FFVIII: Aomes Trianirea - Kapitel 15

Drei Worte

verfasst von MfLuder und ShadowFlame

Hitze waberte über den Salzsee. Das Salz reflektierte die Sonne und stach ihnen in die Augen. Die Luft war trocken und stickig. Sie roch nach Abgase hunderter Militärflugtransporter. Sie roch nach Tod.
Leutnant Caris öffnete die Augen. Sein Körper war mit Sand, Salz und Blut bedeckt. Er richtete sich kurz auf und schmiss sich anschließend wieder flach auf den Boden, als zahlreiche Schüsse an ihm vorbeisausten. Er hatte überlebt. Er hatte den Raketenangriff wirklich überlebt.
Verzweiflung... Hass... Schmerz... Er fühlte die Stiche dieser Gefühle in seinem Inneren. Caris schaute sich um und versuchte sich zu erinnern. Überall sah man Rauch und Feuer. Ja. Er befand sich auf einem Schlachtfeld. Das Salzfeld von Esthar, nahe dem Salzsee. Würde das seine ewige Ruhestätte werden?
Sie kämpften gegen Adells Cyborg-Soldaten. Sie hatten mit Raketenwerfern auf sie geschossen hatten. Es waren nur wenige Momente vergangen, doch es kam ihm wie eine entfernte Erinnerung vor. Es schien lange her zu sein, als sich Soldaten schnell vor ihn geworfen hatten und die Rakete abgefangen hatten. Caris kroch langsam den Boden entlang. Irgendwo hörte er noch Männer rufen und schreien. Sein Bein war schwer verletzt. Er konnte nicht aufstehen, also wartete er. Irgendwann hörte er keine Schreie mehr. Zur selben Zeit verstummten auch die Waffen der feindlichen Einheiten, die sich zurückzuziehen begannen.
Ein junger Mann, der mit Sand übersät war, griff mit zitternder Hand nach Caris' Ärmel.
"Ich... ich..."
Caris umschlang den Soldaten, als er das Blut aus seinem Mund rinnen sah.
"Nein! Nicht du!", flüsterte Caris mit schwacher Stimme und sah den fast toten Soldaten in die Augen, in der Hoffnung ihn so am Leben zu erhalten.
"Du musst wieder nach Hause! Deine Frau erwartet... dein Sohn, verdammt!", brüllte Caris.
Ein Geräusch lenkte Caris ab. Langsam schwoll ein gigantischer Maschinenlärm an.
"Brandteppich!", brüllte ein Soldat.
Ein starker Wind wehte. Das Salz wurde in durch die Luft gewirbelt und sah in der gleißenden Sonne wie ein mystischer Schleier aus. Durch die Sonne sah Caris drei Flugzeuge.
Alles schien verlangsamt. Die Flugzeuge schienen undicht zu sein. Flüssigkeit lief aus ihnen. Nein... es war keine Flüssigkeit...
Die Flüssigkeit fing sofort Feuer. Caris sah fasziniert zu, wie auf einmal die ganze Luft voller Flammen war. Wie ein vernichtendes Leichentuch schwebte das Feuer langsam auf ihn herab. Er hörte die Schreie der Männer, die etwas weiter weg qualvoll verbrannten.
Bevor Caris wusste, was er tat, warf er sich auf den Boden, nahm die Leiche des jungen Soldaten und bedeckte sich damit. Für einen Moment hörte er nur sein eigenes Atmen.
Dann spürte er eine grellende Hitze und danach gar nichts mehr...


Mit einem qualvollen Schrei fuhr Caris aus dem Schlaf hoch! Schweiß rann von seiner Stirn. Er spürte das Feuer förmlich. Nach wenigen Sekunden wusste er, wo er sich befand. Der Raum war dunkel und leise. Neben seinem Bett stand eine Büchse mit Tabletten gegen Herzbeschwerden, die er mit einem gezielten Griff aus der Dunkelheit fischte. Er schluckte zwei Stück runter und legte sich wieder zurück. Sein Herz pochte.Nach fünf Minuten stand er schließlich auf und zog seine Uniform an.
"Sir. Es gab keine besonderen Vorkommnisse, während Sie sich ausgeruht haben", berichtete Adjutant Goldwarth, als Caris sein Zimmer verließ und in das Büro ging.
"Wir werden mit dem Verhör von Squall in zehn Minuten fortsetzen. Bereiten Sie alles vor", befahl er.
"Jawohl, Sir", antwortete Goldwarth und eilte aus dem Raum, gefolgt von zwei Soldaten, die ebenfalls anwesend waren.
Caris schaute auf die Uhr. Er hatte eine knappe Stunde geschlafen...

Mit schnellen Schritten marschierte Quistis in die Kommandozentrale.
"Wir haben uns entschieden, Niko. Du wirst den Brandteppich bleiben lassen."
Niko, der gerade an einem Pult saß und die Mission vorbereitete, ließ sich nicht stören. Quistis packte die Wut, fasste seine Schulter und drehte den Sessel in ihre Richtung. Seine besessenen Augen blickten sie kurz an, dann drehte er sich wieder um.
"Ihr habt hier gar nichts zu entscheiden. Der Befehl ist absolut. Die Schwarzen SEEDs werden ausgelöscht", murmelte er zurück.
Quistis drehte den Sessel erneut um. Diesmal griff Niko ihre Hand und versuchte sie zurück zu stoßen. "Verschwinde von hier! Ich habe hier das Sagen! Wir werden Caris jetzt vernichten!"
"Ich sagte 'Nein'. Und wenn ich dich mit Gewalt davon abhalten muss..."
"Du willst die einzige Chance auf einen Sieg vermasseln, bloß wegen irgendwelchen moralischen Prinzipchen?", fauchte Niko zurück.
Hinter den beiden öffnete sich erneut die Tür. Edea betrat zusammen mit der Ärztin des Balamb Gardens, Dr. Kadowaki, eine resolute und verlässliche Person, den Raum.
"Das ist kein Sieg. Kein Sieg würde solche Verluste mit sich bringen", sagte Edea hart.
Niko schwieg ein paar Sekunden. Dann drehte er sich wieder zum Pult.
"Jeder Sieg erfordert Verluste! Wenn wir jetzt nichts unternehmen, dann wird Caris ganz Galbadia einnehmen und das wäre dann wohl das Ende..."
"So ein Blödsinn! Du hast bloß Schiss, vor Kitisa dein Gesicht zu verlieren", brüllte Quistis.
Niko gab als Antwort ein sarkastisches Schnauben von sich. Er tippte weiterhin Befehle ein.
"Wofür hast du drei Monate so hart gekämpft? Wofür haben drei Monate so viele SEEDs ihr Leben riskiert und teilweise sogar verloren? Für eine Stadt, die nun zerstört werden soll? Selbst wenn sie in der Hand dieses Mannes ist... Die Menschen dort wollen leben. Wenn du jetzt Raketen auf sie schießt...", begann Edea.
"Halt doch endlich deine Klappe! Immer dieses freundliche und höfliche Gedulds-Getue! Der Feind muss vernichtet werden. Es gibt keinen Ausweg! Das müsstest du doch am besten wissen. Wer hat vor fünf Jahren Raketen zum Trabia Garden abfeuern lassen? Wer hat damals viele ihrer eigenen ach-so-geliebten Kinder getötet? Ich war dabei, als es passierte. Ich habe die Zerstörung des Trabia Gardens selbst gesehen!"
"Weißt du überhaupt mit wem du da sprichst? Du weißt, dass vor fünf Jahren..."
"Es ist mir egal!", brüllte Niko ein weiteres Mal Quistis ins Gesicht.
Sein Gesicht war rot, die Puste ging ihm langsam aber sicher aus.
"Ich habe den Befehl bereits gegeben und jetzt..."
Ein saftiger Knall, der wohl noch ein paar Räume weiter zu hören war, unterbrach sein Geschrei. Quistis' Gesicht war rot vor Zorn. Vor ihr hockte Niko am Boden und starrte sie verwirrt an. Vor Schreck hatte er vergessen weiterzuschreien. Er stöhnte, seine Nase blutete stark. Zwei SEEDs kamen rein und halfen Niko aufzustehen. Als er stand, ließen sie seine Arme jedoch nicht los.
"Ich lasse meine Freunde nicht in Stich. Merk dir das, wenn du dich wieder mal mit mir anlegen willst."
Quistis deutete mit dem Kopf zur Tür. Die SEEDs nickten und zerrten Niko nach draußen.
"Unsere und Galbadias Truppen ziehen sich bereits zurück... Die Bomber sind bereits im Anmarsch... Gib auf, wir werden gewinnen...", stotterte Niko, bevor er ganz rausgeschleppt wurde.
uistis setzte sich zum Computer und sah Edea fragend an. Ihr Blick verriet, dass nun alles von Quistis' Handeln abhängt. Nikos Befehle konnten von einer ihm unterstellten Person nicht aufgehoben werden. Und die Tatsache, dass er von Kitisa Sonderprivilegien über das galbadianische Militär bekommen hatte, machte die Sache nur noch komplizierter. Sie musste sich etwas einfallen lassen...

Der Raum roch nach feuchten Ziegeln. Es war eiskalt. Xell glaubte zu wissen, wo er sich befand, auch wenn er nichts sehen konnte. Wenn er sich recht erinnern konnte, war er, kurz bevor er und seine Begleiter von Soldaten überrascht worden waren, hier gewesen. Zum Glück hatte er noch eine letzte Fackel eingesteckt, die ihm nicht abgenommen worden war. Eine kleine Flamme erleuchtete den riesigen Raum. Überall saßen oder lagen Menschen. Die einen weinten, die anderen schliefen. Manche sahen Xell ausdruckslos an. Er hatte sich also nicht geirrt. Sie befanden sich im Kerker.
"Da bist du also, Hasenfuß. Rate mal wo wir sind."
"Cifer... Wo ist Squall?", fragte Xell.
"Keine Ahnung, sein Geruch liegt nicht mehr in der Luft", murmelte Cifer.
"Sein... was?"
"Sein Geruch. In der Wildnis ist die Nase noch viel wichtiger, als die Augen. Nicht, dass du was davon verstehen würdest", sagte Cifer.
Xell schüttelte seinen Kopf und leuchtete mit der Fackel noch einmal durch den Raum. Plötzlich sah er ein vertrautes Gesicht.
"Shou?"
Xell krabbelte zu Shou, die ein paar Meter weiter bewusstlos am Boden lag.
"Sie ist schon seit heute Mittag bewusstlos", meinte eine junge Frau.
Xell war erleichtert, als er Shous schwachen Puls fühlen konnte.
Dann erlosch das Licht und es wurde wieder finster.

