Wer
Rinoa ursprünglich sein sollte
Diese Theorie ist ganz anders als die bisherigen und v.a. mit der
Rinoa-Artemisa-Theorie in keinster Weise zu vergleichen. Hier geht
es nicht um die Interpretation dessen, was FFVIII aussagt, sondern
um die Rekonstruktion des ursprünglichen Skriptes für das Spiel. Der
Kern dieser Spekulationen heißt: Waren Rinoa und Selphie eine Person?
Woher kommt diese Behauptung?
Alle Aussagen zum Urkonzept von FFVIII, die hier getroffen werden,
beziehen sich auf Informationen zum Spiel, die Square vor dem Release
von FFVIII am 11. 02. 1999 in Japan (09. 09. 1999 (USA) bzw. 27. 10.
1999 (EU)) veröffentlicht hat.
Im Mittelpunkt steht hierbei der sogenannte „Escape from Dollet"-Trailer.
Dieser ist auf der „Squaresoft Collector’s CD 1998“ enthalten, die
in den USA dem Cinematic-RPG „Parasite Eve“ beigelegt wurde. In Europa
umfasst die Platinum-Verion von FFVII eine Demo-CD von FFVIII, die
diesen Trailer auch enthält (zumindest die Video-Spur). Allerdings
ist er hier mit der PlayStation nicht anwählbar. Um ihn zu sehen,
benötigt es einer speziellen Vorgehensweise am PC, oder man lädt ihn
sich einfach auf FF-Fansites herunter (z.B. auf fitforfinalfantasy.com)
Jedenfalls zeigt dieser Trailer die Flucht von Dollet, hat aber folgende
Unterschiede zur releasten Version von FFVIII:
1. Die Charaktere tragen nicht ihre SEED-Uniformen, sondern ihre normale
Kleidung.
2. Auf dem Geschützturm, von dem aus der Kampfroboter X-ATM092 in
der fertigen Version von Quistis eliminiert wird, ist ein unbekannter
SEED.
3. Rinoa nimmt die Rolle im Trailer ein, die später Selphie haben
sollte: Sie rennt neben Xell vor Squall zum SEED-Boot, und dreht sich
kurz davor um, um nach Squall zu blicken.
4. Außerdem zeigen weitere pre-releaste Videosequenzen und Bilder
das Trio Squall, Xell und Rinoa in Dollet. Die Perspektiven zu ihren
Gesprächen (leider in japanisch) sind identisch mit denen bei der
SEED-Prüfung im veröffentlichten Spiel. Nur dass hier das Trio aus
Squall, Xell und Cifer besteht.
Welche Konsequenzen hätten
diese Unterschiede mit sich gebracht?
Der wesentliche Aspekt ist, ob Rinoa und Selphie eine Person sein
sollten. Dies bedeutet, dass es Selphie nicht gegeben hätte, sondern
nur Rinoa. Ihre Rolle im Spiel hätte somit auch einige Elemente von
Selphies Lebenslauf enthalten. Sicherlich stand eines von vornherein
fest: Rinoa sollte diejenige sein, die Squalls Leben verändert. Die
Tanzszene war somit mit größter Bestimmtheit seit jeher für Rinoa
entworfen.
Die Dollet-Szene ist nun der Dreh- und Angelpunkt, an dem man spekulieren
kann, wie das Urkonzept aussah. Die Tatsache, dass die Charaktere
keine Uniformen trugen, lässt die Vermutung aufkommen, dass diese
Szene keine SEED-Prüfung sein sollte. Sie wäre somit eine ganz normale
Szene, wohl ein normaler Einsatz der SEEDs gewesen. Ohnehin ist es
doch verwunderlich, die Schüler des Gardens für eine schlichte Prüfung
in eine Schlacht solchen Ausmaßes zuschicken. Cid und Edea, den Gründern
des Balamb-Gardens und Vertreter einer humanistischen Weltanschauung
und Erziehung sieht solch etwas auch nicht ähnlich. Somit könnte die
SEED-Prüfung in Dollet das Ergebnis einer kurzfristigen Umstellung
des Konzeptes sein. Doch warum sollte man etwas am Konzept ändern?
