Squall saß auf einer Bank in einem Park und sah zwei Kindern beim Spielen zu. Ein Mädchen mit zwei blonden Zöpfen jagte einen Jungen quer über die Wiese, zwei Wasserbomben in ihren Händen. Sie warf eine auf den Jungen, der von dem vielen Wasser vollkommen nass gespritzt wurde. Der kleine Junge drehte sich mit gespielter Wut um und rannte auf das Mädchen zu. Das Mädchen flüchtete und ließ die zweite Wasserbombe fallen, die jedoch nicht explodierte. Der Junge fischte sie auf und rannte wiederum hinter dem Mädchen her. Dieses fiel hin (absichtlich, wie Squall meinte zu erkennen) und der Junge stand über ihr und holte zum Wurf aus. Das Mädchen schloss die Augen und grinste in breiter Vorfreude von ihrem Spielgefährten nass gespritzt zu werden. Doch dann hielt der Junge inne. Er warf nicht. Stattdessen pfefferte er die Bombe ins Gebüsch.
"Das Spiel ist doof, Quistis", sagte er und rannte davon, direkt an Squalls Bank vorbei.
Das kleine Mädchen namens Quistis blickte tief gekränkt dem Jungen hinter her und rief seinen Namen und Squall war erstaunt, dass es sein Name war.
"Rufst du alte Erinnerungen wach, Squall?"
Squall fuhr herum. Die Sonne verschwand hinter einer Wolke, ein Blitz schlug in dem Baum ein paar Meter weiter ein. Neben Squall auf der Bank saß jemand. Kein Mensch, ein Shumi. Der Älteste. Er sah genauso aus, wie Squall ihn in Erinnerung hatte... Moment mal. Ja, Squall hatte ja Erinnerungen. Er hatte solange auf der Bank gesessen, dass er vollkommen vergessen hatte, wer er war.
"Aber... Sie sind tot! Ihr alter Sekretär ist doch der neue Älteste", sagte Squall ungläubig.
"Ja, ich bin tot. Das heißt, ich bin wieder eins mit der Wahrheit geworden, dieser uralten, schönen, schrecklichen Kraft. Doch hier in dieser Welt, in deiner Erinnerung lebe ich noch. In Wirklichkeit bist du momentan in einer Höhle und sitzt selbstvergessen auf einem Stein, doch gleichzeitig bist du hier und redest mit mir. In dieser Höhle werden deine bewussten Gedanken zum Schweigen gebracht und du hast die Gelegenheit in dich selbst zu sehen. Eines Tages wirst du soweit in dich selbst sehen können, dass du auch die Wahrheit siehst. Dann bist du allerdings tot und hast nicht viel davon", sagte der Älteste mit einem schiefen Lächeln.
"Heißt das, diese Höhle bringt mich näher an den Tod heran?", fragte Squall. Der Älteste nickte.
"Und woher weiß ich, dass ich nicht wieder leben werde?"
"Das haben Prüfungen so an sich. Man weiß nie, ob man sie besteht. Tja, du kannst hier bis in alle Ewigkeit verweilen. Irgendwann wird dein Körper an Flüssigkeitsmangel zu Grunde gehen und du wirst sterben. Oder du suchst nach der Wahrheit und überlebst. Und das solltest du auch, denn deine Freunde werden sonst sterben!", sagte der Älteste.
Es gab einen lauten Donner. Ein kalter Wind blies plötzlich durch den warmen Tag. Die Pflanzen verwelkten und die Bäume gingen ein. Das Mädchen war verschwunden. Düstere Wolken zogen sich am Himmel zusammen. Squall war zu überwältigt von der plötzlichen Änderung des Wetters, dass er seine Frage nach seinen toten Freunden sofort vergaß und nach dem Wetter fragte. Der Älteste antwortete.
"Nun ganz einfach. Wir sind hier in deinem Reich, Squall. Hier hängt alles von dir ab. Hier bist du der Gott. Jeder Mensch ist Gott in seinem eigenen Reich. Manchen reicht das jedoch nicht aus, sie wollen unbedingt Gott im Universum sein. Frag mich nicht, warum."
"Das erinnert mich an die Zeitkompression", antwortete Squall.
"Nun ja, die Zeitkompression hatte ja auch sehr viel mit dem hier gemeinsam", sagte der Älteste rätselhaft. Squall sah den Ältesten fragend an, dieser jedoch schüttelte den Kopf.
"Ehrlich gesagt weiß ich nicht, was ich machen soll. Ich weiß nicht, welche Wahrheit ich suchen soll. Das ist doch nur ein dummes Wort, ein blöder Begriff. Irgend so etwas für komische Wissenschaftler wie Odyne", meinte Squall.
"Der Begriff wurde von meinem Nachfolger etwas ungünstig gewählt. Aber er ist ja noch jung. Wie gesagt, die ultimative Wahrheit ist etwas, was man erst ganz am Ende seines Lebens erfühlen sollte. Du bist eigentlich nur hier, weil du dich besser kennenlernen solltest. Ruhe finden. Eigentlich genau das Gleiche, wie vor fünf Jahren. Nur dieses Mal ist die Lage etwas komplizierter. Vor fünf Jahren brauchtest du eine Pause. Heute brauchst du ein neues Ziel", meinte der Älteste.
"Aha."
"Weißt du eigentlich, warum wir Shumis nur selten einen Einblick in unsere Handflächen gewähren?"
Squall schüttelte den Kopf.
"Jedes Wesen kommt mit einer Grundausstattung auf die Welt, mit einem Rahmen. Kein Wesen ist allmächtig, jedes Wesen hat seine Grenzen, festgelegt durch Gene. Nun, diese Gene bewirken einiges. Sie legen das Aussehen fest, Grundeigenschaften und so weiter. Wer die Sprache der Gene spricht, kann also aus vielen Merkmalen sich ein Bild machen über das Fundament, auf dem das Wesen aufgebaut ist. Besonders stark drücken sich die Gene in den Handflächen aus. Nur sehr wenige können diese Sprache verstehen. Wir Shumis können aus unseren Handflächen einiges ablesen. Wenn wir jemanden einen Einblick in unsere Hände gewähren, sieht der andere, sofern er die Sprache versteht, alles von uns. Wissen Sie auch, wieso?"
Squall schreckte hoch. Die plötzliche Frage hatte ihn überrascht.
"Äh... weil man dadurch weiß, mit welchen Grundvoraussetzungen ein Wesen geboren wurde."
"Ja und weil der andere dadurch ersehen kann, wie derjenige seine Voraussetzungen genutzt hat. Es ist ein Zeichen absoluten Vertrauens, dies zu zeigen."
"Nicht für Master Norg", warf Squall ein.
"Tja, er war leider so arrogant, dass er nicht gedacht hätte, dass irgendjemand dies lesen kann. Wenn er sich überhaupt daran erinnern konnte. Tja, er hat leider dich unterschätzt", sagte der Älteste leicht lächelnd.
Squall starrte zu Boden. Das war das erste Mal, dass er mit einem Shumi über Norg geredet hatte. Das Kapitel von Master Norg ist ohnehin etwas, woran sich Squall höchst ungern erinnerte. Es hatte ihm bloß Ärger eingebracht. Ihm und dem Garden...
Squall wollte auf seine eigenen Hände schauen, als er bemerkte, dass er Handschuhe trug. Kaum war es ihm aufgefallen, als sich die Handschuhe in Luft auflösten. Squall bemerkte, wie selten er sich seine eigenen Hände angeschaut hatte.
"Sie hatten etwas erwähnt, dass meine Freunde sterben würden, wenn ich nichts tun würde", sagte Squall leise.
Er blickte hoch und erschrak. Die Landschaft hatte sich geändert. Der Himmel war bewölkt. Ein alter Mann stand weinend vor zwei Gräbern. Seine heisere Stimme flüsterte 'Vergebt mir' und Squall hörte seine eigene Stimme, wie sie vielleicht in vielen, vielen Jahren klingen würde.
"Was muss ich tun?", fragte Squall.
"Frag dich das selbst", antwortete der Älteste.
"Sie können doch nur Ratschläge geben, die klingen, als würden sie aus einem Handbuch kommen", erwiderte Squall bitter.
"Würde es dir besser gefallen, sähe ich so aus?", fragte der Älteste.
Auf einmal veränderte sich sein Aussehen. Seine Augen wurden groß und tief braun. Langes weißes Haar und ein Bart wuchs ihm. Sein Gesicht wurde immer weiser. Er sah nun aus wie...
"Alphega", flüsterte Squall.
"So, wie du ihn gesehen hast. Genauso, wie der Shumi Älteste so ist, wie du ihn in Erinnerung hast", sagte der Mann, der wie Alphega aussah.
"Wer bist du?", fragte Squall.
"Ich bin du und du bist ich. Ich bin die kleine unangenehme Stimme, die sich meldet, wenn du irgendwas machst, was dein Gewissen belastet, ich bin derjenige, der dir Ruhe gibt, wenn du richtig gehandelt hast. Ich kann dein Freund aber auch dein Feind sein. Ich bin dein Unterbewusstsein, die Stimme der Wahrheit, die versucht, dich zu retten. Und ich bitte dich, mir zu vertrauen und mir zu folgen", sagte die Gestalt.
Squall sah die Gestalt einen Moment lang an und nickte dann langsam...
Schmerzen... Paralyse... Kälte... Hilflosigkeit... Verwirrung...
Cifer fühlte es, konnte aber nicht darüber nachdenken. Die Schmerzen in seinem Kopf, die Taubheit seiner Hände, die stechende kalte Luft in seinen Lungen und die Schwere seiner Beine. Er öffnete langsam die Augen. Licht und Dunkelheit war zu sehen... Jedoch nahmen sie keine Gestalt an. Ist dass das Leben nach dem Tod? Ein eisiger Nebel, der jegliches Bewusstsein umschlingt und erfrieren lässt?
Allmählich erwachte er aus seinem halbbewusstlosen Zustand. Das verschwommene Bild wurde schärfer. Seine Sinne kehrten zurück und plötzlich realisierte er wieder, dass er noch am Leben war. Cifer fühlte sich zu schwach, um nachzudenken, was passiert war. Er saß da und lauschte zwei Stimmen, ohne den Inhalt des Gesprächs zu folgen.
"Halter Ausschau nach dieser Frau", befahl ein Mensch, den Cifer als Xelto identifizieren konnte.
Dieser Xelto sah einem anderen Mann hinterher, der gerade den Raum verließ. Nachdem er verschwunden war, drehte sich der Schwarze Prinz zu Cifer, der wie leblos auf dem Boden neben der Wand saß. Xelto kam näher und sah auf Cifer herab.
"Interessant. Dass du nach so einer Dosis hochkonzentrierten Morbol-Extrakt so schnell wieder aufwachst, hätte ich dir nicht zugetraut. Diese Tinktur verwendet man üblicherweise, um Behemoths zu betäuben."
Cifer antwortete nicht. Mit gesenktem Kopf blickte er zu Xelto auf. Dieser packte ihn am Kragen und zerrte ihn hoch, einen Schlag ins Gesicht verpassend.
"Wie erbärmlich. Keine Verletzungen und dennoch so schlapp. Sei froh, dass du dich nicht im Spiegel sehen musst", lachte Xelto.
Er schaute Cifer ins Gesicht und sah, dass er mit Mühe seinen Blick konterte.
"Oder vielleicht doch."
Der Schwarze Prinz warf sein Opfer wuchtig gegen einen Spiegel, der an der Wand befestigt war. Cifer sank auf die Knie und betrachtete eine Weile sein Ebenbild.
