"Wenn man in Zimmern wie diesen pennen darf, ist man richtig froh darüber, dass man zum SEED geworden ist, nicht wahr?", zwinkerte Xell seinen neuen Gast zu.
Dieser ließ sich nicht von seiner stressigen Arbeit abhalten. Sämtliches Zeug musste im Schreibtisch verstaut werden. Xell hob den schweren Ordner, der auf dutzenden von anderen schweren Ordnern lag, hoch und las die Beschriftung auf dem Etikett 'Timber: Straßen-, Schienen-, Versorgungs-, Kanalisations- und Kabelnetzkarte'. "Abgefahren! Wie bist du da ran gekommen?", rief Xell erstaunt-
"Oh, du musst mir nicht beim Auspacken helfen. Aber wenn du schon dabei bist, dann leg diese Unterlagen in das rechte Schreibtischfach", antwortete der SEED stur.
"Ah, verstehe schon. POLITISCHE BEZIEHUNGEN", grinste Xell und legte die Mappe beiseite. "Ich verzieh mich dann mal. Du findest mich und die anderen in der Direktion."
"Alles klar", gab der SEED zurück. Xell schwieg für ein paar Sekunden.
"Hör mal... Niko. Ich kann mir denken, dass die ganze Sache mit deinen Bruder Niida ziemlich hart sein muss, also auch wenn nun ziemlich schwere Zeiten auf uns zu kommen, kannst du dich trotzdem jederzeit an uns wenden, wenn du... nun ja, wenn du..."
Xell hatte den Verdacht, dass Niko seinen Worten kein Gehör schenkte. Niko blickte kurz zu Xell und sortierte daraufhin seine Papiere weiter.
"Ein SEED lässt sich von solchen zwischenmenschlichen Angelegenheiten nicht von der Arbeit abhalten. Und außerdem... Es ist schon zu lange her, seit wir das letzte Mal miteinander gesprochen haben. Wir kannten uns kaum mehr...", meinte Niko nach einer Weile schulterzuckend.
"Verstehe...", gab Xell unsicher zurück.
Überrascht von Nikos Gleichgültigkeit verließ er das Quartier und stieß beinahe mit Quistis zusammen.
"Wir haben soeben eine Meldung aus Galbadia erhalten", schnaufte sie und drückte Xell einen Zettel in die Hand.
"Hey Niko, das könnte dich auch interessieren. Komm doch mal rüber. Ah, weiß nich genau, kennt ihr euch beide schon?"
Niko ging auf Xell zu und riss ihm den Zettel aus der Hand.
"Wir werden eingreifen", meinte Niko nach einem kurzen Moment.
Quistis warf Xell einen vielsagenden Blick zu.
"Hey, übertreib's mal nicht. Das ist dein erster Tag hier", entgegnete Xell unsicher.
"Wenn diese Invasion wirklich von statten gehen wird, dann sollten wir sofort eingreifen, denn ansonsten wird es schwer, den Feind auszuschalten", meinte Niko
"Das Problem ist, dass wir in so kurzer Zeit nicht genug Einheiten aufstellen können, um eine mögliche Übernahme zu verhindern. Zu dem kommt noch, dass wir nichts Genaueres über die Angreifer wissen", meinte Quistis.
"Nun, dann werde ich mich um diese heikle Aufgabe vorerst kümmern. Ich möchte, dass ihr mir Speeder und Ausrüstung bereitstellt. Wenn wir den Garden nehmen, dauert es zu lange."
Xell und Quistis wussten nicht, wie sie Niko mit seiner strengen und selbstbewussten Stimme widersprechen könnten. Ihre Gedankengänge wurden unterbrochen, als Shou hereinkam. Shou war eine SEED, die bereits lange im Garden arbeitete. Wie sehr ihr die SEEDs am Herzen lagen, sah man daran, dass sie extra ihren Urlaub wegen den jüngsten Entwicklungen abgebrochen hatte.
"Quistis, ich habe sie gefunden. Die Ragnarok befindet sich in Winhill."
Squall war mit Rinoa und Cifer auf dem Weg zur Ragnarok. Ihm war klar, was sie als nächsten tun müssen. Ellione war in Gefahr. Ihr Name stand auf der Liste der Adeptinnen. Obwohl Squall sich ziemlich sicher war, dass sie mit der Zerstörung des Computers und der versteckten Basis auf der Seite Prokyltas einen großen Schaden angerichtet haben, beunruhigte ihm die Tatsache, dass Aomes Trianirea von Ellione wusste. Womöglich waren sie bereits unterwegs, um ihr etwas anzutun.
Squall steckte seine Hand in die Tasche und fühlte den Ring, den Rinoa ihn wenige Stunden zuvor zurückgegeben hatte. Woran sie jetzt wohl dachte? Ob sie sich auch Sorgen um ihre Beziehung machte, genau wie Squall?
Die Ragnarok kam in ihr Sichtfeld.
"Ein Wunder! Die Ragnarok ist sogar noch heil", sagte Cifer.
Auch Squall musste an die böse Überraschung denken, die sie vor ein paar Tagen erlebt hatten. Doch diesmal schien die Sekte die Finger vom Luftschiff gelassen zu haben, das immer noch deutliche Spuren von dem letzten Anschlag trug. Rinoa und Cifer folgten Squall, der mit müden Schritten die Ragnarok betrat und ins Cockpit ging. Dort angekommen setzte er sich auf den Sitz vor der Bordkonsole. Ein blauer Knopf blinkte ununterbrochen.
"Hallo?", sprach Squall in die Sprechanlage, nachdem er auf den Knopf drückte.
"Das hat aber verdammt lange gedauert. Jetzt sag nicht, du warst unter der Dusche."
"Quistis?"
"Hi, Squall. Sind Rinoa und Cifer bei dir?", fragte sie. Sie klang angespannt.
"Ja."
"Puh, dann ist ja alles in Ordnung. Wir waren ziemlich besorgt, nachdem ihr einfach abgehauen seid. Lasst es uns doch bitte wissen, wenn ihr auf Reisen geht."
"Sorry, aber da wir keine SEEDs sind, ist das auch nicht unserer Pflicht", gab Squall nach einem Blick zu Cifer zurück.
"Ob SEED oder nicht. Freunden teilt man so was mit, okay? Aber da wir gerade dabei sind... Wir hätten einen Auftrag für euch."
Cifer beugte sich über die Sprechanlage
"Hallo? Hier spricht 'Leck mich am Arsch', bitte kommen, 'Trottel 57'. Zum Mitschreiben, Trepe, wir nix SEED, wir euch nix sagen über unsere Sachen!"
"Cifer. Wie ich sehe, hast du einen Sprachkurs besucht? Viel geholfen hats wohl nicht!", kam Quistis Stimme eiskalt aus dem Lautsprecher.
"Quistis, er hat nicht unrecht. Wir haben ne eigene Spur. Ellione könnte eventuell im Visier der Sekte sein", setzte Squall ruhiger dazwischen.
Quistis sprach kurz mit jemand anderen und nahm danach wieder das Mikrofon in die Hand.
"Wenn es wirklich so gefährlich sein sollte, dann werden wir SEEDs als Elliones Leibwächter engagieren. Ihr passiert nichts, vertraue uns. Komm, Squall, tu uns diesen Gefallen. Nicht als SEED, sondern als Freund."
Squall musste eine Entscheidung treffen. Er sah Rinoa und Cifer an, die seinen Blicken auswichen.
"Erzähl erstmal, was los ist", sprach Squall, der keinen motivierten Eindruck machte und drehte die Anlage lauter.
"Danke, Squall. In der letzten Nacht wurden einige Züge in ganz Galbadia entführt. Augenzeugen berichteten von maskierten Männern, die sich als Passagiere getarnt haben und dann mit Waffen alle als Geiseln genommen haben. Sie müssen ziemlich böse vorgegangen sein und haben wohl ein Großteil der Passagiere exekutiert. Der galbadianische Geheimdienst hat ein paar Funksprüche abgefangen. Das Meiste ist Nonsens, also codierter Müll. Allerdings kamen wir zu dem Schluss, dass diese Züge auf dem Weg nach Timber sind."
Squall glaubte bereits ahnen zu können, wer dahinter steckte.
"Wir sind uns nicht sicher, aber es wird vermutet, dass Aomes Trianirea die Fäden zieht."
"Die Sekte würde aber keine öffentliche Sache durchziehen und schon gar nicht in einer Stadt einfallen. Dazu operieren sie zuviel im Untergrund", meinte Squall.
"Und damit hat es nix mit uns zu tun. Schönen Tag euch noch!", knurrte Cifer und wollte auf den Knopf drücken.
Squall griff seine Hand.
"Wer sollte denn ansonsten hinter einer großangelegten Aktion stecken? Ne Invasion ist ne verdammte Großoperation. Eigentlich können nur Länder sowas durchführen", sagte Squall.
"Genau, das ist der Punkt. Nur sämtliche Staaten wollen damit nix zu tun haben. Es bleibt kaum jemand übrig, als die Sekte. Warte, wir haben einen Audiomitschnitt..."
Quistis Stimme verschwand. Kurz darauf erklang eine dunkle Herrenstimme im Cockpit.
"Status auf 3XP. Wir gehen rein um ETA 7000. Kameraden, heute wird ein Grundstein gelegt, um endgültig die Lügenmaske von der Welt zu reißen. Erinnert euch an die zwei Worte, die euer Leben verändert haben..."
Die Stimme verschwand.
"Wir haben ein wenig codiert und einen Zeitrahmen ausfindig gemacht. Demnach sollten sie gegen Mittag in Timber sein..."
"...also in 30 Minuten", schloss Squall düster.
Stille.
"Wozu braucht ihr uns nun?", fragte Squall nach einer kurzen Weile.
"Ähm, wir sind gerade beim Planen des Einsatzen und uns kommen ständig neue Meldungen aus Galbadia zu. Fliegt einfach mal bis zum Ober-See und erwartet weitere Anweisungen. Tut mir Leid, aber wir sind ziemlich im Stress. Wir melden uns, sobald wir etwas Neues wissen."
Dann wurde die Verbindung unterbrochen. Quistis war scheinbar in großer Eile. Squall setzte sich ans Steuer.
"Na dann... Auf nach Timber."
"Squall, jetzt lässte dich auch noch von diesen Affen benutzen!", meinte Cifer bitter.
"Ich versteh's auch nicht. Erst verschwindest du kommentarlos von der Versammlung und dann willst du die Wahrheit herausfinden und nun? Nun lässt du dich von Xell und seinen Kumpels in eine Mission einspannen", sagte Rinoa vorwurfsvoll.
"Sag wieder ab", forderte Cifer.
"Ja, ihr habt ja Recht. Ich glaube auch nicht, dass es sich um Prokylta oder die Sekte handelt, da es einfach nicht ihr Stil ist. Andererseits bin ich mir auch nicht hundertprozentig sicher. Ich würde sagen, wir fliegen zu diesem Ober-See, dann sehen wir weiter. Einverstanden?"
Erst nachdem sie über den Shenando-Hügel geflogen waren, wurde diese plötzlich eingetroffene Stille wieder unterbrochen. Der Bordcomputer empfing Funksignale.
"Hey, Squall! Es gibt heiße Neuigkeiten!", kam Xells aufgeregte Stimme aus dem Kommunikator.
"Pyjamas gibt's jetzt auch im flauschigen rosa Hoppelhäschen-Look?", lachte Cifer.
"Du! Was hast du eigentlich mit meinem Boot gemacht? Glaub nicht, dass ich..."
"Nicht jetzt, Xell", unterbrach Squall und schaute daraufhin auch Cifer mit einem verärgerten Blick an.
"... Lass mich erklären: Leider wissen wir noch immer nichts über den Hintermann dieser Invasion, genauso wenig kennen wir dessen Ziele. Laut Berichten sind einige verdächtige Personen bereits in Timber angekommen. Der Rest wird vermutlich mit den Zügen kommen. Bis dahin sollten wir die Situation nutzen, um mehr von ihrer Strategie zu erfahren. Wir haben bereits einen Spy-Trooper nach Timber entsandt, weil es noch etwas dauern wird, bis der lahme Garden dort ist."
"Ach, so nennt man das also heutzutage. Klingt ja niedlich."
Die darauf folgende kurze Stille verriet, dass Xell wohl gerade auf Cifers Bemerkung kontern wollte, er es aber dann sein ließ.
"Wir werden die Lage dort überprüfen. Euer Job, Squall: Versucht zu zweit die Lage in Timber zu checken. Ein einziger SEED reicht für so etwas nicht aus und diese wichtige Aufgabe sollten nur Profis übernehmen."
"Gehen euch die Leute aus oder was? Das kann doch auch einer von euch machen!", rief Squall.
"Sorry, Squall, ich wollte eigentlich euch nur wegen dem verschwundenen Boot anfunken, aber ihr seid am nächsten dran und... es wäre einfach ne praktische Angelegenheit, wisst ihr? So wegen der alten Zeiten. Ihr würdet euch von der Luft aus ablassen. In Esthar haben die Soldaten für solche Fälle immer bestimmte Ausrüstung verwendet. Schaut euch um und ihr werdet sie finden. Es handelt sich dabei um die so genannten 'Zu-Schwingen'. Dieses Ding müsst ihr euch auf den Rücken schnallen und mit den beiden Hebeln könnt ihr dann den linken oder rechten Flügel steuern. Junge, eines Tages werd' ich das auch mal fliegen", strahlte Xell.
