FFVIII: Aomes Trianirea - Kapitel 11

Der Weg in die Vergangenheit

verfasst von ShadowFlame

Es war früh am Morgen. Der Balamb Garden schwebte lautlos über dem Boden. In nicht allzu weiter Ferne befand sich Timber. In der Nacht glühten die Lichter der Schiffe, die begonnen hatten, Caris Hälfte von Timber zu belagern. Im Balamb Garden selbst war alles ruhig. Nur drei Gäste des Gardens konnten nicht so ruhig schlafen, wie sie es sich eigentlich verdient hätten...

Der Wecker und ein nicht identifiziertes Objekt fielen zu Boden, als Rinoa in der Dunkelheit hastig nach dem Schalter für die Nachttischlampe greifen wollte. Nach einem kurzen Rumfuchteln hörte man ein Klicken und der Raum wurde von einem Licht in der Ecke erhellt. Rinoa richtete sich auf und rieb sich die Augen. Sie waren von Tränen verklebt. Irgendwas hat sie aus dem Schlaf gerissen. Sie hörte ein Flüstern. Sie sah Umrisse einer Person. Die letzten Überreste aus ihrem Traum... Rinoa war verwirrt. Sie konnte sich erinnern, wie ihre Mutter vor ihr stand und versucht hatte, ihr irgendetwas zu sagen. Doch Rinoa hatte sie nicht verstanden...
Im Garden war es ruhig. Wenn man sich konzentrierte, konnte man in der Ferne ein paar Worte von ermüdeten SEEDs hören. Gelegentlich waren auch Schritte zu vernehmen. Das Wasser aus dem Wasserhahn hatte eine eisige Kälte. Rinoa schöpfte mit ihrer Hand ein wenig auf und wusch ihr Gesicht. Sie zog einen Bademantel an und beschloss, sich ein wenig im Garden umzusehen.
Am anderen Ende des Korridors konnte man ein Licht erkennen. Es kam aus dem Operationsraum. Rinoa ging den Gang entlang und öffnete langsam die Tür. Bereits außerhalb des Raumes konnte man hören, wie jemand mit rapiden Anschlägen etwas in den Computer eintippte.
Sie betrat den Raum und sah ein paar SEEDs, die mehr oder wenig eifrig am Arbeiten waren. Der ganze Raum war voller Bildschirme. Auf ihnen liefen alle aktuellen Nachrichtensendungen, es wurden Funksprüche aufgezeichnet und abgespielt, es gab Live-Schaltungen in die anderen beiden Gardens und es wurden Zeitungsschlagzeilen abgedruckt. Momentan starrte General Caris von den meisten Bildschirmen auf Rinoa herab. An der Haupttastatur saß Niko Goodsworth, der wie besessen auf die Tasten einhämmerte. Er schien gar nicht bemerkt zu haben, dass Rinoa soeben den Raum betreten hatte. Shou und ein anderer SEED saßen mit rotumrandeten Augen vor einem Monitor und waren mit einem Profil von General Caris beschäftigt. Neben ihnen lag ein hoher Stoß an Blättern. Rinoa stellte sich hinter den beiden und las, was bisher auf dem Bildschirm stand:

Name: S. U. Caris
Alter: 42 Jahre
Größe: 194 cm
Geburtsort: unbekannt (vermutlich Timber)
Rang: Leutnant (ausgewiesen)
Charaktereigenschaften: kalt, herrisch, zielstrebig
Hinweis: verschwand vor 20 Jahren während des Krieges, offizieller Status "gefallen"

Der vierte SEED im Raum hatte seine Arme verschränkt auf den Tisch gelegt und verwendete sie als Kopfkissen. Er schlief tief und fest inmitten von einigen leeren Kaffeebechern. Hinter ihm befand sich ein kleiner Bildschirm. Ein alter eingescannter Artikel einer Zeitung war darauf zu sehen. Die Überschrift lautete:

"BEKANNTER SENATOR TOT! MORD ODER SELBSTMORD?"

Rinoa trat langsam näher. Es war ein Artikel über den Tod ihres Vaters. Das musste ein Artikel aus der 'Esthar Moonlight' sein. Rinoa betätigte einen kleinen Knopf am Bildschirm und zoomte auf die Fotografie des Tatortes. Das Arbeitszimmer ihres Vaters. Auf der Wand des Zimmers konnte man Blutspuren erkennen. Rinoa starrte eine Weile auf das Foto. Irgendwas war nicht in Ordnung. Kurz darauf wusste sie auch was es war. An der Wand hatte immer ein Ölgemälde gehangen. Doch im Rahmen war kein Bild mehr...

Cifer lag wach im Bett, starrte auf die Decke und dachte nach, während es draußen bereits zu dämmern begann. Auch er hatte schon besser geschlafen als in jener Nacht. Das war nun das zweite Mal hintereinander, dass er etwas aus seiner Vergangenheit träumte. Cifer versuchte sich zu erinnern. Er hatte mit Fu-Jin und Rai-Jin an einem Lagerfeuer gesessen und einen Fisch gegrillt. Alle Drei hatten gelacht und waren glücklich gewesen. Darauf waren noch viele weitere Erinnerungen an seine einzigen, beiden Freunde gefolgt, die inzwischen tot waren, ermordet von der Sekte, von diesem Schwarzen Prinzen. Doch der letzte Traum war anders gewesen. Er war noch sehr klein gewesen und Ellione hatte ihm einen Verband um den Arm gewickelt. Er fragte sich, ob sich jemals so etwas zugetragen hatte. Jedes Mal sah er andere Erinnerungen in seinen Träumen, doch sowohl der in Winhill als auch der aus dieser Nacht endete mit Ellione, die gerade dabei war, seinen Arm zu verarzten. Cifer setzte sich aufrecht hin und schaute in den Spiegel, der gegenüber angebracht war. Seine Haare waren zersaust und standen teilweise zu Berge.
"Scheiße. Jetzt seh ich schon so aus, wie dieser verdammte Xell", murmelte Cifer zu sich selbst und brachte seine Frisur schnell aber ohne Hektik in Ordnung. Nachdem er ein paar Minuten gelangweilt auf dem Bett saß, begann er seinen Arm zu betrachten, um vielleicht eine kleine Narbe zu entdecken, die er sich als Kind mal geholt hatte...