"Steck dir... dein Extrakt... sonst... wo... hin..."
"Wirst du schon wieder aggressiv? Dann ist es wohl besser, wenn du noch eine Weile hier bleibst und dich mal ausschläfst. Ich muss ohnehin noch zur Oberfläche, wir haben also noch genügend Zeit."
Xelto nahm Cifers Arme und band sie mit einer Kette an ein eine Röhre.
"Wo... bin ich?"
"In den Katakomben von Deling City. Du bleibst erst mal ne Weile hier. Meine Königin hat mir befohlen, ich soll dich hier festhalten, bis sie persönlich eintrifft."
Cifer richtete sich auf.
"Was ist los...? Kein Mumm mich zu foltern? Hat dir deine Herrin wohl verboten... Musst wohl auf Rattenjagd gehen, du Schoßhündchen einer Irren...", schnaubte er.
Xelto drehte sich erneut zu Cifer und hob mit seiner Gunblade dessen Kinn.
"Versuch erst gar nicht unsere Motive zu verstehen. Sie sind dir ja doch zu hoch", gab Xelto mit einem finsteren Blick zurück. Dann verschwand er und schloss die Tür hinter sich. Cifer saß da und starrte auf die feuchten Wände. Bald würde Prokylta kommen und... ihn töten? Nein, das hätte auch Xelto erledigen können. Wenn Prokylta es ihm befohlen hätte... Plötzlich verspürte Cifer einen mächtigen Hass auf das Oberhaupt von Aomes Trianirea. Soll sie doch kommen, dachte er sich, Xelto wird sich noch wundern, welch armseligen Führerin er gefolgt ist.
Vor der Villa standen keine Wachen, die Tür war jedoch offen. Bestimmt wegen des plötzlichen Rückzugbefehls, dachte sich Rinoa und öffnete vorsichtig die Haustür, während der Chauffeur der DEFTAA das noble Taxi aus der Einfahrt raus fuhr und im Regen verschwand.
Im Haus war es dunkel. Rinoa beschloss in ihr altes Zimmer zu gehen. Carway hatte es anscheinend leer geräumt. Außer ein paar Kisten und dicken Staubschichten auf den Wänden war nichts drin. Keine Tapeten, keine Vorhänge, keine Bilder. Trotz der trostlosen Ausstrahlung des Zimmers setzte sich Rinoa auf eine Kiste und dachte nach... Sie hatte lange in diesem Haus gewohnt. Würde sie wieder hier wohnen, nachdem das Haus nun herrenlos war und das von Squall und ihr bereits abgebrannt ist? Nein. Niemals. Wie könnte sie freiwillig in einem Haus wohnen, das einst einer Killerin und einem militärischen Diener der alten Diktatur gehört hatte? In diesem Haus stank es nach Patriotismus, Unterdrückung und Mord.
"Mutter..."
Rinoas Augen begannen zu brennen. Einem inneren Impuls folgend, griff sie in ihre tiefste Tasche und holte ein altes, vergilbtes Foto hervor... Drei Menschen waren zu erkennen. Ihre Eltern und sie selbst als Baby. Rinoa betrachtete dieses gütige Gesicht ihrer Mutter und versuchte, in ihren Augen ein Anzeichen für ihre zweite Identität zu finden...
Etwa drei Minuten saß sie da, als sie plötzlich glaubte, ein Geräusch vernommen zu haben. Sie verließ ihr Zimmer und wollte in das Büro ihres Vaters gehen. Ein Spalt der Tür war offen, durch den Licht hindurch schien. Mit einer bösen Vorahnung öffnete sie langsam die Tür und betrat den Raum. Sie hörte gerade noch ein Klicken.
Rinoa schmiss sich zur Seite. PENG! Eine Kugel flog an ihrem Ohr vorbei und schlug in die Tür ein und hinterließ ein großes Loch. Dann hörte sie eine Stimme.
"Haben Sie sich ausgeweint?"
"Was wollen Sie von mir?", antwortete Rinoa mit einer unheimlich ruhigen Stimme.
Der Mann verließ sein Versteck und trat in die Mitte des Raumes. Rinoa wusste sofort, wer der Mann war. Sie war über sein Gesicht mehr als einmal bereits gestolpert.
Zed Black lächelte beunruhigend ruhig und schulterte lässig sein Gewehr.
"Sie wissen es und ich weiß es. Warum kommen Sie mir dann mit diesen Standardfloskeln?"
"Sie arbeiten nicht mehr mit Prokylta zusammen. Und anscheinend wollen Sie Caris auch nur ausnutzen. Wozu das alles?", wollte Rinoa wissen.
"Ich habe eben meine eigenen Pläne und Sie sind mir ein Dorn im Auge, der eben entfernt werden muss. Ich bin in Eile. Wenn Sie mehr wissen möchten, müssen Sie mich schon besiegen... Oder Sie wechseln die Seiten", grinste er.
Rinoa rutschte ein abwertender, sarkastischer Lacher raus.
"Dieser Vorschlag war wohl überflüssig."
Aus seiner Tasche holte Zed eine handvoll glänzende Hülsen raus und steckte sie in sein Gewehr. Rinoa zog ihr Schwert und streckte es nach vorne, während Zed die Waffe auf Rinoa richtete.
"Sie können mich mit Ihrem Gewehr nicht besiegen. Hier entscheidet der Stärkere", meinte Rinoa.
Ihr Gegner starrte ihr kurz in die Augen und machte ruckartig einen Rückwärtssalto. Rinoa reagierte zur gleichen Zeit und begann auf Zed, der mit beiden Beinen auf dem Tisch gelandet war, zuzulaufen. Ihr Schwert in Abwehrstellung haltend drehte sie sich rasch nach links, als Zed einen Schuss aus seinem Gewehr mit zwei Röhren feuerte. Ein gewaltiger magiegeladener, heller Lichtstrahl sauste blitzschnell an ihr vorbei, zerschmetterte die Tür nun komplett und prallte im Korridor gegen die Wand. Eine impulsive Explosion war zu vernehmen und durch den Sog des Schusses wurden einige Papierblätter mitgerissen. Der Raum sah bereits ziemlich verwüstet aus.
"Pulsar-Munition?"
Rinoa war erstaunt. Scheinbar hatte sie ihren Gegner unterschätzt.
"Du glaubst doch nicht wirklich, du könntest den Schüler der besten Attentäterin Galbadias bezwingen? Oh ja, Julia Heartilly. DIE Patriotin schlechthin. Die Inkarnation des Todes. Das Ebenbild des Schattens", sagte Zed.
Rinoa ging in Angriffshaltung und rannte erneut auf Zed zu. Dieser machte einen weiten Sprung nach vorne, während Rinoa versehentlich den Schreibtisch ihres Vaters zerhackte.
"Das Schicksal der Träger jenes Namens, die auf ihrer Liste standen, war bereits besiegelt. Es war wie Magie. Man brauchte nur den Namen darauf setzen und schon war er so gut wie tot."
"Meine Mutter war Musikerin!", schrie Rinoa und warf einen heftigen Energieball in Zeds Richtung.
Dieser feuerte zur selben Zeit einen Pulsar-Schuss aus seinem Gewehr ab. Die beiden Energieschüsse prallten in der Mitte des Raumes zusammen und endeten in einer erschütterten Explosion, dessen Druckwelle die beiden Kämpfer an die Wand drückte. Fensterscheiben zersprangen, Holz zersplitterte, Teppiche und Möbel begannen zu brennen.
"Sie unterschätzen Ihre Mutter. Das liegt daran, weil Sie nur ihre zärtliche Seite kennen. Jeder Mensch kennt einen anderen nur so, wie dieser sich gegenüber ihm verhält oder verhalten hat. Die Julia, die in Ihren Erinnerungen ruht, war eine gute Mutter. In Ihrer Realität existierte nur die gutmütige Julia. Doch das ist nur die eine Hälfte der Persönlichkeit, die Ihre Mutter in ihrer Form der Realität annahm. Und ich..."
Zed schoss erneut auf Rinoa und traf aber nur den Schreibtisch, welcher daraufhin zu Sägemehl verarbeitet wurde. Im ganzen Raum regnete es verbrannte Papierfetzen und Holzspänen.
"... Ich kenne die andere Hälfte meiner ehemaligen Ausbilderin. Auch sie war wie eine Mutter zu mir, nur mit dem Unterschied, dass ich nicht ihre liebevolle Seite zu spüren bekam."
"Sie wagen es meine Mutter als IHRE Mutter zu bezeichnen?!", fauchte Rinoa.
"Sie war auch meine Mutter. Ich kannte von ihr genauso viel wie Sie von ihr. Wir sind somit quasi Geschwister", sprach Zed.
Aus dem tiefsten Inneren ihres Herzens fühlte Rinoa plötzlich einen Zorn aufsteigen, den sie noch nie zuvor gespürt hatte. Die Murasame begann zu glühen. Zed wollte gerade nachladen, doch Rinoa schleuderte ihm ihr Schwert mit aller Wucht entgegen und halbierte seine Flinte, die er nicht schnell genug aus der Wurfbahn ziehen konnte. Rinoas Waffe blieb in der Wand stecken und hinterließ einen riesigen Riss.
"EISJA!!!", brüllte sie, faltete ihre Hände und ließ riesige Eiszapfen aus dem Boden wachsen.
Irgendwo zwischen umgefallenen Kästen, zertrümmerte Ziegel und glänzenden Eiskristallen saß Zed, der bei diesem Angriff zu Boden gefallen war. Rinoa machte einen Satz nach vorne, trat das Gewehr aus Zeds Reichweite und hielt ihm ihr Schwert an die Kehle.
Draußen hörte man die Sirene der Polizei, die das Haus zu umstellen begannen.
"Da haben wir in Sachen Lärm wohl etwas übertrieben", meinte Zed.
"Schluss mit den Witzen", schrie Rinoa.
Zeds Lächeln flackerte, jedoch ließ er sich ansonsten mit keinem Bisschen anmerken, dass er kurz davor steht, getötet zu werden.
"Willst du mich umbringen?"
"Einen Ton und das war's für Sie!", donnerte Rinoa.
"Das heißt wohl ja. Tja, keine üble Idee, nur bedenken Sie, was den Cops sagen, wenn die gleich das Haus stürmen. Außerdem kann ich Ihnen dann nie erzählen, was für ein Mensch Ihre Mutter wirklich gewesen ist", sagte Zed.
"Ich weiß, wer sie war!"
"Und warum sind Sie dann hier?"
Rinoa sah voller Verachtung auf diesen unscheinbaren und doch so bösen Menschen herab.
"Ich habe übrigens eine Info für Sie, bezüglich eines gewissen Cifer Almasy", sagte Zed lächelnd.
Rinoa hielt inne.
"Was?"
"Wenn Sie mich laufen lassen, sag ich's. Ach übrigens hab ich noch ein paar alte Freunde in der Polizei. Die würden Sie ohne zu zögern verhaften."
Rinoa hob ihr Schwert. Zed stand auf.
"Aomes Trianirea hat Ihren Freund. Er ist hier in Deling City. Er lebt... noch..."
"Warum sollte ich Ihnen glauben?", fragte Rinoa.
"Weil ich dieses Foto habe", sagte Zed und reichte Rinoa ein Bild. Sie erkannte sofort Cifer.
"Wo ist das?", fragte Rinoa und blickte hoch, doch Zed war bereits verschwunden.