"Für so etwas braucht man harte Nerven, Hasen..."
Squall sah Cifer drohend an, welcher daraufhin schwieg.
"Und wie geht es weiter, wenn wir in Timber drin sind? Wir machen das ja nicht, um shoppen zu gehen", meinte Squall.
"Ihr werdet versuchen den Feind zu identifizieren und auszuspionieren. Simple Aufklärung. Wir haben ja einen Zeitrahmen abgehört, falls es eng wird, könnt ihr jederzeit verschwinden. Bis dahin sind wir eh da. Nehmt ein Funkgerät mit und erwartet weitere Anweisungen. Und Rinoa... Wir werden dich kontaktieren, sobald wir in Timber sind. Komm danach unmittelbar in den Balamb Garden, okay? Es sei denn, du möchtest an Cifers Stelle nach unten."
"Der Hasenfuß macht heute aber ziemlich auf Boss", knurrte Cifer.
"Nein, ist okay", antwortete Rinoa.
Squall hatte irgendwie damit gerechnet, dass Rinoa etwas anderes sagen würde, schließlich würden sie im Verlauf der Mission wieder getrennt sein.
"Na dann... Viel Glück, Squall. Pass auf dich auf, Rinoa. Und... ja das war's. Bis später!", verabschiedete sich Xell, der es plötzlich wieder eilig zu haben schien.
"Dann werd ich mal die Schwingen suchen", sagte Cifer vorwurfsvoll in Squalls Richtung und verschwand dann.
Squall drehte sich zu Rinoa um. Sie blickte ihn einen kurzen Moment an und verließ dann ebenfalls das Cockpit.
"Mensch, ich weiß doch auch nicht! Jetzt ignoriert mich hier nicht so, niemand hat mich schließlich zum Anführer bestimmt!", rief Squall laut Rinoa hinterher.
"Ist doch alles okay", meinte Rinoa schulterzuckend.
"Ja, merke ich, wie alles okay ist!", brummte Squall.
"Hey, du beschwerst dich doch über fehlendes Vertrauen!", gab sie zurück.
"Du bist sowas von unfair, weißt du das?", schnappte Squall und verließ dann rauschend das Cockpit.
Die Zu-Schwingen entpuppten sich als eine Art mechanische Flügel mit Ionenantrieb. Cifer und Squall hatten ihre bereits umgeschnallt.
"Treibstoffflaschen sind voll... Eigentlich sollte nichts schief gehen. Rinoa... Wir sehn uns!", verabschiedete sich Cifer.
Er nahm Anlauf und sprang von der Rampe. Squall blickte zu Rinoa.
"Uns passiert schon nichts. Wir sind bald wieder da", sagte er unsicher.
"Ja..."
Rinoa sah besorgt aus. Er sah ihr noch ein letztes Mal in die Augen, biss sich auf die Lippen und sprang anschließend nach unten...
Noch nie zuvor hatte er in solcher Höhe keinen Boden unter den Füßen. Mit Hochgeschwindigkeit kam der Erdboden immer näher und näher. Außer dem Sausen des Windes in seinen Ohren und seinem Herzklopfen konnte er nichts hören. Ihm wurde eiskalt. Tränen kullerten aus seinen Augen und fühlten sich an, als würden sie gefrieren. Eine unglaubliche Macht schien zu versuchen ihn auseinander zu reißen. Das Funkgerät in seiner Jackentasche wurde immer schwerer und versuchte ihn nach links zu ziehen. Weit unter ihm konnte er Cifer sehen. Sein Mantel flatterte in der Luft und erweckte den Eindruck, als würde er in einzelne Fetzen zerfallen. Ob er diesen Höllenflug überleben würde, hing nun von zwei Hebeln ab, die wiederum am linken und am rechten Steuergriff befestigt waren. Er fasste die Griffe und drückte die Hebel rein. Nichts. Er probierte mindestens zehn Mal. Squall konnte bereits die Häuser in Timber erkennen. Die Zeit wurde knapp. Plötzlich hörte er ein lautes Surren und sah, wie er an einen schwebenden Cifer vorbei flog, dem es gelang, gegen die Schwerkraft anzukämpfen.
"DU MUSST DIE VERRIEGELUNG RAUS NEHMEN!!! DIESER STIFT AN DER SEITE!!!", schrie Cifer mit aller Kraft. Blitzschnell griff Squall nach den Stift und zog ihn raus.
Bevor er noch mal auf den Hebel drückte, holte er Luft und hoffte, dass es diesmal funktioniert. Kaum drückte er drauf, spürte er das heftige Vibrieren des Antriebs. Endlich konnte er sich mit den Steuergriffen aufrichten und den Sturz bremsen.
Squall war überrascht, wie gut Cifer damit umgehen konnte. Squall ließ seine Beine nach unten hängen, richtete den Gleiter leicht abwärts und begann auf den Marktplatz zuzusteuern.
Er und Cifer nahmen langsam die Hände vom Hebel und richteten die Zu-Schwingen leicht nach oben. Nur noch wenige Meter über dem gepflasterten Boden... Geschafft. Beide ließen den Hebel ganz los und landeten sachte im Zentrum der Stadt Timber.
Um die beiden standen einige dutzend Menschen, die ihnen überraschte Blicke zuwarfen.
"Guten Morgen", grüßte Cifer freundlich die Umstehenden, während er sich die Schwingen abschnallte.
"Wir sollten uns am besten ein Versteck suchen", rief Squall und verließ mit Cifer zügig den Marktplatz.
Sie versteckten sich in einer dunklen Gasse.
"Was jetzt?", fragte Cifer.
Squall zuckte die Achseln und schaltete nach einer kurzen Denkpause das Funkgerät ein.
"Xell, wir sind in Timber! Alles ruhig hier soweit", meinte Squall.
"Yo, cool... ähm, seid etwas vorsichtig. In den Zügen haben sich die Terroristen auch als harmlose Passagiere eingeschlichen, vielleicht tarnen sie sich hier als Passanten. Zieht lieber keine auffällige Show ab", entgegnete Xell.
"Xell, ich glaub, die Warnung kommt etwas spät", murmelte Squall.
Squall schaltete das Gerät aus und schaute sich um. Vor dem Gasthaus spielten drei Kinder mit einer Katze. Eine alte Frau saß am Tisch dahinter und las Zeitung. Auf der anderen Seite der Straße saß ein junges Pärchen und unterhielt sich. Alles schien in Ordnung zu sein, dachte sich Squall.
Die Ragnarok landete elegant im Balamb Garden.
Shou stand an der Rampe und begrüßte Rinoa.
"Schön, dich wiederzusehen", sagte Shou und schüttelte Rinoas Hand.
"Gibt es schon Neuigkeiten von Squall und Cifer?", fragte Rinoa.
"Sie sind sicher gelandet. Komm, wir gehen zum Kommandoraum..."
Shous Kommunikator piepte.
"Ja?"
"Shou, komm hier hoch. Ernste Situation", kam Quistis Stimme aus dem Kommunikator.
"Was gibts?", fragte Shou und beschleunigte ihre Schritte.
"In der abgefangenen Funkmitteilung... wir haben entdeckt, dass diese einen vollkommenen anderen Verschlüsselungscode hatte, als die anderen Mitteilungen. Einen viel einfacheren. Shou, ich glaube, das war eine Falle. Der angegebene Zeitrahmen ist falsch. Wir haben andere Funksprüche inzwischen abgehört und überall taucht ein andere Zeitrahmen auf. Das war ein Täuschungsmanöver", sagte Quistis schnell.
"Und wann soll die Invasion stattfinden?"
"Jetzt!"
Shou erstarrte. Rinoa sah sie von der Seite an.
"Das heißt, Squall und Cifer sind in Timber eingeschlossen und alleine gegen eine Übermacht unbekannten Ursprungs, richtig?", fragte Rinoa mit einer tödlichen Wut.
Shou wusste nicht, was sie sagen sollte.
"Irgendetwas stimmt hier nicht. Es wird ruhiger...", behauptete Squall.
"Klar, wenn wir uns weiterhin hier verstecken, wird das ohnehin nix. Frag mal, was los ist!" Squall schaltete daraufhin das Gerät ein, um den Garden zu kontaktieren.
"Also Xell, hier ist nach wie vor alles idyllisch..."
"Wir haben dafür keine Zeit. Ihr müsst so schnell wie möglich zum Hotel. Trefft euch da mit Niko und räumt das Gebiet! Los!"
"Mal langsam, Xell. Was ist hier eigentlich los?", wollte Squall wissen.
"Frag nicht! Rennt endlich los! Hier wird's gleich ziemlich hektisch!"
Squall steckte das Funkgerät in die Jackentasche und sah sich kurz um. Er schaute zu Cifer, dieser nickte. Beide sprangen auf und rannten was das Zeug hielt von einem Haus zum anderen.
Plötzlich hörte er Geräusche aus der Ferne kommen. Es war das Motorengeräusch von hunderten Motorrädern und dutzenden von Panzern und Lastern.
"Was geht hier vor, Xell?", fragte Squall.
"Leute, haut ab!"
"Ich dachte, die kommen in Zügen..."
"Nein, das war ein Trick! In den Zügen transportierten die nur Sprengstoff und Waffen, die eigentliche Invasion passiert per Einmarsch!", brüllte Xell.
"Das ist interessant. Indem sie die Waffen in den Zügen transportieren, sind sie vor Waffenabtastung sicher. Das steckt ein kluger Kopf dahinter", kommentierte Cifer.
Squall rannte mit Cifer in Richtung Bahnhof, wo eine Straße nach draußen führen sollte. Beide eilten quer durch die Straßen und Gassen, in der Hoffnung, noch rechtzeitig Timber verlassen zu können.
Das Motorengeräusch kam von allen Seiten.
"Das bringt nichts. Die fallen hier von allen Seiten ein. Wir kommen nicht mehr raus", flüsterte Cifer.
Nun gab es kein Zurück mehr. Zahlreiche schwer bewaffnete Leute marschierten von allen Richtungen in die Stadt. Personen, die Squall vorher als Zivilisten gehalten hat, bewaffneten sich und marschierten mit ihren Kollegen mit. Wohin Squall auch schaute, die Anzahl der Feinde schien sich jede Sekunde zu verdoppeln. Die Straße hinter ihnen wurde plötzlich verbarrikadiert und hinter jeder Ecke erschienen neue Gestalten in ihren Fahrzeugen.
"Was ist los? Warum geht das plötzlich so schnell? Auf unserer Karte erscheinen die Typen wie ein Virus", zischte Quistis durch das Funkgerät.
Squall schaltete das Funkgerät aus und lehnte sich unauffällig an die Mauer, während plötzlich Soldaten an ihm vorbeimarschierten. Squall traute seinen Augen nicht. Er erkannte die Uniformen sofort wieder: Galbadia Soldaten! Galbadia Soldaten rückten in Timber ein. An den Fenstern der Gebäude konnte man die überraschten Blicke der Einwohner sehen. Cifer, der in Kampfposition gegangen war, stellte sich wieder gerade hin.
"Sollen das unsere Terroristen sein? Was hat der Hasenfuß denn heute Morgen geschluckt?", sagte Cifer etwas zu laut.
Aus den Augenwinkeln sah Squall, wie sich jemand zu ihm umdrehte. Ein Mann. Ein Offizier, der gerade dabei war, eine Barrikade zu errichten. Squall und Cifer sahen sich wortlos an. Der Offizier hatte eine Narbe am Hals. Etwas in Squalls Blick musste ihn verraten haben, denn er...
"Bleiben Sie, wo Sie sind! Und keine falsche Bewegung!" richtete sein Gewehr auf Squall.
Zwei andere Soldaten wurden auf ihn aufmerksam und kreisten Cifer und Squall ein.
"Wir kümmern uns schon um sie. Ihr geht zurück auf euren Posten!", befahl der Offizier mit der Narbe am Hals ein paar anderen Männern, die sich ebenfalls einmischen wollten. Squall und Cifer zückten ihre Waffen und sprangen jeweils einer nach links und einer nach rechts weg.
"Das reicht! Niemand widersetzt sich uns. Los, festnehmen!"
Die zwei Galbadia Soldaten hinter dem Offizier liefen ein paar Schritte nach vorne und zielten auf Squall und Cifer. Squall schmiss sich zur Seite, während Cifer blitzschnell nach vorne sprang und seinen Angreifer mit einen heftigen Schwerthieb auf den Oberkörper außer Gefecht setzte. Der zweite Soldat hatte Squall im Visier und wollte abdrücken, jedoch reagierte Squall schneller und zerstörte mit einem Schuss aus seiner Gunblade das Maschinengewehr des Gegners, der kurz darauf von ihm einen Stoss in den Magen verpasst bekam. Die anderen feindlichen Soldaten wurden aufmerksam und luden ihre Waffen nach.
