Wieviele Menschen kennen die Geschichte? Wieviele wollen sie kennen? Und wieviele meinen sie zu kennen und sind überwältigt von ihrem Verlangen nach theoretischen Wissen und haben das eigentlich Wesentliche, das Fühlen der Geschichte, außer Acht gelassen?
Was soll man von einer Kultur halten, die ihre eigenen Wurzeln nicht mehr kennt, die das Fundament vergessen hat, auf dem sie erbaut wurde?
Bisher ging es gut. Die Welt entwickelte sich gleichmäßig, mit Schwierigkeiten zwar, aber alles in allem hervorragend. Die Symbiose zwischen Altem und Neuem funktionierte perfekt. Doch was passiert, wenn jemand diese Balance zerstört? Wird dann alles zusammenbrechen? Oder werden die Menschen noch eine Chance erhalten? Wird es vielleicht ein Zeichen geben, das den Menschen den Weg weisen wird? Eine Enthüllung, einen Fund?
- Zebarga, der Gründer der Centra und Bezwinger von Hyne, erster König der Menschen, datiert kurz vor dem Ausbruch des Krieges gegen Hyne
Weit draußen auf dem Ozean, abgeschnitten von allen jüngsten Ereignissen, lag ein Schiff des Balamb Gardens. Der Wind wehte ruhig und das Schiff wurde von den Wellen sanft hin und her geschaukelt. Es hatte drei Besatzungsmitglieder. Alle drei waren sehr schlecht gelaunt.
"Solange Zeza das Funkgerät nicht reparieren kann, kriegen wir nie den Befehl, nach Hause zu kommen", stellte Kelgar trocken fest.
"Ich weiß, ich weiß", antwortete Matias missmutig und hämmerte wütend auf das Funkgerät ein.
"Haben wir denn wenigstens schon irgendwas gefunden?", fragte Kelgar.
"Oh ja, eine Menge hochinteressanter Dinge. Wie zum Beispiel dieser Stein hier. Oder kennst du schon den bisherigen Höhepunkt der Reise? Da hat der Sensor doch tatsächlich eine Reofelle aufgeschnappt! Aber kein... wie heißen die Dinger?", fragte Matias ohne wirkliches Interesse.
"Lacrima des Alphega", schmunzelte Kelgar.
"Was hat sich dieser Niko bloß dabei gedacht, uns den Ozean vermessen zu lassen? Dieser Mogry! Jetzt sitzen wir hier fest. Und der Herr hält es nicht mal für nötig, uns auch mal zu fragen, wie es uns geht", sagte Matias und starrte gelangweilt auf den immer grünen Monitor.
Alle drei Sekunden sendete er ein Signal ins Wasser aus. Somit sollte die Crew theoretisch irgendwann auf etwas stoßen. Anfangs mag das spannend sein... nach drei ereignislosen Tagen war es jedoch furchtbar langweilig. Auf einmal flackerte die ohnehin schon schwache Beleuchtung des Schiffes.
"Was stellt Zeza nur wieder für ein Mist an? Der soll reparieren und nicht kaputt machen!", fluchte Matias genervt.
"Ich schau mal, ob ich ihm helfen kann", sagte Kelgar und verschwand in Richtung Maschinenraum.
Seine Schritte verhallten schnell.
Matias sah gelangweilt auf den Bildschirm und lauschte dem alle drei Sekunden auftauchenden nervigen Signalton. Was machte er hier bloß? Er hatte sich doch nur gemeldet, um ein bisschen mehr Geld zu erhalten und um sich beim neuen Chef Niko Goodsworth einen Namen zu machen. Ein Routinejob, kein Kampf, keine Gefahr, nur in einem Abschnitt von vier Koordinaten den Ozean vermessen und nach Dingern mit komischen Namen Ausschau halten. Hätte er im Unterricht besser aufgepasst, hätte er gewusst, wie groß vier Koordinaten sein können...
Gerade als er überlegte, die Tür zu öffnen, um ein wenig zu lüften, kam auf einmal ein neuer Ton aus dem Gerät. Und auf dem Monitor erschien etwas...
"Ich glaub's nicht. Kelgar, Zeza, wir haben etwas gefunden! Kommt mal her!", brüllte Matias in Richtung Maschinenraum.
Auf dem Bildschirm erschienen erste Daten. Drei Tage lang nichts und jetzt das!
"Was gefunden?"
Matias schreckte hoch. Er hatte Kelgar nicht kommen hören.
"Ja, da unten ist etwas. Auf dem Grund des Ozeans. Es scheint riesig zu sein... Es... es hat gigantische Ausmaße. Meine Güte... Erste Analysen sagen, das Ding wäre über 4.000 Jahre alt. Es stammt aus den Anfängen der Centra Ära. Und das Beste ist, da unten scheint auch dieses Lac-Dingsbums zu sein. Wir sollten..."
Auf einmal fiel Matias auf, dass er sehr müde war. Ihm wurde schwarz vor Augen. Irgendwo realisierte er Schmerz... aus seinem Rücken, doch der Schmerz ging so schnell, wie er gekommen war. Dann hörte er Musik... wunderschöne Musik... es wurde dunkel.
Kelgar sah auf den Leichnam von Matias herunter und zog seinen Dolch raus und ließ ihn schnell im Ärmel verschwinden. Dann setzte er das fehlende Teil für das Funkgerät ein und wählte eine Frequenz. Sofort kam eine barsche Stimme am anderen Ende.
"Sagen Sie der Königin, dass wir es gefunden haben", sagte Kelgar in das Funkgerät und lächelte glücklich.
"Ich spürte nur noch den Schlag einer Waffe. Als ich aufwachte, sah ich General Caris. Er stand über mir. Er sagte, es würde alles gut werden. Er zeigte mir die Welt. Er zeigte mir die Wahrheit. Er zeigte mir, wie verlogen ihr dreckigen SEED-Schweine doch seid. Ihr habt mich sitzen lassen, damals in den Wäldern von Timber. Ich hatte gehofft, ihr rettet mich vor diesen perversen Monstern... Doch dann kam er. General Caris. Ich werde ihm bis ans Ende treu sein."
"Ich weiß auch nicht. Jetzt, wo ich hier sitze, kommt mir alles so unwirklich vor. Ich... ich schäme mich so. Er hat uns gefoltert und uns Fragen gestellt. Er war wie ein... ein Monster. Ich dachte oft, dass er Gedanken lesen konnte. Er brachte mich dazu, mein ganzes Leben in Frage zu stellen. Dann injizierte er mir etwas. Mein Kopf wurde leicht... und ich hatte keine Probleme. Jetzt, wo ich hier sitze... Scheiße, ich brauch ne Pause. Sorry, wirklich. Ich hab tierische Kopfschmerzen."
"Einmal da waren ich und ein Kamerad für den General auf Patrouille. Da war ein junger Mann, der hat uns beschimpft... Der offizielle Befehl lautete, solche Leute sofort zu exekutieren. Wir... mein Kamerad wollte das nicht. Er hat mich dazu gedrängt, weiterzugehen. Später dann zurück im Quartier, als Caris auftauchte, erstatten wir Bericht. Er sah mir in die Augen. Und ich sah ihm in die Augen. In seine grünen, platten, harten Augen. Und dann hab ich es ihm erzählt. Später sah ich meinen Kameraden von weitem. Man hat ihn zusammen mit anderen Gefangenen auf den Exekutionsstand geschickt. Ich habe ihn nie wieder gesehen..."
Die Anhörungen förderten unglaubliche Ereignisse zu Tage. Das ganze Komplott von Per Manum und ihrem größten Opfer und Täter General Caris kamen langsam zum Vorschein. Was als kleine und unbedeutende Handlung einer Einheit von Verrückten angefangen hatte, entwickelte sich langsam zu einer Größe, die niemand hätte absehen können.
Immer wieder versuchte Squall zu verstehen. Er hatte Julia durch Ellione in Lagunas Körper sogar kennengelernt. Ihre Ähnlichkeit zu Rinoa war verblüffend. Er konnte nicht das Bild von Julia mit dem Wahnsinn von Per Manum zusammenbringen. Er konnte sich nicht vorstellen, wie schwer das für Rinoa momentan sein musste.
Squall betrat langsam den Anhörungssaal. Man hatte die neu gebaute Aula für die Prozesse einfach umfunktioniert. Es herrschte eine gespannte Unruhe im Saal. Viele sprachen gedämpft und man hörte nur vereinzelt Gelächter und dies wirkte übertrieben, als wolle man die depressive Stimmung mit Gewalt verbannen.
Squall setzte sich in eine der ersten Reihen. Er musste heute hier aussagen, denn es war ein Fall, mit dem er seit drei Monaten gut vertraut war. Es war der Fall 'Niko Goodsworth'. Squall hatte ein mulmiges Gefühl. Er fühlte sich nicht wohl, vor so vielen Menschen zu sprechen.
"Es wird schon alles gut gehen", sagte Rinoa, die neben ihm saß.
Sie lächelte, doch ihre Augen waren tot.
Dann war auf einmal alles ruhig. Die Kommission hatte soeben den hohen Richtertisch, die Bühne der Aula, betreten. Alle Blicke waren auf sie gerichtet. Eine Frau, etwa 30, hatte den Vorsitz. Sie hieß Ariana Kane und war eine führende Persönlichkeit im Rat der Weißen SEEDs. Sie war, nach allem, was Squall von ihr gesehen und gehört hatte, eine strenge aber faire Frau. Den Rest der Kommission bildeten Edea und ein weiterer Weißer SEED, sowie ein Protokollant. Edea hielt sich meist im Hintergrund und überließ Kane die Befragung. Squall vermutete, dass sich Edea dafür in der Beratung über das Urteil mehr einbrachte.
"Man möge den Angeklagten, Nithaphin Kosemierre Goodsworth, hereinbringen", erklang Kanes nasale Stimme.
Niko kam ruhig herein. Er setzte sich auf seinen Stuhl als wäre es ein Thron. Alles war ruhig, abgesehen von dem Kratzen eines Stiftes auf einem Schreibblock. Nikos Augen flackerten zu der Ursache des Lärms... und sein Blick verharrte einen Moment zu lang. Schnell sah er wieder herunter. Squall folgte seinen Blick und erspähte eine Frau, blond, Ende der 20iger, anscheinend eine Journalistin. Sie stach durch ihre Kleidung hervor. Da fast alle Anwesenden Uniformen trugen, fiel ihr schwarzes Kleid um so mehr auf.
Dann begann die Verhandlung. Mehrere Leute sagten aus, unter anderem Cid, der als früherer Direktor des Gardens und enger Freund der Direktorin des Trabia-Gardens (eine Frau namens Hella Perseu, die leider aufgrund politischer Verpflichtungen nicht kommen konnte; sie war Mitlgied im Rat Pollendina), Nikos Aufstieg nachzeichnete und vor allem auf seine Methoden zu sprechen kam. Alles in allem war Cid sehr nett in seinen Beschreibungen.
Belastender war da Quistis Aussage. Detailliert schilderte sie die Vorgänge im Garden, Nikos Wahnsinn und wie sie letztlich die Regeln verletzte und Niko zusammenschlug.
"Ich weiß, dass meine Handlung Konsequenzen haben wird und ich bin bereit, sie in Kauf zu nehmen. Ich erzähle lieber diesem Gericht die volle Wahrheit, als dass... dieser Mensch hier weiterhin kommandieren darf", schloss Quistis stolz.