Ihr Blick fiel auf das geöffnete Fenster, das zum Garten führen sollte. Rinoa nahm ihre Waffe und steckte es in die Schwertscheide. Die lästigen Polizisten kamen bereits zur Tür herein, also beschloss sie Zed hinterher zu jagen und eine Konfrontation mit den Beamten zu vermeiden. Als sie jedoch im Garten gelandet war, stellte sie fest, dass die tiefe Nacht Zed bereits verschluckt hatte und er nicht mehr auszumachen war.
Rinoa nahm den Bus, um in das Hauptquartier der DEFTAA zu gelangen. Unterwegs sah sie einige Polizeiwagen, die in Richtung Villa sausten. Diesmal waren bedeutend weniger Angestellte im Büro über dem Museum. Mr. Solid und Mr. Liquid standen in der Ecke, also wandte sich Rinoa zu den beiden.
"Ich möchte gerne mit... Aloin sprechen."
"Das geht in Ordnung, denke ich", sprach Mr. Solid.
"Aloin ist im Pausenraum, glaube ich", fuhr Mr. Liquid fort.
Die beiden begleiteten Rinoa in das Zimmer, in dem sich Aloin befand. Er saß auf einem Sofa, hatte ein Glas Wein in seiner Hand und betrachtete Bilder.
"Sie haben Besuch, denke ich."
"Es ist die Dame von vorhin, glaube ich."
Aloin stand auf und drehte sich um.
"Frau Heartilly. Was kann ich für Sie tun? Oh, Verzeihung... Ich hatte mich bereits für den Abend zurechtgemacht", sagte Aloin und strich mit seinen Händen abwesend über einen kunstvollen, schwarzen Bademantel aus Seide.
"Was soll ich erst sagen?", antwortete Rinoa lächelnd und wurde leicht rot.
Mr. Solid und Mr. Liquid verließen den Raum. Aloin deutete mit seinem Finger auf ein Sofa, auf das sich Rinoa setzte, während er sich auf den Lehnstuhl gegenüber niederließ. Rinoa betrachtete den Raum. Das Feuer im Kamin verlieh den Bildern einen eigenartigen Glanz. Sie schätzte die Einrichtung des Zimmers auf mehrere Millionen Gil.
"Ich bin ganz Ohr. Was haben Sie auf dem Herzen?", fragte Aloin Rinoa zuvorkommend und schenkte ihr auch ein Glas Wein ein, ohne auf ihre leichtes Kopfschütteln zu reagieren.
"Dieser Mondmann... alias Zed Black... war vorhin in der Villa meines Vaters. Wir haben gegeneinander gekämpft", begann Rinoa.
Sie konnte Aloins Reaktion bereits voraus ahnen.
"Ich hoffe doch, es ist Ihnen nichts zugestoßen?"
"Nein, es geht schon. Der wahre Grund, warum ich hier bin ist, dass ich Ihr Wissen über die Stadt brauche."
Rinoa reichte Aloin das Foto. Aloin betrachtete es nachdenklich, während er sich eine teure Zigarre anzündete und an seinem Wein nippte.
"Wissen Sie, wo das sein könnte?", fragte Rinoa.
"Die Architektur ist ungewöhnlich. Das ist kein ordinärer Gefängnisraum. Sehen Sie... das kunstvolle Design der Säulen... Sagen Sie mir, wer ist der Gefangene?"
"Ein Freund von mir. Ich habe Grund zur Annahme, dass er in Lebensgefahr schwebt", sagte Rinoa aufgeregt, wie ein Kind, dass von ihrem Vater hören will, dass er sie beschützen wird.
"Ich fürchte, ich bin leider etwas überfordert", seufzte Aloin.
"Sie kandidieren für die Präsidentschaft der Stadt und wissen nicht, wo das ist", rief Rinoa ungläubig.
"Warum auf einmal diese Respektlosigkeit, Frau Heartilly? Ich will wie Sie nur das Beste für diese Welt und ich möchte Ihnen helfen, auch wenn Sie zu einer nicht angemessenen Zeit erschienen sind. Ich denke, ich habe ihren Zorn nicht verdient", entgegnete Aloin mit einem Anflug von Schärfe.
Rinoa wurde rot und kam sich auf einmal unverschämt und frech vor. Sie senkte ihren Blick. Aloin zog an seiner Zigarre und fuhr dann fort.
"Ich hätte aber eine Idee. Deling City wurde ursprünglich auf alten, versunkenen Tempelhallen erbaut. Große prächtige Säle. Leider ist dies heute zu sehr in Vergessenheit geraten, einer der Gründe, warum ich in die Politik gegangen bin. Ich könnte mir vorstellen, dass dies eine der Räume sein könnte."
"Könnte das im Zusammenhang zu Aomes Trianirea stehen?", fragte Rinoa.
Aloin erhob sich und ging zu einer prächtigen Kommode und fischte aus einer ihrer zahllosen Schubladen ein paar Fotos heraus.
"Möglich. Ein paar Informanten haben herausgefunden, dass Aomes Trianirea eine Art Basis in den Abwasserkanälen haben, von der sie aus lange operiert haben. Wir haben Fotos von ein paar versteckten Räumen, die sie sich da unten eingerichtet haben", erklärte er und reichte Rinoa die Fotos.
Sie nahm die Fotos raus und betrachtete sie. Es waren zehn Stück und auf den meisten waren lediglich Türen, Gitterstäbe und Mauen zu sehen. Doch dann entdeckte Rinoa plötzlich ein Foto, auf dem...
"Diese Räume hier passen hervorragend zu den anderen Räumen auf dem Foto", meinte Aloin.
"Dann darf ich keine Zeit mehr verlieren", unterbrach sie und sprang auf.
"Ich schätze, dass ich Sie nicht davon abhalten kann, sich erneut in Gefahr zu stürzen. Erlauben Sie mir die Geste, Ihnen ein paar Wachen..."
"Nein, es ist okay. Haben Sie vielen Dank, aber wenn die sehen, dass ich mit einer Armee ankomme, bringen die ihn vielleicht gleich um."
Aloin nickte und begleitete Rinoa, die es scheinbar sehr eilig hatte, nach draußen. Mr. Solid und Mr. Liquid verbeugten sich leicht zum Abschied, als Rinoa das Gebäude verließ. Sie winkte zum Abschied noch einmal und rannte zur Bushaltestelle, bevor Aloin den Chauffeur des Taxis Bescheid sagen konnte. Aloin sah ihr von der Eingangstür nach.
"Ich will mit dem Schwarzen Prinzen reden", sagte Aloin auf einmal mit einer unglaublich kalten Stimme.
"Das lässt sich arrangieren, glaube ich", sagte Mr. Liquid.
Der Triumphbogen rief Erinnerungen wach. Hier kämpften Rinoa, Irvine und Squall gegen Edea, die sie damals für einen Feind hielten. Hier hatten Squall und Cifer zum ersten Mal als Feinde gegeneinander gekämpft. Und nun war Rinoa hier, um Cifer zu befreien. Unbemerkt schlich sie sich in die Kammer, die mit dem Kontrollraum und der Kanalisation verbunden war. Sie wunderte sich jedes Mal aufs Neue, wie sorglos die Delinger Stadtverwaltung mit diesen Türen umgeht und nie verschlossen halten. Rinoa wollte gerade runterklettern, als sie von oben plötzlich ein Geräusch hörte.
"Es tut mir Leid, ich...", gab Rinoa erschrocken von sich.
Ein Teenager kletterte gerade die Leiter von oben runter. Dieser nahm sich keine Notiz von ihr.
"Was machst du hier?"
"Ich bin Praktikant der Städteverwaltung von Deling City", antwortete der Junge und sprang von der Leiter auf den Boden.
"Musste eben mal den Timer checken."
"Ah, so ist das", gab Rinoa abwesend zurück.
"Und Sie sind eine Obdachlose?", fragte er hemmungslos.
"Was!? Sehe ich etwa so aus?" brüllte Rinoa und ballte die Faust.
"Hm..."
Der Junge räusperte sich kurz die Stimme, um scheinbar ein Lachen zu unterdrücken.
"Ach, hast du eine Ahnung! Sieh dich doch mal an, du...", rief Rinoa..
"Schon gut, schon gut! Ich dachte, Sie gehören zu denen, die seit letzter Zeit hier ständig aus und ein gehen. Angeblich halten sich diese Obdachlosen in der Kanalisation auf."
"Also ist es wahr... Ich gehöre nicht zu denen, aber ich muss etwas nachprüfen", sagte Rinoa.
"Geht in Ordnung. Klettern Sie am besten hier runter", schlug der Praktikant vor.
"Danke."
Rinoa fasste die Leiter und kletterte langsam nach unten. Als sie zur Hälfte in der Luke des Bodens verschwunden war, sah sie aus den Augenwinkeln, wie der Junge eine plötzliche Bewegung machte. Rinoa sprang aus der Luke heraus, Gesicht zur Wand, der rätselhafte Junge hinter ihr.
"Verfluchtes Miststück", fauchte Xelto, holte hinter seinen Rücken ein langes, merkwürdiges Gerät aus Stahl hervor und schmetterte diese mit aller Kraft auf Rinoas Hinterkopf.
Ein lautes Scheppern war zu hören, als sie blitzschnell ihr Schwert nach hinten streckte und den Angriff abblockte. Xelto zögerte nicht lange und versuchte in den darauf folgenden Sekunden zirka zehn Mal auf den Rücken von Rinoa einzudreschen. Vergeblich...
"Praktikanten müssen aber heute ziemlich viel können", meinte Rinoa ironisch.
"Vielseitigkeit ist meine Stärke, das stand schon in meiner Bewerbung. Vielleicht wurde ich auch genommen, weil meine Konkurrenten leider alle vor kurzem verstorben sind. So jung und schon so tot!", gab Xelto bissig zurück.
Mit einer Hand an der Leiter festhaltend drehte sie sich zu Xelto und sah ihren hinterhältigen Angreifer in die Augen. Nur die beiden gekreuzten 'Klingen' trennten ihre Blicke.
"Wer hat dir das befohlen? Der Bürgermeister? Der Präsident? Oder seine Sekretärin?", wollte Rinoa wissen.
"Meine Königin", antwortete Xelto stolz.
Rinoa sprang hoch und holte für einen Schlag aus. Ohne zu merken, dass sich ihr Gegner plötzlich ein Tuch vor Mund und Nase hielt, schlug sie auf seine Waffe ein, welche daraufhin entzweit wurde. Der Schwarze Prinz musste lachen, als aus dem Objekt, das scheinbar ein Behälter war, grünes Gas austrat.
"Das ist doch... Giftgas...? Du mieser...", keuchte Rinoa.
Dann fiel sie bewusstlos zu Boden. Xelto wartete, bis sich der Dampf verzogen hatte und nahm anschließend das Tuch wieder weg.
"Sieht zwar aus wie ein gewöhnliches Rohr, aber was glaubst du wie schwer es war, dieses anzufertigen und mit Gift zu füllen?"
Seine Augen glänzten wie die eines kleinen Jungen.
"Und bereits den zweiten Feind mit Betäubungsmittel besiegt. Man könnte meinen, ich wäre erstklassiger Alchemist."
Mit diesen Worten warf er Rinoa auf seine Schulter und betrat den Kanal...
"Schau mal, wo wir sind", sagte die Gestalt, die wieder wie der Älteste aussah.
"Zu Hause", nickte Squall.
Sie befanden sich in Rinoas und Squalls Haus in Balamb. Die Sonne schien durch die zugezogenen Gardinen und von draußen drang das Leben von der Straße ein.
"Eine Erinnerung. Vergangenheit", sagte Squall bemüht abgeklärt.