"Verschwindet! Kümmert euch um die Ankunft des Generals! Die beiden übernehme ich!", schrie der Offizier mit der Narbe und zog zwei automatische Handfeuerwaffen aus seinen Gürtel, je eine auf Squall und auf Cifer gerichtet.
Cifer gab Squall ein Zeichen und sprang mit eleganten Luftrollen von einer Ecke zur anderen, während Squall auf den Soldaten zu rannte, der in seiner Hektik mit beiden Waffen versuchte, Cifer zu treffen. Ohne ihn noch rechtzeitig abwehren zu können, ritzte Squall den Mann eine zweite Wunde in den Hals. Ihr Gegner sank keuchend zu Boden. Ein paar andere Soldaten kamen zur Hilfe geeilt, der Rest jagte Squall und Cifer nach, die, so schnell wie es nur ging, um die Ecke rannten. Vor ihnen standen erneut eine Menge Soldaten, und richteten ihre Gewehre auf die beiden, ebenso die Feinde, die hinter ihnen her liefen. Bei all den Gerüttel wurde das Funkgerät wieder eingeschaltet.
"Squall! Cifer! Warum haut ihr nicht endlich ab!?", konnte man Rinoas Stimme schreien hören. Sie war also im Garden sicher angekommen, dachte sich Squall.
"Was ist los, Squall!? Lauf endlich! Sie werden euch töten!", dröhnte Xells Stimme.
"Das braucht ihr nicht mehr!", sagte einer ihrer Gegner, von denen sie umzingelt wurden und nahm ihm das Funkgerät ab. Er warf es runter und schoss einmal drauf.
"Idiot! Wie sollen wir jetzt zurückverfolgen können, wer ihr Auftraggeber war?"
Aus der Menge tauchte der Offizier mit den Narben auf. Er hatte ein Tuch an sein Hals gedrückt, um das Blut aufzufangen.
"Adjutant Goldwarth", schnaufte der Soldat nervös.
Der Offizier mit den Narben schüttelte den Kopf, nahm dann seine Pistole und schoss dem Soldaten in den Kopf.
"Du bist eine Schande für den General! Ihr anderen, beseitigt die Leiche. Ich will nicht, dass dieses Tier hier", er trat mit seinem Fuß die Leiche, "alles verunglimpft", sagte Goldwarth mit einer tödlichen Kälte, während er sich mit dem Verband weiterhin den Hals abdrückte.
"Ihr seid also ein paar Leute, die Ärger machen wollen, nicht wahr. Die SEEDs. Ja, der General weiß von euch, er weiß von allem. Schade, dass er sich nicht persönlich um euch kümmern kann, aber das wird seinen Triumph hier versüßen", lächelte Goldwarth.
Squall und Cifer wurden zum Straßenrand geschleppt und von den Soldaten festgehalten, während die komplette Hauptstraße geräumt wurde und sich alle Galbadia Soldaten in Stirnreihe aufstellten. Panzer und Militärfahrzeuge fuhren in Richtung Zentrum oder verteilten sich von der Hauptstraße aus in einzelnen Gassen. Inmitten dieser Karawane fuhr ein gewaltiger Panzer, auf dessen Dach man die Umrisse einer Person erkennen konnte.
Ein hochgewachsener Mann mittleren Alters stand salutierend auf ihm. Dies musste der merkwürdige General sein, dachte sich Squall.
Obwohl er streng und gefährlich aussah, wirkte er sehr ermüdet.
Die Soldaten salutierten.
"Jetzt!", zischte Squall und riss sich von den Soldaten los. Cifer schlug Goldwrath ins Gesicht und folgte Squall dann.
Squall spürte hinter ihm einen Tumult, der aber schnell abebbte, je weiter sie ins die kleineren Gassen der Stadt vordrangen.
Sie flüchteten in ein Kleidergeschäft. Squall hörte die Schritte der Soldaten an dem Geschäft vorbeirennen. Sie hatten es geschafft.
"Sie scheinen weg zu sein", flüsterte Squall, der in eine Umkleidekabine gehechtet war.
Als Squall aus seiner Kabine raus kam, stand vor ihm Cifer mit einem neuen Mantel. Zuerst konnte Squall seinen Augen nicht trauen. Er konnte sich nicht mehr daran erinnern, Cifer das letzte Mal ohne weißen Mantel mit der Feuerklinge darauf abgebildet gesehen zu haben. Nachdem er seinen alten, heruntergekommen Mantel gegen einen neuen Mantel in Braun austauschte, sah er so aus, als wäre er ein anderer Mensch.
"Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Irgendwie ungewohnt... Aber zumindest fallen wir diesmal nicht mehr so auf, wenn wir uns unter die Leute mischen", sagte Squall grinsend.
"Und wenn schon. Der Alte gefiel mir nicht mehr, deshalb hab ich das Outfit gewechselt", behauptete Cifer und ging auf die Hintertür zu.
"Ich werde ihn nie verstehen...", seufzte Squall und folgte ihm dann.
"Das hätte nicht passieren dürfen, Xell! Was habt ihr eigentlich gemacht? Däumchen gedreht?!", fragte Rinoa laut.
"Hey, Squall wird es schon gut gehen...", sagte Xell leise.
Rinoa blickte aus dem Fenster des Balamb Gardens auf Timber.
Auf Bildschirmen liefen hektische Sondersendungen aus dem Fernsehen, die gerade erste Meldungen brachten.
"Dabei haben Squall und ich uns auch noch gestritten. Wenn er nun...", flüsterte Rinoa.
Quistis umschloss ihre Hand.
"Er wird sicher bald im Hotel auftauchen und sich dort mit Niko treffen. Vermutlich hat sein Funkgerät nur ein Defekt und wir bekommen jeden Moment eine Nachricht von Niko rein", meinte sie.
Rinoa nickte und drehte sich dann von Quistis und den anderen weg, so dass niemand ihr Gesicht und somit den Kampf sehen konnte, der sich darauf abspielte.
Timber war eine kleine, unabhängige Stadt, die ursprünglich weder Galbadia noch Dollet angehörig war. Vincer Deling hatte jedoch seit je her großes Interesse an dieser Stadt gezeigt und war vor vielen Jahren hier eingefallen und hatte sie kurz um zu seinem Besitz erklärt. In Timber saß die mächtige 'Timber Maniacs', eine einflussreiche Zeitung. Mit der Kontrolle über Timber hatte Deling damals ein Großteil der Medien unter seine Kontrolle gebracht.
Trotzdem hatte es einige Widerstandsgruppen gegeben. Einer von ihnen, den Waldeulen, hatte Rinoa angehört. Squall war als SEED vor fünf Jahren nach Timber gekommen, um den Waldeulen unter die Arme zu greifen und hatte so Rinoa kennengelernt.
Im Hotel waren überraschend wenig Soldaten. Lediglich ein paar, die ständig aus und ein gingen, und zwei, die Wache schoben. Es saßen ganze fünf Gäste an den Tischen. Squall sah sich um und entdeckte einen Mann seines Alters, der Zeitung las und deutete mit den Augen zu ihm. Der Mann blickte Squall lange an und nickte dann unmerklich mit dem Kopf. Er und Cifer gingen anschließend auf ihn zu.
"Hallo. Ähm, schön, dich zu sehen", sagte Squall.
"Setzt euch", flüsterte der Mann und drehte den Plattenspieler neben ihm etwas lauter.
"Mein Name ist Niko Goodsworth. Freut mich, Sie kennen zu lernen", sagte der Mann. Dann begann er zu flüstern. "Und jetzt sei endlich still. Absolut jeder kann uns hier belauschen."
"Die beiden Soldaten-Trotteln da hinten sind kurz vorm einnicken. Also was gibt's?", wollte Cifer wissen.
"Man merkt wirklich, dass ihr keine SEEDs seid. Sonst würdet ihr etwas vorsichtiger mit der Situation umgehen. Nun, lassen wir das. Aufgrund der jetzigen Lage sehe ich mich gezwungen eure Hilfe zu beanspruchen. Verpatzt das also bloß nicht", sagte Niko forsch.
"Unser Vorhaben ist gescheitert. Wir wollen nur diese verdammte Stadt verlassen."
Squall war aufgrund Nikos Worte etwas gereizt. Niko nahm einen Schluck Wasser.
"Xell ist sich dem bewusst, aber ich bedaure. Eure Unterstützung wird weiterhin benötigt. Ich erzähle euch von der neuen Mission. Sie hört sich im Prinzip einfach an, ist sie aber nicht", begann er nach einem Räuspern seiner Stimme. Squall sah aus den Augenwinkeln, wie Cifer die Augenbrauen hob.
"Unser Ziel ist den Anführer der feindlichen Truppe zum Rückzug zu zwingen. Xell konnte auf dem Radar erkennen, dass sich unser Gegner auf das Fernsehstudio zu bewegt. Das wird vermutlich ihr neuer Hauptsitz. Von dort aus müssen wir sowohl den Anführer als auch seine Truppe in die Flucht schlagen. Die kleinen Fische werden aber notfalls auch die anderen SEEDs erledigen."
"Welche Informationen hast du denn bis jetzt über diese Typen gesammelt?", fragte Squall so ruhig wie möglich.
"Das ist für euch nicht relevant. Ihr führt lediglich meine Anweisungen aus", antwortete Niko.
"Was!?"
Squall hätte beinahe vergessen, sich unauffällig zu verhalten.
"Hör auf, uns wie den letzten Dreck zu behandeln, sondern sei für unsere Unterstützung dankbar. Vergiss nicht, wir sind KEINE SEEDs, sondern helfen hier nur einem Freund", fuhr Squall leiser fort.
"Blabla, ihr wollt doch bloß Anerkennung. Aber die bekommt ihr erst, wenn ihr eure Arbeit gut macht. Wie auch immer. Ich hab meine Anweisungen und ihr habt eure", erklärte Niko.
"Und die wären?", wollte ein aufgeheizter Cifer wissen.
"Die Feinde daran zu hindern, mein Vorhaben zu sabotieren", antworte Niko prompt. "So, es wird für mich Zeit auf die Toilette zu gehen", sagte er, deutete unauffällig auf ein Funkgerät, dass er unter seiner Jacke versteckt hatte und stand auf. Squall nickte und wandte sich an Cifer, nachdem Niko in die Herrentoilette verschwand.
"Ich glaube, ich weiß wer das ist. Das ist der Bruder von Niida", sagte Squall.
"Sein Bruder? Dass ich nicht lache... Wie kommst du auf diesen Blödsinn?"
"Niko heißt Goodsworth mit Nachnamen, genau wie Niida. Des Weiteren spricht sich schon seit ein paar Jahren rum, dass Niidas Bruder ein ziemlich legendärer SEED sein soll..."
"Für mich ist er ein legendäres Arschloch", sagte Cifer grimmig.
"Ich weiß, dass er es ist."
Squall dachte an seinen Traum von Niidas Kindheit. Niko war zwar nur verschwommen drin vorgekommen, aber er war sich sicher, dass es sich um die gleiche Person handelte.
Nach wenigen Minuten kam Niko wieder zurück und setzte sich.
"Xell meinte, ich soll es euch auch erzählen. Also hört zu."
Cifer verdrehte die Augen, während Niko begann, sie über dem Ereignis aufzuklären.
"Diese Stadt wird von Galbadia-Patrioten belagert, die zu Zeiten Delings beim Militär waren. Ihr Anführer ist ein Mann mittleren Alters, dessen genaue Identität noch nicht bekannt ist, der aus freien Stücken handelt. Die SEEDs arbeiten daran, Näheres heraus zu finden..."
Niko nahm erneut einen Schluck Wasser.
"Ich spionierte ein wenig rum und erfuhr, dass ihr Ziel die Eroberung Timbers ist."
"Was du nicht sagst", murmelte Cifer.
"Warum sollten Sie das wollen? Ich weiß, dass galbadianische Nationalisten stets Timber als ihr Eigentum betrachtet haben, aber hier scheint es sich um eine professionelle Einheit zu handeln. Wieso sollten diese Typen hier einfallen?", fragte Squall.
"Nun ja, sie hätten ein gutes Druckmittel, um Galbadia frei zu pressen. Das ist zumindest die offizielle Theorie der galbadianischen Regierung. Obwohl ich eine andere Theorie habe."
"Und die wäre?", fragte Squall.
"Ich glaube nicht, dass ihr bereits reif für meine Gedanken seid", antwortete Niko mit einem fiesen Lächeln.
Cifer musste ihn so mörderisch angesehen haben, denn nach einer kurzen Pause fuhr Niko fort.
"Vielleicht handeln sie in einem geheimen Auftrag der galbadianischen Regierung. Somit könnte die Regierung nach außen hin gequält zustimmen, nach innen hin würden sie sich freuen, weil sie endlich Timber besitzen würden. Und der Pollendina Rat würde da nicht zustimmen. Für Kitisa käme das gelegen. Viele seiner Wähler sind Anhänger der alten Diktatur und sehen darin sicher eine Heldentat. Vermutlich lest ihr keine Zeitung, aber demnächst ist Wahl in Galbadia. Und wenn Kitisa abgewählt werden würde, wäre seine politische Karriere zu Ende. Weder Galbadia Präsident, noch Pollendina Vorsitzender."