"Das ist auch Ihre Pflicht, uns die Wahrheit zu sagen, Frau Trepe. Auch in ihrem eigenen Fall. Sie dürfen gehen", antwortete Kane ohne einen Hauch eines Lächelns.
Squall fühlte, wie sich alles in ihm anspannte, als Selphie aussagen musste.
"Sie kennen Herrn Goodsworth näher. Das ist ja kein Geheimnis. Was für einen Eindruck macht er auf Sie? Nur bitte, was diesen Fall betrifft", fragte Kane humorlos.
"Ich halte ihn für einen professionellen Menschen mit einem ausgeprägten Sinn für Humor", begann Selphie.
Squall wurde unwohl, als er im Saal unterdrücktes Gelächter zu hören meinte. Sicher, nach allem, was er wusste, war Niko der humorloseste Mensch im Sonnensystem, aber Selphie war seine Freundin...
"Wirklich?", entgegnete Kane kühl. Selphie senkte ihren Blick.
"Na ja, manchmal ist er etwas aufbrausend", murmelte sie.
Niko zischte und sah sie wütend an. Selphie erwiderte seinen Blick nicht.
Kane fuhr die Befragung mit ihrer harten Stimme unerbitterlich fort. Selphie wurde immer nervöser und Squall war sich sicher, dass sie bald anfangen würde zu weinen. Plötzlich stand Edea auf.
"Ich danke dir für dein Engagement, Ariana, aber ich denke, wir haben bereits eine gute Beschreibung der Ereignisse von Quistis erhalten. Du kannst gehen, Selphie."
Sichtlich erleichtert stand Selphie auf. Dann kam der Moment, vor dem sich Squall gefürchtet hat.
"Squall Leonhart, in den Zeugenstand, bitte."
Er fühlte, wie Rinoa seine Hand kurz drückte. Dann stand er mit wackligen Knien auf. Der Weg bis zu seinem Sitz schien endlos zu sein. Endlich konnte er sich auf den noch warmen Sitz hinsetzen. Niko saß nun direkt links von ihm und sah ihn nicht an. Squall sah in die Menge. Er entdeckte die blonde Frau wieder, die ihn direkt ansah. Irgendwie kam sie ihm bekannt vor. Kanes Stimme erschallte von oben.
"Erzählen Sie uns, wie Sie Goodsworth getroffen haben!"
"Ich traf Niko zum ersten Mal vor drei Monaten in Timber. Caris hatte sich der Stadt bemächtigt und wir, dass heißt Cifer und ich, wurden angewiesen, mit Niko zusammenzuarbeiten."
Squall war immer noch angespannt, allerdings ging es, wenn man erst mal redete.
"Welchen Eindruck machte er auf Sie?"
"Er war professionell und sicher und seine Aktionen schlugen meist nie fehl..."
Squall dachte an ihre Flucht aus der Hotelbar, wo Cifer seinerzeit ausgerastet war.
"... allerdings war er auch im gleichen Maße arrogant und kühl und behandelte uns, entschuldigen Sie den Ausdruck, wie den letzten Dreck. Auch erschien er mir sehr konservativ im Bezug auf Regeln zu sein. Sein Bestreben, die Vorschriften einzuhalten, grenzte teilweise schon an Fanatismus. Später in der Verhandlung mit Caris entschied er sich dann, die Hälfte von Timber aufzugeben und wählte somit das sichere Überleben von Kitisa." Squall fiel auf, dass dies nicht so schlecht klang, wie es klingen sollte.
"Allerdings", fuhr er schnell fort, "schien ihn diese Entscheidung zu wurmen. Ein Resultat war die Anordnung von 'Code: 255', der den Tod der Hälfte von Timber zur Folge gehabt hätte. Ich glaube, dass Niko trotz seiner Professionalität tief im Inneren von kleinen persönlichen Motiven getrieben wird. Ich denke, dass Quistis richtig gehandelt hat, indem sie ihn für unzurechnungsfähig erklärte", schloss Squall.
Ziemlich bald danach durfte er aufstehen. Alles in allem hatte er eine gute Figur gemacht, dachte er sich.
"Nithaphin, Sie dürfen sich jetzt erklären!", sagte Kane trocken.
Niko stand auf und räusperte sich. Squall hatte ihn noch nie so arrogant und blasiert gesehen.
"Diese... Anhörung... ist eine Farce. Ihr lanciert Meinungen gegen mich, ihr ruft Zeugen auf, die persönlichen Groll gegen mich hegen..."
"Goodsworth, fügen Sie dies dem Beschwerdebrief an die Direktion bei. Außerdem war Frau Tilmit sicher nicht eine Zeugin, die gegen Sie ist", unterbrach Kane.
"Na schön. Ich möchte mich eigentlich ungern erklären, aber na gut. Ein Soldat, ein SEED, muss manchmal schnell handeln. Er muss die Situation einschätzen. Das habe ich getan. Ich wollte Timber retten, ich wollte diese Welt von diesem Caris befreien. Bedauerlicherweise war die Kooperation sehr gering, da alle meinten, dass Caris keine Bedrohung sei, die 'Code 255' rechtfertigen würde. Nun, die Verhandlungen zeigen das Gegenteil. Ich halte Caris für eine weitaus schlimmere Bedrohung als diese Aomes Trianirea oder gar irgendeine diffuse Gottheit."
Klack. Squall drehte sich um. Die blonde Frau hatte ihren Notizblock fallen gelassen. Sie hob ihn nicht auf. Stattdessen starrte sie Niko mit einem ungläubigen Zorn an. Niko sprach ungerührt weiter und würdigte die Frau keines Blickes.
"Ich will nur sagen, dass durch Trepes Eingreifen Caris entkommen konnte und von nun an geht jeder Tote und jeder Überläufer auf ihre Rechnung und nicht auf meine. Denn wenn meine Pläne adäquat umgesetzt worden wären, wäre Caris heute nicht mehr am Leben."
Niko setzte sich. Im Saal war es ruhig. Die blonde Frau starrte Niko weiterhin an. Kane und die Kommission flüsterten kurz. Dann stand sie auf.
"Wir verlesen nun das Urteil. Wir befinden Nithaphin Kosemierre Goodsworth für schuldig. Die Bestrafung fällt folgendermaßen aus. Goodsworth wird, aufgrund seiner bisherigen Erfolge, weiterhin als SEED beschäftigt und darf, auf besonderen Wunsch von Frau Kramer, weiterhin die Suche nach den Artefakten leiten..."
Squall hätte fast vor Überraschung gehustet. Wieso will Edea Niko noch im Amt lassen? Er suchte ihren Blick, doch sie las anscheinend irgendwelche Notizen.
"... muss jedoch ab nun alle Ergebnisse offen legen. Des Weiteren beantrage ich eine Untersuchung seines Büros. Sein SEED-Level wird aufgrund des harten Vertrauensverlustes von A auf 22 zurückgestuft. Ebenso muss er das Amt des stellvertretenden Direktors auf unbefristete Zeit niederlegen. Alle Maßnahmen werden sofort gültig, die Sitzung ist geschlossen!"
Niko stand auf und verließ den Raum mit schnellen Schritten. Auch Selphie sprang auf und rannte ihm hinterher. Squall suchte die blonde Frau, doch sie war in der Masse nicht mehr zu erkennen.
Es war schwül geworden. So schnell wie der Winter gekommen war, schien er nun wieder zu verschwinden.
Düstere Wolken hingen am Himmel und die Bewohner des Gardens fragten sich, wann wohl das große Gewitter anfangen würde. Weitsichtig wurden über der Mensa bereits Planen gespannt. Nicht zu früh, denn passend zur Mittagszeit donnerte es zum ersten Mal kräftig und zehn Minuten später regnete es stark.
In der Mensa war es laut. Viele kamen, um sich nach der Anhörung zu erfrischen. Einem späteren Mythos zufolge kam sogar Ariana Kane, um sich herzhaft ein paar Hot Dogs zu gönnen.
"Das gibt es doch nicht! Die lassen Niko einfach so mit einer kleinen Pissstrafe davonkommen!", brummte Squall und aß wütend seinen Goblin-Braten.
"Seit wann fluchst du eigentlich so viel? Lass doch Niko Niko sein. Er hat seine Bestrafung bekommen", antwortete Rinoa ruhig, während sie an einem Saft nippte.
"Mann, ich dachte, die schmeißen das Arschloch hochkant raus!", meinte Squall wütend und stopfte sich einen weiteren Bissen in seinen schon vollen Mund.
"Ja und da würde er dann woanders sitzen und seine Macht missbrauchen. Sei doch froh, dass Niko an die Leine gelegt wurde. So hast du ihn wenigstens im Blick. Und Edea hat sicher ihre Gründe. Und außerdem, wenn du weiter so das Essen in dich reinstopfst, wirst du noch ersticken!", sagte Rinoa lächelnd.
Squall nahm einen großen Schluck Wasser und spülte seinen vollen Mund leer. Er legte kurz das Besteck beiseite und betrachtete die Mensa. Die Menschen drängten sich unter den Schirm. Ein besonders lauter Donner ließ ein paar zusammenzucken. Gerade hatte Squall einen weiteren Bissen geschluckt, als...
"Hey Fib. Kommsch dosch zu unsch", rief Squall.
"Hey, Squall, schön dich zu sehen. Und du musst Rinoa sein", sagte Fib, der zu ihnen getreten war und sich setzte.
"Wie geht's, Fib? Alles wieder in Ordnung?", fragte Squall.
"Mehr oder weniger. Ich hatte heute Nacht Albträume, aber ansonsten... Na ja, ich wollte eigentlich demnächst nach Hause. Die SEEDs organisieren Transporter für die geretteten Geiseln", meinte Fib.
"Na ja, da ist ja noch etwas. Irgend eine Ahnung, wieso sich Prokylta so für dich interessiert hat?", fragte Squall, nachdem er seinen Salat gegessen hatte.
Fib wollte gerade seinen Mund öffnen, als...
"Squall Leonhart?"
Squall blickte hoch. Die blonde Frau aus der Anhörung stand am Tisch. Squall stand auf.
"Hallo, ich bin Skylar Goodsworth", sagte die Frau.
"Ja, Sie sind die Radiomoderatorin. Ich kenne Sie", antwortete Squall leicht erstaunt und schob einen extra Stuhl für sie heran.
Skylar setzte sich.
"Ich weiß nicht, ob Sie das wissen, aber ich bin die Schwester von Niko und Niida", sagte Skylar.
"Ähm... nein, das wusste ich nicht", sagte Squall rasch.
Es war die halbe Wahrheit. Der Name Skylar Goodsworth war ein Bestandteil seines Alltags gewesen, da sie in Balamb oft zum Frühstück ihre Sendung gehört hatten. Er hatte den Namen so verinnerlicht, dass er nie auf die Idee gekommen wäre, dass sie in irgendeiner Verbindung zu den Goodsworths stehen würde, die er kannte. Auch hatte Niida nie etwas von Skylar erzählt. Aber Niida hatte auch sehr wenig erzählt...
Dann fiel Squall plötzlich sein Traum von vor drei Monaten ein, wo er kurze Szenen aus dem Leben der Goodsworth gesehen hatte. Aber Skylar war nie körperlich in dem Traum vorgekommen.
Sie hatte, wie alle Goodsworths, braune Augen doch in ihren Augen fand sich eine Wärme, die er bisher in keinem anderen Familienmitglied gesehen hatte. Im Gegensatz dazu hatte ihre Kleidung und ihr Auftreten etwas Professionelles und Distanziertes.
"Sie waren bei der Anhörung Ihres Bruders", sagte Squall etwas unsicher.