"Also, wo waren wir stehen geblieben?", fragte Caris mit einem sarkastischen Lächeln.
Squall war immer noch vom letzten Giftangriff geschwächt.
"Sie verschwenden ihre Zeit. Am besten, Sie werfen mich gleich in den Kerker", sagte er schwach.
"Ich entscheide hier über Sieg oder Niederlage. Also, warum bist du bei SEED ausgetreten?", fragte Caris leicht ungeduldig.
"Leck mich! Ein Handlanger von Prokylta hat das schonmal mit mir gemacht. Sie sind kein Deut anders als Prokylta. Warum fragen Sie nicht ihren Freund Zed, wie mans richtig macht?", gab Squall beißend zurück.
"Leute wie Prokylta existieren, weil die Regierung sich von dem Volk im gesamten distanziert. Zu Zeiten des Krieges war das nicht der Fall. Die Politik ist ein System, dass die Menschheit in Zaum halten soll. Du kannst es mit einer Chocobo-Farm vergleichen. Solange jeder einzelne Chocobo in einem Stall gehalten wird, kann nichts passieren. Sie bekommen ihr Futter, ihr Heu und ihren täglichen Auslauf. Sie leben friedlich vor sich hin. Wenn es Probleme gibt, kümmert sich der Farmer um sie. Aber was ist mit den freien Chocobos? Das ganze Leben besteht aus Überleben. Sie müssen sich Nester bauen, sie suchen Nahrungsmittel, sie kämpfen gegeneinander, alles nur, um zu überleben. Doch wenn sie einmal krank werden, kommt niemand, der ihnen eine Spritze gibt. Sie sterben und alles was bisher war, war umsonst."
Squall musste kurz lachen.
"So etwas ist natürlich... Das Leben besteht aus Lösen von Problemen, um heranzuwachsen und irgendwann das weiterzugeben, was man aufgebaut hat... Und was man erlebt hat...", sagte er. "So ist es. Das Werk fortzusetzen, was unsere Ahnen begonnen haben. Wir bauen ständig weiter und weiter. Wir kennen das Ende nicht, aber dennoch wollen wir nicht aufhören. In dem, was wir erbauen liegt unsere Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit. Wir wollen an die Spitze der Evolution gelangen. Doch die meisten Menschen denken nicht so weit. Sie wollen nur ihr Leben leben und behütet werden. Wir geben ihnen dieses bequeme Leben voller kleinen Freuden. Wir geben ihnen etwas, woran sie glauben können. Wofür sie sterben können."
"Menschen sind frei. Menschen wollen denken. Die meisten. Sie werden sie niemals kontrollieren können. Wenn jemand den Krieg verachtet, wird man diesem Menschen trotz aller Gehirnwäschen niemals das nehmen können. Macht ist Illusion", gab Squall zurück.
Er musste diesen Caris am Reden halten. Solange er redete, tötete er niemanden.
"Und was ist mit all den SEEDs, die ihr aufgegeben habt? Sie haben in meiner Einheit, in meinem Land, eine neue Heimat gefunden. Ihr habt sie verloren, ich habe sie gefunden. Ihr..."
"General Caris! Ein Notfall!", rief der Adjutant des Generals, als er hektisch den Raum betrat.
"'Code 255'! Der Notfallplan der SEEDs! Wir haben von einer vertraulichen Quelle erfahren, dass diese Operation soeben gestartet wurde", meldete Goldwarth hektisch.
"Nicht möglich! Warum so spontan?"
"Das weiß ich nicht. Aber wir müssen schleunigst von hier weg. Der Zug ist bereit."
"Bringen Sie alle Geiseln in den dritten Wagon unter. Unsere neuen Freunde kommen in den vierten. Squall in den Verhörwaggon. Außerdem benötigen wir noch mindestens fünfzig Einheiten. Der Rest soll sich schleunigst aus dem Staub machen und sich am Sammelpunkt 3 treffen. Von dort aus, werden wir zur Basis zurückkehren", befahl er.
Caris' Blick fiel auf Squall.
"Wir sehen uns, Squall", sagte Caris und betätigte einen Knopf.
Squall fühlte etwas Kaltes im Nacken und dann überfiel ihn auf einmal eine Müdigkeit und bevor er sich zusammenreißen konnte, schlief er tief und fest einen traumlosen Schlaf.

Die Alarmanlagen des Gardens blinkten und gaben einen ohrenbetäubenden Lärm von sich. Überall rannten hektisch SEEDs und Schüler umher und versuchten herauszufinden, was geschehen war. Die Direktion des Gardens war der einzige Ort, an dem noch Ruhe herrschte, obwohl hier die Nervosität wohl am größten war. Fünf Frauen standen vor der Funkanlage und versuchten die Situation in Griff zu bekommen. In der Mitte stand Quistis, die mit einem galbadianischen Offizier sprach.
"Wie oft soll ich es denn noch wiederholen? Niko wurde als unzurechnungsfähig erklärt!", brüllte sie in das Mikrofon.
"Davon hätten wir bereits erfahren. Es tut mir Leid, aber die Bomber werden jeden Moment starten. Wir können 'Code 255' nicht rückgängig machen. Eine Verweigerung wird schwere Folgen mit sich ziehen", erklärte der Mann mit einer genervten Stimme.
"Soll Timber wegen eures Mangels an Charakterstärke zerstört werden!?"
"Wir zerstören Timber nicht, verdammt! Wir nehmen lediglich ein paar chirugische Eingriffe vor. Entschuldigen Sie mich, ich muss diese Operation leiten."
Ein Knacken. Die Verbindung war unterbrochen worden. Die Zeit rannte davon.
"Versuch ruhig zu bleiben. Du wirst dich doch von so etwas nicht unterkriegen lassen, oder?", sagte Dr. Kadowaki und klopfte Quistis ermutigend auf die Schulter.
Rinoa sah Quistis fest in die Augen.
"Mach irgendwas! Wir müssen die Flugzeuge runterschießen. Sie fliegen bestimmt am Balamb Garden vorbei! Lass es uns versuchen!"
Sie zitterte am ganzen Körper. Quistis sah ihr in die Augen. Nach kurzem Zögern lief Rinoa dann in Richtung Ausgang.
"Rinoa! Warte!", rief Edea hinterher.
"Ich werde die Bomber von Himmel runterholen! Verlasst euch drauf!"
"Halt!"
Edea rannte ihr hinterher. Quistis verriegelte über den Computer die Tür. Rinoa versuchte sie mit Gewalt zu öffnen.
"Öffne die Tür, Quistis", befahl Rinoa mit einer tödlichen Ruhe.
"Hör mir bitte zu! Ich habe eine gute Idee. Wir können vielleicht das Blatt noch zu unseren Gunsten wenden."
Rinoa sah ihr noch eine Weile in die Augen, dann nickte sie. Alle im Raum sahen Quistis erwartungsvoll an.
"Schieß los", sagte Rinoa nach einer Weile.
"Zuerst einmal möchte ich euch bitten, mir zu helfen. Es war ein Fehler von mir, den Alarm auszulösen. Rinoa, ich möchte, dass du mit Edea zurück zu Cid und den Kindern gehst. Dr. Kadowaki, Sie werden hier eine Durchsage an alle Anwesenden machen, um die Sache zu erklären. Selphie, du bleibst hier bei mir und behältst die Flugzeuge über den Radar im Auge. Währenddessen werde ich Irvine kontaktieren."
"Irvine kann uns nicht helfen. Er ist momentan doch in Esthar", sagte Dr. Kadowaki.
"Das macht nichts. Als Leiter des Galbadia Garden hat er enge Kontakte zur galbadianischen Armee und irgendein hohes Tier dort ist ganz dicke mit ihm. Ich werde ihn sofort darüber informieren und wie ich ihn kenne, wird er da bestimmt eingreifen. Er hätte es wahrscheinlich schon längst getan, wenn er von Nikos Aktion wissen würde..."
Eine kleine Erleichterung war zu vernehmen.
"Das stimmt, allerdings muss er mit Konsequenzen rechnen, da eine Befehlsverweigerung von übergeordneten Instanzen eine Degradierung zur Folge haben könnte. Und Kitisa wird sicher auf der Seite von Code 255 stehen", meinte Selphie.
"Ich werde jegliche Schuld auf mich nehmen. Es ist mir egal. Ich will nur nicht, dass alles so enden muss..."

Der Schatten des Galbadia Gardens lag über der Residenz in Esthar. Das Geräusch des Windes war alles, was man in der gerade erst erwachenden Stadt hören konnte. Auf einmal sprangen leise die Motoren des Gardens an und das riesige Vehikel setzte sich langsam in Bewegung. Zuerst langsam, dann immer schneller schwebte der Garden aus der Stadt.
Unbeobachtet verließ eine Frau die Residenz. Ihr Gesicht war unter einer Robe verhüllt. Jemand schien allerdings ihre Abreise erwartet zu haben.
"Du verlässt uns, wie ich sehe", bemerkte Laguna ruhig.
Die Frau fuhr herum. Dann nickte sie.
"Ja, da ist etwas, was ich erledigen muss", sagte Prokylta.
"Ich werde dich wohl nicht aufhalten können. Nur... wenn du Squall etwas antust, dann werde ich dich töten, klar?", entgegnete Laguna leise.
"Einverstanden... also dann. Adieu, Laguna Loire", sagte Prokylta, huschte die Straße herunter und setzte sich in ein bereitstehendes Auto.
Laguna blickte ihr lange hinterher, verschwand dann wieder im Präsidentenpalast.

"Black, wie sieht die Lage aus?", fragte Caris Zed.
Beide rannten einen unterirdischen Gang entlang, der zum Bahnhof führen sollte.
"Bis zur Ankunft sind es noch zirka zehn Minuten. Die letzten Geiseln werden gerade untergebracht. Die SEEDs, die wir heute gefangen genommen haben, werden in fünf Minuten dort sein. Wir sollten in etwa acht Minuten abfahrbereit sein. Wenn wir aus dem Eisenbahntunnel raus sind, wird der Angriff bereits begonnen haben. Bis dahin sollte Kitisa über die Geiseln im Zug informiert worden sein, sodass wir also problemlos flüchten können", erklärte Zed.
"Ist das alles? Wo ist Adjutant Goldwarth? Weiß 'der Boss' Bescheid?"
"Er wollte den 'Boss' gerade informieren. Machen Sie sich keine Sorgen, zeitlich gesehen wird sich alles ausgehen. Wir haben dieses Manöver oft genug trainiert und simuliert."

Die Berichte schossen reihenweise aus dem Drucker und überfluteten den Raum. Selphie saß am Computer und nahm zahlreiche Meldungen entgegen, während Quistis ein Funkgespräch nach dem anderen führte. Inzwischen waren einige SEEDs zur Hilfe gekommen, um den beiden bei der Mission zu helfen.
"Ein Großteil der Soldaten bewegt sich in Richtung Stadtrand zu. Viele versuchen mit sämtlichen Militärfahrzeugen der Schwarzen SEEDs aus der Stadt zu entkommen. Überall Staus und Autounfälle. In Timber herrscht das totale Chaos!", rief ein SEED, der vor einem Kommunikator saß.
"Nur noch zwei Minuten. Warum braucht Irvine so lange? Verdammt!", fluchte Quistis.
Sie blickte aus dem Fenster. Timber lag nicht weit weg. Man konnte bereits Rauch aus den inneren Teilen der Stadt aufsteigen sehen.