"Und trotzdem hier lebendig. Wieso sich für seine Fantasie schämen? Schließlich basieren auch diese Erinnerungen auf der Wahrheit. Erinnerungen und Erfahrungen machen uns zu dem, was wir sind. Wissen ist wertlos, wenn es keine Bedeutung hat. Du hast dich durch die exzessive Verwendung von G.F.s fast selbst verloren, weil du deine Erinnerungen verloren hast. Und außerdem hast du in jener Zeit vor fünf Jahren wenig auf mich gehört. Du warst ein ziemliches Ekelpaket", sagte der Älteste.
Squall musste grinsen. Er dachte an Rinoa. Und schon stand sie da! Sie sah ihn an. Squall stellte fest, dass dies nicht die Rinoa von heute war. Dies war die junge Rinoa. So hatte sie vor fünf Jahren ausgesehen. Voller Lebensfreude. Doch irgendwas stimmte nicht. Es war so, als sehe er etwas an ihr, was er erst jetzt entdeckt hat.
"Dieses Bild ist Vergangenheit", sagte Squall.
"Stell dir sie doch heute vor", schlug sein Gewissen vor.
Squall versuchte es. Rinoa verschwamm. Es kam eine Gestalt heraus, die wie Rinoa aussah, jedoch nicht Rinoa war...
"Es geht nicht", sagte Squall ungläubig.
"Aaaah, sehr gut. Dann haben wir ja etwas, womit wir anfangen können", sagte der Älteste voller Elan und setzte sich auf ein Sofa...
"Ah, das hatte ich fast vergessen. Das legendäre 5.000 Gil Sofa", grinste Squall und setzte sich neben dem Ältesten.
"Ich glaube, ich kenne deinen Fehler jetzt. Willst du wissen, wieso Rinoa verschwunden ist und du hier bist? Tja, auch wenn es für dich nicht nett ist. Na, soll ich dir dein Problem verraten", fragte der Älteste, der anscheinend vollkommen in seinem Element war.
"Kann's kaum abwarten", gab Squall trocken zurück.
"Mmmh. Lass mich mit einer Frage beginnen. Denkst du, dass es wirklich der Platz ist, wo man hin möchte, wenn man sich wegen eines Sofas streitet", fragte die Gestalt.
"Ich wusste, das Sofa war's", lachte Squall.
"Nein, das war nur ein Symptom", gab der Älteste ernst zurück.
"Und was ist die Krankheit?"
"Die Krankheit jedes unglücklichen Wesens... jedes Bösens. Stillstand."
"Ich war aber nicht unglücklich", gab Squall zurück.
"Nicht bewusst. Aber du wusstest es. Kannst du dich an den Morgen erinnern, an dem Rinoa weg war? Wie schnell du unruhig wurdest?"
"Das war wegen dem Balkongespräch..."
"Du hast es gewusst. Da war diese Stimme, ich um genau zu sein, die gesagt hat, dass was schief läuft. Als Rinoa verschwunden war, hast du es zum ersten Mal erkannt. Schlimmer noch, ohne Cifer hättest du nix unternommen und dann wär alles zu spät."
Squall blickte zu Boden und fragte dann.
"Ist es so schlimm, wenn man nicht mehr kämpfen will?"
"Im Gegenteil, es ist wunderbar. Aber Stillstand ist schlimm. Die ersten Jahre nach Artemisias Fall warst du auf dem besten Wege. Du hast endlich deine Gefühle entwickelt. Du kamst voran. Doch dann... dann hieltest du an. Du wolltest dich hier mit 22 zur Ruhe setzen..."
"... weil ich nicht wollte, dass ich Rinoa verliere", führte Squall den Satz zu Ende und schluckte.
"Tja, Kleiner, so sieht's aus!"
Squall fuhr hoch. Neben ihm auf der Couch saß nicht mehr der Älteste... da saß jemand anders. Eine Frau, die vor fünf Jahren starb...
"Du hast Rinoa getötet, indem du sie in diesen Sarg geschleppt hast. Diese billige Heiratsurkunde war doch nur ein Mittel, deine Leere zu kaschieren. Du bist wertlos. Du magst zwar mein Schwert durch mich gebohrt zu haben, doch getötet hast du mich nicht. Du hast mich geboren", sagte Artemisia.
"Du bist tot... jämmerlich krepiert. Sogar in deinem letzten Atemzug konntest du nur noch Böses tun", begann Squall.
"Und trotzdem bin ich hier. In dir. Glaubst du tatsächlich, dass die Wahrheit immer nett ist? Ich bin das, was du fürchtest. Du fürchtest es die ganze Zeit. Du leugnest es, deswegen bin ich hier", sagte Artemisia mit schneidender Stimme.
"VERPISS DICH!", schrie Squall.
"Gewalt, Gewalt. Absolut sinnlos. Vor allem, wenn du sie gegen dich selbst richtest. Sie verschafft dir eine Atempause. Doch du brauchst diese Atempause, um dich selbst zu heilen von der Gewalt", sagte Artemisia und lachte dann.
Das Lachen hallte durch die Wohnung. Squall schloss die Augen, doch das Lachen hallte weiter. Er dachte an die glückliche Rinoa, die er vorhin gesehen hatte. Als er die Augen öffnete, saß jemand anders da: Xell.
"Hey, Squall, hab von deinem Problemchen gehört. Ich sag dir was, Alter. Komm zu uns SEEDs zurück. Da siehste die Welt, da kannste was erleben, da kannst du dich entwickeln. Das wird wie früher", sagte Xell. Squall schüttelte den Kopf.
"Danke für das Angebot, Xell, aber ich denke nicht, dass mich die SEEDs momentan weiterbringen. Ich will meine Antworten selbst finden. Ich glaube, ich weiß, was ich will. Ich will meine Freunde beschützen. Ich weiß, dass jemand Neues aufgetaucht ist. Eine neue Gefahr. Rinoa wusste es. Sie ist eine Hexe. Sie wollte diese Gefahr aufhalten. Und das hab ich nicht verstanden. Ich will meine Freunde retten. Und ich will Rinoa helfen. Es ist ihr Problem, also auch mein Problem. Leider konnte sie es mir nicht sagen, das ist traurig. Doch ich muss vorwärtsgehen. Mit Ruhe und Konzentration", erklärte Squall.
Xell fing langsam an zu lächeln. Er verwandelte sich in den Ältesten.
"Gibt es eine schönere Wahrheit als die, seine Richtung gefunden zu haben?"
Squall lächelte ebenfalls. Der Älteste wurde zu Alphega.
"Ich möchte dir noch etwas auf den Weg geben, Squall. Auch das menschliche Leben ähnelt einem Baum. Eine Wurzel, viele Äste. Vor fünf Jahren gab es eine Situation. Du standest vor einer Wahl, welches den Lauf der Zeit ändert, wie ständig sich die Welt verändert, abhängig, welchen Weg wir gehen. Dennoch gibt es viele Faktoren, die uns in eine Richtung schieben wollen. Vor fünf Jahren gab es eine, wo der Pfad quasi bestimmt war. Alle Kräfte der Welt waren sich sicher, wie diese Entscheidung ausgehen würde. Doch dann passierte etwas. Die Entscheidung verlief anders. Du hast eine andere Entscheidung gefällt. Du hast dich entschlossen zu leben."
Squall erinnerte sich. Er war in der Zeitkomprimierung beinahe gestorben. Alphega fuhr fort.
"Diese Entscheidung fürchtet Hyne, denn er hat sich nie die Mühe gemacht, den anderen Weg in Betracht zu ziehen. Und deine Entscheidung hat eine Entwicklung losgetreten, die nicht mal er absehen kann."
Squall überlegte. Dann fiel es ihm plötzlich ein...
"Sie ist schwanger. Rinoa ist schwanger."
"Hyne fürchtet das Kind."
"Wieso? Was ist an unserem Kind außergewöhnlich?"
"Wenn ihr Junges in Gefahr ist, entwickelt die Mutter Kräfte, die außergewöhnlich sind. Kaum etwas ist so kraftvoll, wie die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind", sagte Alphega.
"Und manchmal gilt das auch für den Vater", sagte Squall entschlossen und stand von dem Sofa auf.
Ihre Wohnung verschwamm und löste sich auf. Alphega verwandelte sich... in Rinoa. Sie sah verzweifelt aus.
"Hilf mir", flüsterte sie.
Squall versuchte sie zu erreichen, doch irgendetwas hielt ihn zurück. Dann sah er an ihr vorbei. Dort lag Cifer. Er war verwundet und bewusstlos. Squall wusste, er würde ihnen helfen. Er richtete sich auf.
Ein Ruck ging durch Squall. Er stand in der Höhle, über ihm der endlose Sternenhimmel. Die Tür öffnete sich mit einem Ruck. Squall verließ die Höhle.
Als er in den großen Raum mit dem Brunnen kam, saß der ehemalige Sekretär immer noch auf dem Brunnen.
"Ich muss weg. Ich habe viel Zeit verloren", sagte Squall. Er war überrascht, wie ruhig seine Stimme klang.
"Aber Sie sind doch erst vor einer Sekunde rein", begann der Älteste.
"Tja, die Zeit vergeht doch dort nicht so schnell", sagte Squall.
"Das war doch eine Notlüge, um sie zur Ruhe zu kriegen", stammelte der Älteste.
Squall lächelte. Er wusste nicht, wieso er nicht wütend wurde...
"Tja, für mich war es eine Ewigkeit. Aber man sagt ja oft, dass Probleme, die lange Zeit für unüberwindbar galten, auf einmal manchmal sich wie von selbst lösen... Vorausgesetzt, die Zeit ist reif", sagte Squall mit einem leichten Grinsen.
"Danke", sagte er zum Ältesten und verschwand dann zügig durch den Gang, der ihn zurück ins Dorf und schließlich zur Ragnarok führen sollte.
"Laguna", verabschiedete sich der Moomba und hüpfte auf die Schulter des neuen Ältesten, der wesentlich langsamer die Höhle verließ.
"Sieht aus, als könnten wir beide noch eine Menge voneinander lernen, Squall Leonhart", sagte er mehr zu sich selbst als zum Moomba.
Nicht mal zehn Minuten später startete die Ragnarok und flog in Richtung Deling City.
Etwas außerhalb von Deling City lag ein heruntergekommenes, kleines Theater. Im Rahmen von Kitisas Politik hatte man den Abriss dieses ehemals so sympathischen Baus beschlossen. Man konnte schon von draußen die Maschinen hören, die hier in wenigen Momenten alles einreißen würden.
Die wenigen Stühle waren mit einer dicken Staubschicht belegt. Es war dunkel und ruhig. Plötzlich bewegte sich ein Schatten.
Xelto huschte durch die engen Reihen und schaute etwas hektisch durch den Raum. Der Maschinenlärm wurde immer lauter.
Auf einem Stuhl in vorderster Reihe fand er schließlich das, was er gesucht hatte.
Ein ordentlicher Brief mit einer grauen Feder...
Xelto blies die graue Feder herunter und las schnell durch den Brief durch. Eine Nachricht von 'ihm', dem Schöpfer persönlich. Neben dem Brief fand er eine kleine Spielkarte im Umschlag. Auf ihm war ein altes Monster abgebildet, eine Chimära. Er lächelte... das würde ein aufregender Abend werden.
Xelto verschmolz wieder mit den Schatten und war innerhalb weniger Augenblicke verschwunden.
Nach ein paar Momenten drangen die Maschinen ein, begannen mit dem Abriss und zerstörten so jeden potentiellen Beweis für diesen kurzen Moment...