Jeder Goodsworth hatte sich bisher nahc einer Weile zu einem Monster entwickelt.
"Ja, aber das war eher zufällig. Ich bin beruflich hier, um über die Anhörungen zu berichten. Ich weiß, dass Sie mit meinem Bruder Niida eine gewisse Zeit in engem Kontakt standen und deswegen dachte ich, ich stelle mich mal vor", sagte Skylar.
"Ich kannte Niida nicht wirklich gut. Wir waren eben für eine sehr kurze Zeit sehr intensiv gemeinsam unterwegs", meinte Squall.
"Ich konnte zu seiner Beerdigung nicht kommen, da Niko es nicht für nötig gehalten hatte, mich über seinen Tod zu informieren. Aber wurde Niida wirklich von Hyne getötet?"
"Ja."
Skylar nickte.
"Ich habe ihn nicht mehr gesehen seit er zwölf war. Seinerzeit ist in unserer Familie etwas Fürchterliches passiert. Manchmal haben wir uns Briefe geschrieben. Er hat mir manchmal ein Foto von sich geschickt."
Sie blickte selbstvergessen in den Regen. Squall überlegte kurz, ob er ihr von Xelto erzählen sollte, ließ es dann aber.
"Haben Sie sich nicht mit Niko drüber unterhalten?", fragte Rinoa.
Skylar lachte bitter.
"Wohl kaum. Er flüchtet buchstäblich vor mir. Außerdem ist er ein Arsch, entschuldigen Sie den Ausdruck. Leider liebe ich ihn... tief in meinem Inneren", sagte Skylar brüsk.
Squall überlegte kurz.
"Frau Goodsworth..."
"Nennen Sie mich Skylar, bitte."
"Skylar, kennen Sie eine Organisation namens Per Manum?", fragte Squall.
Aus den Augenwinkeln sah er, wie Fib merkwürdigerweise kurz zusammenzuckte.
"Nur die üblichen Journalistengerüchte. Ich hab zu meiner Zeit als Reporterin mal ne Story über die machen wollen, aber außer ein paar Gerüchten war nichts dran. Wieso?"
"Ah, nur so. Rinoa, Fib, Skylar, ich muss leider gehen. Ich habe gehört, dass Zed Black gefangengenommen wurde und ich muss mich mal mit ihm unterhalten", sagte Squall und stand auf.
Skylar stand mit ihm auf, verabschiedete sich und verschwand in der Menge.
"Ähm... wegen Per Manum..."
Rinoa drehte sich um. Dieser Fib war nicht aufgestanden.
"Ich arbeite für die", sagte Fib ruhig.
Rinoa glaubte zuerst, sich verhört zu haben.
"Was?"
"Ja... äh... ich weiß nur nicht, was daran schlimm sein soll", sagte Fib unsicher.
"Was wissen Sie über Per Manum, Fib?", fragte Rinoa unsicher.
"Nur dass es eine Organisation für statistische Erhebungen ist und dass die Mitarbeiter niemanden davon erzählen dürfen... wogegen ich wohl gerade verstoße. Wieso, gibt es da mehr?", fragte Fib unsicher.
"Nun..."
In der Basis von Aomes Trianirea herrschte absolute Ruhe, denn es wurde die vorgeschriebene Mittagsruhe abgehalten. Alle Mitglieder hatten sich dafür in ihre Quartiere zurückgezogen, wo sie alleine das Credo der Sekte wiederholen sollen.
Nur ein Sektenmitglied huschte eilig durch die Gänge...
Im öffentlichen Leben ein Lehrer, konnte er hier endlich seine wahren Ambitionen ausleben. Die Herrin hatte ihn persönlich mit einem Auftrag betraut. Er sollte ihren Ritter, den Schwarzen Prinzen, finden. Dieser Junge ekelte ihn an. Er konnte beim besten Willen nicht verstehen, was seine Herrin sich von ihm erhoffte.
Schon von weitem hörte man das Gestöhne, was die heilige Ruhe unterbrach. Eine ihrer Zofen, Lauren, stand mit einem angewiderten Blick vor der Tür zu Xeltos Quartier.
Das Mitglied betrat voller böser Vorahnungen das Zimmer und fand Xelto und die anderen elf Zofen unbedeckt im Bett vor. Diese unglaubliche Triebhaftigkeit... Das Mitglied schüttelte sich vor soviel perversen und hirnlosen Verhalten.
"Was ist denn?", brüllte Xelto aus dem Bett heraus.
"Prokylta möchte Sie sehen... Jetzt!"
Die Mädchen maulten. Sauer erhob sich Xelto aus dem Bett und zog sich schnell seine schwarzen Roben an. Das Mitglied guckte beschämt woanders hin. Xelto verließ ärgerlich den Raum und fand Lauren vor.
"Wieso kommst du nicht mal zu uns?", fragte Xelto sie.
"Du widerst mich an. Wärst du nicht Mamas Liebling, ich würde dich eigenhändig töten", sagte Lauren hasserfüllt.
Xelto zuckte mit den Schultern und schritt dann zu Prokyltas Quartier.
"Hätte das nicht warten können?"
"Hör zu, Junge, ich gebe dir viele Freiheiten, aber du weißt, wenn es um unsere Arbeit geht, musst du alles andere zurückstecken. Wir sind weit gekommen. Bitte knicke nicht kurz vor Ende ein", sagte Prokylta.
Beide befanden sich im Konferenzraum der Sekte. Die Karte, die Xelto aus dem Museum von Dollet hatte mitgehen lassen, hing an der Wand. Vor Prokylta lagen vier leuchtende Scheiben, die als Informationsträger dienten.
"Mit Hilfe der Ergebnisse der Berechnungen, die du aus jedem unserer Unterbasen geholt hast, und mit der Karte, sollten wir in der Lage sein, einen weiteren Teil der Prophezeiung zu entschlüsseln", fuhr Prokylta ruhiger fort.
"Und was ist mit dem Wasser-Lacrima?", fragte Xelto.
"Ein Spion von uns meldete bereits den Standort des Lacrimas. Ich habe bereits ein Team entsendet. Doch nun müssen wir uns um Hyne kümmern. In Aloins Körper ist der Schöpfer sicher besser aufgehoben, als in diesem Niida, aber seine Kräfte sind noch zu schwach und sein Wissen begrenzt."
"Und was genau müssen wir also tun?"
"Exakt die richtige Frage. Und die exakte Antwort kriegen wir aus der Prophezeiung", sagte Prokylta und trat an eine große Tür.
Sie legte ihre Hand auf eine Fläche. Es gab ein kleines Klicken. Die Tür öffnete sich langsam und schwer.
Xelto beeindruckte der Anblick der Prophezeiung immer wieder. Es war ein riesiges Stück Pergament, das groß genug war, einen ganzen Raum auszufüllen. Auf ihr erschienen und verschwanden immer wieder Zeilen und Buchstaben.
Diese Prophezeiung speicherte einen endlosen Wissensschatz. Nur musste man die richtigen Fragen stellen, sonst gab sie einem kryptische und nichtssagende Antworten. Seine Herrin hatte nach einer Weile begonnen, die Prophezeiung in Verse zu unterteilen, um das bereits abgefragte Wissen zu archivieren.
Die Prophezeiung befand sich hinter einer großen aus Volunt bestehenden Scheibe, die es unerreichbar für jegliche Arten von Magie und Kopplungen machte. Prokylta stellte sich an einen Computer und fügte die vier Scheiben zusammen. Xelto wurde kurz geblendet. Es gab ein Zischen, wie beim Entweichen von Luft und die Scheiben verschmolzen in einem geheimnisvollen bläulichen Licht wie flüssige sich anziehende Magneten. Innerhalb kürzester Zeit hatten sie eine neue viereckige Form gebildet. Prokylta legte sie in eine handförmige Vorrichtung. Sofort begann der Computer verschlüsselte Befehle an die Prophezeiung zu senden. Das Buchstabendurcheinander auf der Prophezeiung kam zu einem abrupten Halt. Ein paar Buchstaben leuchteten auf und bildeten eine neue Zeile. In Prokyltas Blick war etwas Sehnsüchtiges und fast meinte Xelto erkennen zu können, dass ihre Augen feucht wurden. Der Computer spuckte ein Stück Papier aus. Prokylta griff es, betrachtete es eine Weile und las dann vor.
"Nur wenn alle drei Schwerter wie einst vereint,
der Schöpfer wird auferstehen und seine Macht entfalten können."
Der Keller des Gardens, früher einmal Sitz von Master Norg, war nun zu einem Gefängnistrakt umgebaut worden.
Mehrere Türen öffneten sich knarrend vor Squall, bis er sich endlich in einem Verhörraum hinsetzen konnte. Er war karg eingerichtet und bestand nur aus einem Tisch und zwei Stühlen, alles angeschraubt und damit unbewegbar. Squall versuchte gerade, seine Beine unter den Tisch zu klemmen, als eine andere Tür aufging. Ein SEED geleitete Zed Black in den Raum.
Zed sah genauso aus, wie Squall ihn in Erinnerung gehabt hatte, abgesehen davon, dass seine Haare kürzer geworden waren. Seine blauen, kalten Augen starrten Squall unbewegt an.
"Ich habe mich schon gefragt, wie lange es dauern würde, bis diese SEEDs ihre Verhörspezialisten los schicken, um Informationen aus mir rauszuprügeln. Ich hatte jedoch keine Ahnung, dass ich wichtig genug bin, dass sie den miesesten unter ihnen entsenden."
"Halten Sie den Mund", knurrte Squall. Zed lächelte.
"Also, Zed. Sie haben uns mehrmals kräftig verarscht. Anfangs dachte ich, sie wären ein kleiner Irrer, doch ich habe Sie zugegebenermaßen unterschätzt. Dann dachte ich, Sie wären ein treuer Galbadia-Anhänger und hätten für Caris gearbeitet. Nun denke ich, dass Sie Informationen haben. Ich möchte Antworten von Ihnen. Ganz einfach. Dann mache ich mich für eine Zelle mit Ausblick stark", sagte Squall.
Zed nickte kurz. Squall gab sich fünf Sekunden Zeit.
"Erstens möchte ich fragen, wer sich für mein Privatleben interessiert und wem Sie das Verhörprotokoll aus dem Wüstengefängnis ausgehändigt haben."
"Das war nur für mich. Ich musste es von Prokylta fernhalten, um meine eigene Position zu stärken. Caris interessiert sich nicht für so was, genauso wenig wie Per Manum. Unter uns gesagt ist genau das der Grund, wieso sie beide untergehen werden. Ich kann Ihnen nur sagen, dass diese paar Zettel eines Tages viel wert sein werden", sagte Zed.
"Wo sind diese Protokolle?"
"Nicht hier, soviel ist sicher. Kann ich ein Glas Wasser haben?", fragte Zed.
"Wenn wir hier fertig sind."
"Erpressung, wie? Von mir aus. Egal, in welchem politischen System man kommt, die Methoden und die Barbarei der Menschen ist überall gleich."
Squall blickte wütend in Zeds kalte Augen.
"Sie bekommen Wasser, aber zuerst die Fragen. Caris hat Sie also auf Prokylta angesetzt. Weswegen?"
"Nicht Caris. 'Der Boss' hat mich auf Prokylta angesetzt, genauso wie 'der Boss' mich auf Caris angesetzt hat. Sie sehen, 'der Boss' hat Caris nie ganz getraut. Er wusste, dass er eigene Pläne hegen würde", meinte Zed.
"Sie. 'Der Boss' ist eine sie. Uns ist zu Ohren gekommen, dass Julia Heartilly 'der Boss' ist. Stimmt das?", fragte Squall.