Squall erinnerte sich an Cecil Kitisa. Er kam ihm zwar kleinkariert vor, aber so etwas... Cifer fasste es treffend zusammen.
"Das ist der größte Quatsch, den ich je gehört habe. Kitisa würde dadurch sein Gesicht verlieren und nix gewinnen."
"Ich sagte es doch. Ihr habt einfach nicht die Reife. Ach ja, wir sollten besser verschwinden", meinte Niko.
"Warum so plötzlich? Ich finde, wir sollten noch ein wenig weiter über Politik diskutieren", meinte Cifer lakonisch.
"Ich bezweifle, dass wir hier noch länger willkommen sind", antwortete Niko und deutete auf ein Dutzend Soldaten, die gerade zur Tür rein kamen.
An der Spitze von ihnen befand sich der General. Er trug eine schwarze Uniform und einen langen Mantel. Er war ein großer Mann, hatte schwarzes kurzes Haar, aber ein überraschend jugendliches Gesicht, dass von mehreren Narben gezeichnet war. Neben ihm stand ein anderer alter Bekannter. Goldwarth, der Offizier mit den Narben am Hals. Er schien der Adjutant des Anführers zu sein.
"Wir verhalten uns ganz ruhig. Das gilt auch für dich, klar?", befahl Niko und schaute Cifer skeptisch an.
Die Soldaten begannen von vorne nach hinten alle Anwesenden zu durchsuchen. Niko trank einen Schluck und blätterte die Zeitung um. Squall hatte ein mieses Gefühl und versteckte sich ebenfalls hinter einer Zeitung, die auf dem Fensterbrett lag. Er tat so, als würde er Cifer mitlesen lassen, um dessen Gesicht zu verstecken, doch Cifer wollte offensichtlich nicht mitspielen.
"Sucht ihr uns?", fragte Cifer freundlich.
"Idiot!", knurrte Niko.
"Ha, erwischt! Das da sind sie!", schrie Adjutant Goldwarth und zeigte auf Squall und Cifer.
"Festnehmen und Exekutieren!", befahl der General.
Die restlichen Soldaten rannten auf Squall und den anderen beiden zu.
"Wunderbar", schrie Niko und holte einen aufklappbaren Zweischneider raus.
Cifer warf den Tisch zur Seite und traf damit beinahe einen Soldaten. Er und Squall stellten sich mit gestreckter Klinge neben Niko und bereiteten sich für den Angriff vor. Nachdem die ersten sieben Angreifer sofort von dem Trio zur Schnecke gemacht wurden, änderte der General die Strategie.
"Fernkampf mit Splittermunition! Ich erwarte diesmal bessere Resultate", ordnete er ruhig an.
Unmittelbar nachdem sich Squall, Cifer und Niko hinter der Bar verstecken konnten, wurde beinahe die komplette Einrichtung des Hotels binnen kürzester Zeit zu Sägemehl verarbeitet. Nachdem die Staubwolke sich legte, liefen die Soldaten auf die Bar zu.
"Erst schießen, dann fragen, oder wie? Diesen Amateuren werd ich jetzt aber zeigen, wie man richtig kämpft", sprach Cifer und stand auf. Niko packte seine Waffe weg.
"Genug gespielt. Verdeckt euer Gesicht!", rief er und schleuderte eine Tränengasgranate, die er aus seiner Jackentasche zauberte, in die Menge der Soldaten. Diese explodierte sofort nach dem Aufprall und vernebelte innerhalb weniger Sekunden den kompletten Raum. Niko warf einen Sessel gegen das Fenster, das daraufhin zertrümmert wurde, und konnte, gefolgt von Squall und Cifer, noch rechtzeitig in die Toilette flüchten.
"Sobald sie wieder sehen können, werden sie denken, wir sind durch das Fenster geflüchtet! Und nun ab in den Lüftungsschacht!", befahl er und kletterte über das Waschbecken nach oben in den Lüftungsschacht, der bereits geöffnet war. Nachdem alle drei im Schacht verschwunden waren, konnten sie hören, wie ein paar Soldaten in den Raum stürmten.
"Bewegt euch nicht und haltet bloß den Mund!", befahl Niko und lauschte, was unter ihnen gesprochen wurde.
"Hier sind sie auch nicht. Los, raus hier!", winselten sie, immer noch von dem Tränengas angeschlagen.
Bevor sie den Raum verlassen konnten, kamen noch weitere Soldaten rein. Squall konnte den so genannten 'General' erkennen, als er durch einen Schlitz durchsah. Ob General oder nicht, er liebte es scheinbar so angesprochen zu werden.
"Soso, was habe ich mir auch anderes erwartet. Ihr seid eine Schande für die Einheit der 'Schwarzen SEEDs'", schrie der General. Es war die gleiche Stimme, wie im Funkspruch, der ihnen von Quistis vorgespielt worden war.
"Was!?"
"Psssss!", blies Niko Squall ins Gesicht.
"Galbadia braucht uns.", fuhr er fort, "Der Staat hatte früher stets die richtigen Entscheidungen getroffen. Er wusste, was gut für uns war. Doch was ist jetzt davon noch übrig? Nichts... Der Staat schrumpft, das Militär und die Rüstungsindustrie werden vernachlässigt, die Stärke Galbadias schwindet dahin. Die demokratischen Würmer nagen am großen galbadianischen Fleisch. Das Volk ist schwach geworden, doch wenn wir unser Ziel erreicht haben, wird es zu neuer Stärke finden.
Geht nach draußen und sucht nach ihnen!"
"Ja, General."
Mit diesen Worten verließen die Soldaten den Raum. Der General blieb allein zurück. Er schien zu überlegen. Auf einmal fing er an zu zittern, als hätte er einen Anfall. Doch so schnell, wie es gekommen ist, war es vorbei. Der General verließ den Raum.
"Lass uns hier verschwinden", schlug Cifer vor. Die drei kletterten durch den Lüftungsschacht.
Niko trat mit aller Kraft gegen einen Deckel, welcher sich daraufhin öffnete. Nachdem sie aus dem Schacht geklettert waren, mussten sie feststellen, dass sie in einer Kammer auf dem Dach des Hotels gelandet sind. Die Häuser standen alle sehr nah nebeneinander und waren zum Teil alle gleich groß. Diese Anordnung erinnerte Squall an Dollet.
"Die 'Schwarzen SEEDs'?", fragte Squall ungläubig.
"Aber meine Theorie war richtig. Dieser General hat es gesagt, dass er Galbadia helfen will. Ich glaube, ihr könnt einiges von mir lernen. Politische Weitsicht, zum Beispiel", sagte Niko mit einen bösen Grinsen.
Squall sah Niko in die Augen. Er hatte Niidas Augen und trotzdem hätten sie nicht unterschiedlicher sein können. Wo Niidas Augen naiv und vielleicht übermütig gewesen waren, blitzten Nikos kühl und herausfordernd.
Niko hatte damals dafür gestimmt, dass man Niida aus der Familie ausgestoßen hat. Squall hasste diesen Niko mit jeder weiteren Sekunde.
"Es wird Zeit Bericht zu erstatten... Hey!!" Squall stahl Niko das Funkgerät aus der Tasche.
"Rinoa? Ich bin's! Bist du da?"
"Squall? Hey, du bist wohlauf!", konnte man Xells erfreute Stimme hören. Ebenso konnte man Rinoa hören, die auf die Sprechanlage zu stürmte.
"Du Idiot! Du hast mir so einen Schrecken eingejagt! Weißt du, wie besorgt ich war!?"
"Tut mir Leid, aber dieser Angriff kam so plötzlich..."
"Du solltest wieder zurückkommen. Dieser SEED, Niko, schafft es auch ohne euch", rief Rinoa.
"Leider wird das nicht so einfach werden. Die Soldaten sind hinter uns her und das komplette Gebiet wurde verriegelt."
Rinoa seufzte. Danach übernahm Xell.
"Übrigens, es gibt gute Nachrichten: Ihr bekommt Verstärkung. Wir konnten im Speicher zehn von diesen Zu-Schwingen finden. Neun normale und ein Weißer SEED sind bereits auf den Weg nach Timber. Wir wissen aber noch nicht, wo sie landen werden..."
"Gib mir das Gerät!", knurrte Niko und riss es Squall aus der Hand, "Wir haben ein paar wertvolle Informationen für euch. Zum einen wissen wir nun, dass Galbadia dahinter steckt, die mit allen Mitteln versuchen, Timber zurückzuerobern. Des Weiteren ist der Name 'Schwarze SEEDs' gefallen. Ich glaube, wir beide wissen, dass das keine echten SEEDs sind. Hier handelt es sich wohl um eine paramilitärische Einheit. Auch hat der Anführer anscheinend vor, Galbadia mit mehr Macht zu besorgen. Ich denke persönlich, dass du der galbadianischen Regierung auf die Finger schauen solltest."
"Der Rat Pollendina hat aber geschworen, dass niemand von der Regierung etwas damit zu tun hat. Wenn du willst dann werden wir Galbadia noch mal zur Rede stellen und dabei auch diese Schwarzen SEEDs erwähnen", sprach Xell.
"Okay, wir fahren dann mit unserer neuen Mission fort. Der Truppenführer müsste sich inzwischen im Studio befinden. Ich lass das Funkgerät auf Standby, wenn es etwas WICHTIGES geben sollte. Und damit meine ich KEINE FLIRTGESPRÄCHE!", sprach Niko mit drohender Stimme ins Mikrofon und sah daraufhin Squall wütend an.
"Sag mal Niko, warum bist du eigentlich so scharf darauf, Galbadia was anzuhängen? Du stammst doch selbst aus Galbadia", fragte Squall.
"Unterstellst du mir etwa, dass hier persönliche Gefühle eine Rolle spielen? Persönliche Gefühle kann ich zeigen, wenn ich mit meiner Freundin zusammen bin. Aber nicht hier!"
"Warum auf einmal so zickig, Niko? Das ist doch unprofessionell. Hat dich Kitisa etwa beim Pinkeln in sein Frühstück überrascht und dich deswegen irgendeiner beruflichen Karriere, zum Beispiel als Galbadia SEED beraubt?", sagte Squall mit einem grimmigen Grinsen.
Das war anscheinend nicht ganz so weit von der Wahrheit weg, denn als Niko sprach, sah man ihm seinen Zorn an.
"Hast du etwa ein Problem mit mir?"
"Aber ja doch. Aber wir sind ja hier mitten in einer Mission und persönliche Gefühle spielen keine Rolle. Gehen wir?"
Niko sah ihm wütend in die Augen, senkte dann seinen Blick. Cifer zwinkerte Squall grinsend zu.
Während die Drei über die Dächer marschierten, musste Squall an die Liste mit den Frauennamen denken. Rinoa... Ellione... Aomes Trianirea kannte alle von ihnen. Während er und Cifer hier in Timber gefangen waren, könnte Prokylta inzwischen mit ihren gefährlichen Plänen voranschreiten. Rinoa war in Sicherheit. Sie war bei den SEEDs, aber was ist mit Ellione? Auch wenn er glaubte, dass die Liste vernichtet wurde, wollte er das hier so schnell wie möglich hinter sich bringen um Ell zu warnen.
Squall, Cifer und Niko waren am Ende der Häuserreihe angelangt und das Studio war nur mehr wenige Straßen entfernt.
"Vergesst nicht, unser Feind könnte jedermann sein", erwähnte Niko nochmals.
"Die werden beim Sender jedes Mauseloch überwachen. Wie sieht diesmal dein Plan aus?"
"Nun, in der Zwischenzeit müsste Xell schon weitere Informationen haben. Wir können uns dann hoffentlich auf diese beziehen", gab Niko zurück und holte sein Funkgerät raus.
"Xell? Antworten!"
Man hörte ein Knacken.
"Hi, Niko. Wie läuft's so?", grüßte Xell.
"Unwichtig. Wir werden uns jetzt zum Sender vorarbeiten. Gibt es was, was wir nicht wissen aber wissen sollten?", fragte er unfreundlich.
"Du hast uns doch kaum Zeit gegeben etwas herauszufinden. Aber mal was anderes: Auf unseren Luftbildern sieht man das Studio vor lauter Soldaten nicht mehr. Also von außen kommt man da nicht so einfach rein. Bist du sicher, dass ihr da rein wollt?"
"Ja, damit habe ich gerechnet. Gut Xell, hör zu! Auf meinem Schreibtisch liegt ein Ordner, in dem sich Dokumente, Pläne und Karten über Timber befinden. Such die Karte mit dem Kanalisationsnetz raus. Sie müsste irgendwo in der Mitte sein. Und beeil dich!"
"Ja, stimmt! Ich saus mal schnell los. Quistis, übernimm du!", hörte man Xell rufen.