Um diese Frage zu klären ist es sinnvoll, den wichtigsten storytechnischen
Aspekt der SEED-Prüfung näher zu untersuchen: Alle für das Spiel wichtige
Personen bestehen die Prüfung, nur nicht Cifer Almasy. Hiermit wird
Cifer in seinem Ehrgefühl so erniedrigt, dass er einen guten Grund
hat, die Seite zu wechseln und zukünftig für Edea bzw. Artemisia zu
kämpfen. Ohne diese Frustration wäre dieser Schritt nicht so leicht
nachvollziehbar gewesen. Vielleicht eine Schwäche des Urkonzeptes,
die hiermit ausgebessert wurde. Gerade durch das Gewicht, das die
SEED-Prüfung am Anfang des Spiels einnimmt, wird dieser Aspekt somit
besonders betont.
Wenn man nun die Dollet-Szene als einen normalen Einsatz der SEEDs
betrachtet (Squall und die anderen sind somit schon SEEDs), so ging
es hier wohl darum, mit einem Team von SEEDs den galbadinischen Angriff
abzuwehren. Dieses Team bestünde offensichtlich aus Squall, Xell und
Rinoa. Wenn dies nun ein SEED-Einsatz wäre, so könnte es durchaus
sein, dass auch Rinoa ursprünglich ein SEED sein sollte. Hiermit wäre
man bei der Rolle, die im fertiggestellten Spiel Selphie inne hat.
Sie ist ein SEED, die von einem anderen Garden, dem Trabia-Garden,
zum Balamb-Garden wechselt. Dass für diesen Wechsel des Gardens Rinoa
geplant gewesen sein könnte, lässt sich mit Selphies erster Szene
im Spiel belegen. Sie ist wie für Rinoa konzipiert: Squall kommt aus
dem Klassenzimmer heraus und wird von Selphie/Rinoa beinahe umgerannt.
Solch ein tollpatschiges Verhalten ist mehr für Rinoa typisch. Außerdem
wäre es ein wunderbarer Startpunkt für die Beziehung von Rinoa und
Squall gewesen: Zufällig rennen sie ineinander und Squall kann ihr
entweder (mit seiner üblichen Begeisterung) den Garden zeigen oder
sie mit einem „......“ stehen lassen. Jedenfalls ist er eine der ersten
Personen, die Rinoa im Garden kennt. Dies macht auch Sinn für die
folgende Ballszene: Unter Annahme der vorherigen Begegnung macht Rinoas
Gestik und Mimik Squall gegenüber mehr Sinn. Er ist nun kein Fremder
mehr, sondern jemand, den sie schon zumindest flüchtig kennt. Deshalb
würde sie ihn auch zum Tanz auffordern. Rinoas spätere Begründung
für die Aufforderung zum Tanz, die sie im fertigen Spiel bringt, wirkt
hier hingegen richtig fadenscheinig: Sie suche Cid und habe Squall
nur aufgefordert, da sie ja schlecht alleine auf die Tanzfläche konnte.
Suchte sie Cid, oder wollte sie tanzen?
Somit wäre Rinoa also nun der SEED, der von einem andren Garden kam,
Squall als eine der ersten Personen im Balamb-Garden traf, ihn am
Ball zum Tanz aufforderte und später einen Einsatz mit ihm und Xell
in Dollet hatte.
Dass Quistis' Rolle in Dollet auf dem Trailer nur von einem unbekannten
SEED eingenommen wird, wird hier nicht weiter thematisiert. Dieser
Einsatz umfasste eben nur die drei. Quistis käme bei einem späteren
Einsatz hinzu. Man könnte auch in Frage stellen, ob Quistis ursprünglich
als Ausbilderin vorgesehen war, da ihr Altersunterschied zu Squall
nur gering ist...
Doch aus welchem Grund sollte ein Abschlussball stattfinden, wenn
es keine SEED-Prüfung gäbe? Es muss nicht sein, dass die SEED-Prüfung
überhaupt nicht vorgesehen war. Schließlich legt Squall ja auch vor
der eigentlichen Hauptprüfung noch eine Zulassungsvoraussetzung ab:
Das Besiegen der Guardian Force Ifrit in der Feuergrotte. Fällt nun
die Hauptprüfung in Dollet weg, so könnte die SEED-Prüfung immer noch
aus individuellen Einzelprüfungen bestehen, wie bei Squall in der
Feuergrotte. Somit gäbe es doch einen Anlass für den Abschlussball.
Squall und seine Mitstreiter Xell, Irvine, Quistis und Selphie, aber
nicht Rinoa wuchsen in der releasten Version in Edeas Waisenhaus auf.