"Laguna! Laguna!"
Squall wachte auf. Er meinte, ein Geräusch gehört zu haben. Vor der Tür stand niemand und auch vom Fenster aus konnte man keine Person sehen. Der Wecker zeigte halb fünf an. Beim genaueren Hinsehen konnte Squall erkennen, dass die Weckzeit auf halb 4:30 Uhr eingestellt war. Die Uhr hatte die Gestalt eines Moombas. Xell hatte sie am Abend ins Zimmer gestellt und Squall konnte sich erinnern, dass auf Xells Gesicht ein leichtes Grinsen zu erkennen war. Ob das nun für die Weckzeit oder für die originelle Aufmachung des Weckers galt, blieb Squall weiterhin ein Rätsel.
"Seltsam. Hast du etwa vorhin 'Laguna' gerufen?", fragte Squall den Wecker und wusste sofort, wie dumm das klingen musste. Er drehte sich um und stellte fest, dass Rinoa verschwunden war. Irgendetwas zog sich in ihm zusammen. So hatte mal alles angefangen... Aber nein, sie ist vermutlich nur spazieren, sagte er sich. Plötzlich ertönte die Klingel mit einem schrillen Piepsen. Squalls Frage hatte sich damit erübrigt. Er zog seine Jacke an und ging auf den Balkon raus, der gleich gegenüber von seinem Zimmer lag. In der Ferne konnte er die Lichter von Timber sehen. Es waren nicht die Häuser, sondern die Fahrzeuge und Helikopter der galbadianischen Armee, die da leuchteten.
"Laguna! Laguna!"
Squall erschrak und sah auf den Vorsprung unterhalb des Balkons. Jemand stand unten und sprang mit einem Satz nach oben, hielt sich am Geländer fest und kletterte anschließend rüber auf die andere Seite.
"Was zum...? Wie bist du hier rauf gekommen?", fragte Squall und war erstaunt über den Moomba, der plötzlich neben ihm stand.
Moombas waren merkwürdige Wesen mit rötlich braunen Fell, die ihre Mitmenschen am Blutgeschmack erkannten. Sie hingen eng mit den sogenannten Shumis zusammen, einem nichtmenschlichem Volk, dass im Norden der Welt in einem unterirdischen Dorf wohnte und bei dem Squall vor fünf Jahren kurz eingekehrt war. Shumis waren Wesen mit gelber Haut und übergroßen Händen, in dessen Handflächen nie jemand schauen durfte. Shumis blieben für gewöhnlich unter sich. Einer von ihnen jedoch hatte das Dorf einst verlassen und als Master Norg den Balamb Garden in einer Söldnerschule verwandelt.
Abgesehen von diesem sehr jähzornigen und gefährlichen Shumi, war der Rest des Volkes sehr friedlich.
Wenn ein Shumi starb, verpuppte er sich, wechselte seine Gestalt und verwandelte sich in einen Moomba. Moombas sprachen normalerweise nicht, doch als Laguna vor vielen Jahren vor seiner Zeit als Esthar Präsident im Shumi Dorf gewesen war, hatte er dort den Moombas beigebracht, seinen Namen auszusprechen.
Dieser Moomba nahm sein schweres Amulett ab und drückte es Squall in die Hand. Nachdem er es genauer unter die Lupe genommen hatte, erkannte er es. Es war eine Art Hologrammdatenträger. Er drückte auf den Knopf unterhalb. Das Hologrammbild eines Shumis erschien in Miniaturgröße auf der Oberseite.
"Seien Sie gegrüßt, mein Freund. Falls Sie nicht Squall Leonhart sind, möchte ich Sie bitten, diese Nachricht wieder an den Moomba zurückzugegeben", sprach der Shumi.
Es herrschte eine kurze Pause.
"Ich hoffe, Sie erinnern sich noch an mich. Als Sie vor fünf Jahren in unserem Dorf waren, haben Sie dem Bildhauer geholfen, die Laguna Statue zu vollenden."
"Laguna, Laguna!", bestätigte der Moomba mit einem heftigen Nicken.
"Damals war ich Sekretär des Oberältesten. Unser geliebtes Oberhaupt hat vor kurzem sein Dasein in seiner bisherigen Gestalt beendet, da sein Körper nicht mehr in der Lage war, seine Seele zu tragen. Wie Sie wissen, verwandeln sich Älteste als einzige Shumis nicht in Moombas, sondern beschreiten neue Wege. Die Wandlung hat bereits begonnen und er wird nach einiger Zeit wieder in einem neuen Körper aufwachen. Wir möchten Sie daher herzlich zur Zeremonie der Wandlung einladen, um unseren Oberältesten bei seiner Reise alles Gute zu wünschen. Es war eine seiner letzten Wünsche, dass Sie bei der Veranstaltung dabei sind. Vor allem... nein, mehr, wenn sie hier sind, im Falle, dass diese Nachricht abgefangen wird. Der Ritus findet zwar erst morgen statt, trotzdem wäre es uns eine Freude, wenn Sie bereits heute erscheinen würden. Wir hoffen auf Ihr Kommen. Auf ein baldiges Wiedersehen..."
Das Hologramm verschwand.
Squall war von der plötzlichen Botschaft etwas überrascht. Der Zeitpunkt war jedoch ungünstig und er überlegte, ob er wirklich dort hin gehen sollte, auch wenn er sich geehrt fühlte.
"Morgen, Squall!"
Xell stand im Trainingsanzug hinter ihm.
"Ungewohnt, so früh aufzustehen, was? Aber in Krisenzeiten müssen wir die Leute so früh aus den Federn holen."
Der Moomba war inzwischen so schnell verschwunden, dass Xell ihn gar nicht bemerkt hatte.
"Guten Morgen. Sind die anderen schon wach?"
"Weiß nicht, aber ich werde ohnehin meine Runde fortsetzen und nachschauen. Die werden eh alle in die Mensa kommen. Warum wartest du nicht einfach da?"

In der Kantine herrschte eine seltsame Stimmung. Das Licht war trotz Dunkelheit noch abgedreht. Einige wenige SEEDs saßen an den Tischen und tranken Kaffee. Hinter der Theke leuchtete das einzige Licht, das den gesamten Speisesaal eine behagliche Atmosphäre verlieh. Außer ein paar Küchengeräte, das Klirren der Löffel und der Tasse und dem Quietschen beim Schieben der Sessel war nichts zu hören. Squall genoss die Ruhe und lehnte sich entspannt zurück. Die kühle Morgenluft wehte ihm um die Nase. Cifer saß ihm gegenüber.
"Erinnert mich an meine Zeit hier als Schüler, wenn wir früh raus mussten, um zu trainieren oder ne Mission zu erfüllen."
"Hätte nicht gedacht, dass du mal über vergangene Zeiten als Schüler sprechen würdest", meinte Squall und rieb sich den letzten Schlaf aus den Augen.
"Ich hatte auch gehofft, dass ich mit diesen Erinnerungen nicht mehr konfrontiert werde", murmelte Cifer selbstvergessen.
Zur selben Zeit betraten Rinoa und Xell den Speisesaal und setzten sich zu den beiden am Tisch.
"Schon Pläne für heute?", wollte Xell wissen.
"Ja, wir werden heute gemütlich zusehen, wie ihr SEEDs ohne uns die Arbeit macht", gähnte Cifer.
"Ich hab nicht gefragt, ob ihr uns helfen werdet. Ich will bloß wissen, wem ihr heute auf die Mütze haut."
"Ähm, wir hatten doch vor nach Ellione zu sehen", unterbrach Rinoa.
Squall nickte.
"Hättet ihr was dagegen, wenn ich in der Zwischenzeit nach Galbadia gehe. Es gibt da etwas, was mich schon den ganzen Morgen beschäftigt..."
"Warum können wir nicht zusammen hingehen?"
"Ich will nur zum Haus meines Vaters gehen und etwas nachprüfen... Und sollten wir uns wirklich verlieren, dann treffen wir uns bei Edea..."
Squall überlegte kurz.
"Das hört sich alles so einfach an... Noch dazu bekam ich heute diese Nachricht von den Shumis. Die wollen mich bei einer Zeremoniefeier dabei haben. Dann kommt noch die Angelegenheit mit Ellione dazu und..."
"Ist doch alles kein Problem. Denk doch mal nach. Rinoa geht kurz nach Deling City, du besuchst die Shumis und ich schau bei Ellione rein", sagte Cifer.
Xell sah Cifer kritisch an.
"Du und Ellione?! Du glaubst doch nicht, dass wir dir so eine wichtige Aufgabe überlassen."
"Was weiß einer wie du schon von Zuverlässigkeit? Oh, sag nichts. Wir konnten es gestern ja alle live miterleben", konterte Cifer.
Rinoa ahnte den nahenden Krach und beschloss, das Thema behutsam vom vergangenen Tag wegzulenken.
"Was soll schon schief gehen, Squall?"
"Wir werden alle getötet? Aber es hört sich ja nach harmlosen Dingen an. Cifer hat den heikelsten Auftrag von uns, wenn er damit allein zurechtkommt..."
Cifer lachte ohne zu antworten. Nachdem jeder aufgegessen hatte, verließen sie die Mensa und machten sich auf dem Weg zur Ragnarok.

"Meldet euch wieder, sobald ihr was Neues wisst. Die SEEDs werden sich in der Zwischenzeit die nächsten Missionen planen. Geht ja schließlich heiß her in der Welt", sagte Xell.
Während Squall, Rinoa und Cifer in die Ragnarok einstiegen, erschienen auch Niko, Selphie und Quistis auf dem Schulhof. Quistis, Selphie und Xell winkten zum Abschied hinterher. Zuerst dachte Squall, auch Niko würde sich verabschieden, doch dann wusste er, warum er ihnen hierher gefolgt war.
"Beeilt euch, Leute. Die Arbeit ruft, der Schreibtisch wartet!", rief er.
Squall sah ihn von der Rampe aus an. Ihre Blicke trafen sich kurz. Squall hatte ihr Gespräch vom letzten Tag nicht vergessen. Letztlich hatte ihr Aufbruch auch was Gutes. Er würde von diesem arroganten Mistkerl wegkommen.
Squall und die anderen beiden hatten beschlossen, dass Rinoa und Cifer am Bahnhof aussteigen und jeweils mit den Zug nach Esthar oder Galbadia fahren würden. So könnte Squall mit dem Luftschiff ins weit abseits gelegende Shumi Dorf fliegen und alle drei würden ihr Ziel noch vor dem späten Nachmittag erreichen.

"Versprich mir, dass du dich von Aomes Trianirea fernhältst, Rinoa."
"Das gilt auch für dich", gab sie zurück.
Sie umarmten sich kurz.
"Ich verlass mich auf dich. Mach bloß keinen Ärger, okay?", sagte Squall zu Cifer.
"Wenn mich aber jemand dazu einlädt, hab ich wohl keine Wahl", grinste dieser.
"Pass einfach nur auf, dass Ellione nichts zustößt... Ich weiß nicht, wie lange unsere kleinen Ausflüge dauern werden. Am besten du bleibst so lange in Esthar, bis wir dich holen kommen. Rinoa, wir treffen uns im Garden oder bei Edea, für den Fall, dass die SEEDs mit ihm den Kontinent verlassen. Wichtig ist, dass jeder Zugang zu einem Kommunikationsgerät hat. So können wir miteinander in Kontakt bleiben, wenn die Mission vorbei ist", meinte Squall.
"Mach dir keine Sorgen und hau endlich ab!", sagte Cifer brüsk.
Squall schwieg für einen Moment und verabschiedete sich schließlich.
"Bis demnächst."
Rinoa schien so sehr in ihren Gedanken vertieft zu sein, dass sie den Abschiedsgruß beinahe überhört hätte.
"Ja, bis bald", erwiderte sie nach einem Moment.
Nachdem Squall sich mit der Ragnarok wieder in die Lüfte erhob, warf er einen letzten Blick auf seine Freunde. Cifer stieg gerade in einen Zug ein und Rinoa saß auf einer Sitzbank und grübelte. Wenige Sekunden schmolz der Bahnhof zu einem kleinen Punkt zusammen und war schließlich verschwunden.