"Ja und nein. 'Der Boss' ist nicht von Personen abhängig. 'Der Boss' hat viele Gesichter", sagte Zed rätselhaft.
"Und Prokylta? Was ist mit ihr? Sie war bei Per Manum, oder?"
"Sie stellen die falschen Fragen, Squall. Ich helfe Ihnen, doch dazu will ich ein paar mehr Aufmerksamkeiten. Ein Glas Wasser wäre ein guter Anfang."
"Wo befindet sich 'der Boss'?", fragte Squall ruhig.
"Teneralem."
"Was bedeutet das?"
"Teneralem bedeutet Teneralem. Den Rest müssen Sie schon alleine herausfinden. Mit einem Glas Wasser hätte freilich alles ganz anders ausgesehen", sagte Zed.
Er stand auf und klopfte an die Tür. Der SEED kam und geleitete Zed aus dem Raum.
"Es gibt keinen Ort namens Teneralem", sagte Quistis kopfschüttelnd.
"Eine Straße vielleicht? Ein Haus, irgendwas", fragte Squall.
"Nein, nichts."
Quistis blickte erschöpft von der elektronischen Karte auf.
"Sorry, Squall, aber ich glaube, der Typ hat dich einfach verarscht", sagte Quistis und verließ den Kartenraum.
Squall ging enttäuscht die Haupthalle des Gardens entlang. Die Gänge waren wie leergefegt, da inzwischen wieder eine Anhörung stattfand. Leise hörte er aus der Aula Gemurmel. Er versuchte halbherzig etwas zu verstehen, als jemand seinen Namen rief. Als er sich umdrehte, sah er, wie Rinoa auf ihn zu rannte.
"Squall, ich glaube, wir haben eine Spur", sagte sie und deutete auf Fib, der unsicher und nervös hinter ihr stand.
Nikos Büro wurde derweil durchsucht. Er hatte eine Weile lang zugesehen und sogar bereits begonnen, das Kommando über die Durchsuchung zu übernehmen, doch nach langem Flehen von Selphie war er schließlich gegangen und gönnte sich in der Mensa eine Pause.
So herrschte geordnete Unordnung, als die SEEDs Aktenordner durchsuchten, Karten fanden und sich über Nikos rosa Kugelschreiber lustig machten. Gerade waren sie dabei, in den Schubladen Ersatzunterhosen (mit rosa Herzchen) für den Notfall zu finden, als der heitere Routine Job eine interessante Wendung nahm. Jemand hatte dem Spektakel eine Weile lang zugesehen, war jedoch mit dem Fortschritt äußerst unzufrieden.
"Entschuldigen Sie, aber hier können nur SEEDs re..."
Weiter kam er nicht, denn dieser Jemand hielt ihm den Mund zu. Cifer Almasy stieß den lästig inkompetenten SEED beiseite und betrat mit wehendem Mantel das Büro. Er wurde das Gefühl nicht los, dass hier etwas Wichtiges übersehen wurde. Cifer kletterte unter den Schreibtisch und entdeckte sofort etwas, das seinen Verdacht bestätigte. Einen Knopf. Die SEEDs sahen ungläubig zu, wie sich eine ganze Wand beiseite schob und dahinter ein Geheimraum zum Vorschein kam. Noch ungläubiger sahen sie zu, wie Cifer kurzerhand sich ein Stapel Akten nahm und den Raum wortlos verließ.
"Dein hochgeschätzter Niko hat also in einer Geheimkammer Akten aufbewahrt. In diesen Akten stehen Beschreibungen. Diese Beschreibungen handeln von Missionen, von denen er euch Komikern kein Wort erzählt hat. Eine dieser Missionen war eine Schiffsmission..."
"Cifer, du musst nicht mit mir reden, als wäre ich ein Kleinkind. Ich kann lesen, danke", brummte Xell.
"Wirklich? Oh, mein Gott, Xell, das wusste ich wirklich nicht", sagte Cifer mit gespieltem Einfühlungsvermögen.
Xell schoss ihm ein Blick voller Verachtung zu.
"Mmmh, Frequenz 132,31. Mal sehen", sagte Xell und setzte sich ans Funkgerät und drehte an dem Regler.
Er rief ein paar Mal die andere Seite, jedoch ertönte nur Rauschen.
"Bist du sicher, dass du damit umgehen kannst, Käseheini? Wo ist der Funker?", fragte Cifer skeptisch, während er beobachtete, wie Xell gegen das Funkgerät schlug und somit kleinere Erdstöße durch das Direktorat schickte.
"Tot! Niida war unser Funker", wütete Xell zurück.
"Ja, aber das ist ja ne Weile her. Das Management des Gardens ist echt beschissen, wenn du innerhalb von drei Monaten keinen Ersatz gefunden hast..."
"Hey, Arschloch, musst du nicht aufs Klo?", fragte Xell genervt.
"Schickst du jemanden raus, 'Direktor'?", fragte Cifer mit einem höflichen Singsang-Ton, der schlimmer war als jede Beleidigung.
Anstelle einer Antwort trat Xell an die Sprechanlage für den Garden.
"Quistis, Selphie, bitte ins Direktorat."
"Zwei Leute? Ein bisschen wenig."
"Quistis offizielle Anklage kann man problemlos hinauszögern. Und Selphie würde es gut tun, wenn sie von Niko wegkäme", sagte Xell eher zu sich selbst.
"Hey, Xell, zwei Leute sind wenig. Hier geht's um ein Artefakt", sagte Cifer.
"Willst du etwa mitgehen? Das ist eine SEED-Mission. Zivilisten dürfen nur mit meiner Zustimmung dabei sein. Und die bekommst du nicht, Alter", sagte Xell.
Er sah Cifer an. Auf Cifers Gesicht fand ein Kampf der Emotionen statt. Dann...
"Bitte", presste Cifer hervor.
Xell grinste.
"Hey, Cifer, DU bittest mich um was? Komm, sag es noch einmal. In einem vollen Satz", sagte Xell auf einmal hervorragend gelaunt.
"Komm, Xell, sei kein Arschloch", ertönte eine Stimme.
Squall war auf die Brücke gekommen.
"Hab deinen Ausruf gehört. Cifer, du kümmerst dich also um das Artefakt? Schade, hätte dich gern in Deling dabei gehabt. Rinoa und ich haben ne Spur, die uns zum 'Boss' führt", sagte Squall.
"Pass ja auf sie auf", sagte Cifer drohend, aber er klopfte gleichzeitig Squall kurz auf die Schulter.
Für einen kurzen Moment schien es Squall, als wären sie beide seit ihrer Geburt gute Freunde gewesen. Wie sich die Dinge doch entwickelten...
Der Garden setzte vor Dollet im Ozean auf. Squall, Rinoa und Fib mieteten sich in Dollet ein Auto und fuhren nach Deling City, um Aufsehen zu vermeiden. Cifer, Quistis und Selphie sollten mit einem Schnellboot zu dem vermissten Schiff fahren.
"Nicht vergessen. Ein kleines U-Boot befindet sich in der Ausrüstung. Ihr könnt bei Bedarf jederzeit tauchen. Laut Nikos Info befindet sich das Wasser-Artefakt... nun im Wasser. Macht euch um uns keine Sorgen. Die Maschinen des Gardens brauchen eh mal Kühlung. Er hat quasi seit drei Monaten auf einem Fleck geschwebt. Ich wollt außerdem mal nach Dollet..."
"Ist die Ansprache zu Ende, Quasselfuß? Wir wollen los", brummte Cifer und ging an Bord.
"Ein richtiger kleiner Sonnenschein, was?", sagte Quistis und ging hinterher.
"Hey, wird das einer deiner Verhöre? Squall hat mir erzählt, wie du ihn früher damit genervt hast", antwortete Cifer.
"Ich frage nur interessante Männer aus", sagte Quistis bissig.
"Ich bin die Checkliste durchgegangen. Das Schiff ist in einem zufriedenstellenden Zustand. Wir können los", sagte Selphie vom Steuer.
"Na dann los!", rief Quistis.
"Juhu", sagte Cifer tonlos.
Die Mission stand unter einem schlechten Omen. Die drei hatten sich ein Schnellboot besorgt, sodass sie möglichst schnell am Einsatzort sein konnten. Leider fuhren sie damit geradewegs in einen Sturm. Nach vielem Gebrülle und hektischen Handlungen, gelang es Selphie das Boot halbwegs sicher durch den Sturm zu manövrieren. Dann stellte sich heraus, dass sie zu weit vom Kurs abgekommen waren. Bis sie endlich ihr Zielgebiet erreicht hatten, waren bereits viele Stunden vergangen, ohne dass die eigentliche Mission angefangen hätte.
Erstmal vor Ort, schienen sich die Dinge zu bessern. Das Boot wurde schnell gefunden. Es war komplett verlassen. Sie fanden dafür am Funkgerät und im Maschinenraum mehrere Blutspuren. Außerdem sah es so aus, als hätte jemand das Funkgerät sabotiert.
Cifer hoffte inständig, dass sich die Vermissten entweder auf einer Mission befanden oder tot waren. Den Gedanken, dass Caris gerade durch Gehirnwäsche drei weitere Leute auf seine Seite zog, fand er nicht gerade berauschend. Eine Analyse des Bordcomputers führte dann zu den Ergebnissen, dass sich der Wasser-Lacrima in einem riesigen Komplex tief im Ozean befand.
"Tja, wir werden wohl untertauchen müssen", sagte Quistis mit einem Ausdruck auf dem Gesicht, als hätte man ihr befohlen, Niko zu heiraten.
Für Squalls Geschmack fuhr Rinoa um einiges zu schnell. Mehrmals mussten bereits Passanten hastig von der Strasse flüchten. Anfangs hatte er versucht, sie drauf hinzuweisen, jedoch entgegnete Rinoa lediglich, dass sie es eilig hätten. Immerhin kamen sie Deling City so schnell näher.
"Ich hab mich übrigens mal über Skylar Goodsworth schlau gemacht. Im Schubfach liegt ihre Akte", sagte Rinoa plötzlich ohne Vorwarnung, während sie mit Lichthupe einen langsameren (wesentlich vernünftigeren) Autofahrer überholte und, kurz bevor sie von einem entgegenkommenden Fahrzeug gerammt wurden, wieder einscherte.
Squall überflog einen ausgedruckten Bericht. Skylar war anscheinend eine hervorragende Schülerin und Studentin gewesen. Sie hatte Journalismus studiert und quasi bei jeder Zeitung einmal angestellt gewesen. Später war sie dann zum Radio gegangen.
"Sie hat mich kurz vor ihrer Abreise angesprochen und mir ihren Kommunikator gegeben. Wir können sie jederzeit anrufen. Ich glaub, die Per Manum-Sache behagt ihr gar nicht. Vielleicht will sie ja wieder ins große Journalismusgeschäft einsteigen", sagte Rinoa.
"Etwas Hilfe könnte uns ganz gut tun", sagte Squall ruhig, blickte in den Rückspiegel und sah Fib auf der Rückbank, der es anscheinend gar nicht erwarten konnte, das Auto zu verlassen.
"Wir sind in der richtigen Höhe", sagte Selphie unsicher und starrte aus dem Fenster.
Die letzten dreißig Minuten waren sie konstant gesunken. Das Schaukeln des U-Bootes machte Cifer krank. Durch die große Sichtluke konnte man nur tiefste Schwärze erkennen.
"Riskieren wir ein Blick", schlug Quistis vor.
