caris.
"Wer sagt, dass ich das nicht tue? Hass und Liebe liegen nahe beieinander, oder?", fragte Volunta.
"Wie wahr, wie wahr. Und nun sitzen wir hier und führen einen Krieg gegeneinander. Wir sind die Generäle einer Schlacht, doch wir sind nicht da, um unsere Soldaten sterben zu sehen", sagte Caris.
"Gehe ich Recht in der Annahme, dass du momentan mit deiner gesamten Truppe Schwarzer SEEDs das Per Manum-Gebäude stürmst?", fragte Volunta.
"Natürlich. Nur meinem finstersten Feind wollte ich persönlich gegenübertreten", sagte Caris und trank ein Schluck Wein.
"Das Ende... ich hätte nicht gedacht, dass du mein Todesengel sein solltest", sagte Volunta.
Caris sah sie nachdenklich an.
"Volunta, ich möchte dir nur sagen, dass dies nichts Persönliches ist", sagte Caris.
"Doch... und das ist es schon immer gewesen, Sandath", meinte Volunta traurig.
Beide sahen sich einen Moment lang an. Dann machte Caris eine Bewegung an seinem Gürtel. Volunta war schneller. Aus ihrem Ärmel zog sie einen kleinen Dolch. Sie stand auf und rammte Caris den Dolch in sein rechtes Auge. Caris heulte vor Schmerz auf.
Die Menschen im Lokal blickten sich um und schrieen. Volunta rannte zum Ausgang. Etwas traf sie von hinten durch die Brust. Sie sah nach unten. Ein Loch. Sie stolperte nach draußen und drehte sich kurz um. Caris stand wieder und hatte einen rauchenden Revolver in der Hand. Sein linkes Auge war zerstochen und Blut rann wie Tränen heraus und flossen über sein Gesicht.
Volunta taumelte durch die Menschenmenge. Sie spürte die Kälte hoch krabbeln. Nun war es also zu Ende. Manche Menschen sahen sie aus den Augenwinkeln seltsam an, manche wollten ihr helfen. Doch es war vorbei. Man konnte ihr nicht mehr helfen. Sie wollte nur noch zum Präsidentenpalast.
Endlich war sie da. Durch den Torbogen erkannte sie das Hauptquartier von Per Manum. Aus ihrer Jackentasche holte sie etwas heraus... ihre Fernbedienung. Die Fernbedienung, die die Sprengsätze auslösen sollte. Sie hatte nur einen Knopf. Der Knopf zur Vernichtung Per Manums.
Volunta Lovunat drückte den roten Knopf. Zuerst brummte etwas. Dann begann es kontrolliert zu krachen. Schließlich begann das gewaltigste und größte Gebäude in Deling City zusammenzustürzen. Das Hauptquartier fiel in sich zusammen und begrub alle Menschen unter sich, seien es Schwarze SEEDs oder Angestellte.
Volunta sah noch, wie alle Lichter ausgingen, als der Weltstrom abgeschaltet wurde und alles in tiefste Dunkelheit getaucht wurde. Dann sank sie zu Boden. Als sie nach oben blickte, sah sie den Sternhimmel. Aus der weiten Ferne hörte sie Menschen brüllen, doch das interessierte sie nicht mehr. Sie würde zu den Sternen reisen, wo Eza Ezkume auf sie warten würde.
Und so starb sie und teilte das Schicksal eines jeden Menschen auf dieser Welt.
"Verflucht, ich kann Niko nicht erreichen", brüllte Squall.
Auf einmal ging die Straßenbeleuchtung aus und aus dem Radio kam nur noch ein Rauschen.
"Das war es also. Per Manum ist also endlich tot", seufzte Zed und wischte sich schnell über das Gesicht, damit niemand die kleine Träne sah.
Niko wunderte sich nur beiläufig, warum alle Lichter ausgegangen waren. Vermutlich ein Stromausfall. Inkompetenz kannte keine Grenzen. Er saß im Lastwagen, der ihn zur DEFTAA bringen sollte.
"Ignoriert es einfach, jetzt zählt nur noch Aloin!", brüllte Niko.
Prokylta sah aus ihrer Kutsche, wie Esthar am Horizont verblasste. Das war es also gewesen, dachte sie sich.
"Mögest du deinen Frieden gefunden haben, Volunta Lovunat... meine Schwester", flüsterte sie.
Das Ende der alten Welt war gekommen, von nun an würde eine neue Ära herrschen...
Zed steuerte das Auto durch die absolute Nacht von Deling City. Überall herrschte Chaos, die Menschen rannten ziellos durch die Strassen. Gerüchte, eins wilder als das nächste, verbreiteten sich wie Lauffeuer.
"Wir fahren sofort zur DEFTAA, vielleicht können wir Niko noch abhalten!", rief Cifer.
Niko betrat, gefolgt von einer Einheit SEEDs, Aloins Herrenhaus.
Dieses Mal musste er ihn nicht suchen. Aloin stand auf der obersten Stufe der Treppe in der Eingangshalle wie ein Fürst.
"Willkommen", sagte Aloin mit einer lauten Stimme.
Niko schritt langsam die Treppe hoch. Eine Hand hielt er hinter seinem Rücken. Aus seinem Ärmel zog er seinen Zweischneider.
Squall, Rinoa und Cifer rannten durch die verlassene DEFTAA. Niemand war zu sehen. Da, hinten vor Aloins Herrenhaus, sah er noch den letzten SEED hineingehen. Merkwürdigerweise brannte im Haus noch Licht...
"HEY!", brüllte Squall.
Sie antworteten nicht. Squall rannte zur Tür und machte sie auf.
"NIKO, WEG VON IHM!", schrie Squall.
Niko drehte sich zu ihm um... hinter ihm begann Aloin zu leuchten. Blaue Flammen schossen aus seinem Körper.
"Zurück, Squall", rief Cifer und wollte Squall herausziehen.
"NEIN! Nicht noch einmal! Nicht dieses mal!", brüllte Squall.
"Es ist zu spät!", schrie Cifer und schleppte Squall nach draußen.
Squall sah gerade noch, wie die blauen Flammen Niko umhüllten. Er schloss seine Augen.
Ein helles Licht. Ein gewaltiges Krachen. Der Wind blieb stehen. Das Haus leuchtete blau.
Squall atmete tief ein. Er sah noch, wie Rinoa die Stufen hoch rannte und die Tür aufmachte.
"RINOA", brüllte Squall und hastete ihr nach.
Als er hereinkam, sah er, wie Rinoa zu Aloin hinauf blickte. Dieser stand alleine in einem Kreis aus blauem Feuer und lächelte.
Hyne war wiedergeboren.
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