"Und da rennt er dahin, der Hasenfuß", grinste Cifer. Niko setzte kurz ein hinterhältiges Lächeln auf und schaltete das Gerät wieder auf Bereitschaft um. Squall wurde der Typ immer unsympathischer. Die Drei warteten schweigend. Squall dachte über Niko nach. Er war so anders als sein Bruder. Er war professionell, brillant im Kampf und wusste jede Situation gut einzuschätzen. Doch er war auch arrogant, unnötig aggressiv und höchst unsympathisch. Und trotzdem schien er jemanden in seinem Leben zu haben, der ihm nahe stand. Squall fragte sich, wie irgendjemand so einen Typen wie Niko lieben konnte. Wer auch immer, die Person hatte sicher nicht viel Selbstvertrauen, wenn sie sich mit einem so machtgeilen Arsch liiert. Das Funkgerät knackte. Xell war wieder da.
"Hey, ich hab die Karte gefunden. Da wir eure Position auch kennen, werden wir euch sagen, wie es weiter geht. Haltet euch nur an unsere Anweisungen, Jungs. Also wenn ihr mal im Kanal drin seid, ist es kein Problem mehr. Dummerweise kommt man da entweder nur über einen Gullydeckel mitten auf der Straße, oder über die Abzugsrinnen in den Kellern von Wohngebäuden runter. Man hat früher in allen Wohngebäuden einen direkten Zugang zum Kanal angelegt, damit im Falle einer Katastrophe..."
"Ich weiß und es interessiert mich nicht. Mit anderen Worten heißt das also, wir müssen versuchen über den Keller eines Wohnhauses da rein zu kommen..."
"Yo, dummerweise gibt es in Timber niemanden, den man vertrauen kann."
"Doch!"
Rinoa war nahm wieder das Mikrofon.
"Squall, du weißt doch noch vor fünf Jahren... Damals als ihr hier eure erste Mission als SEED ausgeführt habt. Wir haben uns da für eine Weile bei Frau Euphem versteckt. Die Anführerin der einer anderen Widerstandsgruppe, der Waldfüchse."
Squall dachte kurz nach und plötzlich fiel es ihm wieder ein. Sie hatte ihm und seinen Freunden Unterschlupf gewährt, als Soldaten nach ihnen gesucht hatten.
"Ja, das ist es. Und überhaupt... Sie wohnt fast direkt neben dem Studio."
"So und jetzt gib mir das Ding, bevor ihr wieder auf dumme Gedanken kommt." Niko schaltete das Funkgerät aus.
"Da du scheinbar weißt, wo diese Frau wohnt, hast du die Ehre uns dort hinzuführen."
Squall gab keine Antwort mehr auf Nikos Kommentare. Das Haus von Euphem war nur ein paar Häuserreihen entfernt, doch der Weg dorthin erwies sich insofern als schwierig, da die Soldaten bereits alle Ausschau nach den drei hielten und sie deshalb mühevoll von Dach zu Dach oder Mülltonne zu Mülltonne krabbeln mussten. Fünfzehn Minuten vergingen und das Haus kam immer wie näher...
Drei feindliche Soldaten patrouillierten vor Euphems Haus hin und her.
"Macht euch schon mal warm. Ein Kampf lässt sich nicht mehr vermeiden", sagte Niko herrisch.
"Ui, unser SEED will wohl die Muskeln spielen lassen. Tse, die heutige Jugend hat echt keine Fantasie", sagte Cifer sarkastisch.
"Nicht kämpfen?", fragte Squall ungläubig.
"Neuer Mantel, neuer Mann. Naja, zumindest jetzt. Ab durch das Fenster!", murmelte Cifer.
Squall und Cifer robbten über das Dach und kletterten über ein Rohr langsam auf der Hinterseite des Hauses (wo keine Soldaten waren) herunter, stiegen gemütlich durch ein Fenster und landeten direkt in Euphems gemütlicher Küche. Eine alte Frau stand am Herd und sah sie etwas verwirrt an.
"Hallo. So sieht man sich wieder", grinste Squall.
"Sollte ich Sie kennen, junger Mann?"
Squall wollte gerade seinen Mund aufmachen, als Niko fluchend und unbeholfen durchs Fenster reingestolpert kam und unsanft hinfiel.
"Heartilly soll das hier klären!", keuchte NIko.
Mit einem Blick auf Niko schaltete Squall das Funkgerät ein.
"Rinoa? Xell? Wir sind jetzt bei Frau Euphem. Ihr kennt euch doch noch."
"Rinoa?"
Euphem nahm Squall das Funkgerät aus der Hand.
"Rinoa? Kleines? Bist du wirklich da?"
"Ja. Leider können wir nicht lange reden. Ich hätte eine Bitte an dich. Erinnerst du dich noch an Squall? Er war vor fünf Jahren dabei, als wir für die Unabhängigkeit Timbers gekämpft haben und..."
"Ah ja! Wie konnte ich diese netten SEEDs nur vergessen. Willkommen, Squall. Sieh an, du bist ein richtig hübscher Mann geworden."
Squall spürte, wie er leicht rot wurde...
"Was immer es auch ist... Als Mitglied der Füchsinnen könnt ihr auf meine Hilfe zählen. Setzt euch doch. Ich hab gerade Kuchen gemacht", sagte sie und zeigte auf den Kuchen in Mogry-Form. Squall erklärte ihr die Lage und die weiteren Schritte ihres Planes.
"Macht euch keine Sorgen. Das Studio ist gleich um die Ecke. Wenn ihr wirklich vor habt durch den Kanal zu gehen, werdet ihr in fünf Minuten da sein."
"Nichts desto trotz sollten wir uns sofort auf den Weg machen. Wir wissen ihre Kooperation wirklich zu schätzen", bedankte sich Niko.
"Genug der Höflichkeiten! Ich mach euch den Deckel auf, der da runter führt", lachte Euphem, öffnete die Kellertür und stieg hinab. Cifer und Niko folgten ihr. Squall wollte ebenfalls gerade die Treppe hinabsteigen, als auf einmal...
"Squall Leonhart?", dröhnte eine Stimme aus dem Funkgerät.
"Wer sind Sie? Wo ist Rinoa?"
"Sie können sie nicht empfangen, solange ich mit Ihnen Kontakt habe..."
"Dann sagen Sie mir, mit wem ich es hier zu tun habe!"
"Mein Name ist uninteressant. Ich bin hier, um Ihnen etwas mitzuteilen. Wir treffen uns in 15 Minuten beim Bahnhof."
"Was soll das? Welcher Bahnhof? Was wollen Sie überhaupt?"
"Ich bin bei dem Bahnhof, der Ihnen am nahesten ist. Es ist wichtig. Es geht um den General und seine Gruppe, sowie um etwas, was sie ganz direkt betrifft. Die Ereignisse in Timber haben mit dem Rest nämlich durchaus was zu tun."
Ein Knacken. Rinoa war wieder zu hören.
"Was war das denn schon wieder? Mit wem hast du da gesprochen?", wollte sie wissen.
"Jemand, der auf geheimnisvoll macht..."
"Was ist denn los?", fragte Cifer, der gerade aus dem Kellerloch zurückkam.
Squall erklärte ihm schnell die Situation.
"Das kann aber auch ne Falle sein. Is heut nicht grad der Tag für blindes Vertrauen", meinte Cifer.
"Ich weiß. Trotzdem scheint der Typ Informationen zu haben..."
Cifer sah ihn an.
"Cifer, ich brauch deine Hilfe. Du musst Niko für mich ablenken. Wenn der Wind davon bekommt, wird er richtig rumzicken", sagte Squall leise.
Cifer legte ein kurzes Grinsen auf sein Gesicht.
"Überlass das nur mir", murmelte er.
"Euphem, haben Sie für mich noch ein Funkgerät?", fragte Squall höflich in das Kellerloch.
"Immer doch. Warte kurz... hier!", antwortete sie. Aus dem Keller flog ein Funkgerät.
Cifer ging mit Nikos Funkgerät wieder den Keller runter.
"Wo ist Squall? Und nimm deine Pratzen von meinem Funkgerät runter!", konnte Squall gerade noch hören, bevor er das Haus durch das Fenster wieder verließ.
Squall hatte das Funkgerät noch eingeschaltet und konnte Cifers Stimme hören. Er klang auf einmal sehr melancholisch.
"Weißt du Rinoa, du und ich, wir waren doch immer ein gutes Paar."
"Verdammt, gib mir das Funkgerät. Die Batterien...", fluchte Niko im Hintergrund.
"... Es ist nicht so, dass ich nicht glücklich war, aber du hattest nie Verständnis für andere Menschen", hörte er Rinoa sagen, die offensichtlich den Plan begriffen hatte.
"Sag mal, Rinoa, macht dich Squall wirklich glücklich? Ich denke, wir sollten mal ernsthaft ein Gespräch über deine Probleme mit ihm führen."
"Wirklich?"
"Ich glaube, du brauchst eine starke Schulter zum Ausweinen", hörte Squall Cifer sagen.
"Verdammt! Xell! Bricht endlich diese Verbindung ab!", konnte man Niko schreien hören.
"Wie denn? Rinoa lässt uns nicht an die Sprechanlage ran...", antwortete Xell verzweifelt.
"Meinst du so eine starke Schulter wie deine?", fragte Rinoa zurück.
"Genau, Schätzchen. Nicht so ein Weichei wie Squall, der immer geheult hat, wenn Mama ihm den Popo..."
Squall schaltete das Funkgerät entnervt ab.
Zehn Minuten später erreichte Squall den Bahnhof. Die Straßen waren wie leer gefegt. Es lag vermutlich daran, dass sich die Soldaten im Fernsehstudio verbunkert hatten.
Jemand hatte sich über eine Person gebeugt, die am Boden lag. Squall sah den Blutfaden, der von der am Boden liegenden Person ausging. Der Typ bemerkte Squall und stand auf. Squall legte seine Hand auf die Gunblade.
"Wer ist dieser Mann?", fragte er.
"Entspann dich! Ich habe Sie vorhin kontaktiert."
Squall erkannte die Stimme des Typen wieder.
"Ich bin ein weißer SEED, einer von Edeas engsten Vertrauten. Ich trage nur aus Tarnungszwecken zivil", erklärte der Mann.
"Und wer ist das nun?", fragte Squall unsicher.
Der Mann öffnete das T-Shirt des Toten. Darunter befand sich die übliche bernsteinfarbene Robe der Sekte.
"Einer von Aomes Trianirea. Er war, glaube ich, einer von der Killertruppe der Sekte. Putzkolonne, nennen die das."
"Dann liegt er ja richtig", grinste Squall.
"Es tut mir Leid, dass ich dich so plötzlich hierher beordert habe, aber ich wollte die Informationen nicht über Funk preisgeben. Das wäre zu riskant gewesen."
"Verstehe. Worum geht's?"
"Nun mal langsam. Edea hat mich dazu beauftragt zusammen mit neun normalen SEEDs nach Timber zu gehen, um dich über die jetzige Situation aufzuklären." Der Weiße SEED holte aus seiner Tasche etwas hervor. Etwas war in Papier eingewickelt. Er packte es aus und eine schimmernde Kugel kam hervor
"Ein Lacrima des Alphega?", fragte Squall ungläubig.
"Der Eis Lacrima, um genau zu sein", bestätigte der SEED.
"Wo hast du den her?", fragte Squall.
"Der Lacrima war wohl in Dollet versteckt und unser Freund von der Putzkolonne sollte ihn wohl finden. Anscheinend haben ihn jedoch die Leute des Generals vorher gefunden. Da sie ihm das Artefakt nicht abgenommen haben, schätze ich, dass sie nicht wissen, was es mit denen auf sich hat", sagte der SEED.
Squall schaute zu dem Toten herab. Der SEED fuhr fort.
"Ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel, wenn ich es behalte. Edea meinte, es wäre am besten, wenn sich die Artefakte alle an unterschiedlichen Orten bei unterschiedlichen Personen befinden."
"Ja, da hat sie Recht. Ich bin ohnehin nicht scharf darauf, dieses Ding bei mir zu tragen."
"Okay. Doch jetzt zu dem, was ich eigentlich sagen wollte. Ich hab etwas in euren Funkverkehr reingehört. Du musst wissen, dass es innerhalb der SEEDs Abstufungen gibt. Nicht allen wird alles erzählt. Edea wollte das einführen, weil sie, wie wir Weiße SEEDs die Wahrheit wusste.
Ich weiß etwas mehr über unseren Gegner. Der Name der Einheit ist Schwarze SEEDs und es ist eine Einheit von reaktionären Galbadia Leuten. Die Einheit setzt sich aus alten Galbadia Militärs zusammen, aber auch Soldaten, die von woanders rekrutiert wurden. Und Menschen, denen eine Gehirnwäsche verpasst wurde. Ziemlich finstere Angelegenheit", erzählte der SEED.
"Das dürfte Nikos Theorie wohl ad absurdum führen. Und wer ist der Anführer, dieser General?", murmelte Squall.
"Das ist momentan die große Frage. Informationen über diesen Mann sind nur sehr spärlich zu bekommen. Er kommt ebenfalls aus dem militärischen Bereich. War aber anscheinend nur ein kleiner Leutnant und macht nun auf General. Wir wissen wenig über den Mann, aber aus Unterhaltungen haben wir seinen Namen aufgeschnappt. Anscheinend nennen ihn seine Untergebenen General Caris!"