Die Frage ist nun, würde Rinoa hier Selphies Rolle einnehmen, oder
wäre sie auch ursprünglich in Deling-City aufgewachsen. Hierüber lässt
sich nur spekulieren. Es sind zwei verschiedene Positionen denkbar:
Zum einen wäre es möglich, dass Rinoa im Waisenhaus bei den anderen
aufgewachsen wäre. Doch richtig Sinn machen würde es nur, wenn Rinoa
nun auch noch die Rolle von Ellione einnehmen würde. Sie wäre dann
die Person, die Squall ein ganzes Leben lang sucht. Dass auch diese
Rinoa-Ellione-Theorie nicht unbegründet ist, wird später unter dem
Punkt „Andere Meinungen“ ausgeführt. Das Problem, das dieser Ansatz
nämlich mit sich bringt, ist dass er den kompletten Storyabschnitt
mit Elliones telepatischen Fähigkeiten, der Gedankenmanipulation,
Squall in die Lage des jüngeren Laguna zu versetzten, kippen würde.
Wie sähe dann die Squall-Laguna-Beziehung aus?
Die andere Erklärung für Rinoas Kindheit bleibt näher an der releasten
Version. Rinoa wäre demnach in Deling-City aufgewachsen ist, als Tochter
von Major bzw. später Oberst Carway und Julia Heartilly. Carway, einem
Militär ist es durchaus zuzutrauen, seine Tochter in einen Garden
zu geben, wo sie eine – wie er beabsichtigen könnte – militärische
Ausbildung erhält. Insbesondere nach dem tödlichen Autounfall ihrer
Mutter könnte Rinoa in einen Garden gekommen sein. Hierbei wäre natürlich
der Galbadia-Garden naheliegend. Auch ist es denkbar, dass Rinoa dort
andere Werte als militärische Disziplin und Macht vermittelt bekam,
wie z.B. Moral und Mitmenschlichkeit. Somit ließen sich auch Konflikte
zu ihrem Vater begründen; diese müssen aber nicht vorhanden gewesen
sein.
Als Schülerin des Galbadia-Gardens müsste Rinoa schließlich auch Irvine
kennen. Dies wäre auch möglich. Allerdings könnte es sich hierbei
auf ein flüchtiges Kennen beschränken. Bei der großen Anzahl an Schülern
im Garden ist es nicht zwangsweise, dass man jeden sehr gut kennt.
Außerdem hatte sie auch in FFVIII kein besonders ausgeprägtes Verhältnis
zu Irvine, seit dieser sich im Team befand. Hatten die beiden eigentlich
jemals einen bedeutsamen Wortwechsel?
Rinoa wäre also nun in Deling-City aufgewachsen, in ihrer Kindheit
in den Galbadia-Garden gekommen, hätte mit 17 in den Balamb-Garden
gewechselt, dort Squall kennen gelernt und wäre als SEED zukünftig
mit ihm dem selben Team zugeteilt worden.
Was fiele somit für das Urkonzept
weg?
Ganz klar, Selphie. Dies wird auch durch die Tatsache unterstützt,
dass Selphie im Spiel keine Szene hat, in der sie sich wirklich dem
Spieler offenbart. Im Vergleich dazu: Irvine kommen Selbstzweifel,
Quistis liebt Squall, Xell ist ausgeflippt. Man mag nun anführen,
Selphie trete durch ihr kindliches Verhalten (z.B. Wööööörter deeeeehnen)
in Vorschein, doch das sagt ja auch nicht all zu viel über sie aus.
Außerdem ist dies in der deutschsprachigen Version viel ausgeprägter
– man mag sagen übertriebener – als in der englischen. Es kommt in
dieser zwar vor, dass gewisse Wörter gedehnt werden, allerdings sind
dies hauptsächlich nur Ausrufe, wie z.B. "Heeey". Im Übrigen enthält
Selphies Lebenslauf keine überzeugenden Grund, warum sie nach gemeinsamer
Zeit im Waisenhaus als einzige in den Trabia-Garden kam. Somit könnte
es durchaus sein, dass Selphie erst nachträglich ins Spiel kam.
Ebenso könnte es mit dem Trabia-Garden gewesen sein. Auch er spielt
kaum eine Rolle in FFVIII. Als er auf CD2 erscheint, wird er sofort
zerstört und verschwindet somit gleich wieder. Es wäre also auch möglich,
dass die Raketen nur auf ein Ziel, den Balamb-Garden gerichtet worden
wären.
Außerdem wäre die Anführerin der Waleulen ein bedeutungsloser Nebencharakter
und es käme bei der Aktion mit den Zügen in Timber nur auf die Begegnung
mit dem Deling-Klon an.