Rinoa öffnete langsam die Augen. Der Boden unter ihr war kalt, hart und staubig. Sie fühlte die Übelkeit in ihrem Magen und hörte das Surren in ihren Ohren.
"Du hattest Glück, dass er dir keine Spritze mit dem Zeug reingehauen hat."
Nachdem sie diese Stimme gehört hatte, fühlte sich Rinoa plötzlich erleichtert.
"Cifer...?", hauchte sie.
Sie versuchte aufzustehen.
"Gib dir keine Mühe. Wir kommen hier nicht so einfach weg", meinte Cifer.
"Ich bin so froh... Wenigstens mal eine positive Überraschung...", keuchte Rinoa.
"So würde ich das nicht nennen. Dieser bescheuerte Dreikäsehoch hat uns hier unterhalb von Deling City eingesperrt."
"Ich weiß. Er hat mich reingelegt. Nachdem mir jemand ein Foto von dir und diesem Kerker hier gezeigt hat, bin ich sofort losgerannt, um dich hier raus zu holen, aber..."
"Sollten wir hier jemals wieder rauskommen wird es diesem Knaben und der alten Weltherrschaftshexe gewaltig an den Kragen gehen", knurrte Cifer.
Er begann an den Ketten zu zerren, jedoch wurden diese kein bisschen lockerer. Rinoas Arme waren ebenfalls fest an ein Wasserrohr gebunden.
"Dann sitzen wir hier wohl eine Weile fest... Verdammt."
"Und uns rennt die Zeit davon. Ich sag das zwar nicht gern, aber... Aber es scheint so, dass uns jetzt nur noch Squall helfen kann", murmelte Cifer.
Rinoa schloss die Augen.
"Squall... Beeil dich, wo immer du bist", flüsterte sie leise und hoffte, ihre Worte würden ihn erreichen...
Als die Ragnarok außerhalb der Stadt landete, war bereits niemand mehr an Bord. Squall war tief über die Fassaden der Stadt geflogen und hatte das Schiff kurz vor der Landung verlassen. Mit schnellen Schritten marschierte er in Richtung Villa Carway, in der Hoffnung, dort auf Freund oder Feind zu stoßen. Kaum stand er vor dem riesigen Tor, vernahm er ein mächtiges Zischen aus Richtung Präsidentenpalast, der ein paar Straßen weiter lag. Squall rannte den Gehsteig entlang und konnte in der Ferne jemanden erkennen, der in der Mitte der Straße stand. Beide gingen aufeinander zu.
"Du suchst nach deinen Freunden, richtig? Na immerhin hast du mich schon gefunden!", rief der Schwarze Prinz.
Es war das erste Mal, dass Squall ihn ohne Helm sah. Als sie nicht mehr weit voneinander entfernt waren, glaubte Squall ein vertrautes Gesicht zu sehen. Doch dieses Gefühl verschwand wieder, als er ihm in die Augen sehen konnte.
"Wo sind sie?", fragte Squall ruhig.
"An dem Ort, wo du gemeinsam mit ihnen sterben wirst. Ich hoffe, in dir finde ich einen Gegner, der meiner würdig ist. Deine beiden Freunde konnte ich leicht überwältigen", rief Xelto.
Squall fasste den Griff seiner Gunblade an. Hinter ihm und seinem Widersacher begannen die Busse und Autos zu hupen. Der Schwarze Prinz warf einen kleinen Feuerball in Richtung Squall, sprang auf einen der Busse und rannte davon. Squall wich aus und jagte zwischen den Bussen rennend dem Schwarzen Prinzen hinterher. Dieser hatte bereits einen beachtlichen Vorsprung, jedoch schien Squall allmählich aufzuholen. Am Torbogen angekommen trat er die Tür ein und sprang in die Luke, die zur Kanalisation führte.
Die begehbaren Stellen wurden immer enger und dreckiger. Er konnte den Prinzen hören und es kam ihm so vor, als ob er ihm dicht auf den Fersen wäre...
Squall lugte um die Ecke. Er sah gerade noch einen Mantel in einer Öffnung verschwinden, die sich schloss. Squall rannte auf die sich schließende Mauer und rammte sein Schwert in den Spalt. Eine kurze Erschütterung war zu hören, bis sich diese versteckte Tür, getarnt als Mauer, nach hinten schob und geöffnet wurde.
Squall ging hindurch und fand sich auf einem Balkon wieder, der sich in einem riesigen, runden Raum befand. Eine spiralförmige Treppe führte nach unten. Vom Prinzen war nichts zu sehen. Während er die Treppe hinab stieg, betrachtete Squall erstaunt die riesige Halle. Die Säulen erinnerten ihn an die Basis in Winhill, welche in der Tat ähnlich gestaltet war. Weder der Mosaikboden, noch die Wände oder Decken waren mit Muster geschmückt. In der Mitte befanden sich Computeranlagen, die um eine Statue herum aufgestellt wurden. Sieben Türen, alle im gleichen Abstand zueinander, führten in andere Räume. Hier irgendwo mussten Rinoa und Cifer sein...
"Rinoa, ich bin gleich bei dir... Cifer, halte durch", sprach Squall in seinen Gedanken.
Die unterirdische Basis war sternförmig aufgebaut, stellte Squall fest. Alle sieben Hauptgänge, die von der großen Halle ausgingen, waren über weitere ringförmige Gänge miteinander verbunden. Er sollte Rinoa und Cifer schnell finden können, da man sich hier praktisch nicht verirren konnte. Nachdem er bereits in mehrere Räume geschaut hatte und nicht fündig wurde, beschloss er nach den beiden zu rufen.
"Rinoa!!! Cifer!!! Könnt ihr mich hören?"
Rinoa schreckte hoch und blickte zu Cifer.
"Ich hab's auch gehört. Das glaub ich einfach nicht", sprach Cifer überrascht.
"SQUALL!!! Hier!", begannen er und Rinoa zu rufen. Sie merkten, wie die Erschöpfung zu schwinden begann, als es wieder Hoffnung gab.
"Rinoa?... RINOA!?"
Squall konnte hören, wie von der anderen Seite sein Name durch die Wände hallte. Er lief so schnell er konnte den runden Gang entlang. Die Stimmen wurden immer lauter. Er rannte um die nächste Ecke und sah eine Tür mit Gitterstäben, hinter der die Rufe kamen. Sie war nicht verschlossen...
"Rinoa?"
"Squall!", riefen die beiden Gefangenen zugleich.
"Wie hast du uns gefunden?", fragte Rinoa.
Er konnte in ihren Augen eine unendliche Erleichterung sehen.
"Wenn wir da erstmal raus sind, können wir über alles reden, was passiert ist, aber jetzt..."
Squall schlug mit einem gezielten Schwertschlag die Ketten auseinander. Rinoa und Cifer sprangen erfreut auf und entfernten die restlichen Ketten.
"Ist alles in Ordnung?"
Squall umarmte Rinoa.
"Ich freu mich ja auch, aber könnten wir die Wiedersehensfeier nicht auf einen günstigeren Ort und Zeitpunkt verschieben? Ich halte diesen Gestank von der Sekte nicht mehr aus. Hauen wir ab!", drängte Cifer.
Rinoa und Squall nickten, also verließen die drei den Kerker.
Als sie die Haupthalle betraten, waren Rinoa und Cifer mindestens genauso über die Basis von Aomes Trianirea erstaunt wie Squall vorhin.
"Wo ist Xelto?", fragte Cifer.
Seine Stimme klang so, als wäre Squall jemand, der ihm etwas weggenommen hatte.
"Keine Ahnung. Vielleicht hat er Schiss bekommen und macht sich ins Hemd vor Angst", vermutete Squall.
Noch bevor Cifer etwas dazu sagen konnte, ertönte ein lautes Rattern durch den ganzen Raum. Vor allen sieben Türen ratterten Metallgitterstäbe herunter und versperrten ihn den Weg nach draußen. Nebenbei verschwand die spiralförmige Treppe in der Mauer, sodass die drei plötzlich, wie in einem Kolosseum, eingesperrt waren.
"Von hier oben seht ihr richtig niedlich aus."
"Tss! Typisch. Wieder mal zu feige, uns direkt gegenüberzutreten."
Cifer drehte sich um und sah auf dem Balkon Xeltos Umrisse stehen.
"Ich hab's allmählich satt, mich wegen euch dreckig zu machen. Wenn ihr nicht wärt, könnten wir uns weitaus wichtigeren Dingen widmen", rief Xelto von oben runter.
"Das musst gerade du sagen. DU bist doch derjenige, der uns ständig in den Rücken fällt. Und das alles nur für eine Hexe, der du ohnehin nicht mehr wert bist als der Furz eines Beißkäfers."
"Lachhaft. Ich würde mich ja liebend gerne weiter mit euch unterhalten, nur leider werde ich woanders gebraucht. Erlaubt mir, die Sache kurz zu machen", sagte Xelto
"Komm runter und wir werden den Kampf zwischen uns beide entscheiden lassen", rief Cifer.
"Irrtum. Unser Kampf ist schon entschieden. Aber Squall... Mit dir hab ich noch eine Rechnung offen", meinte der Schwarze Prinz.
Xelto holte aus seinen Gürtel eine Karte raus.
"Du willst den Kampf mit einer Runde Karten entscheiden?", lachte Squall.
"Ja. Allerdings nach meinen Regeln. Mit der Macht von Hyne", kicherte Xelto vergnügt.
Er ließ die Karte fallen, die elegant nach unten segelte.
Fragend sahen Squall, Rinoa und Cifer die Karte an, die auf den Boden fiel. Sofort begann die Karte zu rauchen. Eine schwarzgrüne Wolke stieg auf und wurde immer dichter, nachdem sie etwa zwei Meter über der Karte aufhörte noch weiter nach oben zu steigen. Squall war sich sicher, vorhin eine Chimära auf der Karte abgebildet zu sehen, doch diesmal konnte er kein Motiv darauf erkennen. Sie war leer.
"Scheiße! Passt auf!"
Im selben Moment begriffen auch die anderen beiden, was los war. Die Rauchwolke nahm Gestalt an. Auch Squall und Cifer machten sich kampfbereit.
"Du nicht, Squall. ICH bin dein Feind!", rief Xelto und sprang nach unten.
Sein Umhang bremste den Sturz, sodass er unverletzt mit beiden Beinen auf den Boden landete. Zur selben Zeit materialisierte sich der Nebel und eine lebendige Chimära kam zum Vorschein.
"Diese Fähigkeiten beziehe ich von Bestias, die ich von Hyne höchstpersönlich erhalten habe. Sie sind ein Teil seiner Macht. Und genau deshalb bin ich mehr, als ein bloß ein Sklave Prokyltas. Ich bin..."
"Ja ja, du bist ihr Hexenritter", kam ihm Squall zuvor.
"Du vermasselst mir den Auftritt. Selber schuld, das ist nämlich der letzte, den du sehen wirst", konterte Xelto und wollte Squall angreifen.
Cifer sprang dazwischen und fing Xeltos Schwertschlag mit seiner Waffe ab.
"Nein! Du kämpfst gegen mich. Wir sind noch lange nicht fertig!"
"Cifer! Erledige mit Rinoa zusammen das Monster. Xelto ist mein Gegner, klar?"
"Vergiss es! Du..."
"Hilf verdammt noch mal Rinoa!", brüllte Squall Cifer ins Gesicht.
Damit hatte er nicht gerechnet. Er drehte sich um und wandte sich zur Chimära, die gerade von Rinoa mühsam in Schach gehalten wurde.
"Wenn du ihn tötest, dann kannst du was erleben", drohte er und stürzte sich anschließend in den Kampf.