"Caris", murmelte Squall.
"Es gab Unterlagen über einen Caris, aber nach diesen ist er vor Jahrzehnten schon bei einer Schlacht im Kampf gegen Esthar gefallen. Dieser Mann müsste eigentlich tot sein und da beginnt meine Information. Vielleicht solltest du die Details unserer Unterhaltung besser für dich behalten", meinte der Weiße SEED.
"Warum das? Xell und die anderen verlassen sich darauf, dass ich ihnen alles berichte, was ich weiß."
"Ich hatte dir erzählt, dass wir Weißen SEEDs mehr wissen als der Rest. Dies hat einen ganz einfachen Grund. Edea weiß, dass die SEEDs korrupt sind und das ein Krieg aufkommen wird. Doch dieser Krieg wird lange Zeit nur in den Schatten gekämpft werden. Man wird nicht wissen, wem zu trauen ist und wem nicht. Die Sekte und auch General Caris kommen beide aus dem Untergrund, genauso wie Artemisia damals aus dem Hintergrund die Fäden gezogen hat. Wir selbst müssen genau in diesen Untergrund steigen, um zu sehen, wer diesesmal die Fäden zieht.
General Caris kann diese Invasion unmöglich alleine durchführen. Zu so einer Operation bedarf es Hintermänner, Leute, die finanzieren, die steuern, die kontrollieren", meinte der SEED.
"Caris ist also nur ein Aushängeschild für etwas anderes?"
"So einfach ist das nicht. Er selbst hält sich vermutlich für den größten Anführer aller Zeiten, aber diese Welt, aus der Caris kommt, die taktet anders. Es ist etwas im Gange, wir wissen noch nicht, was, aber wenn wir richtig liegen, dann könnte es sich dabei um das größte Komplott in der Geschichte der Menschheit handeln."
"Wovon redest du? Du hattest eben gesagt, Caris ist ein alter Patriot. Aber das ist doch im Grunde nicht meine Geschichte, ich muss Ellione..."
"Squall! Du hast doch eben den Lacrima gesehen. Die Welt besteht nicht aus einzelnen abgeschlossenen Bereichen. Es ist alles eins. Sicherlich, Prokylta und Caris scheinen oberflächlich nichts miteinander zu tun zu haben, aber auf irgendeiner Ebene laufen sie zusammen und wenn es ihre ähnlichen Methoden sind. Irgendwo laufen die Fäden dieser immer Welt zusammen. Es sind nicht einfach nur Objekte im leeren Raum, es ist ein Ganzes.
Vielleicht ist auch alles nur ein Hirngespinst, aber bis wir sicher sind, bitte ich dich darum, vorsichtig zu sein. Pass auf, wem du vertraust. Du hast gesehen, was gerade erst mit Niida passiert ist. Das war erst der Anfang. Sei vorsichtig und bilde dir dein eigenes Urteil", schloss der SEED.
"Du... bringst nicht grad Zuversicht mit", murmelte Squall.
"Ich vertraue dir. Wir vertrauen dir. Edea vertraut dir. Deswegen wollte ich dir das alles über diesen Weg zukommen lassen. Wir wissen nicht, wer sonst mithört", meinte der SEED.
"Woher weiß ich, dass du die Wahrheit sagst?", fragte Squall.
"Unter anderen Umständen würde ich sagen, du sollst mir vertrauen, aber ich hatte dich ja grad genau davor gewarnt. Du wirst bald von Xell eine 'neue Entwicklung' hören und zwar bekommt er bald die Information zugespielt, dass Caris in dem Fernsehstudio eingefallen ist..."
"Das wissen wir schon!", unterbrach Squall.
"...und dort eine wertvolle Geisel hat. Cecil Kitisa sollte eigentlich heute eine Ansprache wegen des bevorstehenden Wahlkampfes und zur Lage der Welt halten. Nur wenige wussten von diesem Auftritt und Caris gehörte anscheinend dazu. Irgend jemand scheint den General mit diesen interessanten Informationen zu beliefern. Kitisa befindet sich in Caris Gewalt und mit ihm hat er ein perfektes Druckmittel. Wer weiß, wenn wir Caris aufhalten, vielleicht können wir dann etwas Licht in die Sache bringen und das verbindene Glied zwischen diesem Ereignis und der Sekte identifizieren", meinte der SEED.
"Und was ist mit den SEEDs? Sind sie noch vertrauenswürdig", fragte Squall.
"Einige von ihnen schon, andere nicht. Wir wissen definitiv, dass ein paar sogenannte SEEDs in Wahrheit ein Teil der Sekte sind. Deswegen sei vorsichtig, wem du vertraust", flüsterte der Weiße SEED.
Squall starrte abwesend auf das Funkgerät.
"Ich weiß, dass du etwas Erfreulicheres hören wolltest. Aber ich sage dir die Wahrheit. Die SEEDs sind uns untergeordnet und deshalb wissen wir alles über sie und noch viel mehr. Wir sind zwar auch nur Menschen, aber wir stehen Edea sehr nahe und sie kämpft ohne Zweifel für unser aller Wohlbefinden. Und deshalb sind auch wir diejenigen, die von Edea höchstpersönlich Missionen besonderer Bedeutung, von denen die SEEDs nicht wissen, aufgetragen bekommen. Wenn du jemanden vertrauen kannst, dann sind es wir, aber das musst du entscheiden. Finde selbst heraus, was richtig und was falsch ist."
"Ich weiß nicht, ob ich das noch kann, nachdem du mich so verunsichert hast. Aber ich kenne Leute, denen ich sicher vertrauen kann. Und sie vertrauen mir."
"Gut. Ich will dich nicht weiter von deiner Mission abhalten. Deine Freunde warten auf dich."
"Machs gut, Squall. Edea und die weißen SEEDs vertrauen dir mehr, als jeden anderen", sagte der SEED zum Abschied.
Squall nickte und nahm das Funkgerät raus. Es zeigte an, dass jemand gerade dabei war Kontakt mit ihm aufzunehmen.
"Squall hier."
"Ich bin's wieder, Xell. Niko ist schon vorausgegangen, er war ziemlich wütend. Aber lassen wir das erst mal. Es gibt wichtige Neuigkeiten. Bei all dem Chaos ist uns diese Angelegenheit völlig entgangen..."
"Ja ja, worum geht's?"
"Halt dich fest: Kitisa befand sich heute Morgen, bevor die Invasion begann, im Timber-Fernsehstudio, um sich für eine Rede vorzubereiten. Nachdem die Sache mit der Invasion bekannt wurde, schickte man sofort einen Helikopter von Deling nach Timber, jedoch wussten sie da noch nichts von der überraschenden Übernahme. Tja, das Fluchttransportmittel traf einige Zeit nach der Invasion in Timber ein und wurde dann einfach runter geschossen."
"Das heißt dann, dass..."
"Genau. Die Schwarzen SEEDs haben das Studio übernommen und ZACK! Der Ratsvorstand befand sich in ihrer Gewalt. Inzwischen ist es unmöglich in die Stadt zu kommen. Kitisa kann also nur von denen befreit werden, die sich schon..."
"Ich hab so ne dumme Idee, worauf die hinauswillst. Ich bin gleich bei den anderen", unterbrach Squall und drehte sich um. Der Weiße SEED war inzwischen verschwunden.
Für einen Moment dachte Squall an die letzten Worte des SEEDs, bevor er sich umdrehte und sich auf den Weg zurück zu den anderen machte.
"Da bist du ja! Was gab's den Großartiges?", fragte Cifer neugierig.
"Nichts Besonderes. Nur ein Weißer SEED mit wichtigen Informationen. Erzähl dir später mehr", antwortete Squall.
"Niko musste unbedingt alleine vorgehen. Ich hatte nicht viel dagegen. Wer weiß, vielleicht wird er ja von dem General über den Haufen geschossen", sagte Cifer hoffnungsvoll.
Nachdem ihnen Euphem noch viel Glück gewünscht hatte, kletterten sie die Leiter zum Kanal runter. Unten angekommen kontaktierte er den Garden.
"Xell, du musst uns den Weg ansagen. Wir wollen jetzt in das Fernsehstudio."
"Yo, kein Problem. Ihr seid praktisch schon da. Geht einfach nach vorne, bis ihr zu einer Verzweigung kommt und dort dann weiter nach links. Auf der Decke seht ihr die Kanaldeckel der einzelnen Gebäude mit Nummern beschriftet. Das Studio hat die Nummer F-03C. Niko ist auch so rein gekommen... Er scheint ziemlich sauer gewesen zu sein."
"Oh, das tut mir aber leid", sagte Squall unbekümmert.
Ein Knacken.
"Squall?"
Rinoa war wieder am Lautsprecher.
"Hey", sagte Squall leise.
"Pass auf dich auf, ja?"
Sie klang besorgt.
"Keine Sorge. Wird schon schief gehen", murmelte er zurück.
Stille auf der anderen Seite.
"Wir müssen weiter", sagte Squall nach einer kurzen Weile.
"Ja..."
"Bis nachher", meinte Squall.
Er schaltete das Funkgerät aus und sah Cifer an. Beide nickten sich zu und gingen dann in Richtung Fernsehstudio.
Niko war so freundlich gewesen und hatte den massiven Deckel offen gelassen, damit die beiden ohne Schwierigkeiten nachkommen konnten. Sie kletterten rein und fanden sich in dem düsteren Fernsehstudio wieder. Bisher war alles ruhig.
"Niko? Wir sind drin", meldete sich Squall.
"Gut, wir verschieben die Diskussion über Gehorsamkeit auf einen späteren Zeitpunkt."
"Wie lautet den Plan?", fragte Squall genervt.
"Nun, Xell hat mir vorher mitgeteilt, dass ihr noch nichts davon wisst, aber in wenigen Minuten beginnt eine Fernsehübertragung von hier aus. Der Truppenführer wird Kitisa vermutlich 'zwingen', eine Rede zu halten, in dem er Galbadia die Unabhängigkeit zurück gibt und den Rat Pollendina auflöst."
"Verstehe... Und die soll verhindert werden, nehme ich an."
"Sozusagen. Laut Xell sind die anderen zehn SEEDs erfolgreich in Timber gelandet und neun davon haben sich schon im Studio eingeschlichen. Sie haben vor, den Feueralarm auszulösen, um die Schwarzen SEEDs zur Evakuierung zu zwingen. Selbstverständlich wird der General darauf bestehen, nicht eher zu flüchten, bevor Kitisa seine Rede gehalten h
t aber es reicht vorerst, seine Männer wegzulocken. Zu diesem Zweck wurden in fast allen Räumen Rauchgasbomben versteckt, die in wenigen Minuten gezündet werden. Wundert euch also nicht."
"Was sollen wir tun?", wollte Squall wissen.
"Eure Aufgabe ist es, Kitisa sicher hier raus zu bringen. Xell wird euch den einfachsten Weg ansagen. Ich werde in der Zwischenzeit den General gefangen nehmen, während meine Kollegen die restlichen Einheiten aufhalten werden..."
"Werden das nicht verdammt viele sein?"
"Du warst selbst mal ein SEED und hast so wenig vertrauen zu uns? Kümmere du dich besser um deinen Job. Wir kommen schon alleine zurecht", meinte Niko.
"Achtung! Das Spektakel beginnt gleich. Squall! Du musst ins Studio 8. Die Zeit rennt", befahl Xell, der allmählich nervös wurde.
Squall ließ das Funkgerät eingeschaltet und schnallte es auf den Gürtel.
"Das wird doch garantiert schief gehen", murmelte Cifer.
Da er und Cifer vor fünf Jahren schon mal hier waren, fanden sie den Weg durch das Studio relativ schnell. Bis jetzt war jedoch kaum jemand zu sehen...
"Da sind diese SEEDs! Stoppt sie!", rief eine Stimme.
Sie waren in einer großen Halle. Durch Türen rannten auf einmal von überall die Schwarzen SEEDs auf und rannten auf sie zu.
"Jetzt wirds lustig", rief Cifer.
Die Soldaten schossen auf sie, Cifer und Squall parierten mit ihren Waffen die Schüsse. Die Soldaten waren nicht wirklich stark, es waren lediglich die Fernkampfwaffen, die ihnen zum Vorteil verhalfen.
Cifers Gunblade begann zu glühen und er rannte mit der Klinge wirbelnd auf seine Gegner zu, um sie niederzustrecken. Squall tropfte bereits Blut aus den Ärmeln, nachdem sie ihn schon mehrmals am Arm getroffen hatten. Er fühlte, wie die Wut seinen Kampfgeist erweckte und die Aggressionen in ihm aufstiegen. Vor ihm standen drei Gegner, die das Feuer auf ihn eröffnet hatten. Er machte eine Rolle nach links, eine nach rechts und sprang mit einem Salto auf seine Gegner zu, die er daraufhin kurzerhand mit seiner Waffe erschlug.
"Scheiße! Cifer! Da hinten!", rief Squall.
Ein Dutzend Soldaten kam am Korridor angerannt. Squall und Cifer versteckten sich hinter großen Scheinwerfern, die links und rechts standen, um nicht vom Kugelhagel getroffen zu werden.