Einige Stunden waren vergangen und in der Ragnarok war es still wie nie zuvor. Squall saß im Cockpit und betrachtete die schneebedeckte Landschaft, während der Autopilot die Ragnarok immer näher ans Shumi Dorf brachte. Er beschloss ein wenig in der Ragnarok herumzumarschieren, um nicht aus Langeweile einzuschlafen. Nachdem er das Cockpit verlassen hatte und durch die Tür zum Konferenzsaal ging, wäre er beinahe über etwas gestolpert, was vor ihm stand.
"Laguna!"
"Du!? Sag mal, bist du die ganze Zeit hinter mir her gewesen?", sagte er grinsend zu dem kleinen Moomba, der ihm am Morgen die Botschaft überbracht hatte.
Vermutlich wollte er auf den einfachsten Weg wieder nach Hause kommen. Squall setzte sich. Der Moomba saß sich auf den Sitz neben ihn.
"Weißt du... Als vor einem Jahr Rinoas Hund gestorben ist, war ich der erste, der bemerkt hat, dass 'Angel', so hieß der Hund, nicht mehr aufwachte. Rinoa war gerade nicht zu Hause, also habe ich die Zeit genutzt um mir Gedanken zu machen, wie ich es ihr am besten erklären sollte. Sie mochte ihren Hund sehr und ich wusste, es wird nicht einfach werden."
"Laguna..."
Der Moomba sah Squall traurig an und hörte aufmerksam zu.
"Als sie nach Hause kam, sagte ich irgendeinen dummen Mist. Ich brauchte nur einen Satz zu sagen, bevor sie wusste, was los war. Bevor ich weiter reden konnte, hatte sie begriffen worum es ging und stürmte ins Wohnzimmer, wo sie ihren Hund tot sah und bitterlich zu weinen begann. Ich fühlte mich damals mies, weil ich nicht wusste, wie ich Rinoa aufheitern konnte. Ich habe immer einen großen Bogen darum gemacht, wenn es um den Tod ging. Vermutlich deshalb, weil ich mich nie richtig damit abfinden konnte irgendwann zur Vergangenheit zu werden. Ich weiß nicht, von wem Rinoa als erstes erfahren hat, dass ihr Vater gestorben ist. Vermutlich von den Zeitungen oder auf der Straße. Er war ihr letzter naher Verwandter und dennoch hat sie weitergemacht. Auch während der letzten paar Tagen konnte ich nicht erkennen, dass Rinoa unter den Tod ihres Vaters leidet. Vielleicht ist sie mir aber auch einfach nur fremd geworden... Ich wünschte, ich würde auch meine Eltern kennen. Es reicht mir aber eigentlich schon zu wissen, wer sie waren. Ich bezweifle, dass sie noch am Leben sind..."
"Laguna?"
Beide saßen da und schwiegen. Nach der kurzen Stille stand Squall auf.
"Wir sind bald da. Ich gehe wieder nach oben."

Mitten in der Schneewüste stand ein großes kuppelartiges Gebäude. Dies war der Eingang zum Shumi Dorf. Innerhalb des Gewölbes war die Temperatur etwas verträglicher. Ein Shumi stand neben dem Eingang und begrüßte Squall mit einer Verbeugung.
"Guten Tag", grüßte Squall steif zurück.
Er betrat den Aufzug, in dem bereits ein bekanntes Gesicht auf ihn wartete. Es war der Sekretär des ehemaligen Oberältesten.
"Squall, wie schön, dass Sie kommen konnten. Wir hatten gehofft, dass wir auch Sie wiedersehen können, nachdem vor kurzem bereits ihr Gegenpart hier war."
"Gegenpart?"
"Rinoa, natürlich..."

Die Fahrt nach Esthar war für Cifer eine qualvolle Geduldsprobe. Nachdem der Zug in der Stadt angehalten hatte, sprang er mit einem Satz raus und verließ den Bahnhof. Da er nicht lange in Esthar herumlungern wollte, setzte er sich auf eine bewegliche Sitzbank und ließ sich zum Präsidentenpalast befördern. Hier ging es bedeutend hektischer zu als beim letzten Mal. Cifer betrat zusammen mit fünfzig anderen Personen das Gebäude, während fünfzig weitere das Gebäude verließen. Er sah sich in der Halle um und entdeckte einen Mann in SEED-Uniform gekleidet, der in der Ecke stand und aufmerksam die Menschenmenge beobachtete.
"Wo ist Ellione?", wollte Cifer wissen.
"Sind Sie Squall Leonhart?"
"Seh' ich etwa so aus? Ich bin stellvertretend hier", brummte er zurück.
"Ja, das kann jede zwielichtige Gestalt behaupten. Weisen Sie sich aus!"
"Du bekommst meinen Ausweis gleich auf die Fresse gestempelt!"
"Ist schon gut! Das ist ein Freund von Squall", rief eine Stimme.
Es war einer von Lagunas Kumpel, Kiros, dachte sich Cifer.
"Er wird sich weiterhin um Ellione kümmern. Folge mir einfach."
Cifer verließ mit Kiros das Gebäude und wurde von ihm zu einem Auto begleitet. Kiros sprach mit dem Chauffeur.
"Alles klar, er wird dich vor dem Magielabor absetzen. Dort triffst du dann auch auf Ellione."