Das Licht ging an. Ein paar Dutzend Soldaten stürmten in den Kerker und richteten ihre Waffen auf die Gefangenen.
"Xell! Cifer! Shou! Herkommen!"
Xell dachte nicht ans Flüchten. Er nahm Shou und ging langsam auf die Soldaten zu, die ihn dann packten und wegschleppten. Auch Cifer fielen in diesem Moment keine 'Alternativen' ein und ließ sich deshalb ebenfalls von den Soldaten wegführen. Während ihrem Marsch nach oben kam Xell ein düsterer Gedanke. Hatte Niko Operation 'Code 255' gestartet?

"Verstanden. Ende."
Zed beendete das Gespräch und wandte sich wieder an Caris, der gerade in den Wagon einsteigen wollte.
"General, die Jets erreichen Timber in etwa 40 Sekunden."
"Sind die Vorbereitungen abgeschlossen?"
"Die drei SEEDs aus dem Kerker werden in einer Minute da sein und..."
"Ist Squall drin?", fragte Caris aufgeregt.
"Ja. Was werden Sie tun?"
"Wir werden jetzt sofort abhauen. Steigen Sie ein, na los!", befahl der General.
Zed nickte etwas misstrauisch und betrat schließlich den Wagon.
Caris blickte sich noch einmal in der Stadt um. Ein starker Wind wehte und der aufgewirbelte Staub sah im grellen Sonnenlicht fast wie ein mystischer Schleier aus. Aus der Ferne hörte man Motorengeräusche von drei Flugzeugen...
Für einen Moment musste Caris unwillkürlich lächeln. Dann folgte er Zed in den Wagon..

"Die Luftstaffel hat Timber erreicht!", brüllte der SEED am Kommunikator panisch.
Quistis lief es kalt den Rücken runter. Mit einem flauen Gefühl im Magen blickte sie aus dem Fenster. Dann passierte es. Die Jets, die einen langen Streifen aus Rauch hinter sich herzogen, drehten ab. Eine Hälfte der Bomber verließ Timber auf der linken Seite, die anderen flogen nach rechts. Ein wunderschönes Muster wurde durch den Himmel gezogen. Quistis rasendes Herz begann sich zu beruhigen. Erleichtert setzte sie sich hin und atmete tief ein und aus, während die SEEDs hinter ihr zu applaudieren begannen. Selphie nahm das Headset vom Kopf und setzte sich zu Quistis.
"Es tut mir Leid, dass alles so kommen musste. Niko ist seit letzter Zeit ziemlich gereizt, weil Kitisa immer größeren Druck auf ihn ausübt", sagte Selphie langsam.
"Es ist nicht deine Schuld", entgegnete Quistis und lächelte zum ersten Mal seit langer Zeit.
"So etwas nenne ich Sieg. Wir haben Timber vor der Zerstörung gerettet", meinte Quistis nach einer kurzen Atempause.
"Aber die Hysterie dauert immer noch an und fordert ihre Opfer. Im Prinzip haben wir eher einen Rückschlag erlitten", meinte Selphie.
Quistis überlegte kurz. Für ihr Eingreifen würde sie bestimmt Schwierigkeiten bekommen. Sie stand wieder auf und betrachtete Timber. Dann warf sie einen Blick auf den Radar, der ihr Auskunft über das derzeitige Durcheinander in Timber gab. Vielleicht war doch nicht alles um sonst gewesen.

Der Zug erreichte den nördlichen Bahnhof von Timber, der sich direkt am Stadtrand befand. Die Interkontinentalbrücken nach Esthar und Balamb waren mit diesem Bahnhof verbunden. Caris blickte aus dem Fenster nach oben.
"Sie ziehen sich also doch zurück. Diese Mistkerle! Ganz schön clever."
"Was werden Sie tun, Sir? Eine Rückkehr zur Altstadt ist wohl nicht mehr möglich. Die SEEDs werden vermutlich von allen Seiten angreifen und unsere Einheiten niederschlagen. Da haben sich Kitisa und Goodsworth was Nettes einfallen lassen", kommentierte Zed.
"Ts. Es ist noch gar nichts vorbei. Black, Sie werden hier aussteigen und versuchen die Situation in Griff zu bekommen. Ich werde in der Zwischenzeit den Garden kontaktieren und sie auf unsere Bomben hinweisen. Wie man sieht, wollen sie ja Timber doch nicht opfern, also werden sie wohl nachgeben müssen."
Zed nickte und ging zum Ausgang. Mit einem skeptischen Blick schaute er den General ein letztes Mal an, bevor er ausstieg.

"Quistis! Ein eingehender konferenzgeschalteter Anruf von Präsident Kitisa und General Caris", rief Selphie, die sich wieder vor den Computer gesetzt hatte.
Das Jubeln der SEEDs hörte schlagartig auf. Alle richteten die Aufmerksamkeit auf Quistis, die sich vor der Funkanlage hinsetzte. Sie drückte auf einen Knopf. Das Bild am Monitor wurde geteilt, Kitisas Kopf auf der linken Seite, Caris' auf der rechten.
"Wirklich raffinierter Plan. Respekt. Allerdings scheint ihr eine Sache komplett vergessen zu haben. Wenn ihr jetzt auch nur daran denkt, anzugreifen, werde ich Timber hochgehen lassen. Das ist keine leere Drohung! Ich bin in Sicherheit, also wäre das Opfer sinnloser denn je. Euer gesamtes Täuschungsmanöver war auf tiefstem Niveau. Ihr habt euch selbst eine Kugel in das Knie geschossen", meinte Caris ruhig.
Quistis wusste bereits, was sie jetzt sagen würde. Sie hatte vorher bereits lange nachgedacht und war zu einem Entschluss gekommen.
"Wir werden trotzdem angreifen!"
"Frau Trepe, sie sollen Caris jagen und töten und nich...", stotterte Kitisa.
"General Caris, bei all ihrer Selbstsicherheit und Vorfreude haben Sie etwas vergessen. Sie verwenden 'Kalizit 70T' als Sprengstoff. Wie Sie sehen, sind auch wir nicht ganz uninformiert. Ich habe nachgeforscht und fand heraus, dass dieser Sprengstoff zwar sehr stark ist, allerdings seine Wirkung verliert, wenn die Temperaturen Nahe dem Gefrierpunkt des Wassers absinken. Ich bezweifle, dass der Keller unterhalb des Rathauses gut geheizt wird."
Alles war still.
"Ich will ja nicht meckern, General, aber so hoch ist ihr Niveau auch nicht, oder?", fragte sie provokant und lächelte.

"Goldwarth!", fauchte Caris.
Sein Adjutant stand hinter ihm.
"Es ist wahr... Das Kalizit wurde bereits bei der letzten Überprüfung vor einigen Wochen als unbrauchbar abgestempelt", erklärte er beschämt und hoffte, dass Caris ihn für das Schweigen nicht bestrafen würde.
"Warum weiß ich davon nichts? Wissen Sie eigentlich, was..."
"Genau deshalb haben wir vorgeschlagen Geiseln zu nehmen. Die Geiseln sind alle hier. Squall, Cifer und die SEEDs aus dem Garden ebenfalls", versuchte er sich zu verteidigen.
Caris stieß einen Schrei aus. Nachdem er heftig gegen die Wand des Wagons getreten hatte, nahm er wieder das Mikrofon in die Hand.
"Versucht doch dieses dreckige Timber zurückzuerobern und freut euch über diesen kleinen Sieg. Ihr kennt die Stärke unserer ganzen Armee doch gar nicht! Ihr werdet euch wundern! Und noch etwas.Alle 53 Geiseln befinden sich auf diesem Zug, ebenso der heißgeliebte Squall und euer Chef, Xell. Wenn ihr sie jemals wieder sehen wollt, dann kommt mir besser nicht in die Quere."
"Sie haben doch schon alles verloren! Warum wollen Sie nicht verhandeln?", fragte Kitisa mit endlosem Verhandlungsgeschick.
"Ich übernehme das, Präsident Kitisa. Sie fliehen also wie ein Feigling und lassen ihre Armee zurück?"
"Das ist nur ein kleiner Teil meiner Armee, meine Liebe. Ich rate euch alle Schienen in ganz Galbadia für meinen 'taktischen Rückzug' zu räumen, wenn ihr die Zivilisten lebend wieder haben wollt. Keine faulen Tricks! Ein kleiner Knopfdruck genügt und alle hinteren Wagons werden samt Geiseln in die Luft fliegen."
Mit einem gewaltigen Schlag schaltete er die Kommunikationsanlage aus. Der Adjutant stellte sich stramm und wartete auf den Befehl.
"Alle Maschinen starten! Wir werden uns in die Wüste zurückziehen. Sagen Sie den Männern, dass sie sich in den Wagonen aufteilen sollen. Die Geiseln sollen besonders gut bewacht werden. Wenn ich das Kommando gebe, erwarte ich eine unmittelbare Exekution einer beliebigen Geisel."
"Jawohl, Sir!", antwortete Goldwarth.
"Können Sie mit diesem Zug umgehen?", wollte Caris zur Sicherheit wissen.
"J... Ja, Sir!"
"Und Goldwarth? Wenn Sie mein Vertrauen noch einmal enttäuschen, gehe ich davon aus, dass Sie mich nicht mehr respektieren. Und Sie kennen die Regeln der Schwarzen SEEDs..."
Goldwarth nickte zitternd. Der General war zum ersten Mal nach dem Ausbruch des Alarms wieder zufrieden und begab sich in den hinteren Wagon, den Adjutanten zitternd am Steuer zurücklassend. Drei Monate hatte er hart gearbeitet und nun wurde sein Werk an einem Tag zerstört. Caris ging durch den dritten Wagon durch, in dem sich die Geiseln befanden. Jeder versuchte, seinen Blicken auszuweichen. Er ging weiter in den vierten Wagon. Cifer, Xell und Shou befanden sich in diesem, zusammen mit ein paar Soldaten.
"Was glotzte so? Sieht im Moment ziemlich scheiße für dich aus", spottete Cifer.
"Psst! Provozier ihn nicht!", flüsterte Xell.
Caris ging weiter und betrat den fünften Wagon. Hier wartete Squall auf ihn. Ein Sieg gegen diesen Mann könnte seinen Zorn und seine Frust wieder wettmachen, dachte sich der General.

Rinoa saß im Operationsraum und verfolgte alle eingehenden Meldungen, mit denen der Garden seit einer halben Stunde überflutet wurde. Seit die Nachricht von Squalls Entführung sie erreicht hatte, konnte sie nicht mehr ruhig sitzen. Warum musste es ausgerechnet Squall passieren?
"Trink erstmal den Saft hier. Es wird alles gut gehen. Quistis hat alles in der Hand und Caris bellt nur noch ein bisschen rum, weil er verloren hat", sagte Kadowaki und drückte Rinoa einen Plastikbecher mit orangener Flüssigkeit in die Hand.
"Ob er nun bellt oder nicht. Caris hat Squall und wer weiß, was dieses Tier mit ihm anstellt, wenn er in die Ecke gedrängt wird."
"Der Garden befindet sich nun direkt über dem Stadtzentrum! Alle SEEDs und Schüler der Oberklassen werden gebeten, sich unmittelbar zum Schulhof zu begeben. Das Entern von Timber beginnt in wenigen Minuten!", hörte man Selphies Stimme aus der Sprechanlage tönen.
"Hörst du? Erst holen die sich Timber zurück, dann holen sie sich Caris. Aber wie ich Squall kenne, hat er bis dahin sowieso alles in die Luft gejagt."
Rinoa seufzte. Der Zug war bereits einige Kilometer von Timber entfernt. Musste sie Squall wirklich seinem Glück und seinem Können überlassen? Plötzlich betrat Quistis den Raum.
"Wir werden hier im Garden nicht mehr gebraucht."
Sie trug wieder ihren Kampfanzug. An den Gürtel hangen eine Peitsche und ein paar andere Waffen.
"Rinoa, wir werden Squall da raus holen. Vertraue uns einfach."