"Wir haben keine Wahl. Reiß dich zusammen, jetzt geht's um..."
"AUF SIE!", hallte plötzlich eine Frauenstimme durch den Gang.
Man konnte hören, wie die Soldaten stehen blieben und kurz darauf ertönte der laute Knall einer Explosion. Squall schaute hinter der Statue hervor und erkannte in dem Qualm und dem Feuer die Umrisse zweier Personen.
"Squall! Kümmert euch um Kitisa und den Anführer. Die Feinde übernehmen wir!", rief der weibliche SEED
"Shou!? Bist du das?"
Squall sah Shou und einen weiteren SEED auf ihn zurennen.
"Verschwinde endlich! Niko wartet auf dich! Ich werde die Stellung mit Sandath hier halten", sagte Shou und deutete auf den SEED neben sich.
Sie hörten mehrere Soldaten, die sich ihnen näherten.
"Ich schätze, das ist hier die interessantere Front. Ich bleib hier, du kümmerst dich um unseren Niko", sagte Cifer grinsend und rannte zu den beiden, die es erneut mit Soldaten aufnahmen.
Squall nickte und rannte in den nächsten Raum. An der Mauer hing ein Schild, auf dem "Studio 7,8" stand und nach links zeigte...
"ACHTUNG: FEUERALARM! AN ALLE ANWESENDEN: VERLASSEN SIE BITTE UMGEHEND DAS GEBÄUDE! ICH WIEDERHOLE..."
"Interessant. Scheinbar hat der Gegenschlag bereits begonnen...", sprach der Goldwarth.
Ein Soldat kam angeeilt.
"Sir. In den Gängen und den meisten Räumen steht der Rauch. Wir sollten..."
"Wir bleiben solange, bis wir das durchgezogen haben. Und wenn wir dabei verbrennen sollten...", antwortete der Anführer der Schwarzen SEEDs.
"Ex-Leutnant Caris! Mit dieser Aktion erreichen Sie gar nichts! Der Rat Pollendina...", begann Kitisa.
"... steht unter Ihrer Befehlsgewalt und genau deshalb werden sie nach Ihrer Pfeife tanzen!", sagte General Caris ruhig.
"Wir sind eine Demokratie! Ihr Terroristen könnt rein gar nichts bezwecken, indem ihr ein Staatsoberhaupt kontrolliert!", brüllte Kitisa.
"Unser Plan umfasst mehrere Stufen und diese setzen nicht voraus, dass wir Macht über den Staat haben... Und was Sie angeht, Kitisa... Wenn Ihr bei der Fernsehübertragung etwas Falsches sagt, dann drücke ich auf diesen Knopf und Ihr wisst, was dann mit Timber passiert...", drohte General Caris und gab ein Zeichen.
Die Kameraleute schoben eine Platte in den Schlitz des zentralen Kontrollpults des Studios. Kurz darauf hörte man etwas, was viele vor fünf Jahren zum letzten Mal gehört hatten. Die alte galbadianische Hymne. Kitisa seufzte und stellte sich hinter das Pult.
"Wir gehen auf Sendung! 3... 2... 1..."
"Liebe Zuschauer! Es tut mir Leid, das aktuelle Programm für diese wichtige Sendung zu unterbrechen. Sie brauchen auch nicht probieren umzuschalten... Wir sind auf allen Sendern."
Kitisa seufzte erneut und sprach weiter.
"Aufgrund des instabilen Zustandes der derzeitigen Regierungsform, sehe ich..."
"Stellen Sie diesen ohrenbetäubenden Alarm ab", befahl General Caris seinen Adjutanten flüsternd.
Dieser nickte und verließ daraufhin den Raum.
In einer Nische unterhalb der Tribüne hatte sich Niko versteckt.
"Verdammt, Xell! Wo sind Squall und die SEEDs, die ihr mir geschickt habt?", flüsterte Niko ins Funkgerät..
"Niko, ich bin hinter der Bühne von Kitisa. Die Soldaten sind in Aufruhr, wir sollten endlich handeln", antwortete Squall.
Xell meldete sich wieder.
"Shou, Cifer und Sandath melden sich nicht mehr. Die anderen sieben SEEDs halten am Eingang Stellung. Alle stecken im Eifer des Gefechts. Ihr beide müsst ohne sie auskommen", sagte Xell unsicher.
"Verstehe. Dann müssen wir jetzt eingreifen. Niko, bereit?", fragte Squall.
"ICH gebe hier die Befehle! Merk dir das ein für alle mal! Mach dich bereit. Wenn ich das Zeichen gebe, schnappst du dir Kitisa und verschwindest mit ihm!", knirschte Niko durch das Funkgerät.
"... Und gerade deshalb halte ich es für angebracht, wenn wir den Rat Pollendina auflö..."
"ANGRIFF!", unterbrach Niko mit schreiender Stimme Cecils Rede.
Squall sprang hinter dem Vorhang hervor, streckte seinen Arm aus und packte Kitisa am Kragen. Der General reagierte schnell und noch bevor Squall Kitisa wegschleppen konnte, richtete Caris einen Revolver auf den Kopf des Ratvorstandes. Niko, der aus seinem Versteck hervor gekommen war, rannte auf Caris zu und schaltete innerhalb kürzester Zeit sämtliche Soldaten im Raum aus. Squall blickte in die Augen von Caris. Goldwarth wollte gerade seine Waffe auf Squall richten, als Niko von hinten an ihn herantrat.
"Versuchs gar nicht erst", meinte Niko lächelnd.
"Ich danke Ihnen, auch wenn unsere Situation jetzt noch schlimmer ist", keuchte Kitisa.
Caris lachte kurz ohne ihn anzusehen und feuerte auf das Mikrofon, welches auf dem Pult vor Kitisa stand. Die Kugel verfehlte Squall und Cecil nur um Haaresbreite.
"Verhandlungsführer?", knurrte Caris.
"Ich", gab Niko zurück.
"Gut. Ich würde vorschlagen, du gibst mir Kitisa zurück oder ich knall ihn vor allen Zuschauern dieser Welt ab", meinte Caris entspannt.
Niko konterte mit einem zornigen Blick, was dem General dazu veranlasste noch mehr zu lachen. Man konnte an seinem Gesichtsausdruck erkennen, wie sehr er dieses Ereignis genoss.
"Kitisa. Zu mir! Und euch beiden rate ich euch nicht zu bewegen."
Kitisa hob vorsichtig seine Hände und ging auf General Caris zu. Dieser feuerte währenddessen mit drei gezielten Schüssen auf die drei Kameras, was bei den Anwesenden und bei allen Zuschauern einen Schrecken auslöste. Kitisa zitterte vor Angst und Squall konnte keine Ähnlichkeiten des arroganten Zwerges mehr in ihm erkennen. Caris schwang seine Hand um Kitisa und packte ihm beim Hals, seine Kanone an dessen Kopf drückend. Squall und Niko bleiben weiterhin an ihrer Position stehen.
"Was wollen Sie?", schrie Niko.
"Ihr wisst was ich will. Ich will Galbadia retten. Die Frage ist, warum ihr mich daran hindern wollt...", antwortete Caris.
"Weil... Galbadia...", presste Kitisa hervor.
"Nach Ihrer Meinung hat keiner gefragt. In einer Demokratie sind Politiker sowieso nur Marionetten", unterbrach der General Kitisa und würgte ihn noch fester.
"Präsident und Ratsvorstand Kitisa. Schwören Sie, dass Galbadia nichts damit zu tun hat?", fragte Niko.
"Niko, lass endlich deine Paranoia aus dem Spiel!", zischte Squall.
"Natürlich... hab ich damit... nix zu tun!", keuchte Kitisa.
"Und was ist, wenn er nun doch was damit zu tun hat? Was ist, wenn das alles unser kleines Spiel ist. Oh, nein Cecil, wir sind aufgeflogen!", meinte der General mit einer gespielt besorgten Stimme.
"Halts Maul, Caris!", zischte Niko.
"Ich stehe auf denkende Menschen, Niko. Du weißt doch, dass wir in einer Welt leben, wo man nie weiß, wer auf welcher Seite steht", schmunzelte Caris.
Niko blieb stumm. Caris blickte abwechselnd von Squall zu Niko.
"Ihr seid schon so ein Duo! Ihr könnt euch nicht besonders leiden, oder Squall? Schau nicht so, natürlich kenne ich deinen Namen, wer kennt ihn nicht? Wie gefällt dir das, wie die Gruppe, in der du deine Kindheit verbracht hast, die aus Edeas Idealismus geboren wurde von so einem Arschloch und Bürokraten wie Niko entstellt wird. Wo ist die Reinheit der Vergangenheit, wenn alles in der Hand dieser Null dort liegt? Denkst du, Niko könnte eines Tages die SEEDs wieder zu der Söldnertruppe machen, zu der sie schon einmal geworden sind? Du hast damals den geldgierigen Master Norg selbst beseitigt und nun ist ein neuer Norg hier und will alles übernehmen? Kann man so einem Menschen trauen? Wem kann man überhaupt noch trauen?", fragte Caris.
Squall blieb stumm.
"Wollt ihr in Ruhe drüber nachdenken? Dann kann ich ja gehen", schmunzelte Caris.
"Sie bleiben hier!", fauchte Niko.
"Wie du willst. Aber ihr solltet euch langsam entscheiden, was ihr wollt, denn allzu lange werden eure Freunde da draußen nicht mehr gegen meine Truppen mithalten können. Und wenn ihr erstmal von Soldaten umzingelt seid, was macht ihr dann? Schade, ich hatte mir das Finale wirklich spannender vorgestellt!"
"Lassen Sie Kitisa gehen und wir versprechen Ihnen Spannung pur!", knurrte Squall.
"Überlass die Verhandlungen mir! Du übergehst meine Autorität und machst mich hier lächerlich!", brüllte Niko.
"Das machst du gerade selbst!", gab Squall zurück.
"Allzu professionell handelt aber gerade keiner von euch beiden. Nervös?", fragte der General freundlich.
"Ich sage nur, dass diese emotionale Tour...JETZT!", schrie Niko, stieß Goldwarth weg und rannte auf Caris zu.
Squall zückte sein Schwert.
"Hey, ich sagte NICHT BEWEGEN!", brüllte der General und schoss auf die Bühnenbeleuchtungen oberhalb von Squall und Niko.
Nachdem er das dritte Mal abdrückte, konnte man nur noch ein Klicken hören. Keine Munition mehr. Sofort wollte er zur seiner zweiten Waffe greifen, doch im selben Moment erlebte er eine böse Überraschung. Hinter dem Vorhang sprang plötzlich Cifer hervor und zertrümmerte mit einem gezielten Schlag seiner Gunblade die Pistole, bevor Caris sie ziehen konnte. Ohne zu zögern rannte Niko auf ihm mit nach vorne gestreckter Waffe zu. Der außer dem Gleichgewicht geratene Caris schubste Cecil zur Seite und wankte ein paar Schritte rückwärts, bis er über ein Kabel stolperte und auf den Hintern fiel. Squall, Cifer und Niko berührten mit ihren Klingen den Hals des am Boden sitzenden feindlichen Truppenführers.
"Das Spiel ist aus, General! Zeit, ihre Herrschaft hier zu beenden!", knurrte Niko.
"Sieg oder nicht! Ihr müsst doch wissen, dass ihr dem Tode geweiht seid, oder?", flüsterte Caris.
"Sie haben keine Karten mehr in der Hand. Geben Sie auf!", brüllte Niko.
"Da bin ich anderer Meinung. Goldwarth", sagte der General.
Die Drei drehten sich um und sahen den Adjutanten von Caris mit einer kleinen Fernbedienung in der Hand hinter ihnen stehen.
"Ich rate euch zu kapitulieren! Ansonsten sehe ich mich gezwungen sämtliche Gebäude Timbers in einem Feuerwerk enden zu lassen. Ein kleiner Knopfdruck hier genügt...", sagte der Adjutant lächelnd.
Während Squall und Cifer überrascht dastanden, ballte Niko zornig seine Faust. Der General stand auf und klopfte sich Staub von seiner Uniform.
"Wie schnell sich doch Situationen ändern können. Zeit für eine kleine Diskussion! Wir könnten jetzt eine große Schlacht kämpfen. Zwar werden meine Truppen bald hier oben sein, doch wenn ihr SEEDs einen Vollangriff startet, bevor wir hier uns eingerichtet haben, könnte das nicht gut für uns ausgehen. Am Ende dieses Tages gäbe es sehr viele Todesopfer, unter anderem der Ratsvorstand, ihr und vermutlich auch ich. Ich denke, das will keiner von uns, weswegen ich einen Handel vorschlage", sagte Caris.
"Wir sind ganz Ohr", sprach Niko.
"Ausgezeichnet. Was haltet ihr davon, wenn wir Kitisa und euch laufen lassen würden, den Kampf hier abbrechen und die Hälfte der belagerten Stadt wieder zurückgeben?"
"Wo ist der Haken?"
"Der Haken ist, dass ihr eure Mission dann nur zur Hälfte erfüllt hättet, während unsere Invasion auch nur zur Hälfte erfolgreich war. Der Vorteil läge darin, dass wir den Kampf ein anderes Mal fortsetzen könnten, wo dann beide Seiten schon besser vorbereitet sind."