Squall blickte zu Xelto. Dieser ging leicht in die Hocke und zischte kurz darauf in Angriffsstellung auf Squall los. Die Funken sprühten, als die beiden Klingen beim Zusammentreffen blitzten. Die Ruhe stand Squall ins Gesicht geschrieben, als er gelassen dastand und Xeltos Angriff blockte. Xelto versuchte mit aller Kraft die Verteidigung zu durchbrechen. Beide Kämpfer schauten sich in die Augen. Xelto sprang schließlich nach hinten, nachdem sein Frontalangriff gescheitert war.
"Schluss mit diesen Kinderspielen", brüllte Xelto und rannte erneut auf Squall zu.
Wie in Ekstase schlug er auf Squall. Dieser parierte einen Schlag nach dem anderen. Qualm stieg auf, die Klingen erhitzten sich und die Funken blitzten bei jedem Schlag auf, während das Kampfgetöse in der ganzen Halle widerhallte. Squall drängte Xelto immer weiter in die Mitte des Raumes. Nach einem heftigen Schwertschlag rollte er sich zur Seite und schleuderte einen Blitzstrahl auf Squall. Dieser wurde von seiner Gunblade abgefangen.
Beide Kämpfer standen sich in einem größer gewordenen Abstand wieder gegenüber, doch der Schwarze Prinz stürmte sofort wieder auf Squall zu.
Xelto zog alle Register um Squall fertig zu machen, doch dieser wehrte, ohne anzugreifen, jeden Schlag ab, egal ob Xelto von hinten, vorne, links, rechts, oben oder unten angriff. Cifer und Rinoa hielten in der Zwischenzeit die Chimäre in Schach, während auch Xelto allmählich die Puste ausging.
"Vielleicht sollten wir eine Pause einlegen. Ich glaube, ich hab auch mal ein paar Dehnübungen nötig", schlug Squall freundlich vor.
Xelto stützte sich auf seine Knie.
"Schwachsinn. Das ist kein Spiel. Das ist ein Kampf. Wir kämpfen bis zum bitteren Ende... Du und ich... Wir sind beide Krieger und beenden das auch wie solche."
"Ich bin kein Krieger. Kriege machen keinen groß", entgegnete Squall ernst.
"Hör endlich auf, dich über mich lustig zu machen!", fauchte Xelto zornig.
"Ich mache mich nicht über dich lustig. Ich hasse es nur, gegen ein Kind zu kämpfen..."
"ICH BIN KEIN KIND!!!", schrie Xelto von Wut besessen und startete einen weiteren Angriff.
Diesmal tat sich Squall bedeutend schwerer, die Schläge seines Gegners zu halten. Er duckte sich und rollte zur Seite, um dem Schwertsturm zu entkommen. Xelto drehte sich rasch zu Squall, sprang hoch und wollte ihn von oben zweiteilen. Squall, der noch immer auf allen vieren am Boden kniete, rollte sich erneut zur Seite, sodass Xelto ins Leere traf. Er zog seine Gunblade aus dem Boden, die aufgrund des vorigen Angriffes einige Zentimeter drin steckte und stürmte auf Squall zu. Dieser stand auf und lief ein paar Schritte nach hinten, um Abstand zu gewinnen. Anschließend feuerte er einen Blitz auf seinen tobsüchtigen Angreifer.
"Hast du noch einen letzten Wunsch, bevor ich dich nun endgültig zur Schnecke mache?", fragte Xelto, nachdem er von Squalls Blitz getroffen wurde und beinahe hingefallen wäre.
Er nahm seinen Mantel ab, um leichter kämpfen zu können.
"Ja. Diesen Kampf zu beenden. Meinst du nicht, es wäre die passende Zeit? Du bist doch eh am Ende."
"Es ist Zeit zu sterben...", fauchte der Schwarze Prinz.
Seine Klinge begann zu leuchten. Als er sie nach vorne streckte, wurde zu Squalls Überraschung ein dicker Blitzstrahl in seine Richtung geschossen, auf den er nicht mehr reagieren konnte. Als Xelto sah, wie Squall von seiner Magie nach hinten geworfen wurde und auf den Rücken fiel, war er wieder glücklich.
"Mit diesem Blitzzauber könnte man Esthar mehrere Minuten mit Strom versorgen", sprach Xelto stolz und lachte.
"Squall! Bekämpfe Feuer mit Eis", rief Rinoa.
Sie schoss einen weißen Blitzstrahl auf Squalls Gunblade, welche daraufhin ebenfalls magisch geladen wurde. Squall winkte ihr dankend zu, als sie sich wieder umdrehte und mit Cifer gegen das Monster weiterkämpfte. Xelto schoss den zweiten Blitzstrahl, doch diesmal wurde er von Squalls Waffe abgewehrt.
"Dann eben nicht!"
Die beiden Kämpfer gaben den Fernkampf auf. Beim Treffen ihrer Schwerter wurde die Energie darin entladen. Der Impuls trennte die beiden und warf sie jeweils ein paar Meter nach hinten. Als Squall und Xelto aufstehen wollten, wurde der ganze Raum von einem Blitzlicht erhellt. Beide schauten zu Cifer und Rinoa, wo Xelto entsetzt mit ansehen musste, wie sich seine Chimäre in Rauch auflöste. Die leere Karte glimmte kurz auf und wurde zu Asche.
"Squall, wir sind fertig", zwinkerte ihm Rinoa zu.
Sie und Cifer stellten sich auf Squalls Seite. Die Blicke der drei fiel auf Xelto, welcher sich den Schweiß von der Stirn wischte und kurz nachdachte.
"Bei Tiamat hat es auch funktioniert. Scheinbar habe ich keine andere Wahl", murmelte er.
"Sprich gefälligst lauter, Kartenfreak. Welches Monster setzt du diesmal ein? Deine Mutter?", lachte Cifer.
Nach einer kurzen Stille begann auch Xelto zu lachen.
"Jetzt kämpfe ich wie du, als du so alt warst wie ich", schmunzelte Xelto und drückte auf dem Knopf der Fernbedienung, die an seinem Gürtel geklemmt war.
Alle Türen öffneten sich wieder, auch die Treppe kam wieder zum Vorschein.
"Dieses Geräusch...", begann Rinoa.
"Monster?"
Die Treppe warf einen Schatten auf die Wand und auf den Boden. Während das Geräusch von kreischenden Monstern aus allen Richtungen zu hören war, kamen plötzlich Augen ohne Gesicht und Körper im Schatten zum Vorschein. Es ertönten hunderte schrille Schreie und nun hatte jedes Augenpaar auch einen Mund bekommen.
"Der Schatten bewegt sich!", rief Rinoa.
Die Augen und Münder bekamen schlussendlich auch einen Körper. Wie aus Papier wurden gespensterartige Gestalten mit Augen und Mund aus dem Schatten 'rausgeschnitten'. Die Phantome krabbelten allesamt mit deren lauten Kichern auf das Trio zu. Zur selben Zeit kamen aus den sieben Türen zahlreiche weitere Monster derselben Art
"Das sind doch keine Bestias! Was zum Geier machst du hier?", wollte Cifer von dem Schwarzen Prinzen wissen.
"Wir haben keine Zeit, Cifer. Wir müssen hier weg!", rief Rinoa.
"Oh nein. Du und Cifer, ihr bleibt hier, bis ich mit Squall fertig bin."
Xelto rannte die Treppe nach oben.
"Na komm schon, Squall. Wir setzen das Spielchen von vorhin fort."
"Du bekommst dein Spielchen! Squall! Ich und Rinoa werden dir Rückendeckung geben. Versuch solange diesen Hosenscheißer Paroli zu bieten."
Squall rannte daraufhin ebenfalls nach oben, gefolgt von Rinoa und Cifer, die die angreifenden Monster erledigten.
"Was? Teamwork? Das wollen wir doch erst mal sehen", murmelte Xelto.
Er drückte wieder auf den Knopf und die Brücke wurde wieder in die Mauer gezogen. Squall war bereits fast auf dem Balkon, wo Xelto gerade die Tür zur Kanalisation öffnete. Als Squall oben war, war Xelto bereits verschwunden. Er schaute zu Cifer und Rinoa, die auf einer zwanzig Zentimeter breiten Brücke nach oben liefen. Die Monster hinter ihnen fielen reihenweise runter. Ihre neue Strategie war Klettern.
"Macht schneller! Ihr schafft es nie!", schrie Squall verzweifelt, als ihm sein gesunder Menschenverstand zuflüsterte, dass sie da nicht rechtzeitig rauskommen würden.
"Pass auf, Squall!", rief Rinoa zurück und schoss einen Enterhaken, den sie scheinbar in ihrer Gürteltasche trug, in Richtung Balkon, wo er am Geländer hängen blieb.
Rinoa zeigte Squall den nach oben gestreckten Daumen und zwinkerte ihm zu. Squall verstand sofort und erwiderte die Geste. Daraufhin verließ er die Basis, um die Verfolgung wieder aufzunehmen.
"Gut, dass uns jetzt niemand sehen kann", meinte Cifer, als er sich mit einer Hand an der Kette festhielt und die andere um Rinoas Hüfte schwang.
Dann sprangen sie beide von der Brücke und ließen sich nach oben ziehen, während eine Spule die dünne Kette wieder zusammenrollte.
"Ach, weil du denkst, Squall würde dir dann..."
"Nein. Weil es peinlich ist, von einer Frau gerettet zu werden", lachte er.
Rinoa konterte seine sexistische Aussage, indem sie begann, heftig mit der Kette hin und her zu schwingen. Cifer war daraufhin erstaunlich still...
Überall tauchten Monster auf. Da Squall keine Zeit für sie hatte, rannte er so schnell er konnte dem Ausgang zur Kanalisation entgegen. Oben angekommen, verließ er die Kammer, die zur Kanalisation führte und ging auf die Straße. Über ihm war der gewaltige Triumphbogen, vor ihm war Xelto. Das Gebrüll von vielen Monstern drang an sein Ohr. Und er war sich sicher, dass diese nicht von den Phantomen aus der Kanalisation stammten...
Xelto grinste ihn an.
"Zeit, die Sache zu beenden. Ich hoffe, du hast deine Kräfte gespart. Du wirst sie brauchen."
Squall umklammerte seine Gunblade. Kurz zogen an ihm Wortfetzen aus seinem Besuch im Shumi Dorf vorbei. Etwas von Gewalt, Hass und Selbstaufgabe...
Er musste ruhig bleiben, erinnerte sich Squall.
Xelto rannte auf ihn zu.
Es muss nicht immer einen Kampf geben.
Er hob seine Gunblade zum Schlag.
"Es gibt einen anderen Weg", flüsterte Squall.
Er duckte sich unter Xeltos Schlag. Halb in Trance, als ob jemand anderes seine Klinge führte, schlug Squall zu.
Xelto heulte auf und humpelte. Squall sprang auf seine Beine. Er sah Xeltos schmerzverzerrtes Gesicht. Er versuchte gerade stehen zu bleiben, humpelte dann und fiel hin. Die Gunblade fiel aus seiner Hand. Squall trat sie schnell aus Xeltos Reichweite und betrachtete dann den verletzten Jungen, der auf der Straße lag. Squall hatte ihm einen Schnitt ins Bein verpasst.
"Beende es! Töte mich", schrie Xelto.
"Mir kommen die Tränen. Sorry, dass ich nicht dem dramatischen Drehbuch folge, aber ich verzichte. Ich wüsste auch nicht, wieso ich dich töten sollte. Ich wollte meine Freunde retten und du warst im Wege. So einfach ist das", meinte Squall.