Nachdem der Balamb Garden oberhalb der Altstadt angehalten hatte, begannen sich die SEEDs mit Seilen und Jetpacks herunterzulassen. Quistis erreichte somit den Platz vor dem Rathaus.
"Quistis! Hier rüber!", rief ihr ein SEED zu und verschwand mit ein paar anderen hinter einer Hausecke.
Quistis nahm ihre Peitsche raus und rannte hinterher. Plötzlich rannten zwei Schwarze SEEDs seitlich auf Quistis zu und warfen Messer nach ihr. Sie warf sich in den Schnee, schwang ihre Peitsche und erwischte einen der beiden Angreifer am Hals. Sie zog fest an und würgte ihn bis er das Bewusstsein verlor. Der zweite Angreifer holte daraufhin seine Maschinenpistole raus und begann zu feuern. Quistis sah eine Straßenlaterne oberhalb des Feindes. Gezielt konnte sie ihre Waffe um diese wickeln, dann zog sie an, wodurch die Laterne auf den Kopf des Soldaten fiel. Sie rannte weiter, um die anderen SEEDs einholen zu können. Einer blieb zurück und wartete auf sie.
"Quistis, wir haben soeben die Meldung bekommen, dass die Galbadia Armee den südlichen Stadtteil zurückerobern konnte. Sie sind jetzt damit beschäftigt zerstreute Einheiten festzunehmen, deshalb sollten wir uns um die Altstadt und den nördlichen Teil kümmern."
"Typisch, die Drecksarbeit bleibt uns übrig. Na dann wollen wir mal."

Zed fuhr mit einem gestohlenen galbadianischen Militärwagen in Richtung des südlichen Stadtviertels, wo seinen Informationen nach, der Aufruhr bisher am kleinsten sein soll. Er musste fliehen. Die Anweisungen des Generals waren in dieser Situation bereits nutzlos. Bürger, Soldaten, Schwarze SEEDs und SEEDs liefen quer über die Straße inmitten der vielen Panzer und Fahrzeuge durch. Es hagelte Kugeln, man hörte das Klirren der Schwertklingen. Zwei große Schatten fielen auf die Stadt, als am Himmel der Balamb und der Galbadia Garden drüber schwebten. Zed konzentrierte sich auf den Verkehr. Die Straßen wurden bereits um den Gehsteig erweitert, was die Sache etwas leichter machte.
"Ein netter Versuch mich loszuwerden, Caris. Aber wenn ich erst hier raus bin, kannst du was erleben", sagte Zed zu sich selbst.
Im selben Moment schlug der Laster vor ihm quer ein und blockierte die ganze Straße. Ruckartig drehte sich Zed im rechten Winkel nach links und bremste stark ab, jedoch krachte er mit einem lauten Knall in den Anhänger des Wagens vor ihm.
"Dann eben anders."
Er nahm sein Gewehr und sprang aus dem Fahrzeug. SEEDs und galbadianische Soldaten kämpften gegen die Männer des Generals. Da Zed weder SEED- noch Galbadia-Uniform trug, hoffte er, als Zivilist durchzugehen.

"Frau Trepe! Mir wurde aufgetragen Ihnen Bericht zu erstatten!"
"Ich bin ganz Ohr", antwortete Quistis, die sich gerade mit ein paar anderen Kämpfern hinter einen brennenden Lastwagen versteckte.
Sie hatte sich bereits bis zum Beginn des nördlichen Viertels vorgekämpft. Jedoch war ihr etwas aufgefallen. Die Kampftechniken der feindlichen Soldaten hatten große Ähnlichkeit mit denen der SEEDs.
"Verstanden! Die Einheiten aus Trabia sind vor zwanzig Minuten im westlichen Teil angekommen. Sämtliche zusammengeschlossene Truppen der Schwarzen SEEDs haben nach kürzester Zeit kapituliert. Im Moment laufen die Verhaftungen. Es gibt noch vereinzelte Einheiten, die Widerstand leisten, aber es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis diese besiegt sind."
Eine Erschütterung unterbrach den Bericht. Das brennende Fahrzeug, das als Schutzwall diente, wurde von einer Explosion auf der anderen Seite nach vorne geworfen. Quistis sprang augenblicklich zurück, auch die anderen konnten den umkippenden Trümmerhaufen ausweichen. Beinahe. Ein SEED begann zu kreischen, als er mit beiden Beinen unter dem Anhänger eingeklemmt wurde. Zwischen den Flammen konnte Quistis einen Panzer erkennen.
"Wir holen ihn da raus! Übernehmt die andere Seite!"
"Ich verlass mich auf euch!", rief Quistis und rannte mit dem Kurier und den anderen SEEDs die Straße entlang, während zwei zurückblieben und dem Eingeklemmten helfen wollten.
Einige Militärfahrzeuge inklusive dem Panzer standen vor ihnen und wurden ebenfalls als Schutzwall verwendet. Caris' Soldaten begannen auf sie zu feuern, jedoch ohne zu treffen.
"Gibt es sonst noch was zu sagen?", wollte Quistis vom Kurier wissen.
"Die Altstadt ist kurz vor der Rückeroberung. Und... Ähm... Ach ja! Weder Caris noch einer seiner Gehilfen befinden sich mehr in der Stadt. Das erklärt sich aber von selbst, wenn man diesen Haufen Verwirrter sieht, oder?"
"So ist es!"
Quistis bemerkte, dass sich hinter ihr mehrere SEEDs anhäuften. Sie macht sich bereit für den letzten Angriff gegen den wohl letzten noch stabilen Trupp der Schwarzen SEEDs.