Beim Magielabor angekommen schlug Cifer die Tür des Fahrzeuges zu und betrat das Gebäude. Im Labor herrschte eine komplett andere Stimmung als noch im Präsidentenpalast. Es war ruhig und angespannt.
"Cifer?"
"Ah, geht doch... Ich bin jetzt anstelle von Squall hier, um dir die Sekte vom Hals zu halten", begrüßte Cifer Ellione, die ihm entgegen kam.
"Ich hab davon gehört, aber ich verstehe nicht genau, warum sie hinter mir her sein könnten."
"Das frag ich mich selbst auch. Dein Name stand eben auf dieser Liste mit den Frauen und Squall meinte daher, dass Aomes Trianirea deshalb hinter dir her sein könnte. Aber mach dir mal keine Sorgen. Solange Squall nicht hier ist, werde ich mich darum kümmern."
"Das finde ich nett von dir, dass du dich um mich sorgst. Ähm, würde es dir etwas ausmachen, bis zum Ende des Experimentes zu warten? Odyne ist in dieser Hinsicht sehr ungeduldig. Wenn das vorbei ist, kannst du mir alles erzählen."
"Ich hab's nicht eilig", log Cifer und folgte Ellione in das zentrale Labor.
"Die Vorbereitungen seien abgeschlossen, oder? Wir mögen Subjekt C für den Test einsetzen, oder?"
Odyne kommandierte gerade eifrig seine Angestellten herum. Ellione setzte sich vor einen Kontrollrechner und begann Werte einzutippen. Cifer lehnte sich an die Wand und beobachtete gelangweilt die Aktivitäten der Wissenschaftler und deren Assistenten. Ein lautes Knattern war zu hören und durch die transparente Schutzwand konnte man sehen, wie ein Käfig über Schienen aus einer Zelle auf einer Seite des Testraumes platziert wurde.
"Ellione möge sich außerhalb der Strahlenreichweite begeben, oder?", sagte Odyne zu Ellione und deutete auf eine Tür, die mit 'ISOLATIONSRAUM V/M' beschriftet war.
"Was wird das schon wieder? Wollen Sie uns rösten!?", fragte Cifer Odyne gereizt, aber auch etwas nervös.
"Das Experiment sei nur für managenetische Wesen gefährlich, oder?"
"Mana-was!?"
"'Managenetisch' ist ein Kunstwort, das von Odyne kreiert wurde. Damit meint er Lebewesen, in denen magische Kräfte schlummern. Unter anderem Monster, Hexen und Adeptinnen", erklärte Ellione und zog sich in den isolierten Raum zurück.
Durch eine versiegelte Scheibe konnte sie alles mit verfolgen. Cifer konnte Schreie eines Monsters hören, die aus dem Käfig kamen.
"Verstehe. Jetzt wird's spannend, schätz ich mal", sagte Cifer und stellte sich vor die Glaswand. Ein paar Forscher stellten sich zu ihm und betrachteten aufmerksam die Lage, kleine Computer in der Hand haltend.
"Möget ihr das Volunt ausfahren", befahl Odyne herrisch.
Ein paar Angestellte tippten schnell etwas in einen Computer ein. Auf der anderen Seite des Raumes kam eine Art kleine Plattform aus dem Bodem. Auf ihr lag ein Behälter.
"Setzt das Volunt frei", sagte ein Assistent von Odyne.
Der Behälter öffnete sich. Cifer sah fasziniert das Volunt an. Es war irgendetwas zwischen fest und solide. Es änderte ständig die Farben, aber es erinnerte am ehesten an etwas Silberartiges. Mal war es flüssig, dann wieder gasförmig. Dennoch breitete sich es nicht aus. Es blieb genau da liegen, wo es liegen sollte.
"Phase 1 geglückt. Volunt verwandelt sich nicht in Stein! Ezkume war ein echtes Genie. Er hat es geschafft!", rief der Assistent.
"Ezkume habe damit nix zu tun, oder? Odyne vermute, dass Rückkehr von Hyne und die Nichtreaktion von Volunt und Luft zusammenhängen, oder?", sagte Odyne leicht pikiert.
"Heute mag das keine Kunst mehr sein! Aber Ezkume konnte dies schon früher, als Hyne im Stein eingesperrt war...", entgegnete der Assistent.
"Interessant sei es wie das Monster auf Volunt reagiere, oder?", brüllte Odyne.
"Wir entfernen das Energieschild", rief der Assistent. Es gab ein kurzes Zischen. Auf einmal fing das Monster an, zu toben. Es schlug gegen den Käfig.
"Was ist das für ein Monster?", fragte Cifer.
"Ein Mesmerizen", antwortete der Assistent.
Cifer kannte die Mesmerizen gut und wusste, dass diese pferdeähnlichen Geschöpfe leicht in Rage zu bringen waren, doch diesmal war es etwas anderes. Das Ungeheuer war förmlich am Durchdrehen. Schrilles Gebrüll und das ätzende Geräusch, das entstand wenn das Monster mit seiner Klinge am Kopf gegen den Käfig schlug, hallten durch den Raum. Auf einmal durchbrach es den Käfig! Es stürmte auf das Volunt zu. Als er es berührte, passierte etwas... Blut begann vom Haupt der Kreatur zu tropfen und nach einem weiteren heftigen Angriff auf das Volunt-Gestein brach die Klinge ab und wurde durch den Raum geschleudert. Die Wissenschaftler zuckten kurz, als das sichelartige Horn gegen die Glaswand schlug und direkt vor Cifers Gesicht stecken blieb.
"Es sei so, wie ich es vorausgesagt habe, oder? Das Ungeheuer verfalle in blinde Zerstörungswut... Und nun möge man die Strahlen verstärken, oder?", rief Odyne freudig erregt.
"Wie Sie wünschen, Professor", antwortete ein Angestellter und legte auf dem Kontrollpult einen Hebel um.
Das Volunt begann schneller zu wirbeln. Die Farben wurden immer intensiver. Cifer fühlte wie die Luft langsam schwerer und heißer wurde. Der Raum verdunkelte sich ein wenig, nachdem die Lichter auf der Decke immer schwächer wurden. Das Monster hörte auf zu toben und fiel um, das Gebrüll wurde jedoch immer heftiger. Nachdem man auf den Monitoren außer flimmernden Bildern nichts mehr erkennen konnte und die Lichter ununterbrochen flackerten, begann das Monster zu leuchten. Die Sichel, die vor Cifer in der Glaswand steckte leuchtete ebenfalls immer heller. Odyne drängte Cifer zur Seite und starrte neugierig auf die Klinge, die plötzlich zu schmelzen begann.
"So heiß ist's hier nun wieder auch nicht", kommentierte Cifer.
"Nicht die Hitze sei das entscheidende, oder?"
Plötzlich strahlte das Monster so starkes Licht aus, dass der gesamte Raum erhellt wurde. Die leuchtenden Tasten und Kontrolllichter auf den Computern, ebenso die Monitore und die Raumbeleuchtungen, begannen Funken zu sprühen und wurden zerfetzt. Im ganzen Labor blitze und qualmte es. Cifer wollte Ellione nehmen und abhauen, doch diese öffnete nicht dir Tür.
"Vertraue uns. Uns passiert nichts", hörte er Ellione sagen.
Ein scheußlicher Alarm war zu hören. Cifer warf einen letzten Blick durch die Glasscheibe. Außer einer grellen Lichtquelle konnte man nichts mehr erkennen. Danach war ein Zischen zu hören. Ausgehend vom Monster dehnte sich ein regenbogenfarbiger Lichtkreis aus. Kurz darauf war alles vorbei. Das komplette Labor und der Testraum waren finster und vernebelt. Cifer bemerkte, dass sich sein Mantel von der Elektrizität aufgeladen hatte.
"Ich wusste es schon vorher, dass wir zuviel Volunt benutzt haben", kommentierte der Assistent mürrisch.
"Die Wissenschaft möge ihre Opfer bringen, oder? Dieser Tag sei ein weiterer Triumph für uns", sprach Odyne stolz. Ellione verließ den Schutzraum und aktivierte den Notstrom und das Reservelicht, indem sie einen Schalter neben der Tür umlegte.
"Ellione möge es auch sehen, oder?", sprach Odyne, dem die Haare zu Berge standen, und zerrte sie zur Glasscheibe. Der Qualm verzog sich allmählich. Cifer schaute genau hin, doch er konnte nichts erkennen.
"Hat's hier alles zerfetzt, oder wie?"
"Nicht zerfetzt. Sieh mal genauer hin, Cifer", antwortete Ellione und zeigte auf den Boden.
Nachdem die Sicht noch klarer wurde, konnte Cifer dampfendes Wasser erkennen.
"Erstaunlich. Volunt und das Monster seien zu Wasser zerfallen. Damit sei meine Theorie bewiesen", lachte Odyne und sprang vor Freude. Ellione redete ruhig weiter.
"Odyne versucht, die Wirkung der Lunatic Pandora und der Steinsäule zu erforschen und damit die Träne des Mondes. Leider ging die Forschung schwierig voran, seitdem die Pandora verschwunden ist. Odyne hatte die Theorie, dass die Monster auf die Erde fallen, weil sie das Volunt versuchen zu erreichen. Volunt kann anscheinend seine Konzentration ändern. Wenn es besonders aktiv ist, wird die Monsterkonzentration stärker. Und manchmal ist sie so stark, dass die Monster durch das Vakuum des Weltalls auf unseren Planeten gezogen werden. Das Energieschild trennte am Anfang Monster und Volunt. Odyne hat alte Aufzeichnungen über die Steinsäule im Kern der Lunatic Pandora benutzt, um es zu erschaffen. Damit wäre geklärt, wie diese funktioniert hat. Sie konnte sogar die Volunt-Konzentration steuern, nur in viel größerem Ausmaß."
"An dem Tag, an dem ihr zu mir gekommen seid, um euch nach Rinoa zu erkundigen, habe Odyne herausgefunden, dass am Tears Point die Volunt Konzentration am größten sei, oder?", strahlte Odyne.
"Und wo ist nun der Zusammenhang zwischen Volunt und den Monstern. Und was bedeutet das mit dem Wasser? Und wer hat diese Steinsäule geschaffen?", fragte Cifer.
"Das sei Odyne verborgen. Noch... Doch beim nächsten Experiment..."
"Wenn du hier fertig bist, dann lass uns abhauen. Dieser Typ ist mir nicht ganz geheuer", murmelte Cifer Ellione zu.
"Es dauert nicht mehr lange. Du kannst solange draußen warten..."