"Mach dich nicht lustig. Ich bin ein Krieger, genau wie du. Und ich verlange die letzte Ehre!"
"Ich bin kein Krieger. Ich hab schon einmal gesagt, dass Kriege keinen groß machen. Ich bin nur ein Mensch, der seine Ruhe will, die aber nicht bekommt. Und deswegen bin ich hier. Ich kämpfe für mich und meine Freundin und unserer gemeinsames Kind. Und ich kämpfe für diese Welt. Ich weiß nicht, wie man solche Menschen bezeichnet, aber Krieger finde ich sehr unpassend. Und was dich angeht. Ich sehe nur einen Jungen, der ein bemerkenswertes Talent fürs Kämpfen hat, der jedoch seine Seele an eine der schlimmsten und abstoßendsten Menschen verkauft hat, den ich kenne. Ich weiß nicht warum und es ist mir auch irgendwie egal. Auch wenn ich es sehr traurig finde, da ich einen Jungen sehe, der im Begriff ist, sein Leben wegzuschmeißen", sagte Squall ruhig.
"Mein Leben ist schon lange vorbei", antwortete Xelto und für einen Moment meinte Squall, unendlichen Schmerz in seinen Augen zu sehen. Doch bereits im nächsten Moment war er sich sicher, sich geirrt zu haben.
"Wie auch immer. Man sieht sich... Xelto Goodsworth, Bruder von Niida", sagte Squall leise.
"Du weißt, wer ich bin? Wie?", fragte Xelto erstaunt.
"Ich habe es gefühlt. Auch wenn ich nicht weiß, wie du hier sein kannst, wo ich mir doch sehr sicher bin, dass du vor vielen Jahren gestorben bist... durch Niidas Hand, weil ihr euch um Hynes Macht geprügelt habt. Ironischerweise scheint es bei dir genauso zu sein, auch wenn dich Hyne schon einmal fast umgebracht hätte. Keine Sorge, das bleibt unter uns. Ich werde dein Geheimnis nicht so schnell verraten. Zumindest nicht Niko", sagte Squall.
Xelto senkte seinen Blick.
"Für mich ist der Name Goodsworth schon seit langem Vergangenheit. Für mich zählt nur die Gegenwart", sagte er leise.
Squall nickte ihm zu und drehte sich um. Er wollte so schnell wie möglich zu Cifer und Rinoa zurück und dann mit ihnen endlich verschwinden. Auf einmal hörte er Xeltos Stimme.
"Ich denke, man kann dich als wahren Helden bezeichnen", rief Xelto.
Squall sah ihn an. Xelto war wieder aufgestanden. Squall sah in seine Augen... und was er sah gefiel ihm nicht. Der alte Wahnsinn kehrte zurück.
"Und als Held stirbst du den Heldentod. Ich bin mit Hyne im Bündnis. Und er kontrolliert die Monster, wie er einst Alphega kontrolliert hat. Und damit habe ich die Macht. Hyne kann leider die Menschen nicht direkt wie die Monster manipulieren. Doch dafür kann er die, die sich ihm widersetzen, umbringen. Und ihr steht auf seiner Todesliste ganz oben. Er weiß, wo ihr seid. Jedes Monster im Umkreis dieser Stadt hat den Befehl euch zu töten. Ihr werdet hier untergehen. Und ich werde leben. Was ist besser? Ein toter Held oder ein lebendiger Krieger?", rief Xelto.
Das Donnern wurde lauter. Squall hatte eine unheilvolle Vorahnung.
Rinoa und Cifer traten endlich aus der stinkigen Kanalisation heraus. Rinoa sah sich um. Sie waren im Torbogen. Das Donnern der Monster kam immer näher.
"Lass mich mal ran", sagte Rinoa und schob Cifer weg.
Sie feuerte einen Feuersturm in die Luke. Sie konnte die Monster kreischen hören, die von dem Strahl getroffen wurden. Dann schlug sie die Luke zu.
"Raus hier!", rief Cifer.
Auf einmal kam Squall rein gerannt und schlug die Tür, die nach draußen führte, hinter sich zu.
"Was zum...", begann Cifer.
"Wir müssen hier weg. Schnell! Wir müssen in die Kanalisation!", schrie Squall.
"Bist du verrückt. Das wäre unser Tod!", rief Rinoa.
"Dann nach oben!", sagte Squall und kletterte die Treppe hoch.
"Was ist mit Xelto?", fragte Cifer.
"Der hat Hausarrest!", gab Squall zurück. "Komm jetzt!"
"Was noch mehr Monster... Hey, ein kleiner Kampf hat noch niemandem geschadet..."
RUMMS!
Cifer verstummte. Etwas schmiss sich gegen die Tür.
RUMMS!
Etwas schmiss sich gegen die Kanalluke.
Cifer und Rinoa folgten Squall schnell.
"Wir müssen aufs Dach! Jedes verdammte Monster aus Galbadia ist hinter uns her", sagte Squall und suchte nach einer Dachluke.
Sie befanden sich in dem Raum mit der Gitterkontrolltafel.
"Oh scheiße", entfuhr es Cifer als er durch das Fenster sah.
"Such mit, Cifer!", rief Squall, doch hatte er die Luke entdeckt.
Rinoa stand mit ihrem Schwert, das gefährlich in der Dunkelheit schimmerte, an der Leiter, bereit das erste Monster in Stücke zu hauen.
Squall zog an der Dachtür und kletterte aufs Dach. Cifer und Rinoa waren ihm auf den Fersen.
Ein frischer Wind wehte Squall ums Gesicht, als er ins Freie tat. Zum ersten Mal stand er auf dem Dach des Torbogens. Der Mond schimmerte groß und beleuchtete ein Horrorszenario.
Tausende von Monstern strömten auf den Torbogen zu. Wie eine gewaltige Sintflut kamen sie aus allen Richtungen. Sie gingen durch die Straßen von Deling City an den erstarrten Bewohnern vorbei, die allerdings nicht angegriffen wurden.
Die ersten Monster kletterten den Torbogen von außen herauf. Squall konnte sich nicht erinnern, je eine solche Anzahl und Vielfalt von Monstern erblickt zu haben. Darunter waren viele, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Er hob sein Schwert und sah seine beiden Begleiter an.
"Wir werden hier nicht sterben, okay?", fragte er leicht unsicher.
"Niemals. Vorher muss ich dieser kleinen Rotznase noch den Arsch versohlen", rief Cifer.
"Ich habe zuviel gesehen, um jetzt zu sterben", flüsterte Rinoa.
Ein Knurren dicht an seinem Ohr verriet Squall, dass die ersten Monster angekommen waren. Die Drei nickten sich an. Dann drehte jeder sich um und begann auf alles einzuschlagen, was sich ihnen in den Weg stellte. Und so begann der Kampf.
Squalls Schwert wirbelte durch die Lüfte und traf die ersten Monster. Mit seinem Körpergewicht versuchte er, die Monster wieder hinunterzuwerfen. Doch es kamen immer wieder neue nach. Squall spürte, wie seine Kraft langsam nachließ und wie sein Zorn wach wurde. Er dachte an den Shumi Weisen... Na, was soll's! Er musste überleben. Squall stieß einen zornigen Schrei aus und stürmte auf eine Monsterwelle zu. Die Welle wurde gebrochen. Die Monster wichen zurück. Doch dann sah Squall, dass er gefährlich nahe an den Abgrund herangekommen war.
"Hey, Leute, ich glaub, die Viecher wollen nichts von mir", rief Rinoa.
Squall sah, dass sie Recht hatte. Die Monster gingen um sie herum und stürmten auf Cifer, der wie verrückt versuchte, mit der Übermacht fertig zu werden. Squall rannte dazu. Er zwang sich zur Ruhe. Er musste die Kraft mobilisieren, mit der er Xelto zu Fall gebracht hatte.
Weich, rund... er würde mit Rinoa zusammensein... die Wahrheit... Menschen... leben.... Liebe... Hex
n... Zeitkompression. Die Worte waren in seinem Kopf und sie machten Sinn. Er wusste, was sie bedeuten. Er sah sich und die Welt. Er fühlte die Monster, er fühlte sich, er fühlte die Menschen. Er verstand. Er wusste nicht, er verstand, weil er fühlte.
"Rinoa! Versuche mit deinem Zaubern, viele Monster, die die Wand hochkommen, abzuschießen", rief Squall und schwang sein Schwert.
Es fühlte sich so leicht an. Nicht mehr schwer und hart. In einem Schlag tötete er drei Monster. Squall hörte das mächtige Donnern von Rinoas Zauber. Neben ihm rappelte sich Cifer auf und kämpfte. Doch von Zeit zu Zeit merkte Squall, wie Cifers Augen immer wieder auf ihn huschten und Squall spürte Cifers Konfusion über Squalls Zuwachs an Macht.
Ein heller Schrei durchdrang die kalte Abendluft. Alle Monster hielten inne und blickten zum Himmel als erwarteten sie ein Zeichen. Auch Squall und Rinoa hörten auf. Cifer benutzt hingegen die Gelegenheit, das Dach von Monstern zu befreien.
Dann sah Squall den Ursprung des Schreis. Ein gefiedertes Monster flog am Abendhimmel auf sie zu.
"Es ist ein Aquila", rief Squall.
"Es ist ein Zeichen von Hyne", rief Rinoa.
Der Aquila stürzte sich auf Squall und Cifer.
"Rinoa, kümmre du dich um die Monster", rief Cifer.
Das gewaltige Monster ließ seine Klauen auf die beiden niedergehen. Squall rollte sich nach rechts und versuchte einen Hieb auf den Aquila zu landen, doch dieser war bereits wieder nach oben geflogen. Cifer und Squall schossen mit ihrem Gunblades auf das Urvieh, doch die Kugeln versanken wirkungslos in dem Federpanzer. Der Aquila stieß einen Schrei aus. Die Monster fingen wieder an anzugreifen. Rinoas Zauber wurden größer und gewaltiger. Viele Monster wurden vernichtet. Noch konnte Rinoa die Zauber so steuern, dass die Häuser verschont blieben. Doch wenn sie gezwungen werden sollte, mehr anzuwenden...
Der Aquila kreiste um das Dach und wartete auf die Gelegenheit zum Angriff.
"Hast du einen Plan?", fragte Cifer Squall.
"Ja, ich werde das Biest töten. Und dann alle anderen hinterher", antwortete Squall düster.
"Klingt gut", gab Cifer zurück.
Auf einmal konnte Squall etwas hören. Durch all das Geschrei hörte er ein Geräusch. Das Geräusch von schlagenden Flügeln. Nicht vom Aquila. Es war was anderes. Es kam näher. Sehr schnell. Er fühlte etwas. Eine große Präsenz... Er war gekommen... Der König der Bestias. Jedoch war er beseelt vom Hass! Hyne kontrollierte ihn. Etwas traf Squall hart im Genick. Er spürte nur noch, wie er den Boden unter den Füßen verlor, bevor er im freien Fall bewusstlos wurde...
"SQUALL!", schrie Rinoa!
"Was war das?", brüllte Cifer verzweifelt.
"Bahamut", flüsterte Rinoa.
Doch Cifer hörte sie nicht. Denn der Aquila hatte sich zu Cifer heruntergesellt und Cifer wusste, dass dieses Monster nicht aufhören würde, bevor er tot war.
Squall dröhnte der Kopf. Wo war er? Er konnte das Rauschen der Flügel hören. Er öffnete die Augen. Er war im Park von Deling City! Das Rauschen der Flügel...