Je nach Auffassung von Rinoas Kindheit fiele eventuell auch noch Ellione
weg. (vgl. "Weitere Überlegungen: Rinoa-Ellione-Theorie")
Was spricht dagegen?
Nun, es bleibt sicherlich eine Spekulation, wenn man das geringe Material
betrachtet, auf dem diese Theorie beruht. Es könnte genau so sein,
dass die Dollet-Szene für eine ganz andere Stelle im Spiel vorgesehen
war, an der nur Squall, Xell und Rinoa beteiligt waren. Selphie wäre
dann mit Xell und Irivine unterwegs und würde selbstverständlich existieren.
Weitere Überlegungen
Zunächst ein Aspekt, der nur eine kleine Veränderung der obigen Theorie
betrifft. Es könnte alles so geplant gewesen sein, wie beschrieben
und Selphie könnte doch existieren! Sie könnte ja als Anführerin der
Waldeulen nach der Dollet-Szene und dem Abschlussball in das Spiel
kommen.
Nun zu einer Meinung, die schon fast ihre eigene Theorie darstellt:
Die oben kurz erwähnte Rinoa-Ellione-Theorie:
Demnach würde Ellione nicht existieren, sondern ihre Rolle würde Rinoa
zufallen. Diese wäre dann im Waisenhaus bei den anderen aufgewachsen
und gleichzeitig die Person, die Squall ein ganzes Leben lang sucht.
Was spricht dafür? Nun, Ellione wird im fertigen Spiel ziemlich seltsam
in die Story eingeführt. Sie taucht in der ersten Spiel-Szene in der
Krankenstation plötzlich mit dem Satz "Squall, endlich sehen wir uns
wieder" auf. Hätte es Ellione ursprünglich nicht gegeben, dann wäre
dies vermutlich die Einführung von Rinoa gewesen oder man hätte diese
Szene ganz ausgelassen.
Auch für die Rinoa-Artemisia-Theorie ist dieser Punkt von Belang:
Rinoa ist eine Hexe, Ellione aber nur eine Adeptin, was in FFVIII
durchaus seltsam ist (die Bezeichnung "Adeptin" wurde erst in AT eingeführt;
in FFVIII spricht man von "Frauen mit der Kräfte einer Hexe"). Ellione
hatte die Kräfte einer Hexe, war aber selbst keine. Hat man sie nun
erst im späteren Konzept eingebaut, so hätte man sich hier darum gedrückt,
eine neue Hexe für das Spiel zu schaffen. Wenn Rinoa Artemisia ist
und Rinoa ursprünglich Elliones Fähigkeiten haben sollte, dann hätte
Artemisia keinen Grund gehabt, in der Gegenwart nach Ellione zu suchen.
Man schuf Ellione, damit Artemisia in der Gegenwart nicht nach ihrem
eigenen Ich (Rinoa) suchen muss, weil sie dessen Fähigkeiten ja selbst
besitzt.
Wie dann die Verbindungen zu Laguna stehen, ist wieder eine andere
Sache. Es wäre möglich, dass Carway nicht Rinoas Vater wäre sondern
irgendjemand unbekanntes. So gesehen änderte sich für die eigentliche
Story nicht besonders viel. Nach Julias Tod brachte Laguna Rinoa nach
Winhill. Vielleicht war ja auch er ihr Vater, aber für die Liebesbeziehung
in FF8 war es wichtig, dass er es nicht sein würde (oder vielleicht
fand man die Squall-Laguna-Theorie interessanter).
Weiterhin wäre es verständlicher gewesen, wenn man bei der Hexenjagd
von Esthar (wo man Adells Nachfolgerin finden wollte) richtige Hexen
gesucht hätte und keine Pseudos wie Ellione.
Mit dieser Theorie ist man nun endgültig im Bereich der Spekulation
angelangt. Trotzdem ein sehr interessanter Aspekt, insbesondere auch
aus der Perspektive von AT.
Schlusswort
Diese Urkonzept-Theorie ist nun für den Aussagegehalt von FFVIII nicht
so wichtig, aber dennoch ein interessanter Versuch, das ursprüngliche
Konzept von Sakaguchi und seinen Mitarbeitern zu rekonstruieren. Es
ist ein Versuch und wird auch immer ein Versuch bleiben, der außerdem
auf den Anfang des Spieles beschränkt bleibt.
Im Übrigen wird hierbei sehr deutlich, welch wichtiger Charakter Rinoa
ist, betrachtet man die Theorien, die sich um ihr ranken.
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