Der Nachmittag neigte sich langsam dem Ende zu. Er fragte sich, ob wirklich Prokylta Leute entsenden würde, um Ellione zu töten oder ob sich der gute Squall nicht am Ende zuviel Sorgen gemacht hatte.
Ellione und Cifer waren inzwischen wieder in der Residenz angekommen. Ellione hatte ihn in den Überwachungsraum geführt.
"Ich gehe mich umziehen. Wartest du solange hier? Du kannst ja den Wachleuten helfen, die Eingangshalle solange zu überwachen", schlug Ellione vor und verließ den Raum.
Cifer warf einen Blick auf die Monitore, die verschiedenste Ecken der Residenz zeigten. Allmählich hatte er dieses langweilige Getue satt und Ellione war ständig mit etwas anderem beschäftigt, sodass er sie nie fragen konnte, ob sie etwas mit seinen Träumen zu tun hat. Er starrte eine Weile auf dem Monitor, der die Eingangstür überwachte. Eine Frau mit langen, schwarzen Haaren verließ das Gebäude. Irgendwie kam sie Cifer bekannt vor... Eine Frau mit schwarzen Haaren. Sie sah ein wenig aus, wie Rinoa... Ach ja, Rinoa war ja eine Hexe... Eine Hexe... Cifer zog der Magen zusammen. War sie etwa... Er verließ rennend den Raum und traf auf dem Flur Ellione, die gerade zu ihm kommen wollte.
"Ell. Ist irgendwas passiert, was ich wissen sollte?"
"Nein. Stimmt etwas nicht?", wollte sie wissen.
"Ich bilde mir ein, ich hätte soeben Prokylta gesehen. Ich weiß nicht, ob sie es wirklich war."
"Hier?"
"Geh zurück in dein Zimmer und lass es von Soldaten bewachen! Ich schau mal, wer das da unten vorhin war", befahl Cifer und stürmte die Treppe runter.
Die Menschenmasse in der Halle war bereits um die Hälfte kleiner. Er verließ das Gebäude durch den Haupteingang und schaute sich um. Die Frau war weit und breit nicht zu sehen. Cifer ging wieder rein und setzte sich schnaubend auf die Treppe.
"Scheiße! Das hätte nicht passieren sollen...", fluchte er.
"Kann ich Ihnen helfen?", fragte eine Stimme.
"Das bezweifle ich..."
Cifer stand auf und stellte fest, dass die hilfsbereite Person ein Junge mit einer sehr selbstbewussten Ausstrahlung war. Er wirkte sehr erwachsen, man konnte aber noch die Züge eines Kindes erkennen.
"Was hat ein Knirps wie du hier eigentlich verloren?", fragte Cifer.
"Ich arbeite zur Zeit hier", antwortete der Jugendliche prompt und grinste.
"Als was?"
"Bin Praktikant in der Verwaltungsabteilung."
"Ah, dann kannst du mir sicher sagen, wo ich das Quartier von Ellione finden kann", sagte Cifer, sich erinnernd, dass er gar nicht wusste, wo Ellione eigentlich wohnte.
"Jep. Folgen Sie mir einfach."
Cifer war erstaunt, wie locker der Junge ihm gegenüber war. Nachdem sie den halben Weg durch den Präsidentenpalast bereits geschafft hatten, versuchte der Praktikant mit Cifer ins Gespräch zu kommen.
"Sie tragen 'ne Gunblade. SEED oder unabhängiger Krieger?"
"Unabhängiger Krieger klingt gut. Jedenfalls bin ich kein SEED, das sollte mal klar sein", grinste Cifer.
"Leute wie dich gibt es heutzutage kaum mehr. Beneidenswert."
Es herrschte kurze Stille.
"Und was wirst du später mal machen? Arbeitest du dann auch hier?", wollte Cifer wissen.
"Nein, nein. Ich dachte eher an etwas bei der Armee. Vielleicht so eine höhere Position, wenn ich mich anstrenge."
Erneut schwiegen die beiden.
"Ob hoch oder nicht. Wenn du eine Kämpfernatur bist, wirst du dich nie damit zufrieden geben. Unabhängigkeit ist ein Segen", meinte Cifer.
"Ich weiß, was Sie meinen. Beim Militär wird man ständig nur von höheren Leuten rumgeschubst und die höchsten der höchsten sind selbst nur Marionetten von jemand, der sich rücksichtslos nach oben geboxt hat. Da fragt man sich, was das für ein System ist, wo man zu einem Landstreicher werden muss, um frei zu sein. Letztendlich sind alle Menschen in einer Gesellschaft Gefangene."
Cifer wusste nicht recht, was er noch zu diesen Worten sagen sollte. Schließlich erreichten sie das Stockwerk, wo Elliones Zimmer war.
"Da wären wir. War eine interessante Unterhaltung. Mein Name ist übrigens Xelto."
"Cifer."
Xelto reichte ihm die Hand. Er erwiderte den Gruß. Im selben Moment kam Ellione.
"Hast du die Frau gefunden? Nanu, wer ist das? Ich habe ihn noch nie hier gesehen."
"Ich... nun... Ich bin noch nicht lange hier", sagte Xelto, offensichtlich etwas verlegen.
Ellione blickte ihn eine Weile an.
"Er hilft denen bei der Verwaltung als Praktikant, wenn's das war, was du wissen wolltest", wurde sie von Cifer aufgeklärt.
"Ja... Ich muss dann langsam wieder weg. Hat mich sehr gefreut."
Xelto drehte sich um und verließ mit einem Aufzug das Stockwerk. Cifer schaute ihm nach.
"Dich beschäftigt etwas, nicht wahr?", sagte Ellione zu ihm und riss ihn aus seinen Gedanken.
"Dachte mir nur, dass es ne Verschwendung ist, jemanden wie den beim Militär oder bei der Regierung verrotten zu lassen", meinte Cifer.
Er schüttelte seine Gedanken ganz ab und wandte sich zu Ellione.
"So und jetzt kommen wir mal zur Sache, bevor wieder was dazwischen kommt."
"Stimmt, du wolltest mir von der Sekte erzählen..."
"Nein. Da gibt's nix zum Erzählen. Ich will wissen, warum du meine Träume kontrollierst!"
"Was meinst du damit?", fragte Ellione überrascht.
"Du weißt es genau! Ich träume seit zwei Nächten ständig von irgendwelchem Scheiß aus der Vergangenheit und jedes Mal sehe ich dich am Ende des Traums. Warum tust du das?"
Ellione ging in ihre Wohnung zurück und setzte sich an den Tisch, der vor dem Schlafzimmer stand. Cifer folgte ihr.
"Ich hatte gehofft, dass war nur ein gewöhnlicher Traum, aber scheinbar war er es doch nicht. Ich habe alles gesehen...", begann Ellione.
"Ja, hab auch nichts anderes erwartet, wenn du ständig in meinen Träumen rumschnüffelst. Warum tust du das? Wieso machst du das nicht mit Squall oder sonst jemanden?", fragte Cifer wütend.
"Das warst doch du, der die Vergangenheit sehen wollte", sagte Ellione rätselhaft.
"Ich weiß nicht, was du mir eigentlich sagen willst", sagte Cifer ungerührt.
"Du vermisst deine toten Freunde Rai-Jin und Fu-Jin..."
"Das ist für mich kein Grund sich an die Vergangenheit zu klammern. Erinnerungen sind Erinnerungen. Was für mich zählt ist das Hier und Jetzt", sagte Cifer hitzig.
"Belüg dich nicht selber. Du weißt, wie sehr dir jene Personen am Herzen lagen, die zu dir aufsahen und dennoch deine Freunde waren."
"Hör endlich auf damit!", knurrte er, stand auf und drehte Ellione den Rücken zu.
"Ich gehe zu Bett. Es tut mir Leid, dass du das alles wegen mir mitmachen musst. Vielleicht geht es mir besser, wenn ich mal etwas länger schlafe." Ellione stand ebenfalls auf und ging in ihr Schlafzimmer. Nachdem sie das Licht abdrehte, beschloss Cifer im Gang Wache zu schieben. Er nahm sich einen Sessel mit und stellte ihn vor Elliones Tür. Diese Nacht würde er nicht einschlafen, nahm er sich fest vor.