"Squall, du weißt gar nicht, wie erleichtert ich bin, dass wir trotz der Umstände unser Gespräch von vorhin fortsetzen können."
Caris war mit Squall, der an einem Stuhl gefesselt war, allein im Wagon, trank ein heißes Getränk in einem Schluck leer und warf den Becher gelangweilt in die Ecke.
"Ich verstehe nicht, was Sie jetzt noch damit bezwecken wollen. Ist das Ihre Art Frust abzubauen?", fragte Squall.
"Mach es nicht unnötig schwer. Solange wir euch und die Geiseln haben, kann uns niemand etwas anhaben. Ich habe genügend Zeit für dich, obwohl ich die Sache diesmal eigentlich beenden will", antwortete Caris und setzte sich auf einen Sitz.
"Lieber sterbe ich, als dass ich mich Ihnen anschließe", meinte Squall prompt.
Der General verzog kurz das Gesicht und stand anschließend auf.
"Erleichtert einiges. Dein Wunsch sei mir Befehl!"
Er richtete seinen Revolver auf Squalls Kopf und sah ihn bedauernd an.
"Schade, dass es für dich, den Retter der Menschheit, dem Vernichter Artemisias so enden muss", meinte Caris und entsicherte seine Waffe.
"Sie wollen den Menschen helfen und in Wirklichkeit knallen Sie sie ab wie räudige Hunde. Sie wissen doch gar nichts über sie. Über ihr Leben und das, woran die Leute glauben."
"Diese sinnlosen und egoistischen Träume der Einzelnen sind uninteressant. Die Welt braucht Menschen mit einer Vision, mit der Überzeugung, dass sie die Welt verändern können. Alle anderen sind nur austauschbare Räder der Gesellschaft. Warum sollte ich Respekt vor solchen Leuten haben? Oder vor dir? Was hält dich am Leben? Was ist so besonders?"
"Da gibt es einiges. Meine Freunde, Rinoa... und unser Kind. Ich will nur, dass es in einer friedlichen Welt aufwachsen kann."
"Du wirst Vater?", fragte Caris in einem merkwürdigen Tonfall.
Squall nickte.
"Verstehe", entgegnete Caris beiläufig.
Er nahm die Waffe wieder runter und drehte sich zur Tür. Nachdem er den Knauf in die Hand nahm, wartete er noch einen Moment. Squall glaubte, ein Seufzen vernommen zu haben.
"Ich habe nachgedacht... Die SEEDs scheinen sehr an dir zu hängen. Du bist meine Trumpfkarte", lächelte Caris, jedoch wirkte sein Lächeln gefälscht.
Er grinste fies, jedoch wirkte sein Lächeln gefälscht.
General Caris öffnete die Kabine des Wagons und zog den Sessel, an dem Squall gebunden war, in die Kammer.
"Du bleibst erstmal hier!"
Anschließend knallte er die Tür zu. Es war dunkel. Squall hörte, wie Caris den Wagon wieder verließ. Nun war er hier eingesperrt.
Minuten, vielleicht sogar Stunden, vergingen. Der Raum war dunkel. Er saß ruhig da und lauschte dem Rattern des Zuges, als er plötzlich das Geräusch einer Schiebetür hörte. Schritte kamen näher. Squall konnte hören, dass sich außerhalb des Raumes etwas abspielte.
"Hier rein! Mach aber ja keine Dummheiten!", gab eine Person von sich.
"N-Nein. Vielen Dank", antwortete die zweite Person.
Ein leises Quietschen war zu vernehmen, die Tür öffnete sich und die Umrisse eines Mannes waren zu sehen. Es folgten zwei Klicks, einer als die Tür wieder geschlossen wurde, ein anderer, als das Licht eingeschaltet wurde. Vor Squall stand eine unbekannte Person. Seinem Aussehen nach zu urteilen, war das jemand, der in einem Büro arbeiten könnte. Der junge Mann erschrak, als er bemerkte, dass er nicht alleine war.
"Ich wollte Sie nicht stören! Man hat mir gesagt, ich könne hier auf die Toilette..."
"Schon gut, seien Sie leise", unterbrach Squall flüsternd das Rumfuchteln des Unbekannten.
"Okay, okay, verstanden", entgegnete der Mann nervös.
Er warf einen Blick auf das Klo, das sich neben Squall befand.
"Nun... Äh... Na gut."
"Ähm, ja... Lassen Sie sich von mir nicht stören", sagte Squall etwas unsicher.
Der Mann zögerte kurz, stellte sich dann aber mit unsicheren Schritten vor das Klo.
"Sie sind eine der Geiseln, nicht wahr?", wisperte Squall.
Der Typ neben ihm, der mit seinen zittrigen Händen an den Hosenknopf rumfummelte, zuckte zusammen.
"Bitte! Ich kann so nicht... Blicken Sie in die andere Richtung!"
"Hey! Mit wem redest du und warum dauert das so lange!?", wollte der Soldaten vor der Kabine wissen und klopfte kräftig gegen die Tür.
"I-Ich bin gleich fertig."
"Na los. Holen Sie mich hier raus!", flüsterte Squall.
"Was!?"
"Psst! Binden Sie mich los! Schnell!", zischte Squall.
"Nein! Ich kann nicht! Lassen Sie mich in Ruhe!"
"Es reicht! Wenn du nicht sofort die Tür aufsperrst, dann trete ich sie ein!", drohte der Soldat und klopfte noch fester als beim ersten Mal dagegen.
"Ich werde Sie hier rausholen! Vertrauen Sie mir", versuchte es Squall ein weiteres Mal.
Der Mann wurde nervös und ging in Richtung Tür.
"Caris ist gefährlich! Wenn Sie weiterleben wollen, dann müssen Sie mir helfen."
Schweiß rann von seiner Stirn. Hinter ihm konnte man das wütende Klopfen des Soldaten hören.
"Verdammter Mist!", fluchte der Mann und drehte sich hastig zum Waschbecken.
Panisch schmiss er ein paar Toilettentaschen und Kosmetika zu Boden, kniete sich nieder und suchte zwischen Zahnbürsten und Parfums etwas, womit er das Seil durchschneiden könnte.
"Was soll dieser Krach!? Jetzt hab ich aber genug!"
Der Schwarze SEED trat einmal heftig gegen die Tür. Vergeblich. Der unbekannte Zivilist fasste sich verzweifelt am Kopf. Dann sah er etwas in der Ecke. Eine gewagte Idee schien ihm durch den Kopf zu gehen.
"Die Rohrzange!", flüsterte Squall.
Der Mann sprang in die Ecke und griff nach dem dort lehnenden Werkzeug. Im selben Moment sprang die Tür auf, der überraschte Soldat richtete seine Waffe auf Squall.
"Was zum...? Wo ist dieser Typ von vorhin!?"
Ein brutales Scheppern war zu hören. Der Soldat fiel nach einem kurzen Aufschrei um. In der Ecke links hinter ihm stand der unsichere Mann mit einer Rohrzange in der Hand. Zuerst konnte er es nicht glauben, was er getan hatte. Dann ließ er sie fallen.
"Ich habe ihn getötet!"
"Nein, er ist bewusstlos. Bitte helfen Sie mir hier raus. Ich kann Ihnen helfen. Wenn Sie jetzt zurückgehen, wird man Sie erschießen."
Der Zivilist nickte langsam, vergewisserte sich dann, dass vor der Kabine niemand stand und begann den Knoten zu öffnen, der um Squall und den Stuhl gebunden war. Langsam legte sich seine Nervosität.
"Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll", sagte Squall erleichtert, als das Seil locker wurde und er sich entfesseln konnte.
"Sind die drei Gefangenen im Nebenwagon ihre Freunde?", fragte sein Befreier.
"Drei? Ja, das werden sie sein. Danke für den Hinweis. Ich bin übrigens Squall."
"Fibrean Copper. Aber Sie dürfen Fib zu mir sagen, so nennen mich zumindest meine Kollegen."
Fib schüttelte Squall die Hand.
"Fib, hast du im anderen Wagon Soldaten gesehen?", wollte Squall wissen.
"Ja, es waren ein paar, aber ich hab mich nicht genau umgesehen."
"So ist das also. Wir müssen uns was einfallen lassen, damit wir sie ausschalten können."
Squall beugte sich und untersuchte den bewusstlosen Soldaten. Er trug neben seinem Gewehr auch eine Gunblade mit kurzer Klinge bei sich, die Squall an sich nahm.
"Immer diese Budgetkürzungen", murmelte Squall ironisch wandte sich dann an Fib.
"Nun hör gut zu. Du wirst nun panisch in den Nebenwagon rennen und sagen, dass ein Verrückter diesen Soldaten hier erledigt hätte. Du hättest diesen Verrückten, also mich, mit einer Rohrzange bewusstlos geschlagen und nun würde ich in der Kabine liegen. Die Soldaten werden daraufhin bestimmt nachschauen kommen. Sie werden einen Blick in diesen Raum werfen und ich werde dann im richtigen Moment von hinten zuschlagen. Ich denke, das sollte funktionieren."
"Ich kann mich doch nicht einfach mit diesen Soldaten anlegen. Die werden mich töten!"
"Nein, sie werden mich töten. Du bist eine Geisel, also was hast du schon zu befürchten?"
"Ich kann so was unmöglich vorspielen."
"Du hast die Rolle aber echt drauf, wie man vorhin gesehen hat", grinste Squall.
"Willst du dich über mich lustig machen? Ich bin gerade überhaupt nicht für Scherze zu haben."
"Lauf einfach schreiend raus, das ist überzeugend genug. Der Plan funktioniert bestimmt."
"Nein, das tut er nicht!"
Beide erschraken und drehten sich langsam um. Am Boden sahen sie die Schatten von Soldaten. Sie richteten ihren Blick nach oben. Vier Schwarze SEEDs standen hinter ihnen, ihr Gewehr, wie immer, nach vorne gestreckt. Squall konnte durch die offene Verbindungstür zum anderen Wagon hinter den Soldaten Xell, Cifer und Shou erkennen. Es gab keine Alternative.
"In Deckung!", rief Squall, warf Fib zur Seite und lief auf seine Feinde zu.

Ziegeln, Glassplitter, Waffen, kaputte Autoteile und vieles mehr bedeckten die Straßen von Timber. Rauch und Feuer stieg aus sämtlichen Häusern und Autos hervor. Sirenen waren zu hören, irgendwo fielen sogar noch Schüsse. Doch die Schlacht war vorbei. Die letzten Truppen hatten sich freiwillig ergeben. Viele Schwarze SEEDs waren geflüchtet, andere stellten sich noch immer ihren Gegnern, doch diese wurden immer weniger. Tausende Zivilisten blickten ängstlich aus ihren Fenstern, um das Geschehen auf der Straße zu beobachten. SEEDs und Galbadia Soldaten waren damit beschäftigt Feinde zu verhaften, Verhaftete abzuführen und Verletzte zu bergen. Im Stadtzentrum hatten sich besonders viele SEEDs versammelt. Zahlreiche Helikopter landeten in der Altstadt.
Quistis befand sich in der Menge der SEEDs, die mit Berichterstattungen beschäftigt waren.
"Also ist es tatsächlich so. Ich dachte zuerst, das bilde ich mir nur ein, aber..."
"Nein, Sie hatten Recht. Ein paar Schwarze SEEDs haben bereits zugegeben, dass sie früher Mitglieder der SEEDs waren", berichtete ein SEED, der in Quistis Trupp gewesen war.
"Dann waren unter unseren Feinden also auch meine ehemaligen Schüler... Ich wollte es zuerst nicht wahrhaben, daher habe ich mir eingeredet, dass ich mich täusche. Aber das ändert nichts an den Tatsachen. Caris ist gefährlich. Er spielt mit uns, als wären wir Puppen."
"Ich musste auch zusehen, wie ein alter Kollege aus meiner alten Stufe verhaftet wurde. Ich bin schon auf die Verhandlungen gespannt. Dann erfahren wir endlich die ganze Wahrheit."
"Wenn rauskommt, dass die Schwarzen SEEDs zum Teil früher welche von uns waren, dann stehen wir nicht gerade gut da. Niko wird das wohl nicht gefallen."
"Übrigens... Wo ist er jetzt?"
"Er ruht sich in seinem Zimmer aus. Und das wird noch eine ganze Weile so bleiben", schmunzelte Quistis.
"Waren unter den Gefangenen wichtige Personen dabei?", fragte sie in einem sachlicheren Tonfall weiter.
"Caris und sein Adjutant sind geflohen, aber wir haben jemanden festgenommen, der bei jedem Foto mit Caris zu sehen ist. Sein Name ist Zed Black."
"Was?... Hm, ich verstehe. Ich denke, das genügt vorerst."
Der SEED nickte und marschierte davon. Nachdem er in der Menge verschwunden war, machte sich Quistis auf den Weg zum Balamb Garden, der sich noch immer oberhalb des Rathauses befand.

"Deine Aktion war unglaublich! Die Armee von Caris in nur wenigen Stunden niedergeschlagen und noch dazu Timber vor einer sinnlosen Zerstörung gerettet."
Eine Menge SEEDs applaudierten Quistis, als sie in den Garden zurückkehrte. Auch Edea und Rinoa waren anwesend, als sie in den Operationsraum ging, um die Lage zu besprechen.
"Es gibt noch keinen Grund zum Feiern. Caris ist entkommen und hat nach wie vor ein Druckmittel. Kitisa wird über diese Angelegenheit nicht sonderlich erfreut sein. Noch dazu hat Irvine zugunsten unseres Plans seinen Posten aufs Spiel gesetzt. Ich habe die Kontrolle über den Garden übernommen, indem ich Niko zusammengeschlagen habe und anschließend einen spontanen Angriff auf die feindlichen Truppen unternommen. Wir werden mit harten Strafen rechnen müssen."
"Aber ihr habt das Richtige getan. Menschlichkeit kommt oft mit dem Gesetz in Konflikt. Es ist eine Frage der Moral. Und genau das ist es, was euch SEEDs so besonders macht. Ihr wisst stets, welchen Gesetzen ihr zu folgen habt. Entweder den unzähligen Paragraphen in den Büchern, oder eurem Gewissen. Ich denke, dass das selbst die Regierung einsehen muss. Schließlich habt ihr Timber gerettet, ohne ein großes Opfer zu bringen. Und wegen der Strafen... Wer soll euch diese erteilen? Falls du es noch nicht mitbekommen hast, aber ich bin das Oberhaupt von SEED. Und will jedenfalls keine Strafe verhängen", meinte Edea schmunzelnd.
"Leider konnten wir Caris nicht stoppen, was das eigentliche Ziel war. Solange er noch die Geiseln hat, ist nichts vorbei", meinte Quistis düster.
"Aber das wird's doch nicht gewesen sein. Habt ihr keine Lösung parat? Wir können Squall und die anderen doch nicht so einfach in Caris' Hände fallen lassen."
"Nein, Rinoa, und das werden wir auch nicht. Dummerweise kann man in dieser Situation nicht mit Schwertern und Gewehren angetanzt kommen. Hier brauchen wir eine besondere Strategie."
Rinoa seufzte. Langsam schlug sich ihre Angst körperlich nieder. Sie bekam unkontrollierte Bauchkrämpfe und dröhnende Kopfschmerzen. Auch ihr Kind würde diese Schmerzen bestimmt spüren.
"Squall... Während wir hier reden wird er bestimmt furchtbar leiden müssen..."