Squall sprang auf und sah nach oben. Über ihm, die Sicht auf den Mond versperrend, befand sich der König der Bestias, Bahamut. Ein gigantischer Drache mit zwei großen Flügeln und schimmernden Augen. Er schwebte über Squall. Aus seinem Mund kam ein Glühen. Er bereitete die Attacke vor, die Squall zerfetzen würde. Squall suchte den Boden ab. Seine Gunblade hing oben in einem Baum... Er würde sie nie rechtzeitig erreichen... War das das Ende? Da hörte er auf einmal Worte, wie als ob sie ein geheimnisvoller unsichtbarer Fremder ihm ins Ohr flüstern würde.
"Die wichtigsten Dinge können ohne Worte gesagt werden."
"Wichtig ist, dass Sie und jeder andere auf dieser Welt und Hyne beide auf dieser Regel basieren. Wissen Sie, was das bedeutet? Er kann besiegt werden!"
Ja... das war es. Hyne war weit weg... doch Squall und Bahamut waren hier. Das Problem war die Sprache. Squall konnte nicht mit Bahamut sprechen, ihn folglich nicht von seinem Vorhaben abbringen.
Doch es gab etwas anderes. Squall sah Bahamut in die Augen. Er versuchte, die Gefühle dieses mächtigen Wesens zu lesen. Sie waren unergründlich. Sie sagten Squall nichts. Doch, es musste etwas geben. Etwas, dass sie beide verband... Ja... da war es... Gefühle... Hass... Enttäuschung über die Demütigung... Ausnutzung... Ausgrenzung... Bahamut war stolz. Hyne hatte ihn nicht unter Kontrolle... Er hatte ihn überzeugt und verführt! Hyne war also auch nur ein Mensch, schloss Squall und lachte innerlich kurz.
Bahamut fauchte. Squall dachte an die Wahrheit... Er musste ihm sagen können, was er empfand... Für seine Freunde. Würde eine Bestia das verstehen? Squall wusste, dass es nur einen Weg gab. Er musste diesem Wesen seine ganzen Gefühle zeigen. Er musste sämtliche bewussten Blockaden fallen lassen. Nur mit Ehrlichkeit konnte er Bahamut den nötigen Respekt zollen und ihn vielleicht umstimmen... Alles andere wäre falsch...
Rinoa konnte nicht mehr. Der Monsteransturm wurde immer größer und größer. Aber sie musste! Es ging nicht anders. Cifer würde sterben. Er lag entkräftet am Boden. Der Aquila beugte sich über ihn... Würde er ihn töten?
Monster krochen langsam die Mauer herauf. Sie umschlangen alles. Und dann konnte es Rinoa hören.
Das kalte Lachen. Die Stimme, die sie auslachte. Sie hatte sie schon einmal gehört. In der Nacht, in der sie Squall verlassen hatte, hatte sie einen Traum gehabt... Sie hatte Squall tot gesehen... und diese Stimme hatte sie ausgelacht. Sie hatte nach dieser Stimme gesucht. Jetzt wusste sie, wem diese Stimme gehörte. Sie gehörte dem puren Bösen, der Verachtung... Sie gehörte Hyne... Jetzt würde sie sterben... und ihr Kind?
"Nein!", brüllte Rinoa und hieb auf den Aquila ein. Dieser schrie auf, griff jedoch nicht an...
"Verschwinde. Lass ihn in Ruhe!", brüllte Rinoa.
Dann hörte sie etwas... etwas anderes. Etwas Ruhiges. Einen majestätischen Ruf. Sie drehte sich um.
Ein gewaltiger Drache flog vor dem Mond auf sie zu... Bahamut. Auf diesem Drachen saß ein Mann, er hatte ein Schwert in der Hand zum Himmel erhoben... Es war Squall. Und Rinoa wusste... sie waren gerettet.
Bahamut entließ ein gleißendes Licht aus seinem Maul. Das Licht heilte Cifers und Rinoas Wunden und fügte den Monstern gewaltigen Schaden zu. Der Aquila wurde so schnell zerrissen, dass er nicht einmal mehr einen Schmerzensschrei ausstoßen konnte. Die Monster begannen zu fliehen und strömten ziellos in alle Richtungen. Nur wenige entkamen Bahamut.
Squall, Rinoa und Cifer standen auf dem Dach des Torbogens.
Squall war von Bahamut abgestiegen und lächelte seine Freunde an. Sie starrten ihn ungläubig zurück. Er wusste selbst nicht genau, was eigentlich passiert war.
Squall sah Bahamut in die Augen und zeigte ihm seine Dankbarkeit. Dann verbeugte er sich vor ihm. Überrascht stellte Squall fest, dass auch Bahamut leicht den Kopf senkte.
Vielleicht war dies die Antwort. Respekt und Gleichheit unter ungleichen Wesen. Kein Ausnutzen, kein Gedächtnisverlust... nichts.
Bahamut gab einen warmen Abschiedsschrei und erhob sich dann in die Lüfte. Squall sah seine beeindruckende Silhouette vor dem gewaltigen Mond schwinden... und dann war er weg.
Es dauerte nicht lange, bis alle möglichen Leute vor Ort waren. Polizisten, die Monsterleichen wegschafften, Reporter, die aufdringliche Fragen stellten, bis Cifer handgreiflich werden musste... und die SEEDs. Rinoa entdeckte in der Menge Kommissar Saiter, der aus irgendeinem Grund sehr mitgenommen aussah.
"Seht mal, da kommt eine Lichtgestalt", sagte Cifer sarkastisch und deutete mit einem Kopfnicken auf den sehr emsigen Anführer der SEEDs.
"Jetzt geht's los", murmelte Squall als Niko auf sie zukam.
Mit einer stillen Befriedigung beobachtete Squall den verwirrten Ausdruck auf seinem Gesicht.
"Ah, hätte ich mir denken können, euch hier zu treffen. Das ganze Chaos... Dafür können nur drei Menschen verantwortlich sein", sagte Niko mit seiner typischen Arroganz.
"Tja, wir sind immer da, wo was los ist", gab Squall zurück.
"Berichtet mir ausführlich, was passiert ist!", sagte Niko.
"Unterstellst du uns, dass wir das sagen können?", antwortete Rinoa scharf.
Sie war von Nikos Auftreten anscheinend nicht sehr angetan. Erstaunlich, wie schnell Niko Sympathien verspielen konnte, dachte sich Squall.
"Ich habe einige Fragen. Ich erwarte, dass ihr mir die Antworten gebt", knurrte Niko.
Squall fand, dass sich Niko viel zu schnell an seine neue Stellung gewöhnt hatte.
"Wir haben keine Antworten. Zumindest keine, die sich in einem deiner Berichte besonders gut machen würden", antwortete Squall, verließ mit Rinoa und Cifer den Schauplatz und ließ einen Haufen Monsterleichen, verwirrte SEEDs und einen kochenden Niko hinter sich.
"Oh seht mal... Es fängt an zu schneien", rief Rinoa plötzlich.
Sie waren in einer kleinen Nebengasse.
Squall sah nach oben und entdeckte ebenfalls die Schneeflocken, die langsam und leise den Boden küssten.
"Schnee um diese Jahreszeit? Der Winter kommt wohl sehr früh, dieses Jahr, nicht wahr Cifer?", sagte Squall und drehte sich zu Cifer. Dieser schreckte hoch.
"Ist was?", fragte Squall.
"Ne... ich dachte bloß, ich hätte da oben auf dem Dach jemanden gesehen... Das ist alles", sagte Cifer leise.
Squall sah ihn von der Seite an. Cifer sah sehr nachdenklich aus.
"Ich habe ihn wirklich eine Zeit lang gemocht", sagte Cifer dann.
Squall wusste, dass er von Xelto redete.
"Menschen sind selten das, wie sie erscheinen. Im Positiven wie auch im Negativen", meinte Squall leise.
Er überlegte einen Moment, ob er Xeltos Verwandtschaft zu Niida und Niko anschneiden sollte, entschloss sich jedoch dann, sein Versprechen zu halten.
"Ich glaube, wir haben uns eine Menge zu erzählen", sagte Rinoa grinsend.
Oben auf den Dächern von Deling City beobachtete Xelto Goodsworth, der Schwarze Prinz, wie Squall, Cifer und diese Rinoa die Straße hinuntergingen.
"Wir werden uns wiedersehen... Cifer", murmelte er, bevor er sich seinen Helm aufsetzte, sich umdrehte und von der Nacht verschlungen wurde...
Laguna saß alleine abends in seinem Arbeitszimmer, als auf einmal der Kommunikator anfing zu piepen und eine schriftliche Nachricht übermittelte. Laguna warf einen Blick darauf und wusste sofort, worum es ging.
"Du liest doch wohl nicht etwa Post, die nicht für dich bestimmt ist, oder?", kam eine Stimme aus dem Schatten.
Prokylta trat heraus und warf einen Blick auf die Nachricht.
"Sie wird dir nicht gefallen", meinte Laguna trocken.
"Im Gegenteil, sie gefällt mir sehr gut. Die Delinger Zelle wurde endgültig aufgelöst. Hervorragend. Alle Figuren sind nun an dem perfekten Platz für die endgültige Durchführung von Phase 3. Und die Stimmen sagen mir, dass es nicht mehr lange dauern wird. Und die Stimmen irren sich nie", sagte Prokylta mir einem ironischen Lächeln.
"Von wegen Stimmen. Das ist doch bloß ein Trick, anzuwerben", zischte Laguna.
"Was denkst du nur von mir?", meinte Prokylta mit gespielter Empörung.
"Das willst du nicht wissen!", meinte Laguna düster.
"Dein Sohn hat sich in Deling City jetzt endgültig einen mächtigen Feind gemacht. Er hat dem Schöpfer den Krieg erklärt. Es wird für eine Weile still sein... doch dann wird es losgehen", sagte Prokylta leise und wandte sich ab, um den Raum zu verlassen.
"Warum tust du das nur alles?", fragte Laguna mit einer traurigen Stimme.
Prokylta drehte sich um und sah ihn mit einem ernsten Blick an.
"Weil ich von einer besseren Welt träume", antwortete sie.
In einer kleinen Bar in Deling City saßen drei Menschen an einem Tresen und hörten einer Barsängerin und ihrer Band beim Spielen zu. Die Bar war fast leer. Die meisten waren im Vorraum und sahen sich im Fernsehen die aktuellsten Berichte aus Timber an.
Diese drei Menschen jedoch nicht.
Squall sah Rinoa von der Seite aus an. Sie blickte die Sängerin, die gerade ein leises Liebeslied sang, irgendwie sehnsüchtig an. Squall wusste nicht, warum. Auch ein Shumi Training würde eben nie dazu beitragen, Rinoa voll und ganz zu verstehen. Und das war auch ganz gut so, sagte sich Squall.
Cifer war in seinen Gedanken ganz woanders. Squall wusste zwar nicht, woran Rinoa dachte, aber er wusste, wie er sie vielleicht aufheitern konnte.
Er erhob sich von seinem Barhocker, verbeugte sich ironisch und hielt ihr seine Hand hin.
Rinoa grinste ebenfalls und nahm dann seine Hand.
Als Squall mit Rinoa leise zur Musik tanzte, war die Welt in Ordnung.
Wo auch immer Prokylta teuflische Verschwörungen ausheckte, Xelto für ihren Tod betete, Hyne Weltherrschaftspläne schmiedete oder Niko Leute vollschnauzte, hier waren sie nicht. Hier waren nur Rinoa und er.
Es war einer der Momente, die das Leben lebenswert machten. Es war ein Moment des Ausgleichs. Es war ein Moment des Friedens.
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