Selphie nickte und legte einen Schalter um. Die Scheinwerfer des U-Bootes wurden eingeschaltet. Aus dem Lichtkegel flohen sofort ein paar Fische.
Selphie drückte auf einen weiteren Schalter und das U-Boot setzte sich leise surrend in Bewegung. Langsam glitt das kleine Schiff durch den Ozean. Man hatte das Gefühl, ein Eindringling zu sein, da anscheinend alles sich sofort zurückzog, wenn der Lichtstrahl etwas berührte. Cifer konnte es ihnen nicht verübeln. Keiner von den Wesen hier unten hatte wohl je einen Mensch gesehen.
"Wir bewegen uns direkt auf den Wasser-Lacrima zu", flüsterte Selphie, die das Boot nach zwei Bildschirmen vor ihr steuerte.
"Kann sein, kann nicht sein", murmelte Cifer.
Die Landschaft veränderte sich anscheinend überhaupt nicht. Dann auf einmal...
"Da vorne ist etwas", sagte Quistis angespannt.
Cifer blickte nach vorne. Da leuchtete etwas... Er sah die scharfen Umrisse einen großen Felsens, der ihnen den Blick auf die Quelle des geheimnisvollen Leuchtens versperrte.
"Ich steige etwas auf", sagte Selphie und betätigte einen Schalter.
Sofort kam ein lautes Zischen. Cifer hätte sich Sorgen gemacht, würde er nicht an Selphies unveränderten Ausdruck erkennen, dass alles in Ordnung war. Das U-Boot stieg ruhig ein paar Meter. Und was langsam ins Sichtfeld kam, war unglaublich.
Es war eine Stadt. Eine alte, zerstörte Stadt auf dem Meeresgrund. Sie war so groß und gigantisch, dass man das andere Ende der Stadt nicht erkennen konnte. Die Grenzen verliefen ins Endlose des Ozeans.
Das bläuliche Licht kam von einem riesigen Komplex, der alles andere Gebäude überragte. Ein Tempel. Selphie schaltete das Licht aus. Sofort konnten alle mehr sehen. Es war ein gewaltiges Bild.
Hunderte Wesen schwammen durch den gewaltigen Ozean, meist nur als dunkle Umrisse vor dem bläulichen Licht erkennbar. Wesen in einer Vielfalt, von der man auf der Oberfläche nur träumen konnte. Quistis stieß einen kleinen Schrei aus. Ein Wesen kam heran geschwommen. Es erinnerte Cifer vage an einen Oktopus. Nur waren seine Fangarme so gigantisch, dass sie das U-Boot mühelos hätten zerquetschen können.
Selphie stieß einen leisen Schrei aus. Das Wesen war beim Schiff angekommen und begann, seine Arme um das Schiff zu schlingen. Cifer hörte das dumpfe Aufkommen der Fangarme. An der Scheibe klebte etwas, was an einen Mund erinnerte. Eine Zunge kam heraus und begann, die Scheibe abzulecken. Selphie begann zu wimmern und auch Cifers Herzschlag schlug schneller. Nur Quistis blieb merkwürdig ruhig.
"Es ist nicht bösartig. Es... es prüft nur, ob es uns fressen kann", sinnierte Quistis.
Cifer fand das durchaus beunruhigend und seine Hand fuhr an seine Gunblade, obwohl er keine Vorstellung, wie sie ihm hier unten nutzen sollte. Auf einmal ließ das Wesen auf einmal das Schiff frei und schwamm davon. Alle drei blieben kurz ruhig, bis Quistis' merkwürdig ruhige Stimme ertönte.
"Weiter."
Dies löste die Lethargie und Selphie begann nun, auf den Tempel zu zusteuern.
"Hey, da unten scheint ein Schild zu sein", sagte Cifer und deutete auf etwas, was früher wohl ein Torbogen gewesen sein musste.
Aus irgendeinem merkwürdigen Grund waren die Schriftzüge noch gut lesbar. Quistis atmete auf einmal scharf ein. Cifer verstand nicht warum, denn auf dem Monitor stand doch lediglich der Name "Teneralem".
Obwohl es in Deling City wegen der besonderen Lage (die Stadt lag im Schatten eines Kometen, der sich in gleicher Geschwindigkeit um die Sonne drehte) immer Nacht war, gab es in der Stadt genauso einen geregelten Tagesablauf wie in jedem anderen Ort auf dem Planeten.
Squall fuhr langsam durch die fast vollkommen leeren Strassen der Stadt. Er und Rinoa hatten nach einer Weile getauscht, da sie immer müder geworden war. Sie schlief ruhig im Beifahrersitz.
Aus ein paar Bars ertönte immer noch Musik, aber ansonsten schien die Stadt zu schlafen. Vom Rücksitz aus gab Fib immer wieder Anweisungen, wohin sie zu fahren hatten. Er war während der Fahrt sehr ruhig gewesen. Squall vermutete, dass er noch nicht ganz die Wahrheit über Per Manum verkraftet hatte.
Sie hielten vor einem Bürogebäude in der Nähe des Stadtzentrums. Es gehörte zu den modernen neuen Gebäuden, die, nach dem Fall der Diktatur vor fünf Jahren in Rekordgeschwindigkeit gebaut, alle hässlich aussahen und die Stadt verunstalteten.
Squall beugte sich zu Rinoa. Er strich ihr ihre graue Strähne aus dem Gesicht. Mit einem Ruck erwachte sie.
"Wir sind da", flüsterte er.
Rinoa lächelte ihn an und nickte.
"Hör mal, Rinoa, vielleicht wäre es aufgrund deiner Schwangerschaft besser, wenn du hierbleiben...", begann Squall, doch Rinoa war bereits aus dem Auto ausgestiegen.
Sie stiegen über eine Dachleiter in das Haus ein. Laut Fib befanden sich, abgesehen von dem Pförtner, keine Wachen im Gebäude. Durch die gewaltigen Fensterfronten schien das Licht von den Strassenlaternen hinein. Ihre Schritte verhallten in den gespenstisch leeren Fluren und Treppenhäuser, die alle leblos und steril eingerichtet waren. Schließlich kamen sie in einen Raum mit Computern. Sie standen in mehreren Reihen fast parallel zueinander. Alles schien so eingerichtet worden zu sein, dass man möglichst effektiv arbeiten konnte, nicht jedoch, dass man dabei Spaß hatte, dachte sich Squall.
"Hier arbeite ich", meinte Fib unsicher und führte sie zu seinen Platz.
Bis auf ein Schild, auf dem 'Fibrean Copper' stand, gab es keine Anzeichen auf persönliche Sachen.
"Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich machen soll", sagte er.
Seine Stimme hallte im Raum wieder.
"Sie werten Statistiken aus, richtig?", fragte Rinoa.
Fib nickte.
"Und wem geben Sie ihre Ergebnisse?"
"Die kleineren versende ich über das Netzwerk von Per Manum. Ich weiß allerdings nicht, wohin die gehen. Besonders auffallende Ergebnisse soll ich meinem Boss mitteilen. Er heißt Bob und ist ein fauler Idiot. Ist aber noch nie passiert", schloss Fib.
Er musste einen wirklich langweiligen Alltag haben, dachte sich Squall. Er könnte sich nicht vorstellen, Tag für Tag eine Arbeit zu machen, die ihn anödete.
"Wenn Sie sich ins Netzwerk einloggen, können wir mit diesem kleinen Werkzeug von Selphie vielleicht herausfinden, wohin jede ihrer Statistiken geht", meinte Rinoa triumphierend und zog einen kleinen viereckigen Apparat heraus.
Fib startete seinen Computer. Das Logo von Per Manum erschien auf dem Bildschirm. Allerdings wurde Fib beim einloggen nicht mit seinem Namen begrüßt, sondern mit der Nummer 243-32-XZ angesprochen. Rinoa steckte das viereckige Gerät in eine Vorrichtung für den Computer. Squall verstand zwar relativ wenig von Technik, nahm aber an, dass es sich um eine Art von Datenspeicher handelt und dass Selphie ein kleines Programm entwickelt hatte, mit dem man Nachrichten verfolgen konnte.
Das Programm arbeitete kontinuierlich. Rote Buchstaben erschienen auf dem Bildschirm. Das rötliche Licht beleuchtete die tiefen Sorgenfalten auf Fibs Gesicht.
"Du tust das Richtige, Fib", sagte Squall leise.
Fib nickte.
"Ja, ich denke nur an meine Kollegen. Die haben ja alle keine Ahnung, was sie hier wirklich tun", sagte Fib.
Der Computer gab auf einmal ein Signal von sich. 'Bitte Passwort eingeben' erschien auf dem Bildschirm. Rinoa sah hilfesuchend zu Fib.
"Keine Ahnung. Ich kenne die Passwörter nicht", sagte Fib nervös.
"Verdammt", fluchte Rinoa.
Squall starrte auf den Bildschirm. Irgendwas passierte. Eine inneren Eingebung folgend, sagte er auf einmal:
"Versuch es mal mit 'Teneralem'."
Fib gab hastig das Passwort ein.
Ein weiterer Ton ertönte.
"Wir sind drin", rief Fib fassungslos.
"Woher wusstest du das Passwort?", fragte Rinoa erstaunt, doch auf einmal erschien eine Adresse auf dem Bildschirm.
"Hey, wir haben eine Adresse! Die nutzt uns aber vermutlich auch nicht wirklich viel, denn es scheint ein Datenknoten zu sein. Mit anderen Worten, es ist eine Art Sammelbecken für Nachrichten, vermutlich auch aus anderen Teilstellen", erklärte Fib, als er Squalls verwirrtes Gesicht sah.
Squall blickte auf den Bildschirm und las sich die Adresse durch. Sein Blick flackerte zu Rinoa rüber. Sie schien fassungslos über das Ergebnis zu sein.
"Es ist die DEFTAA", flüsterte sie.
Etwas Weißes erstrahlte auf einmal. Squalls Augen brannten wegen der plötzlichen Helligkeit. Jemand hatte das Licht aufgemacht! Er sah am anderen Ende des Raumes unscharf sechs Umrisse. Es waren fünf Männer, alle in schwarze Mäntel gekleidet. Ein sechster stand an der Spitze, trug einen goldenen Gürtel, und war wohl ihr Anführer.
Er hatte ein spitzes Schwert in der Hand und trug eine Sonnenbrille.
"Sie sind doch mein Chef. Hey, Bob, was machst du hier? Und wer sind die anderen Typen?", rief Fib ungläubig.
"Halt die Klappe! Zu dir komme ich noch. So, ihr habt also den Datenknoten herausgefunden. Bedauerlicherweise kann ich euch nicht erlauben, diese Information an andere weiterzugeben. Aloin sollte nicht unbedingt davon wissen", sprach Bob.
Auch die anderen fünf Männer zogen Schwerter.
"Rinoa, Fib, haut ab, ich schaffe das schon", sagte Squall und zog seine Gunblade.
"Ich kämpfe mit", sagte Rinoa und zog ihre tödlich schimmernde Klinge.
"Nicht hier, Rinoa. Du bist schwanger und ich will nicht, dass den zwei wichtigsten Menschen in meinem Leben etwas zustößt", sagte Squall knapp.
Rinoa schien etwas erwidern zu wollen, nickte jedoch nach einem kurzen Moment.
"Nimm wenigstens mein Schwert", sagte sie und drückte Squall ihre Klinge in die Hand.
Sein Blick kam kurz auf den Griff. Er war überrascht, dass er dort einen Namen las: 'Murasame'.