Die Glassplitter flogen in alle Richtungen, als Squall seinen Gegner einen impulsiven Tritt verpasst hatte und dieser dann durch die Fensterscheibe durch nach draußen flog.
"Stirb!", fauchte der letzte Soldat, warf sein leeres Gewehr weg und zog seine Gunblade.
Nach ein paar misslungenen Schlägen startete Squall den Gegenangriff. Nach dem fünften Schlag fiel die Waffe aus der Hand des Soldaten. Der sechste Schlag schlug ihn bewusstlos.
"Unglaublich... Du hast gegen vier Soldaten gewonnen!"
Fib war blass im Gesicht.
"Gibt härtere Sachen", meinte Squall und spürte, wie er rot wurde.
Squall und Fib gingen durch die Verbindungstür zum vierten Wagon.
"Oh, besser zu spät als gar nicht", wurden die beiden von Cifer empfangen.
"Nun... Bedankt euch bei Fib", grinste Squall, während er Xell, Cifer und Shou losband.
Shou befand sich immer noch im Koma.
"Die anderen werden bestimmt bald merken, dass hier etwas nicht stimmt. Wir sollten hier irgendwie rauskommen", schlug Xell vor.
"Ich hab gehört, wie ein paar Soldaten über eine Bombe gesprochen haben. Wisst ihr was davon?"
"Yo, Squall. Ich hab alles mitgehört. Unter allen Wagons inklusive Triebwagen sind Sprengstoffkörper angebracht. Caris besitzt den Zündschalter. Er selbst hält sich im Zugfahrzeug auf, Wagon 1 und 2 sind mit Waffen und Soldaten gefüllt. Die Geiseln befinden sich im dritten. Wir sind im vierten und der dahinter ist der fünfte."
"Wenn wir die Bombe unterhalb des dritten Wagons entschärfen, dann könnten wir uns die Soldaten vorknöpfen und die Geiseln retten. Allerdings sollten wir uns nicht hier drinnen aufhalten."
Die anderen stimmten Squall zu. Xell nahm Shou auf die Schulter und folgte Squall und Cifer in den letzten Wagon. Fib sah den anderen kurz nach und folgte ihnen dann unentschlossen.

Das Fenster, das im Kampf zerstört worden war, war die einzige Verbindung nach außen.
"Ich und Cifer klettern zuerst auf das Dach. Xell, du reichst uns Shou durchs Fenster, damit wir sie hochziehen können. Danach hilfst du Fib hier rauf und zum Schluss kletterst du nach."
Fib schluckte.
"Ich soll da raus und aufs Dach klettern?"
"Verlass dich auf mich, Kumpel. Squall und Cifer ziehen dich rauf, während ich unten aufpasse, dass du nicht ausrutscht."
Fib nickte.
Nach einer Minute befanden sich alle fünf auf dem Dach. Erst jetzt konnten sie sehen, wie schnell der Zug wirklich unterwegs war. Die Bäume rasten an ihnen vorbei, der Wind riss sie beinahe vom Dach.
"Verdammt windig hier, was? Ab zum dritten Wagon", schrie Cifer über den Wind.
Squall überlegte kurz.
"Lasst uns hinkriechen. Sonst werden wir noch runtergeweht."
Die anderen nickten und folgten Squall auf den Wagon, in dem sich die Geiseln befanden.
"Hast du eine Ahnung, wie wir das anstellen, Xell?"
"Nein, aber ich werde jetzt den Garden kontaktieren."
"Wie hast du..."
"Der bewusstlose Soldat da unten hatte ein Funkgerät dabei. Gut, dass die Dinger auf allen Frequenzen senden... Wenn die Schwarzen SEEDs nicht immer verschlüsseln würden, könnten wir locker ihre Funksprüche mithören."
Xell schaltete das Funkgerät ein und stellte die Frequenz des Balamb Garden ein.
"Balamb Garden, bitte melden! Hier spricht Xell."
Es kam keine Antwort.
"Was meinst du, Xell? Ob etwas passiert ist?"
"Balamb Garden, meldet euch! Ich bin's, Xell! Squall und die anderen sind auch hier!"
Ein Knattern ertönte aus dem Lautsprecher.
"Hier Balamb Garden. Freut mich, dass ihr alle wohlauf seid."
"Etwas mehr Begeisterung, Selphie. Wie ist die derzeitige Lage?", fragte Xell mit einem schiefen Grinsen.
"Durch Irvines Intervention wurde 'Code 255' abgebrochen. Quistis hat daraufhin mit den SEEDs und Galbadia eine Großoffensive gestartet, bei der die Truppen der Schwarzen SEEDs geschlagen wurden. Die Stadt ist befreit und wieder unabhängig. Im Moment laufen noch die Verhaftungen und Berichterstattungen..."
Xell setzte sich hin und atmete erleichtert aus.
"Endlich..."
Squall nahm Xell den Apparat aus der Hand.
"Hallo Selphie. Wo ist Rinoa? Geht es ihr gut?"
"Sie ist im Moment mit den anderen bei der Besprechung. Ich glaube, sie macht sich Sorgen."
"Kannst du ihr sagen, dass es mir gut geht?"
"Ja, äh... Wäre es nicht besser, wenn du es ihr sagen würdest?", kam Selphies unsichere Antwort zurück.
"Vielleicht... Aber vorher was anderes, uns rennt die Zeit davon. Der Zug, den Caris gekapert hat, ist vermint. Wir bräuchten die Hilfe eines technischen Genies, wie du es bist, um sie zu entschärfen und somit Caris' wirksamstes Druckmittel unbrauchbar zu machen."
"Verstehe. Nennt mir den Typnamen und die Seriennummer der angebrachten Konsole."
"Hä?"
"Das steht auf dem Sprengstoff drauf. Wenn er unterhalb des Zugs ist, dann..."
"Warte... da müssen erst hin."
Squall schaute über die Kante nach unten. Die Steine und Gebüsche sausten mit hoher Geschwindigkeit vorbei.
"Einverstanden. Bleib solange dran, wir werden versuchen an die Bombe ranzukommen."
"Nicht dein Ernst, oder?"
Xell blickte ebenfalls nach unten. Die Sache schien im nicht zu schmecken.
"Wenn wir hier abrutschen, dann zerfetzt es uns in kleine Häppchen."
"Dann bleib hier. Das ist ein Job für echte Männer", sagte Cifer und presste seine Fäuste aneinander.
"Das ist doch irrsinnig. Da unten kann man sich doch nicht mal richtig festhalten."
"Nein, Xell, es könnte funktionieren, wenn zwei da runter gehen. Der, der die Bombe entschärft stützt sich mit den Beinen an der unteren Kante ab. Eine Hand hat er für die Bombe, mit der anderen hält er sich bei dem zweiten, der da runter geht fest. Der zweite umschlingt mit der freien Hand eine dieser Eisenstangen, die an den Fenstern angebracht sind und hält das Funkgerät. Das einzige worauf wir achten müssen sind die Insassen. Sie dürfen uns auf keinen Fall entdecken", erklärte Squall.
Xell betrachtete noch mal die Lage.
"Also gut. Wer geht nach unten?", fragte Xell nervös.
"Ich und Cifer. Xell du bleibst hier und passt auf Shou und Fib auf. Cifer, wer macht von uns beiden das Entschärfen?" Cifer überlegte nicht lange.
"Nachdem du besser reden kannst als ich, wirst du das Funkgerät bekommen. Mach dir keine Sorgen, ich werde das Baby schon zum Schweigen bringen."
"Gut, wie du willst."
Squall und Cifer vermuteten, dass sich die Bombe in der Mitte befand, also kletterten sie in der Mitte des Wagons nach unten. Cifer kletterte voraus, dicht neben der Wand, um nicht entdeckt zu werden. Dann erreichte er das Ende der Stange. Die untere Kante war noch einen halben Meter entfernt. Er streckte seine Beine, bis er mit den Füßen an der Kante Halt fand. Anschließend ließ sich Cifer weiter runter, seinen Arm ganz nach oben gestreckt, um das Ende der Stange zu erreichen und seine Knie gebeugt. Squall kam ebenfalls am Ende an. Er nahm das Funkgerät in die rechte Hand und umklammerte mit dem Arm das Metall. Mit seinen Beinen stützte er sich an der Wand ab, ungefähr in selber Höhe wie Cifers Oberkörper. Dann fasste er Cifers Hand.
"Sag mir wenn du bereit bist. Ich werde dich halten, wenn du dich nach unten lässt."
Cifer warf einen Blick auf den Boden, der unter ihm vorbeizog und nickte Squall zu.
"Ich bin bereit..."
Er ließ die Stange los und klammerte sich mit seiner Hand an der von Squall.
Beide gaben sich ein letztes Zeichen durch ein Nicken, dann ließ sich Cifer nach unten. Sein Gewicht zerrte an Squalls Arm, doch bis jetzt ging alles gut.
"Selphie? Wir sind soweit. Sag uns, was wir tun sollen."
"Gut, äh... Nennt mir die Nummer, die auf der Bombe drauf steht."
"Cifer, gelangst du zur Bombe? Kannst du die Nummer erkennen?"
Cifer steckte seinen Kopf unterhalb des Zuges rein.
"Ja, hier steht was. XSA-84-72-49-32."
Squall gab die Nummer noch mal durch. Aus dem Lautsprecher hörte man, wie Selphie am Computer tippte.
"Ich habe sie gefunden. Ein Sprengstoff ausgestattet mit einer Konsole, die ein einfaches Aktivieren und Deaktivieren ermöglicht. Erforderlich für diesen Vorgang sind das Entfernen des Input-Blockers und die Eingabe eines Passwortes. Hier ist ein Universal-Passwort angegeben, welches mit Sicherheit auf jeder Bombe dieses Typs funktioniert."
"Okay, sag uns, was wir zuerst tun müssen."
"Einverstanden. Um Eingaben von der Konsole zuzulassen, müssen Sie den Input-Blocker entfernen. Gehen Sie dabei folgendermaßen vor...", begann Selphie.
"'Sie'? Selphie, du musst mich doch nicht siezen."
"Tut mir Leid. Aber in diesem Tutorial ist das so verfasst."
"Ja, aber keiner sagt, dass du es vorlesen musst. Erklär es uns einfach mit deinen Worten so, dass wir es verstehen.", rief Squall etwas genervt.
"Seid ihr vielleicht fertig? Hier unten ist es kalt!", brüllte Cifer dazwischen.
"Schon, aber... Ich weiß nicht, ob ich das so gut kann."
"Natürlich kannst du das. Du konntest es früher auch. Selphie, wir brauchen dich jetzt, keine Anleitung."
Einen kurzen Moment hörte man nichts.
"Hey, ihr zwei. Ist ja ganz nett, aber ich sehe das von einer anderen Perspektive. Je schneller wir fertig sind, desto besser", rief Cifer von unten rauf.
"G-Gut, ich werde das jetzt erklären. Sag Cifer, dass er das Schild, auf dem die Nummer steht, aufklappen kann. Darin befindet sich ein Stift. Wenn man diesen im Uhrzeigersinn dreht, dann kann man ihn weiter rein schieben...", sagte Selphie nervös.
"Verstanden. Cifer!"
Squall erklärte Cifer, was er zu tun hatte.
"So geht es weiter: Wenn der Stift drin ist, sollte auf der Unterseite ein Display zu leuchten beginnen. Auf dieser Touch-Screen erscheinen Befehle zum Auswählen. Cifer soll mit dem Finger auf 'Deaktivieren' tippen."
Squall wandte sich wieder zu Cifer.
"Unterhalb der Bombe befindet sich eine Touch-Screen! Dort wählst du mit dem Finger den Befehl 'Deaktivieren' aus!"
"Touph-Ring?"
Cifer sah ratlos unterhalb des Zuges nach.
"Ah, habe verstanden. Der Bildschirm."
"Gut. Selphie, was kommt als nächstes?"
"Auf dem Bildschirm sollten nun vier Symbole erscheinen: Kreis, Kreuz, Quadrat und Dreieck. Ich werde euch nun das Passwort durchgeben. Cifer muss einfach das Symbol, das ich ansage, drücken. Am Ende erscheint eine letzte Bestätigungsfrage. Dort muss er dann auf 'Ja' drücken."
Squall erklärte Cifer schnell, was er zu machen hatte. Danach begann Selphie den Code durchzugeben. Es waren um die zwanzig Zeichen. Schließlich war es geschafft...
"Hey, Squall. Die Lichter haben alle aufgehört zu leuchten. Das war's wohl, oder?"
"Ja... Glückwunsch."
Ihre Worte klangen zum ersten Mal wieder etwas fröhlicher. Squall war erleichtert. Mit aller Kraft zog er Cifer nach oben, bis er sich wieder festhalten konnte. Wieder auf dem Dach angekommen setzten sich beide kurz hin, um eine Verschnaufpause einzulegen. Squalls Arm war nicht mehr weit von einem Krampf entfernt.
"Wow, ihr seid echt unschlagbar. Respekt. Was kommt als Nächstes?", fragte Xell grinsend.
"Wir könnten uns nun zu Caris vorkämpfen, allerdings gibt's da noch die Soldaten..."
"Ich werde den Garden zu allererst mal sagen, dass sie ein paar Einheiten losschicken sollen, um die Zivilisten da raus zu holen. Wenn wir es schaffen, die Soldaten in Schach zu halten, stellt Caris keine Bedrohung für die Zivilisten mehr da."
Squall gab Xell das Funkgerät, der mit Selphie Kontakt aufnahm. In der Zwischenzeit arbeitete sich der Rest zum zweiten Wagon vor, um dort über das Fenster einzusteigen.
"Hab alles erledigt. Der Garden wird uns Unterstützung zukommen lassen", rief Xell und sprang den anderen folgend auf den zweiten Wagon.
Cifer hielt sich erneut an Squalls Hand fest, diesmal um Schwung zu holen, damit er mit den Beinen die Fensterscheiben eintreten konnte.