Allmählich wurde der Himmel schwarz und die Lichter Esthars begannen, das Sonnenlicht zu ersetzen. Ein Zimmer zu bewachen war anstrengender, als Cifer es sich vorgestellt hatte. Er setzte sich auf den Sessel und begann mit seiner Gunblade Löcher in den Boden zu bohren.
"Darf ich Ihnen Gesellschaft leisten?"
Cifer zuckte, nachdem er aus seinem Halbschlaf gerissen wurde. Vor ihm stand Xelto.
"Ach du. Was machst du hier?", wollte Cifer erleichtert wissen.
"Ich habe gehört, dass Sie für Ellione den Bodyguard machen. Hab im Moment nichts zu tun, also dachte ich, ich schau mal vorbei."
Xelto setzte sich gegenüber von Cifer auf den Boden.
"Du bist ja sehr anhänglich. Aber warum haste dich vorher vor Ell so stumm verhalten?"
"Ich bin nicht anhänglich. Aber bei Ihnen ist es etwas anderes, weil ich Ihre ganze Art sehr interessant finde", meinte Xelto.
"Zumindest bist du sehr offen... Du brauchst mich übrigens nicht zu siezen. Ich halte nicht viel von diesen erbärmlichen steifen Höflichkeiten."
Sein Gegenüber kam Cifer zwar etwas aufdringlich vor, aber er fand ihn durchaus sympathisch.
"Wie kommt es, dass du in keinem Garden zur Schule gehst?"
"Ich hatte das eigentlich schon vor, nur dann kam leider vor einiger Zeit was dazwischen... Aber jetzt ist es eh schon zu spät."
"Wie alt biste etwa schon?"
"15..."
"Hätte dich für etwas älter eingeschätzt. Aber was zählt schon das Alter? Außerdem hast du vorher gesagt, du willst lieber unabhängig sein. Bei den SEEDs wäre das nicht der Fall. Das sind alles aufgescheuchte Hühner, die blind allen Befehlen gehorchen."
"Steht nicht in ihrer Werbebroschüre, dass sie nach Herz handeln?"
"Damit ist gemeint, dass sie missionsintern so handeln, wie sie es für richtig halten. Hat aber nichts mit eigenen Überzeugungen zu tun, wie du vorhin erzählt hast."
Cifer drückte seinen Daumen auf die Spitze der Gunbladeklinge.
"Du scheinst die SEEDs ziemlich gut zu kennen."
Cifer wusste, was Xelto jetzt von ihm hören wollte.
"Ja, ich... wollte selbst mal einer werden."
"Aber du wurdest nicht ernst genommen und deshalb hast du deinen eigenen Weg eingeschlagen...", fuhr Xelto fort.
Cifer sah ihn scharf an, stellte aber fest, dass Xelto ihn freundlich anlächelte.
"Normalerweise würde ich dir jetzt eine verpassen. Aber du hast ja recht."
Cifer packte seine Gunblade weg und ging zum Fenster.
"Ich kannte bisher nur zwei Leute, die mich und meine Gedankengänge ernst nahmen... Na ja, ich hab nach dem Weggang ziemlich viel Scheiße gebaut. Mich benutzen lassen. Aber irgendwie bin ich da wieder raus gekommen. Und nun bin ich hier."
"Das Gefühl kenne ich. Die ganze Welt sagt, wie etwas sein soll, wie etwas zu geschehen hat. Sogar über einen selbst reden sie so. Und wenn man einmal nicht die Meinung mit der Masse teilt, gilt man als ungehobelt und dumm... Weil wir nämlich anders denken... Ich kenne leider keinen, der mich versteht oder jemals verstanden hatte."
"Och, das glaube ich nicht. Du kennst mich jetzt und ich kenn dich. Du bist ein intelligenter Junge. Und wenn du unbedingt ein Krieger werden willst, dann tu es einfach. Gehe deinen Weg. Wenn du deinen Weg gehst, kann nichts schief gehen. Sicher, manchmal fliegt man auf die Fresse und man wird ausgelacht. Manchmal baut man auch Scheiße. Aber letztlich ist alles, was du erreichst dein eignes. Jeder Mensch braucht etwas, für das er kämpfen will. Ein Ziel..."
"Und was ist dein Ziel, Cifer? Rache?"
"Ne, nicht mehr. Aber das ist eine private Frage! Stecke auch dir ein Ziel. Und lasse dich nicht benutzen! Ein... Freund von mir, der ging auch seinen eigenen Weg. Wir sind oft aneinandergeraten. Weil wir verschiedene Wege hatten. Nun, er hat vermutlich einiges besser gemacht als ich. Er ist ein großer Kämpfer. Auch wenn er mich natürlich nie überflügeln wird. Er kämpft für jemanden. Für jemanden, den er beschützen will."
"Ist er ein Hexenritter?"
Cifer sah Xelto erstaunt an.
"Und bist du einer?", fragte Xelto weiter.
"Ich wollte mal einer sein."
"Von dir kann ich noch einiges lernen. Allein die Begegnung von heute wird mich noch positiv prägen. Ich weiß jetzt, dass es für jeden etwas gibt, wofür es sich zu kämpfen lohnt, sowie dass, wenn es ein Ziel gibt, auch einen Weg geben muss."
"Sieh mal einer an. Ich schätze, da gibt's nichts mehr, was ich dir beibringen könnte. Du hast deinen Glauben, jetzt fehlt dir nur noch die Kraft und Erfahrung", meinte Cifer.
Xelto stand wieder auf und lehnte sich seinen Rücken streckend zur Mauer.
"Ja, die Macht eines einzelnen Kriegers ist die andere Sache. Man sagt, Körper und Geist seien zwei unterschiedliche Dinge. Es ist aber faszinierend, wie viel das eine vom anderen abhängt. Ein Krieger braucht keine Luft zum Atmen, keine Flüssigkeit zu trinken. Nur der Kampfeswillen gibt ihn die Kraft."
Cifer antwortete darauf nichts.
"Wir reden hier sehr viel über mich. Was ist mit deiner Vergangenheit?", wollte Cifer wissen.
"Ich bin nicht wirklich sehr begeistert davon. Meine Vergangenheit ist nicht wirklich schön und wenn ich sie nach tollen Erlebnissen durchforste, dann ist es so, als... als würde ich in einem Haufen Scheiße nach Preiselbeeren suchen!", sagte Xelto mit rabiater Stimme.
Cifer biss sich fest in die Lippen, um sich das Lachen zu verkneifen.
"Wunderschön formuliert."
"Tja, meine Pause ist gleich vorüber. Ich muss mich langsam wieder um meine Pflichten kümmern."
"Ja, gut, dass du mich daran erinnerst. Ich muss auch wieder den Türsteher spielen. Ich find's bekloppt, dass man Langeweile nicht mit einem Schwert bekämpfen kann", scherzte Cifer noch mal zum Abschluss.
Xelto grinste und machte sich dann auf den Weg.
"Wenn du gehst, dann sag mir vorher zum Abschied Bescheid. Man sieht sich!"

Ein Schrei zeriss die dunkle Nacht. Cifer schreckte hoch. Elliones Stimme kam aus ihrem Quartier.
"Wer bist du? Verschwinde! Cifer, Hilfe!"
Cifer sprang hoch. Er musste eingenickt sein. Fluchend rannte er in Ells Zimmer.
Ellione lag am Boden. Cifer sah gerade noch, wie ein schwarzer Mann das Zimmer durch das Fenster verließ.
"Alles in Ordnung?", rief Cifer Ellione zu. Sie nickte schwer.
"Es war so ein Typ... Mit schwarzen Sachen", begann sie.
"Verstehe... Das war einer von Prokylta", gab Cifer zurück, bereits dem Einbrecher durch das Fenster folgend.
Auf dem Balkon sah er sich kurz um. Dann hörte er Gelächter. Das Gelächter kam von oben. Durch einen unmenschlichen Helm verstärkt wurde das Gelächter durch die ganze Stadt getragen. Oben auf dem Dach der Residenz über Cifer thronend stand der Schwarze Prinz.
"Das ist ja fast so wie in Dollet damals. Als ich diese Sherry wegen dem Artefakt angefallen habe, damit du rauskommst", rief der Prinz lachend nach unten.
"Das mag schon sein. Doch mit einem Unterschied", gab Cifer zurück und kletterte eine Feuerleiter hoch, die ihm zum Dach führte.
Cifer betrat das Dach. Der Prinz war an das andere Ende gewandert. Sein Mantel wehte im Abendwind.
"Du lernst dazu, wie man sieht", höhnte der Prinz.
"Man tut was man kann", gab Cifer zynisch zurück.
Er zog seine Gunblade.
"So begegnen wir uns also wieder. Mein alter Freund", antwortete der Prinz.
"Ich bin nicht dein Freund. Du bist doch bloß ein Fanatiker und Mörder, ein Sklave Prokyltas, ein Feind", antwortete Cifer.
"Der Feind bin ich also? Und ich dachte, du wolltest dich nicht mehr benutzen lassen. Ich dachte, du wolltest unabhängig sein. Sieht beinahe so aus, als würdest du dich immer noch benutzen lassen, immer noch die bösen Feinde niederstrecken wollen. Was ist daran Freiheit? Du teilst die Welt auf in Gut und Böse, in Freund und Feind. Du hast dich vielleicht in einer Sache verändert. Du kämpfst nicht mehr nur noch für Rache. Das habe ich aus Winhill gelernt. Du bist traurig, Cifer. Du kämpfst nicht mehr für dich, sondern lässt dich nun von anderen Personen benutzen. Wo ist die Unabhängigkeit, die du dir wünschst?"
Cifers Herz begann zu schlagen. Er hatte eine dunkle Vorahnung.
"Wer bist du?", schrie er.
Der Prinz lachte. Dann fing er an, den Helm abzunehmen. Es gab ein kleines Zischen, dann ein Knacken. Der Prinz hob seinen Helm über seinen Kopf, wie eine Krone und klemmte ihn sich unter seinen Arm. Cifer blickte starr in das Gesicht von Xelto. Es war nicht mehr der Xelto, mit dem er sich vorhin unterhalten hatte. Dieser Xelto hatte leblose Augen, die nur durch seinen Wahnsinn erhellt wurden. Er blickte kurz zu Boden. Als er wieder aufsah, stand dort der Xelto, den Cifer kennengelernt hatte. Ein freundlicher, nachdenklicher Junge.
"Was hast du erwartet? Ein Monster?", fragte Xelto, der Schwarze Prinz.
Vor Cifer stand der Mensch, der Sherry angegriffen und Günther getötet hatte, der Rai-Jin und Fu-Jin getötet hatte... und es war ein Junge, fast noch ein Kind.
Ein Tosen unterbrach Cifers Gedankengang. Hinter Xelto erschien ein großer Transporter. Cifer konnte darin die Umrisse von Aomes Trianirea Mitglieder ausmachen. Sein Blick wanderte zurück zu Xelto. Dieser sah ihn wieder mit ausdruckslosen Augen an. Dann drehte er sich um und sprang auf das Dach des Transporters, der Geschwindigkeit aufnahm.
Cifer hörte Schritte. Ellione kam auf das Dach gerannt, ein Raketenwerfer in ihrer Hand und Soldaten im Schlepptau.
"Nimm den Raketenwerfer, Cifer! Schieß ihn ab! Das ist unsere Chance!", schrie Ellione. Cifer drehte sich langsam zu ihr um. Ellione verstummte bei seinem Anblick.
"Nicht so", flüsterte Cifer.
Dann rannte er los. Er rannte über das Dach und sprang in Richtung Transporter. Er flog durch die Luft. Es war ruhig. Elliones Rufe wurden leiser, der Lärm des Transporters lauter.
WUMM!
Mit einer Hand hielt er sich am Transporter fest. Er hatte ihn gerade noch erreichen können. Cifer wollte gerade auf das Dach des Transporters klettern, als ihm eine Hand entgegengestreckt wurde. Cifer ergriff sie und wurde auf das Dach gehoben. Xelto ließ ihn los und ging langsam rückwärts von Cifer weg. Dann zog Xelto seine Gunblade. Cifers Hand wanderte automatisch zum Griff seines Schwertes und auch er zog es. Beide starrten sich unverwandt an. Der Transporter nahm an Fahrt auf. Unter ihnen erstreckte sich das schlafende Esthar. Doch Cifer blickte nur in Xeltos Augen und sah nichts weiteres als eine endlose Nacht...