Es herrschte kurze Stille.
"Überlegt und entscheidet. Unentschieden oder Risiko?"
Niko schwieg für ein paar Sekunden. Er sah, wie Cecil Kitisa erschöpft am Boden lag. Schließlich entschied er sich:
"... ... ... Unentschieden!"
Squall atmete tief durch. Es war herrlich, wieder frische Luft zu riechen. Das Fernsehstudio sah von außen ganz normal aus, wenn man bedachte, wie übel es drinnen zugerichtet wurde. Caris bestand darauf, das Regierungsgebäude und den Fernsehsender in der Altstadt, sowie den nördlichen, westlichen und südlichen Stadtteil für sich zu beanspruchen. Die Straße vor dem Studio war ein einziges Schlachtfeld. Inmitten der bewaffneten, unbewaffneten, verwundeten und toten Soldaten standen Shou und die anderen acht SEEDs, die auf Squall, Cifer, Niko und Cecil warteten. Die vier gesellten sich zu ihnen.
"Eure Freunde warten im östlichen Stadtteil auf euch. Das war der einzige Ort, an dem sie eindringen konnten. Wir halten natürlich unser Versprechen und werden diesen Sektor, sowie die restliche Altstadt wieder zurückgeben", meinte Caris.
"Sie werden damit nicht durchkommen. Es dauert höchstens..."
"Nehmt diesen Wagen hier und verlasst das Gebiet. Wir geben euch maximal zehn Minuten, danach bekommen unsere Leute wieder die Erlaubnis euch zu eliminieren, also macht dass ihr hier weg kommt. Ach ja und die überlebenden Soldaten gehören uns, also gebt sie dem General zurück", unterbrach Goldwarth Shous Drohung. Squall, Cecil und der Rest stiegen in den Bus ein und verließen die Altstadt. Squall konnte von weitem erkennen, wie Caris' Panzer sich auf den Weg zum Regierungsgebäude machte...
Nach einer kurzen Fahrt erreichten die zwölf den östlichen Bahnhof, über dem die Ragnarok angelegt hatte. Hunderte von Leuten warteten dort bereits auf ihre Ankunft. Ganz vorne konnte Squall Xell, Quistis und Rinoa erkennen, die schon sehnsüchtig auf ihn wartete. Kaum kam der Wagen zum Stillstand, wollten sich die ersten Reporter, die nur mit Gewalt ferngehalten werden konnten, auf die Insassen stürzen. Die Tür öffnete sich und Kitisa, völlig am Ende seiner Kräfte, stieg aus. Zwei Leibwächter und eine dritte Person rannten auf ihn zu und nahmen ihn mit. Squall konnte trotz seiner Müdigkeit den dritten erkennen. Es war Irvine, der ihm zuzwinkerte und anschließend zusammen mit dem Ratsvorstand und seinen Bodyguards in einer gepanzerten Flugmaschine einstieg. Die SEEDs, Squall und Cifer verließen den Wagen und ernteten großen Applaus von allen Anwesenden.
"Wie peinlich, in der Mitte von diesen Haufen SEEDs zu stehen", meinte Cifer. Squall grinste und sah anschließend, wie ihm jemand entgegenlief. Rinoa sprang in Squalls Arme und umarmte ihn fest. Sie hielt ihn so fest, dass er das spürte, wie das Funkgerät in seiner Jackentasche seine Rippen nach innen drückten.
"Nie wieder, Squall..."
"Was?..."
"Diese Machtlosigkeit... Du bist dabei, aber kannst nichts unternehmen."
Rinoa holte Squalls Funkgerät aus seiner Jacke und warf es zu Boden. Er sah in Rinoas Augen. Eine einzige Träne rann ihre Augen hinunter. Rinoa lächelte leise. Dann drehte sie sich um und schritt durch die Menge von Reportern und Leibwächtern hinfort. Und Squall folgte ihr. Es war nicht alles beim alten. Es würde nie wieder alles beim alten sein. Nie. Dennoch glaubte er, dass sich die Stimmung gebessert hat. Vielleicht war dies der positive Effekt des Tages. Oder wie der Politiker Cecil Kitisa sagen würde: "Ein Schritt in die richtige Richtung!"
Squall und Rinoa schauten aus dem Fenster der Ragnarok. Sie befanden sich wieder auf dem Rückweg zum Balamb Garden. Während er neben Rinoa stand, dachte er über die Dinge nach, die er von dem Weißen SEED erfahren hatte. Die SEEDs... Niko...
"Was hast du?", fragte ihn Rinoa.
"Nichts... Ich erzähl's dir, wenn wir nicht so viel... SEEDs um uns haben..."
Das würde aber noch dauern, dachte sich Squall.
"Wir brauchen sofort eine taktische Aufstellung", sagte Niko herrisch, während er die Treppe der Ragnarok hinunterstieg und mit Quistis über erste Gegenschritte sprach.
"Langsam Niko, wir sind nicht alles Amateure. Informationen werden bereits gesammelt", meinte Quistis.
"Gut. Ich werde mich schnell duschen und dann komme ich zum Kommandoraum!", sprach Niko.
"Niko!"
Niko blieb stehen und ging zu Quistis zurück.
"Es gibt eine Anordnung vom Rat der Weißen SEEDs bezüglich deiner Person", meinte Quistis.
Squall wurde hellhörig. Wollten die Weißen SEEDs Niko absetzen?
"Die Anordnung ist, dass du befördert wirst. Du gehörst ab sofort zum leitenden Personal der taktischen Abteilung. Dein Aufgabengebiet umfasst neben der Caris Krise jedoch hauptsächlich das Aufspüren und Finden der 'Lacrima des Alphega'. Es wird gewünscht, dass du ein Team zusammenstellst und morgen früh deine ersten Strategien präsentierst. Herzlichen Glückwunsch. Dir steht anscheinend eine große Karriere bevor", sagte Quistis in einem versuchten neutralen Ton.
Squall traute seinen Ohren nicht. Warum setzten die weißen SEEDs Niko auf die Jagd nach den Artefakten an?
"Danke", sagte Niko anscheinend ungerührt, schüttelte Quistis Hand und war innerhalb weniger Minuten verschwunden.
Squall hatte sich erschöpft auf einer Bank in der Haupthalle niedergelassen und beobachtete finster Niko, der bereits voll in seinem neuen Posten aufging. Rinoa setzte sich neben Squall.
"Was bedrückt dich die ganze Zeit?", wollte sie wissen.
"Es ist dieser Niko. Ich trau diesen Typen nicht. Sein Bruder war Niida. Er selbst ist ein arrogantes Schwein und dennoch scheint er der große Held zu sein..."
"Du bist heute verdächtig distanziert. Was hast du so plötzlich? Ist es Niko? Oder stört dich die Sache, dass du heute unfreiwillig in dieser Mission verwickelt wurdest?"
"Ich weiß nicht... Seit ich diesen Weißen SEED traf, hab ich keine Ahnung mehr, wem ich noch vertrauen soll. Dieses Chaos in Galbadia und Timber... Die dubiosen Schwarzen SEEDs..."
"Ich kann mir denken, worauf du hinaus willst. Aber Niko ist NICHT Hyne. Er kämpft auf unserer Seite und Edea vertraut ihm. Außerdem werden wir in dem Sinne nicht allzuviel mit ihm zu tun haben, oder?"
Squall atmete tief ein und aus, um seine Gedanken zu lockern. Rinoa lachte.
"Da, siehst du? Wenn das nicht der Beweis ist, dass Niko kein Herz hat, dann weiß ich auch nicht weiter", sagte Rinoa und zeigte auf Niko, der zur Squalls großem Entsetzen eine junge Frau liebevoll umarmte. Squall konnte seinen Augen nicht trauen, als er die Frau erkannte. Es war Selphie!
Nach ein paar zärtlichen Küssen verließen die beiden die Halle. Squall sah ihnen nach, bis sie verschwunden waren. Er blickte zu Rinoa.
"Menschen sind selten das, wofür man sie hält. Das weiß ich aus eigener Erfahrung", grinste Rinoa.
"Das sagst gerade du", entgegnete Squall aber auch er lächelte. Rinoa wurde ernst.
"Gib mir einfach Zeit."
Rinoa ging langsam den Gang hinunter, der sie zur Mensa bringen sollte.
Rinoa, Cifer und seine anderen Freunde befanden sich bereits auf der Brücke, während Squall Niko in seinem Quartier aufsuchte. Er klopfte an seiner Tür an. Nichts. Unter der Tür schien Licht hindurch, also öffnete er langsam die Tür. Niko saß an seinem Schreibtisch und schrieb gerade etwas in ein großes Buch nieder. Anscheinend arbeitete er bereits an seinem Bericht für das Komitee. Ohne sich umzudrehen wusste er, dass Squall hinter ihm stand.
"Was!?", fragte er unfreundlich.
"Darf ich nicht mal kurz vorbeischauen und 'Hallo' sagen?", fragte Squall kühl.
"Nein. Ich kann sinnlosen Smalltalk nicht ausstehen. Wenn es das gewesen ist, dann geh!"
"Ich wusste, dass du so etwas sagen würdest."
Niko bemühte sich Squall zu ignorieren.
"Ich finde es seltsam, dass gerade du für die Artefakt-Suche ausgewählt wurdest. Dein von Hyne kontrollierter Bruder hat sich seltsamerweise vor dir auch privat sehr für diese Dinger interessiert."
"Ich weiß, wie sehr du den Moment herbeisehnst, wo du mich als Verräter entlarven wirst. Aber ich bedaure, das wird nicht passieren. Ich bin nicht wie mein Bruder. Mich kontrolliert niemand, dafür besitze ich zuviel mentale Stärke", sprach Niko und schrieb weiter.
"Vielleicht hast du Recht, aber ich trau dir trotzdem nicht. Die Qualitäten eines SEEDs enden bei deinen Fähigkeiten. Aber auch Edea sagt, dass es nicht das ist, was einen SEED ausmacht."
"Schrecklich. Ein Möchtegern will mich über die Tugenden eines SEEDs aufklären."
Niko stand auf.
"Du siehst wohl nicht, dass du der einzige hier bist, der sich verrückt macht. Denkst du etwa, ich wäre eine seelenlose Maschine? Glaubst du, wir wissen hier nicht, was wir tun? Da irrst du dich gewaltig. Ich habe auch ein Herz und das kann Selphie bestätigen. Der, der hier blind herumirrt, das bist du!"
"Soso. Wie lange hast du Selphie abgerichtet, damit sie bereit war zu behaupten, dass du ein Herz hättest?", konterte Squall frech.
"Zu solch abartigen Bemerkungen gebe ich keine Antwort. Verlass gefälligst diesen Raum!"
"Ich werde dich im Auge behalten, Niko...", sprach Squall und schloss die Tür von außen.
Caris stand mit seinen treuen Gehilfen vor dem Fenster und betrachtete vom Konferenzsaal des Rathauses das nächtliche Timber. Die Vorbereitungen auf den Gegenschlag hatten bereits begonnen. Der Himmel war voll von galbadianischen und estharianischen Spionage- und Kampfflugzeugen. Rund um Timber waren zahlreiche Barrikaden und Lager errichtet worden. Zwischen den Fronten standen meterhohe Stacheldrahtzäune und man konnte Timber vor lauter Militärfahrzeugen, Soldaten, Geschosse und Absperrungen nicht mehr erkennend.
"Sie werden versuchen, uns wieder zu vertreiben. Aber das wird niemals passieren", flüsterte Caris.
Caris zog aus seinem Mantel eine verstaubte Platte und schob sie in den Plattenspieler, der am Tisch stand. Es ertönte die Nationalhymne von Galbadia, die bei der Gründung des Rates Pollendina von einer neuen verdrängt wurde. Caris stellte sich wieder vor das Fenster und betrachtete weiterhin die Stadt.
"Solange Galbadia noch steht, werden sie uns niemals besiegen können", sprach er stolz.
"Nein, das werden sie nicht...", antwortete ein Mann, der neben dem General stand. Es war Zed!
Caris setzte sich und füllte sein Glas mit Wein. Er hörte aufmerksam der Musik zu, die der Plattenspieler nuschelte. Zed und die anderen Männer verließen den Raum. Caris war alleine. Tränen bildeten sich in General Caris' Augen.
"Ich tue doch das Richtige, oder?", fragte er die Dunkelheit.
Auf schüttelte ihn eine Art Krampf durch und er griff sich mit zusammengekniffen Augen an der Brust.
Er öffnete mit einer Hand die Schublade und holte ein verschlossenes Glas raus. Auf dem Etikett stand 'Glykosid'. Vorsichtig öffnete er es und nahm zwei Tabletten raus, die er anschließend runterwürgte. Dann schloss er langsam den Vorhang. Und bis auf ein gelegentliches Wimmern konnten die Wachen vor der Tür nichts mehr hören und wenn sie kurz ihre Pflicht vernachlässigten und durch das Schlüsselloch hinein schauten, sahen sie nichts, nur die absolute Dunkelheit.
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