"General Caris wartet hinter dieser Tür. Wir sollten uns besser auf einiges gefasst machen", sagte Squall, nachdem er und Cifer sich bis zum Triebwagen vorgekämpft hatten.
Squall holte ein Funkgerät heraus, das er einem Soldaten abgenommen hatte.
"Xell, wie sieht es aus?"
"Ganz gut, die Schwarzen SEEDs fliehen geradezu vor mir. Caris scheint Recht gehabt zu haben. Unter den SEEDs befinden sich zahlreiche Leute von uns. Ich musste gerade einem alten Störenfried des Gardens kräftig den Hintern versohlen. Du kennst doch sicher noch..."
"Also, alles in Ordnung. Fib, wie isses bei euch?", fragte Squall.
"Wir warten auf unseren Transport, es ist kalt, ich muss aufs Klo, aber ansonsten ist unsere Abstellkammer richtig gemütlich", kam Fibs Stimme zurück.
"Der wird ja richtig lustig auf seine alten Tage", murmelte Cifer.
Die Tür war nicht verschlossen. Squall fasste die Türklinke an, zählte innerlich bis drei und drückte sie nach unten. Mit einem Knarren wurde sie nach innen geöffnet. Squall und Cifer zogen ihre Gunblades, die sie unterwegs gefunden hatten. Licht schien ihnen entgegen, die Umrisse zweier Männer, die aus der Windschutzscheibe starrten, waren zu sehen.
"Halten Sie den Zug an! Sie haben das Spiel verloren!", brüllte Squall.
Caris drehte sich nicht um.
"Immer diese Heldensprüche... Hast du schon mal was von 'bitte' gehört?"
"Kommen Sie mir nicht auf die Tour! Sehen Sie es ein. Es ist vorbei."
Goldwarth, der neben dem General stand, wurde nervös.
"Sir! Ich... Wir müssen uns was einfallen lassen!"
Caris begann zu lachen und drehte sich schließlich um.
"Wirklich mutig. Ihr könnt es noch zu etwas bringen. Das Leben der vielen Unschuldigen riskierend stellt ihr euch mir in den Weg. Köstlich. Das zeigt mir, dass ihr eure Nerven verloren habt."
"Wir sind weit davon entfernt, die Nerven zu verlieren. Wir sind hier, um sie und ihre Armee hinter Gitter zu bringen!"
"Mich? Fein, dann töte mich doch. Meine Armee? Ach, bist du dumm. Du denkst doch nicht allen Ernstes, du könntest die Schwarzen SEEDs so einfach vernichten? Du hast doch gar keine Ahnung, wie groß Per Manum und die Schwarzen SEEDs wirklich sind."
"Alles nur eine feige Ausrede, damit wir dich am Leben lassen, richtig? Das kannst du alles vergessen! Wie willste deiner Niederlage jetzt noch entkommen?", fragte Cifer.
"Cifer, hilf Xell, die Soldaten auszuschalten. Ich komm hier schon klar."
Cifer hatte verstanden und kehrte um. Goldwarth bekam ein mulmiges Gefühl, während Caris die Begegnung sichtlich genoss.
"General Caris, Sir! Er ist gefährlich... Erlauben Sie mir... Die erledigen unsere Soldaten."
"Bleiben Sie ruhig, Goldwarth."
Caris verstummte kurz.
"Wer sind Sie denn?"
"Lass dich von mir nicht stören, Guter." Es war eine Stimme, die Squall schon lange nicht mehr gehört hatte. Sein Herz begann lauter zu klopfen. Er hatte mit vielem gerechnet, nur damit nicht...
"Wenn ich Gespräche wie euren Streit soeben belausche, dann finde ich wieder die Bestätigung dafür, wie sinnlos die Probleme von euch normalen Menschen sind. Ihr bekämpft euch gegenseitig, ihr tötet euch gegenseitig. Für etwas Materielles, für etwas, womit ihr eure Macht ausdrücken könnte..."
"Zum letzten Mal. Wer sind Sie?"
Caris klang bedrohlich.
"Du weißt die Antwort und willst sie von mir noch einmal hören? Fallen dir wirklich keine besseren Worte ein? Ist es die Angst, die deinen Verstand vernebelt?"
"Halten Sie die Klappe! Sie sind Prokylta, richtig? Goldwarth, knallen Sie sie ab", befahl Caris.
Goldwarths Hand glitt zu seiner Waffe. Etwas Gleißendes zischte an Squall vorbei. Er kniff kurz die Augen zusammen. Er hörte ein dumpfes Geräusch. Als er die Augen aufmachte, sah er Goldwarth tot am Boden liegend.
"Lassen wir doch die Spielereien und kommen zum Geschäftlichen. Du besitzt etwas, das in meine Hände gehört. Etwas, das keinen Nutzen für dich hat", meinte Prokylta lässig.
"Reden Sie vom Artefakt". entgegnete Caris, der etwas blass geworden war.
Squall wusste nicht, was er tun sollte. Er musste sich einmischen, sich das Artefakt schnappen, doch er befand sich zwischen zwei mächtigen Gegnern. Sollte er abwarten, bis einer von den beiden von den jeweils anderen besiegt wird?
"Zerbrich dir nicht den Kopf, Squall. Ich bin nicht deinetwegen hier, also halte dich besser raus."
"Ich habe das Artefakt nicht mehr. Zed hatte es bei der Flucht an sich genommen...", begann Caris.
"Lügner, es befindet sich in deiner Tasche", gab Prokylta kühl zurück.
Caris' Gesichtsmuskeln zuckten. Dann senkte er seine Waffe. Als er weitersprach, klang er wesentlich ruhiger.
"Ok... Prokylta, verhandeln wir. Sie wollen das Artefakt. Ich habe das Artefakt. Wieso verwenden wir es nicht als Zeichen für eine Allianz? Wir haben den gleichen Feind. Sie wollen Per Manum stürzen. Das Gleiche möchte ich auch."
Prokylta sah ihn mit einem steinernen Gesicht an. Caris fuhr nach ein paar heftigen Atemzügen fort.
"Zu lange haben mich diese Idioten benutzt. Ich kann ihnen die Adresse des 'Bosses' geben. Ich kenne seinen Namen. Wir..."
Prokylta hob ihre Hand und gebot Caris Einhalt.
"Ich glaube, es ist Zeit, ein Missverständnis aufzuklären, mein militanter Freund. Ich habe nicht vor, Per Manum zu stürzen oder 'den Boss' zu töten. Im Gegenteil, 'der Boss' ist ein enger Freund von mir, oder besser gesagt, eine enge Freundin."
Caris Gesicht wurde weiß wie Schnee.
"Aber Sie sind doch..."
"Ja, wir sind im Krieg. Aber wegen einem Krieg beendet man keine Freundschaft. Sie können mir glauben, mein kleiner Offizier, dass mir diese Freundschaft wichtiger ist, als irgendein Artefakt", schloss Prokylta kühl.
Caris Hand schnellte zu seiner Waffe und er feuerte ein paar Mal auf Prokylta. Die Kugeln verglühten und zerfielen zu harmlosen Staub.
"Es gibt allerdings etwas, was mich wirklich interessiert. Wie du siehst, meine kleine Marionette, könnte ich mir das Artefakt jederzeit holen. Allerdings gibt es einen Mann unter den Geiseln, den ich unbedingt brauche. Liefer ihn mir aus.