Rinoa betrachtete eine Weile die Villa ihres Vaters. Sie fühlte eine unangenehme Kälte vom Haus ausgehend. Der letzte Bewohner des Anwesens war an mysteriösen Umständen gestorben. War es Freitod oder Mord gewesen? Auf alle Fälle fühlte sich Rinoa immer unwohler, je näher sie dem Haus kam.
"Wir dürfen Sie hier nicht reinlassen. Das Haus muss für Untersuchungen unangetastet bleiben", sagte ein Polizist, als Rinoa durch die Tür gehen wollte.
"Aber ich habe früher hier gewohnt. Ich bin Carways Tochter."
"Wenn das so ist... Nun, aber ich will kein Risiko eingehen. Die von oben schmeißen mich sonst raus, verstehen Sie doch, oder? Ich werde Sie im Auge behalten, während Sie sich umsehen", sagte der Polizist nach einem Moment und öffnete dann Rinoa die Tür.
Die Innenseite des Hauses war geschmückt mit Schildern, die von der Polizei aufgehängt wurden. Das Arbeitszimmer war voll mit Überwachungskameras und Kreidemarkierungen auf den Möbeln und dem Boden.
"Ist das hier wirklich nötig? Was muss hier bitteschön überwacht werden?", fragte Rinoa.
"Unsere Leute arbeiten sehr professionell. Überall haben wir verdächtige Hinweise gefunden. Zum Beispiel diese Bluttropfen auf der Wand hier. Manche meinen, es wäre unmöglich, dass das Blut aus der Position, wo man Carway tot vorgefunden hat, zu dieser Ecke hingelangen könnte. Vor allem nicht mit der Waffe, die er verwendet hat. Mit den Kameras können die Ermittler jederzeit den Tatort sich ansehen, um Hinweise zu vergleichen."
Eine Kamera surrte und schien auf Rinoa zu zoomen. Der Polizist schluckte nervös.
Rinoa sah sich ein wenig in diesem Zimmer um. In der Ecke stand eine Statue, hinter der ein geheimer Tunnel zu den Abwassersystemen lag. Sie sah nicht so aus, als wäre sie vor kurzem verwendet worden.
"Bitte fassen Sie nichts an", erinnerte der Polizist sie nochmals.
Langsam wurde Rinoa etwas gereizt. Solange sie nicht alleine war, konnte sie nicht richtig nachdenken. Dann fiel ihr wieder das Bild ein, das jemand ruiniert hatte. Die zerrissenen Fetzen lagen zusammengerollt am Boden unterhalb des Bildes, der Bilderrahmen hing aber noch an der Wand. Rinoa konnte auf der Platte des Rahmens etwas erkennen. Das Holz war an einer bestimmten Stelle etwas heller. Der Fleck hatte eine viereckige Form, fast so, als hätte man zwischen dem Bild und der Holzplatte ein Stück Papier versteckt.
"Wurde dieses Bild schon so vorgefunden?", wollte Rinoa wissen.
"Davon weiß ich nichts. Ich war damals nicht dabei."
"Verstehe... Gab es Fingerabdrücke, oder sonstige Hinweise?"
"Ja, Fingerabdrücke von unzähligen Leuten. Nennenswert ist sonst nur mehr die Tatsache, dass die Türen alle offen waren... Aber warum erzähle ich Ihnen das eigentlich!?"
Die zoomende Kamera und die Angst vor Entlassung standen dem Polizisten nicht besonders gut. Die Freundlichkeit war so schnell verschwunden, wie sie gekommen war.
"Schon gut. Ich habe ohnehin genug gesehen", antwortete Rinoa genervt.
Beide verließen Villa Carway. Der Polizist warf Rinoa einen finsteren Blick nach, als sie das Grundstück wieder verließ.

Das Bild ließ Rinoa keine Ruhe. Etwas musste darin versteckt gewesen sein und jemand musste es raus genommen haben. Ihr war klar, dass sie die Sache anders angehen musste. Nach einem kurzen Zögern entschied sie sich ins Polizeirevier zu gehen, um dort mit zuständigen Ermittler zu sprechen. Rinoa stieg in einem Bus ein, obwohl das Revier nicht besonders weit weg war. Auf dem Bus war ein großes Banner für die bevorstehende Wahl angebracht. Rinoa erinnerte sich, dass in Galbadia demnächst Wahlen für den Posten des Präsidenten stattfinden sollten. Kitisa machte im Gegensatz zu seinem noch unbekannten Gegenkandidaten schon fleißig Werbung. Auch an diversen Schildern und Mauern konnte man schon Plakate finden. Der Wahlrausch war nicht mehr weit entfernt...
Während Rinoa auf die Straßenbeleuchtung blickte, dachte sie an Squall. Was wollten die Shumis von ihm? Ob es was mit ihrem Besuch dort zu tun hatte?

Im Revier war es ziemlich düster. Da nicht viele Personen anwesend waren, sprach Rinoa mit einem Mann, der an einem der Schreibtische saß und seine Brille putzte.
"Entschuldigen Sie..."
"Ja?"
"Ich wollte wissen, wer für den Fall Carway zuständig ist?"
"Er sitzt vor Ihnen."
"Ah. Guten Tag, Herr..." Rinoa las das Schild, dass auf dem Tisch stand. "... Kommissar Saiter."
"Was kann ich für Sie tun?"
"Sie haben doch das Haus untersucht, nachdem Senator Carway tot aufgefunden wurde, oder? Scheinbar war hinter dem Familiengemälde etwas versteckt..."
"Allerdings. Ich bin darauf gestoßen, als ich die Blutspritzer auf dem Bild untersuchen wollte. Darin war ein Stück Papier.", redete Saiter dazwischen und setzte seine Brille auf.
"Was war darauf? Dürfte ich es sehen?"
"Selbstverständlich. Vielleicht können Sie uns sagen, was diese Ziffern da oben zu bedeuten haben", antwortete der Kommissar, holte einen zerknitterten Notizzettel aus der Lade und reichte ihn Rinoa. Darauf stand "04-03-02-08-05-01-18-20-09-12-12-25-12-12-14-09-18-05".
"Vielleicht die Nummern der Buchstaben im Alphabet?", meinte Rinoa nach einer kurzen Überlegung.
"Haben wir schon probiert. Das ergibt 'DCBHEARTILLYLLOIRE'."
Rinoa konnte die Wörter erkennen. 'Heartilly' und 'LLoire', vermutlich für 'Laguna Loire'. "Wir wissen, dass Heartilly Carways Frau Julia war. Fragt sich nur, was der Präsident von Esthar damit zu tun hat, wenn er damit gemeint ist. Und was das 'DCB' zu bedeuten hatte."
"Wäre 'Deling City Bank' denkbar?", fragte Rinoa.
Saiter lehnte sich kurz zurück, schloss die Augen und überlegte.
"Hatten Ihre Eltern ein Bankschließfach?"
"Woher wussten Sie..."
"Ich kannte beide und sehe die Ähnlichkeit in Ihrem Gesicht. Außerdem habe ich sie in der Villa gesehen."
Saiter deutete auf seinen Computer, auf dem er den inzwischen wieder leeren Tatort beobachten konnte. Rinoa schwieg.
"Ich schätze, ich habe die Lösung gefunden. Ihre Eltern hatten in der Bank ein Schließfach, dass unter den Namen 'Heartilly' registriert war und 'LLOIRE' als Losungswort hatte", schloß Saiter daraus.
"Ich verstehe nicht, wozu meine Mutter ein Bankschließfach gebraucht hätte. Sie hatte nicht viel Geld und auch nichts Wertvolles bei ihr, was sie wegsperren könnte. Zumindest weiß ich nichts davon."
"Es ist Zeit, dass wir es herausfinden. Ich möchte, dass Sie mich begleiten."
"Danke. Aber ich hätte sowieso nicht locker gelassen", meinte Rinoa und lächelte.
Nachdem Kommissar Saiter seinen Mantel angezogen hatte, verließen die beiden das Polizeigebäude.