Die Schritte von Rinoa und Fib verhallten schnell. Squall starrte die sechs Männer an. Es war vollkommen ruhig. Nur das leise Brummen der Lampen war zu hören.
Nach einer Weile befahl Bob lässig.
"Tötet ihn, um den Rest kümmern wir uns später."
Die Männer bewegten sich langsam auf Squall zu, jeder von ihnen die dünne Klinge auf ihn gerichtet. Sie bildeten einen Halbkreis um ihn und umstellten Squall somit vollkommen. Er hob seine beiden Schwerter. Zwei waren vor ihm, drei hinter ihm.
Eine Zeit lang passierte nichts. Nur das flache Atmen der Männer war zu hören. Squall sah einem kurz in die Augen. Sie waren kalt. Er wusste, dieser Kampf bedeutete den Männern nichts. Es war kein Hass, der sie trieb, es war nur ein Job, den es zu erledigen galt. Sie erwarteten einen schnellen Kampf und einen Mord mehr auf ihrer Liste. Dann würden sie vermutlich nach Hause gehen und weiter ihr Leben leben. Squall hoffte, ihre Erwartungen zu enttäuschen.
In den kalten grauen Klingen spiegelten sich die Reflexionen der Angreifer, die hinter Squall standen. Er beobachtete sie aus den Augenwinkeln, ob irgendjemand eine plötzliche Bewegung machte. Gleichzeitig lauschte er ihrem Atem und versuchte, ein Gefühl für die Entfernung zu bekommen. Er erinnerte sich kurz an seine Erfahrungen im Shumi-Dorf. Entspannen, sagte er sich. Entspannen und fühlen...
Hinter ihm stürmte jemand auf ihn zu. Schritte näherten sich. Ein leichter Luftstoß. Squall drehte sich um und hob seine Gunblade. Der Mann brüllte und schmetterte sein Schwert auf Squalls Gunblade. Die beiden Schwerter verkeilten sich. Squall spürte, wie hinter ihm ein weiterer Mann zu rennen anfing. Squall zählte im Kopf... 21... 22. Er ließ sich fallen. Das Schwert des zweiten Mannes sauste mit einem leichten Luftzug über seinen Kopf hinweg und traf sauber den ersten Angreifer, der tot zu Boden fiel. Der zweite Mann schrie aggressiv und kurz darauf panisch, als Squall mit seinem Schwert direkt in sein Herz traf.
Die drei Männer starrten ihn an. Sie umkreisten ihn. Squall drehte sich entgegengesetzt, seine beiden Schwerter erhoben. Plötzlich rannte ein weiterer auf ihn zu. Er brüllte einen Kampfschrei, hatte sein Schwert erhoben... und rutschte auf dem Blut am Boden aus und landete auf seinem Hintern. Squall sah ihn ruhig an. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Bob fassungslos den Kopf schüttelte. Der gestürzte Mann sah Squall erstaunt an, auf den Todesstreich wartend. Er kam nicht. Squall würde niemanden töten, der hilflos vor seinen Füßen lag.
Der Mann sprang auf und drehte Squall den Rücken und machte einen Schritt von ihm weg. Dann drehte der Mann sich auf einmal um, und stieß sein Schwert in Richtung Squalls Magen. Squall wich aus, schwang seine beiden Klingen und köpfte den Mann. Die letzten beiden Angreifer stürmten auf Squall zu und nahmen ihn in die Zange. Squall parierte jeweils mit seinen Schwertern die Schläge. Nicht mal zehn Sekunden später fielen beide synchron zu Boden.
Squall hörte ein Klatschen. Bob stand am anderen Ende und klatschte. Dann packte er wortlos seine Klinge aus.
Bob rannte auf ihn zu. Er schwang sein Schwert über seinen Kopf und ließ es dann auf Squall niedersausen. Squall parierte mit seinen beiden Klingen den Schlag. Bob sprang flink auf einen Arbeitstisch. Squall sprang auf einen anderen. Dann sprang Bob nach rechts, Squall nach links. Nach zwei Tischen sprang Squall nach vorne und befand sich somit in einer Tischreihe mit Bob. Beide sahen sich kurz an. Squall steckte das Murasame weg und nahm seine Gunblade in zwei Hände. Dann sprangen sie auf einander zu. Bob kam immer näher. Squall fühlte ein seltsames Gefühl im Magen. Ist das sein Ende?
Er verdrängte den Gedanken, spannte seine Sinne an... Er war auf den gleichen Tisch wie Bob. Dieser ließ sein Schwert vertikal auf Squall los. Er ließ sich rückwärts vom Tisch fallen und hob seine Gunblade. Bobs Schwert sauste kurz vorbei... Ein Schrei! Bob brüllte, Squall hörte ein Platschen. Er sprang auf und sah Bob. Squall hatte ihm seine Schwerthand abgetrennt. Bob presste seinen Arm ab, doch sein schwarzer Mantel färbte sich langsam rot.
"Zerreißt diesen Bastard!", kreischte Bob.
Die Türen flogen auf und hunderte von Männern mit Schwertern und Mänteln stürmten herein. Squall erkannte, dass der Kampf nicht zu gewinnen war.
"Blende!", schrie Squall und hob seine freie Hand.
Eine gewaltige Wolke hüllte die Angreifer ein. Squall floh durch die andere Tür. Er kam in den Flur. Hastig sah er sich um. Hinter der Tür hörte er bereits die Schritte seiner Verfolger. Sein Blick fiel auf ein offenes Fenster. Squall nahm Anlauf und sprang durch die Fenster. Er spürte den Gegenwind und das gewaltige Gefühl im Magen, als er aus dem zehnten Stock flog.
"FEUGA!", brüllte Squall und entließ einen gewaltigen Feuerstoß aus seiner Hand.
Langsam spürte er, wie sein Fall gebremst wurde. Mehr oder weniger sanft kam er auf dem Boden auf.
Er hörte ein Quietschen. Ein Auto fuhr vor. Das gemietete Auto aus Dollet.
"Steig ein!", rief Rinoa.
Squall hastete zum Auto, sprang durchs Fenster hinein und landete unsanft neben Rinoa auf dem Beifahrersitz. Rinoa drückte aufs Gas und das Auto verschwand schnell in der Nacht.
"Die wollten uns umbringen", rief ein nervöser Fib vom Rücksitz aus.
"Woher wussten die, dass wir kamen?", fragte Squall.
"Vermutlich haben Sie mitbekommen, dass Fib und wir uns kennen. Und da haben Sie einfach eins und eins zusammengezählt. Zumindest würde ich es so machen", sagte Rinoa und schwieg kurz.
Squall atmete schwer. Diese Kämpfe gingen ganz schön auf die Beine, vor allem, da er vor nicht einmal 48 Stunden noch auf dem Folterstuhl von Caris gesessen hatte.
"Wir brauchen Hilfe, um Fib zu beschützen. Ich denke, das wird zu gefährlich für dich, Kumpel", meinte Squall.
"Das denke ich auch. Ich habe genug Abenteuer für den Rest meines Lebens erlebt", rief Fib.
Rinoa hatte derweil ein kleines Funkgerät herausgeholt.
"Ich kenne da jemanden."
Squall wollte gerade fragen, woher, doch Rinoa sprach bereits rein.
"Ja, hallo? Hier spricht Rinoa Heartilly. Könnte ich bitte Kommissar Saiter haben?"
Sie befanden sich im Schatten des riesigen Tempels. Selphie manövrierte das U-Boot langsam an den riesigen Komplex heran.
Cifer hatte den Eindruck, als würde der Tempel von innen heraus pulsieren. Die alten Gemäuser besaßen trotz ihres immensen Alters etwas Zeitloses. Sie steuerten auf das zu, was vermutlich der Eingang gewesen war. Es handelte sich um eine große Pforte. Neben der großen Pforte konnte Cifer eine Statue ausmachen. Als die Beleuchtung des Bootes kurz darüber streifte, konnte er einen Namen lesen. 'Zebarga'.
"Das muss ein Tempel zu Ehren von Zebarga sein", sagte Cifer.
"Ich kenne den Namen. Früher im Waisenhaus hat doch Edea uns immer das Gedicht aus 'Baskarunes Memoiren' vorgelesen. Und die Weißen SEEDs bringen dies auch noch heute den Kindern bei", sagte Quistis nachdenklich.
"Was stand eigentlich genau da drin?", fragte Selphie.
"Wow, es gibt etwas, was du nicht weißt? Niko legt wohl keinen großen Wert auf Geschichte, oder? Baskarunes Memoiren erzählen in einer kurzen Fassung den Kampf gegen Hyne. Das Kindermärchen ist eine stark abgeschwächte Form davon. Nachdem die Menschen den mächtigen Magier Hyne besiegt hatten, machte er ihnen ein Friedensangebot. Sie bekämen seinen Körper. Die Menschen, geblendet von seiner Schönheit und Macht, kämpften um den Körper. Der Häuptling Zebarga gewann den Kampf, musste jedoch feststellen, dass der Körper wertlos ist. Hynes Geist hat sich verflüchtigt und war unauffindbar... bis jetzt, zumindest. Zebarga gilt als der Gründer des Centra Reiches. Im Kampf wurden sie von der weisen Baskarune unterstützt. Ihre Nachkommen haben ihre Memoiren erhalten und an uns weitergegeben", sagte Cifer.
"Woher weißt du das alles?", fragte Quistis erstaunt.
"Meine Eltern legten großen Wert darauf, dass ich weiß, wieso wir heute hier sind. Bedauerlicherweise legen viel zu wenige Eltern heute Wert auf so etwas", meinte Cifer grimmig und sah aus dem Fenster.
Sie waren durch das Portal gefahren und befanden sich in einem länglichen Tunnel. Das blaue Licht wurde immer stärker. Auf einmal wölbte sich der Tunnel nach oben. Selphie betätigte ein paar Schalter (das nervige Geräusch kam wieder) und das U-Boot stieg ein weiteres Mal langsam nach oben. Dann passierte etwas Unglaubliches... Sie durchstießen die Wasseroberfläche!
"Äh, was ist jetzt los? Hier müsste doch alles überflutet sein!", sagte Quistis verwirrt.
Es war, als befände sich im Tempel eine gewaltige Luftblase. Aus irgendeinem Grund drang das Wasser nicht in diese Gefilde vor.
"Sauerstoff ist vorhanden und zwar massig. Der Computer meint, hier wäre eine Art Membran, die den Sauerstoff erneuert und das Wasser abhält einzudringen", sagte Selphie.
"Muss wohl unsichtbar sein. Wollen wir?", fragte Cifer und nahm seine Gunblade.
Der Boden war vollkommen trocken.
Cifer sah sich um. Die Architektur war das Schönste, was er je gesehen hatte. Der Tempel schien wie ein gewaltiger Organismus. Nichts war eckig oder spitz, alles war rund und schien wie von der Natur gemacht.
"Die Centras waren Genies."
Cifers Stimme war deutlich zu hören, auch wenn er nur geflüstert hatte. Doch dann verhallte das Flüstern und zurück blieb nur Stille. Dann öffnete sich eine Tür am anderen Ende des Ganges... Herein kam ein... Behemoth!
"Verflucht! Monster!", rief Quistis und holte ihre Peitsche heraus.
"Warte", bellte Cifer.
Quistis hielt inne. Cifer sah dem Behemoth in die Augen. In all seinen Jahren in der Wildnis hatte er gelernt, die Sprache der Natur zu deuten. In den Augen dieses Monsters war keine Aggression... eher kindliche Neugierde.