ein Name ist Fibrean Copper!"
Squalls Magen zog sich zusammen. Die Stille wurde nur durch das gleichmäßige Rattern des fahrenden Zuges unterbrochen. Dann tönte eine Stimme aus Squalls Funkgerät.
"Squall, hier ist Quistis. Wir haben alle Geiseln gerettet, darunter auch einen Fibrean Copper, der mich gebeten hat, dir seinen Dank auszurichten."
"Damit hat sich das wohl erübrigt. Na schön, dann will ich mal gehen", meinte Prokylta trocken.
"Sie werden diesen Raum nicht lebend verlassen!", fauchte Caris.
"Drohen Sie mir etwa?!", fragte Prokylta mit einer bedrohlichen Stimmlage.
Auf einmal gab es ein ohrenbetäubendes Quietschen. Der Zug bremste stark. Caris und Squall mussten griffen hektisch nach etwas, woran sie sich festhalten konnten, um nicht umzufallen. Prokylta hingegen stand still im Raum. Der Zug kam schließlich zum Stillstand.
"Was passiert hier?", brüllte Caris.
Squall sah Prokylta an. Ein unsichtbarer Wind schien durch ihre Kleider und ihr Haar zu wehen. Ein großer Lichtstrahl kam aus ihrem Körper. Das Licht kroch ihre Arme hinauf, wechselte die Farben und kroch dann in ihre Hände. Squall warf sich auf den Boden.
"Früher hab ich immer gesagt, dass mir die Stimmen etwas befehlen. Aber wie unser gemeinsamer Freund Squall herausgefunden hat, gibt es die ja gar nicht. Deswegen darf ich dir versichern, mein kleiner unschuldiger Junge, dass dies hier das Resultat mangelnder Sympathie zwischen uns beiden ist", erklärte Prokylta.
Die Tür hinter ihr ging auf und Soldaten stürmten rein. Prokylta öffnete ihre Handflächen. Eine große Kraft entlud sich. Die Soldaten schrieen und wurden in der Luft zerrissen. Squall schloss die Augen und bereitete sich auf das schlimmste vor. Ein ohrenbetäubendes Rauschen ertönte, als der ganze Zug auseinandergeblasen wurde.
Und dann war alles vorbei. Ein Windstoß wehte ihm ins Gesicht. Als er die Augen öffnete, merkte er, dass er in den Ruinen des Zuges stand. Vor ihm stand Prokylta. Hinter ihm kauerte Caris. Seine Uniform war zerrissen, seine Frisur durcheinander und er machte einen sehr lächerlichen Eindruck. Ein paar Schwarze SEEDs rannten, alle Überzeugungen vergessend, hektisch von dem brennenden Zug weg.
"Sagtest du nicht, dass der Hauptteil deiner Armee woanders ist?", fragte Prokylta.
Caris nickte langsam.
"Gut", meinte sie und schoss einen großen Feuerball auf die fliehenden Soldaten.
Niemand entkam dem Inferno. Caris gab einen Laut zwischen einem Zischen und einem Schluchzen von sich und richtete sich auf.
"Lass dir das eine Lehre sein, Caris. Lege dich niemals mit einer Hexe an. Diese Lektion lernte Pollendina erst kurz vor seinem Tod. Das Artefakt darfst du behalten. Ich werde mir es eines Tages holen und dich beseitigen... Es sei denn, du bringst mir vorher Fibrean Copper. Dann kann man noch einmal über ein Bündnis nachdenken. Und jetzt hau ab", befahl Prokylta.
Ohne ein weiteres Wort hastete Caris wie ein getretener Hund davon. Ein Transporter kam vom Himmel. Mehrere Schwarze SEEDs stürzten heraus und halfen Caris in den Transporter. Mit einem kräftigen Dröhnen hob dieser ab und verschwand schnell in den Wolken. Squall sah Prokylta an. Sie sah dem Transporter mit einem seltsamen Ausdruck in ihrem Gesicht nach.
"Das erspart mir eine Menge Arbeit. Ich hasse so was. Vielleicht hast du mal die Kraft, der Wahrheit ins Gesicht zu blicken, Sandath Unne Caris", flüsterte Prokylta.
"Sandath ist Caris' Vorname?", sprudelte es aus Squall heraus.
"Seltsam, nicht wahr? Trotz aller imposanten Erklärungen, werden wir stets von unseren tiefsten Gefühlen geleitet. Egal, wie sehr wir auch manche Sachen in uns vernichten wollen, es bleiben immer Rudimente zurück", sagte Prokylta mit einer eigenartigen Stimme.
Dann kehrte ihr Lächeln zurück und aus ihren Augen strahlte wieder diese gefährliche Kälte.
"Also Squall, wir sehen uns", sagte sie und ging.
Eine Kutsche, gezogen von vier Chocobos, tauchte wie aus dem Nichts auf. Prokylta stieg ein und war in einem Aufblitzen von Licht verschwunden.

"... Präsident Kitisa zeigte sich sehr erleichtert und dankte den SEEDs für ihr Engagement in der Timber-Krise. Mittlerweile hat der Aufbau der Stadt Timber wieder begonnen. Kitisa hat sich bisher noch zurückhaltend zu Geldspenden an Timber geäußert, was sein Gegenkandidat Aloin scharf kritisierte.
Von dem Anführer der Schwarzen SEEDs, General Caris, fehlt weiterhin jede Spur. Man nimmt an, dass er wieder in den Untergrund zurückgekehrt ist und seine Kräfte sammelt. Kitisa sagte bei einem Statement, dass Caris geschlagen und die Bedrohung vorüber sei. Auch dies kommentierte sein Gegenspieler sehr kritisch.
Der Leiter des Timber-Einsatzes... Niko... Goodsworth konnte den Sieg leider nicht kommentieren, da er laut Garden-Sprecher Cid Kramer für unzurechnungsfähig erklärt wurde und in Haft sitzt. Nähere Umstände wurden nicht genannt. Kramer versicherte jedoch, dass eine Untersuchungskommission eingesetzt wurde, die den Fall untersuchen werde. Das Gerücht, dass sich ehemalige SEEDs unter den Männern von Caris befinden, kommentierte Kramer auch nicht. Auch dies werde von der gleichen Kommission untersucht werden, die morgen zum ersten Mal tagen wird. Kramer lud mich jedoch zu dieser Sitzung ein. Natürlich habe ich gerne angenommen. Wir werden also ab morgen live übertragen.
Ich bin Skylar Goodsworth. Einen schönen Abend noch."

Jenseits aller neugierigen Augen, geschützt von Tausenden von Wällen unterschiedlichster Art lag das Hauptquartier von Aomes Trianirea.
Xelto Goodsworth, der Schwarze Prinz, stand am anderen Ende des Hangars und beobachtete, wie die Kutsche von Prokylta zum Stillstand kam. Die Türen glitten auseinander und heraus trat Prokylta. Sie wurde von zwölf Mädchen in Xeltos Alter stürmisch begrüßt. Sie waren ihre Zofen und für die Mädchen war Prokylta wie eine Mutter.
"Willkommen zurück, Mama", sagte eine von ihnen, Lauren.
"Es ist gut, wieder zuhause zu sein, meine Lieben", antwortete Prokylta und strahlte die Mädchen an.
Sie gab jedem von ihnen ein Kuss und trat dann zu Xelto. Xelto grinste. Er mochte es, wenn seine Herrin glücklich war.
"Meine Königin", sagte Xelto und neigte sein Haupt.
"Hör auf damit, mein Sohn. Du weißt ganz genau, dass es zwischen uns keine Rangesunterschiede gibt", sagte Prokylta.
Die beiden gingen ein Stückchen von den anderen weg.
"Ich habe alle Basen von Aomes Trianirea aufgesucht und von jeder das Ergebnis unserer langwierigen Berechnungen mitgenommen", erzählte Xelto.
"Hervorragend. Zusammen mit der Karte, die du aus dem dolletschen Museum mitgenommen hast, haben wir genug, um die Prophezeiung zu konsultieren, um endlich Vers 66 zu entschlüsseln", strahlte Prokylta.
"Was ist eigentlich mit Copper?"
"Er ist momentan unerreichbar für uns. Aber wir werden ihn finden."
"Übrigens wurde Zed Black von den SEEDs gefangengenommen", sagte Xelto unsicher.
"Wie schön für ihn", meinte Prokylta.
"Aber er weiß vieles...", begann Xelto.
"Keine Angst. Er weiß viel über Per Manum, aber wenig über uns. Sicher, er ist nach wie vor unser wichtigster Mann, aber weiß nichts, was die nicht auch wissen. Er weiß nichts über die Prophezeiung. Und nichts über ihre Funktionsweise."

Squall saß im Balamb Garden auf einer Bank in der Haupthalle. Es war dunkel und die Halle war verlassen. Nur ein wenig weiter weg weigerte sich Nimbley hartnäckig gegen alle Bemühungen von Rinoa ins Bett zu gehen. Erst als Edea kam, verließ er stöhnend in Halle. Rinoas und Squalls Blick trafen sich. Sie sah erschöpft aus und ging langsam auf ihn zu.
"Sorry, ich wollte dir eigentlich noch was aus der Mensa mitbringen, aber die hatte schon zu", fing Rinoa an.
"Wie geht's dir?", fragte Squall.
"Gut. Eigentlich ganz gut", begann Rinoa.
"Ach komm schon. Ich weiß ganz genau, dass es dir nicht gut geht."
"Wie geht's dir denn?", fragte Rinoa zurück.
"Fantastisch."
Beide mussten grinsen.
"Und, Squall, siehst du wieder Nimbley zu?", fragte Rinoa leise, als sie sich an seine Schulter schmiegte.
Ihre Wärme tat ihm gut.
"Kann man so sagen. Ich denke immer wieder an Per Manum und Aomes Trianirea und an was weiß ich. Ich denke an unser Kind, wie es hier wohl in so einer Welt aufwachsen wird", sagte Squall und fasste Rinoa auf den Bauch.
"Mit anderen Worten, ich bin reif fürs Bett."
Er legte sich auf Rinoas Schoß.
"Ich bin aber kein Bett", gab Rinoa zurück.
"Wann wirst du nur endlich wieder nett zu mir sein?"
Squall grinste sie schief an.
"Ich bin doch nett, ich bin bloß schwanger", antwortete Rinoa.
Squall saß schnell kerzengerade.
"Ich hab den Eindruck, wir sehen uns kaum noch. Ständig trennen wir uns und rennen in blöde Gefahren oder gehen uns auf den Gängen aus dem Weg", begann Squall.
"Wir hatten zu tun", korrigierte ihn Rinoa.
Squall sah sie von der Seite aus an. Er fühlte sich ihr so nah, wie schon lange nicht mehr. Und bevor er es wusste, war sein Finger ganz tief in seiner Tasche und er holte etwas heraus, was dort seit langer, langer Zeit drin gelegen hat. Einen Ring. Den Ring, den ihm Rinoa vor drei Monaten zurückgegeben hat.
"Vielleicht solltest du den in die Tasche stecken. Ich hab auch so ein Ding. So können wir uns immer aneinander erinnern", flüsterte Squall.
Rinoa sah ihn an, dann grinste sie.
"Das ist eine gute Idee."
"Ach, lass uns doch mal diesen ganz Kampf vergessen und einfach..."
"RINOAAA!"
"Selphie ist wohl wieder aufgetaut, was?", grinste Rinoa.
"Warte, bis Niko wieder da ist", grummelte Squall.
Selphie kam atemlos an.
"Es tut mir leid, ich wollte euch nicht stören."
"Was ist denn?", fragte Rinoa.
"Na ja, es geht um Per Manum..."
Squall seufzte. Es gab in nächster Zeit wohl keine Ruhe.
"Kurz vor unserem Angriff auf Caris hat Niko mich gebeten, das Per Manum-Netzwerk nach 'dem Boss' zu durchsuchen. Wir haben die Zugangsdaten von Ewain Pollendina verwendet. Und... ich habe jetzt einen Namen", sagte Selphie.
"Kann das nicht bis morgen warten?", brummte Squall.
"Rinoa, ich weiß, es ist unmöglich, aber..."
"Wer ist es?", fragte Rinoa und Squall fühlte, wie sie angespannt wurde.
"Rinoa... es ist deine Mutter."