Die Bank war gerade mal zweihundert Meter entfernt. Dort angekommen, setzte sich Saiter mit einem Angestellten in Verbindung und bat ihn nachzuprüfen, ob es ein Schließfach für Rinoas Mutter gab.
"Das Losungswort lautet L-L-O-I-R-E."
"Gut. Einen Moment, bitte", sprach der Angestellte und verschwand hinter einer Metalltür. Rinoa setzte sich neben den Kommissar.
"Ich verstehe immer noch nicht, warum Sie wissen wollen, was in der Box ist."
"Haben Sie schon mal daran gedacht, dass Ihr Vater der Eigentümer davon sein könnte. Er gab einen anderen Namen an, um es geheim zu halten. Vermutlich hatte Carway Feinde, vor denen er etwas verstecken wollte", klärte Saiter sie auf.
"Wäre denkbar, aber es ist ziemlich dumm, den Namen einer nahe stehenden Person anzugeben."
Dann erinnerte sich Rinoa daran, wie sie sich im Hotel in Dollet als Leonhart eingetragen hatte.
"Oder auch nicht, vielleicht merkt es ja keiner", fügte sie schnell hinzu.
Der Bankangestellte kam mit einer großen Metallbox zurück und schmiss sie auf den Tisch, der ein seltsames Knacksen von sich gab. Nachdem er den Schlüssel umdrehte war noch ein Knacken zu hören und das Schließfach öffnete sich.
"Da bin ich mal gespannt", sagte Saiter und griff hinein.
Mit einem kurzen Ruck hob er fünf schwere Ordner raus, die mit Dokumenten vollgestopft waren.
"Was ist das?"
"Irgendwie habe ich mit so etwas gerechnet. Also gehörte es doch Ihren Vater."
Die Ordner waren nicht beschriftet und Rinoa konnte mit den vielen Zetteln, die mit einer unleserlichen Schrift vollgeschrieben waren, nichts anfangen. Der Kommissar begann ein paar Seiten zu lesen und nickte wissend. Er nahm eine andere Mappe und blätterte schnell durch.
"Die Sache ist interessanter als ich gedacht hatte."
"Können Sie damit etwas anfangen", wollte Rinoa wissen.
"Ja, kann ich... Spionageberichte. Alle im Auftrage der alten Diktatur. Etwa 25 Jahre alt." "Was!? Wollen Sie damit sagen...?"
"Korrekt. Der Inhaber war ohne Zweifel ein hochqualifizierter Agent, der für den galbadianischen Geheimdienst gearbeitet hat. In dieser Zeit war es die Hölle auf Erden. Ich war damals ungefähr in Ihrem Alter. Der Präsident war umgeben von Feinden. Esthar, Timber und sogar ein paar galbadianische Generäle wollten ihm an den Kragen und selbst die Macht übernehmen. Täglich wurden dutzende Soldaten, Beamte und einfache Bürger, darunter auch Frauen und Kinder, hingerichtet. Es war ein Kampf gegen die ganze Welt. Der Diktator hatte Estharianer als Verbündete und Galbadianer als Feinde. Es ist verständlich, dass man bei diesen Unmengen an Komplotten irgendwie den Überblick bewahren musste."
"Darf ich Ihnen sonst noch irgendwie behilflich sein", fragte der Angestellte höflich.
"Nein, wir kommen schon klar", antwortete Saiter und setzte fort.
"Damals hat man mich auch gefragt, ob ich zum Geheimdienst will. Ich habe natürlich zugestimmt, hab das Militär verlassen und die Ausbildung begonnen. Es waren neben mir noch tausend andere, die sich für diese schmutzige Arbeit interessierten. Was wir nicht wussten. Deling wollte keine neue Organisation gründen, sondern bloß ein paar wenige erstklassige Profis einstellen, die direkt für ihn arbeiten sollten. Kaum war ich mit der Ausbildung fertig, trat ich zur Prüfung an und flog in hohem Bogen raus. Es waren gerade mal dreißig Leute, die bestanden hatten. Mich wollte man nicht haben, weil ich nicht fähig war, die Gedanken der Leute über Blickkontakte zu lesen. Schließlich bin ich dann hier gelandet."
Er schüttelte mit einem ironischen Lächeln den Kopf.
"Es ist seltsam. Ich dachte immer, mein Vater war zu Beginn kleiner Soldat und hatte sich von dieser Position aus bis zum Senator hochgearbeitet. Ich wusste schon immer, dass er nicht besonders drauf geachtet hat, wer dabei unter die Räder kommt, aber das er Deling bewusst unterstützt hat...", sprach Rinoa verzweifelt.
Saiter war bereits dabei den nächsten Ordner durchzublättern. Die darauf folgenden Minuten war es still, sodass man lediglich das Blättern hören konnte. Sein Gesichtsausdruck verriet Rinoa, dass er auf etwas Erschreckendes gestoßen sein musste.
"Es wäre am besten, wenn wir zum Revier zurückgehen würden und dort den Rest besprechen", schlug Saiter vor.
Er stand auf, bedankte sich und nahm ein paar Ordner in die Hand, die er zu seinem Büro mitnehmen wollte. Rinoa trug den Rest und beide verließen die Bank, nachdem sich der Kommissar höflichst verabschiedet hatte.

Der Angestellte, der Rinoa und Saiter bedient hatte, schaute sich kurz um. Alle anderen Anwesenden waren beschäftigt. Er stellte sich unbemerkt hinter die Tür und holte ein funkgerätartiges Kommunikationsgerät aus seiner Hemdtasche.
"Hier spricht 'Deling 4'. Melden Sie General Caris, dass jemand die gesuchten Akten gefunden hat..."

"Langsam beginne ich zu verstehen...", meinte Saiter, nachdem die beiden das Revier erreicht hatten und er wieder auf seinem bequemen Stuhl saß.
"Attentäter der Regierung. Ein kleiner Kreis von Killern. Eiskalt. Ihre Taten sind sagenumwobend. Sie waren Spione und Killer in einer Person und waren nur unter merkwürdigen Codenamen bekannt. Ihre wahren Identitäten blieben im Geheimen. Sie töten Leute auf der Straße, einfach aus dem Hinterhalt. Manchmal wurden die Feinde festgenommen, im Staatsgefängnis verhört, gefoltert und am Ende getötet. Durch diese Methode konnten sie den Bürgern Angst machen und gleichzeitig alles über diverse Rebellionsakte erfahren. Die Behauptung, dass diese Killer einen erheblichen Teil zur Auflösung des Widerstandes beigetragen haben, wäre nicht auszuschließen. Vielleicht waren auch sie diejenigen, die für das Ende des Bürgerkrieges verantwortlich waren. Es ist ja bekannt, dass sich die Widerstandstruppen mit der Zeit zum Großteil aufgelöst haben."
"Das weiß ich, aber was hat das mit diesen Akten zu tun?", unterbrach Rinoa. "Ich habe hier mehr gefunden, als bloß Spionageberichte. Sehen Sie? Diese beiden Mappen beinhalten Personenkarteien von mehreren tausend Personen. Darunter noch diese Berichte hier..."
Er nahm ein Dokument raus und reichte es Rinoa. Darauf stand links oben 'Vollstreckungsindex: Woche 20 - 26'. Auf der Liste standen Namen von Personen und ein paar Nummern dazu, vermutlich die Karteikartennummer, dachte sie. Rinoa warf nur einen groben Blick auf die Namen, und schon stachen zwei davon aus der Liste heraus. Sie kannte die Namen, auch wenn es keinen Beweis gab, dass es sich wirklich um dieselben Personen handelte.
"Die Väter von Thon und Watts. Sie haben mir davon erzählt... Thon und Watts waren damals Freunde von mir. Wir waren zusammen in der Widerstandsbewegung", flüsterte Rinoa.
"Jetzt verstehe ich auch was die bei meiner Prüfung mit 'nicht genug Kaltblütigkeit' meinten", fügte der Kommissar hinzu. Rinoa legte den Zettel wieder weg.
"Aber wie ist Carway an die Aufzeichnungen dieser Killer drangekommen? Haben die irgendetwas gemeinsam?"
Sie fühlte, wie der Hass auf ihren Vater stieg.
"Rinoa, einer Ihrer Eltern hat all diese dreckigen Arbeiten für den ehemaligen Präsidenten durchgeführt und war einer dieser Attentäter."
"Vater... Wie konntest du nur? Du hast mich die ganze Zeit belogen...", flüsterte Rinoa schockiert und schloss die Augen. Als sie die Augen wieder geöffnet hatte, lag die Mappe vor ihr. Saiters Hand deutete auf ein Namensschildchen. Rinoas Magen zog sich zusammen.
"Ich habe eigentlich nicht ihren Vater gemeint..."