Der Behemoth kam langsam herangeschlurft. Cifer packte seine Gunblade ein und schritt langsam auf ihn zu. Er konnte seinen Atem auf seiner Brust fühlen. Nach einigem Zögern begann Cifer ihn zu streicheln. Der Behemoth knurrte zufrieden. Cifer sah sich zu seinen Gefährten um. Quistis sah verwirrt aus, Selphie grinste breit übers ganze Gesicht. Der Behemoth drehte sich um und ging zurück durch die Tür.
"Was guckst du so, Quistis? Seltsam, was ein Mensch alles leisten kann, der nach deinem elitären Weltbild nichts wert ist, oder? Sieht so aus, als wären wir eingeladen", grinste Cifer und folgte ihm.
Er meinte noch zu hören, wie Quistis Selphie zuflüsterte.
"Seit wann ist Cifer denn unter die Intellektuellen und Tierschützern gegangen?"
Der nächste Raum schien eine Art Archiv zu sein. Seine Wände erstreckten sich sehr hoch und mündeten in einer gewaltigen Kuppel. Bilder hingen an der Wand und zeigten Zeichnungen verschiedenster Art. Bücher, Schriftrollen, hochmoderne Speicherformen und Steintafeln lagen geordnet in Regalen. Auch diese Regale sahen absolut natürlich aus. Auf einem Sockel befand sich ein weiteres Buch. Es war aufgeschlagen. Cifer nahm es langsam, sah kurz drüber und las dann laut vor.
Dies sind die Aufzeichnungen eines einfachen Soldaten, der unter dem großen Zebarga gedient hatte. Zebarga war der größte Held und das größte Monster, das ich jemals gekannt habe...
Die Schlacht gegen Hyne hatte gewaltige Ausmaße. Hyne besaß eine Armee von Flugwesen, genannt Aquilas. Wir hatten seine Flotte in ein Tal gedrängt und seine Festung belagert. Wir forderten, dass er den Planeten verlasse. Doch Hyne kam raus und verspottete uns. Nie werde ich seine Worte vergessen.
"Ihr kleinen Wesen. Ich werde niemals in Vergessenheit geraten. Ihr könnt mich töten und doch lebe ich."
Dann kam sein fürchterlicher Diener heraus, das Urmonster Alphega. Wir kämpften gegen Alphega. Jedoch immer, wenn wir ein Teil abtrennten, wuchsen aus diesem Teil schreckliche Kreaturen. Wir wurden überrannt.
Doch dann kam Zebarga und kämpfte gegen Hyne und durchstieß seine Brust. Hyne floh in Alphega und vereinigte sich mit ihm. Monstermassen spülten über uns hinweg... Doch die weise Baskarune, eine Frau mit den Kräften von Hyne, eine Hexe, gab uns den Rat, den Bauch von Alphega anzugreifen, die Quelle seiner Magie. Zebarga stürmte nach vorne und schnitt ein Stück aus dem Bauch heraus. Es formte sich ein magisches Wesen, eine Bestia. Wir nannten sie Leviathan, die Bestia des Wassers. Zebarga unterwarf Leviathan und beschwor gewaltige Wassermassen. Alle Monster wurden begraben. Wir besiegten Alphega. Es zerfloss in Monster und Bestias. Sein Blut, eine leuchtende Substanz, die ultimative Substanz als Vereinigung Hynes und Alphegas, versank im Boden.
Hyne selbst, kraftlos, kapitulierte. Er lud Zebarga in seinen neuen Körper Alphega ein. Sieben Tage verbrachte Zebarga bei Hyne. Als er herauskam, war er wie gewandelt. Er besaß eine tiefe Weisheit, die sogar die von Baskarune überstieg, jedoch auch eine Grausamkeit, die vorher nicht fest stellbar gewesen war. Er verkündete, dass Hyne seinen Körper und seine Kraft, die Kraft Alphegas, den Menschen angeboten hatte und erklärte den Körper als sein Eigentum. Doch auch andere mächtige Kriegsherren wollten den Körper besitzen. Zebargas Kriegsgefährte und Freund Mormala erhob Einspruch und ein zweiter Krieg begann. Aus Freunden wurden Feinde. Freund gegen Freund, Bruder gegen Bruder. Am Ende gelang es Zebarga durch einen ruchlosen militärischen Einfall Mormala zu besiegen. Er richtete ihn eigenhändig vor all seinen Generälen hin.
Zebarga konnte nun den Körper besitzen. Die Gelehrten fanden jedoch heraus, dass Hyne während der Schlacht den Körper verlassen hatte und somit der Körper wertlos war. Der Krieg war umsonst geführt worden.
Unter der Leitung von Zebarga erbauten die Menschen unsere heutige Zivilisation. Doch eines Tages auf dem Höhepunkt seiner Macht verschwand Zebarga und wart nie wieder gesehen. Seine Frau, die weise Baskarune, übernahm die Leitung. Sie stürzte unsere Kultur, die weisen Centra, in eine weitere Krise. Sie nutze ihre Kräfte für böse Zwecke. Wahnsinnig geworden über den Verlust ihres Mannes errichtete sie eine grauenvolle Herrschaft des Terrors. Unter ihrer Anleitung bargen ihre engsten Vertrauten auf dem Südkontinent eine große Masse des Blutes von Hyne und schmiedeten eine mächtige große Steinsäule. Mit dieser Steinsäule konnte Baskarune es Monster regnen lassen. Doch einige leisteten Widerstand.
Einige gute Hexen bekämpften die furchterregende Baskarune. Wir nannten diesen Krieg den Hexenkrieg. Soldaten stürmten ihren Palast und verbannten Baskarune in eine fremde Dimension. Prinzessin Adell, Zebargas und Baskarunes Nachkomme, konnte in den nahegelegenen Wald fliegen. Von ihr fehlte seitdem jede Spur. Ich hoffe, dass es ihr gut geht. Sie ist schließlich nur ein kleines Mädchen, das nichts für die Sünden ihrer Eltern konnte.
Ich weiß nicht, welche Krisen auf unseren Planeten und auf unsere Zivilisation noch zukommen, deswegen möchte ich, ein einfacher Soldat, mit meinen Aufzeichnungen dazu beitragen, dass wir Menschen aus unseren Fehlern lernen.
Mit Hochachtung vor der Würde des Menschen,
Fibrean Copper, Division 'Per Manum'
Cifer atmete scharf ein, als er zu Ende gelesen hatte.
"Ist das etwa unser Fibrean Copper?", fragte Quistis leise.
"Er müsste dann aber bereits mehrere tausend Jahre alt sein. Und was heißt Division 'Per Manum'?", fragte Cifer, doch als er zu Quistis schaute sah er, dass sie genauso verwirrt war wie er selbst.
"Danke noch mal für Ihr so schnelles Auftauchen, Kommissar Saiter. Diesem Mann hier darf nichts geschehen, er ist vermutlich der Schlüssel zu allem. Eventuell haben wir durch ihn sogar die Chance, das Geheimnis über meine Mutter und den Mord an meinem Vater aufzuklären."
"Das ist kein Problem. Ich passe persönlich auf Herrn Copper auf."
Saiter blickte an Rinoa vorbei zu Fib, der sich auf ein Bett niedergelassen hatte. Sie befanden sich in einem Zimmer einer schäbigen Absteige in Deling City.
"Also, Fib, wir werden schauen, dass wir schnell von der DEFTAA wieder zurückkommen. Dann bringen wir dich zum Garden zurück. Da wirst du dann vorerst sicher sein", sagte Squall und klopfte Fib aufmunternd auf die Schulter.
"Ich wünschte bloß,
as alles würde aufhören", sagte er.
Squall sah ihn an. Er konnte in etwa nachvollziehen, was Fib meinte. Vor ein paar Monaten wollte auch er mit der Welt nichts mehr zu tun haben.
"Es ist einfacher, wenn man was gegen die Gefahren tut. Und das machst du", sagte Squall.
Fib nickte.
"Also, wir sehen uns", meinte Squall abschließend und verließ das Zimmer mit Rinoa.
Squall fuhr langsam mit Rinoa durch die Innenstadt. Es war früh morgens und die ersten Menschen befanden sich bereits wieder auf der Straße.
"Etwas bedrückt dich doch. Du bist so still", sagte Squall und sah zu Rinoa herüber.
"Ich weiß nicht, ich hab irgendwie ein mieses Gefühl", sagte sie unsicher.
Nach einer kurzen Pause fragte sie auf einmal.
"Haben wir eigentlich Saiter Fibs Namen verraten?"
"Keine Ahnung. Aber woher sollte er sonst seinen Namen wissen? Die beiden kennen sich doch nicht", antwortete Squall. Rinoa schwieg eine Weile. Dann holte sie auf einmal ein Funkgerät raus.
"Ja?", meldete sich Skylar am anderen Ende, die trotz der frühen Stunde bereits wach war.
"Skylar, hier ist Rinoa. Sorry, dass ich so früh anrufe, aber dir sagt der Name Jim Saiter nicht zufällig etwas, oder? Während deiner Zeit als Journalistin?"
Ein scharfes Knistern kam aus dem Apparat. Skylars Stimme klang grimmig, als sie weiter redete.
"Und ob ich den kenne. Er war in die ganze Per Manum-Kiste verwickelt. Ich hatte ihn in Verdacht, Beweise unterschlagen zu haben, aber konnte ich ihn nie überführen. Ein ziemlich dubioser Typ. Ich würde ihm nicht so schnell trauen, wenn ich du wäre."
"Ich glaube, dafür ist es ein wenig zu spät. Trotzdem danke", sagte Rinoa und schaltete das Funkgerät ab.
Sie sah zu Squall hinüber.
"Squall, ich muss zurück. Hier ist zuviel, was mich stört. Kannst du zur DEFTAA laufen? Sie ist hier gleich um die Ecke. Sag Aloin, dass du zu mir gehörst. Er wird dir helfen", sagte Rinoa.
Ein paar Minuten später war sie wieder in der Nacht verschwunden. Squall blickte auf das imposante DEFTAA Gebäude. Für einen kurzen Moment schien es ihm, als würde er einen Schatten hinter einem der Fenster sehen, doch dann war er sich sicher, dass seine Sinne ihm einen Streich gespielt hatten. Kurzerhand ging er auf den gewaltigen Komplex zu.
Rinoa hastete die Treppe hinauf. Schwer atmend kam sie in den dritten Stock. Hastig suchte sie das Hotelzimmer, in dem sie Fib gelassen hatte. Auf einmal bekam sie heftige Seitenstiche. Gleichzeitig schien sich etwas zu bewegen. Du musst in nächster Zeit kürzer treten, sagte sie sich. Ein Kind ist wichtiger als alles andere.
Sie zog ihr Schwert und betrat das Zimmer. Ein Blick genügte. Fib und Saiter waren verschwunden.
"Verdammt", fluchte sie.
Ein Knacken hinter ihr. Sie wirbelte herum. Saiter kam aus der Toilette. Er schwitzte und atmete schwer. Dann setzte er sich langsam auf einen Stuhl. Seine Sachen waren blutig. Er war angeschossen worden.
"Rinoa... sieht so aus, als hätte mich nach all den Jahren die Kugel getroffen, vor der ich die ganze Zeit Angst hatte", keuchte Saiter.
"Wo ist Fib?", fragte sie.
"Die Schwarzen SEEDs haben ihn. Caris hat sich von Per Manum losgelöst und will mit Prokylta zusammenarbeiten. Dafür braucht er Fib", erzählte Saiter langsam.
"Für wen arbeiten Sie?", fragte Rinoa schwach.
"Für alle. Mal für Per Manum, jetzt für Aomes Trianirea. Anscheinend haben meine alten Freunde mir das sehr übel genommen, dass ich jetzt neue Freunde habe."
Saiter lächelte schief, dann fuhr er fort: "Lassen Sie mich sterben, bitte. Bleiben Sie sich selbst treu, Rinoa. Es tut mir Leid... Sie benutzt zu haben. Bleiben... Sie... fr... ei..."
Saiter lächelte, dann atmete er einmal scharf ein. Die Spannung verließ seinen Körper, er sackte zusammen, der Glanz aus seinen Augen verschwand.
Je tiefer sie in den Tempel eindrangen, desto stärker wurde das Gefühl, dass man etwas Altem auf der Spur war. Man hatte immer das Gefühl, nur ein Stück von des Rätsels Lösung entfernt zu sein. Dabei kannte er nicht einmal die Frage, dachte sich Cifer.
Sie betraten einen weiteren großen Raum. Das leise zutrauliche Knurren des Behemoths, der sie begleitet hatte, war das einzige Geräusch in der Stille.
Cifer brauchte eine Weile, bis er begriff, was er eigentlich sah. In der Mitte lag ein Teil einer merkwürdigen Säule. Sie schien zerbrochen zu sein. Um sie herum lag der verkohlte Überrest von etwas Technischem. Die Technik war jedoch eindeutig nicht von den Centra. Sie erschien Cifer irgendwie plump. Irgendwie erinnerte sie ihn jedoch an etwas...
"Ist das... Ist das die Lunatic Pandora?", fragte Selphie unsicher.
"Zumindest das, was von ihr übrig ist. Was macht die hier unten?", fragte Cifer.
"Es sieht so aus, als hätte die Steinsäule die Technik der Pandora weggesprengt", meinte Quistis nachdem sie sich die Halle prüfend angesehen hatte.
"Die Steinsäule hat irgendwas zerlegt. Hier sind kleine Teile", meinte Selphie und nahm ein kleines Artefakt in die Hand.
"Glaubt ihr, es hat was mit Hyne zu tun?", fragte Quistis.
Selphie machte gerade den Mund auf, als das Artefakt auf einmal zu schimmern begann. Auch der Rest der Steinsäule leuchtete leicht.
"Was ist passiert. Haben wir irgendwas gemacht?", fragte Selphie nervös.
"Vielleicht ist Hyne ja aufgeregt oder so was", schlug Cifer vor.
"Herr Leonhart."
Squall drehte sich um. Er war zehn Minuten durch die vollkommen verlassenen Gänge der DEFTAA gelaufen. Am anderen Ende des Ganges stand ein Mann. Squall war sich sicher, dass er eben noch nicht da gestanden hatte. Er trug eine Mischung aus weißen und schwarzen Roben. Er hatte langes schwarzes Haar. Squall schätzte ihn nur unwesentlich älter als sich selbst ein. Der Mann trat auf ihn zu und streckte eine Hand aus.
"Nennen Sie mich Aloin."
Squall schüttelte Aloins Hand und sah ihm fest in die Augen. Sein Händedruck war fest und bestimmend, seine Augen waren prüfend. Sie hatten einen eigenartigen Glanz.
"Woher kennen Sie meinen Namen?", fragte Squall.
"Ich halte mich auf den Laufenden. Was kann ich für Sie tun?", fragte Aloin.
Squall atmete kurz durch und erklärte ihm die Lage, wobei er darauf achtete, nur das Nötigste zu erzählen. Aloin schien sich seinen Teil zu denken, denn er stellte immer wieder Fragen, bei denen Squall letztlich mehr verraten musste, als ihm lieb war.
"Ich versichere Ihnen, Squall, dass ich alles tun werde, um das aufzulösen. Ich hatte keine Ahnung, dass die DEFTAA dazu missbraucht wird, diese... Per Manum-Organisation zu unterstützen. Ich werde sofort Mr. Liquid und Mr. Solid beauftragen. Dann kriegen wir vermutlich auch die Adresse des Hauptquartiers von Per Manum heraus. Bitte warten Sie hier", sagte Aloin und verschwand.
Squall war wieder alleine. Er hatte ein seltsames Gefühl bei Aloin. Sicher, er war hilfsbereit... aber irgendwie steckte etwas anderes dahinter... Er hörte Schritte. Durch eine Tür kam schwitzend Rinoa. Er konnte sofort an ihren Augen ihren Schmerz und ihre Erschöpfung sehen. Obwohl sie vollkommen alleine waren, erzählten sie sich gegenseitig die jüngsten Ereignisse nur flüsternd.
"Ich wusste, dass Aloin uns hilft", sagte Rinoa und sah irgendwie erleichtert aus.
"Ehrlich, Rinoa, ich weiß nicht, was du an diesem Typen so nett findest", begann Squall.
"Ist das etwa... das Murasame?"
Aloin war zurückgekehrt. Squall bemerkte, dass Rinoas ganze Haltung sich auf einmal veränderte. Sie wirkte irgendwie eingeschüchtert. Sie nickte.
"Unglaublich. Darf ich?", fragte Aloin atemlos und zog das Schwert aus der Scheide.
Er schwang es ein paar Mal elegant durch die Luft. Der Mann konnte kämpfen, dachte sich Squall.
"Das Murasame ist eines der drei legendären Klingen. Zusammen mit dem Muramasa und dem Masamune, dem König der drei, bilden alle drei Klingen das erste Schwert 'Ragnarok', die Klinge des Hyne. Der Legende nach wurde das Schwert von Zebarga selbst in drei Teile geteilt. Das Sie eins führen, Rinoa, zeugt von Ihrem ungebrochenen Willen und Ihrem Kampfgeist", sprach Aloin.
Er gab Rinoa das Schwert zurück. Für einen Moment berührten sich ihre Hände und Squall sah aus den Augenwinkeln, wie ein Finger von Aloin über Rinoas Hand streichelte.
"Haben Sie das Server-Problem geklärt?", fragte Squall laut.
"Wir arbeiten daran. Ich denke, wir werden... ah, da kommen sie ja", sagte Aloin und deutete auf Mr. Solid und Mr. Liquid, die hektisch angerannt kamen.
"Wir haben eine Adresse, denke ich", rief Mr. Solid.
"Goldstrasse 49, hier in Deling City, glaube ich", sagte Mr. Liquid.
Squall und Rinoa sahen sich an und gingen schnell.
"Ich werde sofort ein Kampfteam zusammenstellen", rief ihnen Aloin hinterher.
"Rinoa!"
Rinoa drehte sich um. Aloin stand, flankiert von seinen beiden Mitarbeitern, wie ein mächtiger Kriegsherr im Flur.
"Per Manum wird fallen und die Korruption wird enden. Das verspreche ich", sagte Aloin.
"Die Analyse zeigt, dass wir ganz nah am Lacrima sind", sagte Selphie und checkte ihr Gerät.
Sie betraten eine weitere Kammer. Als sich die Tür öffnete, kam ihnen ein Schwall von Geräuschen entgegen. Gesang. Sie betraten die Kammer, jedoch konnten sie niemanden ausmachen, von dem der Gesang stammen könnte. Er schien in der Luft zu schweben.
Die Kammer war in ein hellblaues Licht getaucht. Leicht erhöht lag das Wasser-Artefakt. Es schimmerte bläulich. Durch Kristalle wurde dieses Licht verstärkt und durch den ganzen Tempel geleitet. Quistis schritt zu dem Artefakt und nahm es. Im gleichen Moment wurde das Licht schwächer. Es blieb nur noch ein kaltes Grau.
"Ich denke, wir wären vorerst fertig. Wir sollten den Tempel wesentlich genauer untersuchen lassen, sobald wir zurück sind. Cifer?", fragte Quistis auf einmal, als Cifer keine Anstalten machte zu kommen.
Cifer starrte auf etwas. Weit über dem Lacrima, am Ende einer großen Treppe, lag etwas. Auf einem Sockel, umgeben von einem Energiefeld, schwebte ein Schwert. Es hatte einen breiten Durchmesser und schimmerte gräulich. Unter dem Schwert befand sich eine Inschrift.
Masamune
Nur derjenige, der dem Schöpfer bis ans Ende folgt,
wird den Stamm der göttlichen Waffe ziehen können.
Wie hypnotisiert starrte Cifer auf die Klinge. Seine Hand bewegte sich automatisch auf die Klinge zu.
"Cifer, nicht! Wir wissen nicht, was mit Menschen passiert, die das Schwert nicht ziehen dürfen. Wir..."
Quistis brach ab. Cifer hatte durch das Energiefeld gegriffen. Es streichelte warm seine Hand. Er griff das Schwert und hob es langsam aus dem Feld heraus. Nach einem bisschen Widerstand löste sich die Klinge. Cifer betrachtete das Schwert nachdenklich. Es war wunderschön. Der Gesang, die Stille wurde unterbrochen...
Auf einmal stürmten mehrere Personen in den Raum. Sie trugen bernsteinfarbene Roben und Masken... Aomes Trianirea!
"Her mit der Waffe", schrie der Anführer. Er nahm seine Maske ab.
"Kelgar. Ich hätte wissen müssen, dass du dich bei erst bester Gelegenheit der Sekte anschließt. Schon in meinen Klassen musstest du dich immer einschleimen", sagte Quistis angewidert.
"Her mit der Waffe, oder der Schuss wird den Gesang für immer stören. Wisst ihr, was ihr hier hört. Ihr hört Stimmen von Menschen, die bereits seit Tausenden von Jahren tot sind. Der Bau des Raumes leitet den Gesang bis in alle Ewigkeiten weiter. Etwas wie ein Schuss könnte jedoch laut genug sein, ebenfalls mitgetragen zu werden", grinste Kelgar.
Cifer sah die Sektenmitglieder an. Sie würden keine Chance haben.
Auf einmal gab es ein Gebrüll. Der Behemoth hatte sich an Kelgar herangeschlichen und biss ihm in den Hals. Die Sektenmitglieder brüllten und hieben auf das Monster ein. Kelgar sackte zusammen. Mehrere Mitglieder kreisten ihn ein und sprachen mehrere Heilzauber.
Cifer fasste das Masamune und seine Gunblade und stürzte sich in den Kampf. Bevor er jedoch das erste Sektenmitglied erreichte, fühlte er auf einmal einen harten Schlag auf den Hinterkopf. Ihm wurde schwarz vor Augen... Er fühlte, wie man ihm etwas wegnahm... das Masamune...
Cifer öffnete die Augen und stellte fest, dass es keinen Unterschied machte, ob er sie offen hatte oder nicht.
"Quistis? Selphie!", brüllte er.
Seine Stimme verhallte. Niemand antwortete. Cifer versuchte aufzustehen, doch er fiel hin. Ihm war schwindelig.
Er fühlte mit seinen Händen in seinen Taschen herum. Ah, da war es! Er zündete mit einem kleinen Feuerzauber eine kleine Fackel an. Sie beleuchtete spärlich die Umgebung. Cifer stellte fest, dass er sich am Ende eines Tunnels befand. Er sah nach oben und meinte, irgendwo das bläuliche Licht ausmachen zu können. Aber die Wand war zu steil, niemand könnte dort je hochklettern. Es blieb also nur der endlos lange Tunnel.
Die Fackel flackerte.
"Hey, du Scheißding, geh jetzt nicht aus!", fluchte Cifer.
Doch die Fackel erlosch mit einem Zischen und Cifer wurde von der Dunkelheit verschlungen und hörte außer sein panisches Atmen nichts mehr.
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